Koran

photo of a white muslim mosque

Das Wort ‚heilig‘

Eine der Herausforderungen beim Verstehen der Lesung (Koran) ist die Einordnung von Wörtern, wie dies bspw. beim Wort heilig deutlich wird. Ein korrektes Verständnis der Mehrdeutigkeit gewisser Wörter, aber auch der Bedeutungsunterschiede und klare Abgrenzungen sind wichtig. Grammatik und Semantik sind nur zwei Bereiche. Auch die Methodik des Interpretierens ist wesentlich.

Das Wort heilig wird im Alltag in verschiedener Form gebraucht wird: der heilige Koran, der heilige Prophet, der heilige Engel, heilige Menschen usw. Wie wird das Wort im Koran verwendet? Sollten wir dabei auf unsere Wortwahl achten, religiös gesehen?

Heilig auf Deutsch und Arabisch

Als religiöses Adjektiv bedeutet heilig auf Deutsch erhaben über alles Irdische, unantastbar, von Gottes Geist erfüllt, gottgeweiht und stammt wahrscheinlich vom althochdeutschen heilagheilīg ab, was wiederum geweiht, heilbringend, zum Heil bestimmt, fromm bedeutet. Eine weitere Ausgangsbedeutung kann jmdm. ausschließlich eigen, ganz, vollständig sein. So kann dann von heiliges Wesen, göttliche Vollkommenheit, Unantastbarkeit, Heiligkeit, Frömmigkeit, Heiligtum oder Sakrament die Rede sein.

Dadurch wird die Suche nach dem entsprechenden arabischen Wort schwierig. Wörter wie muqaddas (geheiligt) oder haram (verboten, tabuisiert, unantastbar) können auch diese oben beschriebene Bedeutungsvielfalt umfassen. In dem Sinne ist es auf Deutsch nicht falsch vom heiligen Propheten zu sprechen. Die Große Moschee von Mekka wird al-masdschid al-haram genannt. Das kann aber auch daran liegen, dass der Aufenthalt in dieser Moschee mit einem direkten Kriegs- und Kampfverbot verknüpft ist. Der Frieden in der Moschee ist also ein unantastbares Tabu. Generell haben Moscheen eine wichtige Bedeutung, da es den gläubigen Menschen untersagt ist sich in Moscheen aufzuhalten, die nicht für die Gerechtigkeit (qist, adalah) und Rechtschaffenheit (taqwa, sulh, birr), also den Weg Gottes (sabîlu-llah) einstehen (9:107-109).

Die arabische Wurzel für heilig

Klassisch wird die Konsonantengruppe qâf-dâl-sîn (q-d-s) als Ausgangswurzel genommen. In der Lesung (Deutsch für Koran) wird die Wurzel wie folgt verwendet:

  • Einmal in 2:30 als zweiter Verbstamm qaddasa, um Gottes Souveränität zu verehren
  • Dreimal (5:21, 20:12, 79:16) als passives Partizip des zweiten Verbstammes muqaddas/ah, um den geweihten Zustand eines Ortes zu betonen:
    • Zweimal als al-wâdi al-muqaddas = das geheiligte Tal (Tuwa)
    • Einmal al-ard al-muqaddasah = die geheiligte Erde
  • Viermal in Verbindung mit dem Geist der Heiligkeit (nicht Heiliger Geist): rûh al-qudûs
  • Zweimal als Gottesname al-quddûs: Der Heilige

So wird klar, dass auch in der Lesung semantische Bedeutungsnuancen des Wortes heilig verwendet werden im Sinne von ganz, ungeteilt, vollständig, vollkommen oder auch gesund.

Außerdem werden in arabischen Wörterbüchern wie dem Lisanu-l-‚arab (Die Sprache der Araber) für die Bedeutung des Begriffs muqaddas auch Umschreibungen wie mubârak (gesegnet) und mutahhar (rein, sauber) wiedergegeben. Diese beiden Eigenschaften werden direkt im Zusammenhang mit der Offenbarungsschrift erwähnt:

Dies ist ein Buch, das Wir zu dir hinabsandten, gesegnet, damit sie über seine Zeichen nachsinnen und damit die Einsichtigen es bedenken.
kitâbun anzalnâhu ilayka mubârakun liyaddabbarû ‚âyâtihi wa-l-yatadhakkara ‚ûlû l-albâb

38:29

Ein Gesandter von Gott, der gereinigte Blätter vorträgt
rasûlun min Allahi yatlû suhufan mutahharatan

98:2 Hanif-Übersetzung

Der Begriff gesegnet wird auch für Gesandte, Friede sei auf allen, gebraucht, z. B. in 19:31 oder 37:113; ebenfalls für Orte, z. B. in 23:29, oder auch für einen Baum als besondere Energiequelle in 24:35. Der Ausdruck rein oder gereinigt wird auch für Menschen gebraucht, siehe bspw. in 3:42, 3:55, 5:41, 8:11 oder besonders in 9:108.

Abgrenzung zur deutschen Sprache

Alles in allem hat zwar die Umschreibung heilig auch eine christliche Konnotation. Dennoch ist dieser Begriff auch im Sinne der Alltagssprache auch für die Lesung (Koran) und die Gesandten nicht fragwürdig. Im Alltag sagen wir ja auch Herr Abdullah. Aber im religiösen Sinne ist Gott allein unser aller wahrhaftiger rabb (Erhalter, Herr). Dennoch ist es auch religiös gesehen nicht falsch, Herr Abdullah zu sagen.

Muqaddas stellt ein passives Partizip des zweiten Verbstammes dar, bedeutet also geheiligt und nicht heilig. Aus gutem Grund wird der Geist der Heiligkeit mit qudus (قُدُس) erwähnt. Es ist sprachlich falsch hier vom Heiligen Geist zu reden, richtig ist der Geist der Heiligkeit. Gott wird mit Al-Quddûs (الْقُدُّوسُ), also der Heilige beschrieben. Die Engel heiligen Ihn direkt in 2:30 (nuqaddisu laka, kein Passiv). Das Land hingegen wird in passiver Form als geheiligt (muqaddas) beschrieben. Das Adjektiv heilig wird nirgends für irgendeinen Propheten oder Gesandten gebraucht im Koran. Der einzig Heilige und die Quelle aller Heiligkeit ist somit Allah, unser formloser, geschlechtsloser, unerschaffener Schöpfer.

Hier können wir einwenden, dass all dies sprachliche Spitzfindigkeiten sind. Dennoch finden wir diese wichtig, da kein Wort in der Lesung (Koran) zufällig gewählt ist. Aus demselben Grund sagen wir auch nur zu Gott mawlânâ (unser Beschützer, Meister, Verbündeter, Schutzpatron). Dieses Wort dient in der Alltagssprache im religiösen Kontext als Ehrentitel für Menschen. Sufis weltweit sagen zum Mystiker Rumi mevlana (türkische Schreibweise). Ebenfalls nennt man gewisse Religionsgelehrte in manchen Ländern so. In der Schrift kommt dieses Wort nur für Gott alleine vor.

