Koran

Kerem A. und Adis U.

Im Einsatz für ein aufgeklärtes Verständnis des Islam

Muslime kennen ihre Religion zu wenig und folgen oft unkritisch religiösen Autoritäten, finden Kerem Adıgüzel und Adis Ugljanin. Mit ihrem Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» wollen sie das ändern. Zweimal pro Monat treffen sich Männer und Frauen in Schlieren ZH zur Korandiskussion. Alle sind willkommen, auch Andersgläubige.

Zuerst ein Gebet. Die kleine Gruppe kniet nebeneinander auf Gebetsteppichen Richtung Mekka und ruft Allah an, drei Frauen und zwei Männer, nebeneinander. Danach setzen sie sich im Kreis auf den Boden, jeder mit einem aufgeschlagenen Koran in der Hand und einer Tasse Tee vor sich. Kerem Adıgüzel bittet eine der Frauen vorzulesen, wo sie vorangegangenes Mal aufgehört hatten, bei der Sure 37, Vers 112. Es geht um Abraham und Isaak, die auch im Koran eine Rolle spielen.

Lesen auf:
https://www.migrosmagazin.ch/im-einsatz-fuer-einen-aufgekl%C3%A4rten-islam

Foto von Katajun Amirpur

Wie der Islam neu gedacht werden kann

Foto von Katajun Amirpur

Katajun Amirpur. (Bild: Georg Lukas)

Die vielfältig interpretierte Religion des «Islam» ist in den Medien ein politisches Dauerthema. Das 2013 erschienene Buch Den Islam neu denken von Katajun Amirpur, die als erste Professorin für Islamische Theologie an der Universität Hamburg tätig war und nun in Köln arbeitet, versucht der ganzen Debatte zu mehr theologischer Tiefe aus der «Reformsicht» zu verhelfen und zeigt auf, dass die Politisierung des Koran von vielen Intellektuellen mit «neuen Ansätzen einer muslimischen Theologie» ersetzt worden sind.

Dies erreicht Amirpur, indem sie sunnitische wie auch schiitische zeitgenössische Reformdenker spannend porträtiert und ihre wichtigsten theologischen Positionen pointiert zusammenfasst. Für Nichtmuslime wird wahrscheinlich erst nach der Lektüre des Buches gänzlich verständlich, was der Untertitel des Buches meint, wenn vom «Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte» die Rede ist. Die Reformdenker meinen mit dem «Dschihad» das Bemühen, sich auf den aktiven Weg zu Gott zu machen und dass Demokratie, Freiheit und Frauenrechte islamisch motivierte Voraussetzungen dafür sein können.

Und Gott weiss es besser

Die Autorin zeigt gleich zu Beginn auf, dass es das Anliegen der modernen Reformtheorien ist, nicht nur eine einzige Lesart als gültig zu erklären. Dies lässt sich nicht besser darstellen als am islamischen Ausspruch «allāhu ʾaʿlam», Arabisch für «Gott weiss es besser». Denn «letztlich weiss doch nur Gott» ganz genau, was mit seinen Worten gemeint ist. Menschen versuchen lediglich aus verschiedenen Blickwinkeln der Bedeutung näher zu kommen.

Amirpur beginnt damit, dass ihrer Meinung nach der Reformislam seinen Ursprung bei al-Afghani und Raschid Rida hat, die glaubten, «der ‹reine› und ‹unverfälschte› Islam» habe «alle Antworten auf die Fragen der Moderne». Diese Haltung wurde später von Salafisten wieder aufgegriffen und politisiert.

Das Buch schwächelt zu Beginn leicht, wenn eine Persönlichkeit wie ʿAbd ar-Rāziq, der ebenso wie Rida ein Schüler Muhammad Abduhs war, als geistiger Vater des islamischen Säkularismus betrachtet werden kann und das Kalifat als schädlich ansah, im Kapitel Säkularismus und Islamismus zu kurz erwähnt wird. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Ridas Ideen politisch breitere Wirkung entfalteten, insbesondere beim Gründer der Muslimbrüder Hasan al-Bannā.

Sechs menschliche Blickwinkel

Nachdem wichtige Begriffe wie «Reformislam» oder «islamischer Feminismus» erläutert werden, durchleuchtet Amirpur sechs Persönlichkeiten näher. Sie beginnt mit Nasr Hamid Abu Zaid, der von einer «dialektischen Beziehung zwischen dem Korantext und seinen Adressaten» ausgeht. Des Öfteren wird der historische Kontext betont, den es zu berücksichtigen gelte. Dieser erhält beim anschliessenden Portrait von Fazlur Rahman am meisten Gewicht. Hier entsteht der Eindruck, dass die Autorin besonders um eine möglichst deskriptive Vorgehensweise bemüht ist und selten bis gar nicht eigene Gedanken einfliessen lässt.

Auch scheint der Ansatz des historisch-kritischen Kontexts unkritisch wiedergegeben zu werden. Denn dieser ist mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, die meistens qualitativ schwach sind, schwer zu rekonstruieren. Deshalb bleibt die Frage offen, wie denn dieser Kontext ermittelt werden soll, wenn man sich beispielsweise auf den Gelehrten al-Wāhidī (st. 1075) beruft und höchstens zehn Prozent des Korans mit Offenbarungsanlässen (asbāb an-nuzūl), die uns den vermutlichen historischen Grund für die Verkündung eines Koranverses erklären sollen, beschrieben werden können. Solcherart Fragen bleiben glücklicherweise nur vereinzelt offen am Ende des Buches.

Zwei kluge Frauen werden näher betrachtet, Amina Wadud und Asma Barlas, die beide mit ihren theologischen Arbeiten teilweise neue Lesarten entwickelten. Zum Beispiel gelangt Asma Barlas mit ihrem «Foundationalism» zur Ansicht, dass Geschlechtergerechtigkeit im Koran verwurzelt ist. Besonders dieser Teil des Buches ist spannend, werden hier doch konkrete, theologische Ansätze für eine feminin motivierte Befreiungstheologie geliefert, wodurch Musliminnen aus patriarchalischen Strukturen vor allem koranisch begründet ausbrechen können.

Buchdeckel Den Islam neu DenkenEine Gemeinsamkeit aller sunnitischen Denkerinnen und Denker ist die kritische Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Überlieferungen, den «Hadithen», die nachträglich dem Propheten als Aussprüche zugeschrieben wurden. Hier ist man sich einig, dass man vor allem zuerst koranisch argumentieren müsse. Besonders Asma Barlas formuliert dies deutlich, da es «mehr Probleme für Frauen schafft, als dass es welche löst, wenn man die Sunna und die Hadithe heranzieht, um den Koran zu interpretieren.»

Ein Buch für Muslime wie Nichtmuslime

Nicht-arabische Menschen haben es in dieser Diskussion nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. Auch Abu Zaid ist sich dessen bewusst, betont aber, dass neue Ansätze gerade von Nicht-Arabern kämen. Amirpur zitiert ihn wie folgt: «Das Neue kommt von der Peripherie». Insofern sind die schiitisch-iranisch geprägten Fragestellungen, mit denen sich Abdolkarim Soroush und Mohammad Mojtahed Shabestari beschäftigten, auch allgemein bedeutsam für die muslimische Theologie. Dabei wirkt es zunächst überraschend, dass protestantische deutsche Denker wie Karl Barth oder Paul Tillich den Schiiten Shabestari in seiner Lehre, die für einen spirituellen und gegen einen «Rechtsislam» steht, beeinflussten.

Es ist Amirpur als grosses Verdienst anzurechnen, dass man durch ihr Buch die prägnant zusammengefassten Ansichten von weit mehr als sechs Denkerinnen und Denkern kennenlernen kann. Die darin vorgestellten Ideen verbreiten sich immer weiter in der islamischen Welt, weshalb es wichtig ist, diese Entwicklungen zu kennen und zu verfolgen. Denn wenn auch die Verbreitung voranzuschreiten scheint, so müssen die muslimischen wie nicht-muslimischen Gebildeten hierzulande wissen, wer unter ihnen besonders auf unsere Solidarität und Unterstützung angewiesen ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf saiten.ch.

Mein Weg zur Gottergebenheit #8 – „Bei vielem dachte ich mir: ‚Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion'“

Diana, 21 Jahre alt

Schon als Kind war ich spirituell angehaucht. Damals noch als Christin, habe ich abends zu Gott gesprochen und gebetet. Mir war das immer sehr wichtig, deshalb wollte ich den serbisch-orthodoxen Religionsunterricht meiner Schule besuchen.

Er machte mir zwar Spaß, aber bei vielem dachte ich mir: „Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion!“

Ich verstand nicht, warum wir nie in der Bibel gelesen haben, sondern nur Dinge besprochen haben, die Tradition sind. Nach und nach entfernte ich mich vom Glauben und wurde irgendwann Atheistin.

Religionen haben mich trotzdem immer sehr interessiert. Durch die Vielfalt in Österreich hatte ich die Möglichkeit viele Religionen und durch meine beste Freundin den Islam kennen zu lernen.
Eins muss ich kurz erwähnen: Durch meine kroatisch-bosnisch/serbische Herkunft hatte ich leider nicht den besten Zugang zum Islam.

Da ich einen anti-faschistischen Touch hatte und habe, war mir das immer egal, wer woher kommt und an was wer glaubt. Ich wollte jede brauchbare Information aufsaugen, die ich bekommen konnte.
Und so beschäftigte ich mich intensiv mit dem Islam und beschloss einen Ramadan lang zu fasten und den Koran zu lesen und zwar ohne jegliche Vorurteile, um ihn so gut es geht mit offenem Herzen und offenen Gedanken verstehen zu können.
Während ich las, fühlte ich mich als ob mir eine Last von den Schultern fallen würde, ich weinte fast nach jeder Sure. Ich war froh Atheistin gewesen zu sein, weil mich das im Endeffekt Gott immer näher gebracht hat, ich habe meinen Glauben wieder erlangt und fühlte mich nun vollkommen. Dieses Stück, das mir im Leben immer gefehlt hat, habe ich wieder gefunden.

Jetzt wollte ich als Revertitin natürlich mein möglichst Bestes geben, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, deswegen versuchte ich mein Wissen mit Hadithen zu erweitern. Irgendwie haben diese aber nicht mit meinem Eindruck vom Koran übereingestimmt. Besonders der Hadith, der das Zupfen von Augenbrauen verbietet, war mir nicht ganz geheuer. Was hat Gott gegen gezupfte Augenbrauen? Wieso ist das relevant? Also wollte ich die Quelle von diesem Hadith herausfinden, aber das einzige, was mir aufgefallen war, war dass es diesen Hadith in etwa hundert verschiedenen Ausführungen gibt. Warum sollte ich etwas befolgen, was nicht im Koran steht und zudem irgendwie suspekt klingt?
Also machte ich mich auf die Suche nach Antworten. Dass Hadithe schlichtweg keine Quelle der Gottergebenheit (Islam) sind, ist mir nie in den Sinn gekommen – bis ich auf alrahman.de gestoßen bin. Ich war froh, dass ich nicht die Einzige war, die so dachte!

