Tradition

Widerlegung des Artikels „Ist die Sunna auch eine göttliche Offenbarung, die mit dem Koran gleichzustellen ist?“

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,

Auf der Seite antikezukunft sind zwei Artikel erschienen, welche versuchen die Grundhaltung derjenigen Gläubigen zu widerlegen, wonach man einen Islam ohne tradierte Sunna praktiziert. Der erste Artikel wird diesmal Gegenstand unserer Widerlegung. Die Widerlegung des zweiten Artikels wird in einem nächsten Artikel erfolgen. Es muss bei dieser Widerlegung vorweg erwähnt werden, dass der Autor in Bezug zu der Kritik gegenüber unserer Haltung sehr schwach argumentiert. Er hat sich in diesem Artikel mit den Argumenten der Gottergebenheit ohne traditionelle Sunna kaum auseinandergesetzt. Als Vorgeschmack soll nun folgendes Zitat des bekannten Islamwissenschaftlers Reza Aslan dienen:

 

Finde mir einen Hadith über welches Thema auch immer, gib mir 24 Stunden, und ich finde dir einen Hadith, der ihm komplett widerspricht. Fakt.

Reza Aslan (bei Twitter)

 

Im Artikel schreibt der Autor:

 

Eine weitere Besonderheit der Sunna ist, dass es viele Situationen gab, wo der Prophet die Offenbarungen erläutern oder ergänzen musste.

 

Der Autor kann keinen einzigen Koranvers aufzeigen, der diese erfundene These aufrecht erhalten kann (40:35,56). Sie widerspricht vielmehr Versen im Koran:

 

12:111 Er (der Koran) ist kein erdichteter HADITH, sondern eine Bestätigung der früheren (Offenbarungen), eine deutliche Darlegung aller Dinge und Führung und Barmherzigkeit für die Gläubigen. (Siehe auch: 16:89)

 

Natürlich geht es bei bei diesen Versen nur um religiöse Belange (5:3). Die Erklärung des Koran:

 

25:33 Und sie bringen dir kein Beispiel, ohne dass Wir dir die Wahrheit und den besten Tafsir brächten. (Siehe auch: 55:1-2, 75:18-19)

 

Man erkennt, allein Gott lehrt und erklärt den Koran. Jedoch wird hierbei gerne der Vers 16:44 missdeutet, um zu versuchen eine Erklärung des Korans durch den Propheten zu legitimieren. Diese Ansicht wurde jedoch bereits ausführlich auf unserer Homepage widerlegt. Zum Argument, dass der Gesandte dem Koran etwas hinzufügen soll:

 

10:15 … Sag: Es steht mir nicht zu, ihn von mir selbst aus abzuändern. Ich folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird. (siehe auch: 6:50, 7:203, 46:9)

69:44-48 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte, hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefasst und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können. Er ist wahrlich eine Erinnerung für die Gottesfürchtigen.

 

Indem man dem Koran etwas hinzufügt, ändert man ihn natürlich auch ab. Zudem muss der Autor die Frage beantworten, warum der Prophet die Offenbarung zu erklären hat, wenn er ihr doch nur folgen soll? Und nun folgender Vers:

 

6:115 Das Wort deines Herrn ist in Wahrheit und Gerechtigkeit vollständig / vollkommen. Es gibt niemanden, der Seine Worte abändern könnte. Und Er ist der Allhörende und Allwissende.

 

Wie sollen nun die Behauptungen des Autors, dass „der Prophet die Offenbarungen erläutern oder ergänzen musste“, mit den bis hierhin erwähnten Koranversen einhergehen? Dazu ist auch anzuführen, warum die Ahadith viele Punkte im Koran nicht erläutern und eben nicht alles erklären? Abgesehen davon sind die vorhandenen angeblichen Erklärungen selbst erklärungsbedürftig, voller Widersprüche und verzerren den Koran. Man ist bei diesen Quellen vielmehr mit neuen Fragen konfrontiert, als Antworten zu erhalten und überhaupt finden sie im Koran als Autorität keine Erwähnung, im Gegenteil: Sie werden verworfen im Buche Gottes selbst, wie im weiteren Verlauf aufgezeigt wird. Weiter schreibt der Autor:

 

Z. B. in Bezug auf das Gebet: Der Koran gibt keine direkten Anweisungen wann, wie oft und wie gebetet werden soll.

 

Im Koran sind drei Gebetszeiten wörtlich genannt. Der Gebetsablauf ist im Koran hinreichend umschrieben. “Ṣalāh” (Kontakt/Gebet) kommt im Koran 77 mal vor. Ausführlicher dazu folgende Artikel:

Aber die Aussage einmal zurückgeworfen: Wie betet denn unser Autor selber? Denn schon alle 4 sunnitischen Rechtsschulen beten unterschiedlich. Nach welcher Autorität soll man nun gehen? Sind zum Beispiel die Hände am Bauch oder weiter unten? Und diesen Vorgang kann man auch grenzenlos erweitern, beispielsweise wie lange ein Gebet nun genau zu dauern hat oder wie schnell man bei einzelnen Gebetsabläufen zu sein hat? Oder welche Gebete nun genau zu rezitieren sind? So muss die Sura Fatiha laut manchen Ahadith nicht verpflichtend gelesen werden und man kann beliebig andere Verse beim Gebet rezitieren (Fatiha Suresi Tefsiri 9. Aufl., S.26 Punkt 1, Prof. Yasar Nuri Öztürk, Verlag: Yeni Boyut). Was soll der Gläubige dementsprechend beim Gebet laut den Ahadith nun genau sagen? Detaillierungen sind somit weit über die Grenzen der Ahadithquellen hinaus mit Leichtigkeit herstellbar und man kann die Frage nach unnötigen Details umkehren in Bezug auf die Ahadith. Als Resümee zu dieser Thematik ist festzuhalten, dass man mit Ahadith nicht auf eindeutige Weise beten kann, da sie so unterschiedlich sind, dass man das Gebet gar nicht einheitlich ausführen könnte. Hierbei wird dann gerne das Argument entgegengebracht, dass die Unterschiede doch angeblich klein wären (wenn man mal die Schiiten außen vor lässt). Dazu muss man jedoch fragen, wer so etwas festlegen darf? Wer bestimmt kleine oder große Unterschiede (6:81, 7:71, 12:40, 53:23)? Für den Einen sind sie klein, für den Anderen etwas größer, wieder für jemand Anderen möglicherweise auch mal ganz groß oder laut Koran ausgeschlossen (42:21)! Dazu steht unmissverständlich:

 

5:101 O die ihr glaubt, fragt nicht nach Dingen, die, wenn sie euch offengelegt werden, euch leid tun, wenn ihr nach ihnen fragt zu der Zeit, da der Koran offenbart wird, sie euch (gewiß) offengelegt werden, wo Gott sie übergangen hat. Und Gott ist Allvergebend und Nachsichtig.

 

Warum also nach Details fragen, die vielmehr verwirren als erklären und ohnehin von Gott übergangen werden? Wer hat bei dieser Frage wohl das letzte Wort? Weiter schreibt der Autor:

 

Als Nachweis für die Autorisierung der Sunna gibt Özdil die folgenden Koranstellen an: „Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel“ (Koran 33:21)

 

Richtig, im Gesandten haben alle Gläubigen ein schönes Beispiel. Warum nennt der Autor dann nicht auch folgende Verse, die sein Beispiel im Koran veranschaulichen?

 

6:50 Sag: Ich sage nicht zu euch, ich besäße die Schatzkammern Gottes, und ich weiß auch nicht das Verborgene; und ich sage nicht zu euch, ich sei ein Engel. Ich folge nur dem, was mir eingegeben wird. Sag: Sind (etwa) der Blinde und der Sehende gleich? Denkt ihr denn nicht nach? (Siehe auch: 7:203, 10:15 und 46:9)

 

Und auch Abraham ist für die Gläubigen laut Koran ein schönes Beispiel (60:4 und 16:120-121). In welchem Hadithbuch ist nun seine Sunna nachlesbar, wenn man die Argumentation des Autors ernst nehmen will? Unabhängig davon ist hier ohnehin vom Gesandten die Rede. Die einzige Funktion eines Gesandten ist nur die Übermittlung der Botschaft (dazu: 13:40, 16:35, 16:82, 24:54), sonst nichts. So also die Gläubigen seinem Beispiel im Koran folgen sollen und nicht in massiv verderbten Quellen, in denen keiner weiß welcher nun stimmt oder nicht, aber viel wichtiger: Der Koran duldet solche Quellen nicht.

 

7:185 Haben sie nicht das Reich der Himmel und der Erde und alles, was Gott geschaffen hat, betrachtet und sich überlegt, dass ihr Ende möglicherweise nahe ist? An was für einen weiteren HADITH wollen sie denn glauben?

31:6 Unter den Menschen gibt es einige, die sich an unbegründete AHADITH wenden (und sie verbreiten), um ohne Wissen von Gottes Weg abirren zu lassen und um damit ihren Spott zu treiben. Ihnen gebührt eine entehrende, qualvolle Strafe.

 

Um die tradierte menschliche Sunna zu legitimieren schreibt der Autor weiter:

 

„Was der Gesandte euch nun gibt, das nehmt an; und was er untersagt, dessen enthaltet euch! (Koran 59:7, Was ist Islam, S. 25).

 

Der Vers in voller Länge:

 

59:7 Was Gott Seinem Gesandten von den Bewohnern der Städte als kampflose Beute zugeteilt hat, das gehört Gott, Seinem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem Sohn des Weges. Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt. Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. Und fürchtet Gott. Gewiß, Gott ist streng im Bestrafen.

 

Ein klassischer Fehler, der gegen Gottergebene, die keine menschlichen, religiösen Quellen neben Gottes Wort dulden, gerne verwendet wird. Jedoch ist unschwer zu erkennen, dass es sich hierbei um die Beuteaufteilung handelt, welche Gott hier selber zuteilt (siehe dazu auch Vers 8:41) und nicht, was der Gesandte generell nach eigenem Ermessen festlegt. Und selbst wenn man diesen Vers aus dem direkten Kontext reißt, bleibt hier immer noch die Rede vom Gesandten und seine einzige Aufgabe ist, wie eben erläutert, nur die Übermittlung der Botschaft, nicht die Erweiterung (13:40, 16:35, 16:82, 24:54, 5:99). Somit wäre dem Gesandten außerhalb seiner einzigen Pflicht eine weitere Aufgabe hinzugedichtet, dementsprechend koranisch unhaltbar.

Weiter führt der Autor an:

 

Bemerkenswerterweise schildert der türkische Koranexeget Mustafa Islamoglu, dass insbesondere die unkonventionelle Grundhaltung, die Sunna komplett zu leugnen, erst in dem damals kolonisierten Indien als eine bestimmte Reformbewegung hervorgetreten sei.

 

Das ist historisch falsch und zeigt, dass Mustafa Islamoglu seine eigenen Quellen nicht hinreichend studiert hat. Denn man kann schon bei Imam Shafi’is Werk  “Kitab Jima` al-`ilm” (150 nach Hidschra) nachlesen, wonach dieser mit einem Vertreter einer Schule disputiert, der die tradierte Sunna komplett negiert. Das Buch gibt es übrigens hier auf Englisch zu kaufen: Hadith as Scripture.

Anmerkung: Nachdem ich den Autor darauf hingewiesen hatte, wurde dieser Teil im Artikel von ihm abgeändert, um die zu anfangs aufgestellte Behauptung, dass Islamoglu den Ursprung unserer Richtung in Indien sieht, nicht mehr herauslesen zu können. Zu seinem Nachteil ist jedoch diese hier erwähnte Fassung in seinem Buch dementsprechend abgedruckt (siehe dazu „der Islam im Diskurs des 21. Jahrhunderts“, S. 102, des Autors Ecevit Polat). Es ist durchaus menschlich, Fehler zu begehen. Doch gerade in Bezug auf die Religion sollten wir unsere Recherchen doch gründlich durchführen! Fahren wir fort:

 

Für Islamoglu war dies ohne weitere eine Intention der Orientalisten gewesen, die bei den Muslimen den Gedanken hervorheben, die Sunna (Lebensweise und Haltung des Propheten) mitsamt ihrer Orthopraxie im Angesicht der Moderne als weit überholt verwerfen zu müssen.

 

Sonderbar erscheint diese Behauptung, nun sind auch noch „die Orientalisten“ schuld! Bemerkenswert. Vor allem ohne Belege, die eine „böse Absicht“ untermauern können. Übrigens ist dieses Spiel, ohne Belege etwas in den Raum zu stellen, koranisch gesehen verwerflich. Konzentrieren wir uns aber auf den Inhalt:

 

Doch gesteht Islamoglu unweigerlich auch ein, dass die Schuldzuschreibung zur Förderung der „Koraniten“ im damaligen Indien nicht allein auf die Orientalisten anzulasten ist: „Den Gedanken nach einem Islam im Koran, wurde unter den Einfluss des orientalistischen Projektes herbeigeführt. Aber die Verantwortung nur auf das orientalistische Projekt zu verschieben, ist auch nicht ganz richtig“ (siehe: Mustafa Islamoglu, Üc Muhammed, S. 192-194).

 

Islamoglu hat sich mit seinem „orientalistischen Projekt“ nur auf die Seite von Verschwörungstheoretikern gestellt, mehr nicht. Fakt ist, dass die meisten Gläubigen, die nur Gottes Wort annehmen, anfangs selber Traditionalisten waren. Dem Leser sei auch folgende Widerlegung von Edip Yüksel zu Mustafa Islamoglu nicht vorenthalten (leider nur auf Türkisch):

Dann ist im Artikel folgendes nachzulesen:

 

Selbst die sogenannten Rechtsbestimmungen werden im großen Umfang von der Sunna des Propheten bestimmt.

 

Die Ergebnisse kann man in den so genannten “islamischen Ländern” sich zu Gemüte führen. Zu erwähnen seien unter vielen anderen Punkten nur, dass mit dem Idschma (Konsens) aller 4 Rechtsschulen die Apostasie, also Abfall vom Glauben, mit dem Tode zu bestrafen sei oder das Abhacken der Hände bei Diebstahl wie auch Frauen zu unterdrücken (beispielsweise den Frauen das Auto fahren zu verbieten). Besondere Beachtung sei auch folgender Hadithlüge geschenkt, welcher bei Bukhary und Muslim verzeichnet ist und An Nawawi ihn mit in seine berühmten 42 Ahadith aufgenommen hat:

 

Mir ist aufgetragen die Menschen zu bekämpfen, bis sie bezeugen, daß es keinen Gott gibt außer Allah und daß Muhammad der Gesandte Allahs ist, und bis sie das Gebet verrichten und die Zakat geben. Wenn sie dies getan haben, haben sie sich dadurch von mir Schutz für ihr Blut und ihr Gut erworben, es sei denn, (sie begehen Taten, die ) nach dem Recht des Islam (strafbar sind), und ihre Anrechnung ist bei Allah, dem Allmächtigen. (Sahih Bukhary, Iman, 17; siehe weiter dazu: Sahih Bukhary Salat 28 [abweichender Wortlaut]; Sahih Muslim Buch 1, Nummer 32 und 33)

 

Koranisch gesehen ist dieser Hadith natürlich vollkommen ausgeschlossen, nicht aber wenn man diesen Quellen eine ganze oder selektive Autorität gibt. Der Autor will zudem ein Bild von einer „bestimmten klaren“ Sunna außerhalb des Koran suggerieren, welche so nicht existiert. Die höchst prekäre Situation der Quellen, aus denen der Autor diese fiktive Sunna schöpft, wird von den am Ende der Widerlegung aufgeführten Artikeln näher behandelt. Des Weiteren ist aus dem Koran klar ersichtlich, dass keine “Rechtsbestimmungen” irgendwelcher Art außerhalb Gottes Wort geduldet wird. Dazu folgende Verse:

 

5:44 Wer nicht nach dem waltet, was Gott (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungläubigen. (Siehe auch: 5:45, 47, 42:10, Und sie sagen der Koran reich aus! (3/4))

 

Wie kann man bei solch eindeutigen Koranversen außerkoranischen Ahadith Autorität geben? Der Prophet soll nach der Offenbarung urteilen:

 

6:114 Soll ich denn einen anderen Schiedsrichter als Gott begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat? (Siehe auch: 42:10)

5:48 Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Gott (als Offenbarung) herabgesandt hat, … (siehe auch: 5:49 oder 3:23)

 

Festzuhalten wäre hierbei, dass entsprechend der angeführten Verse, in religiösen Belangen nur der Koran alleine autoritativen Charakter besitzen darf. Fahren wir fort:

 

Ihrer interpretatorischen Funktion nach ist die Sunna jedoch mehr danach ausgerichtet, konkrete Bestimmungen zu geben oder die allgemeinen Anweisungen des Korans zu präzisieren (Prof. A. Falaturi, Grundkonzept und Hauptideen des Islam, S. 19).

 

Das ist koranisch unhaltbar. Dazu folgende Verse:

 

11:1 Alif-Lam-Ra. (Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Allweisen und Allkundigen. (Siehe auch: 6:97-98, 6:114, 6:119, 6:126, 7.52, 41:3, usw)

41:44 Hätten Wir ihn zu einem fremdsprachigen Koran gemacht, hätten sie sicherlich gesagt: „Wären doch seine Zeichen ausführlich dargelegt worden!” Ob fremdsprachig oder arabisch, sage: “Er ist für diejenigen, die glauben, eine Rechtleitung und eine Heilung.” Und diejenigen, die nicht glauben, haben Schwerhörigkeit in ihren Ohren, und er ist für sie (wie) Blindheit. Diese sind, als würde ihnen von einem fernen Ort aus zugerufen.

 

Der Autor meint, dass der Koran zu präzisieren sei und im Koran steht etwas völlig anderes. Interessant ist hierbei auch, dass der Autor keine dieser Verse auch nur erwähnt hat, geschweige denn widerlegen können. Die Widerlegung von „Weshalb ist es notwendig, den Koran im historischen Kontext zu verstehen?“ sei dem Leser zu dieser Thematik zusätzlich empfohlen. Weiter steht folgendes im Artikel :

 

Bereits im 14. Jahrhundert wies der andalusische Gelehrte al-Schatibi (ges. 1388) in seinem monumentalem Werk „al-Muwafaqat“ darauf hin, dass die Sunna in seiner Bandbreite den Koran umgehend erläutert.

 

Gott allein erklärt den Koran wie anfangs im Artikel aufgezeigt (25:33, 55:1-2, 75:18-19). Die Aussage, dass „eine (außerkoranische) Sunna“ den Koran umgehend erläutere, ist haltlos. Der Prophet hat so eine Quelle nicht verfassen lassen. Die Schriften, auf welche sich diese Behauptung stützt, sprechen eine diametral gegenteilige Sprache, denn: Diese tradierte Sunna ist so sehr mit Widersprüchen und Lügen versetzt, dass man mit dieser Sunna aus der Religion alles machen kann. Man kann liberal sein oder das Gegenteil, wie es eben einem gut dünkt und dies ist dann auch schlussendlich die gängige Praxis bei den Traditionalisten. Es sind alle möglichen Versionen des Islams vorhanden, welche die menschlichen Ahadith zur Verfügung stellen. Der Autor versucht dieses Dilemma zu umgehen, indem er unter dem Deckmantel einer angeblich „historisch kritischen“ Methode ganz einfach meint, die richtigen Ahadith aussortieren zu können. Doch dadurch werden Ahadith abgelehnt, falls sie nicht in die zeitgenössische Lebensphilosophie passen, mit der man diese angeblich „historisch kritische“ zu definieren versucht. Wenn es seinem subjektiven Empfinden entspricht, erklärt der Koran für ihn die Ahadith und wenn es nicht passt, umgekehrt. Dementsprechend ist ein klassischer Zirkelschluss vorprogrammiert. Die Ahadith sind ein Feld voller Widersprüche, mal zum Koran oder auch gerne unter sich. Auch dass ein Hadith als sahih eingestuft wird, kann ihn keinesfalls retten. Das ist dem Autor auch bekannt.

Selbst unter Bukharys sahih Hadithsammlungen sind ein großer Teil massiv verderbt. Niemand kann diese Quellen mehr überprüfen. Ohnehin ist dies nicht relevant, da Gott keine Ahadith außerhalb des Koran erlaubt. Die bis hierhin erwähnten Verse sind unmissverständlich eindeutig. Überhaupt stellt sich die Frage, warum der Koran eine umgehende Erläuterung benötigt, wenn er sich ohnehin als eine „Klärung aller Dinge“ (16:89, 12:111) in der Religion (5:3) beschreibt? Der Koran bezeichnet sich schon zu Zeiten des Propheten als abgeschlossen (5:3), wohingegen Ahadith erst Jahrhunderte später zusammengestellt und beurteilt wurden, deswegen auch voller Widersprüche und unvollständig in Bezug zur angeblichen wie auch unnötigen Erklärung des Koran sind. Sie verzerren vielmehr nicht selten den Wortlaut des Koran und ändern Gottes Wort somit ab. Gehen wir weiter:

 

Deshalb wäre es unter keinen Umständen hinnehmbar, die Sunna als Instrument zur Interpretation der Heiligen Schrift beiseite stehen zu lassen. Somit könnte kein Urteil aus dem Koran unter nicht Berücksichtigung der Sunna abgeleitet werden.

 

Und was sagt der Koran?

 

42:10 Und worüber ihr auch immer uneinig seid, das Urteil darüber steht Gott (allein) zu. Dies ist doch Gott, mein Herr. Auf Ihn verlasse ich mich, und Ihm wende ich mich reuig zu. (Siehe auch: 6:114, 18:26, 12:40, Und sie sagen der Koran reicht aus!(3/4))

 

Wieder einmal stehen sich hier der Koran und ein Traditionalist auf Konfrontationskurs. Und weiter schreibt der Autor:

 

Al-Schatibi (gest. 1388) schreibt dazu: „Bei der Ableitung von Urteilen aus dem Koran ist es nicht möglich, die Sunna, die dessen Auslegung und Erklärung darstellt, beiseite zu lassen und sich mit der ausschließlichen Betrachtung des Korans zu begnügen. Denn der Koran ist umfassend formuliert (kulli).

 

  • Der Koran beschreibt sich wörtlich als eine “Klärung aller Dinge” (16:89, 12:111) in religiösen Belangen (5:3).
  • Der Koran erlaubt es nicht, aufgrund von Quellen außerhalb von Offenbarungen zu urteilen (5:44,45,47, 6:114, 42:10).
  • Der Koran beschreibt sich als ausführlich dargelegt (6:114, 6:119, 11:1, 41:3).
  • Der Koran wurde zur Ermahnung leicht gemacht (54:17,22,32,40).
  • Der Koran ist in der Sprache leicht gemacht worden (20:97, 44:58).
  • Der Koran beschreibt sich als deutliches Buch (12:1, 15:1, 26:2).
  • Der Koran darf nicht abgeändert werden (10:15, 69:44-48).
  • Gott teilt mit niemandem sein Urteil (6:57, 12:40, 18:26).
  • Gott erklärt den Koran (25:33, 55:1-2, 75:19).
  • Der Koran ist vollkommen / vollständig (6:115, 5:3).
  • Gott erlaubt keine weitergehende Detaillierung, die nicht dem Koran entnehmbar ist (5:101).
  • Es wurde nichts im Koran ausgelassen (6:38).

Noch viele andere Verse könnte man zu dieser Auflistung anführen, jedoch würde dies den Rahmen sprengen. Weiter steht im Text:

 

In ihm sind umfassende Dinge wie das Gebet, die Zakah (Sozialsteuer), die Pilgerfahrt und das Fasten erwähnt. Es gibt keinen anderen Weg als das Heranziehen der Sunna, die ihn (den Koran) erklärt“ (siehe hierzu: Abu Hanifa, Leben und Werk des Ehrenhaften Großgelehrten, S. 509, Muhammad Abu Zahra)

 

Vor allem haben die reichen Hadithgelehrten es sich wohl zu Eigen gemacht, die Zakah auf bestimmte Summen einzuschränken und entstellen somit den Koran. Kritik zu solchen Aushebelungen lassen sich übrigens auch unschwer im Evangelium finden. Also keine neue Angelegenheit. Die aufgeführten Punkte, um den Koran als unvollständig zu brandmarken, sind natürlich haltlos:

Weiter geht es im Text:

 

Somit wäre eine richtige Deutung des Korans ohne die Einbindung und Kenntnis der Überlieferungen auch nur annähernd nicht möglich.

 

Wie will man den Koran mit Ahadith erklären, wenn diese selbst nicht mal ansatzweise einheitlich sind, welcher nun wahr oder falsch ist und man erwiesenermaßen somit auch Ahadith selbst erklären muss? Wie soll dieser geschichtlich verfälschte historische Kontext des Koran den Gläubigen Gott näher bringen? Und das gilt natürlich auch für sahih Werke. Und die alles entscheidende Frage: Wie soll man mit jenen Koranversen umgehen, welche dem Koran Einfachheit, Klarheit (mubin), eine ausführliche Darlegung und Leichtigkeit für die Ermahnung attestieren (44:58, 20:97, 17:89, 18:54, 17:9)? In welchem Vers des Koran steht, dass dieser schwer zu verstehen ist oder mit anderen Quellen erklärt werden muss? Warum erwähnt der Koran an keiner Stelle auch nur eine einzig andere Quelle als Offenbarungen Gottes? Er kritisiert diese Quellen außerhalb der Offenbarung doch vehement? Warum geht der Autor an keiner Stelle seines Artikels auf genau jene Verse ein, die seiner Argumentation direkt widersprechen?

