Interpretation

photo of a white muslim mosque

Das Wort ‚heilig‘

Eine der Herausforderungen beim Verstehen der Lesung (Koran) ist die Einordnung von Wörtern, wie dies bspw. beim Wort heilig deutlich wird. Ein korrektes Verständnis der Mehrdeutigkeit gewisser Wörter, aber auch der Bedeutungsunterschiede und klare Abgrenzungen sind wichtig. Grammatik und Semantik sind nur zwei Bereiche. Auch die Methodik des Interpretierens ist wesentlich.

Das Wort heilig wird im Alltag in verschiedener Form gebraucht wird: der heilige Koran, der heilige Prophet, der heilige Engel, heilige Menschen usw. Wie wird das Wort im Koran verwendet? Sollten wir dabei auf unsere Wortwahl achten, religiös gesehen?

Heilig auf Deutsch und Arabisch

Als religiöses Adjektiv bedeutet heilig auf Deutsch erhaben über alles Irdische, unantastbar, von Gottes Geist erfüllt, gottgeweiht und stammt wahrscheinlich vom althochdeutschen heilagheilīg ab, was wiederum geweiht, heilbringend, zum Heil bestimmt, fromm bedeutet. Eine weitere Ausgangsbedeutung kann jmdm. ausschließlich eigen, ganz, vollständig sein. So kann dann von heiliges Wesen, göttliche Vollkommenheit, Unantastbarkeit, Heiligkeit, Frömmigkeit, Heiligtum oder Sakrament die Rede sein.

Dadurch wird die Suche nach dem entsprechenden arabischen Wort schwierig. Wörter wie muqaddas (geheiligt) oder haram (verboten, tabuisiert, unantastbar) können auch diese oben beschriebene Bedeutungsvielfalt umfassen. In dem Sinne ist es auf Deutsch nicht falsch vom heiligen Propheten zu sprechen. Die Große Moschee von Mekka wird al-masdschid al-haram genannt. Das kann aber auch daran liegen, dass der Aufenthalt in dieser Moschee mit einem direkten Kriegs- und Kampfverbot verknüpft ist. Der Frieden in der Moschee ist also ein unantastbares Tabu. Generell haben Moscheen eine wichtige Bedeutung, da es den gläubigen Menschen untersagt ist sich in Moscheen aufzuhalten, die nicht für die Gerechtigkeit (qist, adalah) und Rechtschaffenheit (taqwa, sulh, birr), also den Weg Gottes (sabîlu-llah) einstehen (9:107-109).

Die arabische Wurzel für heilig

Klassisch wird die Konsonantengruppe qâf-dâl-sîn (q-d-s) als Ausgangswurzel genommen. In der Lesung (Deutsch für Koran) wird die Wurzel wie folgt verwendet:

  • Einmal in 2:30 als zweiter Verbstamm qaddasa, um Gottes Souveränität zu verehren
  • Dreimal (5:21, 20:12, 79:16) als passives Partizip des zweiten Verbstammes muqaddas/ah, um den geweihten Zustand eines Ortes zu betonen:
    • Zweimal als al-wâdi al-muqaddas = das geheiligte Tal (Tuwa)
    • Einmal al-ard al-muqaddasah = die geheiligte Erde
  • Viermal in Verbindung mit dem Geist der Heiligkeit (nicht Heiliger Geist): rûh al-qudûs
  • Zweimal als Gottesname al-quddûs: Der Heilige

So wird klar, dass auch in der Lesung semantische Bedeutungsnuancen des Wortes heilig verwendet werden im Sinne von ganz, ungeteilt, vollständig, vollkommen oder auch gesund.