Fazit

Synonyme aus den Wörterbüchern bedeuten nicht, dass diese Wörter miteinander gleichzusetzen sind. Linguistisch sollten wir also exakt bleiben. So ist haram auch nicht einfach heilig, sondern die Wurzel H-r-m hat in der Grundbedeutung mit einer Tabuisierung, z. B. im Sinne einer Unantastbarkeit zu tun. Aus dieser Grundbedeutung heraus entspringen dann Ableitungen wie haram (verboten, „tabuisiert, etwas zu tun/sagen/konsumieren“) oder hurma (z.B. Respekt, im Sinne von „es ist ein Tabu, respektlos zu sein“). Haram mit heilig gleichzusetzen führte zu merkwürdigen Widersprüchen, etwa dass Schweinefleisch dann auch plötzlich heilig sein könnte und deshalb nicht zu essen wäre. Die Haram-Moschee ist eine Moschee, bei der es laut Koran ein Tabu ist zu kriegen: ein Ort der spirituellen und körperlichen Unantastbarkeit.

Sprache ist jedoch nie absolut präzise und es gibt Überlappungen. Heil sein bedeutet in dem Sinne auch gesund und intakt sein – aber das ist dann wiederum eine Vermischung von deutschen und arabischen Sprachlichkeiten, die voneinander getrennt sind. Heilen oder heil sein ist nicht dasselbe wie heiligen. Heil sein im Sinne von gesund ist auf Arabisch eher unversehrt, also salîm (سَلِيم), da Unversehrtheit besser passt. Heilsam, heilend, gesund ist dann auf Arabisch eher sihhy (صِحِّي). So ist die HEILung auf Arabisch eher schifâ‘ (شِفَاءٌ).

Wichtig: Wir sagen nicht, dass es absolut unislamisch ist, wenn jemand das Wort heilig in einer anderen Form für sich in seinem Glauben verwendet. Sonst machen wir uns des Takfîrs schuldig, was schon ein Tabu an sich ist. Möge uns davor unser gnädige Schöpfer bewahren.

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Abtreibung im Islam ist Mord, WENN…

Wann beginnt das Leben? Und ab wann ist Abtreibung Mord? In der Gottergebenheit (Islam) können diese Fragen mit Hilfe der Lesung (Koran) erörtert werden. Ich zeige eine Möglichkeit auf diese Fragen Antworten zu finden.

Die Frage nach der Abtreibung kann sehr schnell und leicht die Gemüter erhitzen. Denn die Meinungen erhalten aufgrund individueller Umstände unterschiedliches Gewicht. Wir kennen aus dem Alltag, dass auch jedes Gesetz seine Ausnahmen oder Bedingungen hat. Dies gilt ebenso für sämtliche aus der Lesung abgeleiteten und dadurch als Interpretationen einzustufenden Regeln. Die eigene Kultur, unsere Sozialisierung, unser Bildungs- wie auch Wissensstand spielen eine große Rolle, wie wir welche Positionen erzeugen und einstufen. Die Lesung ist auch ein sehr ambiger Text, der jederzeit Vielfalt und ein ausgeklügeltes, differenziertes Verständnis erfordert und fördert. Eindeutigkeit kann hier höchstens eine Illusion der Sicherheit vermitteln. Sie ist also ein unerreichbares Unterfangen. Je nach Methodik und philosophischen Annahmen (Prämissen) werden unterschiedliche Ergebnisse erfolgen müssen.

Die Frage, ob Schwangerschaftsabbruch verboten ist, wurde nicht erst kürzlich relevant für muslimische Gläubige, ganz zu schweigen für die Gelehrten. Diese setzten sich mit solchen Themen aus allen möglichen Aspekten bereits intensiv auseinander. Fragen wie «wann beginnt das Leben?», «wie ist der Zusammenhang zwischen Seele, Geist und Körper?» und «wann werden die Körper beseelt?» führten zu unterschiedlichen Ansichten unter den Gelehrten. Wichtig ist hierbei die Anmerkung, dass diese (Rechts-)Gelehrten zumeist nicht Theologie im heutigen Sinne betreiben wollten. Sie waren in erster Linie Juristen. Um dogmatische Wahrheitsfindungen kümmerten sich vornehmlich die «Philosophinnen und Philosophen» (mutakallimūn). Es ging ihnen primär um eine systematische, analytische Anwendung der technischen Rechtsmethodik in der Scharīʿa. Diese ist in den Grundsätzen der heutigen europäischen Rechtsmethodik nahe. Dabei konnte ein und derselbe Gelehrte gleichzeitig oder zeitversetzt verschiedene juristische Urteile entwerfen und anwenden.

Für einige Gelehrten galt die Abtreibung ab dem ersten Tag der Schwangerschaft als Tötung einer Seele. Andere meinten wiederum, dass jeweils ab 40, 80 oder gar 120 Tagen erst die Schwangerschaftsunterbrechung oder Abtreibung als Mord verstanden werden kann und somit als verboten gilt. Für andere galt eine individuelle Abwägung, die in der einen Situation eine andere Regel benötigte als in einer neuen anderen Situation. Letzterer Position folge ich auch grundsätzlich. Eine klare Rechtsmeinung gab es nicht, geschweige denn einen Konsens (Idschmāʿ).

Ich möchte versuchen, aus der Lesung eine mögliche Position für eine sehr generalisierte Situation abzuleiten anhand der analytischen Koranhermeneutik, die ich in meinem Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran beschrieben habe. Dabei möchte ich betonen, dass das Ergebnis eine Richtschnur und kein absolut gültiges Gesetz für jede einzelne mögliche Situation darstellen soll. Der Koran leitet dazu an, sich stets differenzierter Gedanken zu machen und nicht bei einem einzelnen Ergebnis stehen zu bleiben. Das Leben ist Dank der kreativen Gunst und Liebe unseres Schöpfers voller Farben und nicht nur schwarz-weiss.

Zusammenhang zwischen Leben und Seele?

Wichtig sind die Definitionen der Worte wie Leben oder Seele. Ist das Töten von Leben dasselbe wie das Töten einer Seele? Bakterien können ebenfalls als Leben verstanden werden und somit auch ein Fötus, der sich lebendig weiterentwickelt. Jede Stammzelle kann als lebendiger Grundbaustein des Lebens verstanden werden, worin der genetische Code eines Menschen verzeichnet ist. Eine genetische Struktur zu haben bedeutet nicht eine Persönlichkeit mit einer Seele zu besitzen. Die Summe ist mehr als ihre Einzelteile.

Die Lesung unterscheidet zwischen Leben (ḥayāh) und Seele (nafs). Das Wort Seele ist nicht ganz passend, jedoch ist die Diskussion für einen anderen Artikel vorgesehen. Laut der Offenbarung sind ebenfalls Pflanzen und Tiere lebendig. Auch unser formloser, geschlechtsloser Gott ist der Lebendige (al-hayy). Dem Menschen wird jedoch eine besondere Beziehung zwischen Leben und Seele attestiert, indem uns vom göttlichen Geist (rūḥ) eingehaucht wird (15:29). Statt von Seele könnte man auch von einem besonderen Bewusstsein sprechen. Die Diskussion ist auf philosophischer Ebene sehr schwierig, da es naturwissenschaftlich-philosophische Argumente für ein komplexes Bewusstsein auch bei Tieren mit Wirbelsäulen und einem vegetativen Nervensystem gibt.

Durch die in der Lesung dargelegten Unterschiede erhalten die Menschen nun die Erlaubnis, sich Pflanzen oder Tiere zu Nutze oder «dienstbar» zu machen (22:37, 31:20). Das Töten von Tieren zum Verzehr von Fleisch wird beispielsweise nicht als Mord eingestuft. Dies heißt nicht, dass der Mensch mit der Umwelt und den Mitgeschöpfen blind verfahren kann, wie er möchte. Umweltschutz und Sorge zur Umwelt und den Geschöpfen sind aus vielen anderen Gründen auch gottergebene (islamische) Pflichten. Da die Berücksichtigung individueller Umstände in einem allgemeinen Prinzip unmöglich bleiben wird, ist das Recht nach Selbstbestimmung eines der wichtigsten Prinzipien:

Kein Zwang in der (gottergebenen) Lebensweise. […]

2:256

Eine gläubige Person wird in ihrem Gottvertrauen immer wieder geprüft und hat deshalb zu erlernen, wie dieses auch in schwierigen Situationen aufrechterhalten werden kann. Sie kann nicht Vertrauen und Verständnis in Gott und seine Gebote durch Zwang aufbauen. Vertrauen und Zwang schliessen sich aus.

