Thema des Monats Mai ’15: Naturkatastrophen als Strafe Gottes?

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Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Der Frieden sei mit euch liebe Leserinnen und liebe Leser, und Gottes Barmherzigkeit wie Sein Segen!

So Gott will werden wir immer wieder ein ausgewähltes Thema unseren Lesern zum Kommentieren anbieten. Damit möchten wir unseren Lesern die Möglichkeit geben, Einblicke zu erhalten, wie unterschiedlich die Menschen zum selben Thema denken können. Ähnlich einer Pinnwand, an der wir unsere Gedanken “pinnen” können. Einfach spontan antworten!

 

Thema des Monats Mai ’15: Naturkatastrophen als Strafe Gottes?

Eine Woche nach dem Erdbeben in Nepal stieg die Opferzahl auf mehr als 6600, die Zahl der Verletzten auf mehr als 14’000. Nebst der Tatsache, dass die Betroffenen Hilfe benötigen und sie so schnell wie möglich erhalten sollen (2:215), gibt es auch eine immer wiederkehrende Frage bezüglich solchen und anderen Naturkatastrophen, nämlich ob sie auch eine Strafe Gottes sein könnten für Menschen, die nicht „richtig an Ihn glauben“. In der Tat gibt es durchaus Koranstellen, die dafür sprechen könnten. Insbesondere Erdbeben werden besonders erwähnt, wird ihnen doch ein gesamtes Kapitel gewidmet:

 

99:1-8 Wenn die Erde heftig erbebt und die Erde ihre Massen hervorbringt. Und der Mensch sagte: Was ist mit ihr los? An jenem Tag berichtet sie von sich selbst, dass Dein Herr ihr dies offenbarte. An jenem Tag gehen die Leute zerstreut hervor, um ihre Werke gezeigt zu bekommen. Wer im Gewicht eines Teilchens Gutes tut, der wird es sehen. Und wer im Gewicht eines Teilchens Schlechtes tut, der wird es sehen.

 

Noch interessanter wird die Fragestellung, wenn man sich folgenden Vers in Erinnerung ruft:

 

30:41 Verderbnis ist gekommen über Land und Meer um dessentwillen, was die Hände der Menschen gewirkt, auf dass Er sie kosten lasse die (Früchte) so mancher ihrer Handlungen, damit sie umkehren. (Siehe auch 42:30-31)

 

Und so kommt es dann auch, dass mich immer wieder Aussagen erreichen, die der folgenden ähneln: „Ich habe mich letztens mit Nepal bisschen beschäftigt. Nepal lebt einen Polytheismus. Ich bin mir nicht sicher und bin auch nicht jemand, der gerne versucht alles über einen Kamm zu scheren, aber denkst du, dass das Erdbeben mit dem Polytheismus zu tun haben kann, auch wenn dies zu beweisen gar nicht möglich wäre? Natürlich wäre es absurd zu behaupten, dass monotheistische Länder frei von Erdbeben wären, doch beim Polytheismus geht es ja um eine grobe, unverzeihlich große Sünde (4:48) und solche Katastrophen sind vielleicht ein Zeichen.

Vorneweg: ich kann keinerlei Aussagen darüber tätigen, ob dies oder jenes von Gott oder nicht von Gott käme. Ich habe keinen Einblick ins Verborgene und so bleibt mir nichts anderes übrig als der Blick in den Koran, um eine möglichst gesamtheitliche Betrachtungsweise zu erhalten, die von vorneherein beschränkt sein muss. Persönlich widerstrebt es mir jedoch, irgendwelche lokalen Naturerscheinungen als Strafe über eine geographische Region zu sehen. Zwar wurden vergangene Völker laut Koran auch schon mittels Naturkatastrophen hinweggerafft (siehe z.B. Sura 54), jedoch sehe ich in solchen lokalen Erscheinungen auf der Welt wie in Nepal einen Unterschied. Sie sind für mich auf jeden Fall nicht zu verallgemeinern.

 

29:2-3 Meinen die Menschen, sie würden in Ruhe gelassen werden, wenn sie nur sagten: «Wir glauben», und sie würden nicht auf die Probe gestellt? Wir stellten doch die auf die Probe, die vor ihnen waren. Also wird Gott gewiss die kenntlich machen, die wahrhaftig sind, und gewiss wird Er die Lügner bezeichnen.

 

So sehen wir, dass es auch Gläubige gleichermaßen treffen kann, gerade damit sie geprüft werden in ihrer Geduld (siehe auch 2:155f.). Ich persönlich sehe in solchen Gegebenheiten nicht nur die bloße Bestrafung Gottes. Mit dem Glauben an Gott ist für mich auch unzertrennbar der Einsatz der Vernunft verbunden: Gott erschuf uns mit Anlagen wie Augen, Ohren und einem Gehirn, die wir uns zu Nütze machen dürfen und sollen. Und nach dem Gesetz Gottes habe ich nicht passiv zu bleiben und zu denken, es sei alles vorbestimmt, sondern muss meine eigene Situation selbst zum Besseren ändern (13:11, 8:53). Bedenke ich noch den nachfolgenden Vers, wird für mich die Sachlage noch klarer:

 

4:97-98 Zu jenen, die Unrecht gegen sich selbst verübt haben, sagen die Engel, wenn sie sie abberufen: „In welchen Umständen habt ihr euch befunden?“ Sie antworten: „Wir wurden als Schwache im Lande behandelt.“ Da sprechen jene: „War Gottes Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet auswandern können?“ Sie sind es, deren Herberge die Hölle sein wird, und schlimm ist das Ende! Ausgenommen davon sind die unterdrückten Männer, Frauen und Kinder, die über keinerlei Möglichkeit verfügen und keinen Ausweg finden.

 

Mit Ausnahme der Mittellosen (4:98) stehen die Menschen also in Selbstverantwortung bezüglich ihres eigenen Schicksals. Die Welt ist ein großer Platz, sie ist weit genug für uns, und wenn die geografischen Begebenheiten unpassend sind, indem sie beispielsweise Erdbeben begünstigen, ist es mein eigener Fehler, wenn ich keine Gegenmaßnahmen einleite. Laut Koran muss der Gottergebene also auch das Recht der Immigration akzeptieren (4:97-98; 7:128). Und an vielen Stellen werden wir von Gott ermahnt, dass wir unseren Verstand einsetzen sollen. So ist es doch auch die fromme Aufgabe des aufmerksamen Gottergebenen, Ingenieurswissenschaften meisterhaft zu beherrschen und voranzutreiben, damit mit der Hilfe Gottes architektonisch stabile Gebäude errichtet werden für alle Menschen gleich welchen Geschlechts, welcher Rasse und welcher Glaubenszugehörigkeit?

Es wird sich meines Erachtens gerade durch solche Naturkatastrophen wie Erdbeben zeigen, ob man die von Gott in uns geschaffenen Anlagen optimal nutzt. Werden wir nicht gerade dadurch erst sehen, wer von uns für Gutes in der Welt sorgte, indem er stabilere Gebäudeformen erforschte, entdeckte und den Menschen dienlich machte? Wird es nicht dadurch ersichtlich, ob wir beim Bau von Gebäuden Profite im Vordergrund sehen, deshalb die Sicherheit außen vor lassen und dadurch Menschenleben aufs Spiel setzen? Werden wir also an jenem Tag nicht, wie in Sura 99 angekündigt, das volle Gewicht des Guten und Schlechten von dem spüren und sehen, das wir taten oder zu tun bewusst ausließen?