Denjenigen, die solche Behauptungen aufstellen, seien noch folgende Verse ans Herz gelegt:

 

6:104 Zu euch sind nunmehr Einsicht bringende Zeichen von eurem Herrn gekommen. Wer einsichtig wird, der ist es zu seinem eigenen Vorteil, und wer blind ist, der ist es zu seinem eigenen Nachteil. Und ich bin nicht Hüter über euch. (Siehe auch: 2:99, 2:118, 24:18, 2:159, 2:187, 2:219, 2:221, 6:105, 9:115, ganze Liste im Koran: corpus quran)

 

Der Autor führt Meinungen von angeblichen „Gelehrten“ vor, um die Argumente der Gottergebenen, welche ohne menschliche Sunna auskommen, zu widerlegen. Der Gottergebene wiederum zeigt dagegen Koranverse auf, um ihn seinen Irrtum vor Augen zu führen (18:57, 43:36-37, 43:1-4, 12:1-2, 26:2, 27:1, 28:2, 44:2).

Von nun an geht der Autor in die Richtung derjenigen ein, die eine menschliche Sunna mit Gottes Wort gleichsetzen (der Autor vertritt diese Meinung jedoch selbst nicht), dazu schreibt er:

 

Als Beleg für die Gleichsetzung der Sunna des Propheten mit der Offenbarung des Koran, führte asch-Schafi sämtliche Koranstellen wie diese folgende auf: „Gedenkt stets der Gaben Gottes, des euch herabgesandten Buches und der offenbarten Weisheit“ (2:231).

 

Diese Thematik wird in der Kurzanalyse „Ist Sunna eine Offenbarung?“ näher behandelt. Wie kann der Autor bei Versen wie 3:64 und 9:31 Ahadith eine Autorität geben und sich somit den Propheten oder Gelehrte zu Herren nehmen? Besondere Beachtung sei auch den Versen 3:79-80, 6:162-164, 8:64, 7:3, 31:21 und 2:170 geschenkt. Diese Verse finden unmittelbar eine Anwendung, sobald man Ahadith als eine ergänzende Autorität in die Religion einbaut! Der Prophet war laut Koran nur ein Warner (7:188) und nur ein Mensch (18:110) und kein Gelehrter, der den Koran als Einziger richtig auslegen konnte. Gott allein lehrt und erklärt den Koran. Deswegen sollen auch alle Gläubigen nach Vers 3:79 selber forschen, wie auch den Koran lehren und nicht den angeblichen Propheten in den Ahadith als Herren abkupfern. Und nun folgender Vers:

 

66:1 O Prophet! Warum verbietest du das, was Gott dir erlaubt hat, um nach der Zufriedenheit deiner Frauen zu trachten? Und Gott ist Allvergebend, Barmherzig.

 

Hier greift Gott also selber ein, obwohl der Prophet etwas verbieten will. Da die bis hierhin vorgestellten und anderen Verse so offenkundig es verbieten, dass der Prophet eigenmächtig außerhalb des Koran Ge- oder Verbote erteilen durfte, versuchen viele liberale Anhänger der tradierten Sunna die vielen Ahadith, die das Gegenteil behaupten, durch den Koran selbst zu relativieren und als Fälschung zu deklarieren. Sie würden ja dem Koran widersprechen. Diese Logik sei noch einmal ganz nüchtern veranschaulicht: Zuerst ist der Koran nicht vollständig und bedarf einer Erklärung. Um dieses angebliche Problem zu lösen, wendet man sich an Ahadith. Diese Erklärung des Koran wird dann, wenn man die Neigung dazu verspürt, wieder vom zu Erklärenden selbst, also dem Koran erklärt. Das ist natürlich, wie zuvor erwähnt, ein klarer Zirkelschluss. Dabei soll keinesfalls untergehen, dass diese Ahadith angeblich die Meinung des Propheten selbst darstellen, man in solch einem Fall sozusagen die Angelegenheit dann besser weiß als der Prophet. Zudem gibt es viele Sunnaanhänger, die Ge- und Verbote außerhalb des Koran für verpflichtend halten. Schlussendlich ist es der jeweiligen Person selbst überlassen, ob diese Ge- und Verbote außerhalb des Koran Autorität genießen dürfen oder nicht. Will man sie nicht, sagen die Befürworter dieser Ahadith, dass man den Propheten missachte. Nimmt man diese Ahadith jedoch an, sagen die Leugner dieser Ahadith, dass diese falsch wären, dem Koran widersprechen. Wobei sie jedoch an anderen Stellen diesen Quellen Autorität geben und man sich hier fragen muss, mit welchem Recht diese Gruppe hier selektiv urteilen darf und dabei den dort erwähnten fiktiven Propheten missachten kann. Diese Quellen sind nicht von Gott geschützt wie der Koran und von der Zeit des Propheten mindestens etwa 150 Jahre entfernt.

Weiter geht es folgendermaßen:

 

In den großen Hadith-Sammlungen werden nahezu hundert tausende Hadithe registriert. Wenn die Sunna als solche in ihrer Gesamtheit als Offenbarung (wahy) angesehen wird, weshalb werden diese unterschiedlich in ihrer Authentizität bewertet?

 

Weshalb werden sie überhaupt gebraucht, wenn schon allein die Zahl selbst erkennen lässt, dass die meisten nicht stimmen können und der Koran dazu eindeutig ist? Hinzu kommt, dass die vom Autor erwähnte Authentizität, zum Beispiel die Beurteilung eines Hadiths zu „sahih“, selbst unwissenschaftlich und somit höchst fraglich ist. Fahren wir fort:

 

In seinem Aufsehen erregenden Buch „Scharia-der missverstandene Gott, geht der Münsteraner Religionspädagoge Prof. Mouhanad Khorchide dieser Problematik umfangreich und detailliert nach und zeigt anhand von Primärquellen, wie prekär die Situation um die Hadithe bestellt sind (siehe „Scharia, der missverstandene Gott, S.99-118).

 

Kein Widerspruch, doch dann:

 

Khorchide wirbt für einen sensiblen und kritischen Umgang mit den Hadithen umzugehen und keinesfalls diese pauschal zu verwerfen. Auch wird nachdrücklich darauf hingewiesen, wie wegweisend Überlieferungen in Bezug auf die Ausführung religiöser Rituale sind: „Diese Ausführungen sollten die Notwendigkeit eines sensiblen und kritischen Umgangs mit den Hadithen unterstreichen, aber keineswegs die Hadithe pauschal verwerfen. Gerade solche Hadithe, die das Ausführen religiöser Rituale betreffen, sind für die Muslime unentbehrlich, da im Koran kaum Details dazu zu finden sind“ (Scharia, der missverstandene Gott, S. 118, Mouhanad Khorchide).

 

Diese Aussage widerspricht dem Koran diametral. Wenn Gott es für nötig gehalten hätte, dass man mehr Details braucht, hätte Er sie auch im Koran gegeben und nicht irgendwelchen, erst Jahrhunderte später festgelegten Schriften, die laut dem Autor selbst “in die hundert tausende” gehen, überlassen. Laut den Ahadith dauerte die Herabsendung des Koran 23 Jahre. 23 Jahre hatte Gott sich offenbart und am Ende nach über 6300 Versen, hat Er keinen vollkommenen / vollständigen (6:115, 5:3, 12:111, 16:89) Koran herabsenden können? Unabhängig davon sind selbst die als sahih eingestuften Ahadith, auch nach all diesen Überprüfungen immer noch voller Widersprüche. Die Zuverlässigkeit der Ahadith stehen nicht nur auf höchst dünnem Eis, sondern viel wichtiger: Sie werden vom Koran ausgeschlossen.

Auch die im Zitat erwähnten Rituale sind im Koran völlig hinreichend für die Praxis erklärt. Wenn man die Rituale mit Ahadith verstehen will, stößt man unweigerlich auf große Widersprüche mit dem Koran. Zum Beispiel sollen laut Ahadith der an der Kaaba angebrachte schwarze Stein neben Gott verehrt werden oder es wird die Pilgerzeit zur Kaaba stark eingeschränkt, wodurch ein großer Andrang entsteht und viele Menschen bisher deswegen dort umgekommen sind oder sich verletzt haben. Auch dass man einen Prophetenkult eingeführt hat, zum Beispiel seinen Geburtstag zu feiern und er dadurch nicht selten verheiligt wird, ist koranisch unhaltbar. Im Buche Gottes steht, wie bereits erwähnt, dass der Prophet nur ein Mensch (18:110) und nur ein Warner (22:49) ist. Auch das man unter den Gesandten keinen Unterschied machen soll, wie mehrfach im Koran erwähnt. Ahadith bringen hier schlussendlich nicht nur eine unnötige Erweiterung, sondern das zusätzlich die Religion, sich eben ganz auf Gott alleine einzustellen (zB 39:45, 7:3, 65:3 usw), verworfen wird. Weiter schreibt der Autor:

 

Auch der Gründer der Hanafitischen Rechtsschule Abu Hanifa (gest. 767) bemühte sich indessen, sorgfältig und kritisch reflektierend mit dem Überlieferungsmaterial umzugehen. Bekanntlich überlieferte Abu Huraira (gest. 678) die meisten Hadithe im sunnitischen Raum, um genau zu sagen 5374 Hadithe in der Gesamtzahl.

 

Er verlässt sich bei dieser Behauptung natürlich wieder auf Ahadith. Laut Ibn Khaldoun hat Abu Hanifa nur 17 Ahadith überliefert, die eventuell als „sahih“ gelten könnten. Bukhary hat es 100 Jahre später dann besser gewusst, als er mehrere tausend Ahadith als sahih einstufte? Fahren wir fort:

 

Obwohl Abu Huraira eine sonderliche Stellung innerhalb der sunnitischen Welt einnimmt, wird dieser ungeachtet von Abu Hanifa wegen seiner über den Inhalt nicht scharfsinnig nachgedachtes Tradieren sowie leidenschaftlich alles zu überliefern, kritisiert. Der Schüler von Abu Hanifa, asch-Schaibani (gest. 805) überliefert unverhohlen diesen besorgniserregenden Satz von seinem Lehrer: „Abu Huraira hat ohne über den Inhalt genauer zu überlegen, alles Mögliche überliefert, ohne jedoch Kenntnis von an-nasikh und al-mansukh zu besitzen!“

 

Das ist eben das große Dilemma derjenigen, die Ahadith einen Platz in der Religion einräumen wollen und dann sehen müssen, wie sie die Ahadith nun interpretieren müssen, damit es passt. Welcher Hadith hebt nun welchen auf? Warum hat der Prophet dazu keine Anleitung überliefert? Überhaupt: Warum hat er kein Sunnabuch verfassen lassen und so vielen Widersprüchen Tür und Tor geöffnet? Wieso werden jene Ahadith nicht beachtet, welche diese rigoros komplett verwerfen? Selbst die ersten vier Kalifen haben keine Ahadith geduldet, nicht ein Hadith aus der Zeit ist nachweisbar. Des Weiteren: Wer Abu Huraira nun genau war, ob er selber Ahadith hinzugedichtet hat oder jemand in seinem Namen, wird man nie hinreichend ermitteln können. Und schließlich:

 

Dr. Murad Wilfried Hofmann wies bereits in seinem Buch „Der Islam im 3. Jahrtausend“ auf die Herausforderung und der Problematik für die Muslime im 21. Jahrhundert hin. Die angeführten sechs Punkte jedoch sind bis heute weitestgehend ungeklärt: Sind Koran und Sunna beide Offenbarungen (wahy), oder ist die Sunna nur inspirierte (ilham) Rechtsleitung?

 

Wer auf diese Frage nicht antworten kann, bei so eindeutigen Koranversen, so eindeutigen massenhaften Widersprüchen in den Ahadith, der hat wohl den Koran nicht einmal gründlich gelesen, von einem lückenhaften Studium des Koran ganz zu schweigen.

 

Kann die Sunna den Koran abändern (derogieren)? Kann der Koran die Sunna abändern?”

 

Im Koran wird das Wort Sunna nur in Bezug zu Gott gebraucht. Es gibt keinen einzigen Vers, welcher eine Sunna des Propheten erwähnt. Und welche Sunna? Es sei nochmals betont: Der Prophet hat so ein Buch nicht verfassen lassen. Es gibt nicht die Sunna außerhalb des Koran, sondern viele tradierte Schriften ohne einen klaren Anfang oder Ende, welche Menschen nach eigenen Vorstellungen ausgelegt haben. Aufgrund dieser Vielfalt an Interpretationen gibt es auch über 100 Gruppierungen im Islam. Die Authentizität der Ahadith sind nicht mehr nachprüfbar, voller Widersprüche, wie der Autor auch selbst eingesteht. Man kann es gar nicht genug oft betonen: Ahadith werden im Koran ausgeschlossen.

Es soll jetzt noch ein Argument des nächsten zu widerlegenden Artikels des Autors vorweg genommen werden. Der Autor beschuldigt die Gottergebenen, welche die traditionelle Sunna komplett negieren, mit der Behauptung, dass sie wie Salafisten an den Koran subjektiv herangehen würden. Dazu schreibt der Autor in seinem Kommentarbereich  (Stand: 29.4.15, vom Autor geschrieben am 25.3.2015, 11:30 Uhr):

 

Ecevit Polat: …Baycan Yanar hat auf eine grundlegende Methodik der Salafisten und Koraniten hingewiesen (http://tavhid.de/?p=1712). Danach bedienen beide Strömungen die gleiche Herangehensweise, indem sie Koranverse selektiv entnehmen und zitieren, um ihre beabsichtigte Ideologie zu legitimieren.

Eine Anmerkung hierzu: Der erwähnte Artikel von der Homepage „Tavhid“ wurde von mir bereits widerlegt. Der Autor täte übrigens gut daran, das Wort „tauhid“ im Wörterbuch einmal nachzuschlagen. Zumal dieser Vorwurf direkt zurückgegeben werden kann, da der Autor den Vers 59:7 selektiv zitierte, um seine beabsichtigte, lückenhafte Ideologie zu legitimieren. Der Autor sei dazu eingeladen, die angeblich „selektiv entnommenen Koranverse“ in ihrem Gesamtkontext des Koran aufzuzeigen. Ansonsten ist seine Behauptung ein Ausdruck einer schwachen Rhetorik, die auf nichts fußt.

Es erfolgt jetzt zu diesem Vorwurf folgender Vergleich mit den 3 Strömungen:

Frage 1: Wird den Ahadith außerhalb des Koran Autorität gegeben?

  • Gottergebene, welche nur dem Koran Autorität geben (K): Nein.
  • Salafisten (S): Ja.
  • „Historisch krtitische Methode“ des Autors (HKM): Ja.

Frage 2: Wird der Koran durch widersprüchliche, unvollständige und selektiv ausgewählte Ahadith erklärt?

  • K: Nein.
  • S: Ja.
  • HKM: Ja.

Frage 3: Werden Gelehrte, Anhänger des Propheten oder der Prophet selbst als zweite normative Quelle zu Herren genommen und stehen dementsprechend mit 3:64, 3:79-80 und 9:31 im Widerspruch?

  • K: Nein.
  • S: Ja.
  • HKM: Ja.

Frage 4: Wird der Sunna Gottes, wonach der Prophet nur dem Offenbarten zu folgen hat (6:50, 7:203, 10:15, 46:9), Rechnung getragen?

  • K: Ja.
  • S: Nein.
  • HKM: Nein.

Anhand dieser Tatsachen erübrigt sich jegliche weitere Diskussion zu diesem Thema und es liegt mir fern, wie der Autor dies tut, ihn mit Salafismus gleichzusetzen. Dazu kommt, dass man sich im Koran keinesfalls einen subjektiven Islam zusammenbasteln kann, wie der Autor versucht uns dies hier vorzuwerfen. Dies würde sofort Widersprüche im Koran nach sich ziehen und ist unter anderem in folgendem Vers ausgeschlossen:

 

4:82 Denken sie denn nicht sorgfältig über den Koran nach? Wenn er von jemand anderem wäre als von Gott, würden sie in ihm wahrlich viel Widerspruch finden.

 

Unser Autor jedoch springt bei der Auslegung des Koran, je nach Lage, zwischen Koran und Ahadith. Ihm ist die Erschließung des Korans durch seinen eigenen Kontext allem Anschein nach fremd oder er verweigert sich den klaren Koranversen und folgt somit nicht der Tatsache, wonach Gott den Koran alleine lehrt und erklärt und der Prophet selbst der Offenbarung nur zu folgen hat (6:50, 7:203, 10:15, 46:9) und nichts anderem. Gerade mit Ahadith kann man sich seinen individuellen und somit subjektiven Islam zusammenbasteln (68:38). Denn man entstellt mit diesen Quellen den vollkommenen / vollständigen (6:115) Koran. Dies ist auch seit mehr als einem Jahrtausend leider die gängige Praxis.

 

Fazit

Der Autor hat sich schließlich mit Gottergebenen, die sich ganz auf Gott alleine einstellen, offenbar kaum auseinandergesetzt. Er hat ihre Gegenargumente nahezu ausgelassen. Der Autor hat auf Mustafa Islamoglu verweisend die Behauptung, dass diese Glaubensrichtung “eine Intention der Orientalisten gewesen” sein soll und somit alle Orientalisten ins falsche Licht gerückt werden, nicht belegen können. Ferner ist so eine Argumentation in sich selbst fehlerhaft, denn es geht nicht um „böse“ Orientalisten, sondern wie der Koran nun richtig verstanden werden will. Natürlich kommt bei dieser Behauptung auch der üble Nachgeschmack mit, dass man wohl nur als Muslim den Islam erschließen kann und Außenstehende pauschal ohne koranische Begründung ausgeschlossen werden. Vielmehr ist dem Koran entnehmbar, dass der Gottergebene allen Menschen zuzuhören hat (39:18, 10:37-39). Ausgenommen bei Gott hat der Gläubige “weder Schutzherrn noch Helfer” (4:123, 4;173, 9:116, 29:22) und im Koran steht: “Wer sich auf Gott verlässt, dem ist Er seiner Genüge“ (65:3). Auch folgender Vers ist von herausragender Bedeutung:

 

39:45 Und wenn Gott allein erwähnt wird, verkrampfen sich die Herzen derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben. Wenn aber diejenigen erwähnt werden, die es außer Ihm geben soll, freuen sie sich sogleich.

 

Für Diejenigen, welche sich gerne in Details verrennen wollen, sei noch die Geschichte der Kuh eine Lehre (2:67-71).

Der zweite Artikel des Autors reicht qualitativ nicht viel weiter als der bereits hier Behandelte. Diese zweite Widerlegung wird dann im nächsten Artikel erscheinen, so Gott will.

Themenrelevante Artikel:

Sprache und unsere Denkweise in der Sprache – Kopftuch im Koran?

Es ist nicht nur wichtig, sich selbst als Person in den Kontext seiner Zeit zu setzen, sondern genauso die eigene Muttersprache und jegliche Sprachen, die man häufiger verwendet.

Als ein einfaches Beispiel der Veranschaulichung ist der folgende Vers anzuführen, der über die Gottergebenen spricht:

 

90:18 Das sind die Angehörigen der Rechten

 

Wir leben in einer Zeit und Kultur, in der Begriffe wie „rechts“ oder „Rechte“ einen negativen, politischen Beigeschmack haben. Wenn solche Verse gelesen werden, muss man sich also daran erinnern, dass die Lesung kein politisches Buch ist und deshalb nichts mit einer rechtsextremen Einstellung zu tun hat! Dieses Beispiel ist natürlich trivialer Natur, doch viele Missverständnisse beruhen auf einem Verständnis von Begrifflichkeiten, die durch unsere jetzige Zeit geprägt sind.

Wenn wir Metaphern wie „Zeit ist Geld“ betrachten, so finden wir, dass sich diese Metapher erst kürzlich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Problematischer wird es dann bei Begrifflichkeiten wie „Qual“ (ʿaḏāb – عذاب), die in der Lesung öfters verwendet werden, nicht etwa um Folter zu meinen, sondern um die Bestrafung desjenigen durch das Ertragen der Konsequenzen eigener Handlungen zu betonen. Die Strafe ist deshalb eine Qual, weil man sich selbst in diese Situation gebracht hat. Es ist also damit keine Folter gemeint, sondern unter anderem die Peinlichkeit, dass man selbstverschuldet in diese Lage geriet. Man spricht deshalb auch von Peinlichkeit, weil es eine Pein für einen selbst ist, aber keine körperliche, sondern emotionale Strafe. Das Wort quälen beherbergt auch weitere Bedeutungen wie etwa „nicht in Ruhe lassen“, „jemanden innerlich anhaltend beunruhigen“ oder „sich (mit etwas, jemandem) sehr abmühen“. Auch diese Bedeutungen müssen berücksichtigt und genau unter die Lupe genommen werden.

Genauso geht es in die andere Richtung, nämlich bei den Begrifflichkeiten der Lesung und die veränderte Wahrnehmung derselben Worte im heutigen Arabisch. Bestes Beispiel dafür ist das Wort „Bedeckung“ (chimār), was heute fälschlicherweise nur noch als „Kopftuch“ verstanden wird, obwohl das Wort „Kopf“ (raʾs) in diesem Vers nicht enthalten ist.

Der entsprechende Vers aus der Lesung ist 24: 31 und das Wort, das wir betrachten, chumurihinna, wobei chumur der Plural von chimār ist. Dieser Begriff wird meistens komplett falsch übersetzt oder in merkwürdigen Abwandlungen wie „ihre Gewänder“ wiedergegeben. Chimār bedeutet schlicht und einfach Tuch oder allgemeiner Bedeckung. Es ist dieselbe Wurzel chā-mīm-rā (خ م ر), von der auch das Wort für „Berauschendes“ (chamr) abstammt. Diese Wurzel wird in der Lesung nur sieben Mal verwendet:

  • Sechsmal als das Nomen chamr (2:219, 5:90, 5:91, 12:36, 12:41, 47:15), was allgemein für „Berauschendes“ steht, weil es die Sinne und den Geist „bedeckt“ und vernebelt. Berauscht oder betrunken zu sein wird deshalb als chamrān umschrieben. Im heutigen modernen Arabisch wird das Wort häufig nur noch unter der eingeschränkten Bedeutung „Wein“ verwendet.
  • Einmal in 24:31 als der Plural chumur vom Nomen chimār in der Bedeutung Bedeckung oder Tuch.

Berauschendes bedeckt, betucht den Verstand und die Sinne. Chimār bedeckt etwas Materielles, Körperliches wie den Kopf, einen Tisch oder möglicherweise auch ein Bett.

Auch das Wort „dschuyūb“ (Brüste) wird oft falsch übersetzt oder verstanden, denn es gibt die Argumentation, dass mit „dschuyūb“ die Taschen gemeint seien und man nur bei den Hosen diese Taschen habe, das Tuch also mindestens vom Kopf bis zur Kniehöhe gehen müsse. Zwar ist die Bedeutung als „Tuch“ schon richtig für das Wort dschayb (Singular von dschuyūb), aber in diesem Sinne lässt sich fragen: Wo sollen die Taschen bei einem Kleidungsstil ohne Taschen sein? Gott der Allwissende hätte sicherlich nicht dieses Wort gebraucht, wenn es andere Wörter gäbe. Wenn man wirklich und wörtlich die Hosentasche meinen will, so müsste dort stehen: جَيْب البَنْطَلُون (dschaybu-l-banṭalūn), was aber modernes Arabisch ist, da das Wort „banṭalūn“ dem französischen Wort pantalon entspricht. Das richtige Wort für Beinkleid auf Arabisch wäre sirwāl – سروال, also müsste dschaybu-s-sirwāl stehen. Sowas steht aber nirgends und deshalb muss diese Bedeutung abgelehnt werden, weil sie versucht, ein kulturell und traditionell bedingtes Verständnis der Worte als Gottes Worte zu verkaufen.

Man bezeichnet die Sinuskurve auch mit diesem Wort, weil es diese Taschen-ähnliche Form hat (dschaybu-z-zāwiyyah – جيب الزاوية) und der Busen einer Frau hat auch diesen „Taschenverlauf“. Es ist also im Endeffekt klar, dass damit die „Taschen“ der Frau gemeint sind, wo ihre Muttermilch aufbewahrt wird für die Kleinkinder: ihre Brüste. In der Lesung kommt die Wurzel nur in drei Versen vor: 24:31, 27:12 und 28:32 (zweimal als Hemdausschnitt, einmal als Brüste in 24:31). Sowohl die moderne arabische Sprache als auch die Wörterbücher (z.B. E.W. Lane: breast, bosom) übersetzen dieses Wort dschayb als Brust (Busen).

Der Wortlaut, der in 24:31 als Anweisung für die Frauen zu verstehen ist, lautet: وليضربن بخمرهن على جيوبهن oder transliteriert wal-yaḍribna bichumurihinna ʿalá dschuyūbihinna:

  • und (wa)
  • sie (feminin plural) sollen hervortun (l-yaḍribna)
  • mit (bi)
  • ihren (hinna) Bedeckungen/Tüchern (chumur)
  • über (ʿalá)
  • ihre (hinna) Ausschnitte/Taschen/Brüste (dschuyūb)

Auf Deutsch also:

Und sie sollen ihre Tücher über ihre Brüste legen.