Was ist Mord?

Mord ist im Koran der ungesetzliche, ungerechte, unethische Akt der Tötung eines Menschen. Mord ist also das Beenden einer menschlichen körperlichen und seelischen Verbindung.

Gott beruft die Seelen zur Zeit ihres Todes ab, und auch die, die nicht gestorben sind, während ihres Schlafs. Er hält die eine (Seele), für die Er den Tod beschlossen hat, zurück, und Er entsendet die andere auf eine bestimmte Frist (zurück in ihre Körper). Darin sind Zeichen für Leute, die nachdenken.

39:42

Aus diesem Vers ist erkennbar, dass im Schlaf unsere Seele oder unser Selbst (nafs) temporär an einen anderen Ort geht. Die Seele ist also nicht der Körper selbst, der in der physischen, diesseitigen Dimension verbleibt. Die Seele kostet dabei den Tod (3:185), wenn der Körper stirbt. Aber wenn der Körper noch intakt genug ist, wenn er also nicht tödlich verletzt ist, kann ein Körper auch ohne Seele weiter funktionieren. Von einigen wird hier spekulativ das Beispiel von Jesus angeführt, dessen Seele zumindest nicht mehr im Körper war, als sein Körper gekreuzigt wurde (4:157).

Aus diesem Grund schrieben Wir den Kindern Israels vor: Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet. […]

5:32

Eine Person (Nafs) oder Seele ohne irgendeine Rechtsgrundlage, etwa bei Selbstverteidigungskriegen, Notwehr oder Notwehrhilfe, zu töten, ist eine enorme Sünde. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mensch gläubig ist oder nicht, welcher Nation oder welchem Stamm er angehört und wie alt er ist. Jede Seele ist gleich wertvoll. Wenn das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter als «Seele» gilt, ist auch die Abtreibung als Ermordung einer Seele aufzufassen. Dies ist die wesentliche, relevante koranische Argumentation, was die Abtreibung betrifft. Dies könnte selbst die pränatale Diagnostik tangieren.

Leben beherbergen bedeutet also nicht notwendigerweise eine Seele zu besitzen. Ein Körper ist nicht die Persönlichkeit oder die Seele selbst. Die Empfängnis beim Sex kann demnach so betrachtet werden, dass Leben bereits bei der Befruchtung entsteht. Die nun essenzielle Frage ist, wann dieses Leben und dieser Organismus beseelt werden.

Gott verurteilt das Töten Neugeborener

Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung! Wir versorgen sie und euch (mit Lebensunterhalt). Gewiss, sie zu töten ist eine schwere Verfehlung.

17:31

Der historische Rahmen des angeführten Verses, der ähnlich in 6:151 wiederholt wird, greift der Text wiederum selbst auf. Gewisse Araber töteten damals leider ihre Kinder kurz nach der Geburt aus Scham und Kummer, nachdem sie sahen, dass Mädchen zur Welt kamen (16:58-59). Der Koran verurteilt und verbietet diese Praxis und betont, dass Gott für uns und andere sorgt (6:152).

Einige nehmen diese Verse als Grundlage, dass bereits das Embryo in der Gebärmutter damit gemeint sein müsse. Das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter ist jedoch in dem Sinne noch ein Ungeborenes. Auf Arabisch bedeutet walada gebären oder zur Welt bringen und al-walad (pl. awlād) bedeutet wörtlich der Geborene, was im Vers vorkommt. Es ist demnach unsinnig davon zu sprechen, ein Geborenes in der Gebärmutter zu tragen.

Auf Arabisch wird für Fötus dschanīn (pl. adschinna, vgl. 53:32) mit der sinngemässen Bedeutung umschirmt oder umhüllt verwendet. Ebenfalls werden Wörter wie ʿalaqah (Embryo) oder muḍghah (Klumpen/Fötus) im Koran verwendet (22:5), um den Zustand des Geborenseins von der Entwicklung in der Gebärmutter zu unterscheiden. Ein Fötus ist im allgemeinen Sinne eine körperliche Bürde oder Traglast (ḥaml, vgl. 22:2).

Hier könnte eingewandt werden, dass in der Lesung Maria ein Sohn (Jesus) versprochen wird und dabei das Wort walad vorkommt (vgl. 3:47). Dieser Vers prophezeit einen Sohn, der definitiv zur Welt kommen soll. Damit wird sprachlich und rhetorisch der Umstand bestärkt, dass die Geburt nach der Schwangerschaft garantiert wird.

Die Beseelung geschieht nicht mit der Empfängnis

Die Lesung (Koran) kann so gedeutet werden, dass die Beseelung des Lebewesens erst nach einer gewissen Phase in der Gebärmutter geschieht.

Dann schufen Wir den Tropfen (Sperma) zu einem Embryo, und Wir schufen den Embryo zu einem Fötus, und Wir schufen den Fötus zu Knochen. Währenddessen bekleideten wir die Knochen mit Fleisch. Dann liessen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Gott ist gesegnet, der beste aller Schöpfer!

23:14

Dieser Vers betont die verschiedenen Stufen der Schöpfungsentwicklung im Uterus. Der Koran als ein nicht medizinisch-biologischer Text vereinfacht die Embryologie. Er verpackt komplexeste und detaillierteste Vorgänge in für die Allgemeinheit verständlichen Bildern. Wir haben also vier Phasen der Entwicklung:

  1. Sperma
  2. Embryo
  3. Fötus
    • Entwicklung der Knochen und Umhüllung dieser mit Fleisch
  4. Eine weitere, neue Schöpfung

Daraus ist ableitbar, dass eine neue Schöpfung nicht bereits mit der Empfängnis entsteht. Das Embryo als sich entwickelnder biologischer Organismus ist noch keine Person. Irgendwann in der fötalen Phase erscheint also die Seele.

Der nächste Vers teilt uns mit, dass die gesamte Periode der Schwangerschaft (haml) wie auch des Stillens dreissig Monate andauert.

Und Wir haben dem Menschen aufgetragen, seine Eltern gut zu behandeln. Seine Mutter hat ihn in Angestrengtheit getragen und in Angestrengtheit zur Welt gebracht. Die Zeit von der Schwangerschaft bis zur Entwöhnung beträgt dreissig Monate. […]

46:15

Der nächste Vers beschreibt die maximale Dauer des Stillens als zwei volle Jahre, also 24 Monate.

Und die Mütter stillen ihre Kinder zwei volle Jahre, falls jemand das Stillen vollenden möchte. […]

2:233

In Kombination beider Verse können wir ableiten, dass die Schwangerschaftsdauer für die Seele 30 minus 24 Monate, also sechs Monate dauert. Eine Schwangerschaft nach der Empfängnis dauert gewöhnlich, Ausnahmefälle nicht mitberücksichtigt, etwa 38 Wochen. Je nach Definition in der Literatur können dies 266 bis 268 Tage sein.

