Und sie sagen der Koran reicht aus! (4/4)

Kategorien: Hadith und Sunna,Koran,Theologie & Auslegung

Gegenargumente der Sunnaanhänger

 

Im dritten Artikel sind wir der Frage nachgegangen ob Gott seine Befehlsgewalt teilt. Jetzt werden wir auf die Gegenargumente der Sunnaanhänger eingehen, die gerne aufgeführt werden, um die Sunna des Tirmidhi, des Bukhary, des Ibn Madscha, des al-Kulaini, des Abu Dawud etc. im Koran zu bestätigen:

 

33:21 Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild

 

Es wird gefragt, wie man diesem Beispiel folgen kann, ohne eine Quelle zu haben, in der beschrieben ist, wie sich der Gesandte verhielt. Dies wird im folgenden Artikel ausführlicher behandelt: Koranischer oder sunnitischer Mohammed.

Aber schauen wir uns mal den Vers genauer an und auch den gesamten Vers:

 

33:21 Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild, für einen jeden, der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes viel gedenkt.

 

Hier ist vom Gesandten die Rede, dessen einzige Pflicht die Verkündigung der Botschaft ist:

 

29:18 Und dem Gesandten obliegt nur die deutliche Übermittlung (der Botschaft).

16:35 Obliegt denn den Gesandten etwas anderes als die deutliche Übermittlung (der Botschaft)?

 

Dies kommt mehrfach im Koran vor und wird auch auf alle Gesandten ausgeweitet (16:35). Die Gesandten haben also nur die Botschaft zu übermitteln.

Eine der vorbildlichen Eigenschaften des Gesandten war es, dass er nur den Koran befolgte (7:203). Wenn wir seinem Vorbild folgen möchten, dann gilt für uns auch, dass wir nur die Botschaft (des Koran) ins eigene Leben übertragen und ebenso an unsere Mitmenschen übermitteln ohne eine Missionierung zu betreiben.

Wir müssen, wie schon früher erwähnt, uns auch daran erinnern, dass der Prophet nicht uneingeschränkt als positives Vorbild dient:

 

9:43 Gott verzeihe (es) dir! Warum hast du ihnen (denn gleich) Dispens gegeben, noch bevor du über diejenigen Klarheit bekommen hattest, die die Wahrheit sagten, und (bevor) du wusstest, wer die Lügner waren?

66:1 O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du da
trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen? Und Gott ist
Allvergebend und Barmherzig.

 

Im Koran wird der Charakter des Propheten an vielen Stellen umschrieben. Auch er war dem Glauben verpflichtet und hatte sich nur Gott zu unterwerfen. Der Prophet wird an mehreren Stellen ermahnt nicht seinen Neigungen nach zu handeln (2:120, 2:145, 4:135, usw.). Schließlich wäre eine menschliche Sunna, wie schon bereits erwähnt, nicht vollkommen wie Gottes Worte. Wir Menschen dürfen laut Koran keinen Unterschied unter den Gesandten machen (2:285), also können wir uns nicht auf einen einzigen beschränken und nur diesen als Vorbild nehmen. Wir haben laut Koran auch an Abraham ein schönes Vorbild (60:4), und offensichtlich wurde uns keine „Sunna Abrahams“ überliefert. Der Koran beschreibt die vorangegangenen Propheten in ihren Geschichten und genau da sind ihre Beispiele und Vorbildfunktionen zu finden:

 

12:3 Wir berichten dir die schönsten Geschichten dadurch, dass Wir dir diesen Koran (als Offenbarung) eingegeben haben, obgleich du zuvor wahrlich zu den Unachtsamen gehörtest.

12:111 Gewiss war in ihren Geschichten eine Lehre (ibret) für die Verständigen. …

 

Es gibt keinen Vers im Koran, wonach Aḥādīṯ Lehren beinhalten oder Geschichten, die man dort lesen soll. Des Weiteren führen traditionell eingestellte Muslime gerne folgenden Vers an:

 

59:7 … Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. …

 

Hier soll also die „Sunna“ gemeint sein, die über den Gesandten gesammelt sein soll. Doch wenn man den Kontext des Verses anschaut, wird schnell klar, dass hier was völlig anderes gemeint ist:

 

59:7 Was Gott Seinem Gesandten von den Bewohnern der Städte als kampflose Beute zugeteilt hat, das gehört Gott, Seinem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem Sohn des Weges. Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt. Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. Und seid Gottes achtsam. Gewiss, Gott ist hart im Bestrafen.