Außerdem werden in arabischen Wörterbüchern wie dem Lisanu-l-‚arab (Die Sprache der Araber) für die Bedeutung des Begriffs muqaddas auch Umschreibungen wie mubârak (gesegnet) und mutahhar (rein, sauber) wiedergegeben. Diese beiden Eigenschaften werden direkt im Zusammenhang mit der Offenbarungsschrift erwähnt:

Dies ist ein Buch, das Wir zu dir hinabsandten, gesegnet, damit sie über seine Zeichen nachsinnen und damit die Einsichtigen es bedenken.
kitâbun anzalnâhu ilayka mubârakun liyaddabbarû ‚âyâtihi wa-l-yatadhakkara ‚ûlû l-albâb

38:29

Ein Gesandter von Gott, der gereinigte Blätter vorträgt
rasûlun min Allahi yatlû suhufan mutahharatan

98:2 Hanif-Übersetzung

Der Begriff gesegnet wird auch für Gesandte, Friede sei auf allen, gebraucht, z. B. in 19:31 oder 37:113; ebenfalls für Orte, z. B. in 23:29, oder auch für einen Baum als besondere Energiequelle in 24:35. Der Ausdruck rein oder gereinigt wird auch für Menschen gebraucht, siehe bspw. in 3:42, 3:55, 5:41, 8:11 oder besonders in 9:108.

Abgrenzung zur deutschen Sprache

Alles in allem hat zwar die Umschreibung heilig auch eine christliche Konnotation. Dennoch ist dieser Begriff auch im Sinne der Alltagssprache auch für die Lesung (Koran) und die Gesandten nicht fragwürdig. Im Alltag sagen wir ja auch Herr Abdullah. Aber im religiösen Sinne ist Gott allein unser aller wahrhaftiger rabb (Erhalter, Herr). Dennoch ist es auch religiös gesehen nicht falsch, Herr Abdullah zu sagen.

Muqaddas stellt ein passives Partizip des zweiten Verbstammes dar, bedeutet also geheiligt und nicht heilig. Aus gutem Grund wird der Geist der Heiligkeit mit qudus (قُدُس) erwähnt. Es ist sprachlich falsch hier vom Heiligen Geist zu reden, richtig ist der Geist der Heiligkeit. Gott wird mit Al-Quddûs (الْقُدُّوسُ), also der Heilige beschrieben. Die Engel heiligen Ihn direkt in 2:30 (nuqaddisu laka, kein Passiv). Das Land hingegen wird in passiver Form als geheiligt (muqaddas) beschrieben. Das Adjektiv heilig wird nirgends für irgendeinen Propheten oder Gesandten gebraucht im Koran. Der einzig Heilige und die Quelle aller Heiligkeit ist somit Allah, unser formloser, geschlechtsloser, unerschaffener Schöpfer.

Hier können wir einwenden, dass all dies sprachliche Spitzfindigkeiten sind. Dennoch finden wir diese wichtig, da kein Wort in der Lesung (Koran) zufällig gewählt ist. Aus demselben Grund sagen wir auch nur zu Gott mawlânâ (unser Beschützer, Meister, Verbündeter, Schutzpatron). Dieses Wort dient in der Alltagssprache im religiösen Kontext als Ehrentitel für Menschen. Sufis weltweit sagen zum Mystiker Rumi mevlana (türkische Schreibweise). Ebenfalls nennt man gewisse Religionsgelehrte in manchen Ländern so. In der Schrift kommt dieses Wort nur für Gott alleine vor.

Fazit

Synonyme aus den Wörterbüchern bedeuten nicht, dass diese Wörter miteinander gleichzusetzen sind. Linguistisch sollten wir also exakt bleiben. So ist haram auch nicht einfach heilig, sondern die Wurzel H-r-m hat in der Grundbedeutung mit einer Tabuisierung, z. B. im Sinne einer Unantastbarkeit zu tun. Aus dieser Grundbedeutung heraus entspringen dann Ableitungen wie haram (verboten, „tabuisiert, etwas zu tun/sagen/konsumieren“) oder hurma (z.B. Respekt, im Sinne von „es ist ein Tabu, respektlos zu sein“). Haram mit heilig gleichzusetzen führte zu merkwürdigen Widersprüchen, etwa dass Schweinefleisch dann auch plötzlich heilig sein könnte und deshalb nicht zu essen wäre. Die Haram-Moschee ist eine Moschee, bei der es laut Koran ein Tabu ist zu kriegen: ein Ort der spirituellen und körperlichen Unantastbarkeit.