Also ist die Dauer der Schwangerschaft, in der noch keine Seele in der Gebärmutter ist, 266 minus 180 Tage (sechs Monate), also 86 Tage. Anders gesagt ist das Ungeborene in der Gebärmutter in den ersten 86 Tagen nach der Empfängnis noch keine Seele.

Diese Zeitspanne ist meines Erachtens eine Gnade, die Gott uns geschenkt hat. Unser Schöpfer kennt uns, der natürlich um traumatische Erfahrungen wie Vergewaltigungen und Inzest Bescheid weiß. Er gesteht uns so eine gewisse und doch große Autonomie zu im Umgang mit unseren Körpern und im selbstbestimmten Umgang mit traumatischen Erlebnissen.

Sofern das Leben der Mutter während einer Schwangerschaft gefährdet ist, auch nach dem ersten Trimester, gelten dann wieder andere Grundlagen zur Entscheidungsfindung, da diese Situation andere Voraussetzungen liefert als der Verlauf einer gewöhnlichen Schwangerschaft. Die Diskussion dieser und auch anderer Fälle mit anderen Ausgangslagen muss also gesondert zur Abtreibung geführt werden.

Zusammengefasst erhalten wir:

  • Der Koran verurteilt Infantizide (6:151, 16:58-59, 17:31) und ebenso ist die Tötung einer Seele eine grosse Sünde (5:32).
  • Die Seele ist nicht mit einer körperlichen Form gleichzusetzen (39:42).
  • Erst ab einem gewissen Zeitpunkt innerhalb der fötalen Phase erscheint die Seele und eine neue Person wird erschaffen (22:5, 23:14).
  • Die Leibesfrucht in der Gebärmutter ist in den ersten 12 Wochen noch keine «Person» oder «Seele», in dem Sinne noch kein «Mensch».
  • Die Selbstbestimmung steht im Vordergrund (2:256).

Es ist besser, das Kind auszutragen, aber …

Somit ist die Abtreibung erst dann ein Mord, wenn sie nach dem ersten Trimester stattfindet. Ich persönlich empfehle oder schlage Abtreibung generell nicht vor. Ich bin auch der Überzeugung, dass die Abtreibung als eine Option für schwere Fälle verbleiben soll, besonders für Opfer traumatischer Verhältnisse wie etwa Vergewaltigung oder Zwangsbefruchtung. Gott kennt und versorgt uns, ist uns näher als unsere Halsschlagader (50:16). Er weiß, dass das Vertrauen in Ihn die Voraussetzung dafür ist, auch in schwierigen Situationen der gottergebenen Lebensweise (dīn) zu entsprechen. Für die Schwangerschaft oder ihre Unterbrechung bedeutet dies: Es ist besser, das Kind auszutragen, aber das setzt besonders in schwierigen Situationen Gottesvertrauen (tawakkul) und Sicherheit im Herzen (ʾīmān) voraus.

Kein Mensch hat das Recht, andere dafür zu verurteilen, wenn dieses Vertrauen noch nicht entstehen konnte. Wir sind keine Maschinen im Glauben. Gott liebt und vergibt uns mit all unseren Fehlern. Umgekehrt ist die Gesellschaft verpflichtet, Situationen zu schaffen, die das Vertrauen zumindest auf juristischer, materieller, psychisch-sozialer Ebene herstellen. Das heißt: keine Verurteilung, Herabsetzung, Verspottung der Schwangeren, die es nicht geschafft hätten zu verhüten und nur auf ihren eigenen Spass aus gewesen seien und ähnliche Argumentationsmuster. Ebenso wenig dürfen wir Bildungschancen sowie finanzielle Sicherung versperren.

Letztlich ist die Entscheidung aber eine Sache zwischen der betroffenen Frau und Gott. Dem Partner bleibt nichts anderes übrig als sich beratend liebevoll zur Seite zu stellen und bei einer Uneinigkeit die Trennung bzw. Scheidung als letzte Konsequenz zu nehmen, wenn die Differenzen unüberbrückbar sind.

Und Gott weiß es besser.

Supernova N49 (NASA, Chandra, 11/29/2006)

Der Lichtvers (24:35)

Bismillah al Rahman al Raheem

Wie eine Umarmung und mit der Strahlkraft einer Supernova steht diese Aya Kraft spendend, tröstend und erhellend, neben den anderen Ayat herausstechend, in dieser Sure – zutiefst ästhetisch, mystisch und wortgewaltig.

Allah allein ist es, der das dunkle Nichts durch Licht und Sinn belebt.

Der Vers dringt in die Tiefe des Islams ein – Allah, der die Dunkelheit von uns nimmt und Geist und Seele der nach Ihm Suchenden mit dem Licht der Einsicht und Erkenntnis füllt, der den auf dunklem Weg Suchenden oder vom Weg Abgeirrten immer ein Licht zur Leitung aufstellt, aber auch der, der es vermag, das Verschlossenste in uns ans Licht zu bringen.

Seiner Leitung können wir uns anvertrauen, und Seinem Licht bleibt nichts verborgen.

Aber Licht erhellt nicht nur – es wärmt auch. So ist das Licht auch als Allahs unendliche, wärmende Liebe zu deuten, in die Er uns in Seiner unbegrenzten Gnade und Barmherzigkeit hüllt – den Trauernden und Verzweifelten ein Trost.

Ist Allah nicht der beste Beschützer? Und ist Allah nicht der beste Versorger?

Dann können wir vermuten, dass das einem funkelnden Stern gleichende Glas, von welchem das Licht geschützt wird, Sinnbild für den Schutz des nie endenden Lichtes, der Liebe zu Seiner Schöpfung ist.

Das Öl könnte als Symbol für Allah als eine unerschöpfliche Quelle der Versorgung stehen. Eine unerschöpfliche Quelle der Liebe, aus welcher das Licht sich speist.

Und wofür steht dieser „Ölbaum, nicht östlich, nicht westlich“?

Dürfen wir Gläubige hoffen, dass auch wir damit gemeint sein könnten, die wir Allahs Liebe und Licht erfahren und es so gut wir es vermögen durch Hingabe im Gebet an Gott und durch Aufmerksamkeit unseren Geschwistern und der Schöpfung insgesamt gegenüber Ihm Sein Licht reflektieren – und vielleicht helfen dürfen, das Licht zu entzünden?

Auch im Juden- und Christentum kommt dem Licht eine große Bedeutung zu … „nicht östlich, nicht westlich“ … vielleicht die größte Interaktion zwischen Gott und denen, die an Ihn glauben und Ihm dienen … Gottergebene aller Religionen.

Lasst uns Allahs Licht und Leitung wertschätzen und genießen, Ihm dafür danken, und lasst Sein Licht durch jeden Einzelnen von uns hell strahlen!

Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne daß das Feuer es berührt hätte. Licht über Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.

Koran 24:35 – Übersetzung nach Khoury
photo of person praying indoors

Bismillah: Wieso sagen wir IM Namen Gottes?

Vielleicht hast Du Dir diese Frage schon mal gestellt, ob wir mit der Basmalah, bismillah, nicht übergriffig sind in unserer Haltung? Ich glaube, dass diese Sorge eine generell wichtige Eigenschaft ist in der Suche nach Gottes Liebe und Licht. Tatsächlich, wie können wir IM Namen Gottes überhaupt etwas beginnen, selbst wenn die Tat selbst rein sein sollte? Stellvertretend für Gott handeln wollen? All diese Gedanken mögen aufkommen. Die Basmalah, in der Nennung des einen Souveränen, ist somit sprachlich genauer zu verstehen, denn die Präposition bi hat auf Arabisch je nach Kontext viele verschiedene Bedeutungen. Bi kann in, mit, durch, bei, zu bedeuten, deshalb übersetze ich lā ḥawla wa lā quwwata illa billāh in meinem Gebet auch mit: Kein Wandel und keine Kraft außer mit, durch, bei und in Gott. Dadurch werde ich dieser sprachlichen Ambivalenz und diesem seelischen Reichtum gerecht im Gebet.

