Sexualität

Homosexualität und Islam: Zwei Männer in Anzügen, die über ein Feld an einem sonnigen Tag spazieren, während sie Händchen halten

Homosexualität und Islam

Ein Vortrag vom muslimischen Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr:

Islam und Homosexualität – geht das zusammen? | Teil 1: Vortrag
Islam und Homosexualität – geht das zusammen? | Teil 2: Fragerunde

Nun der Artikel zu Islam und Homosexualität:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen beginnt diese Arbeit. Denn zu Ihm nehmen wir unsere Zuflucht, und in Seinem Namen beginnen wir. Und ich bitte Ihn, mir beizustehen, diese Aufgabe angemessen zu bewältigen und mich dabei nicht irregehen zu lassen, so dass sie zum Nutzen für den Islam und für die Muslime werden kann.

Das hier behandelte Thema ist für viele Muslime weiterhin ein sehr heikles Thema. Sie sind mehrheitlich der festen Meinung, dass Homosexualität und alle homosexuellen Handlungen Harâm (verboten) im Islam seien.

[…]

Der Qur’ân wurde von Allah mit der Wahrheit offenbart. Und es ist in der Hand eines jeden Menschen, sich an dessen Wortlaut zu halten und diese Wahrheit anzunehmen und nicht davon abweichenden Vorstellungen zu folgen:

Wahrlich, Wir haben dir [Muhammad] das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt für die Menschen. Wer sich rechtleiten lässt, der [tut es] für sich; und wer irregeht, der geht irre zu seinem Schaden. Und du [Muhammad] bist nicht Wächter über sie.

Koran 39:41

[…]

In Diskussionen mit Muslimen kann man immer wieder die Erfahrung machen, dass sie ein Verbot von Homosexualität als einen festen Bestandteil des Islams ansehen, der kaum einmal in Frage gestellt wird. Zu demselben Ergebnis kommt man gewöhnlich auch, wenn man von Muslimen verfasste religiöse Literatur daraufhin untersucht.

Sie glauben zu wissen, was für Verhältnisse in Lots Volk herrschten, obwohl sie sich dabei weder auf den Text des Qur’ans, noch auf betraubare Überlieferungen oder gar historische Fakten stützen können – sie glauben fest an etwas, das man ihnen vermittelt hat, aber sie hinterfragen und prüfen es nicht.

Unter Muslimen gab und gibt es ebenso Homosexuelle wie unter anderen Menschen, zum Teil mit eigenen Subkulturen von langer Tradition. In der Regel ist aber Homosexualität in muslimischen Gesellschaften ein Tabu, wenn auch jeweils von unterschiedlicher Intensität, sogar in solchen Ländern, in denen sie nicht strafbar ist. Das Tabu wird auf den Islam zurückgeführt. Ob seine authentischen Quellen tatsächlich hierfür herangezogen werden können oder ob der Islam wie in vielen anderen Fragen nur wieder Vorwand und missbrauchtes Mittel ist, soll der Ansatzpunkt für die folgenden Seiten sein.

Als Grund für die herkömmliche Auffassung werden Qur’ân-Verse und bestimmte Hadîthe angeführt, die als Beleg dafür gehalten werden.

Diese Arbeit soll nicht mehr als ein Versuch sein, diese Textstellen und die Gültigkeit der aus ihnen abgeleiteten Schlussfolgerungen zu überprüfen. Gleichzeitig sollen auf den folgenden Seiten auf der Grundlage des Qur’âns, dessen Wortlaut allein die Basis für eine islamische Antwort sein kann, der Rahmen und die Möglichkeiten für homosexuelle Partnerschaften untersucht werden.

[…]

Das Überwuchertsein des religiösen Denkens mit bestimmten Interpretationen, nicht angezweifelten Annahmen, Spekulationen, Tabus u.a. machten und machen vielfach immer noch eine sachliche Auseinandersetzung mit anderen Muslimen über viele Themen fast unmöglich. Das wird auch bei den zitierten muslimischen Autoren immer dann unübersehbar, wenn sie die von ihnen verkündeten Grundsätze nicht mehr als gültig ansehen, sobald sie sie auf Homosexualität anwenden könnten.

Im Laufe der Untersuchung wird sich zeigen, in welchem Ausmaß die Muslime schon sehr früh unter bestimmten – außerislamischen – Einflüssen die weitgefassten Aussagen des Qur’âns einschränkten, sich damit der in ihm liegenden interpretativen Möglichkeiten begaben und diese zum Teil sogar in deren Gegenteil verkehrten. Das betrifft in Grundzügen auch den Bereich der Sexualität und lässt sich ebenfalls in einer Reihe anderer Fragen aufzeigen.

In vielen Dingen übernahmen sie das Erbe der Christen und Juden. Wo der Qur’ân nur andeutungsweise berichtet, ergänzten sie es manchmal kritiklos um überkommene Mythen und Erzählungen, ohne sie akribisch gegen den Text des Qur’âns zu prüfen. Und sie taten es wohl in guter Absicht, überzeugt von der Richtigkeit ihrer Vorgehensweise. Denn die Muslime der Frühzeit ihrer Geschichte waren ja mehrheitlich Christen oder Juden gewesen, bevor sie zum Islam übertraten, mit einem definierten Welt- und Menschenbild, mit festen Überzeugungen, die sie in das neue Bekenntnis mitnahmen.

Unsere Überzeugung als Muslime jedoch, dass sowohl der Qur’ân, das Wort Gottes, als auch die Schöpfung auf den einen Urheber zurückgehen, lässt es nicht zu, uns auf Ansichten vergangener Jahrhunderte zu beschränken und beim Lesen des Qur’âns verfügbare Erkenntnisse des jeweiligen wissenschaftlichen Standes außer acht zu lassen.

Für jeden Menschen ist Sexualität ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, die ihn in seinem ganzen Wesen beeinflusst, seine Empfindungen, seine Gedanken und seine Vorstellungswelt beherrscht, sein Triebverhalten bestimmt – ein untrennbarer, von Gott so gewollter Teil seiner Persönlichkeitsstruktur. Hierzu gehört auch Homosexualität als ein Teilaspekt des breiten Spektrums menschlicher Sexualität.

[…]

Unter Homosexuellen werden hier Personen verstanden, die sich sexuell von Menschen angezogen fühlen und in ihnen die ihnen gemäßen Partner sehen, die dasselbe Geschlecht wie sie selbst haben. Bestimmte Verhaltensausprägungen spielen auf den folgenden Seiten nur insofern eine Rolle, wie sie vom verwendeten Material her in die Diskussion gebracht werden.

Wo im Text von Homosexuellen die Rede ist, sind Männer und Frauen gemeint, soweit der Zusammenhang dies nicht ausdrücklich ausschließt.

[…]

Es werden detailliert die Belege im Qur’ân angeführt. Sie widersprechen unübersehbar der traditionellen Sicht. Und es wird gezeigt, woher die traditionelle Vorstellung von den Muslimen übernommen wurde.

Der Qur’ân

Was Islam ist, hat Allah in klaren Worten im Qur’ân offenbart:

… Heute habe Ich eure Religion (arab.: dîn) für euch vollendet und Meine Gnade an euch erfüllt und euch den Islam zum Bekenntnis (arab.: dîn) erwählt. …

Koran 5:3

Mit anderen Worten: An jenem Tag hat Allah im Qur’ân den Islam vollendet und für uns zum Bekenntnis erwählt, und Er gab dieser Lehre den Namen Islam. Er hat ihn vollendet, d.h. alle späteren Ergänzungen in den verschiedenen Lehrtraditionen sind nicht Teil der offenbarten Lehre.

Und wer eine andere Glaubenslehre sucht als den Islam (so wie Allah ihn offenbart hat): nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im zukünftigen Leben soll er unter den Verlierenden sein.

Koran 3:85

Und im Qur’ân hat Allah den Propheten (S.) zu einem schönen Vorbild für uns erklärt:

Wahrlich, ihr habt an dem Propheten Allahs ein schönes Vorbild für jeden, der auf Allah und den letzten Tag hofft und Allahs häufig gedenkt.

Koran 33:21

[…]

Der Islam ist gemäß seinen Quellen eine Religion, die die Menschen so akzeptiert, wie Allah sie hat entstehen lassen, erschaffen hat. Allah erschuf den Menschen in der besten Form:

Wahrlich, Wir haben den Menschen in der besten Form erschaffen.

Koran 95:4

In (49:13) sagt Allah, wonach Er die Menschen beurteilen wird:

Wahrlich, der Angesehenste von euch vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch. Siehe, Allah ist allwissend, allkundig.

Koran 49:13

Allah hat alle Menschen erschaffen, und zwar in „der besten Form“ (95:4), dazu zählen auch alle männlichen und weiblichen Homosexuellen mit ihrer besonderen (فطرة) fiTra – Disposition, Natur. Und Er erschafft die Menschen auf diese Weise immer wieder:

In Allahs Vorgehensweise wirst Du nie eine Änderung finden; und in Allahs Vorgehensweise wirst Du nie einen Wechsel finden.

Koran 35:43

Mit anderen Worten: Ein Teil der Menschen hatte und hat einen auf das gleiche Geschlecht gerichteten Geschlechtstrieb, von Allah so geschaffen und gewollt.

Wie sieht der Qur’ân sexuelle Partnerschaften?

In einem zentralen Vers zu dieser Frage setzt Allah alle zwischenmenschlichen Partnerschaften auf eine und dieselbe Stufe:

Unter Seinen Zeichen ist dies, dass Er (männliche bzw. weibliche) Partner (ازواج) für euch (Männer und Frauen) aus euch selber erschuf, auf dass ihr (Männer und Frauen) Frieden bei ihnen findet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das nachdenkt.

Koran 30:21

Im Qur’ân (30:21) beschreibt Allah folglich alle sexuellen Partnerschaften als gleichwertige, wünschenswerte Verbindungen, wenn man nicht willkürlich einfache Regeln und Möglichkeiten der arabischen Sprache missachtet.

Der verwendete Plural أَزْوَاجً (azwâj) – Partner, Gatten, Gattinnen ist der Plural sowohl von زوج (zauj, m. – Teil eines Paares, Paar, Partner, Partnerin …) und زوجة (zauja, f. – Partnerin, Gattin, ..), er ist somit geschlechtsneutral. Ebenso spricht Allah hier zu allen Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, da das Arabische die männliche Form verwendet, wenn Frauen und Männer angesprochen werden.

Der Ausdruck إِلَيْهَا – ilay-hâ – (hier wiedergegeben mit: bei ihnen) ist ein Femininum Singular und bezieht sich auf das vorstehende Wort أَزْوَاجًا – azwâjan – (Partner, Partnerinnen), ein arabisches Wort in gebrochener Pluralform. Dazu Carl Brockelmann:

„…Auch die sog. (= so genannten) gebrochene Plurale … sind eigentlich bloß Kollektivformen. Die Sprache betrachtet sie als Singulare generis feminini und konstruiert sie demgemäß …“.

Carl Brockelmann, Arabische Grammatik, S. 94 f.

Somit sind auch alle Regeln für einen نكاح (nikâH = Ehe/Ehevertrag) bzw. زواج (zawâj = Ehe, Partnerschaft) für alle gültig. Denn er macht die Menschen erst zu Partnern (ازواج, azwâj). Zumal es nirgendwo im Qur’ân ein Heiratsverbot gibt zwischen Menschen desselben Geschlechts. Folglich sind unter einem نكاح (nikâH) homosexuelle Verbindungen ebenso legal wie heterosexuelle. الحمد لله – al-Hamdu lillah.

Jeder Homosexuelle, Muslima oder Muslim, sollte von daher die von Allah so gewollte sexuelle Disposition dankbar akzeptieren.

Vorab die Fakten und das Ergebnis der Untersuchung in Kurzform:

Bis hierher beurteilt der Qur’ân alle zwischenmenschlichen sexuellen Partnerschaften als gleichwertig und gleichberechtigt. Eine Ehe zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts wird im Qur’ân nicht untersagt. Der Islam ist somit die einzige (mono-)theistische Lehre, die Homosexuelle und ihre Partnerschaften voll akzeptiert, الحمد لله.

Im Qur’ân untersagt Allah, etwas zu verbieten, was Er nicht verboten hat:

Wer ist ungerechter als der, welcher eine Lüge wider Allah ersinnt?

Koran 6:144

Zusammenfassung: Islam ist allein die offenbarte Lehre im Qur’ân, spätere Ergänzungen (Verbote, Gebote) durch Menschen gehören nicht dazu.

Worauf beruht die homosexualitätsfeindliche Argumentation der traditionellen Lehre?

Die traditionelle Argumentation führt als Beleg für ein Verbot von Homosexualität die Verse über Lot und sein Volk an.

Was aber sagen diese Verse tatsächlich aus?

Kein Wort im Qur’ân deutet an, dass die Passagen von Lot und seinem Volk im sexuellen Sinne zu verstehen seien. Ganz im Gegenteil. Es gibt 4 Passagen (7:80-81; 26:165-166; 27:54-55; 29:28-29), in denen Lot sein Volk tadelt, die alle mit denselben Worten eingeleitet werden.

“wa lûTan id qâla li-qaumi-hi” (و لوطا اذ قال لقومه)
„und (gedenke) Lots, als er zu seinem Volk (allen Männern und Frauen) sprach“,

In mehreren Koranversen

Der Leser wird in allen diesen Fällen besonders darauf hingewiesen, dass Lot alle Männer und Frauen seines Volkes, seiner Leute, in seinen Tadel einschliesst.

Ob Lots Worte in seinem Tadel (7:81, 27:56) „Kommt ihr zu den Männern anstatt/und nicht zu den Frauen bei einem Begehren (شهوة)“ eine sexuelle Bedeutung haben, kann man sehr leicht durch Anwendung einfacher Logik prüfen: Sein Tadel richtet sich an القوم (al-qaum), alle Männern und Frauen seines Volkes. Wenn seine Worte auf beide Gruppen im sexuellen Sinne anwendbar sind, können sie eine sexuelle Bedeutung haben, wenn nicht, müssen wir diese Bedeutung vermeiden.

Angewendet auf die Frauen: Glaubt wirklich jemand, dass das beabsichtigte Ergebnis seines Tadels “kommt ihr zu den Männern anstatt zu/neben den Frauen” ist, dass Lot wollte, dass die Frauen sich lesbisch verhalten? Warum sollte er das tun? In den beiden vorgenannten Versen wird das Wort (شهوة – schahwa) verwendet, das in den meisten Qurân-Übersetzungen als sexuelles Begehren (z.B. „Sinnenlust“) verstanden und übersetzt wird.

Das Wort schahwa kommt indes einschließlich der Verbformen an weiteren 11 Stellen im Qur’an vor:

  • schahawât (pl.): 3:14, 4:27 und 19:59
  • als Verbum (VIII. Stamm): 16:57, 21:102, 34:54, 41:31, 43:71, 52:22, 56:21, 77:42

An allen diesen Stellen hat es ganz klar keinen sexuellen Bezug. Dieser entstand und verstärkte sich erst durch die traditionelle Qur’ân-Interpretation der Verse von Lot und seinem Volk.

Es gibt keine historisch verlässlichen Zeugnisse über Lot und sein Volk und das, was in ihrer Stadt geschah. Es gibt nur eine Erwähnung im Alten Testament der Bibel, wo ein einziges Wort in einem der Bücher Mose zu einer verbreiteten Fehlinterpretation führte (die Quelle für bestimmte mawâlî-(موالي) –Überlieferungen).

Die Verse von Lot und seinem Volk

Über den Propheten Lot sagte der Qur’ân:

Und (Wir leiteten) Ismael und Elisa und Jonas und Lot; sie alle zeichneten Wir aus unter den Völkern.

Koran 6:86

Wann lebte Lot?

Die Antwort auf diese Frage hilft bei der Prüfung, ob es vor Lot bereits Homosexualität nachweislich gab. Denn in der traditionellen Interpretation wird anderes behauptet. Direkt auf Lot bezogene Angaben enthielten die befragten Nachschlagewerke nicht, dafür jedoch Zeitangaben über seinen Zeitgenossen und Verwandten Abraham.

Abraham, Stammvater der Israeliten und Araber, aus Ur in Chaldäa; kam um 1800 v. Chr. nach Kanaan; bei Hebron begraben.

Das Herder-Bücherei Lexikon, Band 1, Spalte 3

Abraham, erster der drei at. [= alttestamentlichen] Erzväter, zog zwischen dem 19. und 17. Jh. v. Chr. aus Haran oder Ur nach Kanaan.

rororo lexikon, Duden-Lexikon, Taschenbuchausgabe, Seite 15

Ungefähr um 2000 v. Chr. bauten hier Abraham und sein Sohn Ismael zusammen im Namen Gottes einen Altar, der Ka’ba genannt wurde.

Syed Muzaffar-ud-Din Nadvi, A Geographical History of the Qur’ân, Seite 53

Nach Reclams Bibellexikon, Seite 310, ist Lot (arabisch: lûT) der „Brudersohn Abrahams, der mit ihm nach Kanaan zieht, sich in Sodom niederlässt und dem Gericht über die Stadt entkommt.“ Nach dem Qur’ân ist er zudem ein Gesandter Gottes (26:162) unter dem Volk, bei dem er lebt.

Der folgende Abschnitt soll alle wichtigen Aspekte der Geschichte von Lot und seinem Volk zusammenfassen, so wie der Qur’ân sie schildert. Das kann dabei helfen, die Umstände besser zu verstehen, unter denen Lot lebte. Um einen vollständigen Überblick darüber zu erhalten, sind die einzelnen Teile, die an verschiedenen Stellen des Qur’âns zu finden sind – teils verkürzt, teils ausführlicher -, die einander ergänzen bzw. Wiederholungen darstellen und zum Teil in einander verschachtelt berichtet werden, thematisch zu sichten und zusammenzufassen.

Hierbei ergeben sich folgende Hauptthemen:

  • Lot und Abraham
  • Lot und das Volk
  • Die Gesandten
  • Die Vernichtung des Volkes
  • Lots Geschichte im Vergleich zu der anderer Gesandter

Sie lassen sich wiederum weiter unterteilen. Im Folgenden werden die Verse, die sich auf die Geschichte Lots beziehen, in der angegebenen thematischen Aufteilung wiedergegeben, erforderliche Erklärungen und Zusammenfassungen werden jeweils eingeschoben.

Lot und Abraham

Abraham wurde von einem Anschlag seines Volkes gegen sein Leben errettet und ging mit Lot, der mit ihm auswanderte, in das Land, das Allah segnete.

Sie [das Volk] wollten eine List gegen ihn [Abraham] anwenden. Doch Wir machten sie zu den größten Verlierern. Und Wir erretteten ihn und Lot in das Land, das Wir für die Menschen in aller Welt [wörtlich: für alle Welten] segneten.

Koran 21:70-71

Und Lot glaubte ihm [Abraham], und er sagte: „Ich werde zu meinem Herrn auswandern [wörtlich: hijra machen]. Er ist der Mächtige, der Weise.“

Koran 29:26

Demnach wirkte Lot unter Menschen, zu denen er als Fremder kam, nachdem er seine Heimat verlassen hatte. Mit Bailey, einem anglikanischen Autor, muss man annehmen, dass Lot sich als Fremder in der Stadt, in der er sich danach niederließ und über die der Qur’ân berichtet, nur mit eingeschränkten Rechten leben durfte.

Lot und sein Volk

Lot empfing von Gott Weisheit und Wissen:

Und Lot gaben Wir Weisheit [Hukm] und Wissen [‚ilm], und Wir erretteten ihn aus der Stadt [al-qarya], die Schlechtigkeiten [chabâ’ith] beging. Sie waren ein böses Volk [qaum], Frevler [fâsiqîn]. Und Wir ließen ihn in Unsere Barmherzigkeit eingehen; denn er war einer der Rechtschaffenen.

Koran 21:74-75

Lot war Gesandter Allahs, und Lot rief das Volk zu gottesfürchtigem Leben auf und betonte, dass er für sein Wirken keine Entlohnung erwarte. Lot bezeichnet sich als rasûl amîn, als einen zuverlässigen Gesandten, als jemanden, der zuverlässig, vertrauenswürdig und ehrlich ist, laut E.W. Lane auch faithful, d.h. wahrheits- und wortgetreu und glaubwürdig. Mit anderen Worten: Er wird niemanden einer Tat beschuldigen, die dieser nicht begangen hat.

Und Lots Volk [qaum lûT] zieh die Gesandten der Lüge, da ihr Bruder Lot zu ihnen sprach: „Wollt ihr nicht gottesfürchtig sein? Denn ich bin euch ein zuverlässiger Gesandter. So fürchtet Allah und gehorcht mir. Und ich verlange von euch keinen Lohn dafür [, dass ich euch die Offenbarung übermittle]. Mein Lohn ist allein beim Herrn der Welten.“

Koran 26:160-164

Lot kämpfte gegen etwas Abstoßendes, das es bis dahin noch nicht unter Menschen gab. Daraufhin drohte das Volk ihm mit Vertreibung.

Und [Wir entsandten] Lot, da er zu seinem Volk sprach: „Wollt ihr etwas Abstoßendes begehen, worin keiner in aller Welt euch vorangegangen ist. Ihr kommt zu Männern bei einem Begehren, nicht [auch] zu den Frauen. Nein, ihr seid ein das Maß überschreitendes Volk [qaum musrifûn].“

Koran 7:80-81

Kommt ihr unter allen Geschöpfen zu Männern, und lasst unbeachtet, was euch euer Herr an euren Partnern erschaffen hat? Nein, ihr seid ein übertretendes Volk [qaum ‚âdûn].“

Koran 26:165-167

Und [Wir entsandten Lot], da er zu seinem Volk sprach: „Wollt ihr etwas Abstossendes begehen, während ihr seht? Kommt ihr denn zu Männern bei einem Begehren, nicht [auch] zu Frauen? Nein, ihr seid ein unwissendes Volk [qaum tajhalûn].“

Koran 27:54-55

Und [Wir entsandten] Lot, da er zu seinem Volk sprach: „Ihr begeht etwas Abstoßendes, worin keiner in aller Welt euch vorangegangen ist. Kommt ihr denn zu Männern und zerschneidet den Weg? Und in eurer Versammlung [nâdî-kum] begeht ihr Verwerfliches [munkar]?“ Doch die Antwort seines Volkes war nur, dass sie sprachen: „Bring uns Allahs Strafe, wenn du die Wahrheit sagst.“ Er sprach: „Mein Herr, hilf mir gegen das Volk, das Unheil anrichtet [mufsidîn].“

Koran 29:28-30

Über das Wort – nâdin – Versammlung – schreibt G. Lüling:

[…] der Stamm ndw [hat] ganz allgemein eine außergewöhnlich hehre, im profanen wie auch im religiösen Bereich erhabene Bedeutung. Während der IV. und V. Stamm fast ausschließlich eine profane Erhabenheit umschreibt (‚edel, großmütig sein, sich freigiebig zeigen‘), zeigt besonders der Sprachgebrauch des Qur’âns selbst, aber auch die alte arabische Poesie, dass die Stämme I und III ihren bevorzugten Platz in der religiösen Terminologie haben, als die Verben, die in Sonderheit für den feierlichen Aufruf zur Besinnung, zum Glauben stehen, auch für die Anrufung Gottes (z. B. 11,42; 21,83 und oft) […].

G. Lüling, Über den Ur-Qur’ân, Seite 63

Unter der ‚Versammlung‘ ist daher wenigstens eine Ratsversammlung, wenn nicht sogar eine religiöse Versammlung kultischen Inhalts zu verstehen. Die Worte ‚ihr … zerschneidet den Weg‘ können bedeuten, dass die Angesprochenen den Weg, d.h. die Verbindung nach außen, zu anderen Menschen außerhalb der Stadt unterbrechen; darauf weist auch, dass die Leute Lot daran erinnern, dass sie ihm den Kontakt zu anderen Menschen untersagt haben (s. 15:70). Sie können aber auch aussagen, dass das Volk den Handels- und Reiseweg, der an der Stadt vorbeiführt und den es auch später noch gibt (s. 15:76), unterbrochen haben. Zu dem Ausdruck ‚ihr … zerschneidet den Weg‘ schreibt Muhammad Ali:

[…] qaT’us-sabîl ist nach Kf [kassâf von abûl-qâsim maHmûd ibn ‚umar az-zamachscharî] ‚die Arbeit von Räubern, die Menschen töten und sich deren Eigentum aneignen‘. JB [jâmi’ul-bayan fî tafsîril-qur’ân von mu’înud-dîn ibn Sâfiyud-dîn] fügt nach den Wörtern taqta’ûna`s-sabîl als Erklärung hinzu: ‚Denn sie ermordeten gewöhnlich die Vorbeikommenden und beraubten sie ihres Eigentums‘. Andere Kommentatoren geben ähnliche Erklärungen.

Muhammad Ali, The Holy Qur’ân, Seite 766

Welche Art von Verwerflichem die Leute in ihren Versammlungen begehen, wird im Qur’ân nicht weiter ausgeführt, außer dass Lot dafür die Strafe Gottes angekündigt hat. Der Vorwurf kann sich einerseits auf die gemeinsame Vorbereitung und Planung ihrer schlechten Taten (z. B. Wegelagerei) und ihres Übereinkommens, das Gastrecht für Fremde nicht anzuerkennen, beziehen. Wenn man ‚Versammlung‘ andererseits im kultischen Sinne verstehen will, so kann sich der Vorwurf auf ein frevelhaftes Ritual beziehen, das sich nicht auf den Glauben an den einen Gott gründet.

Und die Antwort seines Volkes war nur, dass sie [die einen zu den anderen] sagten: „Treibt sie hinaus aus eurer Stadt [qarya]. Denn sie sind Leute [unâs], die sich rein halten.“

Koran 7:82

Doch die Antwort seines Volkes war nur, dass sie [die einen zu den anderen] sagten: „Treibt Lots Anhänger [âl lûT] hinaus aus eurer Stadt [qarya]. Denn sie sind Leute [unâs], die sich rein halten.“

Koran 27:56

Die Antwort der Leute ist recht ungewöhnlich. Sie sagen: „Treibt sie aus eurer (nicht aber: treiben wir sie aus unserer) Stadt“. Daraus kann man nur schließen, dass Unruhe entstanden ist und es starke Interessen gibt, Lot und seine Anhänger auszuweisen. Einige befürworten zwar eine solche Aktion, wollen die Verantwortung dafür aber nicht übernehmen, solange formale Handhaben gegen ihn fehlen. Sie fordern daher andere auf, dies zu übernehmen. Seine Anhänger werden von ihnen als Leute beschrieben, die sich rein halten wollen. Das ist sicher spöttisch gemeint, wenn auch offensichtlich unter Verwendung eines Ausdruck, den Lot und seine Anhänger selbst verwenden; denn die Menschen in der Stadt verstehen ihr Tun sicher nicht als unrein. Worauf sich der Ausdruck ’sich rein halten‘ neben der allgemeinen Bedeutung ’sich einer untersagten Sache enthalten‘ beziehen kann, wird ersichtlich, wenn man dessen Gebrauch in der frühen Zeit des Alten Testaments berücksichtigt. Unter dem Stichwort ‚rein und unrein‘ heißt es u. a. in Reclams Bibellexikon:

In frühen alttest. Texten bezieht sich ‘r.’ [= rein] und ‘u.’ [= unrein] auf Hygiene- und Speisevorschriften (Richt 13, 4; 2 Sam 11,4). Bei den Profeten sind ‘r.’ und ‘u.’ umfassende religiöse-sittliche Kategorien. Unrein macht vor allem der Kult fremder Götter (Hos 5, 3; 6, 10; oft bei Ezechiel, z.B. Ez 20, 7).“

Reclams Bibellexikon, Seite 424 f.