Was das Kopftuch angeht, so denke ich, ist es eine klare Angelegenheit. Hier kommt das Wort Kopf (raʾs – رَأس) nirgends vor, ansonsten müsste die Wortwahl wie folgt lauten: bichumuri ra’sihinna (بخمر رأسهن), also ihre Kopftücher und nicht einfach nur ihre Tücher.

Das Wort chimār (pl. chumur) wird auch von den klassisch-orthodoxen Gelehrten als solches verstanden, nämlich nur als Tuch:

 

Khimaar comes from the word khamr, the root meaning of which is to cover. For example, the Prophet […] said: “Khammiru aaniyatakum (cover your vessels).” Everything that covers something else is called its khimaar.90

 

Im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Definition vieler Fiqh-Gelehrter steht chimār für das Kleidungsstück, welches eine Frau verwendet, um ihren Kopf zu bedecken. Die sprachliche Verwendung als solches ist nicht falsch, doch diese Definition als die Grundbedeutung des Wortes zu akzeptieren kommt der Verdrehung der Worte Gottes gleich.

Rein sprachlich ist es also klar: Gott spricht in der Lesung davon, dass die Frauen den Ausschnitt über den Brüsten bedecken sollen. Gott gehen die Worte nicht aus und Er ist sehr genau im Erklären (31:27). Gott ist sogar so präzise, dass Er zum Beispiel unterscheidet zwischen dem Fleisch und dem Fett (im Fleisch), das Juden zum Verzehr erlaubt ist oder nicht (6:146). Er würde also auch das Wort Kopf nicht vergessen, wenn damit wirklich Kopftuch gemeint wäre.

Natürlich müsste man hier das Wort „dschalābīb“ (جلبيب – Gewänder, was nur in 33:59 vorkommt) auch noch betrachten, doch die Argumentation ist dementsprechend analog. Hierbei geht es mir mehr darum aufzuzeigen, dass kulturell und zeitlich bedingte Wortverständnisse das wirkliche Begreifen der Lesung verhindern können, wenn man darauf nicht Rücksicht nimmt. Versuchen Sie einmal das Wort „Idiot“ auf die ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen, dann werden Sie so Gott will sehen, dass sich die Bedeutung der Wörter über die Zeit genauso ändert wie die Menschen!

Eine Kurzanalyse: Ist die Sunna eine Offenbarung?

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Teufel,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,

Diesmal wird eine Auffassung näher behandelt, die einem Gottergebenen diametral entgegen steht. Denn Gottergebene dulden in der Religion kein Menschenwerk neben Gottes vollkommenem Wort (6:115), schon gar nicht auf gleicher Stufe. Die Haltung mancher Traditionalisten, dass die tradierte Sunna eine Offenbarung sei und somit mit dem Koran auf gleicher Stufe stehe, ist nicht nur aus religiöser Perspektive offenkundig falsch, sondern auch anhand klarer Tatsachen innerhalb der Quellen unhaltbar, aus denen sich diese Behauptung speist. Merkwürdigerweise wird dies aber immer noch von nicht wenigen Traditionalisten für wahr gehalten. Es erfolgt zu Beginn ein Exkurs in Ahadith (die Mehrzahl von Hadith), um dem Leser die behandelte Thematik verständlich zu machen, wenn man von einer traditionellen Sunna spricht. Darauf folgt dann die Beantwortung der Frage, ob diese traditionelle Sunna mit dem Koran gleichwertig sei, wie manche Traditionalisten meinen.

 

Ein Überblick zu den Ahadith

Jene Quellen, zu denen sich alle tradierten Sunnas im Islam berufen, nennt man Ahadith. Diese wurden, unter vielen anderen Beurteilungen, auch in sahih (gesunde, authentische) Ahadith unterteilt und schlussendlich in so genannten sahih Werken zusammengestellt, welche diese Ahadith nochmal in Themen ordneten (zum Beispiel zum Gebet). Sahih Beurteilungen zu Ahadith wurden jedoch erst ungefähr zwei Jahrhunderte nach dem Ableben des Propheten eingeführt. Es gab zwar laut Ahadith schon vor dieser Zeit Beurteilungen, ob ein Hadith als sicher galt oder nicht, jedoch ist eine sahih Klassifizierung erst bei Bukhary zu finden. Er selbst gibt sich dazu auch als den Ersten an. Im Gegensatz zu Koranfragmenten ist aus heutiger Zeit gesehen kein einziger Hadith von vor ca. 150 Jahren nach Hidschra mehr nachweisbar. Natürlich könnte man dem entgegen bringen, dass es aber zur Zeit der Sammlung der Ahadith frühere Quellen gab. Jedoch ist diese These zuallererst nur eine Vermutung und nicht weiter hilfreich, da die Menge der Ahadith schon zu Bukharys Zeiten enorme Größen angenommen hatte. Die Tradenten der sahih Ahadith berichten hier selbst, dass große Mengen (95-99%) schon zu dieser Zeit als nicht authentisch (sahih) eingestuft werden mussten. Die sahih Ahadith machen also nur einen Bruchteil aller Ahadith aus.

 

Problematiken der tradierten Sunna

Eines sei hier vorweg erwähnt: Das Wort „Sunna“ findet im Koran nur in Bezug zur „Sunna Gottes (sunnatullah)“ Erwähnung (siehe dazu den Artikel: (Das Konzept der Sunna). Eine andere „Sunna“ wird nirgends im Buche Gottes erwähnt.

Gerne geben Traditionalisten der verschiedenen Strömungen im Islam an, „der Sunna“ zu folgen und meinen damit die Interpretation der Überlieferungen ihrer jeweiligen Gruppe, welche neben dem Koran Autorität haben sollen, in unserem Fall gar mit dem Koran nebeneinander stehen. Es zwingt sich hierbei natürlich die Frage auf, warum gerade eine bestimmte Gruppe nun die „richtige“ Sunna haben soll und die Anderen nicht? Denn liberale wie auch konservative Strömungen nehmen ihre jeweilige Sunna, mindestens im sunnitischen Spektrum, aus denselben Quellen. Die daraus resultierende offensichtliche Problematik fällt natürlich sofort ins Auge, denn: Wie soll ich zum Beispiel als ein Liberaler, der Bukhary eine Autorität gibt, einen stark Konservativen davon überzeugen, dass sein Hadith xy nicht stimmen kann, wo ich doch meine tradierte Sunna aus der selben Quelle beziehe wie er? Will ich Ahadith mit Ahadith widerlegen, die denselben Ursprung haben? Will ich den so genannten Koransieb benutzen, wo doch die Ahadith den Koran erklären oder detaillieren sollen? Also somit die Erklärung selbst eine Erklärung braucht? Obwohl der Prophet dort als Autorität gehandelt wird? Wusste der Prophet es nicht besser? Mit welchem Recht kann ich schlussendlich manche Ahadith ausschließen andere jedoch als authentisch sehen? Selbst wenn man sich hierbei nur die Sunna der vier sunnitischen Rechtsschulen anschaut trifft man auf ein Feld, welches so umfangreich und verwirrend ist, dass eine klare Haltung zu dieser Sunna in vielen Bereichen unmöglich wird. Ein Beispiel dazu ist, dass alle vier sunnitischen Rechtsschulen unterschiedlich beten oder beispielsweise eine Rechtsschule Meeresfrüchte zum Essen verbietet, die andere aber dies erlaubt. Fragezeichen türmen sich auf bei noch so vielen anderen nicht erwähnten Beispielen und dabei werden die Widersprüche der sahih Ahadith in Bezug zum Koran noch außen vor gelassen. Die Tatsache, dass je weiter man sich von der Zeit des Propheten wegbewegt, es dementsprechend auch mehr Ahadith gibt, ist ein großer Indikator dafür, dass man sehr viele Ahadith gefälscht haben muss und diese Praxis erwiesenermaßen auch nicht vor „sahih“ Ahadith halt gemacht hat. Es ergeben sich unter anderem folgende Problematiken, wenn man Ahadith eine Autorität zukommen lassen will:

  1. Warum haben wir keinen einzigen Hadith aus der Zeit des Propheten wie Koranfragmente?
  2. Warum wartet man mindestens an die zwei Jahrhunderte und sammelt, überprüft und hält sie erst dann schriftlich fest? Somit hat man keine zuverlässige Quelle, viel schlimmer noch: eine massiv verderbte Quelle!
  3. Warum hat der Prophet seine “Offenbarungen” oder Ahadith nicht in einem Buch niederschreiben lassen, wenn sie doch unerlässlich sind und somit auch gegen Fälschungen hätte vorbeugen können, die heute überall in sahih Ahadith anzutreffen sind?

Das Gegenargument ist dann immer, dass man ja die Ahadith damals mit dem Koran hätte verwechseln können.

  • Aber: Sie sind doch in unserem Fall sowieso Offenbarung?
  • Sind sie weniger wert? Mit welcher Begründung?
  • Hinzu kommt: Wie soll der unnachahmliche Koran (17:88) verwechselt werden?
  • Und warum hat man den Koran nicht mit “Ahadithoffenbarungen” kommentiert?
  • Es wird doch gerne behauptet, dass Ahadith den Koran erklären. Waren die Menschen damals zu unwissend ein Buch zu schreiben, welches Koran und Kommentar enthalten und man diese durch Erklärungen dem Leser hätte unterscheiden lassen können? Sie haben doch den Koran überliefert.

 

Die Quellenlage am Beispiel von Bukhary

Bukhary hat ca 230 Jahre nach dem Propheten angefangen, Ahadith zu sammeln und sie schriftlich festzuhalten. Sein Werk, das aus mehreren Bänden besteht, gilt als höchste Autorität bei den sunnitischen Anhängern. Bukhary hat die Ahadith nämlich nicht nur aufgezeichnet und gesammelt, sondern auch als sahih klassifiziert. Für uns wichtig ist, dass eine sahih Beurteilung eines Hadiths erst nach ca 230 Jahren erfolgte. Jene Ahadith, die für ihn als sicher galten, stufte er als “sahih” ein. Andere wiederum als weniger authentisch. Diese Formulierung erweckt beim Leser wahrscheinlich den Eindruck, dass es sich hierbei um einen logischen und nachvollziehbaren Vorgang gehandelt haben muss, es ist in Wahrheit aber eine Mogelpackung. Denn Bukhary hat die Beurteilung eines Hadiths mit “sahih” nicht unter nachvollziehbaren und Vernunft orientierten Kriterien erörtert, zum Beispiel nach dem Inhalt des jeweiligen Hadiths, sondern anhand seiner Überlieferungskette, ob diese zum Beispiel lückenlos war oder die Überlieferer selber als zuverlässig galten, was aber schon damals zu überprüfen nicht mehr möglich war, da die Zeitspanne zum Propheten und seiner Anhänger bereits viel zu weite Dimensionen angenommen hatte. Natürlich gibt es dementsprechend zu der Beurteilung von Überlieferern der Ahadith selbst auch gerne Widersprüche. So hat ein anderer Hadith-Sammler bekannt als Muslim (und Bukharys Autorität nahe kommend), 400 Überlieferer von Bukhary als nicht vertrauenswürdig eingestuft und Bukhary umgekehrt bei Muslim 600. Ferner verhält es sich dahingehend, dass Muslim andere Kriterien für “sahih” aufstellte und dementsprechend gibt es manche Ahadith bei Muslim, welche für ihn als sahih gelten, nicht aber bei Bukhary verzeichnet sind und natürlich auch umgekehrt. Deswegen werden heutzutage auch Bände zum Verkauf angeboten, die nur Ahadith enthalten, welche von Bukhary und Muslim zusammen als sahih eingestuft wurden. Anhand dieser Tatsachen ist es kaum verwunderlich, dass man beispielsweise in Bukharys sahih Zusammenstellung auf Ahadith trifft, die sich gegenseitig ausschließen. Der nächste Punkt ist, dass die Quellenmenge, die Bukhary analysiert haben will, so groß ist, dass dies schon allein mathematisch unmöglich ist. Bukharys Werk über Ahadith, die von ihm als sahih eingestuft wurden, sind ein fester Bestandteil des sunnitischen Islam, für sie nicht wegzudenken. Um so erschreckender ist es, wie verderbt selbst diese Ahadith sind, Bukhary diese aber trotzdem mit aufnahm (siehe dazu auch die Artikel: Koranischer oder sunnitischer Mohammed?, Zuverlässigkeit der Ahadith und Frauen im Koran und in der erfundenen Religion). Schaut man sich die dort enthaltenen Ahadith an, ist die Behauptung, dass man ein authentisches Werk vorliegen hätte, nicht mal ansatzweise haltbar. Man kann Bukharys “individuelle” Vorgehensweise bei der Beurteilung von Ahadith auch an folgendem Beispiel festmachen: Bukhary hat keinen einzigen Hadith von Abu Hanifa, zu ihm sich die Hanafitische Rechtschule als Gründer beruft und mit zu einer der vier sunnitischen Rechtsschulen gehört, überliefert – schlimmer, ihn harsch verurteilt. Gerne wird dann hierbei versucht diese Ahadith durch andere zu relativieren, also ein klassischer Zirkelschluss. Es würde Bände füllen die Ahadith einmal generell zu kritisieren, denn die Missstände in diesem Feld sind so enorm groß, dass ich es hier nur anschneiden kann (zur ausführlicheren Behandlung dieses Themas, empfehle ich aus unserer Homepage die Rubrik: Hadith und Sunna). Und was sagt der Koran?

 

6:21 Und wer ist denn ungerechter, als wer gegen Gott eine Lüge erdichtet oder seine Zeichen für Lüge erklärt? Denen, die Unrecht tun, wird es sicher nicht wohl ergehen. (siehe auch: 11:18)

 

So wurde dem Leser bis hierhin ein genereller Einblick in die großen Problematiken der Ahadith gegeben, damit ihm klar wird, dass es eben nicht die bestimmte, eine, klare Sunna außerhalb des Korans gibt und man nicht mal sagen kann, wo diese Sunna anfangen oder aufhören soll. Auch welche sahih Ahadith nun wirklich authentisch sind oder nicht, kann niemand mehr nachvollziehen. Die Widersprüche und Fehler innerhalb dieser Quellen sind schlussendlich sehr groß und deshalb hier auch nur angeschnitten. Von den Folgen der Ahadith für den Islam und die Menschen mal ganz abgesehen. Überhaupt ist diese Sunna aus dem Koran nicht herleitbar, sondern im Gegenteil: der Koran duldet keine anderen Quellen. Dies ist dann auch das ausschlaggebende Ausschlusskriterium für diese Sunna. Es ist also noch nicht mal relevant ob ein Hadith authentisch ist oder nicht, er ist koranisch nicht tragbar als jedwede Autorität innerhalb der Religion. Doch trotz dieser erdrückenden Tatsachen sehen die meisten Traditionalisten diese Quellen als unerlässlich. Der Koran ist für sie nicht ausreichend. Manche stellen sie gar mit dem Koran auf die gleiche Stufe.

 

7:3 Folgt dem, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen (anderen) Schutzherren! Wie wenig ihr bedenkt!

 

Die koranische Haltung

Die traditionellen Sunnaanhänger, die menschliche Ahadithsammlungen mit dem Koran auf die gleiche Stufe stellen, berufen sich meist gern auf die Verse 53:1-4 des Koran. Sie argumentieren, dass Muhammad nicht aus eigener Neigung spricht, sondern Offenbarungen sein Geistesgemüt leiten. Eigentlich ein möglicher logischer Schluss, der große Haken an der Sache aber ist, was koranisch gesehen als Offenbarung gilt. Spricht der Prophet also nie aus eigener Neigung und nur aus Offenbarungen heraus? Und sind diese Dinge, die der Prophet verlautet, auf gleicher Stufe mit dem Koran? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Offenbarung, von der hier die Rede ist, nur den Koran meint? Diese Fragen wollen wir jetzt genauer klären.

Der Koran erklärt sich als ein Buch, das eine “Klärung aller Dinge” (16:89 und 12:111) in der Religion (5:3) ist. Nun werden aber die Befürworter dieser Position hier entgegenbringen, dass zwar der Koran eine „Klärung aller Dinge“ ist, jedoch laut 53:1-4 der Koran auch andere Offenbarungen mit einschließe. Schauen wir uns aber dazu mal Vers 5:101 an, dort steht:

 

5:101 O die ihr glaubt, fragt nicht nach Dingen, die, wenn sie euch offengelegt werden, euch leid tun, wenn ihr nach ihnen fragt zu der Zeit, da der Qur’an offenbart wird, sie euch (gewiß) offengelegt werden, wo Gott sie übergangen hat. Und Gott ist Allvergebend und Nachsichtig.

 

Der Koran duldet also keine Detaillierung seiner selbst, sie werden übergangen – von Gott selbst! Somit ist eine andersartige Sunna schon jetzt ausgeschlossen, da sie außerhalb des Korans liegen müsste. Dazu muss man auch die Frage stellen, wenn denn nun eine wie auch immer gehandhabte Sunna außerhalb des Korans Autorität haben soll, die erst Jahrhunderte später gesammelt und beurteilt wurde, voller Widersprüche ist, sich mit folgendem Vers vertragen soll, der schon viel früher da war:

 

5:3 Heute habe Ich euch eure Religion vervollkommnet und Meine Gunst an euch vollendet, und Ich bin mit dem Islam (Ergebung) als Religion für euch zufrieden.

 

Der Koran jedoch enthält keine Widersprüche (4:82). Kommen wir nun zum Propheten selber. Der Prophet ist laut Koran keine vollkommene Person (9:43, 66:1, 47:19, 48:2) wird aber an anderen Stellen gelobt. Somit hatte er schlussendlich einen außergewöhnlichen Charakter, was auch im Koran Anklang findet. Der Koran fordert den Propheten auf, nicht nach seiner eigenen Neigung zu gehen:

 

2:120 Wenn du jedoch ihren Neigungen folgst nach dem, was dir an Wissen zugekommen ist, so wirst du vor Gott weder Schutzherrn noch Helfer haben. (siehe zB auch: 2:145, 5:48, 5:49)

 

Wir sehen also, dass der Prophet durchaus eine eigene Neigung hatte und dementsprechend keinesfalls sein ganzer Gemütszustand als Offenbarungsquelle gemeint sein kann, wie man es in den Versen 53:1-4 vorgeben will. Wir müssen auch beachten, dass ein Prophet und ein Gesandter nicht dasselbe sind. Somit ist in den Versen 53:1-4 nur die Gesandtenfunktion gemeint, wonach ein Gesandter wie alle Gesandten nur die Botschaft, also den Koran zu übermitteln haben (16:35). Da Offenbarungen nicht vom Gesandten selbst kommen, sondern Gott sie ihm eingibt, haben wir dementsprechend keinen Widerspruch in den Versen, wenn diese Muhammad keine Neigung attestieren. Aber ein Prophet ist nicht vollkommen, wie wir aus den eben genannten Versen entnehmen können und so wird der Prophet mit seiner Gesandtenfunktion zusammen im Koran auch dementsprechend nur als Warner gesehen:

 

7:188 Ich bin nur ein Warner und ein Frohbote für Leute, die glauben. (siehe auch: 27:92, 35:23)

 

Wir sehen der Prophet und Gesandte ist nur ein Warner. Nun, womit hat er denn gewarnt? Schauen wir auf folgende Verse:

 

32:2-3 Die Offenbarung des Buches, an dem es keinen Zweifel gibt, ist vom Herrn der Weltenbewohner. Oder sagen sie: „Er hat es ersonnen“? Nein! Vielmehr ist es die Wahrheit von deinem Herrn, damit du ein Volk warnst, zu denen noch kein Warner vor dir gekommen ist, auf dass sie rechtgeleitet werden mögen.

 6:19 Sag: Welches ist das größte Zeugnis? Sag: Gott (, Er) ist Zeuge zwischen mir und euch. Und dieser Qur’an ist mir eingegeben worden, damit ich euch und (jeden), den er erreicht, mit ihm warne. Wollt ihr denn wahrlich bezeugen, daß es neben Gott andere Götter gibt? Sag: Ich bezeuge (es) nicht. Sag: Er ist nur ein Einziger Gott, und ich sage mich von dem los, was ihr (Ihm) beigesellt. (siehe auch 42:7, 7:2-3)

 

Wir erkennen, dass die einzige Funktion Muhammads ein Warner ist und dies anhand des Korans geschieht. Es gibt keinen einzigen Vers im Koran, der Offenbarung mit etwas Anderem als den Koran oder den vorangegangenen heiligen Büchern in Verbindung bringt. Was sagt der Koran weiter über Muhammad?

 

18:110 Sag: Gewiss, ich bin ja nur ein menschliches Wesen gleich euch… (siehe auch 41:6)

 

Über Muhammad wird also mit Berücksichtigung des Kontextes gesagt, dass er nur ein Mensch, nur ein Warner ist. Der nächste Punkt ist, was vor Gott nun als Offenbarung gilt. Folgende Verse beantworten die Frage:

 

2:22-23 … So stellt Gott nicht andere als Seinesgleichen zur Seite, wo ihr (es) doch (besser) wißt. Und wenn ihr im Zweifel über das seid, was wir unserem Diener offenbart haben, dann bringt doch eine Sura gleicher Art bei und ruft eure Zeugen außer Gott an, wenn ihr wahrhaftig seid!

17:82: Und Wir offenbaren vom Qur’an, was für die Gläubigen Heilung und Barmherzigkeit ist; den Ungerechten aber mehrt es nur den Verlust. (siehe auch: 2:23, 45:1-2, 12:2, 5:48)

 

Die Bejahenden der Frage “Ist Sunna eine Offenbarung” sollen uns jetzt aus dem Koran belegen, dass es andere Offenbarungen außerhalb des Korans und den vorangegangenen Büchern gibt. Es gibt im Koran nur folgende Einwände, die man machen könnte:

 

66:3 Als der Prophet einer seiner Gattinnen eine Mitteilung im geheimen anvertraute. Als sie sie dann kundtat und Gott es ihm offen darlegte, gab er (ihr) einen Teil davon bekannt und überging einen (anderen) Teil. Als er es ihr nun kundtat, sagte sie: „Wer hat dir das mitgeteilt?“ Er sagte: „Kundgetan hat (es) mir der Allwissende und Allkundige.“

 

Gott teilt also dem Propheten etwas mit, das im Koran keine Erwähnung findet. Im Vers kommt jedoch das Wort “Offenbarung” (arabisch: vahy) hier gar nicht vor und Gott es hier nur „offen darlegt“. Deswegen hat es mit dem Status “Offenbarung”, die für uns auch relevant ist, nichts gemein. Die Details in diesem Vers sind für uns sowieso völlig hinreichend, um daraus für den Glauben die nötigen Schlüsse zu ziehen. Nächster Vers:

 

8:6-7 und sie mit dir über die Wahrheit stritten, nachdem (es) klargeworden war, als ob sie in den Tod getrieben würden, während sie zuschauten. Und als Gott euch versprach, daß die eine der beiden Gruppen euch gehören sollte, und ihr (es) lieber gehabt hättet, daß diejenige ohne Kampfkraft euer sein sollte! Aber Gott will mit Seinen Worten die Wahrheit bestätigen und die Rückkehr der Ungläubigen abschneiden, …

 

Zwar hat sich Gott hier tatsächlich den Gläubigen in der Vergangenheit mitgeteilt, jedoch wird auch dazu Offenbarung selbst nicht erwähnt. Natürlich ist der Vers selbst Offenbarung und gibt uns alle nötigen Details, damit wir als Gläubige erkennen können was hier genau in der Vergangenheit mitgeteilt wurde. Zum Einwand, dass es hier außerhalb des Korans Offenbarung geben soll, kann man folgenden Vers aufzeigen:

 

16:101 Und wenn Wir einen Vers anstelle eines (anderen) Verses austauschen – und Gott weiß sehr wohl, was Er offenbart -, sagen sie: „Du ersinnst nur Lügen.“ Aber nein! Die meisten von ihnen wissen nicht.

 

Gott hat also in 8:6-7 die letzte Form dieser Geschichte, in einer für Ihn genügenden Weise, beschrieben. Wir haben also im Koran die vollkommene (5:3), ausführlich dargelegte (6:114, 11:1, 41:3, 41:44), vollständige (auch: vollkommene) (6:115), nichts ausgelassene (6:38) und alles erklärende (16:89, 12:111) Fassung der Offenbarungen, die für uns erlaubt sind (5:44,45,47). Ich möchte auch anmerken, dass Muhammad als Prophet, also nicht in seiner Gesandtenfunktion, sich zu beraten hatte (3:159). Warum soll sich Muhammad beraten da er doch nicht aus eigener Neigung spricht? Im Koran steht doch:

 

6:57 Das Urteil gehört allein Gott. Er berichtet die Wahrheit, und Er ist der Beste derer, die entscheiden.

 

Natürlich handelt es sich in 3:159 nur um weltliche Angelegenheiten, die der Prophet mit Einbeziehung seiner Landsleute zu entscheiden hatte und nicht um religiöse Belange. Doch wenn wir sagen, dass Muhammad nur Offenbarungen von sich gab, haben wir hier einen klaren Widerspruch zu 6:57.