Alle Antworten, die man braucht, findet man im Koran. Durch den Koran habe ich den Glauben zu Gott wiedergefunden und der Koran ist die einzige Quelle des Islams.

6:125 Wen Gott aber rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für die Gottergebenheit; und wen Er in die Irre gehen lassen will, dem macht Er die Brust eng und bedrückt, wie wenn er in den Himmel emporsteigen würde.

Mein Weg zur Gottergebenheit #7 – „Vielleicht bin ich im Herzen Muslimin?“

Kerstin, 54 Jahre alt – „Vielleicht bin ich im Herzen Muslimin?“

Ich bin getauft unter der katholischen Kirche, also Christin. Leider, oder Gott sei Dank, wurde ich nie wirklich in die katholische Religion eingeführt, da meine Mutter Atheistin ist.

Im Religionsunterricht war ich immer leicht irritiert durch die Lehren, obwohl es ein wirklich liberaler Lehrer war, der damals schon erklärte, dass Jesus nicht der Sohn Gottes im herkömmlichen Sinn ist. Alles andere, was ich sonst von den Katholiken hörte, war mir zu fern von dem, was mein Hirn erfassen konnte. Ich dachte, ich wäre zu blöd, um das zu verstehen, weil sich mein Verstand keinerlei Mühe gab, es verstehen zu wollen.

Einige Jahre lang war Gott kein Gegenstand meines Bewusstseins. Dann gab es eine sehr schlechte Zeit in meinem Leben, von Hunger bis Mittellosigkeit war da alles dabei. Ich wandte mich an die katholische Kirche und bat um Hilfe, sie wurde mir aber verwehrt. Da fing ich an mich mit dem Glauben auseinanderzusetzen und fand heraus, dass der katholische Glaube absolut gegen meine Überzeugung geht. Schließlich bin ich aus der Kirche ausgetreten und spendete einen Teil meiner ehemaligen Kirchensteuer an den Tierschutz.

Dass es Gott gibt, war aber nie eine Frage. Durch meine regelmäßigen Besuche in Ägypten und die freundliche, herzliche Art der Einwohner fing ich an mich mit dem Koran zu befassen. Nun werfen auch Koranübersetzungen mehr Fragen als Antworten auf und ich fragte Muslime, zu den mir unverständlichen Absätzen. Hadithe waren nie ein Thema bei meiner Suche und ich war immer schon verwundert, dass ich diese nirgendwo im Koran fand, bis mir einer mal erklärte was Hadithe sind. Wenig begeistert fragte ich, warum es die überhaupt gibt, wenn doch der Koran alles beinhaltet? Die Antworten waren noch verwunderlicher, also schmiss ich das Thema Hadithe gleich wieder über Bord.

Gott hatte schon immer einen festen Bestand in meinem Leben, da ich viele Erfahrungen machen durfte, die es mir beweisen. Heute gehöre ich keiner Buchreligion an, aber sehe den Koran als Unterstützung. Mir wurde bei meiner Suche bewusst, dass Gott in mir und um mich herum existiert. Das wenn mein Inneres mich warnt, es Gott ist, der mich warnt.

Ich spüre ihn im Herzen und er beantwortet mir sehr oft meine Fragen, nicht alle, aber doch sehr viele. Was mich abhält mich einer Buchreligion voll und ganz hin zu geben, sind die Menschen, die sie schlecht machen.

Dank alrahman.de bin ich aber näher an einer Buchreligion als bisher. Das kann ich verstehen, das öffnet mir das Herz und das ergibt für mich Sinn. Vielleicht bin ich im Herzen mehr Muslimin, als ich mir selbst eingestehen will?

Mein Weg zur Gottergebenheit #6 – „Ich dachte zuerst an Adnan Oktar und seine Miezekätzchen!“

Oguz, 42 Jahre

Jeder kennt, denke ich, diese „Film – Sequenzen“, die man als Erinnerung kennt. Ich habe viele dieser Erinnerungen aus meiner Kindheit, Jugendzeit und Erwachsenen-Zeit. Viele dieser Erinnerungen sind emotional behaftet, manche positiv und manche negativ. Als Teenie habe ich im Religionsunterricht oft über Gott nachgedacht (ich war auf einer streng katholischen Schule) und dachte mir, warum beten die Christen immer diesen Jesus am Kreuz an, der neben der Tür im Klassenzimmer hängt. Jeden Morgen vor dem Unterrichtsbeginn gab es das Vater-Unser.

Des Weiteren musste ich zum Gottesdienst mit der Schule, jeden Dienstagmorgen, dann auch noch an allen christlichen Feiertagen, sechs Jahre lang. Im Reli-Unterricht haben wir aus der Bibel gelesen. Hat es mir geschadet? Bin ich heute ein Christ? Nein, weder ist aus mir ein Christ geworden, noch hat es mir geschadet. Ganz im Gegenteil, ich kann sagen, es hat mich bereichert.

Mit dreizehn Jahren hat mich meine Mutter zum Koran-Unterricht angemeldet, bei Emir Hoca, in der Moschee bei uns um die Ecke. Und ja es war grauenhaft. Ich habe einen von Gott geschenkten natürlichen Gerechtigkeitssinn, also wurde ich sehr bald wütend über die „pädagogisch wertvollen“ Lehren des Hocas. Mich hat der Hoca in Ruhe gelassen, ich hatte wohl Welpen-Schutz. Ich wurde weder kritisiert noch ermahnt, geschweige denn geschlagen.

Aber ich hatte die Angst der Kinder in den Augen gesehen, wie Ihre Stimme gezittert hatten. Der Hoca hatte ganz klassisch seinen dünnen Stock in der Hand und seine Stimme war autoritär. Er hatte immer wieder die Kinder auf deren Fehler hingewiesen, in dem er immer wieder auf den Koran-Buch-Ständer schlug. Ich weiß nicht nach wie vielen Unterrichtseinheiten, aber sehr früh bin ich einmal wütend geworden als er ein Kind heftig anfuhr und daraufhin bin ich aufgestanden und habe zurück geschrien. Alle waren erschrocken, sogar der Hoca. Keiner hat es erwartet, ich ehrlich gesagt, mit der Reaktion, auch nicht. Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Der Hoca hat mich raus geworfen, woraufhin ich wütend und fluchend die Moschee verlassen habe. Meiner Mutter habe ich alles erzählt und gesagt, dass ich weder dort noch woanders eine Moschee besuchen würde, dies war nicht mein Islam.

Getroffene Türme des WTC

Foto: Robert J. Fish, CC-BY-SA 2.0

Aufgewachsen bin ich mit Türken, Marokkanern und „Yugos“ und ich hatte, wenn ich zurückblicke, eine ganz andere Einstellung zum Islam gehabt. Es gab immer Diskussionen und ich war immer anderer Meinung. Die meisten der Jungs fanden das mit dem „Gehorsam“ auch alles daneben, sie aber haben sich damit abgefunden. Ich konnte nicht glauben, dass Gott immer diese böse Autorität ist, mit dem erhobenen Zeigefinger dich richtet und wenn du nicht lieb bist, dann in die Hölle kommst.

Also habe ich mich immer weiter von diesem Islam verabschiedet. Dass es eine große Macht gibt und dass diese Macht Gott ist, habe ich nie aufgegeben, aber für mich gab es lange keinen Islam. Erst recht nicht, als ich im Urlaub in der Türkei gesehen habe, wie schwachsinnig vieles war.

Im jugendlichen Alter habe ich angefangen schlecht zu sprechen, ich war bei Logopäden usw., aber nichts hat geholfen. Meine Mutter brachte mich zu Verwandten, die sehr „religiös“ waren und die mir „Zemzem“-Wasser zu trinken gaben und mit einer Rasierklinge wollten sie mir mein Zungenfädchen durchschneiden, damit die Zunge wieder locker sitzt. Ich habe mich natürlich mit all meiner Kraft der Jugend gewehrt, so dass sie mich nicht festhalten konnten und sie davon Abstand hielten. Ich musste als Alternative nur noch kleine Papierkügelchen mit Arabisch beschrifteten Wörtern schlucken, dies sollte mich heilen. 😊

Diese Erfahrungen haben mich natürlich geprägt. Erst viel später, als der Terroranschlag 9/11 passierte und ich mich plötzlich nicht nur als der „Türke“ rechtfertigen musste, sondern auch als der „Moslem“, habe ich wieder angefangen mir viele Fragen zu stellen. Warum sind wir so böse, wir Moslems? Warum sind wir so aggressiv? Ist das Gottes Wille??? Also bin ich zur nächsten großen Bücherei gegangen und habe eine Ausgabe des Korans auf Deutsch erworben. Es war eine Ausgabe der Ahmadiyya Gemeinde. Nachdem ich diese gelesen habe, habe ich nicht viel empfunden, dies konnte nicht mein Islam sein. Ich habe dennoch im Internet recherchiert und hier und da nach Antworten gesucht.

Später bin ich nach der Heirat nach Köln gezogen und die Islamische Community war zu dem Zeitpunkt stark vorhanden. Ich war das nicht gewohnt, man durfte dort beim Türken (Obst-Gemüse-Händler oder vereinfacht gesagt Döner-Laden) nicht  so einfach einkaufen, der eine war entweder Kurde, also kein Gläubiger, der andere Türke, war ein Gülenist oder ein Milli Görüs-Anhänger und es gab noch viele andere Fußballvereine. Oh sorry ich meinte „Glaubensrichtungen“. Man wurde unterschwellig aufgefordert sich für eine Mannschaft zu entscheiden.

Ich und entscheiden?

Nein, ich habe mich für keine entschieden, auch nicht für den Verein, der meine Frau angehörte, der Nakshibendi. Dennoch habe ich alle Moscheen von Freitag zu Freitag besucht und habe ohne es zu merken meinen eigenen Moscheereport erlebt.

Nach weiteren Ausgaben des Koran und weiteren Recherchen im Internet bin ich auf einen seltsamen Artikel von Kerem Adigüzel gestoßen, wo das Beten während der Menstruation behandelt wird. Sogar ein Liberaler wie ich hat große Augen bekommen. 😊 Aber ich fand es dennoch sehr interessant und irgendwie fand ich die Schreibweise toll, dennoch dachte ich im Hinterkopf: Der gehört doch bestimmt einer Sekte an! Ich dachte, wenn ich ehrlich bin, zunächst an den Verein von Adnan Oktar und den Miezekätzchen. Lach!