Der Zusammenhang der beiden Verse, in denen der Ausdruck ’sich rein halten‘ vorkommt, zeigt, dass es hier nicht um Hygiene- und Speisevorschriften geht, sondern darum, dass sich Lot und seine Anhänger nicht am Tun der anderen Leute beteiligen. Man könnte daher auch davon ausgehen, dass damit der Kult fremder Götter gemeint ist, von dem sie sich fernhalten, wie die Fruchtbarkeitsreligionen jener Zeit in Kanaan.

Sie sprachen: „Wenn du nicht ablässt, Lot, so wirst du zu den Vertriebenen gehören.“ Er sprach: „Gewiss verabscheue ich euer Tun. Mein Herr, rette mich und die Meinen [ahl] vor dem, was sie tun.“

Koran 26:167-169

Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Bewohner der Stadt Lot offensichtlich gewähren lassen. Um sich für die Zukunft eine formale Handhabe gegen ihn zu verschaffen, greifen sie zu der Forderung, seine Aktivitäten einzustellen, und kündigen ihm für den Fall der Zuwiderhandlung die Vertreibung an. Damit machen sie ihm deutlich, dass sein Aufenthalt als Fremder nur unter einschränkenden Bedingungen geduldet wird.

Die Gesandten

Die Gesandten sind zuerst bei Abraham:

[Abraham] sprach: „Was ist euer Auftrag, ihr Gesandten?“

Koran 15:57

[Abraham] sprach: „Was ist euer Auftrag, ihr Gesandten?“ Sie sprachen: „Wir sind entsandt zu einem sündigen [mujrimîn] Volk, auf dass wir Steine aus Ton auf sie niedersenden, bezeichnet von deinem Herrn für die, die das Maß überschreiten.“

Koran 51:31-34

Sie sprachen: „Wir sind entsandt zu einem sündigen Volk, Lots Anhänger [âl lûT] ausgenommen; sie alle sollen wir erretten, bis auf seine Frau. Wir bestimmten es. Sie gehört zu denen, die zurückbleiben.“

Koran 15:58-60

Und da unsere Gesandten Abraham die frohe Botschaft [von der Geburt eines Sohnes] brachten, sprachen sie: „Wir werden die Bewohner dieser Stadt [ahl hâdihî`l-qarya] vernichten; denn ihre Bewohner [ahl] sind Missetäter [Zâlimîn].“ [Abraham] sprach: „Doch Lot ist dort.“ Sie sprachen: „Wir wissen sehr wohl, wer dort ist. Wir werden ihn und die Seinen [ahl] sicherlich retten bis auf seine Frau, die zu denen gehört, die zurückbleiben.“

Koran 29:31-32

Und als die Furcht von Abraham gewichen war und die frohe Botschaft zu ihm kam, da stritt er mit Uns über Lots Volk. Denn Abraham war milde, mitleidig und weichherzig. „O Abraham, steh ab davon. Denn der Befehl deines Herrn ist schon ergangen, und über sie kommt eine unabwendbare Strafe.“

Koran 11:74-76

Die Gesandten kommen zu Lot:

Und als die Gesandten zu Lots Anhängern [âl lûT] kamen, da sprach [Lot]: „Ihr seid Leute, die man [in unserer gefährdeten Lage besser] verleugnet [qaum munkarûn].“

Koran 15:61-62

M. Hamidullah übersetzt, Seite 242: „[…] des gens insolites […]“ – ungewöhnliche Leute; Max Henning, Seite 248, sagt: „[…] fremde Leute.“ Die Antwort der Gesandten aber ist: „Nein, im Gegenteil, […]“ und unterstützt diese Wiedergabe nicht: Die Gesandten sind Lot ja fremd und – wenn sie, wie allgemein angenommen wird – Engel sind – ungewöhnliche Leute.

Rudi Parets Wiedergabe, Seite 184: „[…] verdächtige Leute“, trifft von der Antwort der Gesandten her eher zu („Wir sind mit der Wahrheit gekommen“). Denn verdächtig sind sie in zweifacher Hinsicht:

  • Aus Sicht der Bewohner der Stadt, weil sie sich an Lot, einen Fremden, wenden und seine Gäste sind
  • Aus Lots Sicht, weil er äußerst vorsichtig sein muss und ihre Gegenwart seine Lage weiter verschärfen kann. Denn jeder Kontakt zu Fremden ist ihm untersagt (s. 15:70).

Die hier gewählte Übersetzung berücksichtigt eher die Wortbedeutung und die Antwort der Gesandten: „Nein, im Gegenteil [verleugne uns nicht …]“, und sie betonen, dass sie mit der Wahrheit gekommen sind und um ihn und die Seinen zu retten.

Nach H. Wehr, Seite 1313, bedeutet ankara: „Nicht kennen wollen (hu j-n), nicht wissen wollen (von e-r S.); nicht anerkennen, in Abrede stellen, leugnen; verleugnen (etw.) […] verwerfen, missbilligen […]“.

Sie sprachen: „Nein, im Gegenteil. Wir sind zu dir gekommen mit dem, woran sie zweifelten. Wir sind zu dir gekommen mit der Wahrheit; und gewiss, wir sind wahrhaftig. So mache dich auf mit den Deinen [ahl] in einem Teil der Nacht und folge ihnen [als letzter]. Und niemand von euch wende sich um, sondern geht, wohin euch geboten wird.“

Koran 15:63-65

Und als die Gesandten zu Lot kamen, war er ihretwegen besorgt und fühlte sich um ihretwegen hilflos und sprach: „Das ist ein schlimmer Tag.“

Koran 11:77

Und als Unsere Gesandten zu Lot kamen, war er ihretwegen besorgt und fühlte sich um ihretwegen hilflos. Sie sprachen: „Fürchte dich nicht. Denn wir sind hier, um dich und die Deinen [ahl] zu retten bis auf deine Frau, die zu denen gehört, die zurückbleiben. Denn wir werden über die Bewohner dieser Stadt [ahlu hâdihî`l-qarya] ein Strafgericht vom Himmel niedergehen lassen, weil sie sündigten [yafsuqûna].“

Koran 29:33-34

Das Verhalten des Volkes nach Ankunft der Gesandten:

Und sie suchten, ihn von seinen Gästen abwendig zu machen. Da blendeten Wir ihre Augen [und sprachen]: „Kostet nun Meine Strafe und Meine Warnung.“

Koran 54:37

Die Aussage des Qur’âns, dass die Leute Lot von seinen Gästen abwendig zu machen suchten, und die Betonung Lots, dass die Gesandten seine Gäste sind (15:68), vor denen sie ihn nicht beschämen sollen, stellt ganz klar, worum es dem Volk geht: Es will Lot dazu bringen, seinen Gästen das Gastrecht zu entziehen, und es will ihm damit ‚Schande antun‘ (15:68) und ihn ‚in Schmach stürzen‘ (15:69). Damit tritt es ein in jener Zeit fundamentales Recht des Fremden – besonders in Gebieten mit unsicheren Wegen und feindseligen Gruppierungen – mit den Füßen und folgt blind nur seinen gegen Lot gerichteten Absichten. Ebenso verweist die Stelle (11:79) auf das Gastrecht. Aus diesem Grunde betont auch Muhammad Ali im Zusammenhang mit 15:69 dies:

„[…] Lot war ein Fremder unter den Sodomitern und, wie der Vers zeigt, war es ihm vom Volk verboten worden, Fremde als Gäste aufzunehmen oder ihnen Schutz zu geben.“

Muhammad Ali, The Holy Qur’ân, S.515

Unter dem Stichwort ‚Gastfreundschaft‘ führt Reclams Bibellexikon über das Gastrecht in der Zeit des Alten Testaments folgendes an:

[…] Der Reisende war in der Antike vielfach auf die G. [Gastfreundschaft] angewiesen, die ihm unentgeltlich Unterkunft und Verpflegung bot. Sie zu verweigern galt als Schande […], sie zu verletzen als Frevel […].

Reclams Bibellexikon, Seite 154 f.

Und die Bewohner der Stadt [ahlu`l-madîna] kamen frohlockend.

Koran 15:67

Offensichtlich, weil sie glauben, Lot selbst habe ihnen einen Anlass geliefert, ihre Absichten ihm gegenüber zu verwirklichen.

Er sprach: „Das sind meine Gäste; so tut mir nicht Schande an. Und fürchtet Allah und stürzt mich nicht in Schmach.“ Sie sprachen: „Haben wir dir nicht ein Verbot hinsichtlich anderer Menschen [wörtlich: der Welten, d.h. außerhalb der Stadt] auferlegt?“

Koran 15:68-70

Auch hier wird wieder deutlich, dass die Absicht der Leute in dem hier geschilderten Fall sich in erster Linie gegen Lot richtet, von denen dieser daher für sich Schmach und Schande befürchtet, und die Anwesenheit der Fremden in seinem Haus lediglich ein wohlfeiler Anlass dazu ist. Die Leute erinnern Lot daran, dass eine der Auflagen, unter denen ihm und seinen Anhängern der Aufenthalt in der Stadt zugestanden worden ist, darin bestehe, dass er zu anderen Menschen von außerhalb der Stadt keine Kontakte haben darf. Dadurch, dass Lot die Gesandten aufgenommen und ihnen das ihnen zustehende Gastrecht gewährt hat, hat er dagegen verstoßen und befürchtet Böses („Das ist ein schlimmer Tag“, 11:78, ein Tag, der schlimme Folgen haben wird). Aber auch angesichts seiner bedrängten Lage bleibt er rechtschaffen und verstößt nicht gegen ein in der damaligen Zeit für Reisende lebenswichtiges Grundrecht, das Gastrecht. Er kann und will sich nicht dem ungesetzlichen Verhalten der anderen anschließen, sondern hat den Gesandten mutig Schutz und Obdach gewährt, um sie vor den Leuten, denen das Gastrecht nichts bedeutet, die es mit Füßen treten und Reisende wohl auch ausrauben (29:29), zu schützen.

Er sprach: „Dies sind meine Töchter [nehmt sie als Garanten für mein und meiner Gäste Wohlverhalten], wenn ihr etwas tun wollt.“ Bei deinem Leben, in ihrer Trunkenheit irren sie hin und her.

Koran 15:71-72

Und sein Volk kam zornbebend zu ihm gelaufen; und schon zuvor hatten sie Böses verübt. Er sprach: „O mein Volk dies hier sind meine Töchter; sie sind reiner für euch. So fürchtet Allah und bringt nicht Schande über mich in Gegenwart meiner Gäste. Ist denn kein vernünftiger Mann unter euch?“ Sie antworteten: „Du weißt recht wohl, dass wir kein Anrecht auf deine Töchter haben, und du weißt auch, was wir wünschen.“

Koran 11:78-79

Zu diesen Versen sagt Muhammad Ali:

„Lot, so zeigt es sich in 1 Mose 19, 9 war in der Stadt ein Fremder: ‚Ist da einer als Fremdling hierhergekommen und will schon den Richter spielen‘, und da die Gesandten [ebenfalls] Fremde waren, wollten die Stadtbewohner ihm nicht erlauben, sie zu beherbergen. Lot bot seine Töchter als Geiseln an, damit es ihm erlaubt würde, seine Gäste bei sich zu behalten; denn nach (15:70) besaß er nicht die Genehmigung, irgendeinen Fremden in sein Haus kommen zu lassen: ‚Haben wir dir nicht ein Verbot hinsichtlich anderer Menschen auferlegt?‘, d. h. ihnen Schutz zu gewähren. Das kann von der ständigen Gefahr von Stammeskämpfen herrühren. […].“

Muhammad Ali, The Holy Qur’ân, Seite 453

Die Aussage, dass Lot auf seine Töchter verweist, verstehen viele Kommentatoren als Argument für ihre Vermutung, dass das Volk (die Männer und Frauen) die Gesandten zur Befriedigung ihrer sexuellen Absichten von Lot fordert. Sie gehen davon aus, dass die Gesandten Engel in der Gestalt von Männern sind. Manche sagen, dass sie junge Männer, andere, dass sie gutaussehende junge Männer seien (z. B. Yusuf Ali, The Holy Quran, Band 1, Seite 649 zu 15:67; ibn kathir, Band 2, Seite 451 zu 11:69-73, Seite 453 zu 11:77-79, Seite 554 zu 15:61-64; Muhammad Asad, Seite 327 zu 11:77, S. 389 zu 15:67). Diese Annahme ist frühestens bei dem jüdischen Schriftsteller Josephus (37 oder 38 – nach 100 n. Chr.) nachweisbar, der damit einer Tendenz folgt, die außerhalb der Schriften des Alten Testaments, des rabbinischen Schrifttums und damit außerhalb der vorherrschenden religiösen Tradition des Judentums liegt und deren Ursprung nicht bekannt ist. Sie hat sich über die christliche Tradition bis zu den Muslimen erhalten.

Der Qur’ân sagt nicht ausdrücklich, dass die Gesandten Engel sind. Doch schließen die klassischen Kommentatoren es aus dem Wort ‚Gesandte‘, das auch für Engel verwendet wird (s. Muhammad Asad, Seite 325). Und nur unter dieser Voraussetzung sind die Verse (51:32-34) verständlich. Über das Aussehen oder das Alter der Gesandten gibt es im Qur’ân keinen Hinweis. Jede dahingehende Äußerung lässt sich nicht aus ihm ableiten und ist reine Spekulation.

Es ist kaum vorstellbar, dass Lot seine Töchter den Leuten überantworten würde, damit sie sie missbrauchten (ebenso wenig wie man es sich in Bezug auf den Propheten Muhammad (S.) und seine Tochter oder einen der anderen Propheten vorstellen kann). Nach dem Wortlaut des Alten Testaments, das von ’seinen Schwiegersöhnen, die seine Töchter heiraten wollten‘ (1 Mose 19, 14) spricht, hat Lot sie diesen schon versprochen.

Ebenso ist die Annahme, dass das Volk die Gesandten für sexuelle Ausschweifungen fordert, nicht aus dem Wortlaut des Qur’âns zu belegen. Zudem ist es unverständlich, warum die Leute nicht auch die anderen Männer unter Lots Anhängern, zumal die jungen und gutaussehenden, oder gar Lot selbst begehren, wenn sie tatsächlich so hemmungslos auf gleichgeschlechtliche Befriedigung den Gesandten gegenüber versessen waren. Weiterhin bleibt unverständlich, welchen Grund ein Teil des Volkes, nämlich die Frauen (qaum = Volk, d.h. die Männer und Frauen des Volkes), gehabt haben soll, sich diesem Ansinnen anzuschließen; dem Wortlaut nach gehören sie zum Volk.

Lots Verweis auf seine Töchter wird damit erklärt, dass

  1. Lot sie dem Volk zur Heirat anbietet, um die Leute von ihrem sexuellen Ansinnen gegenüber den Gästen abzuhalten
  2. Lot damit bedeuten will, dass Frauen die für das Volk angemessenen Geschlechtspartner seien.

Die erste Annahme würde zu keinem befriedigendem Ergebnis führen, weil nur wenige Männer (entsprechend der Zahl der Töchter) eine Ehe eingehen könnten. Vor allem aber verweist die Antwort der Leute (11:79) diese Ansicht in den Bereich der Spekulation; sie sagen: „Du weißt doch, dass wir kein Recht [= mâ la-nâ fî banâti-ka min Haqq, nicht: sexuelles Interesse] auf deine Töchter haben, und du weißt auch, was wir wollen.“

Hans Wehr gibt für das Wort Haqq in Verbindung mit der Präposition fî auf Seite 276 die folgenden Bedeutungen an: „Recht, Anrecht, Anspruch, Rechtsanspruch (fî auf).“

Soweit Lots Töchter unverheiratet sind, haben die Leute grundsätzlich ein Recht darauf, sie zu ehelichen. Nur in dem Fall, dass diese bereits verheiratet sind, haben sie es nicht und gibt ihre Antwort einen Sinn. Doch muss wohl ausgeschlossen werden, dass Lot ihnen seine verheirateten oder verlobten Töchter zur Ehe anbietet, weil er damit gegen Gebote Gottes verstoßen würde und seiner Aufgabe, die Menschen auf den rechten Weg zu führen, nicht gerecht werden würde.

Wir wissen nichts Näheres über die sozialen Verhältnisse und die Auswirkungen des Gastrechts zur Zeit Lots. Doch könnte man aus den Versen schließen, dass die Leute nach ihrem Rechtsverständnis Lots Töchter nicht ehelichen konnten, weil Lot bei ihnen das Gastrecht in Anspruch nahm und er und seine Anhänger damit nicht die vollen Bürgerrechte besaßen, was gegebenenfalls einen solchen Kontrakt ausschließen würde, oder dass die Leute einer anderen Religionsgemeinschaft angehörten als die von Lot vertretene, was eine eheliche Verbindung unter Umständen ebenfalls nicht zulassen würde.

Einige Kommentatoren (Hinweise gibt es dazu bei Muhammad Asad, Seite 327 zu 11:78; Muhammad Ali, Seite 453, u. a.) beziehen den Ausdruck ‚Töchter‘ auf die Frauen im Volk, da Lot als Gesandter im übertragenen Sinne deren Vater sei. Auch dadurch wird die Antwort des Volkes nicht verständlicher: Denn die Männer in ihm haben ein Recht – sicherlich auch nach Ansicht Lots -, Frauen zu ehelichen. Muhammad Ali zu dieser Frage zu 11:77:

[…] Eine andere Ansicht ist, dass Lot seine Töchter zur Heirat anbot, da er dadurch kein Fremder mehr unter ihnen sein würde, sondern einer von ihnen. Einige Kommentatoren haben vorgeschlagen, dass Lot nicht auf seine eigenen Töchter verwies, sondern auf die Frauen des Stammes, weil ein Prophet von den Frauen seines Stammes als von seinen Töchtern sprechen würde (Rz [= at-tafsîrul-kabîr von fachrud-dîn râzî], JB [= jâmi’ul-bayân fî tafsîril-qur’ân von mu’înud-dîn ibn Sâfiyud-dîn]), und in diesem Falle nur auf die natürliche Beziehung von Mann und Frau verwiesen hätte. Die Antwort seines Volkes scheint sich jedoch auf seine Töchter zu beziehen.

Muhammad Ali, Seite 453 f.

Ganz generell spricht gegen die Annahme, dass das Volk gegenüber Lots Gästen sexuelle Absichten hege, der Wortlaut des Qur’âns, der eine solche Aussage nicht macht. Damit entfällt auch die zweite oben angeführte Annahme. Zudem ist die Antwort der Gesandten an Lot (11:81): „Sie sollen dich [= Lot] nicht erreichen [mit ihren bösen Absichten]“, d. h. das Volk verfolgt gegenüber Lot bestimmte Absichten, nicht aber gegenüber den Gesandten. Wenn Lot vertrieben wird, kann er als Folge allerdings das Gastrecht gegenüber seinen Besuchern nicht ausüben. Deshalb fühlt er sich ihretwegen besorgt und hilflos (11:77).

Die naheliegendste Erklärung auf Grund des Wortlautes des Qur’âns ist sicherlich, dass Lot versucht, sein Wohlverhalten und das seiner Gäste mit dieser Geste zu bekräftigen und das Recht der Fremden auf Gastfreundschaft zu betonen, und er dabei an die Einsicht vernünftiger Menschen appelliert (11:78). Außerdem betont er mit dem Hinweis auf seine Töchter die Gleichwertigkeit von Frauen und Männern auch als Garanten.

Denn, wenn die Leute sagen, dass sie auf die Töchter Lots keinen Rechtsanspruch haben, als Lot sie ihnen als Austausch für die Sicherheit seiner Gäste anbietet, bedeutet das auch, dass die Frauen in ihren Augen nicht rechtsfähig sind, nicht als Garanten akzeptiert werden können, Frauen bei ihnen rechtlos, wenigstens von minderem Rechtsstatus sind.

Mit anderen Worten: Dass das Volk die Töchter nicht als Garanten akzeptiert, kann von daher nur bedeuten, dass der Status der Frauen in dem sozialen Verbund der Stadt außergewöhnlich gering ist. Mit ihnen kann Lot daher ihrem Rechtsanspruch auf Garanten oder Geiseln nicht genügen. Für diese Deutung spricht auch, dass die Leute bei Verfolgung ihrer materiellen Bestrebungen (= ‚Begehren‘) sie unbeachtet lassen und diese Geschäfte nur von Männern abwickeln lassen, obwohl Gott sie für sie als Gefährten und Partner erschaffen hat (26:165-166).

Es ist auch eine andere Erklärung möglich: Lot ist nur unter eingeschränkten Rechten ein Aufenthalt in der Stadt zugestanden worden. So ist es ihm untersagt, Kontakt mit Fremden außerhalb der Stadt aufzunehmen (15:70). Für die Bewohner der Stadt bedeutet das offensichtlich, dass er Fremden gegenüber auch nicht das Gastrecht ausüben darf. Aus ihrer Sicht kann er daher seine Zuwiderhandlung nicht dadurch folgenlos für sich machen, dass er auf seine Töchter als Garanten verweist, und sie lehnen es ab, auf seinen Vorschlag einzugehen, weil sie unter diesem Aspekt keinen Rechtsanspruch auf sie für sich ableiten können und wollen.

Und sein Volk kam zu ihm gelaufen; und schon zuvor hatten sie böse Taten [sayyi’ât] verübt. Er sprach: „Mein Volk, dies sind meine Töchter; sie sind reiner für euch. So fürchtet Allah und bringt mich nicht hinsichtlich meiner Gäste in Schande. Ist denn kein vernünftiger Mann unter euch?“

Koran 11:78

Das Volk kommt – wie schon früher – in böser Absicht zu ihm. Um seinen Gästen das Gastrecht zu sichern, bietet er seine Töchter als Garanten für das Wohlverhalten seiner Gäste mit der Begründung an, sie seien reiner als das Vorhaben, das den Fremden zustehende Gastrecht zu verletzen.

Sie sprachen: „Du weißt doch, dass wir kein Recht [ Haqq] auf deine Töchter haben, und du weißt, was wir
wollen.

Koran 11:79

Schon einmal haben sie ihm angedroht, ihn zu vertreiben, wenn er nicht von dem ablässt, was sie ihm untersagt haben.

Er sprach: „Hätte ich doch die Macht euch gegenüber, oder könnte ich mich nach einer starken Stütze wenden!“

Koran 11:80

Lot ist sich seiner gefährdeten Lage bewusst, als sein Versuch misslingt, die Leute zu besänftigen und die Einhaltung des Gastrechts für die Gesandten sicherzustellen. Selbst der Verweis auf seine Kinder, seine Töchter, und der Appell an vernünftige Männer im Volk führen zu nichts. In ihrer Blindheit wollen sie nicht auf Lots Angebot eingehen. Sie erinnern ihn daran, dass auch er wisse, was sie eigentlich von ihm wollen. Lot seinerseits weiß um seine schwache Position. Seine Äußerung: „Hätte ich doch die Macht euch gegenüber, oder könnte ich mich nach einer starken Stütze wenden!“ zeigt seine Hilflosigkeit ganz deutlich und führt den Leuten noch einmal vor Augen, dass er alleinsteht und daher der Auflage nachgekommen ist, von sich aus keine Kontakte zu Menschen außerhalb der Stadt aufzunehmen. Denn Unterstützung für sich und seine Mission kann er – wie die Situation sich darstellt – nicht in der Stadt finden, sondern nur außerhalb.

Und Wir ließen die Gläubigen, die dort waren, fortgehen. Allein, Wir fanden dort nur ein Haus von Muslimen. Und Wir hinterließen darin ein Zeichen für jene, die die qualvolle Strafe fürchten.

Koran 51:35-37

Lot und seine Anhänger, die Gläubigen bzw. Muslime, lebten in einem Haus zusammen. Vielleicht geschah es, weil die anderen sie dazu veranlassten und sie besser unter Kontrolle behalten wollten, sie gleichsam ghettoisieren wollten, vielleicht weil die Anhänger Lots selbst nur diesen Weg sahen, um einander besser zu beschützen und sich von dem Tun der anderen fernzuhalten. Und es zeigt, dass sie nur wenige Leute waren.

Sie sprachen: „Lot, wir sind Gesandte deines Herrn. Sie sollen dich nicht erreichen [mit ihren bösen Absichten]. So mache dich auf mit den Deinen [ahl] in einem Teil der Nacht, und niemand von euch wende sich um als deine Frau. Denn, was jene dort treffen wird, das wird sie [ebenfalls] treffen. Siehe, der Morgen ist ihre festgesetzte Frist. Ist der Morgen nicht nahe?“

Koran 11:81

Um Lot vor weiteren Bedrängnissen durch die Bewohner zu bewahren und ihn und die Seinen vor der Vernichtung zu retten, sollen sie die Stadt verlassen.

So mache dich auf mit den Deinen [ahl] in einem Teil der Nacht und folge ihnen [als letzter]. Und niemand von euch wende sich um, sondern geht, wohin euch geboten wird.

Koran 15:65

Die Vernichtung des Volkes

Und Wir verkündeten ihm diesen Ratschluss, dass die Wurzel jener abgeschnitten werden sollte am Morgen.

Koran 15:66

Und Lot war gewiss ein Gesandter, da Wir ihn und die Seinen [ahl] alle erretteten, bis auf eine alte Frau unter denen, die zurückblieben. Dann vernichteten Wir die anderen.

Koran 37:133-136

So erretteten Wir ihn und die Seinen [ahl] alle, bis auf eine alte Frau unter denen, die zurückblieben. Dann vernichteten Wir die anderen.

Koran 26:170-172

So erretteten Wir ihn und die Seinen [ahl] bis auf seine Frau; sie gehörte zu denen, die zurückblieben. Und Wir ließen einen gewaltigen Regen über sie niedergehen. Nun sieh, wie das Ende der Sünder war!

Koran 7:83-84

So erretteten Wir ihn und die Seinen [ahl] bis auf seine Frau; sie ließen Wir unter denen, die zurückblieben. Und Wir ließen Regen über sie niedergehen; und schlimm war der Regen den Gewarnten.

Koran 27:57-58

Alle Anhänger Lots folgen der Aufforderung, die Stadt zu verlassen. Nur seine Frau/eine alte Frau bleibt mit den anderen zurück. Die Erwähnung dieser Frau und die Tatsache, dass Frauen zu dem Volk gehören, zeigt zudem, dass der Grund für die Bestrafung des Volkes nicht in irgendwelchen homosexuellen Aktivitäten der Männer zu suchen ist, sondern in anderen Taten, denen sich diese Frau auch verbunden fühlt, so dass sie nicht mit Lot geht.