Sprache ist jedoch nie absolut präzise und es gibt Überlappungen. Heil sein bedeutet in dem Sinne auch gesund und intakt sein – aber das ist dann wiederum eine Vermischung von deutschen und arabischen Sprachlichkeiten, die voneinander getrennt sind. Heilen oder heil sein ist nicht dasselbe wie heiligen. Heil sein im Sinne von gesund ist auf Arabisch eher unversehrt, also salîm (سَلِيم), da Unversehrtheit besser passt. Heilsam, heilend, gesund ist dann auf Arabisch eher sihhy (صِحِّي). So ist die HEILung auf Arabisch eher schifâ‘ (شِفَاءٌ).

Wichtig: Wir sagen nicht, dass es absolut unislamisch ist, wenn jemand das Wort heilig in einer anderen Form für sich in seinem Glauben verwendet. Sonst machen wir uns des Takfîrs schuldig, was schon ein Tabu an sich ist. Möge uns davor unser gnädige Schöpfer bewahren.

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Abtreibung im Islam ist Mord, WENN…

Wann beginnt das Leben? Und ab wann ist Abtreibung Mord? In der Gottergebenheit (Islam) können diese Fragen mit Hilfe der Lesung (Koran) erörtert werden. Ich zeige eine Möglichkeit auf diese Fragen Antworten zu finden.

Die Frage nach der Abtreibung kann sehr schnell und leicht die Gemüter erhitzen. Denn die Meinungen erhalten aufgrund individueller Umstände unterschiedliches Gewicht. Wir kennen aus dem Alltag, dass auch jedes Gesetz seine Ausnahmen oder Bedingungen hat. Dies gilt ebenso für sämtliche aus der Lesung abgeleiteten und dadurch als Interpretationen einzustufenden Regeln. Die eigene Kultur, unsere Sozialisierung, unser Bildungs- wie auch Wissensstand spielen eine große Rolle, wie wir welche Positionen erzeugen und einstufen. Die Lesung ist auch ein sehr ambiger Text, der jederzeit Vielfalt und ein ausgeklügeltes, differenziertes Verständnis erfordert und fördert. Eindeutigkeit kann hier höchstens eine Illusion der Sicherheit vermitteln. Sie ist also ein unerreichbares Unterfangen. Je nach Methodik und philosophischen Annahmen (Prämissen) werden unterschiedliche Ergebnisse erfolgen müssen.

Die Frage, ob Schwangerschaftsabbruch verboten ist, wurde nicht erst kürzlich relevant für muslimische Gläubige, ganz zu schweigen für die Gelehrten. Diese setzten sich mit solchen Themen aus allen möglichen Aspekten bereits intensiv auseinander. Fragen wie «wann beginnt das Leben?», «wie ist der Zusammenhang zwischen Seele, Geist und Körper?» und «wann werden die Körper beseelt?» führten zu unterschiedlichen Ansichten unter den Gelehrten. Wichtig ist hierbei die Anmerkung, dass diese (Rechts-)Gelehrten zumeist nicht Theologie im heutigen Sinne betreiben wollten. Sie waren in erster Linie Juristen. Um dogmatische Wahrheitsfindungen kümmerten sich vornehmlich die «Philosophinnen und Philosophen» (mutakallimūn). Es ging ihnen primär um eine systematische, analytische Anwendung der technischen Rechtsmethodik in der Scharīʿa. Diese ist in den Grundsätzen der heutigen europäischen Rechtsmethodik nahe. Dabei konnte ein und derselbe Gelehrte gleichzeitig oder zeitversetzt verschiedene juristische Urteile entwerfen und anwenden.