 

Die Weisheit, die nicht die Sunna ist

Ich möchte noch auf ein weiteres Gegenargument eingehen. Es wird in Bezug zu dieser Argumentation gerne die Behauptung aufgestellt, dass zwar Offenbarung nicht direkt mit der tradierten Sunna in Beziehung stehe, jedoch die Weisheit, welche laut Koran Muhammad gegeben wurde, diese Sunna darstellen soll. Gerne wird dabei folgender Vers präsentiert, um diesem Argument Nachdruck zu verleihen:

 

3:164: Gott hat den Gläubigen wirklich eine Wohltat erwiesen, als Er unter ihnen einen Gesandten von ihnen selbst geschickt hat, der ihnen Seine Zeichen verliest, und sie läutert und sie das Buch und die Weisheit lehrt, obgleich sie sich zuvor wahrlich in deutlichem Irrtum befanden.

 

Hier möchte ich zuallererst den Leser darauf aufmerksam machen, dass von Weisheit die Rede ist, nicht aber von einer Sunna. Im Koran ist das Wort Sunna bekannt und findet, wie anfangs erläutert, nur in Beziehung zur Sunna Gottes Erwähnung. Aber auch aus den eigenen Quellen der Sunniten kann man unschwer erkennen, dass Weisheit unterschiedlich interpretiert wurde. Wenn wir zum Beispiel einer Überlieferung von Ibn Abbas glauben schenken wollen, so hält er selbst Weisheit für Koranwissen.

Die oben zitierte Verskonstellation kommt so mehrfach im Koran vor. Jedes mal fängt es in diesen Versvarianten immer damit an, dass Zeichen (der Koran) verlesen werden. Man kann dem Argument, dass Weisheit Sunna sein soll, folgendermaßen schnell entgegnen, indem man anführt, dass der Gesandte hier das Buch und die Weisheit nur mit dem Koran weitergibt. Jetzt ist die Behauptung „eine bestimmte Sunna muss das regeln“ nur noch an einer Frage zu klären: Verliest der Gesandte die Zeichen und die Weisheit nur aus dem Koran? Für die Bestätigung unserer These und die Bejahung dieser Frage seien folgende Koranverse genannt:

 

17:39 Das ist etwas von dem, was dir dein Herr an Weisheit (als Offenbarung) eingegeben hat. Und setze neben Gott keinen anderen Gott, sonst wirst du in die Hölle geworfen, getadelt und verstoßen.

10:1 Alif-Lam-Ra. Dies sind die Zeichen des weisen Buches.

 

Insbesondere Vers 17:39 folgt nach einer Fülle von Anordnungen für die Gläubigen in den vorherigen Versen, womit ein direkter Bezug zum Koran hergestellt ist. Auch folgende Verse bestätigen nochmals unsere These:

 

27:91-92 Mir ist nur befohlen worden, dem Herrn dieser Ortschaft zu dienen, Der sie geschützt hat und Dem alles gehört. Und mir ist befohlen worden, einer der (Ihm) Ergebenen zu sein. und den Qur’an zu verlesen. Wer sich nun rechtleiten lässt, der ist nur zu seinem eigenen Vorteil rechtgeleitet. Und wenn einer irregeht, dann sag: Ich gehöre ja nur zu den Überbringern von Warnungen.

 

Weitere Betrachtungen zur Bejahung der Frage, ob Weisheit nur dem Koran entnommen werden kann, finden Sie in den am Artikelende verlinkten Beiträgen. Die Befürworter der Behauptung, dass Sunna eine Offenbarung sei, können hingegen keinen einzigen Koranvers aufbieten, in dem Weisheit eine ergänzende Sunna sein soll. Es gibt keinen einzigen Vers im Koran, der Weisheit anders erklärt als in Bezug zur Offenbarung in den abrahamitischen Büchern. Sunna selbst wird, wie eben erwähnt, im ganzen Koran nur in Bezug zu Gott verwendet. Für diejenigen Leser, die eine traditionelle Sunna nicht als Offenbarung sehen, ihr aber trotzdem Autorität geben, kann man noch folgende Argumente aufbringen: Immer steht in diesen Verskonstellationen, dass der Gesandte „sie läutert”. Wenn wir argumentieren, dass dies mit der Sunna geschehe, widerspricht das eindeutig Koranversen, in denen Gott sagt:

 

28:56 Gewiß, du kannst nicht rechtleiten, wen du gern (rechtgeleitet sehen) möchtest. Gott aber leitet recht, wen Er will. Er kennt sehr wohl die Rechtgeleiteten.

 

Deswegen kann der Gesandte nicht über eine eigene Sunna rechtleiten/läutern. Der vorletzte Punkt dazu ist, dass wieder vom Gesandten die Rede ist und das ist auch in allen anderen betreffenden Verskonstellationen der Fall. Die einzige Funktion für einen Gesandten ist überall im Koran nur die Übermittlung der Botschaft. Sollte also der Gesandte außerhalb des Koran etwas hinzufügen, widerspricht das der mehrfach im Koran erwähnten einzigen Funktion, dass der Gesandte nur die Offenbarung zu übermitteln hat.

Für die Befürworter der Behauptung, dass Sunna eine Offenbarung sei, kommt in Bezug zum eben erwähnten Vers 28:56 noch folgende Frage hinzu: Wenn der Prophet selbst nicht rechtleiten kann, wen er will, obwohl er ja nach der Meinung der Befürworter nur Offenbarungen von sich gibt, wieso kann er dann nicht rechtleiten, wen er will? Hat er jetzt doch eine eigene Persönlichkeit oder Teilpersönlichkeit? Und wenn dem so ist, wie will man das denn nun genau trennen? Gibt es einen Koranvers, der das regelt? Wohl kaum! Ich schließe den Artikel mit folgenden Versen ab:

 

43:15 Und sie stellen Ihm einen Teil von Seinen Dienern (als Seinesgleichen zur Seite). Der Mensch ist ja offenkundig sehr undankbar.

6:155 Und dies ist ein Buch, das Wir (als Offenbarung) hinabgesandt haben, ein gesegnetes (Buch). So folgt ihm und seid gottesfürchtig, auf daß ihr Erbarmen finden möget!

 

Lesenswerte und weiterführende Artikel zu dieser Thematik:

Die Stellung der Juden und Christen (Schriftbesitzer) im Koran

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Teufel,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,

Frieden,

in diesem Artikel werde ich erörtern, ob die oftmals aufgestellte Behauptung stimmt, Juden und Christen flögen auf der Überholspur in die Hölle, um dort ewig zu brennen, oder ob der Koran hier eine andere Position vertritt. Wir werden in diesem Artikel sehen, dass dieses Thema von konservativen Traditionalisten, vor allem im Bezug zum Koran sehr oft einseitig verstanden oder sogar der unmittelbare koranische Kontext nicht beachtet wird. Ich werde den Begriff “Islam” näher erörtern und aufzeigen, dass dieses Wort nicht einfach nur eine Worthülse, ein Freifahrtschein für das Paradies ist, sobald man die fast immer entstellte Bezeugung (Siehe: Die Shahadah: Das Glaubensbekenntnis der Ergebenen) und die angeblichen fünf Säulen des Islams befolgt. Zuallererst gebe ich die Grundbedingung im Islam an, die nötig ist, um ins Paradies zu gelangen. Vorher möchte ich noch auf folgendes hinweisen:

Niemand außer Gott kann bestimmen, dass eine Person einen sicheren Platz im Garten Eden hat.
Laut Koran werden nämlich selbst die Gesandten am jüngsten Tag befragt (39:69, 7:6).

Aber zurück zu unserer Grundbedingung:

 

64:9 Wer an Gott glaubt und rechtschaffen handelt, dem tilgt Er seine bösen Taten, und den wird Er in Gärten eingehen lassen, durcheilt von Bächen, ewig und auf immer darin zu bleiben; das ist der großartige Erfolg. (Siehe auch 2:62 und 5:69)

 

Generell hat also jeder Mensch, mit Berücksichtigung von 2:62 und 5:69, die Chance ins Paradies zu gelangen, der:

  • an Gott und an den Jüngsten Tag glaubt
  • und rechtschaffen handelt

Und nun zu den  Juden und Christen:

 

2:62: Diejenigen, die glauben, und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Christen und die Säbier – wer immer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und rechtschaffen handelt, – die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, und keine Furcht soll sie überkommen, noch werden sie traurig sein. (Siehe auch: 5:69)

 

Hier wird also den Juden, Christen und Säbiern die Belohnung Gottes ermöglicht. Aber ich höre schon im Hintergrund die Traditionalisten aufspringen, die mit den Ahadith wedeln, um den Vers zu entstellen! Die traditionellen Gelehrten verstellen – unbewusst oder mit Absicht – durch einen Hadith diesen Vers und behaupten, dass hier (2:62) nur die vor dem Islam existierenden Juden Christen und Säbier gemeint sein sollen! Es wird übergangen, dass es Gott allein ist, der den Koran erklären darf (Siehe auch: Und sie sagen der Koran reicht aus! (4/4)). Darüber hinaus ergibt sich ein Widerspruch, wenn behauptet wird, 2:62 meine nur die vorherigen Christen und Juden. Laut Koran wurde die Religion von Gott selbst vervollkommnet und sein Wort geschützt (5:3, 15:9). Demzufolge ergäbe es keinen Sinn, dass ein vollkommenes Buch einer Erklärung im Nachhinein bedürfe, wo Gott persönlich sagt, dass Er selbst die besten Erklärungen liefern werde (25:33). Es kann also nicht sein, dass ein Hadith eine nachträgliche inhaltliche Änderung eines Verses liefert und sich dabei nicht auf Koranverse stützt. Im Endeffekt sind die Ahadith sinnlos in dieser Hinsicht und der angewendete Hadith hat somit keinen Bestand und ist eine klare unerlaubte, inhaltliche Veränderung des Koranverses. Ferner kann man sagen, dass der Koran oft allgemeine Definitionen über Gläubige liefert, ohne sie in eine Gruppe einzuordnen (64:9, 2:82, 4:124, 7:42, 11:23).

Aus den eben erwähnten zwei Grundbedingungen heraus beleuchten wir nun im weiteren Verlauf den Koran – hauptsächlich in Bezug zu den Juden und Christen. Diese beiden Religionsgruppen werden im Koran als Leute der Schrift bezeichnet. Sie,  also die damaligen Juden und Christen, werden im Koran teilweise stark kritisiert aber auch gelobt. Dies hat den Grund, dass ihre Geschichten Beispiele für uns darstellen, dass wir sowohl die guten Beispiele umsetzen als auch die schlechten Beispiele als Warnung sehen sollen, dieselben Fehler zu vermeiden. Mit Sicherheit kann man aber sagen, dass Juden und Christen im Koran keinesfalls pauschal als Leugner der Wahrheit (Kāfirūn) bezeichnet werden.

Leugner der Wahrheit sind nicht, wie gerne falsch übersetzt wird, Menschen, die nur nicht glauben, wie zum Beispiel Atheisten. Dazu mehr im Artikel ‚Die Eigenschaften der Ungläubigen‚. Vielmehr sind es Menschen, die die Wahrheit in den Offenbarungen erkennen, sie aber leugnen. Ein Mensch zum Beispiel, der für den eigenen Profit bewusst Gesetze aus den Offenbarungen bricht und nicht bereut, fällt in die Kategorie Leugner der Wahrheit (2:89-90, 2:109, 2:211).

Es wird jetzt Anhand von Koranversen aufgezeigt, dass Juden und Christen nicht einfach als homogene Gruppe im Koran gesehen werden, sondern eine klare Differenzierung stattfindet:

 

3:113-114 Sie sind nicht (alle) gleich. Unter den Leuten der Schrift ist eine standhafte Gemeinschaft, die Gottes Zeichen zu Stunden der Nacht verliest und sich (im Gebet) nieder wirft. Sie glauben an Gott und den Jüngsten Tag und gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche und beeilen sich mit den guten Dingen. Jene gehören zu den Rechtschaffenen.

5:82 Du wirst ganz gewiss finden, dass diejenigen Menschen, die den Gläubigen am heftigsten Feindschaft zeigen, die Juden und diejenigen sind, die beigesellen. Und du wirst ganz gewiss finden, dass diejenigen, die den Gläubigen in Freundschaft am nächsten stehen, die sind, die sagen: „Wir sind Christen.“ Dies, weil es unter ihnen Priester und Mönche gibt und weil sie sich nicht hochmütig verhalten.

3:55 Als Gott sagte: „O Jesus, Ich werde dich (nunmehr) abberufen und dich zu mir emporheben und dich von denen, die ungläubig sind, reinigen und diejenigen, die dir folgen, bis zum Tag der Auferstehung über diejenigen stellen, die ungläubig sind. Hierauf wird eure Rückkehr zu Mir sein, und dann werde Ich zwischen euch richten über das, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.

 

Wir sehen, dass Juden und Christen differenziert betrachtet werden und nicht von allen Schriftbesitzern die Rede sein kann, wenn sie unter “Juden” oder “Christen” kritisiert werden. In den folgenden Versen sehen wir, dass Gott sich nicht in Bezug auf Juden, Christen oder Muslimen als “Gruppe” festlegt, sondern den Wert auf die vorhin genannten Grundbedingungen stützt. Dementsprechend, wenn Gott im Koran sagt…

 

3:85 Wer aber als Religion etwas anderes als den Islam begehrt, so wird es von ihm nicht angenommen werden, und im Jenseits wird er zu den Verlierern gehören.

 

… bedeutet Islam nicht einfach einer Religion anzugehören, die Bezeugung oder die fünf Säulen des Islams zu befolgen, sondern auch die anderen Offenbarungen ernstzunehmen und an diese zu glauben. Islam bedeutet “Ergebung in Gott”- es ist also eine aktive Handlung, die ihre Details im Koran aber auch in den vorangegangenen Offenbarungen erfährt. Eine nähere Erläuterung von „Muslim“ finden Sie im Artikel ‚Die Charaktereigenschaften der Muslime‚.

Im Koran werden Juden und Christen kritisiert, sich jeweils als einzige Gruppe zu sehen, die als Gläubige gelten würden (2:120, 2:135, 4:123, 57:29). Natürlich sehen wir das gleiche Verhalten nicht nur in der damaligen Geschichte, sondern auch in der Gegenwart bei vielen Anhängern der abrahamitischen Religionen, also auch bei Muslimen. Aber laut Koran ist der Islam keine neue Religion und der Islam, wie gesagt, nicht einfach eine „Gruppe“, sondern eine aktive Lebenseinstellung ohne individuelle Gruppenzugehörigkeit. Diese Thesen belegen besonders folgende Verse:

 

3:67 Abraham war weder ein Jude noch ein Christ, sondern er war Anhänger des rechten Glaubens, einer, der sich Gott ergeben hat, und er gehörte nicht zu den Götzendienern.

4:125 Wer hätte eine bessere Religion, als wer sein Gesicht Gott hingibt und dabei Gutes tut und dem Glaubensbekenntnis Abrahams folgt, (als) Anhänger des rechten Glaubens? Und Gott nahm sich Abraham zum Freund.

 

Dass der Koran sich im Glauben nicht einfach nur auf bestimmte Offenbarungen fixiert, zeigen unter anderem folgende Verse:

 

4:123-125 Es geht weder nach euren Wünschen noch nach den Wünschen der Leute der Schrift. Wer Böses tut, dem wird es vergolten, und der findet für sich außer Gott weder Schutzherrn noch Helfer. Wer aber, sei es Mann oder Frau, etwas an rechtschaffenen Werken tut, und dabei gläubig ist, jene werden in den Garten eingehen, und es wird ihnen nicht ein Dattelkerngrübchen Unrecht zugefügt. Wer hätte eine bessere Religion, als wer sein Gesicht Gott hingibt und dabei Gutes tut und dem Glaubensbekenntnis Abrahams folgt, (als) Anhänger des rechten Glaubens? Und Gott nahm sich Abraham zum Freund.

16:123 Und hierauf haben Wir dir (Muhammad) eingegeben: „Folge dem Glaubensbekenntnis Abrahams, (als) Anhänger des rechten Glaubens, und er gehörte nicht zu den Götzendienern.“

 

Wir sehen also, dass der Islam nicht einfach “die neueste einzig richtige Religion” ist, sondern die gleichen, vorherigen Offenbarungen bestätigende Religion ist (siehe auch 5:48, 6:92, 10:37, und das Buch Koran, Hadith und Islam). Es wird zwar im Koran bestätigt, dass jede Gemeinschaft ihre eigene kultische Richtung hat (2:148), jedoch sind die Gemeinsamkeiten der Schriften überaus deutlich zu sehen. Wir haben also im Koran, der Tora und dem Evangelium eine sich gegenseitig bestätigende Offenbarungswelle, die in ihrem Wesen gleich sind, also voneinander abhängige Religionen darstellen. Das zeigen folgende Verse unumstößlich:

 

16:43 Und Wir haben vor dir nur Männer gesandt, denen Wir (Offenbarungen) eingegeben haben. So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst. (Siehe auch 21:7)

 

Der Koran gilt als unverfälschtes Wort Gottes, der die Streitigkeiten unter den damaligen Schriftbesitzern aufklärt (16:64). Schauen wir nun auf die Stellung der Schriftbesitzer. Der Koran erlaubt die Heirat mit Schriftbesitzern:

 

5:5 Heute sind euch die guten Dinge erlaubt. Und die Speise derjenigen, denen die Schrift gegeben wurde, ist euch erlaubt, und eure Speise ist ihnen erlaubt. Und die ehrbaren von den gläubigen Frauen und die ehrbaren Frauen von denjenigen, denen vor euch die Schrift gegeben wurde, …

 

Hätten die konservativen Traditionalisten also Recht, dann dürften Muslime mit solchen verheiratet sein, die ihrer Meinung nach Ableugner der Wahrheit sind. Doch der Koran verbietet die Heirat mit Götzendienern oder Leugnern der Wahrheit (Kāfirūn):

 

60:10 … Und haltet nicht am Bund mit den der Wahrheit leugnenden Frauen fest. …

2:221 Und heiratet Götzendienerinnen nicht, bevor sie glauben.

 

Somit können mindestens nicht alle Schriftbesitzer Leugner der Wahrheit sein. Sie müssen aber auch nicht Anhänger Muhammads sein (5:43-48), müssen aber an den Koran glauben, da es widersprüchlich wäre an Gott zu glauben und gleichzeitig eine Seiner Offenbarungen abzulehnen, was wir gleich sehen werden. Wir sehen also, dass die Stellung der Schriftbesitzer keineswegs eindeutig ist und einer genauen Analyse bedarf. Nicht alle Schriftbesitzer sind Leugner der Wahrheit (Kāfirūn), doch waren es die meisten zum Zeitpunkt der Offenbarung und sind es auch heute noch (5:59, 5:68, 12:103, 12:106). Jetzt wird der Frage nachgegangen, ob Christen an den Koran glauben müssen. In Vers 16:64 wird beschrieben, warum der Koran gesandt wurde:

 

16:64 Und Wir haben auf dich das Buch nur hinab gesandt, damit du ihnen das klar machst, worüber sie uneinig gewesen sind, und als Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.

 

Der Koran versteht sich also als Erklärung der Meinungsverschiedenheiten unter den Schriftbesitzern,  nicht aber im Sinne einer Richtigstellung von Verfälschungen der vorangegangenen Schriften!
 

Zum Verständnis der verwendeten Begriffe: Der Koran gibt nur den Evangelien Autorität (Apokryphen inbegriffen) nicht aber der ganzen Bibel, genauso wie bei Juden nur der Tora. Die Bibel besteht aus dem Altem Testament und dem Neuem Testament. Das AT besteht aus der Tora und den restlichen folgenden Schriften bis zum NT. Das NT besteht aus den Evangelien und den restlichen Schriften bis zum Ende der Bibel.

 Der Koran sieht sich als Bestätigung dieser Schriften:
 

2:41 Und glaubt an das, was Ich (als Offenbarung) hinab gesandt habe, das zu bestätigen, was euch bereits vorliegt. (Siehe auch: 2:91, 2:97, 2:101 und viele andere Verse)

5:68 Sag: O Leute der Schrift, ihr fußt auf nichts, bis ihr die Tora und das Evangelium und das befolgt, was zu euch (als Offenbarung) von eurem Herrn herab gesandt worden ist. Was zu dir (als Offenbarung) von deinem Herrn herab gesandt worden ist, wird ganz gewiss bei vielen von ihnen die Auflehnung und den Unglauben noch mehren. So sei nicht betrübt über das ungläubige Volk!

 

Die Schriftbesitzer sind also verpflichtet an den Koran zu glauben. Das Befolgen bezieht sich nicht einfach nur auf den Koran, sondern auf alle drei Bücher – denn sie alle sind in ihrem Wesen gleich. Gott sagt deswegen über den Koran, wie eben auch erwähnt, dass er die vorangegangenen Schriften bestätigt, nicht aber Verfälschungen innerhalb der Schriften korrigiert! Es gilt auch: Wie die Schriftbesitzer an den Koran zu glauben haben, ist es auch den Muslimen in Bezug zur Tora und zum Evangelium eine Pflicht, sie auch heute noch als Gottes Offenbarungen zu akzeptieren:

 

29:46 Und streitet mit den Leuten der Schrift nur in bester Weise, außer denjenigen von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: „Wir glauben an das, was (als Offenbarung) zu uns herab gesandt worden ist und zu euch herab gesandt worden ist; unser Gott und euer Gott ist Einer, und wir sind Ihm ergeben‘.“ (Siehe auch: 4:47)

2:136 Sagt: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns (als Offenbarung) herab gesandt worden ist, und an das, was zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen herab gesandt wurde, und (an das,) was Moses und Jesus gegeben wurde, und (an das,) was den Propheten von ihrem Herrn gegeben wurde. Wir machen keinen Unterschied bei jemandem von ihnen, und wir sind Ihm ergeben. (Siehe auch 2:285 und 3:84)

 

Der Koran erwähnt eine angebliche Verfälschung der Tora oder des Evangeliums in keinem Vers! Im Koran steht stattdessen:

 

2:121 Diejenigen, denen Wir die Schrift gegeben haben, lesen sie, wie es ihr zusteht; sie glauben daran. Wer sie jedoch verleugnet, das sind die Verlierer.

 

Der Koran hält also dazu an, die vorangegangenen Schriften richtig zu lesen. Vergessen wir nicht: Jesus selbst sagt im Evangelium, dass er zu den Menschen nur in Gleichnissen spricht (Lukas: 8:10). Laut Koran sollen die Christen nach dem urteilen, was sie im Evangelium vorfinden, und die Juden nach der Tora:

 

5:47 Und so sollen die Leute des Evangeliums nach dem walten, was Gott darin herab gesandt hat. Wer nicht nach dem waltet, was Gott (als Offenbarung) herab gesandt hat, das sind die Frevler.

5:43 Wie aber können sie dich richten lassen, während sie doch die Tora haben, in der das Urteil Gottes (enthalten) ist, und sich hierauf, nach alledem, abkehren? Diese sind doch keine Gläubigen.

 

Wir müssen also davon ausgehen, dass die Tora und das Evangelium mindestens insoweit authentisch sind, dass Juden und Christen mit ihnen urteilen können. Wenn es direkte Widersprüche mit dem Koran gibt, ist er vorzuziehen. Man muss aber auch sagen, dass diese „kritischen Stellen“, seien sie in der Tora oder im Evangelium, meistens auch Koran konform gelesen werden können und man nicht von einer Verfälschung sprechen muss. Ich möchte hier anmerken, dass die Tora und das Evangelium zu Zeiten Muhammads die gleichen Schriften waren, wie wir sie heute vorliegen haben. Traditionalisten entgegnen der Verpflichtung, die Tora ernstzunehmen, mit folgendem Vers:

 

4:46 Unter denjenigen, die dem Judentum angehören, verdrehen manche den Sinn der Worte‘ und sagen: „Wir hören, doch wir widersetzen uns“ und: „Höre ohne zu hören!“ und : „Hüte uns!“, wobei sie mit ihren Zungen verdrehen und die Religion schmähen. Wenn sie gesagt hätten: „Wir hören und gehorchen“ und: „Höre!“ und: „Schau auf uns!“, wäre es wahrlich besser und richtiger für sie. Aber Gott hat sie für ihren Unglauben verflucht. Darum glauben sie nur wenig.

 

Hier wird nur kritisiert, dass der Sinn der Worte verdreht wird und nicht die Tora selbst. Ähnlich verhält es sich, wenn mittels der Ahadith die Worte des Koran verdreht werden. Wenn wir den Vers so auslegen, also im Sinne einer direkten Verfälschung der gesamten Tora, würde es mit unzähligen Versen kollidieren, die der Tora Autorität zusprechen:

 

3:93 Alle Speisen waren den Kindern Israels erlaubt außer dem, was Israel sich selbst verbot, bevor die Tora offenbart wurde. Sag: Bringt doch die Tora bei und verlest sie dann, wenn ihr wahrhaftig seid.

5:66 Wenn sie nur die Tora und das Evangelium und das befolgten, was zu ihnen von ihrem Herrn herabgesandt wurde, würden sie fürwahr von (den guten Dingen) über ihnen und unter ihren Füßen essen. Unter ihnen ist eine gemäßigte Gemeinschaft; aber wie böse ist bei vielen von ihnen, was sie tun. (Siehe auch 5:43, 5:44, 5:68, 49:29, usw.)

4:47 O ihr, denen die Schrift gegeben wurde, glaubt an das, was Wir offenbart haben, das zu bestätigen, was euch (bereits) vorliegt, bevor Wir Gesichter auslöschen und nach hinten versetzen oder sie verfluchen, wie Wir die Sabbatleute verfluchten. Gottes Anordnung wird (stets) ausgeführt.