Andere Möglichkeiten bismillah zu verstehen?

Auch bei der Basmalah könnten wir sagen: In, mit, bei dem Namen Gottes – oder gar durch den Namen Gottes. Jede Variante kann theologisch oder auch symbolisch korrekt im Sinne des Korans gedeutet werden. Aber wir müssen die sprachlichen Regeln beachten. Wenn man sich auf jemanden berufen will und dabei das Wort „Name“ benutzen möchte, und zwar auch im Sinne im Auftrag, dann lautet die semantisch richtige Wortverbindung im Namen, also etwa im Namen Gottes oder im Namen des Volkes. Das hat jedoch nicht zwingend etwas mit einer Stellvertretung oder Amtsanmassung zu tun. Damit ist immer noch möglich, dass der Auftrag falsch verstanden und ausgeführt wurde.

So bedeutet Bismillah in etwa: Ich beginne eine Handlung begleitet von Gott oder ich fange an und bitte um Unterstützung und Segen von Gott, wobei zusätzlich anzumerken ist, dass ich Unterstützung von Gott erbitten kann, aber nicht von Seinem Namen. Deshalb kann die Basmalah sprachlich nicht mit mit/bei/… dem Namen Gottes übersetzt werden. Sage ich also auf Arabisch bismillah, dann übersetzen wir das mit im Namen Gottes, meinen auf Deutsch etwas ähnliches wie im Bewusstsein der helfenden Gegenwart Gottes. So hoffe ich dabei, dass Gott mein Gebet erhört und bei mir ist.

Andere Präpositionen könnten genauso wie in weitere Fragen aufwerfen, weil die Sprache an sich niemals wie etwa die Mathematik eindeutig und präzise ist, sondern stets eine Unschärfe mitträgt. Diese Unschärfe ist meines Erachtens auch wesentlich für eine transzendentale Erfahrung. Wenn wir z.B. mit nehmen, also mit dem Namen Gottes, ist dann natürlich beim Gebet auch nicht gemeint, dass man mit Gott (zusammen) betet, denn wir beten zu Ihm.

Wie kommt die Basmalah im Koran vor?

  • Die eröffnende Sure – Al-Fatiha / Am Anfang jeder Sura (ohne Sura 9)
    1:1 Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen
  • Gott begleitet die Fahrt der Arche Noahs:
    11:41 Und er sprach: «Steiget hinein! Im Namen Gottes ist ihre Ausfahrt und ihre Landung. Mein Herr ist wahrlich allverzeihend, barmherzig.»
  • Salomos Brief:
    27:30 Er ist von Salomo, und er ist: „Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.
  • Gott lobpreisen:
    fa-sabbiḥ bismi rabbika al-adhīm 56:74, 56:96, 69:52 (genau identisch in der Wortwahl)
    So preise den Namen deines gewaltigen Herrn
    Zaidan übersetzt wie folgt: So lobpreise mit dem allerhabenen Namen deines HERRN!
    Oder auch möglich, wenn richtig verstanden: So preise im Namen deines gewaltigen Herrn.
  • Lesen, studieren, begreifen, reflektieren, Wissen aneignen:
    96:1 Lies, im Namen deines Herrn, der erschuf!

Also nicht nur Briefe/Mails schreiben, den Koran lesen oder Gebete zelebrieren mit der Basmalah am Anfang, sondern überhaupt alles mit Bismillah lesen, beginnen und verinnerlichen.

Die Gegenwart Gottes begleitet uns immer und mit der Basmalah werden wir uns dessen mit einer sehr einfachen Formel wieder bewusst.

Eine nahe Aufnahme einer pinken Lotusblüte auf grünen Blättern.
Kerem A. und Adis U.

Im Einsatz für ein aufgeklärtes Verständnis des Islams

Muslime kennen ihre Religion zu wenig und folgen oft unkritisch religiösen Autoritäten, finden Kerem Adıgüzel und Adis Ugljanin. Mit ihrem Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» wollen sie das ändern. Zweimal pro Monat treffen sich Männer und Frauen in Schlieren ZH zur Korandiskussion. Alle sind willkommen, auch Andersgläubige.

Zuerst ein Gebet. Die kleine Gruppe kniet nebeneinander auf Gebetsteppichen Richtung Mekka und ruft Allah an, drei Frauen und zwei Männer, nebeneinander. Danach setzen sie sich im Kreis auf den Boden, jeder mit einem aufgeschlagenen Koran in der Hand und einer Tasse Tee vor sich. Kerem Adıgüzel bittet eine der Frauen vorzulesen, wo sie vorangegangenes Mal aufgehört hatten, bei der Sure 37, Vers 112. Es geht um Abraham und Isaak, die auch im Koran eine Rolle spielen.

Lesen auf:
https://www.migrosmagazin.ch/im-einsatz-fuer-einen-aufgekl%C3%A4rten-islam

Foto von Katajun Amirpur

Wie der Islam neu gedacht werden kann

Foto von Katajun Amirpur

Katajun Amirpur. (Bild: Georg Lukas)

Die vielfältig interpretierte Religion des «Islam» ist in den Medien ein politisches Dauerthema. Das 2013 erschienene Buch Den Islam neu denken von Katajun Amirpur, die als erste Professorin für Islamische Theologie an der Universität Hamburg tätig war und nun in Köln arbeitet, versucht der ganzen Debatte zu mehr theologischer Tiefe aus der «Reformsicht» zu verhelfen und zeigt auf, dass die Politisierung des Koran von vielen Intellektuellen mit «neuen Ansätzen einer muslimischen Theologie» ersetzt worden sind.

Dies erreicht Amirpur, indem sie sunnitische wie auch schiitische zeitgenössische Reformdenker spannend porträtiert und ihre wichtigsten theologischen Positionen pointiert zusammenfasst. Für Nichtmuslime wird wahrscheinlich erst nach der Lektüre des Buches gänzlich verständlich, was der Untertitel des Buches meint, wenn vom «Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte» die Rede ist. Die Reformdenker meinen mit dem «Dschihad» das Bemühen, sich auf den aktiven Weg zu Gott zu machen und dass Demokratie, Freiheit und Frauenrechte islamisch motivierte Voraussetzungen dafür sein können.

Und Gott weiss es besser

Die Autorin zeigt gleich zu Beginn auf, dass es das Anliegen der modernen Reformtheorien ist, nicht nur eine einzige Lesart als gültig zu erklären. Dies lässt sich nicht besser darstellen als am islamischen Ausspruch «allāhu ʾaʿlam», Arabisch für «Gott weiss es besser». Denn «letztlich weiss doch nur Gott» ganz genau, was mit seinen Worten gemeint ist. Menschen versuchen lediglich aus verschiedenen Blickwinkeln der Bedeutung näher zu kommen.

Amirpur beginnt damit, dass ihrer Meinung nach der Reformislam seinen Ursprung bei al-Afghani und Raschid Rida hat, die glaubten, «der ‹reine› und ‹unverfälschte› Islam» habe «alle Antworten auf die Fragen der Moderne». Diese Haltung wurde später von Salafisten wieder aufgegriffen und politisiert.