Gott sei Dank hat es sich nicht bestätigt. So bin ich auf alrahman.de gestoßen und nach anfänglichen Reibungen habe ich Menschen gefunden, die auch so fühlen und auch so denken wie ich.

Hey ich war nicht mehr alleine, das war ein großartiges Gefühl. Ich habe den Islam, die Gottergebenheit gefunden, die reine, saubere und friedliche Gottergebenheit mit viel Liebe aber auch mit Vernunft und Logik. Ja, diese Gottergebenheit kann göttlich sein.

Und der Prozess geht weiter, jeder Tag ist ein neuer Tag, um auf dem Weg Gottes zu lernen und zu bleiben.
Möge Gott mir dabei helfen und anderen Ihre Herzen sowie Verstand erhellen.

Koran

Mein Weg zur Gottergebenheit #3 – „Der Koran für mich? Nie und nimmer!“

Karima, 58 Jahre alt

Im März 2015 las ich auf der Facebook-Seite von WDR 5 eine Umfrage, in der es darum ging, was die Menschen in Nord-Rhein-Westfalen davon hielten, dass der Koran kostenlos in den Städten verteilt wurde. Ich las mit Entsetzen die Antworten der Deutschen dort. Es reichte von Ausweisung bis zur Todesstrafe. Ich schrieb, ich schäme mich, eine Deutsche zu sein. Ich hätte schon oft Bibeln kostenlos verteilt. Auch an Muslime. Nie hätte man mir deswegen Probleme gemacht.

In meiner Entrüstung wollte ich sogleich die Verteiler suchen und ihnen 100 Euro zur Wiedergutmachung für weitere Korane spenden. Dann war mir aber die Sache viel zu heiß. Was, wenn der Koran wirklich gefährlich wäre?

Ich suchte nach einer islamischen Hilfsorganisation, fand „Muslime helfen“, und spendete die 100 Euro, die ich für die Koranverteilungen ausgeben wollte. Dann kaufte ich mir kurzentschlossen über ebay einen Koran für 7.90€ und begann am 1. Mai zu lesen. Gleich bei der 2. Sure war ich begeistert. Und ich war auch erstaunt. Ich dachte: Da haben die Muslime so ein tolles Buch, aber sie reden nicht darüber. Ich las und las und wollte doch gerne irgendwie loswerden, dass ich den Koran toll fand. Nicht für mich zwar, aber trotzdem einfach gut. Ich suchte und suchte und fand nur eine arabische Seite, die ich likte. Dann kamen mir wieder Bedenken, da ich gar nicht verstehen konnte, was da geschrieben war, nur, dass es um den Koran ging.

Ich suchte weiter und fand die Facebook-Seite „Koranfakten“. Dorthin schrieb ich. Ich schrieb, dass ich es nicht verstehen könnte, dass die Muslime so ein tolles Buch hätten und nicht darüber reden würden. Die Person, mit der ich schrieb, lud mich in folgende Facebook-Gruppe ein „Dialog zwischen Nur-Koran-Muslimen und Andersgläubigen“. Sie sagte: „Wir reden gerne darüber“.

So kam ich in meine allererste Facebook-Gruppe. Ich stellte mich vor, erzählte meine Geschichte und hoffte eigentlich nur, Muslime überreden zu können, sich bei Diskussionen eher zu Wort zu melden. Dass der Koran für mich wichtig werden würde, konnte ich mir da noch nicht vorstellen. Dann folgten einige Wochen, während ich weiter den Koran las, in der Gruppe Fragen stellte und das Miteinander der Mitglieder beobachtete.

Irgendwann dachte ich: „Was mache ich denn hier? Ich bin doch ganz am falschen Platz. Die Menschen hier nehmen mich so freundlich auf, nennen mich Schwester, aber ich bin doch Christin.“

Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen und darum betete ich zu Gott um eine Antwort. Ich habe Antworten bekommen.

5 Wochen benötigte ich, um den Koran zu lesen. 4 Wochen war ich in der Gruppe (so ungefähr). Dann brauchte ich noch einige Tagen und ich wurde Muslimin. Ich hätte es gerne noch abgewendet, aber es war nicht mehr möglich. Ich hätte es auch gerne noch bis nach dem Ramadan verschoben, aber es ging nicht.

Es war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz klar, warum es so sein sollte, aber ich vertraute Gott und wagte den Schritt.

Gott hatte mich durch den Koran, aber auch durch die große Herzlichkeit der Mitglieder der Gruppe überwältigt.

Dafür bin ich heute noch täglich dankbar.

Rezension zu „Wo der Koran Anknüpfungspunkte für Gewalt bietet“

Frieden,

Gottergebene sehen sich in jüngster Zeit immer öfter mit Kritik gegenüber ihrem Glauben ausgesetzt, sei es in Talkshows, Zeitungsartikeln oder in sozialen Netzwerken. Oft stellt sich dabei heraus, dass es nicht um den Inhalt selbst geht, sondern viel eher um eine Polarisierung und pauschale Verurteilung, dass die Lesung Anknüpfungspunkte für Gewalt biete. Kontrahenten beider Seiten, Islamkritiker wie auch ihre meist traditionalistischen Gegner, sind eher um eine Deutungshoheit bemüht, als sich wirklich unabhängig und dementsprechend ergebnisoffen mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Dies hat zur Folge, dass man auf der einen Seite einen Islam zu verstehen bekommt, der beispielsweise angeblich Intoleranz und Angriffskriege toleriert und auf der anderen Seite eine Gottergebenheit, die davon nichts wissen will. In der Tat kann man beispielsweise aus der unerlaubten Vermengung von sunnitischer oder schiitischer Sekundärliteratur mit der Lesung für beide Standpunkte Quellen anführen und dementsprechend argumentieren. Dies kommt vor allem dadurch zustande, dass man die Lesung in ihrem Aufbau nicht korrekt berücksichtigt, indem man versucht sie mit anderen Quellen zu erklären, wo es doch Gott allein ist, der die Lesung erklärt.

 

Bietet die Lesung Anknüpfungspunkte für Gewalt?

Um diese Problematik besser zu veranschaulichen, wird ein Artikel von Abdel-Hakim Ourghi aus der Süddeutschen Zeitung namens Wo der Koran Anknüpfungspunkte für Gewalt bietet genauer unter die Lupe genommen, welcher mit bestimmten Versen zu belegen versucht, dass die Lesung Gewalt legitimiere. Der Autor leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er schreibt:

 

Das Leben des Propheten und dessen religiöses und politisches Handeln kritisch zu hinterfragen, scheint ebenso tabu zu sein. Das Bild eines vollkommenen Lebens ohne Sünden muss aufrechterhalten werden und dient als ewig gültiges, gottgegebenes Vorbild.

 

In der Tat glauben nicht wenige traditionalistische Muslime, dass der Prophet unfehlbar sei. Es gibt jedoch auch nicht wenige Gottergebene, die dem widersprechen. Deswegen kann man so eine Argumentation nicht pauschal für alle geltend machen, wie dies im Zitat suggeriert wird. Viel wichtiger ist jedoch, dass der Prophet nur ein Mensch und Warner/Gesandter war (17:93) und dementsprechend nicht sündenlos sein kann (47:19; 48:2; 33:37).

 

Mohammed (570-632) war jedoch nicht nur der anerkannte Verkünder einer göttlichen Botschaft, sondern auch der weltliche Führer, der meisterlich die Macht des Wortes mit der Gewalt des Schwertes vereinte. Indem er sich auf autoritative Koranstellen bezog, griff Mohammed von 624 an in Medina gegen seine Widersacher zur Gewalt, etwa gegen arabische Heiden, Christen und Juden.

 

Es ist koranisch streng verboten Angriffskriege zu führen. Diese Behauptungen speist sich der Autor aus Sekundärquellen, die mindestens erst 150 Jahre nach dem Propheten niedergeschrieben wurden und deren Autoren den Propheten nie gesehen haben. Dazu kommt, dass Sirawerke stark voneinander abweichen und kein einheitliches Bild des Propheten überliefern. Selbst konservative Gelehrte sind bei Sirawerken vorsichtig. Dies alles spielt jedoch keine Rolle, wenn Gott diese Behauptung in der Lesung eindeutig verneint: Gott duldet keine weiteren Autoritäten oder Quellen (42:10, 6:114,115, 5:44,45,47, 18:26, 12:40, 16:89, 12:111, 5:3, 39:36, 7:3).

 

42:21 Oder haben sie etwa Partner, die ihnen eine Lebensordnung vorgeschrieben haben, die von Gott nicht verordnet wurde? Und wäre es nicht bis zum Urteilsspruch aufgeschoben worden, wäre zwischen ihnen schon gerichtet worden. Und gewiss, den Frevlern wird eine schmerzliche Strafe zuteil sein.

 

Der Autor führt nun den Vers 9:29 an, um zu belegen, dass Muhammad angeblich mit diesem Vers begründe, ab dem Jahre 624 „gegen arabische Heiden, Christen und Juden“ Gewalt zu legitimieren. Der Vers lautet:

 

9:29 Bekämpft diejenigen, die weder an Gott noch an den letzten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott verbot und sein Gesandter, und die nicht gemäß der Lebensordnung der Wahrheit richten unter denjenigen, denen die Schrift zukam

 

Es ist seltsam, wie der Autor das Jahr 624 ohne eine Primärquelle  eindeutig festlegen kann. Nebst dieser Tatsache ist erstaunlich, wie er diesen Vers so ohne weiteres einfach unkommentiert für seine Behauptungen in den Raum stellt. Die neunte Sure ist ein allgemeines Ultimatum an die Beigeseller (9:1). Diese Beigeseller werden in den darauf folgenden Versen unmissverständlich als die Aggressoren beschrieben (9:8 und 9:13). Aus dem unmittelbaren Kontext kann man die ableugnenden Schriftbesitzer in 9:29 den Beigesellern zuordnen. Nun könnte man aber argumentieren, dass dies allgemein, losgelöst vom Rest der Lesung die ableugnenden Schriftbesitzer meinen könne und man deswegen offensiv in den Krieg ziehen dürfe. Diese Behauptung ist jedoch schnell entkräftet, da die Schriftbesitzer (i.A. Juden und Christen) als Gläubige wie auch als Ableugner beschrieben werden (3:113). Deswegen können nicht alle Schriftbesitzer gemeint sein. Die Lesung liefert aber auch allgemeine, unmissverständliche Anordnungen zum Krieg:

 

60:8 Gott verbietet euch nicht, gegenüber denjenigen, die nicht gegen euch der Lebensordnung (Religion) wegen gekämpft und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, gütig zu sein und sie gerecht zu behandeln. Gewiss, Gott liebt die Gerechten.