6:91 Sie schätzen Gott nicht ein, wie es Ihm gebührt‘, wenn sie sagen: „Gott hat nichts auf ein menschliches Wesen herab gesandt.“ Sag: Wer sandte die Schrift herab, die Moses als Licht und Rechtleitung für die Menschen brachte, die ihr zu Blättern macht, die ihr offen zeigt, während ihr vieles verbergt, und es wurde euch gelehrt, was ihr nicht wusstet, weder ihr noch eure Väter? Sage: Gott. Sodann lasse sie mit ihren schweifenden Gesprächen ihr Spiel treiben. (Siehe auch 3:71)

 

Es wird also verborgen und nicht allgemein die Schrift selbst verfälscht.
 

Auswertung

Keinesfalls verhält es sich so, dass Juden und Christen automatisch in der Hölle landen müssen. Ihnen ist aber auferlegt an den Koran zu glauben (2:99, 2:41, 3:110, 5:19, 5:68, 7:40, 7:182). Das heißt aber nicht, dass ihnen auferlegt ist, Muslime im Sinne der letzten Religion zu werden – den Koran so zu befolgen, dass somit die jüdischen und christlichen Richtlinien verlassen werden sollten und ihre Offenbarungen ungültig sind. Der Koran macht einen klaren Unterschied zwischen den Schriftbesitzern und den Gläubigen, die nach dem Koran urteilen, sieht aber beide als Gläubige an, solange der Glaube richtig ausgelebt wird. Die vorangegangenen Schriften sind primär keine sich vom Koran unterscheidenden Schriften. Deswegen fordert der Koran uns auch auf, an manchen Stellen die Kundigen der Schriftbesitzer zu befragen, wenn man manche Dinge nicht weiß (16.23, 21:7). Somit können sie ihre Riten weiter verfolgen und jeweils nach dem Evangelium oder nach der Tora urteilen (5:47, 5:43). Ihre Religion muss aber im Lichte der Berichtigungen ihrer Streitigkeiten innerhalb des Koran entsprechend ausgelebt werden, zum Beispiel durch die Ablehnung der katholischen Trinität. Bitte beachten, dass ich hier nicht von einer allgemeinen Verfälschung spreche, sondern davon, die vorangegangenen Bücher richtig zu lesen (2:121).  Zum Beispiel kann man die Bibel so lesen, dass die Trinität bestätigt wird, oder auch so, dass die Trinität keine Begründung findet. Es verhält sich sehr ähnlich, wenn wir berücksichtigen, dass der Koran zwar unverfälscht ist, aber vor dem gleichen Dilemma steht, wenn der Text falsch verstanden wurde oder man Sekundärquellen bei der Erklärung des Korans benutzt hatte, die den Sinn der Worte verdrehen. Das bedeutet somit auch, dass die Leute der Schrift den Koran, an den sie glauben müssen, auch richtig verstehen müssen. Angenommen ein Christ befolgt das Evangelium nach Gottes Richtlinien und glaubt nicht so an den Koran, wie die meisten Muslime ihn mit Ahadith auslegen, ist dieser viel besser dran als die meisten Muslime, weil er eigentlich die Ahadith ablehnt und nicht den Koran. Die Inhalte des Koran wurden ihm ja noch gar nicht vermittelt.

Im Umkehrschluss ist für die Muslime der Glaube an die Tora und das Evangelium verpflichtend – unter dem Aspekt sie richtig zu lesen, wie es bereits den Schriftbesitzern auferlegt ist (2:121). Da der Koran die letzte Offenbarung ist und die Streitigkeiten der Schriftbesitzer klärt, muss die Auslebung der Streitpunkte Koran konform sein  und tatsächlich gibt es auch nicht wenige gläubige Christen, die zum Beispiel das Dogma der Trinität ablehnen. Aber auch ist das Evangelium für die Muslime wichtig, wie Jesus zum Beispiel in Bezug zur Ehe argumentiert, und manche Muslime den Koran dennoch so auslegen, als ob man unendlich Sklavinnen ehelichen dürfe (Siehe hierzu: Sklaverei im Islam? Ein Widerspruch des Polytheismus!). Alle Angehörigen der drei abrahamitischen Religionen sitzen also im selben Boot. Dass die Tora und das Evangelium generell verfälscht sein sollen und somit keine Autorität haben, ist aus dem Koran nicht herleitbar.

 

3:64 Sag: O Leute der Schrift, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleichen Wort: dass wir niemandem dienen außer Gott und Ihm nichts beigesellen und sich nicht die einen von uns die anderen zu Herren außer Gott nehmen. Doch wenn sie sich abkehren, dann sagt: Bezeugt, dass wir ergeben sind.

 

Ich hoffe, dass dieser Artikel einige vorgefertigte Meinungen widerlegen konnte und schließe diesen Artikel mit folgendem Koranvers ab:
 

5:48 Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt. Und wenn Gott wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Gott wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.

 
Weitere themenrelevante Artikel:

Thema des Monats Oktober ’14: Gedankenlose Traditionen? Das Opferfest

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Der Frieden sei mit euch liebe Leserinnen und liebe Leser, und Gottes Barmherzigkeit wie sein Segen!

So Gott will werden wir möglichst jeden Monat ein ausgewähltes Thema unseren Lesern zum Kommentieren anbieten. Damit möchten wir unseren Lesern die Möglichkeit geben, Einblicke zu erhalten, wie unterschiedlich die Menschen zum selben Thema denken können. Ähnlich einer Pinnwand, an der wir unsere Gedanken “pinnen” können. Einfach am besten spontan antworten!

 

Thema des Monats Oktober ’14: Gedankenlose Traditionen? Das Opferfest

 

22:37 Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreichen Gott. Ihn erreicht aber eure Achtsamkeit. So hat Er sie euch dienstbar gemacht, damit ihr Gott dafür preist, dass Er euch rechtgeleitet hat. Und verkünde den Gutes Tuenden frohe Botschaft!

 

Frieden sei mit euch

Gläubige, hinterfragt den Sinn dieses Opferfestes! Ist alles, was wir von unseren Vorvätern und unseren Ahnen lernten, auch wirklich Gottes Lebensordnung, die für uns vorgesehen ist? Viele von uns haben sich schon seit Kindesalter gefragt, ob Gott solch ein Massenschlachten der Tiere vorgesehen hat – selbst dann, wenn die Absicht der meisten, die im Namen Gottes Tiere schlachten, nicht bösen Ursprungs ist?

 

2:170 Und wenn ihnen gesagt wird: Folgt dem, was Gott herabsandte. Dann sagen sie: Vielmehr folgen wir dem, was wir bei unseren Vätern vorfanden. Auch dann, wenn ihre Väter weder etwas verstanden noch Rechtleitung fanden?

 

Müssten wir nicht eher „das Gute tun“ („amal as-salih“) als eine Tradition zu feiern? Müsste nicht das Wichtigere in den Vordergrund gestellt werden an solchen Tagen? Jeder hat doch seine eigenen Mittel und Wege, zum Guten beizutragen?! Ob offen oder im Verborgenen, Gott weiß um das Innere in unserem Herzen Bescheid.

 

2:148 Und für jeden gibt es eine Richtung, zu der er sich kehrt. So wetteifert um die guten Taten. Wo immer ihr auch seid, Gott bringt euch alle herbei. Gewiss, Gott ist über alle Dinge mächtig

2:270 Und was ihr an Abgabe ausgebt oder an Gelübde gelobt, so weiß Gott es gewiss. Und für die Ungerechten sind keine Helfer

 

Wie viel müssen wir wem als Hilfsgüter ausgeben?

 

2:215 Sie fragen dich, was sie abgeben sollen. Sage: Was ihr an Gutem ausgebt, ist für die Eltern, die Nahen, die Waisen, die Bedürftigen und die Obdachlosen, und was ihr an Gutem tut, so ist Gott darüber wissend

2:219Und sie fragen dich, was sie abgeben sollen. Sage: Verzeihung! Auf diese Weise macht Gott euch die Zeichen klar, auf dass ihr nachdenkt

2:273 Für die Armen, die auf dem Weg Gottes eingeschränkt sind, die sich auf der Erde nicht durchschlagen können. Der Ignorante rechnet von ihrer Zurückhaltung her damit, dass sie reich seien. Du erkennst sie an ihren Kennzeichen. Sie fragen die Menschen nicht aufdringlich. Und was ihr ausgebt an Gutem, so ist Gott darüber wissend

 

Was ist, wenn wir keine Bedürftigen oder Arme um uns herum finden?

 

2:177 Aufrichtigkeit ist nicht, wenn ihr eure Gesichter in Richtung des Ostens oder des Westens kehrt, sondern Aufrichtigkeit ist, wenn man an Gott, an den letzten Tag, an die Engel, an die Schrift und an die Propheten glaubte und das Geld, obwohl man es liebt, den Nahen, den Waisen, den Bedürftigen, dem Obdachlosen, den Fragenden und den Unfreien zukommen ließ und den Kontakt aufrechterhielt und zur Verbesserung beisteuerte. Die ihre Vereinbarung einhalten, wenn sie vereinbarten, und die in der Not, im Leid und wenn es schlimm zugeht, geduldig sind, das sind die Wahrhaftigen und das sind die Achtsamen

 

Die Fragenden und die Unfreien sind es, die unsere Hilfte benötigen, also die Sklaven der heutigen Zeit. Es ist leider so, dass die Sklaverei auch heute noch nicht abgeschafft wurde, sie nennt sich nur anders als früher. Befreien wir also die von Kreditschulden belasteten Menschen von ihrer Last und helfen uns gegenseitig!

Gebt dabei aber keine Güter ab, die ihr selber nur ungern annehmen wolltet, denn:

 

2:267 Ihr, die ihr glaubtet, gebt ab von den guten Dingen, die ihr erwarbt, und von dem, was wir für euch aus der Erde hervorbrachten, und sucht nicht das Üble davon aus, um es auszugeben, während ihr es nicht nehmt, außer ihr drückt dabei ein Auge zu. Und wisst, dass Gott reich, lobenswert ist

 

Wir wurden im Koran von unserem Herrn gewarnt, dass wir nicht damit beschäftigt sein sollen, Güter und Vermögen anzuhäufen, da uns sowieso nichts wirklich gehört und spätestens mit unserem Tod alles abgegeben wird. Diese Welt ist vergänglich und wir haben die kurze Zeit mit Sinnvollerem auszufüllen:

 

17:100 Sage: „Wenn ihr die Schätze der Barmherzigkeit meines Herrn besäßet, würdet ihr sie aus Furcht vor Verarmung zurückhalten. Der Mensch pflegt geizig zu sein.“

102:1-2 Euch lenkte die Vermehrung ab. Sogar die Friedhöfe habt ihr besucht!

 

Wie steht es nun um das Opferfest (عيد الأضحى – ʿĪdu l-Aḍḥā)? Ist dieses Fest aus dem Koran oder nicht? Woher kommt das Wort „Fest“ (ʿĪd – عيد) überhaupt? Soviel ist zu sagen: das Opferfest ist nicht aus dem Koran zu entnehmen! Selbst das zweite Wort al-Aḍḥā kommt im Koran nirgends in der heute gebrauchten Bedeutung vor!

Das Wort ʿĪd stammt von der Wurzel ayn-waw-dal (ع و د) ab und diese Wurzel bedeutet im Allgemeinen „zurückkehren“ oder „Rückkehr„. Im Koran wird dieses Wort an nur einer Stelle in dieser Form verwendet:

 

5:114 Jesus, Sohn der Maria, sagte: „Oh Gott, unser Herr, sende uns einen Tisch vom Himmel herab, dass er ein Fest (عيدا) für uns sei für den Ersten von uns und für den Letzten von uns, und ein Zeichen von Dir. Und versorge uns, denn Du bist der beste der Versorger.“

 

Allein an diesem Vers erkennen wir also die Bedeutung des Wortes ʿĪd in mindestens diesen Formen:

  • Es ist ein jedes Jahr zurückkehrender Brauch, der gemeinsam durchgeführt wird zum Wohle und für die geistige Gesundheit der Gemeinschaft.
  • Es ist für die Versorgung von Menschen gedacht zum Beispiel durch Essen und Getränke, insbesondere von Bedürftigen. Es ist auch ein Tag, um sich Gott gegenüber dankbar zu zeigen. Doch da die Versorgung nicht nur Essen und Getränke beinhaltet, bedeutet es das Abgeben von jeglicher Sache, die ein Bedürfnis des Armen versorgt. In anderen Worten ist es die Rückkehr der Gaben Gottes zu denen, die sie am meisten benötigen.
  • Das Fest wird durchgeführt, um sich Gottes Zeichen zu erinnern, also auch die Bücher Gottes, die Rechtleitung und die Gaben. Es soll ein Tag sein, an dem wir zu Gott zurückkehren. Insofern kann jeder Tag ein Fest sein, um zu Gott zurückzukehren, doch die Gemeinschaft der Gläubigen kann auch spezielle Tage festlegen, um bestimmter Geschichten aus dem Koran besonders zu gedenken. Das Opferfest als solches kommt im Koran nicht vor, doch kann es als ein von der Gemeinschaft festgelegter Tag gelten.

Das Opferfest ist nicht aus dem Koran zu entnehmen! Das sogenannte Opferfest stammt aus den Ahadith ab und wurde begonnen, um sich der Geschichte Abrahams bewusst zu werden. Leider wurde das allgemeine Verständnis dieser Geschichte falsch wiedergegeben, sodass Gott fälschlicherweise als ein blutrünstiger Gott dargestellt wird, der angeblich von Abraham die Opferung seines Sohnes verlangt haben soll. Die Richtigstellung der Geschichte finden Sie im Artikel Abraham und die Opferung seines Sohnes.

Vers 22:37

Foto: Elif A.

Insofern ist das „Opferfest“ als solches nicht falsch, jedoch sollten die als Opfer geschlachteten Tiere zu den Bedürftigen zurückkehren. Ansonsten können wir gleich damit aufhören, diesen Tag zu feiern. Ein weiterdenkender Gottergebener (Muslim) würde zu sich selbst dann auch folgendes sagen, indem er einfach an die zitierten Koranverse denkt: Ich werde sowohl das geschlachtete Tier braten und die Gaben Gottes den Bedürftigen zurückgeben als auch etwas Langfristiges beabsichtigen, indem ich die nötigsten Bedürfnisse des armen Menschen in Erfahrung bringe und sie ihm nach Möglichkeit erfülle.

Möge dieses Fest ein Fest sein, an dem wir Opfer darbringen, wie etwa unsere Zeit zu opfern für die Bedürftigen und Armen und ihnen von den reichlichen Gaben Gottes zukommen lassen, die wir bisher angehäuft hatten.

Ein Dankeschön an Schwester Elif für das Foto und den Anstoß, diesen Artikel zu schreiben!

Was ist Ihre Meinung zu diesem Brauch?

 

22:37 Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreichen Gott. Ihn erreicht aber eure Achtsamkeit. So hat Er sie euch dienstbar gemacht, damit ihr Gott dafür preist, dass Er euch rechtgeleitet hat. Und verkünde den Gutes Tuenden frohe Botschaft!

Widerlegung von „Weshalb ist es notwendig, den Koran im historischen Kontext zu verstehen?“

Salam,

Ich werde in diesem Artikel zusätzlich zum Beitrag „Der geschichtlich verfälschte historische Kontext des Koran“ die Behauptungen des Autors von Tavhid.de in diesem Artikel widerlegen, dass man den Koran ohne dessen Außenkontext nicht verstehen könne. Interessant ist, dass er keinen einzigen Koranvers für die Untermauerung seiner These erwähnt, die eine andere Quelle als den Koran legitimieren würde. Die von ihm angeführten Beispiele, in denen behauptet wird, diese bestimmten Koranverse seien ohne einen historischen Kontext nicht verständlich, sind schnell aus dem inneren, koranischen Kontext zu erschließen, was auch im weiteren Verlauf bei dieser Widerlegung anhand seiner Beispiele erläutert wird.

Ich werde nun auf alle Argumente eingehen, die dieser Artikel aufzeigt.

 

„Die Annahme, der Koran könne ohne Berücksichtigung des Kontextes und die grundlegenden Überlieferungen hierfür verstanden werden, muss in aller Deutlichkeit abgelehnt werden.“

 

Es gibt gleich mehrere Gelehrte, die das anders sehen, davon auch manche, die der Autor gerne in seinen Artikeln erwähnt: Prof. Bayraktar Bayraklı, Prof. Yaşar Nuri Öztürk, Dr. Edip Yüksel und Hakkı Yılmaz, um nur einige aus dem türkischen Sprachraum zu nennen.

 

„Die Offenbarungsperiode innerhalb von 23 Jahren spiegelt nämlich das wieder, was damals im 7. Jahrhundert geschah. Muslimischerseits ist das bedeutendste Beispiel für eine historische Sichtweise die Ansicht des 1988 verstorbenen Fazlur Rahman aus Pakistan. So wird er in zahlreichen Werken wie auch von Rachid Benzine wie folgt zitiert: “Fazlur Rahman war der Meinung, dass es für das Verstehen des Korans zweckmäßig sei, ihn zuerst bezogen auf seinen chronologischen Kontext zu betrachten. >Die sinnvollste Methode<, wiederholte er oft, >besteht darin, die Entstehung und Entwicklung der koranischen Themen in ihrem historischen Verlauf zu verfolgen.< Diese Sichtweise stützte er auf die Tatsache, dass die frühen Kommentare die Umstände der Offenbarung bewahrt haben, die zeigen, dass der Koran kontinuierlich in Antwort auf bestimmte historische Situationen Sichtweise offenbart wurde” (Islam und Moderne, die Neuen Denker S. 119; Verlag der Weltreligionen).“

 

Hier müsste man also daraus schließen, dass der Koran nicht ausreiche, nicht deutlich sei und auch nicht ausführlich dargelegt. Gleich mehrere Verse unterbinden dieses Argument:

 

Verse zur Deutlichkeit:

12:1 Alif-Lam-Ra. Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches.

 

15:1 Alif-Lam-Ra. Dies sind die Zeichen des Buches und eines deutlichen Qur’ans.

 

26:2 Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches.

 

54:17,22,32,40 Gewiss, wir haben den Koran zur Ermahnung leicht gemacht, gibt es jemanden, der dies bedenkt?

 

Verse über den Koran selbst, dass er alles erklärt:

 

16:89 Und Wir haben dir das Buch offenbart als klare Darlegung von allem und als Rechtleitung, Barmherzigkeit und frohe Botschaft für die (Gott) Ergebenen.

 

12:111 … Er (der Koran) ist kein erdichteter Hadith (ḥadīṯan yuftarà), sondern die Bestätigung dessen, was vor ihm war, und die ausführliche Darlegung aller Dinge und eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.

 

Verse über den Koran selbst, dass er ausführlich dargelegt ist (siehe auch „Allein Gott lehrt und erklärt den Koran„):

 

6:114 Soll ich denn einen anderen Schiedsrichter als Gott begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat?

 

11:1 Alif-Lam-Ra. (Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Allweisen und Allkundigen.

 

41:3 ein Buch, dessen Zeichen ausführlich dargelegt sind, als ein arabischer Qur’an für Leute, die Bescheid wissen.

 

41:44 Hätten Wir ihn zu einem fremdsprachigen Qur’an gemacht, hätten sie sicherlich gesagt: „Wären doch seine Zeichen ausführlich dargelegt worden!“ Ob fremdsprachig oder arabisch, sage: „Er ist für diejenigen, die glauben, eine Rechtleitung und eine Heilung.“ Und diejenigen, die nicht glauben, haben Schwerhörigkeit in ihren Ohren, und er ist für sie (wie) Blindheit. Diese sind, als würde ihnen von einem fernen Ort aus zugerufen.

 

Fahren wir nun fort mit einem Zitat aus dem Artikel:

 

„Um den Koran zu verstehen, müsse man ihn im Kontext der Zeit seiner Verkündung verstehen. Somit ist es von Wichtigkeit, zum Koran und den Offenbarungsanlässen zurückzukehren um die allgemein gültigen ethischen Prinzipien zu destillieren, mit anderen Worten, um den Koran und die Essenz in die heutige Zeit zu übertragen, müsse man die historischen Fakten analysieren.“

 

Um diese These aufrechtzuerhalten müsste man erst die vorherigen Verse widerlegen – diese werden aber nirgends im Artikel erwähnt.

 

„Prof. Ömer Özsoy studierte in Ankara islamische Theologie und ist in Frankfurter Universität eine aktive Lehrkraft. Zu dem Thema positioniert er sich eindeutig. Durch das Ignorieren des Kontextes entgegnet er äußerst kritisch im Buch von Felix Körner, aus der wir einige Zitate besonders hervorheben möchten: “Eine solche Auslegungsentwicklung widerspricht den historischen Fakten.“

 

Seine Fakten haben ein Problem: Die Quellen, auf die er sich bezieht, entstanden erst nach einer klaffenden Lücke von etwa 100 Jahren ab dem Tode des Propheten und sind auch nicht von Gott geschützt wie der Koran (vgl. 15:9). In ihren eigenen Quellen wird beschrieben, dass die ersten vier Kalifen keine Aḥādīṯ (arabischer Plural von Hadīṯ) niederschreiben ließen, sondern im Gegenteil diese verbrennen ließen und abgelehnt hatten. Demzufolge haben wir geschichtlich gesehen aus diesen etwa 100 Jahren keine niedergeschriebenen Ahadith zur Hand. Erst spätere Gelehrte nahmen sich der Aufgabe an, diese zu sammeln und zu schreiben. Für weitere Informationen siehe „Zuverlässigkeit der Ahadith„.

 

„ Mit einem derartigen Ansatz kann man den Koran alles Mögliche sagen lassen.“

 

Das bedeutet dann im Umkehrschluss, dass der Koran weder deutlich sei noch alles erkläre noch ausführlich dargelegt sei, wie es aber selbst im Koran, der ältesten, von Gott geschützten und authentischsten Quelle für die Religion steht.

 

„Fängt man einmal an, den Koran als übergeschichtlichen Text zu lesen, führt das zwangsläufig dazu, ihn über jeden möglichen Gegenstand sprechen zu lassen; und das ist nichts anderes als Entstellung“

 

Natürlich kann man – wenn man will – alles in den Koran hinein interpretieren, nur ist dann dies nicht mehr vom koranischen Kontext gedeckt. Aber genau dieser ist ausschlaggebend, weil es sonst Widersprüche im Koran gibt. Es gibt Verse im Koran, die an anderer Stelle ausgeführt und erklärt, also detailliert werden, oder manchmal auch gleich im unmittelbaren Kontext. Den Kontext der Koranverse zu überspringen und sich auf Ahadith zu verlassen, die selber geschichtlich erst viel später zur Anwendung kamen, wird dem Koran nicht gerecht. Außerdem muss man wissen, dass Ahadith oft selbst viel mehr Fragen hervorrufen als Antworten geben – mindestens aber nicht selten Zweifel bringen und historisch gesehen haben sie eher enormen Schaden als Nutzen gebracht. Beispiele hierzu wären Steinigung, Todesstrafen, Unterdrückung von Frauen und Ähnliches.

 

„Der Theologe Prof. Mustafa Öztürk aus Ankara und seine Kritik an die Gegenposition ist in seinen Büchern ebenfalls nicht zu übersehen. So greift er einen Exegeten (Hakki Yilmaz – Tebyinu’l-Kur’an 1/112, 163, 171-172; 9/669-672) der behauptet, dass ein Koranvers sich auf die heutigen Computer bezieht (Meal ve Tefsir Serencamı S. 123). Auch der Moderne und rationalorienterter Theologe Prof. Yasar Nuri Öztürk nähert sich methodologisch auf dieselbe Art, in dem er den Vers 26 der Sure 74 aus dem Kontext reißt und behauptet, dass sich dies auf die Computer bezieht (Der Islam im Koran; S. 20; Auflage 42).“

 

Es wird nirgends argumentativ begründet, dass der Vers aus dem Kontext gerissen sei. Dies wird lediglich behauptet. Darüber hinaus macht Prof. Mustafa Öztürk selber einen Fehler in Vers 75:19, wobei er den Gesamtkontext des Korans nicht beachtet und dort interpretiert, dass da das Buch des Menschen am jüngsten Tag gemeint sein soll. Vers 17:14 widerlegt jedoch diese Ansicht. Dass Exegeten unter anderem falsch liegen können, ist also manchmal einfach darauf zurückzuführen, dass sie den Gesamtkontext des Koran nicht berücksichtigt haben. Dieser Fehler kann aber jedem Exegeten unterlaufen.