Das Volk Lots erklärte die Warnungen als Lüge. Da sandten Wir einen Sandsturm über sie außer über die Anhänger Lots [âl lûT], die Wir im Morgengrauen erretteten als eine Gnade von Uns. So belohnen Wir den, der dankbar ist. Und er hatte sie vor Unserer Strafe gewarnt, sie aber bezweifelten die Warnungen.

Koran 54:33-36

Als Unser Befehl eintraf, da kehrten Wir in dieser [Stadt] das Oberste zuunterst [ja’al-nâ ‚âliya-hâ sâfila-hâ] und ließen auf sie Steine aus Ton niederregnen Schicht auf Schicht. Gezeichnet [für sie] bei deinem Herrn. Und das ist nicht fern von den Frevlern [Zâlimîn].

Koran 11:82-83

Da erfasste sie der Schrei bei Sonnenaufgang. Und Wir kehrten das Oberste zuunterst [ja’al-nâ ‚âliya-hâ sâfila-hâ] und ließen auf sie Steine aus Ton niederregnen.

Koran 15:73-74

Und in der Morgenfrühe ereilte sie eine dauernde Strafe. „So kostet Meine Strafe und Meine Warnung.“

Koran 54:38-39

Und Wir haben davon ein klares Zeichen zurückgelassen für Leute, die verstehen.

Koran 29:35

Über die religiösen Verhältnisse in der Stadt wird wenig mitgeteilt. Jedoch zwei Verse im Anschluss an die Geschichte Lots in Sura 27 sind aufschlussreich:

Sprich [Muhammad]: „Aller Preis gebührt Allah, und Frieden sei über jenen seiner Diener, die Er auserwählt hat. Ist Allah besser oder die Götter, die sie [Ihm] an die Seite stellen? Wer hat denn Himmel und Erde erschaffen, und wer sendet Wasser für euch vom Himmel nieder, durch das Wir prachtvolle Gärten sprießen lassen? Ihr vermögt nicht, ihre Bäume sprießen zu lassen. Gibt es einen Gott neben Allah? Nein, sondern sie sind ein Volk, das [Ihm Götter] gleichsetzt [oder: das (vom rechten Weg) abweicht].“

27:59-60

Wenn man diese Verse in enger Verbindung zu der Geschichte Lots liest, weisen sie darauf hin, dass das Volk Götzendienst ausübte oder wenigstens von ihm im religiösen Leben stark beeinflusst war. Die Tatsache, dass der Qur’ân die Anhänger Lots als Gläubige und Muslime bezeichnet (51:35-36), nicht aber das übrige Volk, weist in die gleiche Richtung.

Lots Geschichte im Vergleich zu der anderer Gesandter

Die Zerstörung der Stadt, in der Lot eine Zeitlang lebte, war in der Menschheitsgeschichte kein einmaliges Geschehen und muss nicht die Folge irgendwelcher sexueller Missetaten gewesen sein wie andere Berichte im Qur’ân zeigen. Andere Städte und Völker wurden nach dem Qur’ân ebenfalls und aus anderen Gründen vernichtet und die Propheten und ihre Anhänger zuvor gerettet. In der 7. Sura, in der auch über Lot und sein Volk berichtet wird, heißt es z. B. über

  • Noah und sein Volk (7:64):
    Doch sie leugneten ihn, dann erretteten Wir ihn und die bei ihm waren in der Arche, und ließen jene ertrinken, die Unsere Zeichen verwarfen. Sie waren gewiss ein blindes Volk.
  • hûd und das Volk ‚âd (7:72):
    Sodann erretteten Wir ihn und die mit ihm waren durch Unsere Barmherzigkeit, und Wir schnitten den letzten Zweig derer ab, die Unsere Zeichen leugneten und nicht Gläubige waren.
  • SâliH und das Volk thamûd (7:76-78):
    Da sprachen die Hoffärtigen: „Wir glauben nicht an das, woran ihr glaubt.“ Dann erfasste sie das Erdbeben, und am Morgen lagen sie in ihren Wohnungen auf dem Boden hingestreckt.
  • schu’aib in madyân (7:91-92):
    Dann erfasste sie das Erdbeben, und am Morgen lagen sie in ihren Wohnungen hingestreckt. Jene, die schu’aib der Lüge beschuldigt hatten, wurden, als hätten sie nie darin gewohnt – sie waren die Verlorenen.

Dann heißt es über diese Städte:

Nie sandten Wir einen Propheten in eine Stadt, ohne dass Wir ihre Bewohner mit Not und Drangsal heimsuchten, auf dass sie sich demütigen mögen. Darauf verwandelten Wir den üblen Zustand in einen guten, bis sie anwuchsen und sprachen: „Auch unsere Väter erfuhren Leid und Freude.“ Dann erfassten Wir sie unversehens, ohne dass sie es merkten. Hätte aber das Volk der Städte geglaubt und wären sie rechtschaffen gewesen, so hätten Wir ihnen ganz gewiss vom Himmel und von der Erde Segnungen eröffnet. Doch sie bezeichneten [die Gesandten] als Lügner; so erfassten Wir sie um dessentwillen, was sie sich erwarben. Sind die Bewohner der Städte sicher, dass Unsere Strafe nicht über sie kommt zur Nachtzeit, während sie schlafen? Oder sind die Bewohner der Städte sicher, dass Unsere Strafe nicht über sie kommt zur Mittagszeit, während sie beim Spiel sind?

Koran 7:94-98

Dies sind die Städte, deren Kunde Wir dir gegeben haben. Ihre Gesandten waren zu ihnen gekommen mit deutlichen Zeichen. Allein sie mochten nicht an das glauben, was sie zuvor als Lüge bezeichnet hatten. Also versiegelte Allah die Herzen der Ungläubigen. Und bei den meisten von ihnen fanden Wir kein Worthalten, sondern fanden die meisten von ihnen als Frevler [fâsiqîn].

Koran 7:101-102

Ähnliches finden wir in der 11. Sura. Abschließend heißt:

Das ist von der Kunde der [bestraften] Städte, die Wir dir erzählen. Manche von ihnen stehen noch aufrecht da, und [manche] sind niedergemäht worden. Nicht Wir taten ihnen Unrecht, sondern sie taten sich selber Unrecht an; und ihre Götter, die sie statt/neben Allah anriefen, nützten ihnen ganz und gar nichts, als deines Herrn Befehl eintraf; sie mehrten nur ihr Verderben. Also ist der Griff deines Herrn, wenn Er die Städte erfasst, weil sie freveln [Zâlima]. Wahrlich, Sein Griff ist schmerzhaft und streng.

Koran 11:100-102

Zusammenfassung

Eine Reihe von Fragen, die der Bericht des Qur’ân aufwirft, müssen unbeantwortet bleiben. Es ist u.a. nicht klar,

  • warum Lot sich von Abraham trennt und gerade in diese Stadt geht,
  • warum er der ‚Bruder‘ (26:161) seines Volkes genannt wird, obwohl er ein Fremder unter ihnen ist
  • was mit ihm und seinen Anhängern nach der Vernichtung der Stadt und ihrer Bewohner geschieht.

Das Volk bzw. die Leute, bei denen Lot und seine wenigen Anhänger leben, sind die Bewohner einer Stadt, die im Qur’ân ungenannt bleibt und unter der man sich eine Art Stadtstaat mit einer Ratsversammlung vorzustellen hat. Der religiöse Hintergrund dieser Menschen wird aus den Aussagen Lots nicht deutlich. Lots Betonung, dass er für sich keinen Lohn – außer bei Allah – erwarte, lässt die Annahme zu, dass er dort bezahlte, für den sakralen Bereich zuständige Leute vorfindet. Darüber hinaus weisen die Verse im Anschluss an seine Geschichte auf eine Form des Götzendienstes.

Im Unterschied zum Alten Testament, das nur von den Männern spricht, verwendet der Qur’ân zur Bezeichnung von Lots Volk das Wort qaum, das im Zusammenhang mit Propheten jeweils die Männer und Frauen eines Volkes umfasst. Damit wird einer einseitig homosexuellen Interpretation der Geschichte von Lot weiterer Boden zu entzogen (es hat aber nicht verhindern können, dass Muslime sich des alten Interpretationsmusters bedienten). Auch wird dadurch der eigentliche Grund für Lots Verweis auf seine Töchter deutlicher hervorgehoben: Er bietet sie als gleichwertige Garanten für seine Gäste an.

Lot erklärt sich den Leuten als zuverlässigen Gesandten Gottes und ruft sie zur taqwa, Gottesfurcht, Rechtschaffenheit, auf und zum Gehorsam sich gegenüber. Er wendet sich gegen etwas Abstoßendes, das vor diesen Leuten noch niemand begangen habe, und er tadelt, dass sie alle bei einem ‚Begehren‘ zu den Männern kommen, nicht jedoch zu den Frauen. Außerdem sollen sie Vorüberziehende, d.h. Reisende überfallen und ausrauben, statt ihnen das Gastrecht zu gewähren. Verwerfliches begehen sie auch in ihren Versammlungen, indem sie dort Aktionen beschließen, die den damals akzeptierten Grundrechten zuwiderlaufen. Sie sind ein unwissendes, übertretendes, jedes Maß überschreitendes und Unheil anrichtendes Volk.

Lot wird von den Stadtbewohnern zum Lügner erklärt, was seine Mission betrifft. Er und seine Anhänger werden als ‚Leute, die sich reinhalten‘ wollen, bezeichnet. Das ist sicherlich spöttisch gemeint, gibt andererseits wohl auch das Selbstverständnis von Lot und den Seinen – den Muslimen bzw. Gläubigen – wieder und verdeutlicht, dass sie sich von den anderen in bestimmten Bereichen fernhalten.

Die Bewohner der Stadt bilden offenbar eine Gemeinschaft, die nicht tolerieren kann, dass es Widerstand gegen bestimmte Aspekte ihrer Lebensform gibt, so dass Lot mit seinen Anhängern nur die Möglichkeit bleibt, in einem Haus zusammenzuleben, wenn sie sich davon fernhalten wollen. Zur Aufrechterhaltung ihrer besonderen sozialen und/oder kultischen Verhältnisse beschuldigen die Leute Lot der Lüge.

Lots Wirken offenbart die unduldsame Haltung der Bevölkerung und führt dazu, dass die Leute einander anstacheln, ihn aus der Stadt zu vertreiben. Niemand will zunächst dafür die Verantwortung übernehmen, da der Anlass anscheinend nicht ausreichend für eine solche Maßnahme ist. Doch wird ihm – wohl um für die Zukunft nicht ohne formale Handhabe ihm gegenüber zu sein – jede weitere Aktivität unter Androhung der Vertreibung untersagt. Außerdem darf er keinen Kontakt zu Außenstehenden aufnehmen. Damit soll offensichtlich verhindert werden, dass er Unterstützung und Schutz außerhalb der Stadt sucht. Als Folge dieser Maßnahmen macht sich jeder Fremde verdächtig, der sich an ihn wendet oder gar als Gast zu ihm kommt. Diese Situation legt Lot äußerste Umsicht und Vorsicht im Umgang mit Fremden auf; denn jeder Besucher kann seine Lage unhaltbar machen.

Er befindet sich in einer schier ausweglosen Lage: Verhält er sich ruhig entsprechend den Auflagen der Stadt, so wird er seiner Aufgabe als Gesandter Gottes nicht gerecht, die Menschen zum rechten Weg aufzurufen. Setzt er hingegen seine Arbeit offen fort, so gefährdet er seine Sicherheit und die seiner Anhänger; und wird er infolgedessen vertrieben, so kann er ebenfalls seine Aufgabe bei diesen Menschen nicht mehr erfüllen. Unter diesen schwierigen Gegebenheiten kommen die Gesandten zu ihm. Er kann und will ihnen das ihnen zustehende Gastrecht nicht vorenthalten und nimmt sie auf. Ihm sind die Folgen bewusst, sagt dies auch seinen Gästen und erklärt ihnen seine Hilflosigkeit in dieser gefährdeten Lage.

Froh über diesen ‚Verstoß‘ gegen ihre Auflagen kommen die Bewohner der Stadt zu ihm geeilt und wollen ihre Absichten ihm gegenüber verwirklichen. Zunächst suchen sie ihn zu veranlassen, sich von seinen Gästen abzuwenden und ihnen das Gastrecht zu entziehen, und wollen ihn auf diese Weise bloßstellen und in Schande stürzen. Denn gibt Lot nach, so setzt er sich vor seinen Gästen ins Unrecht, straft vor allen Leuten seinen Anspruch Lügen, ein zuverlässiger, vertrauenswürdiger Gesandter zu sein, und bestätigt damit den Vorwurf, ein Lügner gegenüber seiner Mission zu sein. Weigert er sich, muss er mit den angekündigten Gegenmaßnahmen rechnen. In dieser ausweglosen Situation versucht er, die Leute zum Einlenken zu bewegen, zumindestens die vernünftigen unter ihnen, verweist auf seine Töchter und bietet sie als Garanten für sein und seiner Gäste Wohlverhalten an. Doch die Leute sind blind und trunken angesichts dieser günstigen Gelegenheit, sich seiner zu entledigen. Sie sehen nur die formalen Aspekte von Lots Verstoß, nicht aber die Unrechtmäßigkeit ihres eigenen Verhaltens. Sie lehnen folglich seinen Vorschlag ab und verweisen darauf, dass sie keinen Anlass sehen, aus seinem Verstoß gegen ihr Verbot ein Recht auf seine Töchter abzuleiten.

Die Gesandten hingegen versichern Lot, dass die Bewohner der Stadt ihn mit ihren Absichten nicht erreichen werden, sondern er sich zuvor von sich aus mit den Seinen aus der Stadt entfernen soll. Dann wird sie mit allen verbliebenen Bewohnern vernichtet.

Die Verse über Lot und sein Volk und der Sodom-Mythos

Unter dem Sodom-Mythos wird hier die unter Christen und Muslimen gängige Vermutung verstanden, dass Lot bei einem Volk lebte, in dem die Männer durchweg homosexuell gewesen seien, eine Annahme, die unter Berücksichtigung von Evolution und Biologie absurd ist. Diese Situation könnte daher nur durch ein „Wunder“ entstanden sein, ein Begriff, den der Qur’ân nicht kennt. Und ein „Wunder“ könnte ja nur von Allah veranlasst worden sein, und damit wären die Männer für ihr Verhalten nicht verantwortlich.

Wie ist es möglich, dass – wie die Sodom-Mythos-Anhänger annehmen – der männliche Teil der Bevölkerung homosexuell gewesen sei? Homosexualität ist nach allem, was wir wissen, keine Krankheit, die vielleicht durch Viren, Pilze, Bakterien oder andere Erreger übertragen werden könnte. Die Antwort darauf ist für Muslime, die der traditionellen Interpretation folgen, besonders schwierig: Sie gehen gemäß ihrer Qur’ân-Interpretationen davon aus, dass es zuvor keine Homosexualität gegeben habe. Wie entstand diese Homosexualität? Über veränderte Erbeigenschaften bei einem Individuum, vielleicht sogar dominante? Es würde selbst dann eine Unzahl Generationen dauern, bis sie sich durchgesetzt hätte, zumal zudem homosexuelle Männer andere Männer als Geschlechtspartner vorziehen, so dass eine Weitergabe dieser Eigenschaft sehr spärlich sein würde. Und woher kamen die Frauen, von denen der Qur’ân spricht? Und wie konnte die Bevölkerung eine Stadt füllen – sie müsste eigentlich allmählich ausgestorben sein? Und Homosexualität müsste zudem mit der Vernichtung dieser Stadt beendet sein.

Über die Lage oder Überreste der Stadt Sodom gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Im Archäologisches Bibel-Lexikon heißt es dazu:

Die Versuche S. [= Sodom] zu lokalisieren, blieben bislang ohne Erfolg. Es wurde am Süd- oder Nordende des Toten Meeres vermutet und sogar auf seinem Boden. Der Name „S.“ hat sich in dem arabischen Gebel Usdum, einem Bergrücken aus Salz nahe dem Südwestufer des Toten Meeres erhalten.

Archäologisches Bibel-Lexikon, Hrsg. Avraham Negev, S. 412

Mit anderen Worten: Wir wissen nichts über die Stadt, und da selbst ihre Lage unbekannt ist, gibt es auch keine Schrift- oder sonstigen Funde, die über das soziale Leben Auskunft geben könnten. Was über sie und ihre Bewohner später erzählt wurde, ist damit nichts als bloße Spekulation. Die älteste Bezugnahme auf Lot und seine Stadt ist im Alten Testament der Bibel zu finden. Im Neuen Testament spricht Jesus nur von der fehlenden Rücksichtnahme auf das Gastrecht dort (Matthäus 10,11–15, Matthäus 11,23–24, Lukas 10,10–12).

Die Vorstellung, dass die Bevölkerung in Lots Stadt homosexuelle Wünsche an Lots Besucher richtete, erwies sich als eine sehr phantasievolle, aber falsche Interpretation eines einzigen Wortes in nur einem Vers im 1. Buch Mose (1 Mose 19, 5, = Gen. xix. 5, siehe Derrick Sherwin Bailey, Homosexuality and Western Christian Tradition, 1955, auf Seite 1-8). Bailey (1910 – 1984) war ein Anglikanischer Theologe mit überzeugenden und klaren linguistischen und kontextuellen Argumenten. Er erwähnt auch, dass alle Bezugnahmen auf Lots Stadt in den anderen Büchern des Alten Testaments nie von einem sexuellen Fehlverhalten der Menschen in Lots Stadt sprechen. In der englisch-sprachigen Wikipedia heißt es u.a. über Bailey:

… Anerkannt als führender Experte der Kirche für Sexualethik, … halfen Baileys Schriften der Church of England, auf die theologische Frage der Homosexualität, auf die Homosexuellen selbst sowie auf die Gesetze Englands zu reagieren. Diese Periode von 1954 bis 1955 im Moral Welfare Council lieferte wichtige konzeptionelle Leitlinien für spätere Diskussionen über Homosexualität, nicht nur in der Church of England, sondern im gesamten Christentum.

Wikipedia

Zu diesem Vers sagt Bailey:

Der Vers, der bisher oft als Hinweis auf homosexuelles Ansinnen verstanden wurde, ist 1 Mose, 5: 5 Sie riefen Lot und sagten: ‚Wo sind die Männer, die heute abend zu dir gekommen sind? Bringe sie zu uns heraus, damit wir sie erkennen!‘

Die herkömmliche Auffassung von der Sünde Sodoms […] rührt von der Tatsache her, dass das Wort, das hier mit ‚erkennen‘ (yâdha‘) übersetzt ist, ‚geschlechtlich verkehren‘ bedeuten kann. Ist das in diesem Passus gemeint?

Das [hebräische] Verb yâdha‘ kommt sehr häufig im Alten Testament vor [in der Fußnote: Nach F. Brown, S. R. Driver und C. A. Briggs, A Hebrew and English Lexikon of the Old Testament (Oxford, 1952), 943 mal], doch mit Ausnahme dieses Textes und seiner unzweifelhaften Ableitung in Richter 19,22 wird es nur zehnmal (ohne Einschränkung) gebraucht, um Geschlechtsverkehr zu bezeichnen [in der Fußnote: 1 Mose 4, 1, 17, 25; 19, 8; 24, 16; 38, 26; Richter 11, 39; 19, 25; 1 Samuel 1, 19; 1 Könige 1, 4.]. In Verbindung mit mishkâbh, das in diesem Zusammenhang den Vorgang des Liegens bezeichnet, kommt yâdha‘ an fünf weiteren Stellen vor [in der Fußnote: 4 Mose 31, 17, 18, 35; Richter 21, 11 […], 12 […] ]. Auf der anderen Seite findet man shâkhabh (von dem mishkâbh herkommt) etwa fünfzigmal in der Bedeutung ‚liegen‘ im geschlechtlichen Sinne. Während yâdha‘ sich immer auf heterosexuellen Geschlechtsverkehr bezieht (wenn man zunächst die kontroversen Stellen 1 Mose 19, 5 und Richter 19, 22 außer Betracht lässt), wird shâkhabh überdies sowohl für homosexuellen Geschlechtsverkehr als auch den mit Tieren verwendet zusätzlich zu dem zwischen Mann und Frau.

So findet man yâdha‘ also nur ausnahmsweise im geschlechtlichen Sinne gebraucht […]. Linguistische Betrachtungen allein unterstützen daher [… die Ansicht], dass es hier nichts weiter als ‘kennenlernen’ bedeuten kann. Warum wurde dann aber eine anscheinend vernünftige Forderung auf so heftige Art und Weise vorgebracht? Was für eine Schlechtigkeit war es, die Lot erwartete und von der er die Sodomiter abbringen wollte? […] Unsere Unkenntnis der lokalen Gegebenheiten und sozialen Verhältnisse lässt uns keine andere Möglichkeit als die Motive zu erraten, die dem Verhalten der Sodomiter zugrunde liegen; da aber yâdha‘ meistens ‘kennenlernen’ bedeutet, kann die Forderung, die Besucher, die Lot bewirtete, ‘zu erkennen’, gut einen ernsthaften Bruch der Regeln des Gastrechts [wörtlich: hospitality = Gastfreundschaft] eingeschlossen haben. […]

Derrick Sherwin Bailey, Homosexuality and the Western Christian Tradition, S. 2

Spricht der Text des Qur’âns für oder gegen den Sodom-Mythos?

In keinem Vers über Lot und sein Volk wird gesagt, dass das sexuelle Interesse der Männer im Volk homosexuell ist oder sich auf Lots Gäste richtet. Jedoch ergänzen die muslimischen Anhänger des Sodom-Mythos beim Lesen einiger Verse des Qur’âns diese entsprechende Vorstellungen ziemlich willkürlich. Im Gegenteil, an allen vier Stellen, in denen Lot sein Volk tadelt, stehen als Einleitung zum Zitat von Lot dieselben Worten: „und (gedenke) Lots, als er zu seinem Volk (allen Männern und Frauen) sprach“,

“wa lûTan id qâla li-qaumi-hi” (و لوطا اذ قال لقومه)

„und (gedenke) Lots, als er zu seinem Volk (allen Männern und Frauen) sprach“,

In mehreren Koranversen

Es wird in diesem Vers unübersehbar gesagt, dass Lot zu „seinem Volk“ sprach, den Männern und Frauen unter ihnen. Somit werden beide Gruppen mit denselben Worten Lots getadelt werden. Welchen Sinn macht der Vorwurf, dass die Frauen zu den Männern kommen und nicht zu den Frauen? Sollen sie statt zu den Männern zu den Frauen kommen? Hieraus wird deutlich, dass hier kein sexuelles Verhalten gemeint sein kann. Denn das wichtigste Prinzip bei der Interpretation des Qur’âns ist, dass die Bedeutung aus dem Qur’ân heraus gesucht werden sollte und niemals eine Passage so interpretiert werden sollte, dass sie im Widerspruch zu anderen steht.

Der Einfluss der mawâlî (konvertierte Christen und Juden) auf die Muslime

In der Literatur finden wir einige eindrucksvolle Beschreibungen über deren zahlreichen Aktivitäten in der Frühzeit der muslimischen Geschichte.

„Die Clienten [= mawâlî] verstanden es in der That, die Araber zu überholen, denn sie waren die ersten, welche die gelehrten Studien pflegten und sich hiedurch ein immer zunehmendes Ansehen errangen. Sie aktivirten mit besonderer Vorliebe die theologischen und juridischen Studien und vermittelten den Import fremder Ideen in den Islam. So kam durch jüdische Proselyten die so sehr an den Talmud erinnernde Gewohnheit des Commentirens des heiligen Buches, die Vorliebe für die Tradition und deren Sammlung, der spitzfindige in Kleinigkeiten so gerne sich breit machende und wichtig thuende Ton der Schulmeisterei in die arabische Literatur.“

Alfred von Kremer, Kulturgeschichte des Orients, Band 2, Seite 158 f.

„Seit langem ist bekannt, wie kräftig die Entwicklung hebräischer Philologie unter den Juden im Mittelalter durch das Vorbild arabischer Grammatiker stimuliert wurde, und wie tief die muslimische Theologie und Philosophie das jüdische Denken jener Periode beeinflußte. Dass der Prozeß, der weit davon entfernt war, einseitig zu sein, wechselseitig war, dass der Mohammedanismus vom Judentum wenigstens ebenso viel erhielt wie er ihm gab – und wir sprechen hier nicht vom biblischen Judentum, sondern in erster Linie von seiner rabbinischen Erweiterung jenes unermeßlichen Überbaus von Gesetz und Legende, der auf den hebräischen Schriften beruhte, der in der Literatur des Talmud [religionsgesetzliches Sammelwerk] und Midrasch [erbauliche Auslegungen alttest. Bücher durch jüdische Schriftgelehrte vom 2. bis 6. Jh. n. Chr.] eingeschlossen ist. […] Einiges wenigstens hat eine deutliche christliche Färbung und muß in den Gesichtskreis der Muslime durch die Schriften des Klerus der Syrischen Kirche gekommen sein, der es seinerseits von den Juden übernahm. Es bleibt jedoch genug, das man nur als das Ergebnis persönlichen Kontakts mit Juden erklären kann, von denen es während des neunten und zehnten Jahrhunderts der üblichen Zeitrechnung, dem goldenen Zeitalter der arabischen Kultur, eine breite, fest gegründete und gut informierte arabisch sprechende Gemeinschaft im Zentrum der mohammedanische Zivilisation gab, nämlich im Irak und insbesondere in seiner Hauptstadt, dem Sitz des Kalifats Bagdad, wo man leicht von den maßgeblichen Vertretern und Interpreten des Judentums die erforderlichen Informationen über seine Überlieferungen erhalten konnte. […] Die mohammedanischen Legenden über biblische Gestalten können daher nicht als das Resultat eines unabhängigen Studiums des Alten Testaments seitens der Muslime entstanden sein, sondern sie müssen körperlich von rabbinischer Überlieferung übernommen worden sein. Dass die Autorität der Juden im Hinblick auf diese Überlieferungen den Muslimen uneingeschränkt akzeptabel war, wird ausdrücklich in fast allen Werken mohammedanischen Hadîths festgestellt, und dass jüdische Gelehrte zu diesem Zweck konsultiert wurden, wird durch Tabari und andere bezeugt. […].“

Samuel Rosenblatt, Rabbinic Legends in Hadîth, The Moslem World 35 (1945), Seite 237-252, auf Seite 251-252

[…] Von Anfang an waren Juden, die in den Schriften bewandert waren (‚Habr‘ [Pl. ‚aHbâr‘] = hebräisch ‚Haber‘), von großer Bedeutung, für solche Details zu sorgen; […].