 

Das bedeutet, wenn in 9:29 steht:

 

9:29 und nicht verbieten, was Gott verbot und sein Gesandter,

 

dies mindestens Vers 60:8 entsprochen, also eine Aggression stattgefunden haben muss. Die Verse 2:190-193 legen klar, dass ein Krieg nur als Verteidigung aufgefasst werden darf und man einen angebotenen Frieden annehmen muss (8:61). Darüber hinaus gilt das Paradigma:

 

2:256 Es gibt keinen Zwang im Glauben.

 

Deshalb ist der Ausdruck aus 9:29:

 

Bekämpft diejenigen, die weder an Gott noch an den letzten Tag glauben

 

… keinesfalls eine Begründung, gegen den Glauben der Schriftbesitzer vorzugehen. Der Vers beschreibt demzufolge nur eine ihrer Eigenschaften aus vielen. Im Anschluss führt der Autor Vers 9:33 an und schreibt:

 

In Vers 33 wird der Islam als wahre Religion bezeichnet. Gott werde der Gemeinde zum Sieg über alle Religionen verhelfen.

 

Der Vers in seiner Gänze:

 

9:33 Er ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Lebensordnung der Wahrheit sandte, um es über jede Lebensordnung hervorzuheben, auch wenn es die Beigeseller hassen.

 

Hier ist viel Interpretation möglich, ob dies eine Wahrheit beschreibt, die dann alle Religionen (Lebensordnungen) übertrumpfen wird oder ob dies nur den damaligen Umstand meint, denn ein Vers vorher steht:

 

9:32 Sie möchten Gottes Licht mit ihren Mündern auslöschen, Gott aber lehnt es ab, sondern vollendet sein Licht, auch wenn es die Ableugner hassen.

 

Es ist jedoch keinesfalls möglich, einen dauerhaften Kriegszustand zu beschreiben, bis „der Islam siegreich“ ist. Die Verse 2:256, 2:190-193 und 60:8 unterbinden so eine Interpretation kategorisch. Folgendermaßen geht es weiter:

 

Auch in der letzten offenbarten Sure 5, Vers 33, ist zu lesen: „Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und überall im Land eifrig auf Unheil bedacht sind, soll darin bestehen, dass sie umgebracht oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen wechselweise (rechts und links) Hand und Fuß abgehauen wird, oder dass sie des Landes verwiesen werden.“

 

Dazu ein Artikel von unserer Schwesterseite, der diesen Vers schlüssig erklärt, wie auch eine weitere ausführlichere und auf der Lesung basierte Erläuterung durch Muhammad Asad (PDF auf Englisch, ab Seite 221). Diese beiden Quellen führen die Argumentation des Autors zum betreffenden Vers ad absurdum.

 

Die gesamte muslimische Koranexegese ist der Auffassung, dass sich der zweite Teil auf Juden und Christen bezieht. In Sure 2, Vers 120, werden sowohl Mohammed als auch die Muslime aufgefordert, Juden und Christen zu meiden.

 

Das ist jetzt überhaupt nicht nachvollziehbar. Was steht in 2:120 und was meint der Autor? Auch findet unmittelbar darauf (2:121) eine Differenzierung der Schriftbesitzer statt. Zudem ist der angebliche Konsens frei erfunden. Genannt sei dazu nur der sunnitische Theologe Professor Süleyman Ates (ehemaliger Vorsitzender der türkischen DITIB) als nur einer von vielen, die seiner These widersprechen. Überhaupt, koranisch gesehen darf man natürlich Juden und Christen zu Freunden nehmen, man darf sie sogar heiraten (5:5)! Vers 60:8 sei zu der Problematik nochmals veranschaulicht:

 

60:8 Gott verbietet euch nicht, gegenüber denjenigen, die nicht gegen euch der Religion wegen gekämpft und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, gütig zu sein und sie gerecht zu behandeln. Gewiß, Gott liebt die Gerechten. (siehe auch: 3:55, 3:113-114, 2:62, 5:69)

 

Dann ist folgendes zu lesen:

 

In Sure 3, Vers 85 ist zu lesen, dass keine andere Religion als Ersatz für den wahren Glauben an Gott dienen kann.

 

Eine Problematik ist hier nicht ersichtlich. Jedoch will der Autor damit suggerieren, dass man dies auf die „Gottergebenheit“ (Islam) beschränkt, wie aus dem weiteren Verlauf des Artikels erschlossen werden kann. Das Wort bedeutet jedoch nichts anderes als Ergebung (in Gott) und ist nicht nur auf die Lesung beschränkt. Auch andere Religionen haben ihre Legitimität laut der Lesung, sofern sie nach Gottes Richtlinien ausgelebt werden (2:62, 5:69; ausführlicher zu dieser Thematik in folgendem Artikel).

 

Bereits in Vers 19 derselben Sure wird mit Nachdruck betont, dass der Islam die einzig wahre Religion sei.

 

Warum wird „Islam“ hier nicht übersetzt? Der Autor macht denselben Fehler, den er doch vehement kritisieren will, den althergebrachten Traditionen zu folgen! Außerdem steht unmissverständlich in der Lesung, dass wir Gottergebene auch an die Tora und das Evangelium zu glauben haben, wie auch die Schriftbesitzer an ihre eigenen Bücher (5:43-48) und an die Lesung.

 

Die Umma (die Gemeinschaft der Muslime) wird sogar als die beste Gemeinschaft bezeichnet, die Gott den Menschen gestiftet habe (Koran 3:110).

 

Auch das ist so nicht richtig. Denn diese Gemeinschaft wird nur mit dem gläubigen Teil in Verbindung gebracht, wie man aus den vorherigen Versen entnehmen kann (Vers 3:102, insbesondere 3:104) und ist nur für die damalige Zeit relevant oder eben jene, welche es diesen Vordersten gleichtun. Denn in Vers 25:30 steht eindeutig, dass der Gesandte am Jüngsten Tag seine Gemeinschaft kritisiert, indem er beklagt:

 

25:30 Und der Gesandte sagt (am Jüngsten Tag): „O mein Herr, mein Volk hat diese Lesung verlassen!“

 

Es gibt zudem noch andere Verse, die Menschen kritisieren, welche sich als Gottergebene bezeichnen (9:90, 9:101). Nach all diesen haltlosen Argumentationen präsentiert der Autor schließlich seine Lösung:

 

… Die zwischen 622 und 632 in Medina verkündeten Koranpassagen müssen in ihrem historischen Kontext verstanden werden. Sie haben als historisch-politische Äußerungen nur eine temporäre Gültigkeit für das siebte Jahrhundert. …

 

Interessant bei dieser Aussage ist, wo man diesen historischen Kontext nun nachlesen kann? Diese Frage ist allein schon deswegen nicht beantwortbar, da keine einheitliche Quellenlage vorhanden ist, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Bewertungen dieser Quellen, die von den einzelnen Gruppierungen abhängen. Aus der Lesung ist ein historischer Kontext nicht umfassend ableitbar. Über den oft angeführten magischen Zauberstab des „historischen Kontextes“ ist jedwede Interpretation möglich. Auch Fundamentalisten wollen die Lesung historisch verstehen durch verderbte Quellen im Sinne ihrer neben Gott gehaltenen Autoritäten, den Altvorderen, also den Menschen, die den Propheten kannten. Durch den angeblichen historischen Kontext, was nichts anderes bedeutet als die Offenbarung Gottes durch Sekundärliteratur zu vermengen, haben sich hunderte, voneinander unterscheidende Gruppen gebildet. Dies ist das Abbild der erwähnten Methodik in seiner Praxis. Dann schreibt der Autor weiter:

 

Es reicht aber nicht, die Offenbarung des Korans in ihrer historischen Entstehungssituation zu verstehen. Darüber hinaus muss auch eine Methode entwickelt werden, welche den Islam auf der Grundlage einer kritischen Reflexion von der Macht dieser umstrittenen Koranverse befreit.

 

Diese Argumentation ist nicht schlüssig. Wenn die Lesung sich in ihren Versen klar ausdrückt, kann man sie nicht einfach ignorieren. Wird die Lesung ohne Vermengung von Menschenschriften betrachtet, bleiben die im Artikel angeführten abenteuerlichen Interpretationen aus. Am Ende schreibt der Autor:

 

Meiner Meinung nach ist nur der in Mekka offenbarte Koran (610-622) zeitlos, weil er universell sinnstiftende Lehren im ethischen Sinne beinhaltet. Sowohl der in Medina (622-632) offenbarte Korantext als auch der historische Prophet als Staatsmann sind im Westen dringender denn je kritisch zu betrachten und revisionsbedürftig, sonst bleibt ein Islam, der mit den europäischen Werten vereinbar ist, ein Wunschtraum.

 

Die in der Lesung vorzufindenden Paradigmen und Lehren sind universell. Die Lesung muss nicht in Stücke gerissen werden, damit man die von Gott offenbarte Lebensordnung den europäischen Werten anpassen muss. Vielmehr ist es umgekehrt: Die Lesung ist die Richtschnur, weil sie das Wort Gottes ist. Sie führt zu einem aufrichtigeren Weg (17:9). Die europäischen Werte sind nicht das Maß aller Dinge und darüber hinaus auch nicht eindeutig definiert. Was sind die europäischen Werte denn genau? Mit seiner Aussage wird der Autor durch folgenden Vers angesprochen:

 

2:85 …Glaubt ihr denn an einen Teil der Schrift und verleugnet einen anderen? …

 

Eine vernunftorientierte Interpretation der Lesung ohne Widersprüche ist mit Leichtigkeit hergestellt, wenn man sich auf Gott alleine einstellt und die Lesung nicht mit menschlichen Meinungen aus der Tradition zu erklären versucht, die teilweise fälschlicherweise dem Propheten zugeschrieben wurden. Dazu sei nochmals angemerkt, dass sich die Sekundärquellen nicht nur öfters gegenseitig widersprechen, sondern widersprechen in vielen Punkten auch der Lesung.

 

15:91-93 Die die Lesung auseinandergerissen haben. Bei deinem Herrn! Wir werden sie allesamt zur Rechenschaft ziehen, für all ihre Taten.

 

Fazit

Die angeführten Verse des Autors sind nach seiner Art des Verständnisses, im Lichte der ganzen Lesung betrachtet, unhaltbar. Dies bedeutet jedoch nicht, dass manche Traditionalisten solch widersinnigen Interpretationen abgeneigt sind. Radikale Strömungen werden nur einen Teil seiner Argumente übernehmen und schließlich darin eine Legitimation für ihre eigene Ideologie herausfiltern, was der Autor allem Anschein nach ausblendet. Seine Methodik wird Fanatiker somit weiter befeuern, als sie zur Vernunft zu bringen. Das Argument, dass manche Verse heutzutage keine Geltung mehr hätten, führt zu Widersprüchen und zu keiner echten Lösung.