Nun die konkreten Beispiele:

 

„Für seine Sichtweise führt er im Buch “Scharia” interessante Beispiele herbei, was die Richtung des Gebetes definiert. Hierzu bedient Prof. Khorchid sich an dem Vers 2:115: >Gottes ist der Osten und der Westen. Wo immer ihr euch hinwendet, ist Gott gegenwärtig. Gott ist allumfassend und allwissend<. Laut dem Vers könnte man dahingehend der Ansicht gelangen, dass es irrelevant wäre in welche Richtung man betet. Nimmt man sich jedoch den Offenbarungsanlass des Verses zu Hand, erkennt man unzweideutig, dass es sich um eine Gruppe handelte, die in der Nacht beten wollten, jedoch nicht wussten in welche Richtung. “Hier kann man die oben angeführte Regel ohne Weiteres anwenden und verallgemeinern, sodass jeder, der irrtümlicherweise in die falsche Richtung betet, entschuldigt” (Scharia – Der missverstandene Gott S. 97).“

 

Das ist zuallererst nicht gegeben, denn der Koran verlangt unmissverständlich in Richtung „al-masjidu-l-haram“ zu beten. Wenn man aber nicht weiß (!), wohin man beten soll und keine Möglichkeit findet – erst dann kann dieser Vers angewendet werden. So bleibt der Kontext gewahrt und es gibt keinen Widerspruch. In 2:177 steht nochmal:

 

2:177 Nicht darin besteht die Güte, dass ihr eure Gesichter gegen Osten oder Westen wendet. Güte ist vielmehr, dass man an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, die Bücher und die Propheten glaubt und vom Besitz – obwohl man ihn liebt – der Verwandtschaft, den Waisen, den Armen, dem Sohn des Weges, den Bettlern und für (den Loskauf von) Sklaven hergibt, das Gebet verrichtet und die Abgabe entrichtet; und diejenigen, die ihre Verpflichtung einhalten, wenn sie eine eingegangen sind, und diejenigen, die standhaft bleiben in Not, Leid und in Kriegszeiten, das sind diejenigen, die wahrhaftig sind, und das sind die Gottesfürchtigen.

 

Hier wird nochmals klar, wie wichtig es ist, aufrichtig zu beten und nicht unbedingt zu wissen wo „al-masjidu-l-haram“ liegt. Aber wenn man es weiß, ist es ein Akt des Gehorsams in diese Richtung zu beten. So können wir sagen, dass der Kontext geschützt ist, ohne auf andere Quellen greifen zu müssen. Im Gegensatz dazu kann der „historische Kontext“ dazu führen, dass wir die Katastrophe der Abrogation einführen müssen.

Und weiter:

 

„Einige Beispiele aus dem Koran wollen wir jedoch als Beweis noch anführen, welches ohne eine Kontextualisierung enorme Probleme bereiten würde. So heißt es in 9:31 & 3:64: “Sie nahmen ihre Schriftgelehrten und ihre Mönche zu Göttern anstelle von Gott, sowie den Messias, den Sohn Marias. Ihnen war doch nur geboten worden, einem Gott zu dienen..”

 

Der Autor zitiert hier falsch. Das Zitat steht nur in 9:31 und nicht in 3:64. Außerdem ist in 9:31 von „Herren“ die Rede und nicht von „Göttern“, aber weiter:

 

„Da die Leute diesen Vers nicht ganz verstanden haben, erläuterte der Prophet Muhammad ihnen diese Botschaft wie folgt: “Die Juden und Christen haben ihre Gelehrten und Mönche nicht direkt angebetet, vielmehr haben sie sich das erlaubt, was ihre Gelehrten ihnen erlaubt haben und sich das verboten, was ihre Gelehrten ihnen verboten haben” (Tirmidhi Hadith Nr. 3039; Taberi Tefsir 4/283, Hisar Verlag; Kurtubi Tefsir 8/198, Buruc Verlag; Ibn Kathir Tafsir 4/438, Kahraman Verlag).“

 

Schauen wir uns 3:64 genauer an:

 

3:64 Sag: O Leute der Schrift, kommt her zu einem zwischen uns und euch gleichen Wort: dass wir niemandem dienen außer Gott und Ihm nichts beigesellen…

 

Also einmal nur Gott dienen und Ihm nichts beigesellen. Weiter im Vers:

 

…und sich nicht die einen von uns die anderen zu Herren außer Gott nehmen. Doch wenn sie sich abkehren, dann sagt: Bezeugt, dass wir ergeben‘ sind.

 

Und weiter heißt es also, dass man niemanden zum Herren nehmen darf. Aus diesen Versen wird klar, dass hier weder Beigesellung noch zu Herren nehmen erlaubt ist. Man braucht dafür keine sekundäre Quelle wie die Ahadith, um das richtig zu verstehen. Dieses zu „Herren nehmen“ wird Kontext des Korans weiter verdeutlicht:

 

3:79 Es steht einem menschlichen Wesen nicht zu, dass ihm Gott die Schrift, das Urteil‘ und das Prophetentum gibt, und er hierauf zu den Menschen sagt: „Seid Diener von mir anstatt Gottes!“, sondern: „Seid Leute des Herrn, da ihr das Buch zu lehren und da ihr (es) zu erlernen pflegtet.“

 

Hier wird unmissverständlich klargemacht, wie zu verfahren ist, und natürlich könnten die Christen es nicht genau verstanden haben – aber selbst wenn der Koran damals noch nicht zu Ende geoffenbart wurde und deswegen eine Erklärung vonnöten war, so wird diese Erklärung über den Koran durch die Herabsendung der Verse geliefert. Hierbei kann aber der Hadith selbst angezweifelt werden, weil Ahadith nicht authentisch sein müssen und nicht geschützt sind. Heute haben wir aber den vollständigen Koran und dieser fordert gleich an mehreren Stellen (besonders in 5:40-50 und 6:114) nur nach dem Koran zu urteilen und das nur Gott in religiösen Dingen zu entscheiden hat (42:10). Deswegen schließt das Herren aus, die selber Gesetze machen wie es so oft in den Ahadith gemacht wird. Dies wird auch in Vers 42:21 schärfstens von Gott verurteilt. Der Prophet selbst durfte nur nach dem Offenbarten urteilen (7:203, 5:48) und nach nichts anderem – das wissen wir heute aus dem Koran.

 

„Ein weiterer Punkt betrifft die Schutzmonate, welches in Kriegszuständen verbietet zu kämpfen. Für die Koraniten, die die Hadithe und den Kontext für uninteressant deklarieren (weil der Offenbarungsanlass ebenfalls an Überlieferungen gebunden ist), könnte es schwierig werden herauszufinden, um welche Schutzmonate es sich handeln könnte. Diese stehen nämlich nicht im Koran. Laut Ebu Cafer Muhammed b. Cerir et-Taberi (gest. 923) waren diese in der vorislamischen Zeit der Cahilya bereits bekannt gewesen, da die Araber generell in solchen Zeiten keine Kriege führten (Taberi Tefsir 4/ 292).“

 

Das widerlegt der Artikel über die Hadsch (Pilgerfahrt).

 

„Wenn der Koran die Angabe macht, dass die Juden Esra (Uzayr) als Sohn Gottes bezeichnen, könnte man meinen, dass die Juden heute noch daran glauben.“

 

Hier versucht der Autor auf Biegen und Brechen den Kontext, der in den Ahadith geschrieben steht, als Quelle zu rechtfertigen.

  1. Ist der Hadith authentisch? Vielleicht gibt es noch Juden, die das tun – der Autor kennt ja nicht alle Juden der Welt persönlich. Zum Beispiel wird fast kein Jude die Menschen kennen, die den Eingottglauben nur auf Gott fixieren ohne sich auf die Sunna zu verlassen.
  2. Darf ich nicht selber nachdenken, reflektieren und nachforschen, ob das heute noch so ist oder nicht? Warum brauche ich dafür einen Hadith?

Der Koran teilt mit, dass nicht alle Juden gleich sind oder waren, da im Koran geschrieben steht, dass nicht alle Schriftbesitzer gleich sind (vgl. 3:113). Außerdem würde dies den Versen 2:62 und 5:69 widersprechen, in denen auch Juden ins Paradies kommen können. Wer ins Paradies darf, das entscheidet Gott allein.

Weiter behauptet der Autor am Ende:

 

„Dieselbe methodologische Herangehensweise, Koranverse aus dem jeweiligen Kontext zu reißen sieht man auch bei den radikal islamischen Salafisten. Diese entnehmen Passagen, die die Kriegszustände erläutern um den Heiligen Krieg zu rechtfertigen.“

 

Es ist schon ein starkes Stück, die Menschen, die nur den Koran als zuverlässige Quelle akzeptieren, mit Salafisten gleichzusetzen und das auch noch ohne einen Beleg. Inwieweit sollen diese Gottergebenen, die nur Gott und Seinem Wort folgen, in seinem Beispiel mit den Salafisten bei Kriegszuständen gleichziehen? Würde der Autor anstatt bedingungslos seinen Gelehrten zu folgen und zu vertrauen, sich auf den Gesamtkontext des Koran konzentrieren, würde er sehen können, dass sein Beispiel keine Grundlage mehr hat.

Außerdem haben die Ahadith, die der Autor für unerlässlich erachtet, viel mehr Menschenrechtsverletzungen verursacht als der Koran, wenn man ihn als alleinige Quelle akzeptiert. Allein darüber könnte man zig Bücher schreiben.

 

„Dr. Murad Wilfried Hofmanns Position für dieses Fehlverhalten ist in seinem Buch “Islam als Alternative” nicht zu übersehen: “Diese Methode, einzelne Koranverse ohne Rücksicht auf ihren Zusammenhang und ihre Offenbarungsgeschichte herauszulösen, um so eine islamische Pflicht zum Angriffskrieg zu beweisen, mutet so an, als würde man aus dem Jesus – Zitat >>Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert<< (Math. 10,34) die Kriegslüsternheit des Christentums herleiten” (Islam als Alternative S. 192).“

 

Der Autor steht in der Bringschuld was die indirekte Behauptung angeht, dass Gottergebene (arab.: Muslime), die nur den Koran aufrechterhalten, versuchen würden „eine islamische Pflicht zum Angriffskrieg zu beweisen.“ Er umgeht geschickt dieser ausschlaggebenden Frage und versucht auf Biegen und Brechen Salafisten mit den Monotheisten gleichzusetzen, die Gottes vollständiges Wort alleine als Quelle akzeptieren. Ich lade den Autor herzlichst dazu ein, manche themenrelevante Beiträge auf alrahman.de wenigstens einmal zu lesen.

Hier noch eine grafische Zusammenfassung von der Koranforschungsgruppe:

Das Trilemma der sunnitischen Gelehrten

Den Friedensgruß „Salam“ einem Ungläubigen verweigern?

As-salâmu ‚alaikum – Der Frieden sei mit Ihnen!

Foto: Jean-Michel Baud, CC BY-NC-SA 3.0

Diese arabische Grußformel, auch bekannt als der Friedensgruß, ist ein einfacher Gruß, der besonders unter Muslimen verbreitet ist. Dieser Gruß wird im heutigen Sprachgebrauch unter den Arabern auch oft von nichtreligiösen Menschen verwendet, weil dieser so alltäglich geworden ist.

Doch traditionell orientierte Muslime hüten sich davor, diesen Gruß bei Andersgläubigen zu verwenden, geschweige denn bei sogenannten „Ungläubigen“! Manchmal geht es sogar so weit, dass man nicht einmal gewisse Gruppierungen von Muslimen grüßt, weil die der eigenen Meinung nach Ketzer seien.

In unserer Koranlesung vom 6. Dezember 2013 wurde ich unter anderem gefragt, ob man zum Beispiel einem Christ gegenüber diesen Gruß sagen dürfe oder nicht. Denn viele, die sich so langsam von der Tradition des Mainstream-Islam befreien wollen, kämpfen noch mit diesen falschen Gewohnheiten, die dem Koran widersprechen, wie wir gleich sehen werden.

Woher kommen denn all diese Traditionen? Die aufmerksamen LeserInnen werden es ahnen: aus den Hadith-Sammlungen. Bereits der hanafitische Gelehrte al-Râzi hielt es für „verwerflich“ (makruh), den Ungläubigen (kafir) als erster mit dem Friedensgruß zu begrüßen. Dies sei seiner Ansicht nach der Gruß der Paradiesbewohner, also der Muslime, zu denen ein „Ungläubiger“ natürlich nicht gehört. Es hört auch nicht bei den sogenannten Ungläubigen auf, auch die Juden kommen nicht in den Genuss des Friedens(grußes) traditioneller Muslime, welche diese Ahadith ernst nehmen. Laut diesen soll der Prophet angeblich seine Gefährten ermahnt haben, die Juden nicht zuerst zu grüßen (siehe im Sunan von Ibn Madscha, Band 2, S. 1219, veröffentlicht in Kairo 1972). Nichtsdestotrotz gibt es Ahadith wie den folgenden, wo man zuerst doch denkt, selbst in der Tradition gibt es doch den Friedensgruß an alle:

 

Usama ibn Zaid berichtete, dass der Prophet an einer Versammlung von Muslimen, Ungläubigen, Götzendienern und Juden vorbeigekommen sein soll. Der Prophet soll sie alle gegrüßt haben: Der Friede sei mit euch – as-salamu aleikum (In Bukhary wie auch in Muslim)

 

Doch dieser Hadith wird von den Gelehrten dahingehend interpretiert, dass der Gesandte Gottes in dieser Situation den Friedensgruß aussprach, weil dort sehr viele Muslime waren und man den Muslimen immer den Friedensgruß bieten sollte, auch wenn die „Ungläubigen“ in der Nähe sind.

 

Koranverse über den Friedensgruß

Zum Glück fügen diese Gelehrten zu ihren Meinungen am Ende stets ein „Allahu a’lam“ hinzu, was soviel bedeutet wie „Gott weiß es besser“. In der Tat! Gott weiß es besser als sie und unterrichtet uns, wie wir mit diesem Friedensgruß umzugehen haben in den unterschiedlichsten Beispielsituationen! Kein Bedarf an weiterer Erklärung nötig durch widersprüchliche und teils sehr rassistische Ahadith, die dem Wesen des Koran zutiefst widersprechen.

Gott legt uns nahe, dass wir jeden Gruß zu erwidern haben mindestens auf die Art und Weise, wie wir gegrüßt wurden:

 

4:86 Und wenn euch ein Gruß entboten wird, dann grüßt mit einem schöneren (zurück) oder erwidert ihn (in derselben Weise)! Gott rechnet über alles ab.

 

Es ist also so, dass man stets den Gruß, der einem selbst entboten wird, in derselben oder in einer besseren Art und Weise erwidern soll. Der Vers sagt hierbei nicht „wenn euch ein Gruß von einem Gläubigen entboten wird“, sondern lediglich „wenn euch ein Gruß entboten wird“. Dabei ist es egal, wer einem gegenüber steht. Im letzten Satz des Verses teilt uns Gott mit, dass Er auch darüber abrechnen wird, wie wir in unserem Leben mit Grüßen umgegangen sind. Selbst wenn wir unbotmäßig angesprochen werden, haben wir mit „Frieden“ zu antworten:

 

25:63 Die Diener des Barmherzigen sind diejenigen, die maßvoll auf der Erde umhergehen und die, wenn die Toren sie ansprechen, sagen: „Frieden!“.

 

Gott verlangt von uns in jedem Fall eine Person, die an die Verse bzw. Zeichen Gottes glaubt, mit dem Friedensgruß zu begrüßen:

 

6:54 Und wenn diejenigen, die an unsere Zeichen glauben, zu dir kommen, dann sag: Friede sei über euch! Euer Herr hat sich zur Barmherzigkeit verpflichtet. Wenn einer von euch in Unwissenheit Böses tut und dann später umkehrt und sich bessert, so ist Gott barmherzig und bereit zu vergeben.

 

Dies bedeutet auch, dass wir jede Person, selbst wenn sie nicht immer derselben Meinung ist wie wir selbst in religiösen Fragen, mit dem Friedensgruß grüßen müssen. Konkret heißt das, dass niemand ausgeklammert werden darf aufgrund religiöser Differenzen, wie etwa Schiiten oder Sunniten oder „andere Rechtsschulen“. Es gibt nämlich einige Sunniten, die der Ansicht sind, sie könnten Schiiten vom Friedensgruß ausklammern, indem sie zu ihnen sagen: „Friede sei mit denen, die der Rechtleitung folgen“. Dies ist ein Ausdruck aus Vers 20:47, der hierzu missbraucht wird.

 

20:47 Geht nun zu ihm (Pharao) und sagt: Wir sind Gesandte deines Herrn. Schick die Kinder Israel mit uns weg und bestrafe sie nicht! Wir sind mit einem Zeichen von deinem Herrn zu dir gekommen. Friede sei über einem, der der Rechtleitung folgt!

 

Hierbei wird aber außer Acht gelassen, dass es sich um eine spezielle Situation handelt, in der es um die Geschichte von Moses, Aaron und Pharao geht. Dieser Vers kann also keineswegs verallgemeinert werden. Denn dies würde dann der Regel aus 4:86 widersprechen. Im Gegenteil, in Vers 20:44 wird uns deutlich gemacht, dass wir selbst bei einem Tyrann wie Pharao es war milde und sanfte Worte zu wählen haben! Zudem ist aus dem nachfolgenden Vers ersichtlich, dass die Erörterung eines Prinzips im Vordergrund steht und nicht das Grüßen an sich:

 

20:48 Uns ist offenbart worden, dass die Strafe denjenigen trifft, der (die göttliche Botschaft) für Lüge erklärt und sich abwendet.

 

Es ist dermaßen wichtig, dass der Gruß erwidert wird, dass wir auch in Kriegssituationen nicht einfach blind Menschen ausklammern können:

 

4:94 O ihr, die ihr glaubt, wenn ihr auf dem Weg Gottes im Land umherwandert, so seid euch im Klaren darüber (tabayyanuu) und sagt nicht zu dem, der euch den Frieden anbietet: „Du bist kein Gläubiger“, im Trachten nach den Gütern des diesseitigen Lebens. Gott schafft doch viele Möglichkeiten, Gewinne zu erzielen. So seid ihr früher (auch) gewesen, da hat Gott euch eine Wohltat erwiesen. So seid euch im Klaren darüber. Gott hat Kenntnis von dem, was ihr tut.

 

Wenn wir die Verse davor und danach betrachten, sehen wir, dass der Kontext dieses Verses eine Kriegssituation darstellt. Also auch selbst dann, wenn Krieg vorherrscht, dürfen wir nicht achtlos werden in Bezug auf diese Grundregel des Grüßens. Es gibt zwei wichtige Punkte, die in diesem Vers bemerkt werden sollten.

Erstens, dass Gott uns mitteilt, dass wir früher auch so gewesen sind. Diesen Vers in seinen historischen Kontext einzuschränken und von unserer Zeit zu distanzieren bedeutete, dass dieser Vers als eine bloße Berichterstattung gilt ohne irgendeine innere Lehre, was aber dem Koran widerspricht (12:111). Wir waren also gleich wie sie, die wir als „keine Gläubige“ beschreiben würden. So ist es einfach einzusehen, dass der Weg zur Wahrheit ein langer und steiniger Weg sein kann und deshalb Verständnis und Geduld erfordert. Wenn nicht wir, als Gläubige, den Menschen Verständnis und Geduld lehren, wer dann? Wir sollten Vorbilder sein.

Zweitens, solch eine Ausklammerung mittels „du bist kein Gläubiger“ wird mit dem Trachten nach diesseitigen Gütern in Verbindung gebracht. Anders betrachtet: sich als Gruppe abzuschotten und finanzielle, gemeinschaftliche und politische Hilfe nur den eigenen Reihen zukommen zu lassen wird hier mit „Trachten nach den Gütern des irdischen Lebens“ assoziiert. Dies dient dazu, dass wir keinerlei Abspaltungen zulassen dürfen, nicht einmal im Kriegsfalle. Weitere Betrachtungen hierzu im Artikel Abspaltungen, Madhabs und Sekten. „Du bist kein Gläubiger“ zu sagen bedeutete in diesem Kontext weitergedacht „und du bist somit einer von den Feinden“. Die friedlichen Mitmenschen, die sich nicht am Krieg beteiligen, als Feinde anzusehen wird in diesem Vers verboten. Damit wird ihr Vermögen wie auch ihr Leben und das ihrer Familie unter den Schutz Gottes gestellt. Denn Gottes System und Ordnung sehen es vor, dass Religions- und Meinungsfreiheit gelten sollen (2:256; 18:29; 10:99; 88:21-22). Insbesondere das im obigen Vers vorkommende „seid euch im Klaren“ (tabayyanuu) verbietet nicht nur die Verleumdung, sondern verlangt von den Gläubigen, Nachforschungen anzustellen über die Aufrichtigkeit der Person. Der Angeklagte ist also unschuldig bis seine Schuld bewiesen wurde.

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass man stets in derselben Art und Weise, wie man gegrüßt wurde, zurück grüßen muss, ja man soll diesen Gruß sogar noch verbessern (4:86). Dies selbst dann, wenn man unschön angesprochen wurde (25:63). Der Gruß zwischen den Gläubigen, welche an die Zeichen und die Verse Gottes glauben, ist hierbei der Friedensgruß (6:54). Selbst wenn man anfänglich der Meinung ist ohne Beweise, jemand sei kein Gläubiger und somit ein Feind im Kriegszustand, haben wir den Gruß zu erwidern (4:94).

Wenn wir im Koran weiter suchen, sehen wir, dass der Friedensgruß bereits sehr alt ist. Laut den Versen des Koran benutzte schon der Prophet Abraham diese Worte gegenüber Menschen, die er gar nicht kannte, also auch ungeachtet ihrer Glaubenszugehörigkeit:

 

51:24-25 Ist dir nicht die Geschichte von den ehrenvoll aufgenommenen Gästen Abrahams zu Ohren gekommen? Als sie bei ihm eintraten, sagten sie „Frieden!“ Er sagte (ebenfalls) „Frieden, ihr ablehnende Leute.“

 

Wir bemerken, dass Abraham lediglich kurz „Salam“ (Frieden) sagt, nachdem er mit diesem Gruß zuerst gegrüßt wurde. Dies obwohl er diese Leute als „ablehnende Leute“ beschreibt (qawmun munkiruun). Er setzte also stets konsequent die Regel des Koran um. In einer weiteren Lesart könnte man von „abgelehnten Leuten“ sprechen (qawmun munkaruun). Die Wurzel von munkir/munkar ist dieselbe, nämlich nakara (n-k-r) und hat stets mit einer gewissen Ablehnung (nukr), Abneigung (istinkār) und Leugnung (inkār) zu tun. In gewissen Übersetzungen kommt die Bedeutung „unbestimmte/unbekannte Leute“ zum Vorschein, aber selbst dann befolgt Abraham die koranische Regel ohne Ausnahme, obwohl er die Leute nicht kennt.

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Beispiel 5 – Sklaverei im Islam? Ein Widerspruch der Beigesellung

Ich bemerke immer wieder, dass viele Gottergebene (Muslime) verwirrt sind, was Sklaverei in der Gottergebenheit (Islām) und Sklavenhaltung betrifft. Obwohl ihr gesunder Menschenverstand sie überzeugt, Sklaverei abzulehnen, denken sie aufgrund äußerer Einflüsse, dass die Sklaverei in der Lesung nicht nur nicht abgeschafft, sondern geduldet werde. Solch eine Schlussfolgerung kann nicht weiter entfernt von der Wahrheit sein.

 

90:8-18 Machten Wir ihm nicht zwei Augen und eine Zunge und Lippen und wiesen ihn auf beide Möglichkeiten hin? Doch das Hindernis konnte er nicht überwinden. Und was wusstest du über das Hindernis? Es ist einen Sklaven zu erlösen oder eine Speisung an einem Tag der Hungersnot einer nahen Waise oder eines am Boden liegenden Bedürftigen. Dann ist er von denen, die geglaubt haben und sich gegenseitig zur Geduld und auch zur Barmherzigkeit anspornen. Das sind die Angehörigen der Rechten!

 

Der Einfluss der Tradition

Wenn klassische Gelehrte zitiert werden, muss hierbei betont werden, dass die Mehrheit unter ihnen Sklaverei als etwas „Normales“ und „Erlaubtes“ ansahen. Dies liegt darin begründet, dass ihre Definitionen von Freiheit und Menschlichkeit anders waren als unsere heutigen Vorstellungen. Das Wichtigste hierbei ist aber, dass es der Anti-Sklaverei Haltung der Lesung widerspricht. Es war eine Angelegenheit, die den Absichten und Zielen der Offenbarung (maqāsid as-samāʾ / maqāsid al-qurʾān) gegenüber ignorant und rückschrittlich war.

Darüber hinaus lässt sich durch die traditionelle Darstellung der Geschichte ein unglaublich beleidigendes Bild des Propheten zeichnen, denn zusammengefasst wäre Mohammeds Rolle in der Sklaverei, durch traditionelle, der Lesung widersprechende Quellen wie den Ḥadīṯ-Büchern zum Beispiel von Buchārī belegt, wie folgt: Er hatte Sklaven in seiner Familie, ebenso besaß seine erste Frau, Chadīdscha, Sklaven. Der sunnitische Mohammed hatte tiefgreifend mit der Sklaverei zu tun, da sie eine der Hauptwege war, sich zu finanzieren. Er tötete nicht nur Dichter, die anderer Meinung waren als er, sondern ließ ungläubige Männer töten, um ihre Frauen und Kinder als Sklaven halten und für Finanzierungszwecke verkaufen zu können. Er gab Sklaven als Geschenke her oder auch um die sexuellen Gelüste seiner engen Gefährten zu befriedigen. Er erhielt und nahm Sklaven von anderen Herrschern an. Einige seiner Köche waren Sklaven und er hatte einen Sklaven als Schneider. Er sagte auch, dass ein Sklave, der von seinem Meister flieht, nicht erwarten könne, dass seine Gebete beantwortet werden.122

Gott bewahre uns davor, dass wir den Scharlatanen glauben, die sich Imame oder Scheichs nennen, die solches verbreiten und als „normal“ verkaufen. Gott bewahre uns davor, ihnen zu glauben, die unseren Propheten solcherart darstellen und die Religion für einen geringen Preis verkaufen!