Für einige Gelehrten galt die Abtreibung ab dem ersten Tag der Schwangerschaft als Tötung einer Seele. Andere meinten wiederum, dass jeweils ab 40, 80 oder gar 120 Tagen erst die Schwangerschaftsunterbrechung oder Abtreibung als Mord verstanden werden kann und somit als verboten gilt. Für andere galt eine individuelle Abwägung, die in der einen Situation eine andere Regel benötigte als in einer neuen anderen Situation. Letzterer Position folge ich auch grundsätzlich. Eine klare Rechtsmeinung gab es nicht, geschweige denn einen Konsens (Idschmāʿ).

Ich möchte versuchen, aus der Lesung eine mögliche Position für eine sehr generalisierte Situation abzuleiten anhand der analytischen Koranhermeneutik, die ich in meinem Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran beschrieben habe. Dabei möchte ich betonen, dass das Ergebnis eine Richtschnur und kein absolut gültiges Gesetz für jede einzelne mögliche Situation darstellen soll. Der Koran leitet dazu an, sich stets differenzierter Gedanken zu machen und nicht bei einem einzelnen Ergebnis stehen zu bleiben. Das Leben ist Dank der kreativen Gunst und Liebe unseres Schöpfers voller Farben und nicht nur schwarz-weiss.

Zusammenhang zwischen Leben und Seele?

Wichtig sind die Definitionen der Worte wie Leben oder Seele. Ist das Töten von Leben dasselbe wie das Töten einer Seele? Bakterien können ebenfalls als Leben verstanden werden und somit auch ein Fötus, der sich lebendig weiterentwickelt. Jede Stammzelle kann als lebendiger Grundbaustein des Lebens verstanden werden, worin der genetische Code eines Menschen verzeichnet ist. Eine genetische Struktur zu haben bedeutet nicht eine Persönlichkeit mit einer Seele zu besitzen. Die Summe ist mehr als ihre Einzelteile.

Die Lesung unterscheidet zwischen Leben (ḥayāh) und Seele (nafs). Das Wort Seele ist nicht ganz passend, jedoch ist die Diskussion für einen anderen Artikel vorgesehen. Laut der Offenbarung sind ebenfalls Pflanzen und Tiere lebendig. Auch unser formloser, geschlechtsloser Gott ist der Lebendige (al-hayy). Dem Menschen wird jedoch eine besondere Beziehung zwischen Leben und Seele attestiert, indem uns vom göttlichen Geist (rūḥ) eingehaucht wird (15:29). Statt von Seele könnte man auch von einem besonderen Bewusstsein sprechen. Die Diskussion ist auf philosophischer Ebene sehr schwierig, da es naturwissenschaftlich-philosophische Argumente für ein komplexes Bewusstsein auch bei Tieren mit Wirbelsäulen und einem vegetativen Nervensystem gibt.

Durch die in der Lesung dargelegten Unterschiede erhalten die Menschen nun die Erlaubnis, sich Pflanzen oder Tiere zu Nutze oder «dienstbar» zu machen (22:37, 31:20). Das Töten von Tieren zum Verzehr von Fleisch wird beispielsweise nicht als Mord eingestuft. Dies heißt nicht, dass der Mensch mit der Umwelt und den Mitgeschöpfen blind verfahren kann, wie er möchte. Umweltschutz und Sorge zur Umwelt und den Geschöpfen sind aus vielen anderen Gründen auch gottergebene (islamische) Pflichten. Da die Berücksichtigung individueller Umstände in einem allgemeinen Prinzip unmöglich bleiben wird, ist das Recht nach Selbstbestimmung eines der wichtigsten Prinzipien:

Kein Zwang in der (gottergebenen) Lebensweise. […]

2:256

Eine gläubige Person wird in ihrem Gottvertrauen immer wieder geprüft und hat deshalb zu erlernen, wie dieses auch in schwierigen Situationen aufrechterhalten werden kann. Sie kann nicht Vertrauen und Verständnis in Gott und seine Gebote durch Zwang aufbauen. Vertrauen und Zwang schliessen sich aus.

Was ist Mord?

Mord ist im Koran der ungesetzliche, ungerechte, unethische Akt der Tötung eines Menschen. Mord ist also das Beenden einer menschlichen körperlichen und seelischen Verbindung.