 


Hier geht es also um die Beuteaufteilung, die von Gott dem Gesandten zugeteilt wird. Es wird nicht pauschal mitgeteilt, dass wir das Verhalten des Propheten blindlings annehmen sollen. Das Prinzip der Nachahmung (at-taqlīd) in der traditionellen Betrachtungsweise hat hier keinen Bestand. Vielmehr ist es so, dass der Gesandte Gottes von Gott eben Anordnungen mittels Offenbarungen erhält, die er zu verkünden und zu übermitteln hat. Diesen Anordnungen müssen wir Folge leisten, und genau in dem Sinne ist dann der Ausdruck „Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch.“ zu verstehen. Genau so und nicht anders wird dann auch der Schlusssatz im Vers besonders bedeutsam, indem wieder auf Gott hingewiesen wird, dass wir Gottes achtsam sein sollen.

Einer der weiteren häufig angeführten Verse ist 16:44:

 

16:44 … Und Wir haben zu dir die Ermahnung hinab gesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen herabgesandt wurde, und auf dass sie nachdenken mögen.

 

Hiermit wird behauptet, dass der Ausdruck „damit du klar machst“ meine, der Gesandte brächte außerkoranische, zusätzliche eigene Erklärungen. Der Vers sei ein klarer Beweis dafür, dass wir das Verhalten und die Ansichten des Propheten zu befolgen hätten, um den Koran vollends zu verstehen. Wenn wir diesen Vers auf diese Weise auslegen, widerspricht dies den zuvor genannten Versen, die Gott die alleinige absolute Autorität zusprechen. Darüber hinaus lassen die Verse 75:19, 25:33 und 55:2 keinen anderen Schluss zu, als dass in erster Linie Gott den Koran erklärt. Er hat uns den Koran vollständig herabgesandt (6:114, 5:3). Sein Buch ist in Wahrheit und Weisheit vollkommen (6:115), und deshalb sollte der Prophet nur nach dem urteilen, was darin steht (5:44,48). Es herrscht Einigkeit, was diese Frage betrifft.

Schaut man 20 Verse weiter sehen wir in 16:64 folgendes stehen:

 

16:64 Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt, damit du ihnen das klar machst / erklärst, worüber sie uneinig gewesen sind, und als Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.

 

Dieser Vers macht eindeutig klar, dass die einzige Funktion des Propheten/Gesandten in Beziehung zum Koran nur die Übermittlung ist. Auch hier wird wie in 16:44 das Wort “Litubayyina” benutzt muss aber in der Bedeutung von “klar übermitten” verstanden werden, denn selbst wenn man mit “erklären” (im Sinne von ausführlich verständlich machen durch den Propheten) übersetzen will, ist dies nur mit dem Koran zu tun. 16:64 lässt nämlich nur eine Möglichkeit zu: “Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt…” und die einzige Bedingung ist dann die Erklärung oder die Klarmachung von dem “…worüber sie uneinig gewesen sind,..“ aber auch eben nur mit dem Koran, denn nur dazu wird er hinabgesandt. Würde man in diesem Vers mit “erklären” im Sinne von “zu verstehen machen” übersetzen, also dass der Prophet eigenmächtig den Koran auslegen muss damit der Koran verständlich wird, würde das dem Sinn des Verses widerprechen, den einzigen Grund warum der Koran hinabgesandt wurde. Folgender Vers unterstreicht diese These:

 

69:44-47 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte,  hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefaßt und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können.

 

Aus dem Koran wird ersichtlich, dass der Gesandte damals eine untergeordnete Rolle zu spielen hatte, sofern es die Auslegung und Interpretation der Schrift betraf. So steht in 10:15, dass er den Koran nicht aus eigenem Antrieb ändern dürfe. Wie oft wird der Prophet angehalten, nicht seinen Neigungen zu folgen und der Offenbarung allein zu folgen (2:120, 2:145, 5:48, 7:3, 10:15, 46:9, usw.) ? Des Weiteren wird aus 25:33 nochmals deutlich, dass er eine passive Rolle innehatte, da die besten Erläuterungen (aḥsan tafsīr) ihm als Offenbarungen weitergegeben wurden. Wir können also dem Propheten nacheifern, indem wir unsere religiösen Antworten nur in der Offenbarung suchen.