Diese aHbâr nehmen eine wichtige Position auch als Quelle für Informationen in Bezug auf den Islam ein. Es soll hier genügen, auf die vielen Lehren in den ersten beiden Jahrhunderten hinzuweisen, die unter den Namen ka’b al-aHbâr (st. 654) und WAHB IBN MUNABBIH (st. circa 731) aufgezeichnet sind. An erster Stelle verdankt der Islam diesen Quellen seine Ausarbeitung biblischer Legenden; viele dieser Ausarbeitungen sind in den kanonischen Hadîth-Werken enthalten. […]

Der Islam entlieh im Laufe seiner Entwicklung auch eine große Zahl gesetzlicher Vorschriften aus der jüdischen Halacha [religionsgesetzliche Vorschriften für Lebenswandel, Kultus und Ritus]. Die Bedeutung, die der ’niyya‘ (= ‚intentio‘) beigelegt wird bei der Ausübung der gesetzlichen Vorschriften, ruft auf den ersten Blick die Erinnerung an die rabbinische Lehre über ‚kawwanah‘ wach, auch wenn nicht alle Einzelheiten übereinstimmen. Die mohammedanischen Vorschriften, die das Schlachten betreffen, jene, die sich auf die persönlichen Qualifikationen des ‚Sohet‘ (arabisch: ‚DâbiH‘) beziehen, ebenso wie jene in Bezug auf die Einzelheiten des Schlachtens, zeigen klar den Einfluß der jüdischen Halacha, wie ein Blick in Gesetzbücher selbst beweist […]

The Jewish Encyclopedia, Band VI, Seite 656, unter dem Stichwort ‚Islam‘

[…] Die isrâ’îliyyât, d.h. Traditionen, in denen jüdischer Einfluß erkennbar ist. Der allgemeine orthodoxe Standpunkt ist, so lange wie die isnâde als gesund erklärt werden, dass Muhammad diese Äußerungen getan haben muss. Stets wird an diesem Punkt die Toleranz des Islams gegenüber den anderen monotheistischen Religionen betont. Andererseits haben Gelehrte, die den Hadîth einer erneuten Kritik unterziehen wollen, darauf hingewiesen, dass die zwei wichtigsten Übermittler von isrâ’îliyyât, ka’b al-aHbâr und wahb b. munabbih, auf subversive Weise versuchten, den Islam zu unterminieren, indem sie jüdische Elemente in seine Glaubensanschauungen einführten.“

G.H.A. Juynboll, The Authenticity of the Tradition Literature, Discussions in Modern Egypt, Seite 14

[…]

Die Verse über Lot und sein Volk ohne Berücksichtigung des Sodom-Mythos

Der Sodom-Mythos ist nichts weiter als eine Art Fabel, phantasievolle Erfindung, auf die sich die Generation der mawâlî als ehemalige Christen und Juden stützte. Diese Worte sind eine zu schwache Basis als Argument in einer Interpretation. So können wir uns nur an die Worte des Qur’âns halten. Die mawâlî, frühere Christen und Juden, die viele Jahrhunderte nach Lot lebten, bildeten sehr schnell die Mehrheit unter den frühen Muslimen. Sie wussten von den Zuständen in Lots Stadt genau so wenig, wie wir heute, da alle historischen Belege darüber fehlen.

Ein weiterer Hinweis, dass die Geschichte von Lot und seinem Volk nicht von Homosexualität handelt, sind die Worte im Qur’ân:

Und (gedenke) Lots, da er zu seinem Volk [qaum] (, den Männern und Frauen), sprach: Wollt ihr etwas Abstoßendes [al-fâHischa] begehen, worin keiner in aller Welt euch vorangegangen ist. Ihr kommt zu den Männern und zerschneidet den Weg? Und in euren Versammlungen begeht ihr Verwerfliches [al-munkar]?

Koran 29:28

Generell nimmt man die Lebenszeit Abrahams – und damit Lots – zwischen 2000 v. Chr. und dem 14./15. Jahrhundert vor Chr. an. Wir haben historische Beweise, Texte, über Menschen vor Lot, die homosexuelle Beziehungen miteinander hatten (Encyclopedia of Homosexuality, Stichwort “Egypt, Ancient”). Auch diese Offenbarung Allahs spricht vor dem Hintergrund der historischen Belege gegen eine sexuelle Deutung.

Worum geht es im Tadel von Lot seinem Volk gegenüber?

Das Abstoßende, das Lot bei dem Verhalten der Männer und Frauen rügt, ist ein historisches Faktum, das es bei anderen Menschen vor Lots Volk noch nicht gab. Es ist ein historisch erstmaliges, sozial einzustufendes Phänomen, das nichts mit sexuellem Verhalten zu tun hat, sondern mit der Rechtlosigkeit und der untergeordneten Rolle der Frauen, die von allen Männern und Frauen als gegeben akzeptiert wird, so dass von beiden Gruppen nur Männer bei wichtigen Angelegenheiten (schahwa) konsultiert werden.

So bot Lot seine Töchter dem Volk an als Garanten für das Wohlverhalten seiner Gäste. Aber das Volk (die Männer und Frauen) wies sie zurück mit den Worten, dass es keinen Haqq (حق = Recht, Anspruch) auf sie hätte (11:79), sie sagen nicht: Kein sexuelles Begehren/Verlangen. Das bedeutet, dass es hier um eine Frage von rechtlicher Bedeutung geht, nicht um sexuelle Wünsche. Lot zeigte durch sein Angebot, dass Frauen den Männern gleichwertig sind, sogar in dieser speziellen Situation.

Auszug (S. 1-27) aus der Kurzversion zu Islam und Homosexualität gemäß dem Qur’ân und den authentischen Hadîthen (الاحاديث الصحيحة)

Schlüssel zum Verständnis des Koran: 4. Der Tunnelblick – Frauen schlagen?

4. Das Wort selbst und seine Mehrdeutigkeit beachten – Der „Tunnelblick“: Frauen schlagen?

Einige arabische Wörter, genauso wie in der deutschen Sprache, können mehr als eine einzelne Bedeutung in sich tragen. Dadurch kann die zugeschriebene Bedeutung manchmal Widersprüche zwischen den Versen der Schrift oder ein merkwürdiges Verständnis nach sich ziehen. Ist es in solchen Fällen nicht ratsam der besten Bedeutung, die abgeleitet werden kann, zu folgen?

 

39:18 die auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen. Das sind diejenigen, die Allah rechtleitet, und das sind diejenigen, die Verstand besitzen.41

 

Hierbei ist es sehr wichtig, dass nur weil Sie eine Bedeutungsschicht eines gegebenen Wortes noch nicht gehört oder gewusst haben, der „neuen Idee“ gegenüber nicht abgeneigt sein dürfen. Dieses allgemeine Prinzip finden wir auch in der Lesung:

 

10:39 Nein! Vielmehr erklären sie das für Lüge, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und schon bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen waren, für Lüge erklärt. Schau, wie das Ende der Ungerechten war!42

 

Dieser Vers bezieht sich direkt auf die Lesung (10:38) und gilt deshalb als Prinzip im Umgang mit allem, was mit der Lesung zu tun hat, also auch die Ideen und ihre Auslegungen. Wir haben die Aufgabe, der besten Idee zu folgen (39:18), nachdem wir alle Ideen überprüft haben. Ideen vorschnell ohne gründliches Verstehen abzulehnen wird hier mit den Ungerechten in Verbindung gebracht. Hierbei sollten wir ein weiteres Prinzip befolgen:

 

17:35–36 Und gebt, wenn ihr zumeßt, volles Maß und wägt mit der richtigen Waage! So ist es am besten (für euch) und nimmt am ehesten einen guten Ausgang. Und geh nicht einer Sache nach, von der du kein Wissen hast! Gehör, Gesicht und Verstand, – für all das wird (dereinst) Rechenschaft verlangt.43

 

Hier wird also von uns verlangt, dass wir keine oberflächlichen Analysen einfach so annehmen sollen, sondern sie gründlich abzuwägen und zu prüfen haben. Hierbei dürfen wir nichts annehmen, worüber wir kein Wissen haben. Die Grundhaltung ist in dem Sinne also eher defensiv und zurückhaltend geprägt. Dies hat seinen Sinn, da sich gefestigtes Wissen erst mit der Zeit bildet und die darauf aufbauenden Ideen ein starkes Fundament benötigen, was Zeit und Wissen braucht. So dürfen Sie auch die in diesem Buch präsentierten Vorschläge und Ideen nicht als Wahrheit einfach  so hinnehmen, sondern sollten alles nachprüfen. Wenn ich also Bedeutungen zu arabischen Wörtern angebe, so müssten Sie diese zumindest in den erwähnten Wörterbüchern nachschlagen und das Verständnis der Wurzel nachvollziehen können. In diesen Versen findet sich also sinngemäß der Imperativ „Bediene dich deines eigenen Verstandes“ wieder! Dies bedeutet aber natürlich nicht, dass beispielsweise ein junger Mensch im Alter der Pubertät keine Einsicht haben könnte, im Gegenteil! Hat dieser die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt, kann er unter Umständen gar mehr wissen und auf mehr hinweisen als so manch studierter Gelehrter. Erfahrungsgemäß ist dies leider eher selten anzutreffen, weil das Potenzial der Kinder häufig erstickt wird durch Einschüchterung und Autoritätsdenken in den meisten Koranschulen. Ein klares Beispiel dessen, was ein mehrdeutiges Wort und seine inkorrekte Anwendung an seriösen Problemen verursachen kann, ist das Wort „ḍaraba“ aus 4:34, was von den meisten Übersetzern primär mit “schlagen” übersetzt wird. Hier eine mögliche Übersetzung, wobei das entsprechende Wort in der Transliteration belassen wurde:

 

4:34 Die Männer haben die Frauen zu unterstützen; Angesichts der vielfältigen Gaben, die Gott ihnen gegenseitig geschenkt hat, und angesichts des Reichtums, den sie in Umlauf bringen. Aufrechte Frauen, die achtsam über ihre Privatsphäre sind, bewahren das Verborgene im dem Sinn, wie Gott es vorsieht. Die Frauen aber, deren Verlassenheit ihr befürchtet, gebt ihnen gute Ratschläge und vermeidet sie in den Betträumen und iḍribū sie. Wenn sie aber eure Argumente einsehen, dann sucht keinen Vorwand sie zu ärgern. Gott ist erhaben und groß.44

 

Bild: Patrick Kolencherry, CC BY-NC 2.0

Bild: Patrick Kolencherry, CC BY-NC 2.0

Die Wahl von „schlagen / prügeln“ in diesem Beispiel erzeugt eine bizarre Bedeutung, da der Vers von einem Streit zwischen den Ehegatten handelt. Der Vers schlägt eine Lösung vor, wie schrittweise vorzugehen ist, um die Ehe zu retten. Dass der letzte Schritt seine Frau zu „schlagen“ wäre, ist der Tod für jedweden Respekt und jegliche Liebe und Barmherzigkeit, die vorher in einer Ehe laut der Lesung vorhanden sein musste (30:21)!

An dieser Stelle ist der „Tunnelblick“ anzuwenden in Bezug auf ein bestimmtes Wort aus dem entsprechenden Vers. Hierbei gibt es drei miteinander verbundene Wege, wie Sie dies bewerkstelligen können. Auch hier spielt die Reihenfolge keine Rolle.

 

  1. Wörterbücher: Schlagen Sie die Wörterbücher auf, die Ihnen zur Verfügung stehen und suchen Sie die entsprechende Wurzel heraus mit all ihren weiteren Bedeutungen der Verbstämme und Verbalnomen. Studieren Sie diese eingehend, wobei Sie nach einer Grundbedeutung der Wurzel suchen sollten. Achten Sie hierbei darauf, dass Sie nach den klassisch-arabischen Bedeutungen suchen müssen und nicht nach dem modernen Gebrauch, was den Unterschied zwischen „Kopftuch“ und „Bedeckung“ in 24:31 ausmachen kann.
  2. Semantische Ebene(n): Alle Stellen in der Lesung suchen, in denen dieses Wort und seine Wurzel vorkommen. Die im Vers vorkommenden Worte legen die Bedeutung durch die entsprechende Verwendung fest, wie zum Beispiel als Antonym (Gegensatz) zu einem anderen Wort. Dieser Punkt ist ein zentraler Bestandteil der koranischen Hermeneutik. Berücksichtigen Sie hierbei das im Vers behandelte Thema: Geht es hier um rituelle Pflichten, wird in Gleichnissen vom Jenseits berichtet oder werden grundsätzliche ethische Werte behandelt? All dies spielt eine erhebliche Rolle in der Art und Weise, wie die Wörter in der Lesung zu verstehen sind. Gehen Sie also analytisch vor und begutachten Sie die Verse und die Vorkommnisse des Wortes genau. Auch wenn Sie kein Arabisch können, werden Sie diesen Punkt mit der Zuhilfenahme von Transliterationen erfolgreich durchführen können.
  3. Der Mehrdeutigkeit des Wortes in der eigenen Sprache nachgehen: Wieso soll ich ein arabisches Wort mit dem deutschen Wort und seiner Mehrdeutigkeit vergleichen? Dies möchte ich wie folgt illustrieren, indem ich für den weiteren Verlauf annehme, ḍaraba sei tatsächlich immer nur „schlagen“. Schauen wir beispielsweise im Duden nach, über welches semantische Spektrum sich die Bedeutungen dieses so einfach erscheinenden Verbes erstreckt, so lesen wir von 17 verschiedenen Bedeutungsebenen, unter denen nicht jede Variante ein wörtliches „schlagen“ meinen kann, wie etwa im Satz „Das Gebiet wurde in dem Friedensvertrag zum Osmanischen Reich geschlagen (ihm angegliedert) “.45

 

Wie Sie also aus Ihrer eigenen Sprache heraus verstehen können, ist die Mehrdeutigkeit dieses Wortes eine von der Anwendung des Wortes abhängige Angelegenheit, was Ihnen dabei hilft, Einsicht zu gewinnen in die Vielfalt beider Sprachen, der deutschen und arabischen. Dies geht natürlich mit jeder weiteren Sprache, die Sie gut beherrschen. Mit der Zeit werden Sie auch ein Gefühl für die richtige Wortwahl in der Übersetzung entwickeln und den sogenannten „roten Faden“ der Geschichte nicht aus den Augen verlieren.

Bedenken Sie hierbei auch, dass im Endeffekt die genaue Wortwahl nicht wirklich eine Rolle spielt, wenn Sie diesen „roten Faden“ erst einmal erfasst haben. Die Idee hinter dem Text ist wichtig,  nicht die eingeschränkten Worte. Die Worte dienen lediglich zur Übertragung der Idee in einer uns bekannten und zugänglichen Form. In dem Sinne sollten Sie also die Idee in möglichst viele unterschiedliche Sätze „übersetzen“ können, wenn Sie einen gegebenen Vers wirklich begriffen haben.

Natürlich sollten bei diesem Tunnelblick möglichst viele Wurzel-Konkordanzen aufgeschlagen werden. In unserer Datenbank zu den Wurzeln auf www.alquran.eu lesen wir über „Ḍaraba“:

 

  • Nominativ:
    ضرب [ḍarb] Schlagen, Multiplizieren,
    جدول الضرب [dschadwal aḍ-ḍarb] Einmaleins,
    ضرب ضروب [ḍurūb] Gattung, Art,
    ضربة [ḍarbah] Schlag, Stoß,
    ضِراب [ḍirāb] Paarung,
    ضريبة [ḍarībah] Steuer,
    إضراب [ʾiḍrāb] Streik,
    مِضرب [miḍrab] Schlaginstrument, Schläger, Schlegel
    مضرب [muḍrib] Streikender,
    مضاربة [muḍārabah] Spekulation,
    إضطراب [ʾiḍṭirāb] Unruhe, Schwankung,
  • Verb:
    ضرب [ḍaraba] (ab-)schlagen, (mit Plagen, Schmach, Elend) treffen lassen, (Erdbeben) einschlagen, (Belagerung) einschließen, (mit Kugeln) beschießen, (Musikinstrument) spielen, (Schreibmaschine) schreiben, (Glocke) läuten, (Zelt) aufschlagen, (Beispiel) anführen, (Math.) multiplizieren, (durch Länder) umherziehen, (durch-)reisen, (Wunde) schmerzen, (Tiere) sich paaren, (Münz) prägen, (zwei Sachen) zusammenmischen, (Rekord) brechen
    أضرب [ʾaḍraba] sich abwenden, streiken,
    تضارب [taḍāraba] sich gegenseitig schlagen, Meinungsverschiedenheit haben, kollidieren,
    إضطرب [ʾiḍṭaraba] unruhig sein, erregt sein,
  • Adjektiv:
    ضربي [ḍarbī] multiplizierend, schlagend,
    مضروب [maḍrūb] geschlagen, multipliziert,
    مضطرب [muḍṭarib] unruhig,
    ضريبي [ḍarībī] steuerlich

 

Also haben wir auch auf Arabisch eine beachtliche Bedeutungsvielfalt in einer einzelnen Wurzel. Die Wurzel „Ḍaraba“46 hat in der Lesung selbst auch mehrere Bedeutungen:

 

1. Umherwandern / unterwegs sein:

4:94 O die ihr glaubt, wenn ihr auf Allahs Weg umherreist (ḍarabtum), dann unterscheidet klar und sagt nicht zu einem, der euch Frieden anbietet: “Du bist nicht gläubig”, wobei ihr nach den Glücksgütern des diesseitigen Lebens trachtet. Doch bei Allah ist Gutes in Fülle. So wart ihr zuvor. Aber dann hat Allah euch eine Wohltat erwiesen. Unterscheidet also klar. Gewiß, Allah ist dessen, was ihr tut, Kundig.47

 

2. Etwas oder jemanden schlagen:

47:27 Und wie (sind sie denn), wenn die Engel ihre (Seelen) einzogen, sie schlagen (yaḍribūna) auf ihre Gesichter und ihre Rücken?!48

 

3. Etwas versiegeln, verschließen:

18:11 Da machten Wir in der Höhle ihre Ohren taub (ḍarabnā), so dass sie lange Jahre schliefen.49

 

4. Jemanden oder etwas abwenden / trennen:

43:5 Sollen Wir da die Ermahnung von euch abwenden (naḍrib), weil ihr ein zügelloses Volk seid?50

 

5. Gleichnis prägen:

14:24 Siehst du nicht, wie Gott das Gleichnis eines guten Wortes prägt (ḍaraba)? (Es ist) wie ein guter Baum, dessen Wurzeln fest sind und dessen Zweige bis zum Himmel (ragen).51

 

6. Im Land bewegen:

2:273 Für die Armen, die auf dem Weg Gottes gehindert werden, sich frei im Land zu bewegen (lā yastaṭiʿūna ḍarban). Der Unwissende hält sie für reich wegen (ihrer) Zurückhaltung. Du aber erkennst sie an ihrem Auftreten. Sie betteln die Menschen nicht aufdringlich an. Und was immer ihr an Gutem spendet, wahrlich, Gott weiß es.52

 

Wie Sie sehen, haben wir uns nun ausführlich mit einem einzelnen Wort beschäftigt. Wir hatten den Tunnelblick auf dieses Wort gerichtet. Nach der Wortanalyse soll dieser Tunnelblick wieder verlassen werden, um die ganzheitliche Idee, den roten Faden einzufangen.

Die beste Bedeutung kann nur dann erlangt werden, wenn nach einer logischen, kontextuell vernünftigen und konsistenten Bedeutung gesucht wird. In diesem Falle, wenn die Bedeutung auf „lassen / trennen“ (vierte aufgeführte Bedeutung) gesetzt wird:

 

4:34 Die Männer haben die Frauen zu unterstützen angesichts der vielfältigen Gaben, die Gott ihnen gegenseitig geschenkt hat, und angesichts des Vermögens, den sie in Umlauf bringen. Aufrechte Frauen, die achtsam über ihre Privatsphäre sind, bewahren das Verborgene so, wie Gott es vorsieht. Die Frauen aber, von denen ihr befürchtet, von ihnen verlassen zu werden, gebt ihnen guten Rat, und vermeidet sie in den Betträumen und hinterlasst sie sich selbst. Wenn sie aber eure Argumente einsehen, dann sucht keinen Vorwand sie zu ärgern. Gott ist erhaben und groß.

 

Dies kann dann dahingehend verstanden werden, dass der Ehe der „letzte Schlag“ verpasst wird, weil keine Lösung gefunden werden konnte durch einvernehmliches Reden. Dieser letzte „Schlag“ ist das symbolische Aufgeben der Ehe. Auf diese Weise wird nicht nur ersichtlich, wieso dieser Vers von den meisten Übersetzern mit „schlagen“ übersetzt wurde, sondern ebenso auch, dass eben gerade rein sprachlich kein Zwang besteht, dieses Wort allein als „schlagen“ zu verstehen. Um allfällige Einwände bezüglich der fehlenden Präposition ʿan bereits von vornherein zu klären: Es ist richtig, dass in 43:5 eine Präposition eingesetzt wird, welche die Bedeutung klarstellt. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass die arabische Sprache und ihre Grammatik erst etwa 100 Jahre nach der Niederschrift der Lesung überhaupt schriftlich festgehalten wurde. Insofern sind also die Verse bedeutsam, die uns mitteilen, dass Gott Gleichnisse anführt (14:24). Denn in diesen Versen wird auch keine Präposition verwendet und dennoch übersetzt man nicht in der Bedeutung, dass Gott Gleichnisse schlage! Hier darf das Argument, dass es sich hierbei ja um eine Redewendung handle, nicht angeführt werden, denn mit welcher Begründung soll 14:24 eine Redewendung sein, 4:34 aber keine? Insbesondere mit dem Hintergrundwissen, dass diese Gelehrten oft aus einer patriarchalisch geprägten Kultur entstammen und ebenso die patriarchalisch durchsetzten Aussprüche (aḥādīṯ) verwenden, wird klar, wieso diese sogenannten Gelehrten heute noch wider besseren Wissens dieses Wort als „schlagen“ übersetzen anstelle der konsistenten Wahl der „Trennung“.

Gemälde, das eine Beschneidung bei einem Baby darstellt

Beschneidung: keine koranische Tradition

Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.

Koran 95:4

Im folgenden Hadith von Abu Huraira können wir lesen, dass fünf Bräuche für den Glauben eine wichtige Sache darstellen sollen:

Dem Propheten zugeschriebener Hadith:
Abu Huraira berichtete, dass der Prophet gesagt haben soll: „Fünf Dinge stehen in Übereinstimmung mit Al Fitra (d. h. der Tradition der Propheten): beschnitten zu werden, den Beckenbereich zu rasieren, die Haare aus den Achselhöhlen herauszureißen, den Schnurrbart kurz zu schneiden und die Fingernägel zu schneiden.“

Bukhary Band 8, Buch 74, Nummer 312

Vier dieser fünf Traditionen sind relativ harmlos. Die genitale Verstümmelung bei Männern ist in sunnitischen oder auch schiitischen Ländern leider gang und gäbe. Die Beschneidung lässt sich nirgends im Koran finden. Gott ist nicht vergesslich und Seine Worte gehen niemals aus (18:109; 31:27). Die Frage lässt sich stellen: Ist Gottes Schöpfung etwa fehlerhaft, dass wir nachträglich einen Eingriff vornehmen müssen? Dann sind es also WIR Menschen, die diese Schöpfung korrigieren wollen? Nach den Aussagen des Koran wurde der Mensch im biologischen Sinne in bester Form geschaffen (95:4). Siehe auch folgende Koranverse hierzu 4:119; 13:8; 25:2; 32:7; 40:64; 64:3; 82:6-9. Interessant ist auch, dass im Hadith die „al-fitra“ falsch wiedergegeben wird und auf Unwissenheit begründet ist, denn es lässt sich einfach recherchieren, dass in den überlieferten Evangelien und Büchern der Propheten andere Stellen zu finden sind:

Seine Jünger fragten ihn: „Ist die Beschneidung nützlich oder nicht?“ Er sagte zu ihnen: „Würde sie nützen, dann würde ihr Vater sie in ihrer Mutter beschnitten entstehen lassen. Die wahre Beschneidung im Geiste aber, sei erwies sich als durchaus nützlich.“

Thomasevangelium, Vers 53

Willst du dich, Israel, bekehren, spricht der HERR, so kehre dich zu mir! Und wenn du deine greulichen Götzen von meinem Angesicht wegtust, so brauchst du nicht mehr umherzuschweifen, und wenn du ohne Heuchelei recht und heilig schwörst: «So wahr der HERR lebt», dann werden die Heiden in ihm gesegnet werden und sich seiner rühmen. Denn so spricht der HERR zu denen in Juda und zu Jerusalem: „Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen! Beschneidet euch für den HERRN und tut weg die Vorhaut eures Herzens, ihr Männer von Juda und ihr Leute von Jerusalem, auf dass nicht um eurer Bosheit willen mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, so dass niemand löschen kann.

Jeremia 4:1-4

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich heimsuchen werde alle, die an der Vorhaut beschnitten sind, nämlich Ägypten, Juda, Edom, die Ammoniter, Moab und alle, die das Haar rundherum abscheren, die in der Wüste wohnen. Denn alle Heiden sind nur unbeschnitten, aber ganz Israel hat ein unbeschnittenes Herz.

Jeremia 9:24-25

Der Penis ist das Symbol für die Sexualität des Mannes. Er steht für die Virilität schlechthin. Trotzdem wird ausgerechnet an diesem ebenso zentralen wie empfindlichen Organ eine der weltweit häufigsten Operationen durchgeführt. Eine Operation, für die es in fast allen Fällen keinen zwingenden medizinischen Grund gibt. Eine Operation, der der Patient zudem nur in den seltensten Fällen zugestimmt hat: die Beschneidung, in der die Genitalien des Patienten oder der Patientin verstümmelt wird.

Eines steht zumindest fest: Das Gewebe der Vorhaut ist etwas ganz Besonderes. Dr. David Gollahrer, Präsident des California Healthcare Institute, sagt dazu:

Im Gewebe der Vorhaut finden sich Fibroblasten. Das sind Zellen, die im menschlichen Körper sehr selten sind und die sogar in der Lage sind, neues Gewebe zu bilden. Inzwischen gibt es sogar schon Biotechnik-Unternehmen, die mit Hilfe der Fibroblasten neues Gewebe für Verbrennungsopfer oder Diabetiker mit Läsionen erzeugen wollen. Der Leiter einer dieser Firmen erklärte mir, dass man mit einer einzigen Vorhaut soviel neue Haut produzieren kann, dass sie mehrere Fußballfelder bedecken würde. Das ist wirklich ein außergewöhnliches Material und die Leute wissen gar nicht, was sie verlieren, wenn ausgerechnet dieses Gewebe entfernt wird.

Kurzum kann gesagt werden: Es gibt keine medizinischen, notwendigen Gründe für die ‚Beschneidung‘, ohne eine vorherige, klare Komplikation. Viele der wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen sogar deutlich, dass die koranische Beschreibung des Menschen gerechtfertigt ist. Es hat schon Sunniten gegeben, die auf dieses Thema wie folgt reagiert haben:

Der Koran erwähnt die Beschneidung nicht, da diese unmissverständlich und mit aller Härte in der Thora Erwähnung findet und vom Propheten in der Sunna eindeutig festgelegt ist.

Es ist ganz klar. Für uns Gottergebene, die sich für den Koran entschieden haben, ist der Koran allein gültig und es besteht kein Bedarf, willkürlich irgendwelchen Gesetzen anderer Bücher zu folgen – wieso beachten wir dann, wenn wir andere Bücher für uns verbindlich erklären wollten, nur einen Teil der Thora und den anderen wiederum nicht? Es ist also offensichtlich, dass hier der Schmerz tief sitzt, die Tradition hinter uns zu lassen, mit der wir aufgezogen wurden und die einen tiefen Einschnitt in unser Leben vornahm.