Gott beruft die Seelen zur Zeit ihres Todes ab, und auch die, die nicht gestorben sind, während ihres Schlafs. Er hält die eine (Seele), für die Er den Tod beschlossen hat, zurück, und Er entsendet die andere auf eine bestimmte Frist (zurück in ihre Körper). Darin sind Zeichen für Leute, die nachdenken.

39:42

Aus diesem Vers ist erkennbar, dass im Schlaf unsere Seele oder unser Selbst (nafs) temporär an einen anderen Ort geht. Die Seele ist also nicht der Körper selbst, der in der physischen, diesseitigen Dimension verbleibt. Die Seele kostet dabei den Tod (3:185), wenn der Körper stirbt. Aber wenn der Körper noch intakt genug ist, wenn er also nicht tödlich verletzt ist, kann ein Körper auch ohne Seele weiter funktionieren. Von einigen wird hier spekulativ das Beispiel von Jesus angeführt, dessen Seele zumindest nicht mehr im Körper war, als sein Körper gekreuzigt wurde (4:157).

Aus diesem Grund schrieben Wir den Kindern Israels vor: Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet. […]

5:32

Eine Person (Nafs) oder Seele ohne irgendeine Rechtsgrundlage, etwa bei Selbstverteidigungskriegen, Notwehr oder Notwehrhilfe, zu töten, ist eine enorme Sünde. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mensch gläubig ist oder nicht, welcher Nation oder welchem Stamm er angehört und wie alt er ist. Jede Seele ist gleich wertvoll. Wenn das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter als «Seele» gilt, ist auch die Abtreibung als Ermordung einer Seele aufzufassen. Dies ist die wesentliche, relevante koranische Argumentation, was die Abtreibung betrifft. Dies könnte selbst die pränatale Diagnostik tangieren.

Leben beherbergen bedeutet also nicht notwendigerweise eine Seele zu besitzen. Ein Körper ist nicht die Persönlichkeit oder die Seele selbst. Die Empfängnis beim Sex kann demnach so betrachtet werden, dass Leben bereits bei der Befruchtung entsteht. Die nun essenzielle Frage ist, wann dieses Leben und dieser Organismus beseelt werden.

Gott verurteilt das Töten Neugeborener

Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung! Wir versorgen sie und euch (mit Lebensunterhalt). Gewiss, sie zu töten ist eine schwere Verfehlung.

17:31

Der historische Rahmen des angeführten Verses, der ähnlich in 6:151 wiederholt wird, greift der Text wiederum selbst auf. Gewisse Araber töteten damals leider ihre Kinder kurz nach der Geburt aus Scham und Kummer, nachdem sie sahen, dass Mädchen zur Welt kamen (16:58-59). Der Koran verurteilt und verbietet diese Praxis und betont, dass Gott für uns und andere sorgt (6:152).

Einige nehmen diese Verse als Grundlage, dass bereits das Embryo in der Gebärmutter damit gemeint sein müsse. Das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter ist jedoch in dem Sinne noch ein Ungeborenes. Auf Arabisch bedeutet walada gebären oder zur Welt bringen und al-walad (pl. awlād) bedeutet wörtlich der Geborene, was im Vers vorkommt. Es ist demnach unsinnig davon zu sprechen, ein Geborenes in der Gebärmutter zu tragen.

Auf Arabisch wird für Fötus dschanīn (pl. adschinna, vgl. 53:32) mit der sinngemässen Bedeutung umschirmt oder umhüllt verwendet. Ebenfalls werden Wörter wie ʿalaqah (Embryo) oder muḍghah (Klumpen/Fötus) im Koran verwendet (22:5), um den Zustand des Geborenseins von der Entwicklung in der Gebärmutter zu unterscheiden. Ein Fötus ist im allgemeinen Sinne eine körperliche Bürde oder Traglast (ḥaml, vgl. 22:2).

Hier könnte eingewandt werden, dass in der Lesung Maria ein Sohn (Jesus) versprochen wird und dabei das Wort walad vorkommt (vgl. 3:47). Dieser Vers prophezeit einen Sohn, der definitiv zur Welt kommen soll. Damit wird sprachlich und rhetorisch der Umstand bestärkt, dass die Geburt nach der Schwangerschaft garantiert wird.