Das Buch schwächelt zu Beginn leicht, wenn eine Persönlichkeit wie ʿAbd ar-Rāziq, der ebenso wie Rida ein Schüler Muhammad Abduhs war, als geistiger Vater des islamischen Säkularismus betrachtet werden kann und das Kalifat als schädlich ansah, im Kapitel Säkularismus und Islamismus zu kurz erwähnt wird. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Ridas Ideen politisch breitere Wirkung entfalteten, insbesondere beim Gründer der Muslimbrüder Hasan al-Bannā.

Sechs menschliche Blickwinkel

Nachdem wichtige Begriffe wie «Reformislam» oder «islamischer Feminismus» erläutert werden, durchleuchtet Amirpur sechs Persönlichkeiten näher. Sie beginnt mit Nasr Hamid Abu Zaid, der von einer «dialektischen Beziehung zwischen dem Korantext und seinen Adressaten» ausgeht. Des Öfteren wird der historische Kontext betont, den es zu berücksichtigen gelte. Dieser erhält beim anschliessenden Portrait von Fazlur Rahman am meisten Gewicht. Hier entsteht der Eindruck, dass die Autorin besonders um eine möglichst deskriptive Vorgehensweise bemüht ist und selten bis gar nicht eigene Gedanken einfliessen lässt.

Auch scheint der Ansatz des historisch-kritischen Kontexts unkritisch wiedergegeben zu werden. Denn dieser ist mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, die meistens qualitativ schwach sind, schwer zu rekonstruieren. Deshalb bleibt die Frage offen, wie denn dieser Kontext ermittelt werden soll, wenn man sich beispielsweise auf den Gelehrten al-Wāhidī (st. 1075) beruft und höchstens zehn Prozent des Korans mit Offenbarungsanlässen (asbāb an-nuzūl), die uns den vermutlichen historischen Grund für die Verkündung eines Koranverses erklären sollen, beschrieben werden können. Solcherart Fragen bleiben glücklicherweise nur vereinzelt offen am Ende des Buches.

Zwei kluge Frauen werden näher betrachtet, Amina Wadud und Asma Barlas, die beide mit ihren theologischen Arbeiten teilweise neue Lesarten entwickelten. Zum Beispiel gelangt Asma Barlas mit ihrem «Foundationalism» zur Ansicht, dass Geschlechtergerechtigkeit im Koran verwurzelt ist. Besonders dieser Teil des Buches ist spannend, werden hier doch konkrete, theologische Ansätze für eine feminin motivierte Befreiungstheologie geliefert, wodurch Musliminnen aus patriarchalischen Strukturen vor allem koranisch begründet ausbrechen können.

Buchdeckel Den Islam neu DenkenEine Gemeinsamkeit aller sunnitischen Denkerinnen und Denker ist die kritische Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Überlieferungen, den «Hadithen», die nachträglich dem Propheten als Aussprüche zugeschrieben wurden. Hier ist man sich einig, dass man vor allem zuerst koranisch argumentieren müsse. Besonders Asma Barlas formuliert dies deutlich, da es «mehr Probleme für Frauen schafft, als dass es welche löst, wenn man die Sunna und die Hadithe heranzieht, um den Koran zu interpretieren.»

Ein Buch für Muslime wie Nichtmuslime

Nicht-arabische Menschen haben es in dieser Diskussion nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. Auch Abu Zaid ist sich dessen bewusst, betont aber, dass neue Ansätze gerade von Nicht-Arabern kämen. Amirpur zitiert ihn wie folgt: «Das Neue kommt von der Peripherie». Insofern sind die schiitisch-iranisch geprägten Fragestellungen, mit denen sich Abdolkarim Soroush und Mohammad Mojtahed Shabestari beschäftigten, auch allgemein bedeutsam für die muslimische Theologie. Dabei wirkt es zunächst überraschend, dass protestantische deutsche Denker wie Karl Barth oder Paul Tillich den Schiiten Shabestari in seiner Lehre, die für einen spirituellen und gegen einen «Rechtsislam» steht, beeinflussten.

Es ist Amirpur als grosses Verdienst anzurechnen, dass man durch ihr Buch die prägnant zusammengefassten Ansichten von weit mehr als sechs Denkerinnen und Denkern kennenlernen kann. Die darin vorgestellten Ideen verbreiten sich immer weiter in der islamischen Welt, weshalb es wichtig ist, diese Entwicklungen zu kennen und zu verfolgen. Denn wenn auch die Verbreitung voranzuschreiten scheint, so müssen die muslimischen wie nicht-muslimischen Gebildeten hierzulande wissen, wer unter ihnen besonders auf unsere Solidarität und Unterstützung angewiesen ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf saiten.ch.

Mein Weg zur Gottergebenheit #8 – „Bei vielem dachte ich mir: ‚Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion'“

Diana, 21 Jahre alt

Schon als Kind war ich spirituell angehaucht. Damals noch als Christin, habe ich abends zu Gott gesprochen und gebetet. Mir war das immer sehr wichtig, deshalb wollte ich den serbisch-orthodoxen Religionsunterricht meiner Schule besuchen.

Er machte mir zwar Spaß, aber bei vielem dachte ich mir: „Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion!“

Ich verstand nicht, warum wir nie in der Bibel gelesen haben, sondern nur Dinge besprochen haben, die Tradition sind. Nach und nach entfernte ich mich vom Glauben und wurde irgendwann Atheistin.

Religionen haben mich trotzdem immer sehr interessiert. Durch die Vielfalt in Österreich hatte ich die Möglichkeit viele Religionen und durch meine beste Freundin den Islam kennen zu lernen.
Eins muss ich kurz erwähnen: Durch meine kroatisch-bosnisch/serbische Herkunft hatte ich leider nicht den besten Zugang zum Islam.

Da ich einen anti-faschistischen Touch hatte und habe, war mir das immer egal, wer woher kommt und an was wer glaubt. Ich wollte jede brauchbare Information aufsaugen, die ich bekommen konnte.
Und so beschäftigte ich mich intensiv mit dem Islam und beschloss einen Ramadan lang zu fasten und den Koran zu lesen und zwar ohne jegliche Vorurteile, um ihn so gut es geht mit offenem Herzen und offenen Gedanken verstehen zu können.
Während ich las, fühlte ich mich als ob mir eine Last von den Schultern fallen würde, ich weinte fast nach jeder Sure. Ich war froh Atheistin gewesen zu sein, weil mich das im Endeffekt Gott immer näher gebracht hat, ich habe meinen Glauben wieder erlangt und fühlte mich nun vollkommen. Dieses Stück, das mir im Leben immer gefehlt hat, habe ich wieder gefunden.

Jetzt wollte ich als Revertitin natürlich mein möglichst Bestes geben, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, deswegen versuchte ich mein Wissen mit Hadithen zu erweitern. Irgendwie haben diese aber nicht mit meinem Eindruck vom Koran übereingestimmt. Besonders der Hadith, der das Zupfen von Augenbrauen verbietet, war mir nicht ganz geheuer. Was hat Gott gegen gezupfte Augenbrauen? Wieso ist das relevant? Also wollte ich die Quelle von diesem Hadith herausfinden, aber das einzige, was mir aufgefallen war, war dass es diesen Hadith in etwa hundert verschiedenen Ausführungen gibt. Warum sollte ich etwas befolgen, was nicht im Koran steht und zudem irgendwie suspekt klingt?
Also machte ich mich auf die Suche nach Antworten. Dass Hadithe schlichtweg keine Quelle der Gottergebenheit (Islam) sind, ist mir nie in den Sinn gekommen – bis ich auf alrahman.de gestoßen bin. Ich war froh, dass ich nicht die Einzige war, die so dachte!