Eine vernunftorientierte Theologie in der Gottergebenheit kann sich nur dann etablieren, wenn man sich der Methodik anschließt, die Lesung losgelöst von Traditionen durch Gottes eigene Worte zu erklären (55:1-2, 25:33, 75:19). Andernfalls wird man, beispielsweise durch die angeführte „historisch kritische Methode“, nur Sekundärquellen durch weitere Sekundärquellen ersetzen. Somit wird die Lesung selbst weiterhin ein Spielball von individuellen Ansichten bleiben. Die kritischen Befunde Ourghis zum traditionalistischen Islam am Ende des Artikels sind größtenteils berechtigt, jedoch nur ein Teil des Problems. Seine Lösungsansätze sind nicht zielführend und in Bezug zur Lesung nicht tragbar.

Ein Anfang dieser vernunftorientierten Theologie der Gottergebenheit ist mit dieser Webseite und dem Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran gemacht.

 

Themenrelevante Artikel

Offener Brief an den Präsidenten von «Zukunft CH»

12250119_701498609986111_1825544384517627392_n12241298_701498613319444_7470506751785446028_n

Sehr geehrter Herr Pfr. Hansjürg Stückelberger,
Frieden sei mit Ihnen und uns allen, wie die Barmherzigkeit Gottes und Sein Segen,

als besorgter schweizer Bürger möchte ich nicht schweigen, sondern gerade aufgrund meiner Liebe zur Schweiz ein Statement zum Flyer «Soll der Islam öffentlich-rechtlich anerkannt werden» und zur Zukunft der Schweiz in Bezug auf die Gottergebenheit (arabisch: «Islam») abgeben.

Der Flyer erreichte meine Frau und mich heute in unserem Briefkasten und ich verstehe die Sorgen meiner Mitbürger, denen die abendländisch geprägten Werte und der Wohlstand dieses schönen Landes teuer sind. Sie sind definitiv zu schützen und wir müssen alles unternehmen, dass die demokratischen Werte, nach denen wir leben, bewahrt und weiter auf demokratischem Wege verbessert werden müssen (nobody’s perfect).

Kurz zu mir: Ich befasse mich spätestens seit 2006 und vor meiner Einbürgerung und Ausbildung zum Offizier intensiv mit der Gottergebenheit (Islam) und betreibe die Webseite alrahman.de mit der Absicht der direkten, schonungslosen Aufklärung. Erst vor Kurzem erschien mein Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran (kostenlos auf der Webseite als PDF erhältlich), weshalb ich mich durchaus als jemanden betrachte, der nicht nur einiges von der Gottergebenheit versteht, sondern auch die Menschen zu erreichen vermag, wie an bereits rund 650 verkauften Büchern und folgendem Beispiel deutlich wird:

 

Selam. Ich bin gerade dabei, dein Buch „Schlüssel zum Verständnis des Koran“ zu lesen und muss dir wirklich meinen tiefsten Respekt aussprechen. Dieses Buch ist mir eine große Hilfe und ich danke dir dafür, dass du mir eine Möglichkeit geschaffen hast, wie ich mich von kulturellen Einflüssen lösen kann, um die Lesung mit Gottes Hilfe zu studieren und zu verstehen. Vielen lieben Dank und möge Allah dich dafür reichlich belohnen. Einen schönen und friedlichen Abend noch dir und deiner Familie.

 

Wenn wir von der Gottergebenheit sprechen, dann teilt sie die Welt nicht in das ‹Haus des Frieden› (dāru-s-salām) und in das ‹Haus des Krieges› (dāru-l-ḥarb). Indem die Schreiber und Entwerfer dieses Flyers diese anti-koranische (!) Meinung einer Minderheit zur Theologie der Gottergebenheit und somit unweigerlich aller Gottergebenen (arabisch: «Muslime») erheben, werden leider unbegründet Angst und Hass geschürt. Dieser Hass wird gegenüber einer Menschengruppe geschürt, die unter Umständen von dieser Aufteilung noch nie etwas gehört haben und ihr gerade aus religiösen Gründen auch niemals zustimmen können.

Offensichtlich haben sich die Verfasser und Verantwortlichen des Flyers nicht mit der Lesung (arabisch: «Koran») befasst. Denn nach den ihr innewohnenden, gottergebenen (arabisch: «muslimischen») Prinzipien gelten nach heute verwendeten Begriffen föderalistisch-laizistische Grundsätze, die innerhalb einer Demokratie Anwendung finden müssen. Mit dieser Meinung stehe ich auch nicht alleine da, viele namhafte Theologen stimmten mir zu. Als ein Beispiel sei Professor Yaşar Nuri Öztürk angeführt: Die Zeit nach den Propheten: Der Koran fordert Demokratie

Ich gehöre zu jenen, die die Lesung durchaus wörtlich nehmen. Gerade deshalb muss ich insbesondere in Bezug auf die zitierten Verse 48:28 und 8:39 absolut widersprechen. Eine überwältigende Mehrheit der Theologen wie auch der Gottergebenen versteht diese Verse nicht so wie im Flyer dargestellt. Mit der in meinem Buch erläuterten Vorgehensweise im Verstehen der Lesung wird auch klar wieso. Für weitere Einzelheiten schlagen Sie bitte in folgendem Artikel nach: Anweisungen während eines Krieges

Christliche Werte sind geprägt von der Nächstenliebe. Das Gleichnis des barmherzigen Samariters ist ein klares Beispiel hierfür. Diese Werte finden sich ebenso uneingeschränkt in der Lesung (Koran). Ja, vielmehr, einen barmherzigen Samariter nennt man nach den Worten der Lesung einen Mudschāhid, also jemanden, der den Dschihād ausübt. Dieser für viele unerwartete Vergleich des barmherzigen Samariters mit einem Mudschāhid zeigt, wie prekär die Lage auf beiden Seiten ist. Gottergebene sind durch die westlich geprägte Rhetorik dermassen beeinflusst, dass sie begonnen haben selbst die Begrifflichkeiten durcheinander zu bringen. Begriffe wie den «heiligen Krieg» oder den «politischen Islam» gibt es nicht in der Lesung. Hier empfehle ich folgenden Artikel: Die Rhetorik von „Terror“ und „Dschihad“

Nicht dass wir uns missverstehen: Wir müssen gemeinsam gegen den AIS (anti-islamischen Staat) vorgehen und sämtlichen Gottergebenen (Muslimen) und Andersgläubigen aufzeigen, dass ihr religiöses Fundament nicht auf der Lesung, sondern auf Quellen beruht, die erst nach der Offenbarung der Lesung in einem Umfeld politisch chaotischer Zustände entstanden sind, die leider heute von Gottergebenen selbst noch fälschlicherweise und aufgrund fehlender Aufklärung ungerechtfertigt als Offenbarung oder autoritäre Quellen der Religion verstanden werden können. Diese nennen sich beispielsweise auf Arabisch Sunna, Idschmāʿ und Idschtihād. Sie haben mit der Lesung nichts zu tun und sind menschliche, teils auch ‹satanische› Produkte.

Die Schweiz ist in ihrem Geiste und Wesen hochgradig aufklärerisch. Allein der Name Huldrych Zwingli zeigt dies auf. Wir möchten diesem aufklärerischen Geist folgen und rufen dazu auf, dass jede und jeder, der/dem die Sicherheit und das Wohl dieses Landes am Herzen liegt, uns zu unterstützen. Sei dies durch Einladungen an Gespräche, Podiumsdiskussionen, Radiosendungen oder auch Sendungen im Fernsehen.

Eine Anerkennung der Gottergebenheit fördert den Frieden und gibt gerade dadurch die Möglichkeit, präventiv über die Religion aufzuklären, damit Radikalisierung erst überhaupt nicht stattfinden kann. Gehen wir gemeinsam vor gegen zum Beispiel die satanischen Machenschaften des AIS. Ähnlich Denkende wie wir sind für den inneren und äusseren Frieden, den geistigen wie gesellschaftlichen Frieden. Wir sehen die Schweizer Verfassung als eine mögliche Umsetzung der gottergebenen Prinzipien, die wir aus der Lesung entnehmen. Ein paar unserer Flyer habe ich Ihnen beigelegt.

Am 21. November 1990 wurde in der Charta von Paris die Spaltung Europas in Ost und West im Kalten Krieg für beendet erklärt. Mögen wir nun damit beginnen, die Spaltung der Welt in «West» und «Ost», der «Anderen» und «Uns» zu beenden. Beginnen wir vielmehr damit, den Frieden zu sichern durch Aufklärung, Verständnis und Barmherzigkeit.

Mögen wir das gottergebene Prinzip der Vernunft, der Liebe und des Friedens gemeinsam vorleben.

In Frieden und mit freundlichen Grüssen,
Kerem Adıgüzel

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Das „wa“ in der arabischen Sprache

Es gibt noch zahlreiche weitere Feinheiten dieser kunstvollen Sprache. Da ich aber kein Buch über die arabische Sprache schreiben will und auf dem Büchermarkt bereits viele gute Lehrbücher vorhanden sind, werde ich mich hier nur auf die wichtigste Feinheit beschränken, die eine wichtige Bedeutungsänderung nach sich ziehen kann. Erinnern Sie sich an den in diesem Kapitel eingangs zitierten Vers:

 

41:44 Hätten wir sie zu einer fremdsprachigen Lesung gemacht, hätten sie gesagt: „Hätten ihre Verse nicht erklärt werden müssen?“ Fremdsprachig oder arabisch? Sprich: „Sie ist eine Führung und eine Heilung für die Gläubigen.

 

Die rhetorische Frage „Fremdsprachig oder arabisch?“ in Vers  41:44 wird in den meisten Übersetzungen anders wiedergegeben, in etwa wie folgt: „Ein fremdsprachiges Buch für einen Araber?“24

Wörtlich kann der entsprechende Teil auch so verstanden werden: „fremdsprachig und arabisch? “, ءاعجمى وعربى – transliteriert: ʾa-aʿdschamiyyun wa ʿarabiyyun. In diesem Ausdruck sind vereinfacht gesagt vier Wörter, die von den Übersetzern auf unterschiedliche Weise wiedergegeben wurden. Vier Möglichkeiten ergeben sich in der Bedeutung dieses kleinen Satzes:

  • ein Fremder und/oder ein Araber (Zaidans Übersetzung ist hier anzusiedeln)
  • ein Fremder und/oder arabisch
  • fremdsprachig und/oder ein Araber (die meisten Übersetzer entschieden sich hierfür)
  • fremdsprachig und/oder arabisch (unsere Variante)

Wieso habe ich mich für die vierte Variante entschieden? Zu Beginn wird ein Fragepartikel verwendet, welches klarstellt, dass dieser Ausdruck eine Frage und keine Aussage ist. Die Frage kann auch rhetorischer Natur sein, um auf etwas aufmerksam zu machen. In dem Sinne könnte der Ausdruck auch rhetorisch als „Ob fremdsprachig oder arabisch?“ verstanden werden.