Diese klassischen Gelehrten und ihre Anhänger urteilten falsch, als es um fundamentale Prinzipien der Menschlichkeit ging und deshalb ist es klar, dass wir die gesamte Tradition nach anderen Fehlurteilen und Angelegenheiten durchforsten müssen, in denen wir uns entwickelt haben. Die 1400 Jahre alte Tradition kann eine Quelle des Wissens sein, mitunter gar einzelne Edelsteine hervorbringen. So zum Beispiel kannten die gottergebenen Gelehrten bereits vor der Zusammenstellung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte solche Begrifflichkeiten, wie etwa in Uṣūlu-l-fiqh (wörtlich: Wurzeln/Quellen des Verständnisses; Oberbegriff für die gottergebene Rechtsfindung) bekannt als ḥaqqu-l-mukallaf (Rechte des Individuums). Doch da sich die früheren Gottergebenen nicht intensiver mit der Ausarbeitung dieser Theorie beschäftigt haben oder diese uns nicht überliefert wurden, konnten die Gottergebenen nicht die ersten in der Ausformulierung einer solchen Rechtsnorm sein. Vielmehr ist diese Tradition der Rechtsfindung ausgeartet und so wurden Rechtsnormen formuliert, die der Lesung widersprechen, wie etwa bezüglich der Steinigung, der Apostasie oder der Sklaverei. Die Tradition kann also keine fixe, absolute Quelle über Wahrheit und Gerechtigkeit sein. Ansonsten laufen wir Gefahr, giftige Ideen zu verinnerlichen und unsere Seelen zu verderben.

 

4:92 Es steht einem Gläubigen nicht zu, einen Gläubigen zu töten, es sei denn aus Versehen. Wer einen Gläubigen aus Versehen tötet, hat einen gläubigen Sklaven zu befreien und ein Sühnegeld an seine Angehörigen zu übergeben, es sei denn, sie erlassen es als Spende. Wenn er zu einem Volk gehörte, das euer Feind ist, während er ein Gläubiger ist, so ist ein gläubiger Sklave zu befreien. Und wenn er zu Leuten gehört, zwischen denen und euch ein Vertrag besteht, dann ist ein Sühnegeld an seine Angehörigen auszuhändigen und ein gläubiger Sklave zu befreien. Wer es nicht vermag, der hat zwei Monate hintereinander zu fasten. Das ist eine Zuwendung von Seiten Gottes. Und Gott ist wissend und weise

 

Einer der wenigen Skeptiker und gottergebenen Kritiker der Sklaverei war An-Nasafī (gest. 701 nach Hidschra, berühmt für seine ʿaqīdatu-n-nasafī, das Credo des Nasafī), der scharfsinnig bemerkte, dass wenn ein Totschlag durch das Befreien eines Sklaven kompensiert werden kann (4:92), dann jemanden zu versklaven einem spirituellen Todesurteil (mawt ḥukman) gleichkomme, weshalb er Sklaverei (ar-riqq) als ein Überbleibsel der Zeiten der Ableugnung (aṯār al-kufr) und des Unglaubens beschrieb:

 

فتحرير رقبة… التحرير: الإعتاق، والحر والعتيق الكريم فيالأحرار كما أن اللؤم في العبيد، ومنه عتاق الطير وعتاق الخيل لكرامها
والرقبة: النسمة ويعبر عنها بالرأس في قولهم: فلان يملك كذا رأساً من الرقيق {مؤمنة} قيل: لما أخرج نفساً مؤمنة من جملة الأحياء لزمه أن يدخل نفساً مثلها في جملة الأحرار، لأن إطلاقها من قيد الرق كإحيائها من قبل أن الرقيق ملحق بالأموات، إذ الرق أثر من آثار الكفر والكفر موت حكما

 

Eine grobe Übersetzung:

Und das Befreien eines Sklaven/Halses… die Befreiung (altahrīr): Die Erlösung, und die Freien und die noblen Erlösten, das heißt die Befreiten, und ebenso, dass [damit] die Ungleichheit unter den Sklaven [gezeigt ist], und daraus [ist gleichermaßen] der Edelmut der Erlösung des Vogels und des Pferdes [sichtbar].
Und der Hals: [Dieses Wort meint] die Personen [die am Hals festgehalten sind] und es äußert sich darüber durch die Eigentümerschaft (ar-ra’s) in ihrer Aussage: Um solch Eigentum (ra’san) zu besitzen (yumlik) von den Hälsern, {Gläubige} wurde gesagt: hinsichtlich der Vertreibung einer gläubigen Seele von allem Lebendigen (al-ā’hyā’) [d.h. jemanden zu töten] muss eine Seele ihresgleichen [in den Kreis] aller Freien eintreten, weil ihre Loslösung von den Verbindlichkeiten der Sklaverei wie ihre Belebung ist (itlāqhā min qīd ar-riqq ka-iḥyā’hā), wovon folgt, dass die Sklaven den Toten anhängen (ar-raqīq muhlaq bi-l-a’mwāt) [d.h. Sklave zu sein ist dasselbe wie gestorben zu sein], weil die Sklaverei ein Überbleibsel von den Spuren der Ableugnung (‘āṯār al-kufr) ist und Ableugnung ist ein Todesurteil.123

 

Die Sklaverei in der Bibel und ihr Einfluss auf die Gottergebenen

Foto: Jim Reid, CC BY-NC-SA 2.0

Die Praxis der Sklaverei wurde bis zu einem gewissen Maß durch den Einfluss der Juden und Christen gerechtfertigt. Ein hoher Anteil hierbei ist den erfundenen Aussprüchen (Aḥādīṯ) und Gesetzen in der Scharīʿa zuzuschreiben, die Jahrzehnte nach dem Tode des Propheten eingeführt wurden. Es ist eine Ironie, dass die Juden, die am meisten durch die Sklaverei zu leiden hatten und von Gott durch Moses’ Wirken errettet wurden (2. Buch Mose Exodus 1:13–14), später die Versklavung anderer Menschen rechtfertigten, einschließlich dem Verkauf der eigenen Tochter, was Eingang in ihre heiligen Bücher fand (Exodus 21:7–8; 21:21–22,26– 27; 3. Buch Mose Levitikus 25:44–46; Josua 9:6–27).

Obwohl Jesus niemals die Sklaverei billigte, verhielt sich Paulus, der wahre Gründer des modernen Christentums, anders: Er verlangte von den Meistern, ihre Sklaven gut zu behandeln (Kolosser 3:22), von den Sklaven jedoch „in aller Ehrfurcht gegenüber den Meistern ergeben zu sein“ (1. Petrus 2:18; Epheser 6:5; 1. Timotheus 6:2; Kolosser 3:22; Titus 2:9). Sehr viele Christen und Juden konvertierten zur Gottergebenheit aus der Lesung und verbreiteten im Namen des Propheten die althergebrachten Weltanschauungen mittels den Aussprüchen, verbreiteten also im Namen der Religion und somit im Namen Gottes wissentlich oder unwissentlich Lügen. Sehr wahrscheinlich ist es deshalb auf diese zurückzuführen, dass die Sklaverei auch nach der Vollendung der Offenbarung und nach dem Ableben des Propheten aufrechterhalten wurde. Politische Motive sind hierbei natürlich nicht ausgeschlossen. Der Missbrauch der Religion durch die privilegierte Klasse, Menschen zu versklaven und auszubeuten, wurde lebhaft von Desmond Tutu aufgezeigt:

 

Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.

– Desmond Mpilo Tutu

 

Sklaverei im Lichte der Gottergebenheit

Zur Offenbarungszeit der Lesung war die Sklaverei eine vorhandene Realität (4: 25). In ihr wird aber die gängige, praktizierte Sklaverei abgeschafft (3:79; 4:3,25,92; 5:89; 8:67; 24:32–33; 58:3–4; 90:13; 2:286; 12:39–42; 79:24-25). Die Lesung lehnt die Sklaverei nicht nur als eine grobe Sünde ab, sondern als die gröbste Sünde, als ob man Gott irgendwelche Partner beigeselle, da man sich selbst neben Gott als weiteren Herrn über einen Menschen anpreist durch das Halten irgendeines Sklaven. Dies wird nicht vergeben, wenn diese Beigesellung (schirk) bis zum Tod oder bis kurz davor aufrechterhalten wird (4:116). Einen anderen Meister/Herrn (rabb) als oder neben Gott zu akzeptieren oder sich selbst als solchen (bewusst oder unbewusst) darzustellen wird in der Lebensweise der Gottergebung unmissverständlich abgelehnt (12:39–40; 3:64; 9:31). Jahrzehnte nach Mohammeds Ableben wollten Könige und ihre Verbündete die Sklaverei wiederauferstehen lassen und rechtfertigten diese durch Verzerrungen der Verse, in denen Josef vom Herrn seines Freundes spricht (12:41–42). Sie ignorierten jedoch die Tatsache, dass Josef nie irgendjemand anderen als Gott als seinen Herrn oder Meister bezeichnete. Er schlug seinen Gefährten im Gefängnis vielmehr vor, ihre Freiheit dadurch zu ersuchen, indem sie die unbegründeten Behauptungen ablehnen, sich von falschen Herrn und Meistern bevormunden zu lassen (12:39–40). Es ist auch kein Wunder, dass Gott Pharao verdammt für seine Behauptung, ein Herr über die Menschen zu sein (79:15–26). Gott errettete die Juden aus der Sklaverei und erinnerte sie daran, dass ihre Freiheit wichtiger ist als die Vielfalt an Nahrungsmitteln, die sie vermissten (2:57–61).

 

16:75-76 Gott führt als Gleichnis einen leibeigenen Diener an, der über nichts verfügt, und einen, dem wir von uns eine schöne Versorgung gewährt haben. So gibt er davon heimlich oder offen ab. Sind sie gleich? Lob gehört Gott! Nein! Vielmehr wissen die meisten von ihnen nicht. Und Gott führt als Gleichnis zwei Männer an. Der eine von ihnen beiden ist stumm und verfügt über nichts. Er ist seinem Meister eine Last, wo er ihn auch hinschickt, bringt er nichts Heilvolles. Gleicht er dem, der die Gerechtigkeit befiehlt, wobei er auf einem geraden Weg ist?

 

Die Verse 16:75–76 vergleichen einen Diener (‘abd) mit einem freien Menschen und betonen die Wichtigkeit, ein freier Mensch zu sein. Dies zielt auch darauf ab, sich nicht geistig von anderen Menschen bevormunden zu lassen, was durchaus im imperativischen Sinne Kants verstanden werden kann. Freie Menschen sollten sich also sowohl geistig als auch körperlich nur von Gott abhängig machen. Freie Menschen sind besser dazu in der Lage, Kreativität zu entfalten und Gutes zu bewirken.

Gott untersagt Mohammed des Weiteren, seine Feinde in Friedenszeiten einzufangen, einzukerkern und zu versklaven. Doch Er gibt ihm die Erlaubnis dafür nur als eine Maßnahme gegenüber denjenigen, die Krieg anstiften und in kriegerischen Handlungen tätig sind (8:67). Die Kriegsgefangenen werden nach Vers 47:4 nach Kriegsende freigelassen. In der Lesung wird die Tatsache betont, dass diejenigen, die Gott Partner beigesellen, selbst Sklaven besaßen. Die Sklaven mittels verschiedener Wege zu befreien ist als eine verpflichtende, gottergebene Handlung und Eigenschaft anzusehen (24:32–33; 16:75, 90:13). Gott berücksichtigt die tragische Vergangenheit von Sklaven als mildernden Umstand, indem Er ihnen die Hälfte der Strafe für die Unzucht verschreibt wie für Freie (4:25). Diese Regel lehnt gleichzeitig auch die Todesstrafe durch Steinigung der Sunniten und Schiiten ab, da es logischerweise keine Hälfte der Todesstrafe geben kann!

 

24:32 Und verheiratet die Ledigen unter euch und die Rechtschaffenen von den Dienern und Dienerinnen unter euch. Wenn sie arm sind, wird Gott sie durch seine Huld reich machen. Und Gott umfasst und weiß alles.

 

Der Ausdruck ʿibādukum (eure Diener) in diesem Vers wird generell missverstanden und trotz der klaren Botschaft der Lesung wird der Vers missbraucht, um die Sklaverei zu rechtfertigen. Statt den besagten Ausdruck als „eure Sklaven, die ihr besitzt“ zu verstehen, sollte er besser als „Diener aus eurer Gruppe“ verstanden werden. Beispielsweise gibt es in der Lesung auch den Ausdruck „die Speisung von zehn Bedürftigen so wie ihr eure Angehörigen im Durchschnitt speist“ (5:89), was eben nicht die „Angehörigen, die ihr besitzt“ bedeutet. Ähnlich meint „eure Undankbaren“ (eigentlich: eure Ableugner) auch diejenigen Undankbaren, die unter uns verweilen, und nicht die, die wir besitzen würden (54:43).124

Es lassen sich auch weitere Beispiele gegen die Sklaverei finden, wie etwa in der Geschichte Salomons (27:31 ff.), in der er Könige als Persönlichkeiten beschreibt, die die Menschen unterjochen. Sein Standpunkt gegenüber Unterdrückung und Sklaverei ist beispielhaft. Lebte Salomon heute, versuchte er erst sich selbst als gottergeben bezeichnende Gemeinschaften zu reformieren, wie er damals bei der Königin von Saba verfuhr.

In 58:3–4 wird ein spezieller Umstand beschrieben, in denen die Männer sich von ihren Frauen zu Unrecht scheiden lassen wollten. Als Sühne sollen diese einen Sklaven befreien. Der Anfang des Verses 58:4 (faman lam yadschid, was „wer es nicht vermag“ bedeutet, wörtlich: So wer es nicht fand) weist deutlich darauf hin, dass die zu befreienden Sklaven nicht zu den Gottergebenen gehörten. Ansonsten hätte ein Ausdruck wie „wer keinen Sklaven besitzt“ stehen müssen.

 

Mā malakat aymānukum und mawlá

In der Lesung kommt des Öfteren ein Ausdruck vor, der meist falsch übersetzt als „eure Sklaven“ wiedergegeben wird. Es handelt sich hierbei um die Äußerung „mā malakat aymānukum“125 (ما ملكت أيمنكم), was ungefähr als „was eure Rechte (Hand) besitzt“ übersetzt werden kann. Sektiererische Interpretationen versuchen diesem Ausdruck einen Beigeschmack von Sklaven, insbesondere auch Sexsklaven zu geben, was aber der Offenbarung diametral entgegensteht. Bei diesem Ausdruck handelt es sich um Ausnahmefälle, wie zum Beispiel in 60:10 beschrieben, wobei eine Ehefrau eines Soldaten auf feindlicher Seite die Botschaft der Gottergebenheit hört und annimmt und deshalb von den Feinden verfolgt wurde. Daraufhin kann diese Frau Asyl beantragen bei der gottergebenen Gemeinschaft. Da sie nun nicht durch einen juristisch-formalen Prozess die Scheidung erlangen konnte, wird es ihr in diesem Ausnahmefall durch einen speziellen Vertrag erlaubt, Gottergebene zu heiraten. Dies hat keinerlei Bezug zu Dienern (ʿibād) im herkömmlichen Sinne.

Das Wort yamīn, Singular von aymān, bedeutet „rechts“, „rechte Hand“ oder im übertragenen Sinne auch „Recht“, „Macht“, „Kontrolle“.126 Das Wort „Mawlá“ (Herrscher, Beschützer, Meister) kommt in der Lesung 18 Mal vor, von welchen 13 für Gott verwendet werden (2:286, 3:150, 6:62, 8:40, 9:51, 10:30, 22:78, 47:11, 66:2, 66:4). Die übrigen fünf Stellen gebrauchen das Wort mit einem negativen Beigeschmack (16:76, 22:13, 44:41, 57:15). Die in der Lesung allein für Gott gebrauchte Formulierung „Mawlánā“ (unser Schutzherr, Meister, Beschützer) wurde von gewissen Volksgruppen auch Religionsgelehrten zugeschrieben. In Pakistan und Indien wurde es zum Brauch, die Religionsgelehrten mit dem Titel „Mawlánā“ ( مولىنا ) anzusprechen.127 Das Wort „Waliyy“ (ولي – Verbündeter; plural awliyāʾ أولياء) hingegen wird sowohl für Gott als auch für Menschen gebraucht. Gott ist der Freund und Verbündete der Gläubigen und die Gläubigen sind die Freunde und Verbündete untereinander.128

Deshalb sollte es auch fortan unterlassen werden, andere Menschen als „mawlana“ (Türkisch: mevlana) zu betiteln, da dieser Begriff nur Gott gebührt (2:286).

 

Fazit

Die Gottergebenheit (Islām) lehnte die Sklaverei bereits mit der Bezeugung „Keine Gottheit außer dem Gott“ (lā ilāha illa-llāh) ab. Der Begriff Herr (rabb) wird in mehr als 900 Stellen einzig und allein für Gott gebraucht. Ein Gottergebener kann kein Sklave (raqabah) oder Diener (ʿabd) eines anderen als Gottes sein. Deshalb ist es Götzentum und Beigesellung, irgendeinen Sklaven in irgendeiner Form zu besitzen, denn damit würde man sich als Meister und Herr behaupten und sich neben Gott stellen. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde Pharao verurteilt, weil er sich als Herr der Menschen behaupten wollte.

Ich wiederhole: Gemäß der Lesung kann ein Gottergebener niemals einen Sklaven haben, da dies der Behauptung gleichkommt, der Herr über den Sklaven zu sein. Sich selbst Gott beizugesellen ist die größte Sünde, da man sich als absolute Souveränität, also Gottheit eines Menschen positioniert. Und Gott befiehlt uns:

 

90:13 Befreie den Sklaven!

 

Deshalb:

Wir schulden es uns selbst, der Reinheit der Gottergebenheit wegen, aufzuzeigen, dass Sklaverei eine Abweichung vom gottergebenen Standpunkt bedeutet. Oder um es in den Worten von an-Nasafī zu sagen: Entweder Freiheit (Befreiung der Sklaven) oder Tod (Sklaverei)!

Menstruation und Beten im Islam, Fasten während der Menstruation…

Der Koran, der alles erklärt (16:89; 6:114), was wir für unsere Rechtleitung benötigen, schränkt einzig und allein den Geschlechtsverkehr ein, wenn es um die Menstruation geht.

 

 

Foto: Jennifer Hayes – CC BY-NC 2.0

 

2:222 Und sie fragen dich nach der Menstruation. Sage: „Sie ist eine Beeinträchtigung!“ So haltet Abstand von den Frauen während der Menstruation und nähert euch ihnen nicht (sexuell), bis sie gereinigt sind. Wenn sie sich reinigten, dann kommt zu ihnen, von wo euch Gott gebot. Gewiss, Gott liebt die Bereuenden und liebt die sich Reinigenden


Der Koran beinhaltet alles, was unsere Rechtleitung betrifft. Und so beschreibt er in diesem Vers alles, was die Menstruation angeht. Laut Koran ist Regelblutung eine Beeinträchtigung, ein Unwohlsein und Gott sieht für uns vor, dass wir während dieser beeinträchtigenden Phase keinen Geschlechtsverkehr üben. Unser Herr beschreibt die Menstruation nicht als eine spirituelle Unreinheit, sondern als eine Beeinträchtigung. Man soll sich auch nicht durch den nachfolgenden Satz verunsichern lassen, in dem das aus der Wurzel T-h-r (طهر) abgeleitete Verb (يطهرن – yaThurna, femininer Plural der dritten Person) verwendet wird. So wie das Wort „rein“ im Deutschen mehrere Bedeutungen in sich tragen kann, wie etwa in „eine reine Weste haben“, kommen die von der Wurzel abgeleiteten Wörter im Koran in unterschiedlichen Varianten vor:

  • materielle, körperliche Reinheit: 2:25, 2:222 (die ersten beiden Vorkommnisse im Sinne von „sich der Menstruation entledigen“), 3:15, 4:57, 8:11, 25:48, 76:21
  • geistige Reinigung: 2:222 (letztes Vorkommnis), 2:232, 3:55, 5:41, 9:103, 33:33, 33:53, 56:79 (die hier beschriebene Reinheit hat nichts mit der rituellen Waschung (غسل – Ghusl) vor dem Gebet zu tun*), 58:12,  80:14, 98:2
  • Geistige und materielle/körperliche Reinigung: 2:125, 3:42 (könnte auch als rein geistige Reinheit gelten), 4:43, 5:6, 7:82, 9:108 (ebenso möglich: nur geistige Reinheit), 11:78 (ebenso möglich: rein geistig), 22:26, 27:56, 74:4

* Koranisch gesehen bedeutet Ghusl, anders als in der traditionellen Lehre üblich, sowohl Ganzkörperwaschung als auch die Waschung vor dem Gebet, siehe 4:43 und 5:6 (und die Wortwahl des arabischen Textes), wohingegen aus 5:6 zu verstehen ist, dass طهارة – Tahaara im Kontext des Gebets (und nicht allgemein) durchaus als reine Ganzkörperwaschung verstanden werden kann. Achtung: Hier beim allgemeinen Ghusl bedeutet dies nicht, dass die Person in dem Moment körperlich unrein sei, um Missverständnisse zu vermeiden. Dies hat lediglich mit dem Gebet zu tun.

Es gab und gibt verirrte Menschen, die die Menstruation bei Frauen gar als eine göttliche Strafe ansehen. Ihre Ansichten und Interpretationsweisen haben auch ihren Weg in die Kommentaren und Tafsir-Bücher gefunden, wonach man eine Frau nicht nur sexuell nicht berühren, sondern gleich komplett vermeiden sollte. Dies wird ebenso ersichtlich in den Übersetzungen, welche die Menstruation in 2:222 wie folgt beschreiben bzw. das Wort (أَذًى – adhan) wie folgt übersetzen:

  • Khoury, Bubenheim, Rassoul: Leiden
  • Azhar, Ahmadeyya: Schaden
  • Paret: Plage
  • Zaidan: Beschwerlichkeit
  • Pickthall: Krankheit (illness) (sic!)
  • Qaribullah: Verletzung (injury)
  • Khalifa, Progressive Muslims, Amatul R. Omar: schädlich (harmful)
  • M. Asad: verwundbarer Zustand (vulnerable condition)
  • Ali F. Yavuz: eine verhasste Unreinheit (nefret edilen bir pisliktir) (sic!)

Wie wir sehen tun es sich die Übersetzer nicht gerade einfach, das Wort angemessen zu übersetzen. Auch während unserer Übersetzung von 2:222, die wir eingangs zitierten, hatten wir lange diskutiert. Insbesondere in gewissen Übersetzungen wie die von Paret, Pickthall oder von meinem persönlichen Favorit in der Kategorie „abstruseste Übersetzung“ Ali F. Yavuz sieht man deutlich, welch lausige Arbeit da verrichtet wurde bei der Übersetzung.

Im Koran kommt dieses Wort an 24 Stellen in verschiedenen Formen vor: 2:196 2:222 2:262 2:263 2:264 3:111 3:186 3:195 4:16 4:102 6:34 7:129 9:61 (2x) 14:12 29:10 33:48 33:53 (2x) 33:57 33:58 33:59 33:69 61:5

Dass es sich bei diesem Wort nicht um den Aspekt der „Schmerzen“ handelt, wird klar, wenn man bedenkt, was „schmerzhaft“ auf Arabisch heißt: مُؤْلِم – mu’lim oder أَلِيم – ‚aliim, was im Koran sehr oft in der Wendung ‚Adhaabun ‚aliimun (schmerzhafte Qual) vorkommt. Dieses Wort bedeutet auch nicht „Schaden“ (ضَرَر – Darar, türkisch: zarar) an sich, denn man betrachte Vers 3:111:

لن يضروكم إلا أذى وإن يقتلوكم يولوكم الأدبار ثم لا ينصرون

Sie werden euch nicht schaden (lan yaDurruukum), bis auf eine Beeinträchtigung (‚illaa ‚adhan). Wenn sie euch bekämpfen, werden sie euch den Rücken kehren und weglaufen. Keine Hilfe wird ihnen zuteil werden.

Hier wird das Wort zwar mit Schaden in Verbindung gebracht, aber dennoch sprachlich wie auch inhaltlich getrennt. Im Vers hätte auch ‚illa qaliilan (bis auf ein wenig) stehen können. Jedoch wird durch diese Wortwahl klar gemacht, dass das Wort in der Bedeutung schwächer als „Schaden“ (Darar) ist (das Verb yaDurruuna stammt von derselben Wurzel ab wie das Wort Darar) und damit etwas anderes ist als Schaden.

Dasselbe Wort kommt in den übrigen 23 Stellen in der Bedeutung „bedrücken, belästigen“ (zum Beispiel im Sinne einer Beleidigung, siehe 3:186 oder 6:34) oder „leiden“ (auf dem Wege Gottes „leiden“, siehe 3:195) vor, allgemein aber im Sinne von einer „Einschränkung“, weshalb wir uns für das Wort „Beeinträchtigung“ entschieden hatten. Nirgends, aber nirgends erhält es die Bedeutung „verhasste Unreinheit“! Es bedeutet auch in keinster Form „unrein“ oder „Schmutz“. Doch nur in 2:222 Stelle übersetzen gewisse Übersetzer dieses Wort anders.