Das Verb „erklären“ oder auch „klarmachen“ ist sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch mehrdeutig. So wie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ keine ausführliche, in jeglicher Hinsicht ausformulierte Erklärung meint, sondern eine Erklärung im Sinne einer Verkündigung, verhält es sich ähnlich mit dem Aufruf an den Gesandten, den Koran zu „erklären“, ihn also nicht zu verbergen. Mit dieser „Erklärung“ wird die Grundidee einer zu vermittelnden Botschaft dargelegt, wie eben im Falle der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die selbst nochmals juristisch für jeden Staat neu ausgelegt werden. Wir belegen unsere Behauptung durch den Wortgebrauch im folgenden Vers:

 

3:187 Und als Gott die Verpflichtung derer entgegen nahm, die die Schrift erhielten: Ihr müsst sie den Leuten klarmachen (latubayyinunnahu) und dürft sie nicht (vor ihnen) verborgen halten (taktumūnahu)! …

 

Demnach ist es klar, dass dieser Vers zwei gegensätzliche Verben beinhaltet:

  • bayyana: proklamieren, sichtbar machen, zeigen, etc…
  • katama: verbergen, unsichtbar machen, verstecken, etc…

Wenn wir auf Arabisch „Dschā’anā albayān al-tāly“ (جاءنا البيان التالي) sagen, so bedeutet dies „Zu uns kam folgende Verkündigung.“ Hier wird al-bayān als „Verkündigung“ verstanden. Die Wurzel des Verbes bayyana besteht aus den drei Buchstaben bā-yā-nūn. In ihrem Kern sagt diese Wurzel aus, dass etwas „klar“ ist. Deshalb werden Wörter wie „Erklärung“ oder „Klarheit“ mit dieser Wurzel verbunden. Und der Koran selbst trägt den Beinamen „al-qur’ān al-mubīn“: der klare, offenkundige, nicht verborgene Koran. Die Wurzel wird auch für die Wiedergabe des Wortes „Beweis“ gebraucht, so z.B. in al-bayyinah. Weil die Angelegenheit so klar ist, wird diese Angelegenheit selbst als „Beweis“ angeführt. Dies alles zusammengefasst erklärt die Grundbedeutung der Wurzel, dass es sich um eine Klarheit handelt und nicht um eine Erläuterung (tafsīr). Dass Gott Seinen Koran „klar“ bezeichnet, wird auch insofern deutlich, wenn die Verse 54:17,22,32,40 berücksichtigt werden, die alle in ihrem Wortlaut dasselbe aussagen: der Koran wurde zum Nachdenken einfach gemacht, so gibt es jemanden, der dies bedenkt? (Siehe auch folgende Verse: 11:1, 12:111, 16:89, 41:3.)

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass der Koran kein verborgenes, unverständliches, irgendwelche Erklärungen benötigendes Buch ist, sondern im Gegenteil, das Buch Gottes wird als klar oder deutlich (mubīn), ausführlich detailliert (mufaṣṣal), leicht (yasīr) zu bedenken und vollständig (mutimm) bezeichnet. Fernab jeglicher Unvollkommenheit und Unklarheit, die durch den Gesandten weiter erklärt werden müsste! Ausführlichere Informationen hierzu finden Sie im Artikel: Widerlegung von weshalb ist es notwendig den Koran im historischen Kontext zu verstehen

Es sei nochmals betont, dass der Koran an unzähligen Stellen klar macht (es also mubīn wird), dass Gott allein die Entscheidung obliegt (42:10, 42:21).
Ein weiterer missdeuteter Vers ist 75:19, welcher gerne im unmittelbaren Kontext dahingehend interpretiert wird, dass hier nicht der Koran gemeint sei, sondern das Buch des Menschen, welches er am jüngsten Tag bekommt, in dem alle seine Taten verzeichnet sein werden. Folgender Vers widerlegt diese Ansicht:

 

17:14 Lies dein Buch! Du selbst genügst heute als Abrechner über dich.

 

Also bedarf es keiner Erklärung seitens Gottes, um „das Buch des Menschen“ am jüngsten Tag erklären zu müssen – er selbst genügt seiner selbst. Deshalb muss in 75:19 der Koran gemeint sein.
Es gibt noch einen Vers, mit welchem die Traditionalisten die Sunna sogar mit der Offenbarung gleichzusetzen:

 

53:1-3 Bei dem Stern, wenn er sinkt! Nicht in die Irre geht euer Gefährte, und auch nicht einem Irrtum ist er erlegen, und er redet nicht aus (eigener) Neigung.