Die Beseelung geschieht nicht mit der Empfängnis

Die Lesung (Koran) kann so gedeutet werden, dass die Beseelung des Lebewesens erst nach einer gewissen Phase in der Gebärmutter geschieht.

Dann schufen Wir den Tropfen (Sperma) zu einem Embryo, und Wir schufen den Embryo zu einem Fötus, und Wir schufen den Fötus zu Knochen. Währenddessen bekleideten wir die Knochen mit Fleisch. Dann liessen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Gott ist gesegnet, der beste aller Schöpfer!

23:14

Dieser Vers betont die verschiedenen Stufen der Schöpfungsentwicklung im Uterus. Der Koran als ein nicht medizinisch-biologischer Text vereinfacht die Embryologie. Er verpackt komplexeste und detaillierteste Vorgänge in für die Allgemeinheit verständlichen Bildern. Wir haben also vier Phasen der Entwicklung:

  1. Sperma
  2. Embryo
  3. Fötus
    • Entwicklung der Knochen und Umhüllung dieser mit Fleisch
  4. Eine weitere, neue Schöpfung

Daraus ist ableitbar, dass eine neue Schöpfung nicht bereits mit der Empfängnis entsteht. Das Embryo als sich entwickelnder biologischer Organismus ist noch keine Person. Irgendwann in der fötalen Phase erscheint also die Seele.

Der nächste Vers teilt uns mit, dass die gesamte Periode der Schwangerschaft (haml) wie auch des Stillens dreissig Monate andauert.

Und Wir haben dem Menschen aufgetragen, seine Eltern gut zu behandeln. Seine Mutter hat ihn in Angestrengtheit getragen und in Angestrengtheit zur Welt gebracht. Die Zeit von der Schwangerschaft bis zur Entwöhnung beträgt dreissig Monate. […]

46:15

Der nächste Vers beschreibt die maximale Dauer des Stillens als zwei volle Jahre, also 24 Monate.

Und die Mütter stillen ihre Kinder zwei volle Jahre, falls jemand das Stillen vollenden möchte. […]

2:233

In Kombination beider Verse können wir ableiten, dass die Schwangerschaftsdauer für die Seele 30 minus 24 Monate, also sechs Monate dauert. Eine Schwangerschaft nach der Empfängnis dauert gewöhnlich, Ausnahmefälle nicht mitberücksichtigt, etwa 38 Wochen. Je nach Definition in der Literatur können dies 266 bis 268 Tage sein.

Also ist die Dauer der Schwangerschaft, in der noch keine Seele in der Gebärmutter ist, 266 minus 180 Tage (sechs Monate), also 86 Tage. Anders gesagt ist das Ungeborene in der Gebärmutter in den ersten 86 Tagen nach der Empfängnis noch keine Seele.

Diese Zeitspanne ist meines Erachtens eine Gnade, die Gott uns geschenkt hat. Unser Schöpfer kennt uns, der natürlich um traumatische Erfahrungen wie Vergewaltigungen und Inzest Bescheid weiß. Er gesteht uns so eine gewisse und doch große Autonomie zu im Umgang mit unseren Körpern und im selbstbestimmten Umgang mit traumatischen Erlebnissen.

Sofern das Leben der Mutter während einer Schwangerschaft gefährdet ist, auch nach dem ersten Trimester, gelten dann wieder andere Grundlagen zur Entscheidungsfindung, da diese Situation andere Voraussetzungen liefert als der Verlauf einer gewöhnlichen Schwangerschaft. Die Diskussion dieser und auch anderer Fälle mit anderen Ausgangslagen muss also gesondert zur Abtreibung geführt werden.