Wieso erst dann, wenn es sich um Frauen handelt?

Traditionell wird gelehrt, dass eine menstruierende Frau spirituell und körperlich vor Gott unrein sei, und deshalb nicht beten, nicht fasten und die Pilgerfahrt nicht vollziehen dürfe. Der Koran, der alles erklärt (16:89; 6:114), was wir für unsere Rechtleitung benötigen, schränkt einzig und allein den Geschlechtsverkehr ein, wenn es um die Menstruation geht. Hätte Gott gewollt, dass Frauen nicht beten, nicht fasten und auch den Koran nicht lesen, so hätte dies Gott, Der weder wortarm noch vergesslich ist, mit Leichtigkeit erwähnen können. Sowieso enthält der Koran die Einzelheiten zu den Umständen, die dem Kontaktgebet im Weg stehen: Urinieren, Stuhlgang oder die spirituelle Unreinheit durch Geschlechtsverkehr (dschunub).

Eine menstruierende Frau hat zu beten und zu fasten und die Pilgerfahrt zu vollziehen. Sie kann den Koran auch zu jeder Zeit lesen. Falls die Menstruation eine erhebliche Beeinträchtigung ist und körperlich von der Frau viel abfordert, so kann sie das Fasten aufschieben (2:184f.). Jedoch ist dies keine allgemeine Regel und sehr individuell behaftet, da nicht jede Frau das Menstruieren als ein intensives Leiden erlebt.

Männer waren es, die diese Interpretation den Frauen aufgezwungen haben und wieder Männer waren es, die die menstruierenden Frauen von den Moscheen, vom Gebet, vom Fasten und vom Koran ferngehalten haben. Die patriarchalische Mentalität, welche die Frauen davon fernhält, Gott zu dienen, zu Gott zu beten und mit Ihm eine innige Verbindung aufzubauen wie etwa durch das Koranlesen, hat dafür gesorgt, dass sich viele Frauen, insbesondere die jungen Mädchen vor der Gesellschaft sehr verlegen fühlen können und ihnen das Gefühl gegeben, dass sie etwas im Körper haben, dass sie vor Gott unrein mache. Damit wurden sie in den Hintergrund gedrängt. Sie haben auch dafür gesorgt, dass auch die Frauen den Koran verlassen haben und von der Klage unseres Propheten angesprochen werden (25:30).

Die sogenannte Scharii’a, die durch die erfundenen und erlogenen Ahadith und mittels der Dutzenden Idschtihad der Gelehrten Jahrhunderte später eingeführt und dem letzten Propheten Gottes untergejubelt wurde (42:21), hat das diesseitige wie auch das jenseitige Leben der Muslime (arabisch für „Gottergebene“) ins Verderben geführt.

Die Gottergebenen, welche den Koran, den gesamten Koran und nur noch den Koran einhalten wollen, werden mit Gottes Hilfe und Erlaubnis diesen Aberglauben aufdecken und entlarven.

Salâh: Sowohl mit Geist als auch mit Körper

Oder: Anti-Sunna, Anti-Tradition, Anti-Ritualismus, einfach ANTI!

9.112 Diejenigen, die umkehren, dienen, loben, umherziehen, sich verneigen und niederwerfen, das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten, die Bestimmungen Gottes einhalten – verkünde den Gläubigen eine Frohbotschaft!

Beim Eintritt in gewisse Foren wird man heutzutage mit einem erstaunlichen Bild konfrontiert. Es ist in diesen Foren immer wieder zu sehen, dass der Mensch an sich rechthaberisch ist und dem Geiste eines Kindes entsprechend alles mögliche tun wird, um Recht zu behalten. Nicht nur das, er wähnt sich so sicher, dass vom bequemen Sessel vor dem Computer vergessen wird, dass man es mit Menschen zu tun hat. So wird man angegriffen, wenn man nicht derselben Meinung folgt oder ihnen in ihrem Lieblingsthema zustimmt. Es scheint, dass einige Personen dermaßen begeistert sind, ihre Gedanken und ihren Körper von einem Ritual zu befreien, dass sie beginnen, solch ein Ritual im Namen Gottes zu verbieten. Der Teufel packt sie genau dort, um sie nach den klaren Beweisen wieder in die Irre zu führen: sie sind vom Gefühl der Befreiung berauscht und beginnen, alles traditionelle abzulehnen und alles, was modern und neu ist, als Religion wahrzunehmen. Mit einer rational anmutenden Sprache führen sie unzählige neue Vermutungen ein, ohne diese zu belegen. Sie geben vor, vernunftgerecht vorzugehen und missachten einfachste Regeln des wissenschaftlichen Vorgehens. Sie lehnen Persönlichkeiten wie Gerd R. Puin oder C. Luxenberg ab, weil deren Argumente weit hergeholt und unhaltbar sind. Jedoch adoptieren sie die gleiche Vorgehensweise derer, die sie ablehnen, um ihr Gefühl der Befreiung von Traditionen immer wieder von Neuem aufleben lassen zu können.

In ihrer Zauberwelt werden Orte der Anbetung (Masâdschid) zu Unterordnungen (Plural!), Kontaktgebete zu bestimmten Zeiten zu Verbindlichkeiten zu bestimmten Zeiten reduziert. Ebenso mutiert das Heilige Haus Kaaba zum „Fundament eines sanktionierten Systems“. Verben oder Adverben werden ignoriert, von Präpositionen oder Grammatik ist noch lange nicht die Rede und lieber wird mal (bei gewissen Arabern) ein Wort in seiner Bedeutung komplett geändert oder einfach der eigene Dialekt beansprucht, um ja nicht der Tradition folgen zu müssen. Die Bedeutungen werden einfach frisch nach dem Gefühl der aktuellen Lage zugewiesen, um die bizarren Theorien zu rechtfertigen. Radikale Änderung erscheint wegen seiner Radikalität attraktiver, doch sind die Argumente schwach und unbegründet. Man hat begonnen die Sunna abzulehnen und kennt die Verse bestens, welche die Tradition kritisieren. Und da man von diesem Gefühl nicht mehr loskommt, folgt man allem, was dieser Radikalität entspricht; Hauptsache man ist gegen etwas, insbesondere gegen die Sunniten oder Schiiten. Aber am liebsten einfach gegen die Tradition.

Ich habe keine Zeit und auch nicht den Wunsch, alle Argumente hier aufzuführen, um die Fehler in der Logik aufzuzeigen. Dafür bräuchte es mittlerweile ein gesamtes Buch, um alles detailliert auszuführen: zahlreiche Fehler, Vermutungen und ungerechtfertigte Schlussfolgerungen. Ich werde auch keine Namen nennen, um die Argumente von den Personen unabhängig zu machen und um kein argumentum ad hominem zu ermöglichen.

Gemäß diesen Leuten muss aber jede Person, welche nicht ihrer Interpretation, ihren Schlussfolgerungen oder Vermutungen über gewisse Wörter oder Verse des Koran zustimmt, entweder ein Beigeseller (Mushrik) oder Ableugner (Kafir) oder zumindest irgendwie irregeleitet sein. Sie lassen einem auch keine Zeit, ihre Behauptungen zu studieren, zu überdenken und zu überprüfen. Ich hätte alles stehen und liegen lassen sollen, um ihre Position entweder sofort abzulehnen oder sofort anzunehmen. Ihre Argumente gründlichst zu studieren war entweder ein Luxus oder natürlich eine „Flucht vor der absoluten Wahrheit“! Ich soll also reflexartig entscheiden. Vermutlich haben diese auch reflexartig das Thema behandelt, weil es gewisse Gefühle in ihnen angesprochen hat.

Wir sehen alles so, wie wir sehen wollen,
bis wir es anders sehen müssen.

Natürlich nehme ich jede Meinung ernst (39:18), selbst dann, wenn ich diese Argumente bereits zehn Jahre zuvor in der Türkei kennenlernte. Manchmal hörte ich in einem Satz oder in ein paar Worten gar neue Argumente, und ich füge dies zu meinem Studium hinzu. Falls ich das Argument als sachlich und schlüssig sehe, zögere ich keinen Moment meine Haltung zu ändern. Ich würde niemanden beschuldigen, eine Sünde zu begehen, wenn sie oder er das Kontaktgebet (Salâh) nicht körperlich befolgt. Ich folge lediglich den Anweisungen Gottes in den Versen 20:114, 17:36 und 39:18.

Nur das, was aus Geduld und sorgfältiger Überlegung entsteht,
kann reifen und zu etwas Fruchtbarem gedeihen!

Ein paar Jahre zuvor, als ich sah, dass der Koran nur drei Gebete und nicht fünf aufführt, begann ich auch nur noch dreimal täglich zu beten. Ich erzählte davon einigen in meinem Umfeld, jedoch fanden diese das Argument als zu kompliziert und nahmen sich keine Zeit für ein näheres Studium. Ich würde jedoch niemanden in seinem Glauben hinterfragen, nur weil er fünf Gebete als Pflicht ansieht und nicht drei. Selbst heute noch gibt es Freunde, deren Argumente für das fünfmalige Gebet am Tag teils logischen Schlussfolgerungen folgen. Wo Menschen sind, sind auch Differenzen aufgrund ihres unterschiedlichen Grad an Wissens, an Erfahrung und ihres unterschiedlichen Hintergrundes. Und ich bin überzeugt, dass trotz dieser unterschiedlichen Ansichten eine Einheit in der Gemeinschaft gebildet werden kann, denn die wichtigste Angelegenheit besteht darin, Seine Religion Gott allein zu widmen.

Folgte ich dem gleichen Schema dieser Menschen, so würde ich jeden Menschen, der fünf Mal am Tag das Kontaktgebet einhaltet, der Beigesellung (Shirk) beschuldigen, der Kapitalsünde schlechthin. Wie kann ein Gläubiger einen anderen dessen beschuldigen nur aufgrund der Befolgung von Zusatzgebeten aus einem teils unterschiedlichen Verständnis des Koran? Wer sich vor diesem Drang nicht in Acht nimmt, fällt demselben Wunsch zum Opfer, aufgrund eines unterschiedlichen Verständnisses eine Spaltung herbeizuführen, im unbewussten Bestreben, einen neuen Kult oder neue Gruppe einzuführen, was vom Koran aufs Schärfste verboten wird. Sie schärfen ihre Argumente und nutzen es als wäre es ein heiliger nasser Lappen, dem man jedem ins Gesicht werfen sollte. Sie könnten gute Punkte haben, sie könnten sogar Recht haben. Aber sie übertreiben, indem sie entdeckte UNTERSCHIEDE als den Angelpunkt des Glaubens behandeln. Der Wunsch, eine eigene Identität zu entwickeln benebelt ihre Vernunft und sie erblinden den gemeinsamen Werten gegenüber. So wie Paulus nach Jesus etliche Tatsachen verzerrte, um Jesus‘ Botschaft von der von Moses zu unterscheiden, so wie sich die Gläubigen nach Paulus Christen nannten. So wie sich die Sunniten und Schiiten ihre Namen gaben nach dem Propheten Mohammed aufgrund einer rein politischen Frage. So wie sich die Schiiten untereinander und Sunniten untereinander wiederum unterschiedliche Sektennamen (Hanafi, Hanbali, Dschafari, Zwölferschiiten…) gaben. Dieses Muster der Spaltung ist fast allen Gruppen gemein, die eine bestimmte Religion, Sekte oder einen Kult vertreten.

4:142 … Und wenn sie sich zum Kontaktgebet hinstellen, stellen sie sich nachlässig hin, wobei sie von den Menschen gesehen werden wollen, und sie gedenken Gottes nur wenig.

77:48  Und wenn zu ihnen gesprochen wird: „Verneigt euch“, verneigen sie sich nicht.

Um es klarzustellen: anders zu verstehen und deshalb anders zu handeln ist nicht dasselbe wie Gottes Zeichen (ayaat) im Koran oder in der Natur abzulehnen. Sich dem Glauben an eine Ayah (Zeichen) oder Ayaat (Zeichen oder Offenbarungen) zu widersetzen ist Ableugnung und wird als große Sünde betrachtet. Wenn beispielsweise die Verse 9:128-129 Teil des Koran wären, wäre eine Ablehnung ihrer wichtig. Ähnlicherweise wäre es eine wichtige Angelegenheit, die Verse 9:128-129 zu akzeptieren, wenn sie keine Verse des Koran sind. Da der Code 19 diese Angelegenheit beinhaltet und als eine der größten Wunder (Ayaat) und als eine Prüfung bezeichnet wird, ist diese Frage eine Frage des Glaubens.

 

Was ist nun Salâh?

Nach dieser langen Einführung möchte ich hier die Gründe auflisten, weshalb ich nach all dem Anhören der Argumente immer noch die Kontaktgebete (Salâh) sowohl geistig als auch körperlich einhalte.

1- Es gibt Personen, die behaupten Sally oder Salâh bedeute nicht Gebet, sondern Hingabe, Unterstützung, Kontakt oder Verbindlichkeit. Darin ist eine gewisse Wahrheit enthalten. Wenn das Wort SaLLY nicht zusammen mit dem Verb iqamu verwendet wird, bedeutet es gewöhnlicherweise Unterstützung oder Ermutigung. Die Verse 74:43, 75:31 reflektieren diese Bedeutung. Ebenso bedeutet das Wort Salla in den Versen 2:157; 9:99,103; und 33:43,56 zu unterstützen. Es könnte auch sein, dass in Vers 5:106 das Wort Salla sich nicht auf das Ritual des Kontaktgebetes beziehen muss. Wenn das Wort Salâh mit dem Verb iqamu (Imperativform: verrichtet) verwendet wird, beschreibt es das zeitlich festgelegte Ritual, welches vorgängig einer Waschung bedarf (Wudu‘). Die restlichen Argumente, die die diese Verbindung zwischen diesem Verb und dem Wort Salâh untersuchen, sind schlicht nicht überzeugend.

2- Gewisse Personen, die das Glück haben, sich von den Ahadith befreien zu können, gehen in ein Fest der Verschwörungstheorien über und behaupten, die Worte hätten sich allesamt zwangsweise verändert, wegen irgendeiner verschwörerischen Ideologie der früheren Araber.

Das Wort al-beyt (das Haus), welches gewöhnlicherweise im Koran das von Abraham und seinen Kindern in Mekka erbaute Haus meint, solle eigentlich als „System“ übersetzt werden. Genauso solle Hadsch (die Pilgerfahrt zum Haus in Mekka) plötzlich als Debatte, Diskussion oder Herausforderung verstanden werden. Neue Bedeutungen alten Wörtern zuzuschreiben wäre prinzipiell nichts Verwerfliches, wenn es wesentliche koranische und logische Argumente gäbe. Die übliche Bedeutung dieser zwei Wörter erklären alle Verse, in denen sie vorkommen, ohne dass wir tiefergehende Einsichten benötigten. Die behaupteten neuen Bedeutungen hingegen sind nicht vorstellbar. Wie werden folgende Verse denn genau erklärt mit diesen „neuen Bedeutungen“: 2:158, 8:35 (in Bezug auf die Präposition ‚inda), 17:93 (luxuriöses System?), 28:12, 66:11 (System im Paradies?), 12:23, 2:125 und 22:26 (Gottes System brauche Reinigung?) und 8:5? Wie steht es um den Plural des Wortes (buyuut)? Sind das keine Systeme, oder wieso wird dies dennoch als Häuser verstanden?

3- Es ist wahr, dass in 16:49 Sadschda Gehorsamkeit und Unterordnung Gottes Gesetz gegenüber bedeutet. Wir sollten nicht von diesem Vers ausgehend folgern, dass alles eine Seele wie Menschen besitzt. Selbst mentale Prozesse folgen physischen Ereignissen. Selbst die Niederwerfung aller Geschöpfe ist physisch. Alles was wir beobachten und wahrnehmen können, ist physischer Natur. Atome unterwerfen sich Gottes System in der Natur, wenn sie interagieren. Wasser tritt in gewisse Zustände wie Eis, Dampf oder Flüssigkeit ein, die vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin bilden die Grundelemente der DNA und folgen Regeln der Codierung, die Gott vorbestimmte, und sie produzieren die DNA. Jede Zelle und jedes Organ in unserem Körper ordnet sich ins Gefüge ein. Dies sind alles physikalische Beispiele der Sadschda vor Gott. Kein Wunder, denn das gesamte Universum hat sich Gott ergeben (3:83; 13:15). Interessanterweise wird in diesen zwei Versen dieselbe Idee angesprochen, doch in 3:83 wird das Verb aslama (ergeben) verwendet, während in 13:15 das Verb yasjudu (niederwerfen) gebraucht wird. Dies ist ein starker, philologischer Hinweis dafür, dass beide Verben zur selben semantischen Ebene gehören. Ergebung in Gott ist nicht nur ein mentaler Vorgang, sondern ebenso eine physische Handlung, wie zum Beispiel hart zu arbeiten, Gottes Botschaft zu übermitteln, den Armen Speise und Kleidung zu geben, für Verbesserungen im Umfeld zu sorgen usw.

Moschee in Bascarsija SarajevoEinige verwenden 41:37, um die Schlussfolgerung zu ziehen, dass wir uns nicht niederwerfen sollen vor der Schöpfung im Glauben, dass wir Gott anbeteten. Gott benutze Sonne und Mond als Beispiele, welche insgesamt Tag und Nacht umfassen sollen. Dies ist nicht nur eine weit hergeholte Vermutung, sondern auch ein Missverständnis der arabischen Präposition „li“. Der Vers sagt nicht VOR Sonne und Mond, sondern FÜR/ZUR Sonne und Mond. Der Unterschied ist gewaltig. Um Zeiten zu beschreiben verwendet Gott im Koran Tag und Nacht und nicht Sonne und Mond. Der Vers verbietet des Weiteren auch nicht eine körperliche Niederwerfung für Gott, sondern die körperliche wie auch mentale Niederwerfung für andere als Gott.

In einigen Versen bedeutet Sadschda tatsächlich nur mentale Niederwerfung, während es in anderen Versen wiederum nur körperliche Niederwerfung bedeutet. Hier brauche ich bewusst nicht die Beschreibung „physisch“, da sowohl mentale (neuronale chemische Ereignisse) wie auch körperliche Prozesse physische Vorgänge sind. Die in 27:20-24 erwähnte Niederwerfung muss körperlich sein. 77:48 erwähnt hingegen mentale Beugung vor Gott. Der Vers 22:18 beschreibt beides: mentale wie auch körperliche Unterordnung vor Gott. Es gibt einige, die bei diesem Vers folgende rhetorische Frage stellen: „Hat irgendjemand je einen Teil dieser Schöpfung sich beugen und auf den Boden niederwerfen sehen können (Tiere ausgeschlossen)?“

Wieso sollte die Regel begründet sein, dass wir einen Teil (!) der Schöpfung nachahmen müssen? Was ist mit dem anderen Teil? Was ist mit dem gänzlich unbekannten Teil? Nur weil gewisse Dinge in den Himmeln und der Erde sich nicht vor Gott niederwerfen, indem sie ihr Gesicht nach unten zeigen in Demut, dürften wir dies nicht tun, damit wir „die Schöpfung imitieren“? Die Annahme ist hier falsch, dass alle Geschöpfe auf dieselbe Art die Niederwerfung vollziehen. Jedes Geschöpf, ob in den Himmeln oder auf der Erde, verherrlicht Gott (24:41, 57:1, 59:1, 59:24, 61:1, 62:1, 64:1), wir verstehen ihre Verherrlichung aber nicht (17:44). Wir sind ebenso angewiesen unseren Herrn Tag und Nacht zu verherrlichen. Dies tun wir aber nicht wie die Vögel oder die Planeten, nicht wie Atome oder Galaxien, sondern wie Menschen in unserer Sprache (3:41, 5:97, 7:206, 19:11, 20:130, 32:15, 40:55, 50:39-40, 52:48-49, 56:74, 56:96, 69:52, 76:26, 87:1, 110:3).

Mit dieser irreführenden Annahme, dass wir der Schöpfung zu folgen hätten, würden auch andere ähnliche Verse unklar werden, wie zum Beispiel 3:83. Dieselbe rhetorische Frage hier: „Hat irgendjemand je gesehen, dass ein Teil dieser Schöpfung Almosen gibt oder Gottes Botschaft überbringt oder den Koran liest und studiert?“ Nach der eben erwähnten Annahme müssten die (menschlichen) Gottergebenen also keine Almosen abgeben, den Koran nicht studieren, kein Radio hören, nicht fernsehen und keine Computer benutzen?!

4- Einige führen auch Vers 2:62 an, um das körperliche Kontaktgebet oder Salâh zu kritisieren. Nicht alle der erwähnten Gruppierungen würden sich beugen und sich auf den Boden niederwerfen. Sie würden wegen 2:62 offensichtlich nicht bestraft dafür. Aber die Menschen, die sich weigern, sich Gott zu ergeben und Seinen Anordnungen zu folgen, verdienen Seine Strafe.

Auch dies ist wiederum eine hastig geführte Schlussfolgerung. Die erwähnten Gruppen (Gläubige, Juden, Nazarener und jene von anderen Religionen) erlangen Erlösung von Gott, solange sie an Gott glauben, rechtschaffene Werke verrichten und an das Jenseits glauben (Konzept der Verantwortlichkeit eigener Taten). Ja, es mag sein, dass sich nicht alle dieser Gruppierungen beugen und niederwerfen. Jedoch ist es dasselbe mit dem Koran: nicht alle dieser Gruppierungen folgen und glauben dem Koran. Obwohl darin Gottes Anweisungen stehen.

Gott zieht jeden zur Rechenschaft aufgrund seiner Umstände. Jene, die die Zeichen von Moses sahen, werden für ihre Reaktion darauf zur Rechenschaft gezogen. Jene, die das Zeichen der 19 im Koran sahen, werden aufgrund ihrer Reaktion darauf zur Rechenschaft gezogen. Und so werden auch diejenigen aufgrund ihrer Reaktion zur Rechenschaft gezogen, denen angewiesen wurde sich zu beugen und sich niederzuwerfen. Erhielt doch jedes Volk einen Gesandten mit seinen eigenen Anordnungen (10:47, 22:34, 40:28).

5- Beziehend auf Vers 18:50 wurde auch schon gefolgert, dass es „keinen Bedarf gebe, sich auf den Boden niederzuwerfen, um Gott zu verherrlichen, denn dies sei uns nicht befohlen worden, sondern dass Gott von uns wolle, unseren Willen Seinem Willen zu beugen und zu unterordnen“. Diese so geäußerte Aussage mag als vernünftige Schlussfolgerung angesehen werden. Jedoch können wir die Art der Niederwerfung aus 18:50 nicht allen anderen Niederwerfungen gleichsetzen, da wir wissen, dass dieses Wort auch dazu verwendet wird, um die Bedeutung „demütig auf den Boden zu gehen“ wiederzugeben. Der Vers bezieht sich auf ein Ereignis, welches vor der Schöpfung des Lebens auf Erde geschah. Nebst dem ist dies eine Anordnung an Satan, ein aus Energie erschaffenes Wesen ungleich uns. Die Art und Weise der Niederwerfung von Satan und den Engeln muss nicht notwendigerweise die gleiche sein wie die unsrige.

6- Es soll nicht vergessen werden, was in Vers 4:102 steht. Die Gruppe, die sich bereits niedergeworfen hatte, wird durch diejenige abgewechselt, die sich noch nicht niedergeworfen hat. Diese sollen hervor treten, damit der Prophet das Gebet für sie „vorführen“ (aqamta) möge. Insbesondere aber der Hinweis, dass die Waffen nicht abgelegt werden sollen, es sei denn es regne oder man ist krank, bekräftigt den körperlichen Aspekt der Niederwerfung.

7- Ein Bruder erwähnte einmal folgendes:

Das entsprechende Wort wird meistens mit einem anderen Wort verbunden, das davor kommt: Khar’a (runter fallen). Dies verdeutlicht es uns, dass wir tatsächlich körperliche Niederwerfung vollziehen müssen. Würde man „Niederwerfung“ sofort als etwas Körperliches verstehen, bräuchte man auch nicht „Khar’a“ hinzufügen. Vers 12:100, welche die Erfüllung von Josefs Traum beschreibt, benutzt die Wörter „fallen“ und „niederwerfen“ zusammen.

Dies ist in der Tat interessant. Doch man darf nicht vergessen, was am Anfang des Kapitels, nämlich in 12:4 steht: in Josefs Vision, welche gerade das Ereignis aus 12:100 beschreibt, wird nur ein Wort verwendet: Sadschedeen (in der Bedeutung etwas ähnliches wie: sie waren sich am niederwerfen). Darüber hinaus wird ebenso David damit in Verbindung gebracht, der das Kontaktgebet verrichtete:

38:24 Und David merkte, dass Wir ihn auf die Probe gestellt hatten; also bat er seinen Herrn um Verzeihung und fiel kniend nieder (Kharra rukka’An) und bekehrte sich.

Hier wird Davids Reue klar als Niederknien beschrieben, sowohl geistig als auch körperlich.

Ich möchte gerne ihn und andere, die sich intensivst darum bemühen, den formalen Aspekt des Kontaktgebetes (Salâh) zu eliminieren, an folgenden Vers erinnern:

19:58 … Wenn ihnen die Zeichen des Allerbarmers verlesen wurden, fielen sie niederwerfend und weinend nieder (kharru sujjadan wa bukyan).