Alle Antworten, die man braucht, findet man im Koran. Durch den Koran habe ich den Glauben zu Gott wiedergefunden und der Koran ist die einzige Quelle des Islams.

6:125 Wen Gott aber rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für die Gottergebenheit; und wen Er in die Irre gehen lassen will, dem macht Er die Brust eng und bedrückt, wie wenn er in den Himmel emporsteigen würde.

Mein Weg zur Gottergebenheit #7 – „Vielleicht bin ich im Herzen Muslimin?“

Kerstin, 54 Jahre alt – „Vielleicht bin ich im Herzen Muslimin?“

Ich bin getauft unter der katholischen Kirche, also Christin. Leider, oder Gott sei Dank, wurde ich nie wirklich in die katholische Religion eingeführt, da meine Mutter Atheistin ist.

Im Religionsunterricht war ich immer leicht irritiert durch die Lehren, obwohl es ein wirklich liberaler Lehrer war, der damals schon erklärte, dass Jesus nicht der Sohn Gottes im herkömmlichen Sinn ist. Alles andere, was ich sonst von den Katholiken hörte, war mir zu fern von dem, was mein Hirn erfassen konnte. Ich dachte, ich wäre zu blöd, um das zu verstehen, weil sich mein Verstand keinerlei Mühe gab, es verstehen zu wollen.

Einige Jahre lang war Gott kein Gegenstand meines Bewusstseins. Dann gab es eine sehr schlechte Zeit in meinem Leben, von Hunger bis Mittellosigkeit war da alles dabei. Ich wandte mich an die katholische Kirche und bat um Hilfe, sie wurde mir aber verwehrt. Da fing ich an mich mit dem Glauben auseinanderzusetzen und fand heraus, dass der katholische Glaube absolut gegen meine Überzeugung geht. Schließlich bin ich aus der Kirche ausgetreten und spendete einen Teil meiner ehemaligen Kirchensteuer an den Tierschutz.

Dass es Gott gibt, war aber nie eine Frage. Durch meine regelmäßigen Besuche in Ägypten und die freundliche, herzliche Art der Einwohner fing ich an mich mit dem Koran zu befassen. Nun werfen auch Koranübersetzungen mehr Fragen als Antworten auf und ich fragte Muslime, zu den mir unverständlichen Absätzen. Hadithe waren nie ein Thema bei meiner Suche und ich war immer schon verwundert, dass ich diese nirgendwo im Koran fand, bis mir einer mal erklärte was Hadithe sind. Wenig begeistert fragte ich, warum es die überhaupt gibt, wenn doch der Koran alles beinhaltet? Die Antworten waren noch verwunderlicher, also schmiss ich das Thema Hadithe gleich wieder über Bord.

Gott hatte schon immer einen festen Bestand in meinem Leben, da ich viele Erfahrungen machen durfte, die es mir beweisen. Heute gehöre ich keiner Buchreligion an, aber sehe den Koran als Unterstützung. Mir wurde bei meiner Suche bewusst, dass Gott in mir und um mich herum existiert. Das wenn mein Inneres mich warnt, es Gott ist, der mich warnt.

Ich spüre ihn im Herzen und er beantwortet mir sehr oft meine Fragen, nicht alle, aber doch sehr viele. Was mich abhält mich einer Buchreligion voll und ganz hin zu geben, sind die Menschen, die sie schlecht machen.

Dank alrahman.de bin ich aber näher an einer Buchreligion als bisher. Das kann ich verstehen, das öffnet mir das Herz und das ergibt für mich Sinn. Vielleicht bin ich im Herzen mehr Muslimin, als ich mir selbst eingestehen will?

Mein Weg zur Gottergebenheit #6 – „Ich dachte zuerst an Adnan Oktar und seine Miezekätzchen!“

Oguz, 42 Jahre

Jeder kennt, denke ich, diese „Film – Sequenzen“, die man als Erinnerung kennt. Ich habe viele dieser Erinnerungen aus meiner Kindheit, Jugendzeit und Erwachsenen-Zeit. Viele dieser Erinnerungen sind emotional behaftet, manche positiv und manche negativ. Als Teenie habe ich im Religionsunterricht oft über Gott nachgedacht (ich war auf einer streng katholischen Schule) und dachte mir, warum beten die Christen immer diesen Jesus am Kreuz an, der neben der Tür im Klassenzimmer hängt. Jeden Morgen vor dem Unterrichtsbeginn gab es das Vater-Unser.

Des Weiteren musste ich zum Gottesdienst mit der Schule, jeden Dienstagmorgen, dann auch noch an allen christlichen Feiertagen, sechs Jahre lang. Im Reli-Unterricht haben wir aus der Bibel gelesen. Hat es mir geschadet? Bin ich heute ein Christ? Nein, weder ist aus mir ein Christ geworden, noch hat es mir geschadet. Ganz im Gegenteil, ich kann sagen, es hat mich bereichert.

Mit dreizehn Jahren hat mich meine Mutter zum Koran-Unterricht angemeldet, bei Emir Hoca, in der Moschee bei uns um die Ecke. Und ja es war grauenhaft. Ich habe einen von Gott geschenkten natürlichen Gerechtigkeitssinn, also wurde ich sehr bald wütend über die „pädagogisch wertvollen“ Lehren des Hocas. Mich hat der Hoca in Ruhe gelassen, ich hatte wohl Welpen-Schutz. Ich wurde weder kritisiert noch ermahnt, geschweige denn geschlagen.

Aber ich hatte die Angst der Kinder in den Augen gesehen, wie Ihre Stimme gezittert hatten. Der Hoca hatte ganz klassisch seinen dünnen Stock in der Hand und seine Stimme war autoritär. Er hatte immer wieder die Kinder auf deren Fehler hingewiesen, in dem er immer wieder auf den Koran-Buch-Ständer schlug. Ich weiß nicht nach wie vielen Unterrichtseinheiten, aber sehr früh bin ich einmal wütend geworden als er ein Kind heftig anfuhr und daraufhin bin ich aufgestanden und habe zurück geschrien. Alle waren erschrocken, sogar der Hoca. Keiner hat es erwartet, ich ehrlich gesagt, mit der Reaktion, auch nicht. Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Der Hoca hat mich raus geworfen, woraufhin ich wütend und fluchend die Moschee verlassen habe. Meiner Mutter habe ich alles erzählt und gesagt, dass ich weder dort noch woanders eine Moschee besuchen würde, dies war nicht mein Islam.

Getroffene Türme des WTC

Foto: Robert J. Fish, CC-BY-SA 2.0

Aufgewachsen bin ich mit Türken, Marokkanern und „Yugos“ und ich hatte, wenn ich zurückblicke, eine ganz andere Einstellung zum Islam gehabt. Es gab immer Diskussionen und ich war immer anderer Meinung. Die meisten der Jungs fanden das mit dem „Gehorsam“ auch alles daneben, sie aber haben sich damit abgefunden. Ich konnte nicht glauben, dass Gott immer diese böse Autorität ist, mit dem erhobenen Zeigefinger dich richtet und wenn du nicht lieb bist, dann in die Hölle kommst.

Also habe ich mich immer weiter von diesem Islam verabschiedet. Dass es eine große Macht gibt und dass diese Macht Gott ist, habe ich nie aufgegeben, aber für mich gab es lange keinen Islam. Erst recht nicht, als ich im Urlaub in der Türkei gesehen habe, wie schwachsinnig vieles war.