Zusammengefasst erhalten wir:

  • Der Koran verurteilt Infantizide (6:151, 16:58-59, 17:31) und ebenso ist die Tötung einer Seele eine grosse Sünde (5:32).
  • Die Seele ist nicht mit einer körperlichen Form gleichzusetzen (39:42).
  • Erst ab einem gewissen Zeitpunkt innerhalb der fötalen Phase erscheint die Seele und eine neue Person wird erschaffen (22:5, 23:14).
  • Die Leibesfrucht in der Gebärmutter ist in den ersten 12 Wochen noch keine «Person» oder «Seele», in dem Sinne noch kein «Mensch».
  • Die Selbstbestimmung steht im Vordergrund (2:256).

Es ist besser, das Kind auszutragen, aber …

Somit ist die Abtreibung erst dann ein Mord, wenn sie nach dem ersten Trimester stattfindet. Ich persönlich empfehle oder schlage Abtreibung generell nicht vor. Ich bin auch der Überzeugung, dass die Abtreibung als eine Option für schwere Fälle verbleiben soll, besonders für Opfer traumatischer Verhältnisse wie etwa Vergewaltigung oder Zwangsbefruchtung. Gott kennt und versorgt uns, ist uns näher als unsere Halsschlagader (50:16). Er weiß, dass das Vertrauen in Ihn die Voraussetzung dafür ist, auch in schwierigen Situationen der gottergebenen Lebensweise (dīn) zu entsprechen. Für die Schwangerschaft oder ihre Unterbrechung bedeutet dies: Es ist besser, das Kind auszutragen, aber das setzt besonders in schwierigen Situationen Gottesvertrauen (tawakkul) und Sicherheit im Herzen (ʾīmān) voraus.

Kein Mensch hat das Recht, andere dafür zu verurteilen, wenn dieses Vertrauen noch nicht entstehen konnte. Wir sind keine Maschinen im Glauben. Gott liebt und vergibt uns mit all unseren Fehlern. Umgekehrt ist die Gesellschaft verpflichtet, Situationen zu schaffen, die das Vertrauen zumindest auf juristischer, materieller, psychisch-sozialer Ebene herstellen. Das heißt: keine Verurteilung, Herabsetzung, Verspottung der Schwangeren, die es nicht geschafft hätten zu verhüten und nur auf ihren eigenen Spass aus gewesen seien und ähnliche Argumentationsmuster. Ebenso wenig dürfen wir Bildungschancen sowie finanzielle Sicherung versperren.

Letztlich ist die Entscheidung aber eine Sache zwischen der betroffenen Frau und Gott. Dem Partner bleibt nichts anderes übrig als sich beratend liebevoll zur Seite zu stellen und bei einer Uneinigkeit die Trennung bzw. Scheidung als letzte Konsequenz zu nehmen, wenn die Differenzen unüberbrückbar sind.

Und Gott weiß es besser.

Und sie sagen der Koran reicht aus! (4/4)

Gegenargumente der Sunnaanhänger

 

Im dritten Artikel sind wir der Frage nachgegangen ob Gott seine Befehlsgewalt teilt. Jetzt werden wir auf die Gegenargumente der Sunnaanhänger eingehen, die gerne aufgeführt werden, um die Sunna des Tirmidhi, des Bukhary, des Ibn Madscha, des al-Kulaini, des Abu Dawud etc. im Koran zu bestätigen:

 

33:21 Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild

 

Es wird gefragt, wie man diesem Beispiel folgen kann, ohne eine Quelle zu haben, in der beschrieben ist, wie sich der Gesandte verhielt. Dies wird im folgenden Artikel ausführlicher behandelt: Koranischer oder sunnitischer Mohammed.

Aber schauen wir uns mal den Vers genauer an und auch den gesamten Vers:

 

33:21 Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild, für einen jeden, der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes viel gedenkt.

 

Hier ist vom Gesandten die Rede, dessen einzige Pflicht die Verkündigung der Botschaft ist:

 

29:18 Und dem Gesandten obliegt nur die deutliche Übermittlung (der Botschaft).

16:35 Obliegt denn den Gesandten etwas anderes als die deutliche Übermittlung (der Botschaft)?