Vielmehr sehe ich in der ‚Beschneidung‘ die Übernahme von jüdischen Vorstellungen. In Kapitel fünf des Koran werden die Juden getadelt, wie sie es wagen können Mohammed zum Richter zu erheben, wo sie selbst doch die Thora haben (5:43). Jetzt lässt sich also fragen: Wie können wir die Thora zum Richter erheben, wo wir doch den Koran haben? Eine weitere Problematik dieser Argumentation lässt sich wie folgt aufzeigen: Im Koran steht auch nichts von der Steinigung geschrieben – aber in der Thora. Ist dies nun auch so zu sehen, dass die Steinigung ein Teil der Lebensweise von gottergebenen Menschen sein sollte?

Gemälde, das eine Beschneidung bei einem Baby darstellt
Foto: Karl Steel, CC BY-NC-SA 2.0

Altertümliche Blut- und Verstümmelungsrituale werden als Gottes Wille dargestellt, statt ehrlicherweise auf überlieferte Sitte zu verweisen. Aber, vielleicht ist es ja der Satan in uns, der hier im Einsatz ist. Nur Blindheit und Rohheit führen dazu, dass anderen und eigenen Kindern sinnlos Leid angetan wird. Es kann kein Gott sein, der etwas derartiges von uns verlangt, und deshalb hat sich jeder dafür einzusetzen, dass diese satanische, Gottes Schöpfung verletzende und Seinen Namen missbrauchende Praxis als solche gebrandmarkt wird, als dass sie ausschließlich in die Geschichtsbücher gehört – als Beleg dafür, welchen Einfluss Unwissenheit und blinder (Auserwähltheits-)Glaube auf viele Menschen einst ausübte, dass sie ihren eigenen Kindern solches Leid antaten.

Da bei dieser Aufklärungsarbeit keine realen religiösen Gefühle verletzt werden, da es sich dabei nicht um Religion handelt, besteht auch kein Grund, zurückhaltend vorzugehen, gar Rücksichten zu nehmen auf jene, die Straftaten an Kindern praktizieren oder gutheißen. Deshalb ist es dermaßen wichtig, dass Muslime beginnen, die mit diesem dem Judentum entlehnten Blutritual der Genitalverstümmelung aufgehört haben, darauf hinzuweisen, dass derlei im Koran nicht zu finden ist – ganz im Gegenteil.

Der subjektive, also persönliche Umgang mit der Genitalverstümmelung mag einen tolerant gegenüber diesem Vorgang machen. Doch laut Koran ist das eine Änderung in der Schöpfung Gottes (4:119) und demnach sollten wir das auch richtig und angemessen bezeichnen, damit wir uns dessen Bedeutung auch bewusst sind.

(Satan sagt:) „Und ich werde sie irreführen, und ich werde sie Wünschen nachjagen lassen, und ich werde ihnen befehlen, und sie werden die Ohren der Herdentiere abschneiden, und ich werde ihnen befehlen, und sie werden die Schöpfung Gottes verändern.“ Und wer sich den Satan anstelle Gottes zum Freund nimmt, der wird einen offenkundigen Verlust erleiden.

Koran 4:119

Mögen wir alle soweit aufgeklärt sein, dass wir den eingeflüsterten (ideologisch begründeten) Befehlen Satans kein Gehör mehr verschaffen.

Weitere Informationen: http://pro-kinderrechte.ch/

Über die 72 Jungfrauen und Sexualität im Paradies

Ich möchte gerne ein Thema besprechen, über welches gerne sehr viel und häufig gesprochen wird und was von Islamkritikern und -gegnern häufig missbraucht und aus dem Kontext gezogen wird. Die Rede ist hier von den berühmten 72 Jungfrauen im Paradies, den Huri, im Speziellen und die Frage nach der Sexualität im Paradies im Allgemeinen. Aber zuvor will ich die allgemeine Vorgehensweise meiner Erörterung über dieses Thema erläutern. Die Basis meiner Besprechung über diesen Sachverhalt ist der Koran und nur der Koran. Ich selbst bin der Meinung, dass die Ahadith, also die Aussagen des Propheten Mohammed, über dieses Thema meistens falsch und fabriziert sind und deshalb nicht Grundlage meiner Erörterung sein können. Konkret beutet dies; nur was im Koran tatsächlich erwähnt wird ist als richtig und wahr anzusehen, was dahingegen dem Koran widerspricht ist als unwahr zu bewerten. Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass alles, worüber der Koran nichts aussagt, im Bereich des Möglichen ist. Wie auch bei sehr vielen anderen Themen ist das Grundproblem, dass man zuerst die Gültigkeit dieser Vorgehensweise begreifen und akzeptieren muss.

Auf Grundlage dieser Vorgehensweise kann nun die eigentliche Grundfrage diskutiert werden: Gibt es im Koran eine klare Aussage über Sexualität im Paradies, falls ja, wie wird diese sein, und sind die berühmten 72 Jungfrauen im Paradies eine sexuelle Belohnung für Männer? Die Antwort auf diese Fragen kann eindeutig verneint werden. Genauso wie der Koran uns keine Details über jegliche Sexualität im Jenseits präsentiert, sagt er auch nichts über die Existenz jeglicher Sexualität im Jenseits. Daraus kann geschlossen werden, dass Sexualität im Paradies als solches im Bereich des Möglichen liegt. Ausgehend von solchen Versen im Koran, wonach die Bedürfnisse der Menschen im Jenseits befriedigt werden („31. Vers der 41. Sure Fuṣṣilat – ‚Detailliert‘ und 71. Vers der 43. Sure az Zuhruf – „Der Goldschmuck“) scheint es mir schlüssig, dass man auch über die Sexualität im Paradies reden kann. Dennoch, wenn man im Koran solche Verse berücksichtigt, sieht man, dass der Mensch im Jenseits in einer neuen Daseinsform erschaffen wird (siehe 61. Vers der 56. Sure al-Wāqiʿa – ‚Das unvermeidliche Ereignis‘).Aus diesem Grund müssen wir immer vor Augen halten, dass der Koran über das Jenseits und das Paradies in Allegorien spricht. Deshalb kann also auch gefragt werden, ob wir in dieser neuen Daseinsform überhaupt das Bedürfnis nach Sexualität haben werden, ganz unabhängig von der Tatsache, dass Sexualität im Paradies im Bereich des Möglichen liegt. Mein Gedanke kann wiederum durch den 17. Vers der 32. Sure as-Saǧda („Die Niederwerfung“) besser erklärt werden, wonach über die Eigenschaften sehr vieler Segnungen, die wir im Paradies erhalten werden, niemand etwas wissen kann.

Da der Koran uns sagt, dass niemand über die eigentlichen Eigenschaften der Gaben im Paradies was wissen kann, behilft er sich durch den Gebrauch von Vergleichen und Allegorien, um uns diese Gaben zu beschreiben. Der 7. Vers der 3. Sure Ali Imran verdeutlicht ganz genau die Bedeutung und Wichtigkeit der allegorischen Darstellung im Koran. Auf der anderen Seite lehrt uns der Koran, dass es im Jenseits sehr viel mehr Segnungen und Belohnungen geben wird (Vers 20 der 76. Sure al Insan – „Der Mensch“ spricht ja von einem „Königreich“ und Belohnungen). Aus diesem Grund kann der Koran uns nur einen Bruchteil der jenseitigen Belohnungen und nicht alle Details zeigen. Aus diesem Grund müssen wir immer vor Augen halten, dass der Koran über das Jenseits und das Paradies in Allegorien spricht und nur einige wenige „Einblicke“ gewährt. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die Aussagen des Korans über die Belohnungen im Paradies nicht das Gesamtbild wiedergeben, weil Vergleiche nie eine vollständige Wiedergabe sein können. Das bedeutet wiederum, dass der Koran uns nur einen kurzen Einblick, eine Kostprobe über diese Segnungen geben kann. Des Weiteren gibt es sehr viele andere Belohnungen im Paradies, über welche der Koran nichts sagt. Deshalb kann das, was im Koran erwähnt wurde, auch nur ein Bruchteil dessen sein, was uns im Paradies erwartet.

Kommen wir nun zu unserer Untersuchung der Verse über die Sexualität im Paradies und den berühmten 72 Jungfrauen im Paradies. Dafür muss man einige besonderen Punkte hinsichtlich dieser Koranverse berücksichtigen:

 

1. Sind die 72 Jungfrauen eine Belohnung, die Männer im Paradies erhalten?

Wie in anderen Sprachen auch ist das Subjekt im Arabischen, welches sowohl für gemischtgeschlechtliche als auch nur für männliche Gemeinschaften gebraucht wird, ein und dasselbe. So wird im Arabischen auch dieses geschlechtsneutrale Wort sowohl für diejenigen, die ins Paradies einziehen, als auch für die, die in die Höllen gehen werden, verwendet. So findet sich im Koran keine Stelle, wonach diese „Jungfrauen“ nur eine Belohnung für Männer sind oder dass jenseitige Belohnungen oder Strafen nur für Männer sind. Der Theologe und Koranexeget Mehmet Okuyan sagt an dieser Stelle:

 

 

„Spricht der Koran über ein nur Frauen betreffende Angelegenheit, wendet er nur weibliche Pronomen an. Ist das Thema aber „geschlechtsneutral“ und wird zusätzlich in dem Satz zwischen Männern und Frauen unterschieden, dann wird meist nur ein Geschlecht benutzt und dies ist dann meist das männliche Geschlecht.“

 

Hier muss besonders beachtet werden, dass der arabische Begriff für die 72 Jungfrauen, Huri, auf kein weibliches oder männliches Geschlecht hinweist. Dieses Wort bedeutet ungefähr „so weiß wie das Weiße im Auge, sauber, schön“. Im Koran wird darauf hingewiesen, dass die Huris mit den Menschen „gepaart“ (zawwadschnahum) werden (siehe den 54. Vers der 44. Sure ad-Duḫān ‚Der Rauch‘, sowie den 20. Vers der 52. Sure aṭ-Ṭūr -‚Der Berg‘). Aber es findet sich kein Hinweis darauf, dass diese Paarung sexueller Natur sein wird. Schließlich wird im Koran für die Paarung der Wünsche (siehe den 7. Vers der 81. Sure at-Takwīr – ‚Das Zusammenklappende), sowie für die gruppenweise Vereinigung der Menschen im Paradies (siehe den 7. Vers der 56. Sure al-Wāqiʿa – ‚Das unvermeidliche Ereignis‘) das gleiche Wort zawdsch benutzt. Doch es kann aus diesem Wort, was so viel wie Paarung oder eine Gruppe werden bedeutet, kaum etwas Sexuelles abgeleitet werden. Doch wieso versuchen wir dann aus dem Kontakt eines nicht näher beschriebenen Wesens mit einem Menschen etwas unbedingt Sexuelles für Männer herauszulesen, insbesondere dann, wenn das Geschlecht des Wortes selbst nicht weiblich ist? Ist dann die Annahme falsch, dass solch eine Koraninterpretation das Resultat einer phallogozentrischen und arabisch-ethnozentrischen Interpretation ist? Dies wird erst dann deutlich wenn man berücksichtigt, dass die Gaben und Segnungen im Paradies von Gott sowohl den Männern als auch den Frauen als Belohnung für ihre Taten im Diesseits dienen. Wenn man bedenkt, dass die im Koran erwähnten Huri im Paradies Aufgaben haben könnten wie Freunde, Diener oder Führer zu sein für die ins Paradies eingetretenen Menschen, fragt man sich, wieso viele noch darauf beharren, dass sie sexuelle Gespielinnen seien? Es wäre doch besser die Frage, worin der Sinn der Huris liegt, dahingehend zu beantworten, dass man es nicht weiß, insbesondere wenn in dem einen Ausschnitt des Koran über die Huri nichts Konkretes über deren Sinn berichtet wird.

Wenn Gott eindeutig darauf hinweisen wollte, dass die berühmten 72 „Jungfrauen“ ein Geschlecht hätten, hätte Er im Koran den Begriff „lamase“ für Sexualität benutzt. Da aber solch ein klarer Hinweis fehlt, müssen wir die Betrachtung ablehnen, dass das Paradies nur ein Ort sei, der die Bedürfnisse der Männer befriedigt. Besonders dann, wenn solch ein Gedanke auch dem Wesen des Korans und seiner Verse widerspricht, wonach das Paradies die Belohnungen für die Taten der Menschen – nicht nur für die Männer oder nur für die Frauen – im Diesseits ist. Wir müssen bereit sein uns einzugestehen, dass wir über Angelegenheiten, über die der Koran keine Details preisgibt, auch nichts sagen können. Auch wenn die Huri eventuell die Funktion der sexuellen Befriedigung erfüllen, kann dies nicht klar aus den Versen des Korans abgeleitet werden.

 

2. Wird im Koran über Jungfrauen im Paradies berichtet?

Meist verweisen einige Interpreten des Korans darauf, dass im Koran auf Jungfräulichkeit hingewiesen wird und dass dies somit auch ein Hinweis für die Existenz von Sexualität im Paradies ist. Drei Koranverse werden meist angeführt, um dieses Argument zu untermauern: der 56. und 74. Vers der 55. Sure al-Rahman (‚Der Gnädige‘) und der 36. Vers der 56 Sure al-Wāqiʿa (‚Das unvermeidliche Ereignis‘).

Nun wollen wir uns mal mit diesen drei Versen etwas näher auseinandersetzen:

Im 56. und 74. Vers der 55. Sure al-Rahman (‚Der Gnädigste‘) können wir lesen, dass weder Menschen noch Djinn sie (also die Huris) berührt haben oder dass irgendjemand anderes Kontakt mit ihnen hatte [lam yatmishunne insun qablehum ve la caan]. Doch an keiner Stelle wird im Koran der Begriff „berühren, kontakt haben“ („yatmishunne“) für den sexuellen Akt oder eine sexuelle Beziehung benutzt. Für sexuelle Beziehungen werden meist die Verben

– lamese (6. Vers, 5. Sure al-Māʾida – ‚Der Tisch‘),
– eta (222. Vers der 2. Sure al-Baqara – ‚Die Kuh‘),
– messe (236. und 237. Vers der 2. Sure al-Baqara – ‚Die Kuh‘) und
– bashera (187. Vers der 2. Sure al-Baqara – ‚Die Kuh‘) benutzt.

Ist es demzufolge nicht angemessener, dass Wort yatmishunne im 56. und 74. Vers der 55. Sure im Koran al-Rahman (‚Der Gnädige‘) wirklich nur als „noch nie zuvor von jemanden besessen, noch nie zuvor von jemanden berührt“ zu übersetzen? Es ist ganz offensichtlich, dass es hier keinen Bezug auf eine Sexualität gibt. Wenn man diese Verse nun dahingehend deuten würde, dass „weder Menschen noch Djinn die Jungfräulichkeit der Huris zuvor genommen haben“, entstünde ein merkwürdiges Gedankengebilde, wonach Menschen und Djinn mit demselben Wesen Geschlechtsverkehr haben könnten.

Auf der anderen Seiten übersetzen viele den arabischen Wortlaut des 36. Verses der 56. Sure al-Wāqiʿa (‚Das unvermeidliche Ereignis‘) „ve dscha’alna hunne ebkaran“ als „und sie zu Jungfrauen gemacht“, obwohl im besagten Vers das Wort Huri gar nicht vorkommt. Dahingegen wird in derselben Sure ab Versnr. 27 über die vielen Segnungen des Paradieses berichtet, welche die Rechtschaffenen sehen und erfahren werden. Insbesondere wird im 34. Vers über „hohe, feine Liegen“ gesprochen. Im 35. Vers wird davon berichtet, dass „…sie in herrlicher Schöpfung gestaltet“ wurden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll „ve dscha’alna hunne ebkaran“ im nachfolgenden Vers mit „die, welche von noch niemand anderem benutzt wurden“ zu übersetzen. Doch man kann nicht nach dem Wort „die“ mit Jungfrauen oder Huri übersetzen, weil dieser Begriff in den beiden nachfolgenden Versen auftaucht. Deshalb ist es etymologisch sinnvoller „die“, als „hohe, feine Liegen“ zu übersetzen, weil dieser am nächsten zu Vers 36 steht und somit auch den Kontext von Vers 36 bestimmt. Genauso wird meist der nachfolgende 37. Vers „uruben etraba“ mit „heiß liebend und gleichaltrig“ in Bezug auf die angeblichen Jungfrauen übersetzt. Auch dies ist etymologisch fragwürdig, da auch bei diesen Übersetzungen der Kontext aus den vorherigen Versen vernachlässigt wird. Hier wäre es besser uruben mit „makellos“ und etraba als „passend“ zu übersetzen, bezogen auf die „hohen feinen Liegen“ oder Betten in Vers 36. Siehe auch: Huris mit schwellenden Brüsten?

 

3. Kann man aus der Tatsache, dass die Huri im Koran als Perlen bezeichnet werden, eine sexuelle Bedeutung herleiten?

Die Huri werden im Koran wie zum Beispiel im 23. Vers der 56. Sure al-Wāqiʿa (‚Das unvermeidliche Ereignis‘) als Perlen bezeichnet. Dies hat wiederum einige Korankommentatoren dazu verleitet daraus eine sexuelle Bedeutung herauszulesen. Dahingegen werden im Koran Kinder welche im Paradies leben (wildan) auch als Perlen bezeichnet (19. Vers der 76 Sure al-Insan – ‚der Mensch‘). So kann aus dem 75., 98. und 127. Vers der 4. Sure an-Nisāʾ (Die Frauen), sowie dem 17. Vers der 73. Sure al-Muzammil (Der in Gewänder gekleidete) ganz klar gesehen werden, dass der Koran das Wort wildan für Kinder gebraucht. Aber nur weil Kinder im Koran ebenfalls als Perlen bezeichnet werden, ist es abwegig abzuleiten, dass der Koran von einer sexuellen Beziehung mit Kindern ausginge oder guthieße. Ebenso werden im Koran im 24. Vers der 52. Sure al Tur (Der Berg) junge Männer (gilman) ebenfalls mit Perlen verglichen. Auch hier ist es in diesem Kontext nicht möglich einen sexuellen Sachverhalt abzuleiten.

Also ist die Frage gerechtfertigt, auf welcher Grundlage einige Korankommentatoren irgendeine Form der Sexualität bei den Huri ableiten, nur weil diese mit Perlen verglichen werden? Auf ähnliche Weise kann man die Vergleiche der Huris als „Smaragde“ und „Korallen“ im 58. Vers der 55. Sure al-Rahman (Der Gnädigste) bewerten. Sprich, in keinster Weise bedeuten die Vergleiche von den Huri mit irgendwelchen Edelsteinen im Koran, dass man daraus auf gewisse sexuelle Attribute der Huri ableiten könnte.

 

4. Berichtet der Koran über „Mädchen mit schwellenden Brüsten“ die auf uns im Paradies warten?

Der Ausdruck „kevaibe etrabe“ im 33. Vers der 78. Sure an-Nabaʾ (Das Ankündigung) wurde in vielen Koranübersetzungen als „Mädchen mit schwellenden Brüsten“ übersetzt, wobei manche sogar diesen Begriff zusätzlich noch als „Schönheiten“ übersetzt haben. Wie schon oben angesprochen bedeutet das Wort etraben unter anderem auch „passend“. Auf der anderen Seite wird von vielen das Wort kevaibe als „Schönheiten/Mädchen mit schwellenden Brüsten“ übersetzt. Nur kann man aus etymologischer Sicht in diesem Vers weder was über „Schönheiten/Mädchen“ noch über „schwellende Brüste“ lesen. Zunächst einmal ist sowohl das Wort kevaibe als auch etrab geschlechtsneutral, d.h. aus diesen Wörtern kann keine weibliche Form abgeleitet werden. Nach Mehmet Okuyan ist für kevaibe „wertvoll“ eine bessere Übersetzung als ‚Schönheit‘. Denn im vorherigen 32. Vers derselben Sure wird über die Gärten und Weinstöcke im Speziellen und über die Segnungen des Paradieses im Allgemeinen gesprochen. In diesem Kontext bedeutet das Wort kevaibe, dass diese Gärten und Weinstöcke „wertvoll“ und „passend für den Gebrauch“ durch die Menschen sind. Auf der anderen Seite ist es nicht möglich, das Wort kevaibe in diesem Vers mit Jugend, d.h. mit jungen Mädchen, gleichzusetzen. Zunächst einmal ist „das Sprießen eines Bartflaums“ bei Männern ähnlich wie die „schwellenden Brüste von Mädchen“ ein Merkmal der Jugend. Dennoch verursacht eine Übersetzung des Wortes mit „Männer mit einem Bartflaum“ keine sexuelle Assoziation, wobei umgekehrt die Übersetzung „Mädchen mit schwellenden Brüsten“ eine ganz klare sexuelle Andeutung ist. (Solche Übersetzungen verweisen auf eine eindeutig geschlechtsstereotypische Übersetzung hin, was von vielen Atheisten und Islamgegnern aus dem Kontext gerissen und missbraucht wird.)

Deshalb finde ich es mehr als angebracht das geschlechtsneutrale Wort kevaibe in diesem Vers nicht als „junges Mädchen“, sondern als „wertvoll“ zu übersetzen. Auf jeden Fall kann das Wort nicht mit „gleichaltrigen Mädchen“ übersetzt werden und keine sexuelle Bedeutung erlangen, weil es dann auf rationaler Ebene nicht denselben vorherigen oder nachfolgenden semantischen Kontext dieses Verses teilt.

 

Fazit zu den „72 Jungfrauen“

Schlussfolgernd kann gesagt werden, das es im Koran keinen eindeutigen Hinweis über die Existenz von irgendeiner Sexualität im Paradies gibt. Ebenso weist im Koran nichts darauf hin, dass die Huri sexuelle Gespielinnen von Männern im Paradies sein werden. In diesem Artikel wurde nicht auf fabrizierte Ahadith eingegangen, wonach der, „der am meisten Gott preist, ihm im Paradies die meisten Huri geschenkt werden.“ Wer sich darüber informieren möchte, wie sich der Mythos über die angeblichen 72 Jungfrauen im Paradies entwickelt hat, sollte diese von uns als falsch betrachtete Ahadith mal näher unter die Lupe nehmen.

Es scheint mir sehr menschlich, dass der Mensch auch ein Verlangen nach sexueller Befriedung begehrt, wenn der Koran über Segnungen im Paradies berichtet (siehe den 31. Vers der 41. Sure Fuṣṣilat – ‚Detailliert‘, den 71. Vers der 43. Sure as Zuhruf – ‚Der Goldschmuck‘ und den 20. Vers der 76. Sure al-Insan ‚Der Mensch). Nichtsdestotrotz sollten wir generell die Bereitschaft zeigen, über Themen, von denen wir nichts wissen, keine eindeutigen Behauptungen aufzustellen. Insbesondere bei Themen über das Jenseits, wie sie z.B. im 17. Vers der 32. Sure as-Saǧda (Die Niederwerfung) berichtet werden, sollten wir immer vor Augen halten, dass uns berichtet wird, dass niemand die vollen Segnungen kennen kann, die uns im Paradies erwarten werden. Auch dürfen wir niemals den 72. Vers der 9. Sure at-Tauba (Die Reue) vergessen, der uns darauf hinweist, dass das „Wohlgefallen Allahs‘ wichtiger ist als alle Segnungen im Paradies.

PS: Ich danke Mehmet Okuyan, auf den ich mich beim Schreiben dieses Artikels stützte.

Ma Malakat Aymanukum

26:58 Und die, welche keinen anderen Gott außer Allah anrufen und niemanden töten, dessen Leben Allah unverletzlich gemacht hat – es sei denn, (sie töten) dem Recht nach -, und keine Unzucht begehen: und wer das aber tut, der soll dafür zu büßen haben.

24:2 Bestraft die Unzüchtige und den Unzüchtigen gegebenenfalls jeweils mit hundert Hieben; und lasst euch angesichts dieser Vorschrift Allahs nicht von Mitleid mit den beiden ergreifen, wenn ihr an Allah und an den Jüngsten Tag glaubt. Und eine Anzahl der Gläubigen soll ihrer Pein beiwohnen.

24.3. Ein Unzüchtiger darf nur eine Unzüchtige oder eine Götzendienerin heiraten, und eine Unzüchtige darf nur einen Unzüchtigen oder einen Götzendiener heiraten; den Gläubigen aber ist das verwehrt.

17:32 Und kommt der Unzucht nicht nahe; seht, das ist eine Schändlichkeit und ein übler Weg.

24:30 Sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist dessen, was sie tun, recht wohl kundig.

4:15 Und wenn einige eurer Frauen eine Hurerei begehen, dann ruft vier von euch als Zeugen gegen sie auf; bezeugen sie es, dann schließt sie in die Häuser ein, bis der Tod sie ereilt oder Allah ihnen einen Ausweg gibt.

4:16 Und wenn zwei von euch (Männern) es begehen, dann fügt ihnen Übel zu. Wenn sie (aber) umkehren und sich bessern, dann lasst ab von ihnen; denn Allah ist Gnädig und Barmherzig.

5:5 Und ehrbare gläubige Frauen und ehrbare Frauen unter den Leuten, denen vor euch die Schrift gegeben wurde, wenn ihr ihnen die Brautgabe gebt, und nur für eine Ehe und nicht für Unzucht und heimliche Liebschaften. Und wer den Glauben verleugnet, dessen Tat ist ohne Zweifel zunichte geworden; und im Jenseits wird er unter den Verlierern sein.

Einer der am meisten missbrauchten Begriffe des Koran ist der Ausdruck „Ma Malakat Aymanukum“, was wortwörtlich übersetzt „Was eure rechte Hand besitzt“ bedeutet. Viele traditionelle Muslime haben dies missbraucht. Sie folgten dabei korrupten Gelehrten, die eigene Gesetze fabriziert hatten, die keinerlei Basis im wahren Islam (Unterwerfung) haben und im Widerspruch zu den göttlichen Gesetzen des Koran stehen.

Wenn wir die Verse, die sich mit „Ma Malakat Aymunukum“ (MMA) befassen, so können wir eine Antwort in dieser heiklen Angelegenheit erhalten.

Wir erhalten über unsere Internetseite submission.org häufig Anfragen, bezüglich MMA und ob es statthaft sei, mit ihnen sexuelle Beziehungen einzugehen oder nicht. Andere Besucher sprechen davon, dass solche sexuellen Verbindungen ihr Recht seien. Dieser Artikel wird sich mit dieser Fragestellung unter Bezugnahme auf den Koran befassen. Er wird definieren, was mit MMA gemeint ist, die Beziehungsart zu ihnen und wer für sie verantwortlich ist erläutern.