Im jugendlichen Alter habe ich angefangen schlecht zu sprechen, ich war bei Logopäden usw., aber nichts hat geholfen. Meine Mutter brachte mich zu Verwandten, die sehr „religiös“ waren und die mir „Zemzem“-Wasser zu trinken gaben und mit einer Rasierklinge wollten sie mir mein Zungenfädchen durchschneiden, damit die Zunge wieder locker sitzt. Ich habe mich natürlich mit all meiner Kraft der Jugend gewehrt, so dass sie mich nicht festhalten konnten und sie davon Abstand hielten. Ich musste als Alternative nur noch kleine Papierkügelchen mit Arabisch beschrifteten Wörtern schlucken, dies sollte mich heilen. 😊

Diese Erfahrungen haben mich natürlich geprägt. Erst viel später, als der Terroranschlag 9/11 passierte und ich mich plötzlich nicht nur als der „Türke“ rechtfertigen musste, sondern auch als der „Moslem“, habe ich wieder angefangen mir viele Fragen zu stellen. Warum sind wir so böse, wir Moslems? Warum sind wir so aggressiv? Ist das Gottes Wille??? Also bin ich zur nächsten großen Bücherei gegangen und habe eine Ausgabe des Korans auf Deutsch erworben. Es war eine Ausgabe der Ahmadiyya Gemeinde. Nachdem ich diese gelesen habe, habe ich nicht viel empfunden, dies konnte nicht mein Islam sein. Ich habe dennoch im Internet recherchiert und hier und da nach Antworten gesucht.

Später bin ich nach der Heirat nach Köln gezogen und die Islamische Community war zu dem Zeitpunkt stark vorhanden. Ich war das nicht gewohnt, man durfte dort beim Türken (Obst-Gemüse-Händler oder vereinfacht gesagt Döner-Laden) nicht  so einfach einkaufen, der eine war entweder Kurde, also kein Gläubiger, der andere Türke, war ein Gülenist oder ein Milli Görüs-Anhänger und es gab noch viele andere Fußballvereine. Oh sorry ich meinte „Glaubensrichtungen“. Man wurde unterschwellig aufgefordert sich für eine Mannschaft zu entscheiden.

Ich und entscheiden?

Nein, ich habe mich für keine entschieden, auch nicht für den Verein, der meine Frau angehörte, der Nakshibendi. Dennoch habe ich alle Moscheen von Freitag zu Freitag besucht und habe ohne es zu merken meinen eigenen Moscheereport erlebt.

Nach weiteren Ausgaben des Koran und weiteren Recherchen im Internet bin ich auf einen seltsamen Artikel von Kerem Adigüzel gestoßen, wo das Beten während der Menstruation behandelt wird. Sogar ein Liberaler wie ich hat große Augen bekommen. 😊 Aber ich fand es dennoch sehr interessant und irgendwie fand ich die Schreibweise toll, dennoch dachte ich im Hinterkopf: Der gehört doch bestimmt einer Sekte an! Ich dachte, wenn ich ehrlich bin, zunächst an den Verein von Adnan Oktar und den Miezekätzchen. Lach!

Gott sei Dank hat es sich nicht bestätigt. So bin ich auf alrahman.de gestoßen und nach anfänglichen Reibungen habe ich Menschen gefunden, die auch so fühlen und auch so denken wie ich.

Hey ich war nicht mehr alleine, das war ein großartiges Gefühl. Ich habe den Islam, die Gottergebenheit gefunden, die reine, saubere und friedliche Gottergebenheit mit viel Liebe aber auch mit Vernunft und Logik. Ja, diese Gottergebenheit kann göttlich sein.

Und der Prozess geht weiter, jeder Tag ist ein neuer Tag, um auf dem Weg Gottes zu lernen und zu bleiben.
Möge Gott mir dabei helfen und anderen Ihre Herzen sowie Verstand erhellen.

Koran

Mein Weg zur Gottergebenheit #3 – „Der Koran für mich? Nie und nimmer!“

Karima, 58 Jahre alt

Im März 2015 las ich auf der Facebook-Seite von WDR 5 eine Umfrage, in der es darum ging, was die Menschen in Nord-Rhein-Westfalen davon hielten, dass der Koran kostenlos in den Städten verteilt wurde. Ich las mit Entsetzen die Antworten der Deutschen dort. Es reichte von Ausweisung bis zur Todesstrafe. Ich schrieb, ich schäme mich, eine Deutsche zu sein. Ich hätte schon oft Bibeln kostenlos verteilt. Auch an Muslime. Nie hätte man mir deswegen Probleme gemacht.

In meiner Entrüstung wollte ich sogleich die Verteiler suchen und ihnen 100 Euro zur Wiedergutmachung für weitere Korane spenden. Dann war mir aber die Sache viel zu heiß. Was, wenn der Koran wirklich gefährlich wäre?

Ich suchte nach einer islamischen Hilfsorganisation, fand „Muslime helfen“, und spendete die 100 Euro, die ich für die Koranverteilungen ausgeben wollte. Dann kaufte ich mir kurzentschlossen über ebay einen Koran für 7.90€ und begann am 1. Mai zu lesen. Gleich bei der 2. Sure war ich begeistert. Und ich war auch erstaunt. Ich dachte: Da haben die Muslime so ein tolles Buch, aber sie reden nicht darüber. Ich las und las und wollte doch gerne irgendwie loswerden, dass ich den Koran toll fand. Nicht für mich zwar, aber trotzdem einfach gut. Ich suchte und suchte und fand nur eine arabische Seite, die ich likte. Dann kamen mir wieder Bedenken, da ich gar nicht verstehen konnte, was da geschrieben war, nur, dass es um den Koran ging.

Ich suchte weiter und fand die Facebook-Seite „Koranfakten“. Dorthin schrieb ich. Ich schrieb, dass ich es nicht verstehen könnte, dass die Muslime so ein tolles Buch hätten und nicht darüber reden würden. Die Person, mit der ich schrieb, lud mich in folgende Facebook-Gruppe ein „Dialog zwischen Nur-Koran-Muslimen und Andersgläubigen“. Sie sagte: „Wir reden gerne darüber“.

So kam ich in meine allererste Facebook-Gruppe. Ich stellte mich vor, erzählte meine Geschichte und hoffte eigentlich nur, Muslime überreden zu können, sich bei Diskussionen eher zu Wort zu melden. Dass der Koran für mich wichtig werden würde, konnte ich mir da noch nicht vorstellen. Dann folgten einige Wochen, während ich weiter den Koran las, in der Gruppe Fragen stellte und das Miteinander der Mitglieder beobachtete.

Irgendwann dachte ich: „Was mache ich denn hier? Ich bin doch ganz am falschen Platz. Die Menschen hier nehmen mich so freundlich auf, nennen mich Schwester, aber ich bin doch Christin.“

Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen und darum betete ich zu Gott um eine Antwort. Ich habe Antworten bekommen.

5 Wochen benötigte ich, um den Koran zu lesen. 4 Wochen war ich in der Gruppe (so ungefähr). Dann brauchte ich noch einige Tagen und ich wurde Muslimin. Ich hätte es gerne noch abgewendet, aber es war nicht mehr möglich. Ich hätte es auch gerne noch bis nach dem Ramadan verschoben, aber es ging nicht.

Es war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz klar, warum es so sein sollte, aber ich vertraute Gott und wagte den Schritt.

Gott hatte mich durch den Koran, aber auch durch die große Herzlichkeit der Mitglieder der Gruppe überwältigt.

Dafür bin ich heute noch täglich dankbar.