 

Auf diese Wiedergabe dieses Verses und dem soeben erwähnten Argument, die Offenbarung und die Sunna seien auf gleicher Stufe, ist die Antwort einfach zu geben, indem lediglich der nächste Vers gelesen wird:

 

53:4 Es ist nur eine Offenbarung, die eingegeben wird.

 

Weitere Quellen neben Gottes Wort können nicht als Offenbarung gelten, weil dies mittelbar und unmittelbar durch Gott selbst klargemacht wird. Insofern kann auch die traditionell überlieferte Sitte, die dem Propheten untergejubelt wird, keine Offenbarung sein:

 

45:6 An welchen Hadith nach Gottes und Seinen Zeichen/Versen wollen sie denn glauben?

77:50, 7:185 An welchen Hadith nach diesem wollen sie denn glauben?

69:44-46 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte, hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefasst und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können.

 

In diesen Versen wie auch in anderen (z.B. 12:111) wird verdeutlicht, dass Gottes Hadith mit keinen anderen Ahadith gleichgestellt werden können, da letztere erfunden sind (iftira; 12:111). So sind außerkoranische Aussagen keine Offenbarungen und wie wir bereits an Beispielen gezeigt haben, war der Prophet nicht sündenfrei. Er beging mehrere Fehler. Eine Offenbarung hingegen ist fehlerfrei und makellos:

 

41:41-42: Diejenigen, die nicht an die Ermahnung glauben, wenn sie zu ihnen kommt (sind die Verlierenden). Und fürwahr, es ist ein ehrwürdiges Buch. Falschheit kann nicht daran herankommen, weder von vorn noch von hinten. Es ist eine Offenbarung von einem Allweisen, Preiswürdigen.

 

Dem Gesandten ist zu folgen und zu gehorchen, aber wie?

Nächster Punkt der Traditionalisten ist, dass man dem Gesandten folgen soll und dass durch die schriftliche Sunna, die erst 200 Jahre nach dem Ableben des Propheten verfasst wurde, die Möglichkeit hierfür gegeben sei. Fest steht: Wir müssen dem Gesandten folgen und ihm gehorchen, damit wir Gott gehorchen können (2:143, 3:20, 3:31, 24:54, 2:129, 3:164, 4:80 und 62:2). Nur wie folgen wir ihm? Das wird im Koran geklärt. Der Prophet folgte nämlich nur dem was ihm offenbart wurde (6:50, 6:106, 7:203, 10:15, 33:2, 46:9). Allgemein wird im Koran betont, dass das blinde Nachahmen der Vorväter, in unserem Falle unsere Vorväter wie Bukḫary oder Al-Shāfiʾī, uns eher davon abhalten wird, die Botschaft des Koran zu begreifen, um unsere Seelen durch ihn zu reformieren (2:170, 31:21, 6:155, 3:53). Doch der wichtigste Vers in dieser Angelegenheit ist der folgende, der sowohl an unseren Propheten als auch an uns gerichtet ist:

 

7:3 Folgt dem, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen (anderen) Schutzherren! Wie wenig ihr bedenkt!

 

Anzumerken ist hier noch weiter, dass nicht dem Gesandten die Rechtleitung obliegt, sondern Gott rechtleitet. Also selbst mit dem Wissen, wie sich der Prophet angeblich verhalten haben soll (die Quellen der Aḥādīṯ sind nicht zweifelsfrei), können wir nicht sicher sein, dass wir dadurch die Rechtleitung erhalten (2:272, 28:56). Hieraus wird klar, dass Gott im Gesandten seinen Vertreter sieht und das nur so die eben angeführten Verse einen logischen Sinn ergeben können. Weitere Antworten zu dieser Frage lassen sich unter Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten und unter Ist Vielfalt die Antwort? finden.

 

Schlussbemerkung

Wir konnten anhand eindeutiger Verse belegen, dass der Koran vollständig ist und diese Verse wiederum mit anderen Versen in Übereinstimmung stehen, in denen zum Beispiel dem Propheten aufgetragen wird, nur nach dem Koran zu urteilen. Wir haben auch belegt, dass Gott seine Befehlsgewalt mit niemandem teilt und dass das Urteil (bei religiösen Angelegenheiten) Gott allein gebührt. Manche andere Verse, die angeblich eine Sunna legitimieren sollen, wurden durch den Kontext innerhalb des Korans widerlegt.
Gerne wird von traditionell orientierten Muslimen widersprochen, dass die Gelehrten hier oder dort einen Konsens hätten. Erstens ist hier anzumerken, dass es diesen „Konsens“ nicht gibt. Zweitens wird im Koran die Tradition mehrfach kritisiert und es wird dazu ermahnt, sich auf die Wahrheit immer wieder neu einzustellen:

 

3:81 Und als Gott mit den Propheten ein Abkommen traf: Was immer Ich euch an Büchern und Weisheit gebracht habe -, und danach ist zu euch ein Gesandter gekommen, das bestätigend, was euch (bereits) vorliegt, an den müsst ihr ganz gewiss glauben und dem müsst ihr ganz gewiss helfen. Er sagte: „Erklärt ihr euch einverstanden und nehmt ihr unter dieser (Bedingung) Meine Bürde an?“ Sie sagten: „Wir erklären uns einverstanden.“ Er sagte: „So bezeugt es, und Ich gehöre mit euch zu den Zeugnis Ablegenden.“

 

Dazu siehe auch:

 

33:7 Und (gedenke,) als Wir von den Propheten ihr Versprechen abnahmen, und auch von dir und von Nuh, Ibrahim, Musa und ‚Isa, dem Sohn Maryams; Wir nahmen ihnen ein festes Versprechen ab,

2:170 Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Väter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? (Siehe auch: 5:104, 6:148, 7:70-71)

 

All dies war nur theologische Theorie, aber wie wirkt es sich auf Menschen aus, die schon immer mit der Sunna gelebt haben? Von ihnen wird hier sehr viel abverlangt. Nur zu gut verstehe ich eine Abwehrreaktion, um zu versuchen, eine Sunna zu legitimieren. Nicht wenige werden diesen Artikel eher aus persönlichen als aus inhaltlichen Gründen ablehnen. Man wird Ahadith heranziehen, um zu versuchen die genannten Verse zu entkräften. Nur dort setzt ja meine Argumentation an – darf man andere Quellen einsetzen oder nicht? Darauf wird dann oft mit Ahadith geantwortet um diese zu belegen – also ein klassischer Zirkelschluss. Wobei auch gerne verschwiegen wird, dass es auch Ahadith gibt, die ihre eigene Autorität rigoros verwerfen – also Ahadith als Quelle ausschließen – verbieten. Meine Frage, auf die ich in diesem Artikel eine Antwort zu finden versucht habe ist: Erlaubt letztendlich der Koran selbst andere Quellen überhaupt? Die Antwort darauf bleibt primär eine Einstellungssache bei den meisten Gläubigen. Doch bin ich fest davon überzeugt, dass wenn wir Muslime uns an den Koran alleine gehalten hätten, ihm seine Lebendigkeit gelassen hätten, uns viele Probleme und Sorgen erspart geblieben wären. Es bleibt die Frage für Sunnaanhänger ob Gottes Wort allein ausreicht oder ob man dem Propheten Autorität gibt außerhalb seiner Gesandtschaft, Gottes Befehlsgewalt also teilt.

 

17:111 Und sag: (Alles) Lob gehört Gott, Der Sich keine Kinder genommen hat, und es gibt weder einen Teilhaber an Seiner Herrschaft, noch benötigt Er einen Beschützer vor Demütigung. Und verherrliche Ihn doch als den Größten!

 

Ich möchte den Artikel mit folgendem Vers abschließen:

 

3:79 Es darf nicht sein, dass Gott einem Menschen die Schrift, Urteilsfähigkeit und Prophetie gibt und dieser daraufhin zu den (anderen) Menschen sagt: Wendet eure Verehrung mir zu, statt Gott! Seid vielmehr (damit zufrieden) Rabbiner (zu sein) indem ihr (eure Glaubensgenossen) die Schrift lehrt und (selber darin) forscht!

 

Es wurden schon viele Artikel zu diesem Themenkomplex auf dieser Seite geschrieben. Aus einigen davon wurde auch hier zitiert. Hier nochmals eine Liste zur vertieften Lektüre:

 

Koranischer oder sunnitischer Mohammed

Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten“?

Allein Gott lehrt und erklärt den Koran

Hadith – die Frage der Authentizität

Hadith – der Feind im Inneren

Traditionelle Islamologie

Vogel, dieser Vogel

Al-Shafiʾīs Koranexegese

Zuverlässigkeit der Ahadith

– Auszüge aus der Hadith-Literatur

– Das Buch: Koran, Hadith und Islam

– Das Buch: Die erfundene Religion und die Koranische Religion

– Der geschichtlich verfälschte historische Kontext des Koran

– 40 einfache Fragen für Sunniten