MMA umfasst fünf Kategorien von Menschen. Dabei kann es sich um Männer, Frauen, Jungen oder Mädchen handeln. Dieser Ausdruck hat je nach Kontext der entsprechenden Verse unterschiedliche Bedeutungen, obwohl allesamt unter die gleiche Rubrik fallen: Personen, die von einem in Bezug auf Lebensunterhalt, Sicherheit und Wohlbefinden abhängig sind. Der Koran lehrt zweifelsohne, dass MMA Teil unserer Familien sind und mit Respekt behandelt werden sollen und sie nicht ihrer Rechte als Menschen beraubt werden dürfen. Lediglich in zwei der fünf Bedeutungsebenen von MMA ist es erlaubt mit diesen sexuelle Bindungen einzugehen, jedoch erst, nachdem der Bund der Ehe geschlossen wurde. Unter keinerlei Umständen gestattet Gott im Koran sexuelle Beziehungen zu MMA, so lange es sich dabei nicht um eine eheliche Verbindung handelt. Selbst im Krieg fallen alle gefangenen Frauen (und Männer) unter den Schutz von MMA und können nicht als Sexobjekte betrachtet werden. Sie sollten mit Respekt behandelt werden, es sollte um ihre Hand angehalten werden und sie sollen ihre rechtmäßige Mitgift erhalten. Vergewaltigung von Frauen ist in Kriegszeiten ebenso ein Verbrechen, wie es dies in Friedenszeiten ist. Gerechtigkeit ist ein fest gefügter moralischer Wert, der am besten mit den Worten Gottes im Koran umgesetzt wird und nicht durch die Frage nach Krieg oder Frieden.

Das Folgende ist eine Beschreibung dieser Kategorien von MMA im Koran, die Verse, die sie erwähnen und die erwarteten Beziehungen:

 

1. Ma Malakat Aymunukum – was ihr bereits besitzt

Die erste Kategorie von MMA bezieht sich auf eine Gruppe von Frauen, die bereits mit ihren Ehemännern verheiratet sind, selbst wenn diese Ehe nicht nach koranischen Prinzipien erfolgt ist, weil sie vor der Offenbarung des Koran geschlossen wurde oder vor der Konversion zum Islam. Dies kann aus Sure 3 Vers 4 abgeleitet werden.

In diesem Falle, wenn man eine Frau oder auch Frauen – selbst wenn sie nach der Offenbarung des Koran zu einer verbotenen Kategorie gehörte, darf man mit ihnen verheiratet bleiben. Man muss sich nicht scheiden lassen, denn Gott wird keine anerkannte Ehe brechen. Diese Kategorie von MMA ist diesen Menschen erlaubt und gehören zu dem, was man bereits besitzt. Da es sich um verheiratete Paare handelt, sind sexuelle Beziehungen erlaubt.

[4:3] If you deem it best for the orphans, you may marry their mothers – you may marry two, three, or four. If you fear lest you become unfair, then you shall be content with only one, or with what you already have (Ma Malakat Aymanukum). Additionally, you are thus more likely to avoid financial hardship.

[33:50] O prophet, we made lawful for you your wives to whom you have paid their due dowry, or what you already have (Ma Malakat Yameenek) , as granted to you by GOD. Also lawful for you in marriage are the daughters of your father’s brothers, the daughters of your father’s sisters, the daughters of your mother’s brothers, the daughters of your mother’s sisters, who have emigrated with you. Also, if a believing woman gave herself to the prophet – by forfeiting the dowry – the prophet may marry her without a dowry, if he so wishes. However, her forfeiting of the dowry applies only to the prophet, and not to the other believers. We have already decreed their rights in regard to their spouses or what they already have (Ma Malakat Aymanuhum). This is to spare you any embarrassment. GOD is Forgiver, Most Merciful.

[33:52] Beyond the categories described to you, you are enjoined from marrying any other women, nor can you substitute a new wife (from the prohibited categories), no matter how much you admire their beauty. You must be content with those already made lawful to you (Ma Malakat Yameenek). GOD is watchful over all things.1

 

2. Ma Malakat Aymanukum = was euch rechtmäßig gehört

Dies ist die zweite Kategorie von MMA, was einem rechtmäßig gehört. In dieser Kategorie sind sexuelle Beziehungen statthaft. Wir müssen beim Verständnis bei Gottes Gesetz im Koran sehr vorsichtig sein. Gott benutzt bei der Genehmigung von Sex zwischen Männern und ihrer MMA bewusst das Wort ODER. Es ist ENTWEDER die Ehefrau ODER die MMA. Gott hat nicht UND benutzt (Ehefrauen UND MMA). Gott wählt seine Worte ganz bewusst bei der Darstellungen seiner Gesetze und hinterlässt somit bei seinen Dienern keinerlei Zweifel. In dieser Kategorie von dem, was einem rechtmäßig zusteht geht es um eine Situation, in der das Ehepaar die Ehe nicht bei den zuständigen Behörden hat eintragen lassen. Die Common-Law-Ehe in den USA stellt einen solchen Fall dar. Mann und Frau entschließen sich vor Gott eine Ehe zu führen, lassen diese aber nicht registrieren. Es kann sich aber auch um Fälle handeln, die in der ersten Kategorie beschrieben wurden, bei denen MMA durch Gottes Erlaubnis rechtmäßig geworden sind.

Kurzfristige Vereinbarungen zwischen Mann und Frau um eine gewisse Zeit lang Sex zu haben gehören nicht in diese Kategorie. Derlei ist Prostitution, was Gott verboten hat. Bei diesen Vereinbarungen wird die Frau um ihre Rechte betrogen und der Mann von all seinen Verpflichtungen gegenüber seiner geschiedenen Ehefrau entbunden. Ein Beispiel für solch eine Vereinbarung ist das, was manche gelehrte Muta nennen. Sie erklären derlei für erlaubt, obwohl es gegen alle koranischen Gesetze zur Heirat und zum Aufbau einer Familie steht.

[70:30] (They have relations) only with their spouses, or what is legally theirs – (Ma Malakat Aymanuhum)

[23:6] Only with their spouses, or those who are rightfully theirs (Ma Malakat Aymanhum), do they have sexual relations; they are not to be blamed.

 

3. Ma Malakat Aymanukum = Sklaven, falls vorhanden

Da Sklaven vollkommen von ihrem Besitzer abhängig sind, fallen sie unter die MMA. Obwohl der Koran anordnet, Sklaven in allem möglichen Fällen zu befreien, ist dieses Gesetz im Koran verankert, um diejenigen zu schützen, die zur Zeit der Offenbarung des Koran versklavt waren oder aber in Zukunft Sklaven geworden sein könnten. Einige der Besucher unserer Internetseite sprechen von ihren Bediensteten so, als ob sie Sklaven seien, da sie vollkommen von ihnen abhängig seien. Sklaven und Bedienstete sind geschützt und unter keinen Umständen außerhalb der Ehe als Sexualpartner vorgesehen.

[4:25] Those among you who cannot afford to marry free believing women, may marry believing slave women (Ma Malakat Aymanukum). GOD knows best about your belief, and you are equal to one another, as far as belief is concerned. You shall obtain permission from their guardians before you marry them, and pay them their due dowry equitably. They shall maintain moral behavior, by not committing adultery, or having secret lovers. Once they are freed through marriage, if they commit adultery, their punishment shall be half of that for the free women. Marrying a slave shall be a last resort for those unable to wait. To be patient is better for you. GOD is Forgiver, Most Merciful.

In diesem Vers verdeutlicht Gott den Status der MMA als ehrenvolle Frauen, die gläubige Männer heiraten können, nachdem sie die Erlaubnis ihres Vormundes eingeholt haben. Wenn diese Frauen Sexualpartner ihres Vormundes wären, wie könnte Gott sie dann mit gläubigen Männern heiraten lassen? Gott fordert sie auf ihr moralisches Verhalten AUFRECHT ZU ERHALTEN, indem sie keinen Ehebruch begehen oder heimliche Liebhaber haben. Dieser Vers sagt deutlich, dass diese Sklaven (MMA) keine Sexualpartner ihres Vormundes sind.

[24:33] Those who cannot afford to get married shall maintain morality until GOD provides for them from His grace. Those among your servants (Ma Malakat Aymanukum) who wish to be freed in order to marry, you shall grant them their wish, once you realize that they are honest. And give them from GOD’s money that He has bestowed upon you. You shall not force your girls to commit prostitution, seeking the materials of this world, if they wish to be chaste. If anyone forces them, then GOD, seeing that they are forced, is Forgiver, Merciful.

In diesem Vers sind zwei wichtige Lehren zu finden: Sklaven (Diener) müssen freigelassen werden, wenn man sie heiraten will und man darf die Mädchen nicht zu Prostitution zwingen. Laut diesem Vers können MMA (Diener, Sklaven) befreit werden, um zu heiraten. Sie sollen sogar Geld dafür erhalten. Wären sie Sexualpartner ihrer Eigentümer oder ihres Vormundes, so könnten sie nicht jederzeit heiraten. Sie zu Sex zu zwingen wäre Prostitution oder Vergewaltung.

 

4. Ma Malakat Aymanukum = Bedienstete

Da unsere Bediensteten von uns abhängig sind, sind wir verpflichtet für ihr Wohlergehen zu sorgen. Sehen sie sich die folgenden Verse an:

[24:31] And tell the believing women to subdue their eyes, and maintain their chastity. They shall not reveal any parts of their bodies, except that which is necessary. They shall cover their chests, and shall not relax this code in the presence of other than their husbands, their fathers, the fathers of their husbands, their sons, the sons of their husbands, their brothers, the sons of their brothers, the sons of their sisters, other women, the male servants (Ma Malakat Aymanuhunna) or employees whose sexual drive has been nullified, or the children who have not reached puberty. They shall not strike their feet when they walk in order to shake and reveal certain details of their bodies. All of you shall repent to GOD, O you believers, that you may succeed.

In diesem Vers liegt eine gewichtige Lehre. Gott zeigt uns, dass die gläubigen Frauen dieselbe Kategorie (MMA) besitzen können, wie Männer. Es ist zu beachten, dass der Vers damit beginnt, dass die Frauen ihre Keuschheit wahren sollen.

Die männlichen Gelehrten, die es einem Mann gestatten Sex mit seiner MMA zu haben würden es keiner Frau gestatten, dies mit ihrem MMA zu tun. Diese Gelehrten erfinden Gesetze, die den Männern dienen und die Frauen benachteiligen. Solche Erfindungen finden keine Basis in Gottes Gesetz. Dieses Gesetz gilt allen Geschlechtern, ohne diese zu diskriminieren. Gott hat außerhalb der Ehe sexuelle Beziehungen mit MMA verboten. Dies gilt für Männer und Frauen.

[33:55] The women may relax (their dress code) around their fathers, their sons, their brothers, the sons of their brothers, the sons of their sisters, the other women, and their (female) servants (Ma Malakat Aymanuhunna). They shall reverence GOD. GOD witnesses all things.

[24:58] O you who believe, permission must be requested by your servants (Ma Malakat Aymanukum) and the children who have not attained puberty (before entering your rooms). This is to be done in three instances – before the Dawn Prayer, at noon when you change your clothes to rest, and after the Night Prayer. These are three private times for you. At other times, it is not wrong for you or them to mingle with one another. GOD thus clarifies the revelations for you. GOD is Omniscient, Most Wise.

Diese Verse machen klar, dass ein MMA (Diener) nicht dieselben Rechte hat, wie eine Ehefrau, nämlich nach eigenem Willen das Schlafgemach zu betreten. Würden diese MMA als Sexualpartner gelten, so gäbe es keinen Grund ihnen dies zu verbieten.

[4:36] You shall worship GOD alone – do not associate anything with Him. You shall regard the parents, the relatives, the orphans, the poor, the related neighbor, the unrelated neighbor, the close associate, the traveling alien, and your servants (Ma Malakat Aymanukum). GOD does not like the arrogant show-offs.

[16:71] GOD has provided for some of you more than others. Those who are given plenty would never give their properties to their subordinates (Ma Malakat Aymanukum) to the extent of making them partners. Would they give up GOD’s blessings?

[30:28] He cites for you herein an example from among yourselves: Do you ever elevate your servants or subordinates (Ma Malakat Aymanukum) to the level where they rival you, and to the point that you pay them as much allegiance as is being paid to you? We thus explain the revelations for people who understand.

 

5. Ma Malakat Aymanukum = Spezielle Kategorie

Frauen, die ihre ungläubigen Ehemänner während eines Krieges verlassen haben und zu den Gläubigen gestoßen sind.

Diese Gruppe ist laut Koran ebenfalls geschützt und nicht als Sexsklave vorgesehen. Sie müssen wie jede andere freie Frau behandelt werden. Es muss um ihre Hand angehalten werden und sie erhalten denselben Respekt und die Mitgift, die jede legale Ehe erfordert. Dies wird in 60:10 klargestellt.

[4:24] Also prohibited are the women who are already married, unless they flee their disbelieving husbands who are at war with you (Ma Malakat Aymanukum). These are GOD’s commandments to you. All other categories are permitted for you in marriage, so long as you pay them their due dowries. You shall maintain your morality, by not committing adultery. Thus, whoever you like among them, you shall pay them the dowry decreed for them. You commit no error by mutually agreeing to any adjustments to the dowry. GOD is Omniscient, Most Wise.

[60:10] O you who believe, when believing women (abandon the enemy and) ask for asylum with you, you shall test them. GOD is fully aware of their belief. Once you establish that they are believers, you shall not return them to the disbelievers. They are not lawful to remain married to them, nor shall the disbelievers be allowed to marry them. Give back the dowries that the disbelievers have paid. You commit no error by marrying them, so long as you pay them their due dowries. Do not keep disbelieving wives (if they wish to join the enemy). You may ask them for the dowry you had paid, and they may ask for what they paid. This is GOD’s rule; He rules among you. GOD is Omniscient, Most Wise.

Gottes Worte sind klar. Wir, als Untergebene unseres Schöpfers haben keine andere Wahl, als sich seinem Gesetz zu unterwerfen. Jede Person, die sich nicht an dieses Gesetz hält, praktiziert etwas anderes als Islam (Ergebung) und kann nicht als Muslim (Ergebener) bezeichnet werden. Wer sich nicht dem Gesetz Gottes unterwirft ist ein Gegner und kein Ergebener.

[24:51] The only utterance of the believers, whenever invited to GOD and His messenger to judge in their affairs, is to say, „We hear and we obey.“ These are the winners.

[5:7] Remember GOD’s blessing upon you, and His covenant that He covenanted with you: you said, „We hear and we obey.“ You shall observe GOD; GOD is fully aware of the innermost thoughts.

[2:285] The messenger has believed in what was sent down to him from his Lord, and so did the believers. They believe in GOD, His angels, His scripture, and His messengers: „We make no distinction among any of His messengers.“ They say, „We hear, and we obey. Forgive us, our Lord. To You is the ultimate destiny.“


übersetzt von Andreas Heisig

1 Die Übersetzung wurde nicht übersetzt, da es im Deutschen keinen adäquaten Vergleich zur vom Autor benutzten Übersetzung durch R. Khalifa gibt.

Ehe und Sexualität in der Ergebung (Islam)

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verstoßenen Teufel,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

In diesem Artikel werden einige Fragen zum Thema Sexualität behandelt: Masturbation, Pornographie, Sex und Ehe und Homosexualität.

Darf sich ein Muslim selbst befriedigen?

Masturbation ist eine im Koran nicht erwähnte Angelegenheit, deshalb unserem eigenen Ermessen überlassen. Die Frage kann also mit ruhigem Gewissen „ja“ beantwortet werden. Masturbation ist eine natürliche Angelegenheit und dient in vielerlei Hinsicht auch für unser Wohlbefinden. Masturbation ist ein unseren biologischen Veranlagungen entsprechendes Bedürfnis.

Auf jeden Fall ist es aber nicht gesund für die Psyche, wenn wir das Masturbieren als eine teuflische Sache ansehen. Es geht um den positiven, richtigen und gesunden Umgang damit. Nicht um ein „sollen“, sondern um ein selbstverständliches „dürfen“, die eigene Privatsphäre wahrend. Wichtig ist, dass man mit der Masturbation nicht übertreibt, sie nicht zu einer Sucht werden lässt, und damit nicht Unerlaubtes verknüpft, wie etwa pornographischen Inhalt zu schauen. Damit kommen wir schon zum nächsten Punkt:

Darf man Videos mit pornographischem Inhalt ansehen?

Pornographische Inhalte widersprechen der Philosophie des Koran und verletzen auch die Privatsphäre der Frauen und Männer, die in den Videos auftreten. Im Koran gibt es klare Anweisungen darüber, wer die Schambereiche eines Menschen sehen darf und wer nicht. Es ist nicht erlaubt, sich vor Fremden zu entblößen.

24:30 Sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke senken und ihren Schambereich hüten sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Gott ist dessen, was sie tun, kundig.
24:31 Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihren Schambereich hüten und ihre Zierde nicht zur Schau tragen sollen, mit Ausnahme dessen, was sonst sichtbar ist. Sie sollen ihre Tücher über ihre Brüste legen und ihren Zierde nicht offen zeigen, es sei denn ihren Ehegatten, ihren Vätern, den Vätern ihrer Ehegatten, ihren Söhnen, den Söhnen ihrer Ehegatten, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und den Söhnen ihrer Schwestern, ihren Frauen, denen, die ihre rechte Hand besitzt, den männlichen Gefolgsleuten, die keinen Trieb mehr haben, und den Kindern gegenüber, die die Blöße der Frauen nicht beachten. Sie sollen ihre Füße nicht aneinanderschlagen, damit man gewahr wird, was für einen Schmuck sie verborgen tragen. Bekehrt euch allesamt zu Gott, ihr Gläubigen, auf dass es euch wohl ergehe.

Die Gottergebenen sind verpflichtet sich nicht gegenseitig in Gier und Lust anzuschauen. Pornographie ist etwas Obszönes, etwas, was dem Gehirn falsche Eindrücke vermittelt und das Bild der Sexualität verzerrt. Studien belegen, dass Pornographie psychische Probleme und Komplexe bis hin zur Sucht verursachen kann. Zudem widerspricht es aus Sicht der Pornodarsteller dem Gebot, kein Sex außerhalb der Ehe auszuüben und monogam zu leben.

Es gibt ehemalige Pornodarstellerinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, gegen Pornographie einzutreten. Siehe zum Beispiel: http://www.shelleylubben.com/ (Englisch)

Ehe und Sexualität

Grundlagen

Der Sex außerhalb einer ehelichen Verbindung ist definitiv verboten und wird als Zina (Unzucht) gekennzeichnet. Da man sich diesem außerhalb einer Ehe nicht nähern darf, sind auch alle ähnlichen Handlungen miteingeschlossen, wie z. B. Petting oder ähnliches (23:5-7, 17:32). Sex während der Menstruation wird ebenso aus Gründen der Hygiene verboten (2:222). Um keine Unzucht zu begehen, wird die Ehe ermutigt (24:32-33). Jene, die zur Ehe nicht erlaubt sind, werden in folgenden Versen näher erläutert: 2:221, 2:235, 60:10, 4:22-24, 24:3. Das Heiratsalter geht einher mit der geistigen Reife sein Leben selbst zu regeln (4:6) und dem Wissen, was das eheliche Leben ausmacht (4:34, 3:195). Eine etwaige Adoption während der Ehe wäre möglich (33:4-5). Es ist dem Mann auferlegt, vor der Eheschließung eine Brautgabe oder Morgengabe (60:10, 4:24, 4:4) zu zahlen. Es braucht einen weiteren Zeugen, der den Ehebund bezeugt (2:237). Die Höhe dieser wird im Koran nicht festgelegt, um den zeitlichen und kulturellen Schwankungen Raum zu geben. Auf jeden Fall soll es eine ernste Angelegenheit sein. Der Mann muss zusätzlich zur Grundversorgung der Familie auch für die Entschädigung der Stillung aufkommen (2:233). Mit dem Eingehen einer Ehe gelten automatisch auch die Erbrechte (4:7-8, 4:11). In besonderen Fällen wie im Kriegszustand könnte Polygamie angemessen sein, jedoch ist ganz klar Monogamie die Eheform, die Gott für uns als Prinzip vorgesehen hat (4:4, 4:129). Bei einem Streit der Ehepartner gibt der Koran ebenfalls detaillierte Schilderungen, wie vorzugehen ist (4:19, 4:34, 4:128, 65:1, 4:130). Die Scheidung wird in den folgenden Versen angeschnitten, angedeutet oder auch ausführlich behandelt: 4:19-21, 4:35, 65:6, 2:241, 2:236-237, 65:1-4, 2:225-233, 33:49. Selbst zur Situation einer Witwe gibt es Anordnungen: 2:240-241, 2:234-235.

Wie also zu sehen ist, enthält der Koran zahlreiche und detaillierte Informationen, um eine Ehe klar festzulegen und um ihren Bedeutungsrahmen zu vermitteln. Wir sollten uns davor hüten, unsere eigene Kultur oder unser eigenes Verständnis der Worte „Ehe“ oder „Verlobung“ oder auch des Wortes „Vertrag“ (wie etwa bei einem Ehevertrag) den koranischen Worten zuzuschreiben. Gottes Buch ist das einzige Buch, das Gesetze festlegt und Worte verwendet, die sich durch die Art der Verwendung und den Kontext, in dem sie auftauchen, selbst erklären.

Was ist Ehe laut Koran?

„Ehe“ ist etwas Allgemeineres als in unseren Gesellschaften gemeinhin definiert (z.B. Standesamt, Papier unterzeichnen). Es gibt ja heutzutage auch eheähnliche Gemeinschaften oder andere Formen des Zusammenlebens. Es kommt also auf die Absicht hinter und die Beschaffenheit der Beziehung an, nicht auf das Ritual, dass zu einer sogenannten „Ehe“ führt. Natürlich, auch die allgemein definierte Ehe hat klare, vom Koran auferlegte Schranken und sollte gewissen Verantwortungen unterliegen. Die nötigsten Vorkehrungen trifft bereits der Koran: Morgengabe, Erbgesetze etc. (sh. oben).

Vieles von dem, was hier folgt, steht in krassem Widerspruch zu dem, was „traditionelle Muslime“ glauben. Das Buch Gottes, welches den echten Gläubigen ausreicht, beschreibt alles Notwendige zu diesem Thema. Andere traditionelle Quellen des Islam sind hier nicht notwendig. „Traditionelle Muslime“ werden oft sagen, dass der Mann sich nur mit Hodscha/Scheich und großer Feier einer Frau nähern darf … oder vielleicht sagen auch einige, dass der Mann sich zwar jeder Frau nähern darf, aber die Schwester darf dasselbe nicht bei Männern etc. Einige würden auch behaupten, eine Ehe auf kurze Zeit (muta), wie sie bei den Schiiten praktiziert wird, sei die Lösung gegenüber Promiskuität. Für welch einen geringen Preis sie Gottes Religion verkaufen!

Der sogenannte traditionelle Islam kennt sehr viele Lehren und Praktiken, die mit dem Buch Gottes nichts zu tun haben.

Gott hat es uns leicht gemacht, Sexualität, Zärtlichkeit und Liebe in einem guten und gesegneten Rahmen zu leben. So etwas nennt der Qur`an Nikah: Bund, Vereinigung, Zusammenschluss. Wir übersetzen das oft mit Ehe oder Heirat. Aber im koranischen Sprachgebrauch ist das jedenfalls nicht ganz korrekt, wenn wir Ehe nur mit etwas gleichsetzen, wozu wir ein Standesamt, einen Geistlichen oder eine große Feier brauchen. Nikah ist nicht, wie die christliche Ehe, ein heiliges Sakrament. Nikah ist auch nicht, wie die Standesamtsehe, etwas auf dem Papier. Es ist eine Sache zwischen zwei Menschen, einem weiteren rechtschaffenen Zeugen (2:237) und vor Gott, die nicht geheim bleiben und den Gesetzen des Koran unterliegen sollte. Wenn also ein Mann und eine Frau fest zusammen sind und dies auch öffentlich klar ist, dann ist das schon Nikah. Kein spezieller Priester, kein speziell ausgebildeter Imam wird hier gebraucht, keine Zeremonie, kein Standesamt.

Allerdings bedeutet das auch, dass das Paar rechtlich wie eine nichteheliche Gemeinschaft behandelt wird, wenn es zum Beispiel um Steuern oder die Erbfolge geht. Durch die Verbindlichkeit bekommt die Beziehung eine tiefere Ernsthaftigkeit. Wer sich traut, sich vor dem Standesamt trauen zu lassen, geht einen Bund ein, der nicht nur steuerliche Vorteile bringen kann, sondern auch viele weitere Rechte begründet. Denn das Grund­gesetz schützt Ehe und Familie, weshalb Eheleute und in weiten Teilen auch einge­tragene Lebens­partner recht­lich besonders umgarnt werden. Das zeigt sich nicht nur im alltäglichen Leben, zum Beispiel bei der jähr­lichen Einkommensteuererklärung oder bei der Pflicht zum gegen­seitigen Unterhalt. Auch wenn einer der Eheleute stirbt, ist der andere abge­sichert: Verheiratete haben ein gesetzliches Erbrecht. Daher ist eine standesamtliche Trauung in unserer heutigen Zeit empfehlenswert.

Was ich natürlich nicht meine ist, dass man wild seinen Trieben folgen sollte. Aber auf der anderen Seite haben wir im Qur’an auch keine Verteufelung von Sexualität, Zärtlichkeit und Erotik (2:223). Das Zentrale ist dabei die Verantwortung. Nikah heißt im koranischen Kontext erstmal nur so viel wie „Vereinigung zwischen Mann und Frau“. Nun gibt es eine solche Vereinigung in einem guten Rahmen und in einem weniger guten. Der Koran wünscht, dass Beziehungen sexueller Natur in nachvollziehbaren Bahnen ablaufen. Dies hat den Hintergrund des Schutzes der Personen bzw. der Kinder, die durch sexuellen Kontakt entstehen können. Wenn wir den Qur’an lesen, dann sehen wir nur wenige Bedingungen für Nikah. Die wichtigste ist die, dass sich die Partner über ihre koranischen wie auch gesellschaftlichen Rechte und Verantwortungen im Klaren sind. So hat die Frau nach dem Qur’an zum Beispiel das Recht, vom Mann als Absicherung eine Geldmenge (Morgengabe) oder etwas vergleichbar Wertvolles zu erhalten. Des Weiteren brauchen sie laut 2:237 nur einen rechtschaffenen Menschen als Zeugen und Vermittler für etwaige Streitschlichtungen, in dessen Hand der Ehebund dann vor der Gesellschaft liegt, der jedoch nicht Imam oder Hodscha sein muss.

Wenn ein Mann eine Frau wirklich liebt und sie ihn, wenn sie beschließen fest und monogam zusammen zu sein und ihre Verantwortungen vor Gott und vor der Gesellschaft zu teilen und wenn sie sicher sind, dass das alles kein Experiment ist, sondern dass es ernst gemeint ist und demnach wohl überlegt handeln, die Morgengabe zahlen und den Zeugen festgelegt haben, dann sind diese nach Allahs Gesetz „vereinigt“ – ohne einen Hodscha, ohne Feier, ohne Standesamt …

Aber natürlich will auch so ein Schritt gut überlegt sein und das ist vielleicht eher das Problem mit vielen heutigen Partnerschaften. Viele Menschen in unserer Gesellschaft nehmen Partnerschaft auch wieder zu leicht. Sie gehen mal eben als Experiment eine Beziehung ein, ohne sich sicher zu sein, betrügen leicht, fühlen sich nicht gebunden. Und das gilt auch für viele auf dem Papier verheiratete! Und die Folgen sind dann oft schmerzhaft.