Es ist zwar korrekt, dass ʿarabī „ein Araber“ und ʾaʿdschamī „ein Fremder“ bedeuten kann, jedoch fordere ich Sie auf die von unserem Hanif-Team wiedergegebene Bedeutung mit den anderen Übersetzungen zu vergleichen, welche logisch gesehen nicht ganz einwandfrei sind. Wenn der Einwand der Araber „Ein fremdsprachiges Buch für einen Araber?“ als folgerichtig angesehen wird, so muss auch eingeräumt werden, dass der Einwand von Milliarden von Nichtarabern, also Fremden, der dann „ein arabisches Buch für einen Fremden?“ lautete, ebenfalls berechtigt ist. Man müsste hierzu lediglich die Wortreihenfolge ändern: aʿarabīyun wa aʿdschamīyun. Bei der gängigen Übersetzung wird dieses Recht des Einspruches den Nichtarabern geradezu gegeben.

Was will der Vers aussagen? Wenn Sie diese Frage in Gedanken halten und den jeweiligen Vers einige Male aufmerksam lesen, so werden Sie treffender in ihrer Auswahl der richtigen Übersetzung sein. Sprachlich gesehen gibt es zwei Punkte, die ich genauer erläutern muss:

Erstens, in der Lesung wird für die Araber das Wort „aʿrāb“ verwendet, welches in der Mehrzahlform steht (vgl. 9:97–98,101,120; 33:20; 48:11,16; 49:14; anders als im heutigen Standardarabisch nicht ʿarab). Für Nichtaraber hingegen wird die Mehrzahl des Wortes aʿdscham verwendet, also „aʿdschamīn“ (vgl. 26:198). Die Wörter aʿdschamī und ʿarabī werden hingegen für Sprachbezeichnungen verwendet. Der Buchstabe “yā” (ي – ī), welcher an das Ende der Wörter ʿarab und aʿdscham hinzugefügt wird, setzt die Bedeutung dieser Wörter auf „arabisch“ und „adschemisch“. Wenn wir nämlich alle Verse betrachten, in denen das Wort ʿarabī vorkommt, so werden Sie sehen, dass alle auf die Bedeutung „arabisch“ hinauslaufen (12:2; 13:37; 16:103; 30:113; 26:195; 39:28; 41:3, 44; 43:3; 46:12). In gleicher Weise verhält es sich mit dem Wort aʿdschamī, welches die Bedeutung „fremdsprachig“ erhält (16:103; 41:44). Durch den konsistenten Gebrauch dieser Worte als eine Beschreibung der verwendeten Sprache (arabisch, fremdsprachig) außerhalb von 41:44 ergibt es wenig Sinn, die Bedeutung in 41:44 als „ein Fremder und ein Araber“ festzulegen.

Wenn wir den Tunnelblick verlassen und den gesamten Vers im Kontext seiner umliegenden Verse lesen, wird es noch deutlicher, weshalb unsere Variante passender ist:

 

41:43 Es wird dir nur das gesagt, was schon den Gesandten vor dir gesagt wurde. Dein Herr ist wahrlich voll der Vergebung und verhängt (auch) schmerzhafte Strafe.25

 

Im Vers davor geht es also um die Botschaften, welche den vorherigen Gesandten auch schon mitgeteilt wurden. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Botschaft durch die Gesandten stets in der Sprache des Volkes mitgeteilt wurde (14:4), wird es klar, dass es sich hierbei um den Inhalt der Botschaft und nicht die eingesetzte Sprache handelt. Denn gerade dieser Inhalt der Lesung wird als Rechtleitung und Heilung beschrieben. Es wäre verkehrt anzunehmen, dass Gott nur jene Menschen rechtleitet, die Arabisch beherrschen. In der traditionellen Vorstellung von Paradies und Hölle wurde nicht selten die Ansicht geäußert, dass die Sprache im Garten Eden das Arabisch der Lesung sei! Dies hat natürlich nichts mit der Botschaft der Lesung gemein, welche gerade betont, dass die Sprache keine Rolle spielt.

Betrachten wir den nächsten Vers, so wird die Angelegenheit weiter verdeutlicht:

 

41:45 Und Wir gaben bereits Musa die Schrift, doch wurde man darüber uneinig. Und wenn es nicht ein früher ergangenes Wort von deinem Herrn gegeben hätte, so wäre zwischen ihnen wahrlich entschieden worden. Und sie sind darüber fürwahr in starkem Zweifel.26

 

Wenn wir also berücksichtigen, dass die Sprache von Moses die Sprache seines Volkes war, ihnen die Schrift in ihrer Sprache mitgegeben wurde, so wird es hier auch klar, dass es der Inhalt ist, um den es sich hier handelt und weshalb die Leute von Moses darüber uneinig waren.

Zweitens haben Sie sich bestimmt gefragt, wieso ich in den vier Varianten „und/oder“ geschrieben habe und somit eigentlich acht Varianten gemeint sein könnten. Dazu ist es wichtig zu wissen, wie das Wort „wa“ (و – allgemeine Bedeutung „und“) in der klassisch-arabischen Sprache verwendet wird, denn die Lesung zeigt uns deutlich auf, dass dieses Wort, das aus nur einem Buchstaben besteht, je nach Anwendung zahlreiche Bedeutungen annehmen kann und so der Interpretation eine gewisse Vielfalt einräumt.

Das Bindewort „und“ hat auch auf Deutsch mehrere Bedeutungen, die das arabische „wa“ auch umfasst:

 

1. Logische Verknüpfung zweier Aussagen:

Es ist Nacht und es regnet.

Hier werden zwei verschiedene Dinge angesprochen. Die Nacht ist kein Regen und der Regen ist zeitlich nicht auf die Nacht eingeschränkt. Ein Beispielvers:

 

10:5 Er ist es, der die Sonne zur Leuchte und den Mond zum Licht gemacht und ihm Stationen zugemessen hat, damit ihr die Zahl der Jahre und die Zeitrechnung wißt.27

Transliteration: huwa allaḏī dschaʿala asch-schamsa ḍiyā’an wa al-qamara nūran wa qaddarahu manāzila litaʿlamū ʿadada as-sinīna wa al-hisāba …

 

2. Zusammenfassung zu Gruppen in Verbindung mit Substantiven:

Cem und Peter trugen den Sack voller Bonbons hinunter.

Hierbei ist es ersichtlich, dass beide zu einer Einheit zusammengefasst werden, sie beide zusammen haben dieselbe Sache erledigt. Es war nicht so, dass jeweils Cem einen Sack trug und Peter einen weiteren. Ein Beispielvers hierzu:

 

33:36 Weder hat ein Gläubiger noch eine Gläubige, wenn Gott und Sein Gesandter eine Angelegenheit entschieden haben, die Entscheidungsmöglichkeit in ihrer Angelegenheit. Und wer sich Gott und Seinem Gesandten widersetzt, der befindet sich ja in klarem Irrtum.

 

Hier werden Gott und Sein Gesandter, also der Prophet Mohammed, als eine Einheit zusammengefasst erwähnt. Dies liegt darin begründet, dass der Gesandte Gottes naturgemäß seiner Pflicht nachzukommen und die Entscheidungen Gottes eins zu eins zu verkünden hat. Da der Gesandte die Entscheidungen Gottes auch umsetzt, sind es auch seine Entscheidungen als Gesandter, ob er nun damit als Mensch einverstanden wäre oder nicht. Zu diesem Punkt werde ich später im zweiten Teil des Buches unter „die Aufgaben des Gesandten“ noch einmal näher eingehen.

 

3. Angabe einer zeitlichen Reihenfolge, wonach die Stellung bedeutungsrelevant ist:

Man kann dies tun, wenn man alt wird und Zeit hat.

Mit diesem Satz wird ausgedrückt, dass man Zeit haben wird, nachdem man alt wurde. Ein Beispiel hierzu aus der Lesung:

 

79:29 und ließ seine Nacht verdunkeln und seine Morgendämmerung hervorkommen

Transliteration: wa ʾaghṭascha laylahā wa ʾachradscha ḍuḥāhā

 

Zuerst wird das Licht dem Tag entzogen und erst danach kann das Licht der Morgendämmerung wieder hervortreten.

Weiterer Beispielvers:

 

4:1 O ihr Menschen, seid eures Herrn achtsam, der euch aus einer einzigen Seele erschuf und aus ihm ihren Partner erschuf und aus ihnen beiden viele Männer und Frauen ausbreiten ließ. …

Transliteration: yā ʾayyuhā an-nāsu ittaqū rabbakumu al-laḏī chalaqakum min nafsin wāḥidatin wa chalaqa minhā zawdschahā wa baṯṯa minhumā ridschālan kaṯīran wa nisāʾan …

 

Die Erschaffung des Menschen geschah zuerst aus einer einzigen Seele (nafs), und nicht aus einem einzigen Menschen heraus, wonach ihr Partner erschaffen wurde. Die Menschen haben sich im Anschluss dann aus diesen durch Fortpflanzung vermehrt und sich auf der Erde ausgebreitet – gemäß den von Gott auferlegten Regeln, die wir heute als Evolutionstheorie erforschen. Es sollte also hierbei deutlich angemerkt sein, dass aus dieser einen Seele zur selben Zeit auch mehrere Menschen erschaffen sein können und der Partner allgemein das „andere Geschlecht“ beschreibt und auch mehrere Menschen umfassen kann.

Dies alles kann also auch mit dem arabischen „und“ ausgedrückt werden. Wenn wir jedoch „wa“ bloß als „und“ verstehen, schränken wir die Bedeutungsvielfalt des arabischen Wortes ein, wonach das „wa“ weitere Funktionen erfüllen kann. Dies ist eine wichtige Angelegenheit, denn selbst gewisse Araber und solche, die Arabisch sprechen können, vergessen diesen Umstand und kommen dann im Verstehen der Lesung zu falschen Schlüssen.

Weitere Bedeutungen:

4. Anzeige für den Anfang eines Satzes ohne weitere große Bedeutung. Beispielvers:

 

74:3 Und deinen Herrn preise hoch
74:3 Preise deinen Herrn!28

Transliteration: wa rabbaka fakabbir29

 

Hiervon gibt es eine schier unzählige Menge an Beispielen in der Lesung.