Gott will es uns mit Seinem Buch leicht machen, nicht schwer. Er offenbart uns Seinen Willen, damit wir glücklich werden, nicht damit wir unglücklich werden. Er sagt uns, dass wir eine Partnerschaft in Verantwortung und mit Barmherzigkeit und Zärtlichkeit führen sollen, zu unserem eigenen Besten.

Aber es ist auch nicht zu vergessen, dass Partnerschaft nicht alles ist. Sicher, wenn man alleine ist, sehnt man sich danach. Aber auch Partnerschaft kann nicht der Inhalt des Lebens sein. Sie ist vielmehr ein Mittel, damit zwei Menschen gemeinsam diesen Sinn finden mögen.

Ein „Ritual“, in welcher Form auch immer, ist aber hingegen oft hilfreich, um sich des Ernstes der Lage bewusst zu werden, und wenn es sich nur um eine besondere Aktion zwischen den beiden Betroffenen handelt. Und schön kann es auch noch sein.

Einige könnten einwenden, der Koranvers 4:25 schreibe ja vor, man müsse die Erlaubnis der Eltern einholen. Doch bei genauerem Hinsehen ist es klar, dass es sich hier um die Wendung „ma malakat aymanukum“ (was in eurer Rechten ist) handelt und dass wir die Erlaubnis derer einholen sollen, in deren „rechten Hand“ die Frauen sind, die wir heiraten wollen… die also in irgendeiner Rechtsform nicht „frei“ sind.

Nochmals kurz zusammengefasst: die Definition von Heirat im Koran ist eine ganz andere, als wir sie üblich wahrnehmen. Die Heirat im Koran bindet zwei Menschen aneinander aus Liebe und Güte untereinander (30:21, 9:71). Es soll kein Experiment oder eine leichtfertige/leichtsinnige Entscheidung sein. Beide sollten sich über ihre koranischen Positionen bewusst sein (z.B. auch, was Scheidung und Wartezeit in diesem Fall angeht). Dies wird im Koran dadurch festgelegt, dass in den entsprechenden Versen oft der Satz „wenn ihr an Gott und den Jüngsten Tag glaubt“ betont wird, wenn von uns verlangt wird, die Schranken Gottes einzuhalten.

Schliesslich will man sich ja nicht mit dem Schöpfer des Universums anlegen, um sich selbst eine kurzzeitige fleischliche Freude des diesseitigen Lebens als scheinbar gültig zurechtzubiegen. Wir werden nämlich aufgrund dieses Koran zur Rechenschaft gezogen und so sollten wir uns unserer Verantwortung vor dem Allwissenden bewusst bleiben.

Missbrauch von Sexualität

Bei einer Betrachtung der sexuellen Orientierung sollte man genau differenzieren, was in der Offenbarung thematisiert wird und von wem. Spricht Gott, spricht der Prophet aus der jeweiligen Geschichte in eigenem Namen und nicht aus göttlichem Auftrag heraus? Welche sprachlichen Eigenheiten kommen dabei vor und wie sind diese zu bewerten?

Es gibt einige Textstellen im Koran, die von vielen in Zusammenhang mit der Homosexualität gebracht werden:

  • 7:80-84
  • 11:77-83
  • 15:58-77
  • 26:160-174
  • 27:54-58
  • 29:26-35
  • 54:33-39
  • 21:71-75
  • 37:133-138
  • 51:32-37
  • Bezugnahme auf das Volk Lots in 11:89, 22:43, 38:13 oder 50:13 (die Brüder Lots).
  • Unklar, ob zur Geschichte Lots zugehörig oder nicht: 25:40. Möglicherweise ist hier Sodom angedeutet.
  • Weitere Stellen, an denen Lot erwähnt wird, sind: 6:86 und 66:10 (Frau Lots).

Die Umgestürzten (9:70, 53:53, 69:9  al-muʾtafikāt), für die keine Namen genannt sind, werden von einigen Auslegern auf Sodom und die Nachbarstädte gedeutet, diese Verbindung ist jedoch nicht eindeutig.

Bei den abscheulichen Taten kommt das arabische Wort Fāḥischa vor, was als Gräuel, Unsitte oder Abscheulichkeit verstanden werden kann. Darunter werden auch mehrere Handlungen beschrieben, die meistens vom Missbrauch der Sexualität sprechen:

  • Stiefmütter heiraten (4:22)
  • Unehelicher Geschlechtsverkehr (17:32, 4:15-16 in Zusammenhang mit 24:1-26)

Man kann die Wurzel (فحش) in alquran.eu nachschlagen, um sich selbst zu überzeugen, welche Handlungen damit verbunden sind (6:151, 24:21, 27:54-55). In Vers 27:55 erklärt Lot nämlich das, was er zuvor (27:54) als (Fahischa) definiert hatte. Es ist jedoch klar, dass die Abscheulichkeit nicht allein den Missbrauch der Sexualität meinen kann, wie wir dies aus den Versen 29:28-30 entnehmen können. Es ist also umstritten, ob wir den homosexuellen Verkehr als Bestandteil von Fahischa sehen können oder ob gerade dies vom Wort Fahischa abgegrenzt werden soll. Des Weiteren ist der Begriff der Homosexualität ein moderner Begriff, der als solches im Koran nicht vorkommt und dessen Bedeutung nicht durch die Verse abgedeckt wird.

Offenheit und Toleranz bedeuten nicht Zustimmung und Einverständnis. Gehen wir also offen und tolerant mit unseren homosexuellen Geschwistern um! Wir dürfen auch die direkten Aussagen von Lot nicht wortwörtlich nehmen, wenn er zu seinem Volk meint: Ihr begeht das Schändliche, wie es vor euch keiner von den Weltenbewohnern getan hat (29:28, vgl. dazu 7:80). Der Ausdruck wie es vor euch keiner getan hat ist nicht als historisch präzise Aussage zu verstehen, sondern als ein persönlicher Ausruf des Propheten aus seiner Wut und seinem kulturellen Kontext heraus. Er glaubt offenbar, sowas noch nie in diesem Ausmaß gesehen zu haben, was aber nur seine persönliche Einschätzung wiedergibt und theologisch nicht weiter verwertet werden sollte. Darüber hinaus scheint der Missbrauch der Sexualität nur eine Randrolle zu spielen (29:29-30), denn als Begründung für die Bestrafung wird ihre Ablehnung des Prophetentums von Lot angegeben (vgl. 38:13-14, 50:12-14, 6:86-91).

Auch können die Verse als Ehebruch verstanden werden, indem sie ihre eigenen Partnerinnen betrügen:

7:81 Ihr geht in Begierde zu den Männern, statt zu den Frauen. Nein, ihr seid maßlose Leute.

26:165-166 Wie könnt ihr denn zu den Männern unter den Weltenbewohnern gehen und das vernachlässigen, was euch euer Herr an Partnern erschaffen hat? Nein, ihr seid Leute, die Übertretungen begehen.

27:55 Wollt ihr denn in Begierde zu den Männern gehen statt zu den Frauen? Nein, ihr seid Leute, die töricht sind.

Auch wir bleiben nicht stehen und sind in der Lage unsere Positionen zu überdenken und suchen deshalb auch immer wieder die sachliche Auseinandersetzung. Diese kurze Meinung soll als Anreiz zur Diskussion und als Basis für eine weitergehende Recherche dienen. Nichtsdestotrotz ist die Würde des Menschen in jedem Falle zu respektieren. Schwule Gottergebene (deutsch für Muslim) oder gottergebene Lesben sind somit kein Widerspruch in sich und sie sind unsere Geschwister. Offenheit und Toleranz bedeuten nicht Zustimmung und Einverständnis. Gehen wir also offen und tolerant mit unseren Geschwistern um!

Theologisch betrachtet müssen wir uns einsetzen für die Rechte aller Menschen ohne irgendeine Diskriminierung von irgendwelchen Gruppen aufgrund Rasse, Kultur, Sprache oder sexueller Orientierung. Das bedeutet beispielsweise auch, dass wir für die gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung auch von Menschen aus der LGBTIQ*-Community sein müssen, da ein allein religiös motiviertes Gesetz auf gesellschaftlicher Ebene nicht erlaubt ist, sofern sich die Menschen dazu nicht demokratisch bereit erklären. Auch in einem demokratischen Mehrheitsbeschluss darf kein Entscheid gefällt werden, welche Minderheiten marginalisiert und sie ihrer grundlegenden gesellschaftlichen Rechte beraubt.

In jedem Falle sollten wir verbinden und nicht trennen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern Gottes Segen und verbleibe
mit freundlichen Grüßen und in Frieden

Die erfundene Religion und die Koranische Religion – Kapitel 21: Frauen im Koran und in der erfundenen Religion

Die Frage über die Frau hat die meisten Ergänzungen zur eingeführten Religion gehabt. Die Frauen wurden auf das Niveau eines Sklaven, eines Dienstmädchens in Haushaltsangelegenheiten und eines ihrem Ehemann verfügbares Sexualobjekts erniedrigt, gerechtfertigt im Lichte der erfundenen Ahadith und sektiererischen Interpretationen und Ansichten. Die Mehrheit des schönen Geschlechts, unfähig einen Unterschied zu machen zwischen dem, was wirklich offenbart und was erfunden wurde, trotteten weiterhin auf dem von den Männern bestimmten Pfad, die damit fortfuhren Worte zu predigen, die angeblich vom Propheten gesprochen wurden und die besagen, dass das Paradies unter den Füssen von Müttern läge. Wir werden sogleich sehen, wie seriös diese Einstellung zu den Frauen gewesen ist.



Lügengespinste über Frauen von Sekten, die auf erfundenen Ahadith aufbauen

Das Hauptziel ist gewesen, die Frau zu einer Sklavin ihres Ehemanns zu machen, die ihm gegenüber bedingungslos treu ist. Dem Ehemann gegenüber Unterwürfigkeit auszuüben wurde als eine religiöse Tat angesehen.

Müsste ich den Menschen die Niederwerfung anordnen, hätte ich bestimmt, dass Frauen sich vor ihren Ehemännern niederwerfen sollen, aufgrund der Schuld, die sie ihnen schulden. (Tirmidhi, Rada 10/1159; Abu Dawud, Nikah 40/2140; Ahmad bin Hanbal, Musnad VI, 76; Ibn Madsche, Nikah 4/1852.)

Auch wenn der Körper ihres Ehemannes von Kopf bis Fuss mit Eiter beschmiert wäre und die Frau ihn reinigt, indem sie ihn leckt, wäre ihre Schuld ihm gegenüber immer noch unbeglichen. (Ibn Hadschar al Haytami 2/121; Ahmad bin Hanbal, Musnad V, 239.)

O Frauen! Solltet ihr euch jemals der Verpflichtungen bewusst werden, die ihr euren Ehemännern schuldet, würdet ihr nicht zögern, den Staub von ihren Füssen zu wischen, indem ihr eure Wangen an ihnen reibt. (Hafiz Zahabi, Grosse Sünden, Seite 187)

Die Hingabe und das Intellekt der Frauen sind fehlerhaft. (Sahihi Bukhary)

Ihr flucht viel und seid euren Ehemännern undankbar. Ich habe kein Geschöpf außer euch gesehen, das Mangel an Intelligenz und Hingabe aufweist und das Männer in Versuchung führen kann. (Muslim, Iman 34/132; Ibn Madsche, Fiten 19/4003)

Die Gesinnung, welche die Frau zu einer Gefangenen ihres Mannes macht, bestimmt sie für die Hölle und wirft ihr Mangel in der religiösen Haltung vor, dadurch den ausdrücklichen Bemerkungen des Koran widersprechend.

Eine gute Frau ist wie eine Elster unter hundert Krähen. (Sahihi Bukhary)

O das weibliche Geschlecht! Gibt Almosen und bereut. Ich habe gesehen, dass die Mehrheit der Höllenbewohner aus Frauen besteht. (Muslim, Iman 34/132; Ibn Madsche, Fiten 19/4003.)

Eine Frau kann nur durch die Erlaubnis des Mannes ins Paradies eingelassen werden

Zuzüglich zu den Ahadith, die sie verdammen, hängt der Einlass ins Paradies einer Frau von der Zufriedenheit und Zustimmung ihres Ehemanns ab.

Wenn eine Frau stirbt, mag sie ins Paradies gehen, wenn ihr Ehemann mit ihr zufrieden war. (Riyazus Salihin)

Die lobenswerte Frau ist die, die die Frivolitäten und zeitweiligen Untreuen ihres Ehemannes erduldet, wodurch sie ins Paradies eingelassen wird. (Religiöse Informationen für Frauen, Seite 88)

Solche Ausführungen, die in den Büchern von Muslim, Bukhary, Tirmidhi, Muwatta und den schiitischen Quellen vorgefunden werden, haben ihre Wurzeln aus der Zeit der Abbasiden und Umayyaden. Solch eine Herabwürdigung der Frau gibt es im Koran nicht. Die Eignung für den Himmel hängt nach dem Koran von der ausgeübten Hingabe einer Person, ungeachtet ihres Geschlechts, ab.

49:13 Ihr Menschen! Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und haben euch zu Völkern und Stämmen werden lassen, damit ihr euch kennenlernt. Der Beste vor Gott ist der Rechtschaffenste unter euch.

Wie wir sehen können macht der Koran keine Unterscheidung zwischen den Nationen, Stämmen und Geschlechtern. Dennoch wurden Frauen als ein Objekt gesehen, dass einen Mann eher in die Hölle führt.

Es gibt vier Dinge, die das Gebet eines Mannes annullieren: ein schwarzer Hund, ein Affe, ein Schwein und eine Frau. (Sahihi Muslim, Salat 265; Tirmidhi, Salat 253/338; Abu Dawud, Salat 110/720.)

Es gibt drei Dinge, die unheilvoll sind: eine Frau, ein Haus und ein Pferd. (Abu Dawud, Medizin 24/3922; Muslim, Salam 34/115; Bukhary, Nikah 17/4805.)

Seelenheil für alte, zahnlose Ehemänner

Imam Scharani und Imam Ghazzali, zwei der führenden Repräsentanten der Mentalität, die Frauen – Handelnde, die das Gebet annullieren – als unheilvoll ansieht, haben folgende Fundgrube für weitere Generationen hinterlassen.

Ein Mann mag seine Zähne verloren haben und hässlich geworden sein, während seine Frau jung und sehr schön ist. Es ist möglich, dass solch eine Frau, die zum Markt oder zu anderen Plätzen, wo sie eingeladen ist, ausgegangen sein mag, einen hübschen Mann sieht und worauf sie bei der Rückkehr nach Hause abgeneigt ist, die amourösen Annäherungen ihres Ehemannes zu erwidern. Dies ist das Ergebnis des Besuchs von Märkten und sozialen Zusammenkünften einer Frau, gelinde gesagt. (Imam Sharani, Ubudul Kubra, Seite 773)

Möge Gottes Fluch auf jenen Frauen sein, deren Beruf das Tätowieren ist und die ihre Körper tätowiert haben, und auf jenen, die ihr Haar auf dem Gesicht entfernen und ihre Zähne umgestalten. (Sahihi Bukhary)

Diejenigen, die Perücken tragen, die ihre Augenbrauen zupfen, tätowieren oder Tätowierungen auf ihrem Körper haben, sind verflucht. (Abu Dawud, Taradschul 5)

Wenn eine Frau eine Perücke trägt, ihre Arme oder ihr Gesicht tätowiert hat oder Schönheitsmale gebraucht oder ihr Gesicht und ihre Augenbrauen mit Pinzetten zupfen lässt und ihre Erscheinung verändert, so ist sie verflucht. (Imam Sharani, Ubudul-Kubra, Seiten 313, 867, 889)

Gemäß einem Hadith schlossen die Gefährten und Jünger des Propheten die Jalousien fest zu, um zu verhindern, dass ihre Frauen vorbeigehende Männern sehen, und schlugen jene, die nach draußen spähten. (Imam Ghazzali, Ihya u Ulumiddin 2/122)

Schaut, dass eure Frauen ein wenig hungrig bleiben, ohne zu übertreiben, und entzieht ihnen die schönen Kleider. Denn wenn ihre Bäuche voll und sie in Schale sind, werden sie sicherlich von äußerlichen Anreizen versucht werden. Wohingegen, wenn sie ein wenig hungrig und nicht sonderlich gekleidet sind, werden sie zuhause bleiben. (Ibnul Dschawzi, Mawzuat II/282283; Suyuti, Leali II/154; Ibn Arrak, Tanzihushscharia II/212213.)

Lasst eure Frauen keine schicken Kleider anziehen, denn wenn sie in Schale sind, werden ihre Herzen das Haus verlassen. (Imam Ghazzali, Kimyayi Saadet Seite 178; Ibn Abi Schayha, Musannaf IV/II, 420.)

Eine Frau, die ausgehen muss, sollte folgende Prinzipien einhalten, sobald sie die Einwilligung ihres Ehemannes hat:

  1. schäbig gekleidet zu sein,
  2. sich zu verhalten, als wäre sie eigentlich nicht draußen.
  3. Ihren Kopf zu verbeugen und vorsichtig sein, das Gesicht von Fremden nicht zu erblicken.
  4. Menschenmassen zu vermeiden.
  5. Orte zu vermeiden, die von Männern gut besucht werden.
  6. Verlassene Seitenstraßen vorzuziehen.
  7. Ihre Arbeit schnell zu beenden und heimzukehren.

(Imam Ghazzali, Ihyayi Ulumiddin 2/290)

Die beste Frau ist die, die wie das Schaf ist

Jene, die durch absurde Verfügungen versuchten, ihre Eifersüchte auf andere zu projizieren und sie in religiöse Befehle umwandelten, gaben dem Islam einen Bereich, der für Angriffe offen ist. Hier sind einige weitere Bemerkungen über Frauen, die von Imam Ghazzali erhoben wurden:

Eine Frau hat sieben Eigenschaften:

  1. Sie ist mit ihrem starken Wunsch, sich hübsch anzukleiden, wie ein Affe;
  2. Sie ist wie ein Hund, da sie abgeneigt ist, arm zu sein;
  3. Sie ist aufgrund ihres überheblichen Stolzes sowohl ihrem Ehemann wie auch anderen gegenüber wie eine Schlange;
  4. Sie ist wie eine Ratte, wenn sie Haushaltsgüter verkauft;
  5. Sie ist wie ein Skorpion, da sie eine Verleumderin ist;
  6. Sie ist wie ein Fuchs, da sie dem Mann Fallen stellt;
  7. Sie ist wie ein Schaf, da sie ihrem Ehemann gehorcht.

(Imam Ghazzali, Ihyayi Ulumuddin)

Die ideale Frau ist die von der Schafssorte! Der von allen Freiheiten beraubten Frau wird nicht einmal gestattet, zur Pilgerfahrt zu gehen. Der Frau wird es nicht erlaubt, mehr als eine Distanz von 90 Kilometern ohne die Begleitung eines ihr nächsten männlichen Verwandten (Vater, Onkel, Bruder, Ehemann) zurückzulegen. Unter den Umständen kann eine Frau nicht einmal die verbindliche Pflicht der Pilgerfahrt erfüllen, falls sie ihren nächsten Verwandten nicht überzeugen kann, sie zu begleiten. Gott hat in dieser verbindlichen Pflicht keine Unterscheidung des Geschlechts vorgenommen. Die Verrichtung des Kontaktgebetes einer Frau wurde durch die erfundenen Ahadith verboten, da sie ansonsten ausgehen müsste. Dadurch wird angedeutet, dass das Kontaktgebet einer Frau zuhause verdienstvoller sei, als das ist, das sie in der Moschee verrichtet hätte.

9:71 Die Gläubigen, Männer und Frauen, sind einander Verbündete/Freunde.

Wie können sie erwarten, dass der Mann und die Frau diese Freundschaft aufbauen werden, angesichts der Tatsache, dass ihnen selbst das Sprechen miteinander verboten ist? Der weitere Verlauf des Verses erwähnt, dass diejenigen, die diese Freundschaft bewerkstelligen, mit der Gnade Gottes belohnt werden. Wenn die besagte Gnade in Gemeinschaften, die behaupten Muslime zu sein, vorenthalten ist, dann könnte das an ihrem Ungehorsam liegen.

Unter den Hanafis muss selbst die Stimme der Frau gedämpft werden, so dass der Mann ihr nicht zuhört. (Fikhus Siyra, Seite 400)

Euch wurde es gestattet, nur mit eurem Mahrim (Ehemann, Vater, Neffe…) zu sprechen. (Ibn Kathir 4/355)

Mit Kieselsteinen gefüllten Mäulern sprechen

Mit der Trennung von Mann und Frau wurden die Frauen isoliert, und ihnen war es nicht gestattet, männliche Freunde zu haben, so sehr, dass sogar Konversationen zwischen den Frauen im Flüsterton gehalten wurden, um zu verhindern, dass die Männer ihre Stimmen hören. Jedoch darf eine Frau im Notfall einen Mann ansprechen, aber nur wenn sie den Mund voller Kieselsteine hat.

Es war ihr nicht erlaubt, während der Menstruation ihre Kontaktgebete zu verrichten, noch konnte sie während ihrer Periode den Koran lesen oder das Fasten halten. Der Koran erwähnt bloß, dass kein Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau praktiziert werden soll. Hätte Gott gewünscht, dass sie weder den Koran lesen noch fasten soll, hätte Er dies sicherlich ausdrücklich erwähnt.

2:222 Und sie befragen dich über die Menstruation. Sprich: „Sie ist schädlich. Haltet euch während der Menstruation von den Frauen fern, und habt keinen Geschlechtsverkehr mit ihnen, bis sie davon entlastet sind.“

Wie wir sehen können nennt der Koran jede Einzelheit, die eine Person braucht. Jedoch wurden die Handlungen der Frauen eingeschränkt, indem sie getrennt wurden und indem sie daran gehindert wurden, das Freitagsgebet abzuhalten. Die ihnen auferlegten Einschränkungen, die nicht im Koran vorhanden sind, werden als Abscheulichkeiten angesehen. Die Erfindungen gingen so weit, Ahadith zu erfinden, die aussagten, dass alle, die sich dem Wort der Frau fügen, zu Grunde gehen würden. Solch eine Vorstellung geht ganz und gar gegen die Philosophie des Koran.

Nimmt keine Ratschläge von Frauen an; setzt euch gegen sie, denn die Opposition gegenüber Frauen bewirkt Wohlstand. (Suyuti, Leali II, 147; Ibn Arrak, Tanzihush Sharia II, 210.)

Wer auch immer seiner Frau gehorcht, wird von Gott in die Hölle geworfen. (Ibn Arrak II, 215)

Frauen als Imame, Muezzine und Staatsoberhäupter

Es gibt nichts im Koran, das darauf hinweist, dass gewisse Ämter den Frauen verboten sind; folglich können sie die Position eines Präsidenten, Kalifen, Richters, Imams oder Muezzins (Rufer zum Gebet) innehaben. Alles ist erlaubt, sofern es nicht ausdrücklich im Koran verboten wurde. Freiheit ist das Prinzip, Verbot die Ausnahme; wenn darüber hinaus irgendwelche Ausnahmen sind, werden sie in den Koranversen ausdrücklich erwähnt. Dadurch gibt es für Frauen keine Hürden mehr, die gerne die oben erwähnten Positionen erlangen wollen.

Eine von einer Frau geführten Gesellschaft ist eine dem Untergang geweihte Gesellschaft. (Ibn Hanbal, Musnad 5/43,50; Tirmidhi, Fitan 75 ; Nesai, Kudat 8; Bukhary, Fiten 18.)

Die Gegner von Aischa, die Frau des Propheten, die während des Dschamal Vorfalls das Kommando der Situation übernommen hatten, müssen diesen angefertigten Hadith erfunden haben. Süleyman Atesch bemerkt folgendes: „Der gefragte Hadith muss auf Aischa anspielen. Hätte jedoch der Prophet so etwas in dieser Art gesagt, erhielte Aischa die gefragte Mission nicht, und Talha und Zubaira hätten dies nicht toleriert. Die Authentizität dieses Hadiths, der dem Koran widerspricht, ist zweifelhaft“ (Süleyman Ates, Kommentar des Koran 6/399400).

Diejenigen, die Ahadith erfanden, um ihre eigenen politischen Ansichten zu unterstützen, ignorieren ebenso die Beschreibung der Königin von Scheba. Verse 22 und 44 der Sure Die Ameise (27. Sure) erwähnen die von einer Frau geführten Gesellschaft. Wir bemerken, dass sie als eine intelligente und weise Frau beschrieben wird, umsichtig genug, um keine Risiken einzugehen, die ihre Gemeinde prekären Situationen aussetzen würden. Es gibt im Koran keinen einzigen Hinweis darauf, dass eine Frau keine Herrscherin sein kann.

Lehrt den Frauen das Lesen und Schreiben nicht. Lasst sie sich in Näharbeit üben und schaut, dass sie die Sure Das Licht rezitieren. (Ibnul Dschawzi, Mawzuat II, 269)

Fabrizierung der Ahadith für sexuelle Ziele

Wenn ein Mann seine Frau zu Bett ruft und sie lehnt (die Einladung) ab, werden sie die Engel bis zu den frühen Morgenstunden verfluchen. (Bukhary 9/36)

Die Männer, die darüber besorgt waren, abgelehnt zu werden, haben diesen Hadith fabriziert, der auf den Propheten hinwies. Frauen, die von ihrem Scheidungsrecht beraubt wurden, kamen dadurch unter die Unterdrückung der Männer.

Wenn sich eine Frau scheiden lässt, wird sie den Duft des Himmels nicht genießen. (Religiöse Informationen für Frauen, Seite 61)

Im Koran können Ausdrücke wie ‚geschiedene Frauen‘ (vgl. 2:228-241) beide Bedeutungen haben: nämlich, eine Frau, die sich scheiden ließ, oder eine, die geschieden wurde. Anbetracht dessen, dass im Koran keine ausdrückliche Vorschrift vorhanden ist, welche die Scheidung zu einer Exklusivität für Männer macht, sollten Frauen grundsätzlich dasselbe Recht genießen.

Ein weiterer Hadith besagt:

Gott wird das Kontaktgebet einer Frau nicht erhören, die Parfüm aufträgt, bevor sie die Moschee betritt, sofern sie nicht heimkehrt und sich durch die totale Waschung säubert. (Awnul Mabul 11/230)

Männer, die Parfüm aufsetzen, sind lobenswert, während Frauen, die dasselbe tun, eine sündhafte Tat begangen haben. Das Grundprinzip ist, dass die Männer von schönen Düften erregt werden. Die Tatsache, dass Frauen dieselbe Gefühle haben können, kommt ihnen nicht in den Sinn. Weiterhin, wieso wurde dies nicht im Koran vorgesehen?

Sofern der Platz, wo die Frau gesessen ist, nicht abgekühlt ist, darf er nicht von einem Mann besetzt werden. (Religiöse Informationen für Frauen, Seite 24)

Dieser Hadith erzeugt viele Erschwernisse in der städtischen Lebensweise, wie mensch ohne Weiteres sehen kann.

Gewisse Missverständnisse über Frauen

Es beginnt alles in den Geschichten über Adam und Eva. Nirgends im Koran stoßen wir auf die Versuchung Adams durch Eva. Wenn wir die Verse 11-28 der 7. Sure lesen, können wir sehen, dass sowohl Adam als auch Eva von Satan versucht wurden. Darüber hinaus wird die Legende, dass Eva aus der Rippe Adams erschaffen sei, nirgends im Koran erwähnt.

Eine weitere ungerechtfertigte Behauptung über den Koran ist, dass er allein Männer anspricht. Neunzig Prozent der Verse sprechen beide Geschlechter an. Es gibt ebenso Verse, die nur Frauen oder Männer ansprechen. Alle, die den Koran ernsthaft lesen, werden sehen, dass der Koran die allgemeine Öffentlichkeit und nicht ein einzelnes Geschlecht anspricht.

33:35 Die Gottergebenen Männer und die Gottergebenen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die rechtschaffenen Männer und die rechtschaffenen Frauen, die geduldigen Männer und die geduldigen Frauen, die standhaften Männer und die standhaften Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Almosen spendenden Männer und die Almosen spendenden Frauen, die fastenden Männer und die fastenden Frauen, die Gott häufig gedenkenden Männer und Frauen – Gott hat ihnen (allen) Vergebung und großen Lohn bereitet.

Obwohl der Koran im größeren Teil die allgemeine Öffentlichkeit anspricht, gibt es ebenso Verse, die Frauen und Männer separat ansprechen.

Polygamie in der Geschichte

Wir müssen uns die Tatsache in die Erinnerung rufen, dass der Islam über einen großen Zeitraum hinreicht und einen riesigen Teil der Geographie der Erde mit unterschiedlichen Klimaverhältnissen umfasst. Es gibt Gesellschaften von Menschen, von den kleinsten Stämmen bis zu den größten Imperien, die in einem solch breiten Arbeitsbereich tätig sind, so dass sich landwirtschaftliche Arbeiten mit industriellen Unternehmen in diversen sozialen und politischen Milieus und kulturellem Hintergrund mit verschiedenen Bräuchen abwechseln. Die Universalität des Koran, die auf jede Situation, unterschiedliche Bräuche, Bedingungen und Milieus passt, ist dank seiner großen Ausdehnung erreicht worden. Bis jetzt haben wir die Versuche einer Herstellung und das Fortbestehen eines ‚Arabischen Islams‘ behandelt, in welchem der Turban, die Robe mit langen Ärmeln, die bis zu den Knöcheln reichen, und das Tragen eines Bartes einige der auffallenden Charakteristiken waren. Diese Versuche hatten unerwünschte Auswirkungen auf die Ausdehnung des Islam. Der Spielraum, den der Koran der Menschheit einräumte, erlaubt den Menschen verschiedenen kulturellen Ursprungs, ihre gebräuchlichen Kleider zu tragen. Dasselbe gilt auch für die Polygamie. Polygamie wird im Koran nicht verboten; jedoch wird sie nicht besonders gefördert und ermutigt.

Verschiedene Kulturen hatten verschiedene Praktiken. In Gesellschaften, in denen eine große Anzahl der männlichen Bevölkerung im Krieg starb und das Gleichgewicht zwischen der männlichen und weiblichen Bevölkerung zerrissen war, wurde die Polygamie unverzichtbar. In landwirtschaftlichen Gesellschaften, in denen Großfamilien immense Macht ausübten, war die Polygamie die Lösung, die Bürden der Frau im Haushalt zu erleichtern, und es gab Zeiten, in denen die Frauen nach Gefährtinnen für ihre Ehemänner suchten. Im Islam wird die Absicht zu heiraten beiderseits geäußert und die Frau genießt das Recht, sich von ihrem Ehemann scheiden zu lassen. In anderen Worten ist die Frau nach dem Koran in Fällen, bei denen es eheliche Streitereien in der Familie gibt, frei, die Scheidung zu verlangen. Das so genannte Verbot für die Frau, auf die Scheidung zurückzugreifen, oder die oberste Entscheidungsgewalt ihrer Familie über diese Angelegenheit haben nichts mit dem Koran zu tun, sondern sind lediglich traditionelle Praktiken. Polygamie war nicht nur ein Produkt östlichen, kulturellen Hintergrunds, da sie ebenso im Westen unter bestimmten Bedingungen gebilligt wurde. Als Folge der zwei Weltkriege war solch eine Lösung gefragt, und ein Artikel, welcher in der „Daily Mail“ erschienen war, schlug die Polygamie als die einzige Lösung vor, mit der Begründung, dass es einen beträchtlichen Anstieg der weiblichen Bevölkerung gegeben hatte. In 1949 wandten sich die Menschen in Bonn, um präzis zu sein die Verbände der Frauen, an die zuständigen Behörden, und verlangten, die Einführung der Polygamie in die Verfassung einzutragen. Die europäische Schriftstellerin Annie Besant, die eine Bewertung der Misere der sozialen und kulturellen Lage nach dem Krieg machte, schreibt wie folgt:

„Monogamie ist im Westen nicht länger vorhanden. Was zurzeit vorherrscht ist ein verantwortungsloser Zustand der Polygamie. Wenn ein Mann von seiner Mätresse genug gehabt hat, lässt er sie fallen, wonach die fallengelassene Frau allmählich dem Zustand der Prostitution zum Opfer fällt. Ihre Misere ist weitaus schlimmer als der Zustand einer Frau, die eine der Frauen eines einzelnen Mannes ist. Wenn wir diesen Stand der Dinge berücksichtigen, müssen wir eingestehen, dass die Westländer weit davon entfernt sind, die Einführung der Polygamie gerechtfertigt zu verdammen. Statt entehrt zu sein, eine Zufluchtsstätte zu suchen, aller Zuneigung und Sorge beraubt, mit ihrem unehelichen Kind verlassen worden, von allen Erbrechten enteignet zu sein und sich der Unterwürfigkeit zu ergeben zum Vergnügen irgendeiner Zufallsbekanntschaft, ist der Genuss der Ehre, eine der gesetzlichen Ehefrauen eines Mannes zu sein und in seinem Haushalt zu leben, weitaus besser.“

Hundefleisch und Polygamie

Wie wir bereits darauf hingewiesen haben, ist die Polygamie keine Verbindlichkeit; es ist dem Ermessen des Ehemanns überlassen, obwohl sie in gewissen Gesellschaften selbst von der Ehegattin gefördert wird. Der Koran verbietet lediglich den Verzehr von toten Tieren, Blut, Schweinefleisch und zu guter Letzt Tiere, die im Namen von jemand anderem geschlachtet wurden als in Gottes. Alle anderen essbaren Materialien sind erlaubt. Beispielsweise ist Hundefleisch in China ein Lieblingsgericht. Die Wege und Manieren unterscheiden sich entsprechend dem geographischen und sozialen Status einer Gesellschaft. Was jedoch als erlaubt betrachtet ist, soll nicht als eine religiöse Tat verstanden werden. Dieser wichtige Punkt wurde von den Gesellschaften, deren Wege voneinander abweichen, oft missverstanden. Solange der Koran nicht ausdrücklich bestimmt hat, dass eine gegebene Sache oder Tat verboten ist, ist die besagte Sache oder Tat erlaubt; sie ist nicht gegen den Islam. Beispielsweise mag in gewissen Kulturen das Tragen von Shorts bei einem Besuch einer Hochzeitsparty in Hawaii, das Gesicht mit verschiedenen Farben wie die Indianer zu bemalen, zu rülpsen oder zu furzen als normal bewertet werden. Die unter diesen Gesellschaften lebenden Muslime können ihre Standards erfüllen, ohne der Nichteinhaltung beschuldigt zu werden. Der Koran ist in dieser Hinsicht neutral. Der Koran spricht weder für noch gegen solche Taten. So wie es irrelevant ist, der Religion Verfügungen wie „Der Islam befiehlt es dir, Hundefleisch zu essen“ oder „Der Islam befiehlt es dir, zu einer Hochzeitsparty in Shorts zu erscheinen“, ist es gleichermaßen irrelevant „Polygamie wird vom Islam sanktioniert“ zu sagen. Die im Islam bevorzugte und angeordnete Tat ist nicht dasselbe wie die Tat, die frei auszuüben ist, weil sie nicht verboten wurde.

Unter normalen Bedingungen zu Friedenszeiten stellen wir eine quasi Gleichmäßigkeit zwischen der männlichen und weiblichen Bevölkerungen fest. Dies ist ein Zeichen, dass die Polygamie eine Ausnahme ist. Der Koran sagt aus, dass Monogamie eingehalten werden soll, wenn ein Ehemann nicht sicher ist, gegenüber einen von seinen Frauen parteiisch zu sein.

4:3 Doch wenn ihr fürchtet, dass ihr sie nicht mit Gleichheit behandeln könnt, so heiratet nur eine.

Polygamie wird im Koran vorausgesehen. Jedoch wird sie weder empfohlen noch verboten. Der Mann kann frei wählen. Er mag oder mag nicht mehr als eine Frau nehmen. Der Koran spricht, wie wir bereits zu Beginn des vorliegenden Buches erwähnt haben, die Menschheit an, Menschen mit verschiedenen Kulturen, verschiedenen Zeiten der Geschichte, in Friedens- und Kriegszeiten, landwirtschaftliche und industrielle Gesellschaften, ebenso die großen Staaten wie auch die kleinen Inselvölker. Der im Koran gepredigte Islam ist nicht für eine einzelne Zivilisation, eine einzelne industrielle Gesellschaft oder einen einzigen Ort, wo der Frieden herrscht, exklusiv. Die Umayyaden und Abbasiden bewerkstelligten, fremde Elemente in den Islam einzuführen und waren erfolgreich, ihre lokalen Stammesbräuche einzusetzen, als ob sie die Diktate des Islam wären (wie das Wachsen des Bartes, das Tragen einer Robe mit vollen Ärmeln und langen Schürzen, das Tragen eines Turbans und das Ausleben eines polygamen Lebens), da nichts gegen solche Praktiken war. Heute ist der Mensch frei, sich zu rasieren und Hosen zu tragen, eine Krawatte zu tragen und Monogamie vorzuziehen, ohne den Islam auf irgendeine Art wie auch immer zu verletzen. Darin besteht keine Beleidigung gegenüber dem Islam. Andererseits sind die Vorschriften des Koran, die Einheit Gottes zu erkennen, den Armen zu helfen und das Fasten abzuhalten und waren Teil der Verfügungen, die sowohl die Umayyaden als auch die Abbasiden zu befolgen hatten, und verlangen von zeitgenössischen und zukünftigen Muslimen, sich daran zu halten.

Die Frauen des Propheten

Die Frauen des Propheten und die Geschichten über sie werden nicht im Koran erwähnt. Die Geschichte der Heirat des Propheten mit einem neun Jahre alten Mädchen ist erneut eine Erfindung der Ahadith. 99% der Geschichten, die über den Propheten erzählt werden, haben ihren Ursprung in den Ahadith. Sie können wahr oder falsch sein. Eine Tatsache ist jedoch gewiss: sie sind nicht zuverlässig.

33:52 Keine weitere Frau ist für dich künftig erlaubt.

Vor der Offenbarung dieses Verses, war das, was für die Öffentlichkeit erlaubt war, ebenso für den Propheten erlaubt. Dieser Vers jedoch führte eine Einschränkung für den Propheten ein, eine Einschränkung, die bei anderen Männern nicht angewandt werden kann. Die Frauen des Propheten, wie alle anderen Frauen, heirateten ihn durch ihren eigenen freien Willen. Der Prophet, den Bräuchen der Zeit folgend, schloss eine Ehe, ohne die Verfügungen des Koran zu verletzen. Was immer wir wissen sollen, ist im Koran vorhanden. Jedes weitere Anliegen von uns ist irrelevant. Die dem Propheten offenbarte Botschaft des Koran ist die Religion, die uns durch ihn übermittelt wurde. Das persönliche Leben des Propheten könnte bewertet werden, indem zu den Zeiten und Bedingungen zurückgegangen wird, die in seiner Ära vorherrschten. Wir sind nicht in einer Position, zu urteilen, indem berichtete Ahadith aufgezeichnet wurden. In Wirklichkeit war eine der nutzlosen und sinnlosen Diskussionen über das Thema das Ergebnis der unterwürfigen Gehorsamkeit und der unerschütterlichen Akzeptanz der fabrizierten Ahadith.

Frauen als Zeugen

Nirgends im Koran wird erwähnt, dass zwei Frauen einem Mann als Zeugen gleich wären. Zum Beispiel wird die Zeugenaussage von vier Zeugen erfordert, um Ehebruch zu beweisen, und im Koran wird keine Unterscheidung zwischen den weiblichen und männlichen Zeugen vorgenommen, nur die Anzahl der Zeugen werden genannt. Jedoch gibt es ein missverstandenes Beispiel aus der Sure Die Kuh (2. Sure), Vers 282, in Bezug auf Darlehenszeit. Gemäß diesem Vers muss das erhaltene Darlehen urkundlich festgehalten werden, und die Anwesenheit der Zeugen während der Ausführung ist erforderlich. Dies ist ein gewerblicher Vertrag, der weder dem Schreiber noch den Zeugen schaden soll. Es ist eine bekannte Tatsache, dass wenn materielle Interessen im Spiel sind, die Menschen zögern, ein Zeugnis abzulegen. Der Koran betraut mit dieser schwierigen Pflicht zwei Männer. Nehmen Sie zur Kenntnis, dass nur zwei Männer erwähnt werden. Eine Phrase wie ‚oder vier Frauen‘ erscheint nicht. Dadurch wird eine Frau geschützt, die selten mit gewerblichen Angelegenheiten zu tun hat und schwächer ist angesichts des wahrscheinlichen Drucks und Unterdrückung. Sollten zwei Männer nicht vorhanden und nur einer erreichbar sein, so wäre die erforderliche Anzahl ein Mann und zwei Frauen. Auf diese Weise wird die Verpflichtung zu bezeugen realisiert, und sollte später eine ungewünschte Situation auftauchen, wird ein Gefecht unter einem Mann und einer Frau verhindert. Nehmen wir an, dass ein Disput über die Höhe des Darlehens entstanden ist. Die Frau, die dem Mann gegenübertreten muss, der es nicht schafft, sich über die fragliche Höhe zu einigen, kann es nicht verhindern, Stress und Druck zu erleiden. Wohingegen, wenn zwei Frauen im Bilde vorhanden sind, dem Mann mutig die Stirn bieten und die schlecht gemeinten Zeugen werden Schwierigkeiten haben, auf die Frauen Druck auszuüben. Diese Praxis, welche Frauen von unangemessenem Druck schützt, wurde fälschlicherweise interpretiert und zu einer Allgemeingültigkeit dieses bestimmten Falles erhoben. Außer für dieses jeweilige Beispiel gibt es keine andere Unterscheidung im Koran. Wäre dies ein Leitbild gewesen, hätte Gott es ausdrücklich klargestellt, indem Er einfach aussagt, dass das Zeugnis eines männlichen Zeugen dem Zeugnis zwei weiblicher Zeugen entspricht.

Wir müssen die Aussage zur Kenntnis nehmen, die lautet: „Und weder dem Schreiber noch dem Zeugen soll Schaden zugefügt werden. Anderenfalls riskiert ihr, vom rechten Pfad abzuschweifen.“ Der Druck, dem sowohl die Zeugen als auch der Schreiber unterliegen mögen, kann sich vorgestellt und das Grundprinzip des Verses besser verstanden werden.

Frauen schlagen

Ein weiterer missverstandener Vers scheint der Vers 34 der Sure Die Frau (4. Sure) zu sein. Wir wollen hier von zwei Autoren zitieren. Yasar Nuri Öztürk sagt:

„Dieser Vers spielt nicht auf die unanfechtbare Überlegenheit des Mannes an. Es wird auf den Unterschied zwischen der respektiven Körperbeschaffenheit des Mannes und der Frau hingewiesen. Jedoch haben die meisten Kommentatoren, die auf eigenwillige Missdeutungen der Koranverse zurückgriffen, um ihren eigenen Zielen zu dienen, die im Koran erwähnte Formulierung ‚qawwam‘ als ‚Oberherrschaft‘ wegerklärt, und dadurch die Despotie des Mannes gerechtfertigt. Der im Koran erwähnte Term ‚fadribu‘ wurde darauf reduziert, eine einzelne Bedeutung zu haben, während er eigentlich mehr als eine hat. Annäherungen, die darauf abzielten, die Frauen in jeder Gelegenheit zu verunglimpfen, hätten sonst nicht funktionieren können. ‚Fadribu‘, dessen Wurzel Darb ist, besitzt mehr als 30 Bedeutungen, von denen die wichtigsten ’stoßen‘, ’schlagen‘, ‚beenden‘, ‚ausgehen‘, ’spazieren gehen‘ sind (vgl. Ibn Mansur, Lisan ul Arab, unter dem Eintrag für Darb). Unter den Umständen mag ‚fadribu‘ folgende Bedeutungen annehmen:

  1. Aussenden;
  2. Von irgendwo hinauszwingen;
  3. Schlagen.

Die ersteren zwei sind natürlich rationaler und verträglicher mit der menschlichen Psychologie und den Gesetzen.“ (Yasar Nuri Öztürk, Kuran’daki Islam (Der Islam im Koran), Seiten 552-554)

Edip Yüksels Kommentar über die Missdeutung lautet wie folgt:

„Während die Wörter ‚erridschalu kawwamune alennisai‘ als ‚Männer wacht über Frauen‘ oder ‚Männer sind verantwortlich für die Unterhaltungskosten der Frauen‘ verstanden werden soll, interpretierten alle Kommentare in Türkisch, auf die ich gestoßen bin, sie, dass sie die Bedeutung von Überlegenheit über Frauen annähmen. Wieso hängen unsere Kommentare solch disharmonische Bedeutungen wie „Meister, Herr“ dem arabischen Wort ‚qawwam‘ an, statt dem Wort Bedeutungen wie ‚überwachen, stützend, aufrechterhaltend‘ anzuhängen? Die Wurzel des Wortes ‚qawwam‘ ist ‚qwm‘. Sie können alle Verse durchsehen, in denen die Ableitungen dieser Wurzel verwendet werden, und Sie werden keine Formulierung finden, welche Oberherr oder Meister bedeutet. Wenn die Formulierung ‚badehum‘ im fraglichen Vers nur die Männer anspricht, indem das Pronomen „hum“ verwendet wird, stellt sich die Bedeutung als ‚einige Männer sind anderen Männern überlegen‘ heraus. Jedoch widerspricht sich diese Bedeutung mit dem Kontext. Wenn andererseits das Pronomen eine gemischte Gruppe von Männern und Frauen anspricht, dann haben wir ‚Gott hat einige Männer und einige Frauen über andere Frauen und Männern überlegen gemacht‘. Eine andere akzeptable Wiedergabe wäre ‚Gott beschenkte jeden mit verschiedenen Vorzügen und Eigenschaften‘. Das Wort ‚idribuhanna‘ in der Sura Die Frauen wurde als ’schlagt diese Frauen‘ übersetzt. Bevor wir diese bestimmte Formulierung unter die Lupe nehmen, sollte ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine Festsetzung der ehelichen Beziehungen im Koran ziehen. Folgendes wird in 30:21 besagt:

Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch aus eurer Art Partnerwesen erschuf, damit ihr bei ihnen Geborgenheit und Ruhe findet. Er hat zwischen euch Liebe und Güte gelegt. Darin sind Zeichen für Menschen, die nachdenken.

Demnach ist das Ziel einer Ehe Liebe und Güte. Das Wort ‚daraba‘ hat eine schier endlose Anzahl an Bedeutungen, nämlich: ausprägen, streiken, schlagen, halten, spielen. Beispielsweise bedeutet das Wort ‚idrib‘ auszugehen. Die arabisch sprechenden Menschen in Nordafrika verwenden immer noch dieses Wort in diesem Sinn. Im Finden der exakten Bedeutung eines Wortes im gegebenen Kontext müssen wir pingelig sein und unsere Vernunft gebrauchen. Wenn beispielsweise das im Vers 13:17 erwähnte Wort ‚daraba‘ als ’schlagen‘ statt ‚erklären‘ übersetzt worden wäre, würde eine absurde Bedeutung hervortreten und das Ergebnis wäre „Gott schlagt die Wahrheit und die Falschheit auf diese Weise“. Andererseits wurde das Wort ’nuschuz‘ in Vers 4:34 als ungehorsame, zankende Frau übersetzt. Das Wort hat eigentlich eine weiter reichende Bedeutsamkeit, wie etwa das Flirten, die Zügellosigkeit, die unerlaubten sexuellen Beziehungen. Wenn wir um genau zu sein seine Bedeutung im gegebenen Kontext erfragen, so erscheint die zweite Bedeutung als geeigneter. Vers 4:34 lehrt dem Ehemann, wie er seine treulose Frau zu behandeln hat. Es fällt auf den Ehemann, seine Frau in erster Linie zu mahnen. Wenn die Frau mit dem Flirten mit anderen fortfährt, wird der Ehemann ihr Bett trennen. Und wenn selbst dies nicht hilft und die Frau ehebrüchige Beziehungen aufnimmt, wird der Ehemann sie hinausschicken. Eine Frau zu schlagen, die die Eheschließung bricht, wäre keine Lösung. Sich mit ihr zu trennen sollte die Lösung sein, selbst wenn dies schmerzhaft sein mag.“ (Dr. Edip Yüksel, Türkçe Kuran Çevirilerindeki Hatalar (Die Fehler in den türkischen Koranübersetzungen), Seite 13-20)

Frauen als Erbinnen

In der Verteilung des Besitzes, Geldes etc. einer verstorbenen Person, erhält das geschriebene Testament den Vorrang. Die fundamentalistischen Muslime wagten es, die ausdrückliche Aussage des Koran zu modifizieren und behaupteten die Richtschnur „Kein Testament wurde für die Erben vorgesehen.“ Entsprechend dem Koran erhält das Testament Vorrang, gefolgt von den Schulden des Verstorbenen. In 5:106 und 2:180 können wir die gegebene Empfehlung bezüglich der Ausführung des Testamentes bemerken. Andererseits wird in 4:11-12 angeordnet, dass die Verteilung der Erbschaft nach der Begleichung der Vorschriften des Testamentes und der ausstehenden Schulden stattfindet. Während der Untersuchung der Erbschaft, die den Anteilen der Männer und Frauen innerhalb des generellen Rahmens des Koran zufällt, sollten wir gut daran tun, die im Koran beteiligte Geldbewegung und Wirtschaftsbeziehungen zu verstehen. Gemäß dem Koran gibt ein Mann während der Inkraftsetzung der Eheschließung eine gewisse Summe an Geld (entweder bar, in Gold etc.). (Dieses Geld wird der Frau und nicht ihren Eltern gegeben.) Da die fragliche Summe nicht bestimmt wurde, mag die Frau, die ihr Zuhause verlassen wird und mittellos werden kann, ebenso verlangen, ein Haus oder ein Auto etc. zu erhalten. Wenn sie gemeinsam der Berücksichtigung zustimmen, so wird der Ehevertrag gültig. Im Falle, dass der Wohlstand der Frau genug ist, sie zu unterhalten, mag sie einen Ring oder ein Geschenk einer Art wählen. Der Koran ordnet an, dass diese Rücksichtnahme ordnungsgemäß gegeben werden soll. Jedoch sollten dieser fraglichen Rücksichtnahme beide Parteien zustimmen. Darüber hinaus nimmt der Mann die Verantwortung der Unterstützung seiner Frau und Sprösslingen in die Hand. Im Falle einer Scheidung wird der Unterhalt der Kinder und, wenn die Mutter ihre Kinder stillt, der der Frau ebenfalls vom Mann verantwortet. Dadurch erhält die Frau nicht nur das Entgelt, dem zugestimmt wurde, sondern auch die finanzielle Unterstützung, um sich selbst und ihre Kinder zu unterhalten. Im Falle, dass das Vermögen der Witwe nicht ausreicht, um sie zu unterhalten, hat jeder gottesfürchtige Gläubige die Pflicht, zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen (2:241). Wie ohne weiteres gesehen werden kann, wird das Geld des Mannes, der viele Verantwortlichkeiten hat, fortwährend aufgeteilt. Gott hat dem männlichen Kind eine Erbschaft doppelt so groß zugemessen, wie Er sie dem weiblichen Kind verteilt hat (4:11). Die Einzelheiten der Erbschaft können in den Versen 11-12 und 176 der Sure Die Frauen nachgelesen werden (beide Eltern erben ein Sechstel des Besitzes in gleichmäßigen Anteilen).

Die Position der Frau gemäß dem Koran

4:32 Ihr sollt nicht die Gleichstellungen, die Gott euch gegenseitig geschenkt hat, begehren. Die Männer sollen ihren Anteil nach ihrem Verdienst erhalten, und die Frauen sollen ihren Anteil nach ihrem Verdienst erhalten.

Wir können sehen, dass sowohl Männer als auch Frauen ihre entsprechenden Überlegenheiten besitzen; keine von ihnen sind dem anderen in einem absoluten Sinne überlegen. Zu sagen, dass der Mann der Frau in jeglicher Hinsicht überlegen ist oder eine absolute Gleichstellung der Geschlechter zu beanspruchen, ist irrational. Vers 4:32 deutet auf eine schöne Weise auf die gegenseitige, komplementäre Eigenschaft der Geschlechter hin. „Gott weiß sehr wohl, was Er erschaffen hat.“ Der Allwissende Gott hat alles nach Seiner vollkommenen Ordnung angelegt. Diese Ordnung wurde gesichert; manchmal durch die Auferlegung einer Vorschrift und manchmal durch die zielgerichtete Absenz davon. Die Anpassungsfähigkeit der Vorschriften des Koran gemäß Zeit, Kultur und Gemeinschaft verdankt seine Einheit den vorherrschenden Bedingungen dieser Flexibilität. Die traditionalistische Mentalität, die daran scheiterte, diese übernatürliche Vorgehensweise des Koran zu begreifen, hat die Unverfrorenheit besessen, Einschränkungen aufzuerlegen, die im Koran nicht vorhanden waren.

Überlegenheit wird nicht durch das Geschlecht, sondern durch die Verrichtung rechtschaffener Taten bestimmt

4:124 Wer aber rechtschaffene Werke vollbringt, sei es Mann oder Frau, und gläubig ist: sie werden den Himmel betreten und ihnen widerfährt nicht die geringste Ungerechtigkeit.

16:97 Wer auch immer, ob Mann oder Frau, Rechtschaffenheit ausübt und glaubt: diesem werden Wir gewiss ein schönes Leben im Diesseits bescheren und Wir werden ihnen den Lohn bestimmt für ihre rechtschaffenen Taten erstatten.

Das wahre Leben gemäß dem Koran ist das Leben des Jenseits. Das Leben dieser Welt ist nur eine kurze Reise, deren letztes Ziel das jenseitige Leben ist. Die Überlegenheit unter den Menschen wird durch gute Taten erreicht und keine Unterscheidung oder Diskriminierung wird zu Gunsten der männlichen im Vergleich zur weiblichen Bevölkerungen vorgenommen.