 

5. Ausdruck eines Schwurs, bekanntestes Beispiel wäre „Wallahi“ (bei Gott!). Beispielvers:

 

100:1 Bei denen, die schnaubend laufen.

Transliteration: wa al-ʿādiyāti ḍabḥan

 

6. Gebrauch im explikativen („erklärenden“) und einschließenden Sinne. Beispielvers:

 

33:7 Und (damals) als wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und von dir, und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria! Wir nahmen von ihnen eine feste Verpflichtung entgegen.30

Transliteration: wa ʾiḏ ʾachaḏnā min an-nabīyīna mīṯāqahum wa minka wa min nūḥin wa ʾibrāhīma wa mūsá wa ʾīsá ibni maryama wa ʾachaḏnā minhum mīthāqan ghalīẓan

 

Hier bedeutet „min an-nabīyīna“ „von den Propheten“ und „wa minka“ „und von dir“. Obwohl derjenige, der mit „dir“ gemeint ist, auch ein Prophet ist, und obwohl auch Noah, Abraham, Jesus, der Sohn der Marias, und Moses – obwohl alle Propheten sind, werden diese mit „wa“ verknüpft.

Ein weiterer Beispielvers:

 

3:102 O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Gott, wie Er richtig gefürchtet werden soll, und sterbt nicht anders denn als Gottergebene.31

Transliteration: yā ʾayyuhā al-laḏīna ʾāmanū ittaqū allaha ḥaqqa tuqātihi wa lā tamūtunna ʾillā wa ʾantum muslimūna

 

Viele Kommentatoren, unter ihnen beispielsweise auch Ibn Kaṯīr, verstehen dies als zwei separate Aufforderungen und verbinden die beiden Bedeutungen nicht. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das „wa“ in diesem Kontext als die Einleitung eines Satzes, welches die genaue Erklärung und Klarstellung liefert, wie man richtige Ehrfurcht vor Gott empfinden kann. Gott zu fürchten, wie Er richtig gefürchtet werden soll, bedeutet sein eigenes Leben in der Ergebung (Islam) zu Gott im Wissen zu gestalten, dass man jederzeit sterben könnte. Gottes achtsam zu sein (taqwá üben) bedeutet auch zu verstehen, in welch einem schlimmen Zustand ein Gestorbener ist, der als jemand starb, der Unrecht beging und von Gott verurteilt wird. Ein in dieser Hinsicht Achtsamer (muttaqī) weiß um die Selbstillusion, seine moralischen Pflichten vor sich herzuschieben, indem man meint, man werde Gott noch genug anbeten und Rechtschaffenes tun, wenn man alt wird und Zeit hat. Der Prophet Josef dient uns hier als Beispiel (12:101), der sich nicht durch weltliche Errungenschaften ablenken ließ.

Wem dieses Beispiel zu unklar erscheint, der schaue sich folgendes Beispiel genauer an:

 

55:68 In ihnen gibt es Obst: Datteln und Granatäpfel.

Transliteration: fīhimā fākihatun wa nachlun wa rummānun

 

Der Granatapfel (ihre rote Frucht) wie auch die Dattel sind Obstsorten. Das erste „wa“ steht hier demzufolge im explikativen Sinne, wohingegen das zweite „wa“ als Aufzählung verstanden werden kann. Noch ein Beispiel:

 

2:238 Wacht über die Gebete und das mittlere Gebet, und steht demütig vor Allah.32

Transliteration: ḥāfiẓū ʿalá aṣ-ṣalawāti wa aṣ-ṣalāti alwuṣṭá wa qūmū lillahi qānitīna

 

Es ist offensichtlich, dass das „mittlere Gebet“ (Mittagsgebet) auch ein Teil der Gebete ist. Weitere Beispiele für diese explikative oder auch einschließende Funktion des „wa“ lassen sich in 8:60 (einsatzbereite Pferde sind auch eine Kraft) oder in 5:15 (das Buch ist ein Teil des Lichts33) finden.

 

7. Empathische Funktion, um etwas besonders hervorzuheben:

Dasselbe „wa“ aus 2:238 kann nebst einer erklärenden Funktion auch eine empathische Funktion innehaben, wonach das „wa“ im Sinne von „besonders“ verwendet wird.34

Diese empathische Funktion ist eng verknüpft mit der explikativen Funktion. Weiteres Beispiel:

 

70:4 Die Engel und der Geist steigen zu ihm auf an einem Tag, dessen Maß fünfzigtausend Jahre ist.

 

Mit „Geist“ ist hier traditionell der Engel Gabriel gemeint und kein weiteres Wesen nebst den Engeln. Gemäß dem aschʿarītischen Philosophen Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) wird der „Geist“ deshalb separat erwähnt, um auf seine Größe, seinen Wert bei Gott und seinen besonderen Stand bei den Engeln hinzuweisen. In diesem Sinne können dann auch die Verse 2:97–98 verstanden werden.

 

8. Gebrauch in einer Aufzählung. Wir können den Beispielvers von vorhin verwenden:

 

33:7 Und (damals) als wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und von dir, und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria! Wir nahmen von ihnen eine feste Verpflichtung entgegen.

Transliteration: … wa min nūḥin wa ʾibrāhīma wa mūsá wa ʾīsá …

 

Das arabische „wa“ verschwindet im Deutschen in einer Aufzählung im Kommazeichen außer vor dem zweiten und letzten Wort. Natürlich könnte man hier jedes einzelne „und“ ausschreiben, jedoch störte dies den Lesefluss erheblich und widerspräche den gängigen Regeln einer Aufzählung in der deutschen Sprache.

 

9. Im Sinne von „oder“, obwohl die arabische Sprache auch eigene Wörter für „oder“ hat, wie etwa am (أم – meist in einer Frage) oder aw (أو – meist in einer Gegenüberstellung), welche beide auch in der Lesung auftauchen (z.B. in 2:6, 2:19). Beispiel für das „wa“ als „oder“:

 

73:20 Gewiss, dein Herr weiß, dass du weniger als zwei Drittel der Nacht oder die Hälfte oder ein Drittel von ihr aufbleibst …

Transliteration: ʾinna rabbaka yaʿlamu ʾannaka taqūmu ʾadná min ṯuluṯayi al-layli wa niṣfahu wa ṯuluṯahu

 

Es ist unmöglich, gleichzeitig zwei Drittel, die Hälfte und ein Drittel der Nacht aufzubleiben, weil man ansonsten davon ausgehen müsste, dass zwei Drittel gleichviel sind wie die Hälfte und dieses wiederum gleichviel wie ein Drittel der Nacht, was aber widersprüchlich ist. Deshalb wird hier das wa definitiv als Gegenüberstellung unterschiedlicher Einheiten aus demselben Bereich verwendet. Nächstes Beispiel:

 

2:177 Aufrichtigkeit ist nicht, wenn ihr eure Gesichter in Richtung des Ostens oder des Westens wendet, sondern Aufrichtigkeit ist, …

Transliteration: laysa al-birra ʾan tuwallū wudschūhakum qibala al-maschriqi wa al-maghrib

 

Es ist auch offensichtlich, dass man sich nicht gleichzeitig in Richtung des Ostens und des Westens wenden kann.35

Weitere Beispiele ließen sich auch hier finden. Da in 41:44 kontextuell zwei Gegensätze gegenübergestellt werden  (fremdsprachig – arabisch), ist die Wahl von „oder“ an dieser Stelle am passendsten.

 

10. Im Sinne von „aber“, obwohl auch hier ein eigenes „aber“ vorhanden ist, wie in lākin (لكن – z.B. in 2:12) oder in ammā (أما – z.B. in 80:8).36 Ein Beispielvers:

 

2:70 Sie sagten: Rufe deinen Herrn für uns, um uns darüber aufzuklären, wie sie ist, da uns die Kühe gleich erscheinen, aber dann sind wir, so Gott wollte, rechtgeleitet.

Transliteration: qālū adʿu lanā rabbaka yubayyin lanā mā hiya ʾinna al-baqara taschābaha ʿalaynā wa ʾinnā ʾin schāʾa allahu lamuhtadūna

 

Das „aber“ in diesem Vers ist ebenso in den Übersetzungen von Khoury, Azhar, Paret und Bubenheim (hier als „doch“) zu finden.

Zusammengefasst haben wir also mindestens folgende Anwendungsmöglichkeiten:

  1. Logische Verknüpfung
  2. Zusammenfassung zu einer Gruppe oder Einheit
  3. Angabe einer zeitlichen Abfolge
  4. Am Anfang eines Satzes
  5. Schwurausdruck
  6. Explikative Funktion
  7. Empathische Funktion
  8. Aufzählung
  9. Im Sinne von „oder“
  10. Im Sinne von „aber“

Im Normalfall ist die Bedeutung einfach „und“ und wird im Alltag auch so gebraucht. Doch es ist nicht immer leicht, die Bedeutung von „wa“ genau zu bestimmen. Manchmal passen auch mehrere Varianten. Meist wird eine kontextuelle Analyse Aufschluss über die genaueren Bedeutungsmöglichkeiten geben. Manchmal muss man sich die Bedeutung aus dem Gesamtkontext der Lesung erschließen. Denn viele der heutigen Gottergebenen machen immer noch den Fehler, ihre Meinung, ihre Ideen und ihre Ansichten in den Versen der Lesung bestätigt finden zu wollen und zitieren dann unvorsichtig Verse, die scheinbar das Gesagte oder das Geschriebene bestätigen. Stattdessen sollte man zu verstehen versuchen, was die Lesung genau aussagen will und einzelne Verse nicht aus dem Gesamtkontext der Lesung herausreißen. Auch wenn es sich hierbei „nur“ um die Bedeutung eines einzelnen arabischen Buchstabens dreht.

 

Quellen für die Wortanalyse

Wir haben nun bereits einiges über die arabische Sprache kennengelernt. Für die Studentin oder den Studenten der Lesung werden nebst der Lesung selbst die Sprache und ihre Wörterbücher auch eine entscheidende Rolle spielen, falls diese Person es sich zur Aufgabe machen will, tiefer in die Bedeutungen der Worte einzutauchen. Die arabischen Wörterbücher sind, anders als in der deutschen Sprache, nicht nach den Anfangsbuchstaben der Worte geordnet, sondern nach den bereits erwähnten Wortstämmen, den Wurzeln (dschizr), welche den jeweiligen Worten zugrunde liegen. Für den Anfänger ist es natürlich schwieriger, die Wurzeln selbständig zu erkennen. Durch entsprechende Hilfsmittel37 oder mit der Hilfe einer der arabischen Sprache mächtigen Person können Sie schnell herausfinden, um welche Wurzel es sich in einem bestimmten Wort handelt.

Doch auch hier sei Vorsicht geboten, denn wenn die Vokalisation des arabischen Textes entfernt wird, können sich Mehrdeutigkeiten einschleichen, die genau untersucht werden müssen. Ein Beispiel ist das Wort al-miḥāl (المِحال) in 13:13, was mit einem Kasra (i) vokalisiert wird und von der Wurzel m-ḥ-l (م ح ل) abstammt und in etwa „Blockaden aufstellen“ oder „eine List planen“ bedeutet. Dies wird dann beispielsweise von Paret so übertragen: „… Dabei streiten sie (d.h. die Ungläubigen) über Gott, wo er (sich doch so gewaltig zeigt und) voller Tücke ist (wa-huwa schadiedu l-mihaali).

Entvokalisiert kann man durch Abändern des Kasra zu einem Ḍamma (u) das Wort al-muḥāl (المُحال) bilden, was aber von der Wurzel ḥ-w-l (ح و ل) abstammt und in etwa das „Undenkbare, Unmögliche, Unerreichbare“ beschreibt. Beide Wörter tragen in sich die Bedeutung einer Barrikade oder Blockade38, weshalb unsere Übersetzung dieses Wortes als Folge der kontextuellen Analyse, in der die Souveränität und absolute Position Gottes dargestellt wird39, wie folgt lautet:

 

13:13 Und der Donner preist ihn mit seinem Lob, auch die Engel aus Furcht vor Ihm. Und Er sendet die Donnerschläge und trifft damit, wen Er will. Und sie streiten noch über Gott, wo Er der völlig Absolute ist.

 

Es gibt viele gute Wörterbücher, an die man sich wenden kann bei Bedarf. In Anhang C werden die wichtigsten unter ihnen aufgelistet.

Sprache und unsere Denkweise in der Sprache – Kopftuch im Koran?

Es ist nicht nur wichtig, sich selbst als Person in den Kontext seiner Zeit zu setzen, sondern genauso die eigene Muttersprache und jegliche Sprachen, die man häufiger verwendet.

Als ein einfaches Beispiel der Veranschaulichung ist der folgende Vers anzuführen, der über die Gottergebenen spricht:

 

90:18 Das sind die Angehörigen der Rechten

 

Wir leben in einer Zeit und Kultur, in der Begriffe wie „rechts“ oder „Rechte“ einen negativen, politischen Beigeschmack haben. Wenn solche Verse gelesen werden, muss man sich also daran erinnern, dass die Lesung kein politisches Buch ist und deshalb nichts mit einer rechtsextremen Einstellung zu tun hat! Dieses Beispiel ist natürlich trivialer Natur, doch viele Missverständnisse beruhen auf einem Verständnis von Begrifflichkeiten, die durch unsere jetzige Zeit geprägt sind.

Wenn wir Metaphern wie „Zeit ist Geld“ betrachten, so finden wir, dass sich diese Metapher erst kürzlich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Problematischer wird es dann bei Begrifflichkeiten wie „Qual“ (ʿaḏāb – عذاب), die in der Lesung öfters verwendet werden, nicht etwa um Folter zu meinen, sondern um die Bestrafung desjenigen durch das Ertragen der Konsequenzen eigener Handlungen zu betonen. Die Strafe ist deshalb eine Qual, weil man sich selbst in diese Situation gebracht hat. Es ist also damit keine Folter gemeint, sondern unter anderem die Peinlichkeit, dass man selbstverschuldet in diese Lage geriet. Man spricht deshalb auch von Peinlichkeit, weil es eine Pein für einen selbst ist, aber keine körperliche, sondern emotionale Strafe. Das Wort quälen beherbergt auch weitere Bedeutungen wie etwa „nicht in Ruhe lassen“, „jemanden innerlich anhaltend beunruhigen“ oder „sich (mit etwas, jemandem) sehr abmühen“. Auch diese Bedeutungen müssen berücksichtigt und genau unter die Lupe genommen werden.

Genauso geht es in die andere Richtung, nämlich bei den Begrifflichkeiten der Lesung und die veränderte Wahrnehmung derselben Worte im heutigen Arabisch. Bestes Beispiel dafür ist das Wort „Bedeckung“ (chimār), was heute fälschlicherweise nur noch als „Kopftuch“ verstanden wird, obwohl das Wort „Kopf“ (raʾs) in diesem Vers nicht enthalten ist.

Der entsprechende Vers aus der Lesung ist 24: 31 und das Wort, das wir betrachten, chumurihinna, wobei chumur der Plural von chimār ist. Dieser Begriff wird meistens komplett falsch übersetzt oder in merkwürdigen Abwandlungen wie „ihre Gewänder“ wiedergegeben. Chimār bedeutet schlicht und einfach Tuch oder allgemeiner Bedeckung. Es ist dieselbe Wurzel chā-mīm-rā (خ م ر), von der auch das Wort für „Berauschendes“ (chamr) abstammt. Diese Wurzel wird in der Lesung nur sieben Mal verwendet:

  • Sechsmal als das Nomen chamr (2:219, 5:90, 5:91, 12:36, 12:41, 47:15), was allgemein für „Berauschendes“ steht, weil es die Sinne und den Geist „bedeckt“ und vernebelt. Berauscht oder betrunken zu sein wird deshalb als chamrān umschrieben. Im heutigen modernen Arabisch wird das Wort häufig nur noch unter der eingeschränkten Bedeutung „Wein“ verwendet.
  • Einmal in 24:31 als der Plural chumur vom Nomen chimār in der Bedeutung Bedeckung oder Tuch.

Berauschendes bedeckt, betucht den Verstand und die Sinne. Chimār bedeckt etwas Materielles, Körperliches wie den Kopf, einen Tisch oder möglicherweise auch ein Bett.

Auch das Wort „dschuyūb“ (Brüste) wird oft falsch übersetzt oder verstanden, denn es gibt die Argumentation, dass mit „dschuyūb“ die Taschen gemeint seien und man nur bei den Hosen diese Taschen habe, das Tuch also mindestens vom Kopf bis zur Kniehöhe gehen müsse. Zwar ist die Bedeutung als „Tuch“ schon richtig für das Wort dschayb (Singular von dschuyūb), aber in diesem Sinne lässt sich fragen: Wo sollen die Taschen bei einem Kleidungsstil ohne Taschen sein? Gott der Allwissende hätte sicherlich nicht dieses Wort gebraucht, wenn es andere Wörter gäbe. Wenn man wirklich und wörtlich die Hosentasche meinen will, so müsste dort stehen: جَيْب البَنْطَلُون (dschaybu-l-banṭalūn), was aber modernes Arabisch ist, da das Wort „banṭalūn“ dem französischen Wort pantalon entspricht. Das richtige Wort für Beinkleid auf Arabisch wäre sirwāl – سروال, also müsste dschaybu-s-sirwāl stehen. Sowas steht aber nirgends und deshalb muss diese Bedeutung abgelehnt werden, weil sie versucht, ein kulturell und traditionell bedingtes Verständnis der Worte als Gottes Worte zu verkaufen.

Man bezeichnet die Sinuskurve auch mit diesem Wort, weil es diese Taschen-ähnliche Form hat (dschaybu-z-zāwiyyah – جيب الزاوية) und der Busen einer Frau hat auch diesen „Taschenverlauf“. Es ist also im Endeffekt klar, dass damit die „Taschen“ der Frau gemeint sind, wo ihre Muttermilch aufbewahrt wird für die Kleinkinder: ihre Brüste. In der Lesung kommt die Wurzel nur in drei Versen vor: 24:31, 27:12 und 28:32 (zweimal als Hemdausschnitt, einmal als Brüste in 24:31). Sowohl die moderne arabische Sprache als auch die Wörterbücher (z.B. E.W. Lane: breast, bosom) übersetzen dieses Wort dschayb als Brust (Busen).

Der Wortlaut, der in 24:31 als Anweisung für die Frauen zu verstehen ist, lautet: وليضربن بخمرهن على جيوبهن oder transliteriert wal-yaḍribna bichumurihinna ʿalá dschuyūbihinna:

  • und (wa)
  • sie (feminin plural) sollen hervortun (l-yaḍribna)
  • mit (bi)
  • ihren (hinna) Bedeckungen/Tüchern (chumur)
  • über (ʿalá)
  • ihre (hinna) Ausschnitte/Taschen/Brüste (dschuyūb)

Auf Deutsch also:

Und sie sollen ihre Tücher über ihre Brüste legen.

Was das Kopftuch angeht, so denke ich, ist es eine klare Angelegenheit. Hier kommt das Wort Kopf (raʾs – رَأس) nirgends vor, ansonsten müsste die Wortwahl wie folgt lauten: bichumuri ra’sihinna (بخمر رأسهن), also ihre Kopftücher und nicht einfach nur ihre Tücher.

Das Wort chimār (pl. chumur) wird auch von den klassisch-orthodoxen Gelehrten als solches verstanden, nämlich nur als Tuch:

 

Khimaar comes from the word khamr, the root meaning of which is to cover. For example, the Prophet […] said: “Khammiru aaniyatakum (cover your vessels).” Everything that covers something else is called its khimaar.90

 

Im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Definition vieler Fiqh-Gelehrter steht chimār für das Kleidungsstück, welches eine Frau verwendet, um ihren Kopf zu bedecken. Die sprachliche Verwendung als solches ist nicht falsch, doch diese Definition als die Grundbedeutung des Wortes zu akzeptieren kommt der Verdrehung der Worte Gottes gleich.

Rein sprachlich ist es also klar: Gott spricht in der Lesung davon, dass die Frauen den Ausschnitt über den Brüsten bedecken sollen. Gott gehen die Worte nicht aus und Er ist sehr genau im Erklären (31:27). Gott ist sogar so präzise, dass Er zum Beispiel unterscheidet zwischen dem Fleisch und dem Fett (im Fleisch), das Juden zum Verzehr erlaubt ist oder nicht (6:146). Er würde also auch das Wort Kopf nicht vergessen, wenn damit wirklich Kopftuch gemeint wäre.

Natürlich müsste man hier das Wort „dschalābīb“ (جلبيب – Gewänder, was nur in 33:59 vorkommt) auch noch betrachten, doch die Argumentation ist dementsprechend analog. Hierbei geht es mir mehr darum aufzuzeigen, dass kulturell und zeitlich bedingte Wortverständnisse das wirkliche Begreifen der Lesung verhindern können, wenn man darauf nicht Rücksicht nimmt. Versuchen Sie einmal das Wort „Idiot“ auf die ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen, dann werden Sie so Gott will sehen, dass sich die Bedeutung der Wörter über die Zeit genauso ändert wie die Menschen!