 

Dies kommt mehrfach im Koran vor und wird auch auf alle Gesandten ausgeweitet (16:35). Die Gesandten haben also nur die Botschaft zu übermitteln.

Eine der vorbildlichen Eigenschaften des Gesandten war es, dass er nur den Koran befolgte (7:203). Wenn wir seinem Vorbild folgen möchten, dann gilt für uns auch, dass wir nur die Botschaft (des Koran) ins eigene Leben übertragen und ebenso an unsere Mitmenschen übermitteln ohne eine Missionierung zu betreiben.

Wir müssen, wie schon früher erwähnt, uns auch daran erinnern, dass der Prophet nicht uneingeschränkt als positives Vorbild dient:

 

9:43 Gott verzeihe (es) dir! Warum hast du ihnen (denn gleich) Dispens gegeben, noch bevor du über diejenigen Klarheit bekommen hattest, die die Wahrheit sagten, und (bevor) du wusstest, wer die Lügner waren?

66:1 O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du da
trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen? Und Gott ist
Allvergebend und Barmherzig.

 

Im Koran wird der Charakter des Propheten an vielen Stellen umschrieben. Auch er war dem Glauben verpflichtet und hatte sich nur Gott zu unterwerfen. Der Prophet wird an mehreren Stellen ermahnt nicht seinen Neigungen nach zu handeln (2:120, 2:145, 4:135, usw.). Schließlich wäre eine menschliche Sunna, wie schon bereits erwähnt, nicht vollkommen wie Gottes Worte. Wir Menschen dürfen laut Koran keinen Unterschied unter den Gesandten machen (2:285), also können wir uns nicht auf einen einzigen beschränken und nur diesen als Vorbild nehmen. Wir haben laut Koran auch an Abraham ein schönes Vorbild (60:4), und offensichtlich wurde uns keine „Sunna Abrahams“ überliefert. Der Koran beschreibt die vorangegangenen Propheten in ihren Geschichten und genau da sind ihre Beispiele und Vorbildfunktionen zu finden:

 

12:3 Wir berichten dir die schönsten Geschichten dadurch, dass Wir dir diesen Koran (als Offenbarung) eingegeben haben, obgleich du zuvor wahrlich zu den Unachtsamen gehörtest.

12:111 Gewiss war in ihren Geschichten eine Lehre (ibret) für die Verständigen. …

 

Es gibt keinen Vers im Koran, wonach Aḥādīṯ Lehren beinhalten oder Geschichten, die man dort lesen soll. Des Weiteren führen traditionell eingestellte Muslime gerne folgenden Vers an:

 

59:7 … Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. …

 

Hier soll also die „Sunna“ gemeint sein, die über den Gesandten gesammelt sein soll. Doch wenn man den Kontext des Verses anschaut, wird schnell klar, dass hier was völlig anderes gemeint ist:

 

59:7 Was Gott Seinem Gesandten von den Bewohnern der Städte als kampflose Beute zugeteilt hat, das gehört Gott, Seinem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem Sohn des Weges. Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt. Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. Und seid Gottes achtsam. Gewiss, Gott ist hart im Bestrafen.

 


Hier geht es also um die Beuteaufteilung, die von Gott dem Gesandten zugeteilt wird. Es wird nicht pauschal mitgeteilt, dass wir das Verhalten des Propheten blindlings annehmen sollen. Das Prinzip der Nachahmung (at-taqlīd) in der traditionellen Betrachtungsweise hat hier keinen Bestand. Vielmehr ist es so, dass der Gesandte Gottes von Gott eben Anordnungen mittels Offenbarungen erhält, die er zu verkünden und zu übermitteln hat. Diesen Anordnungen müssen wir Folge leisten, und genau in dem Sinne ist dann der Ausdruck „Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch.“ zu verstehen. Genau so und nicht anders wird dann auch der Schlusssatz im Vers besonders bedeutsam, indem wieder auf Gott hingewiesen wird, dass wir Gottes achtsam sein sollen.

Einer der weiteren häufig angeführten Verse ist 16:44:

 

16:44 … Und Wir haben zu dir die Ermahnung hinab gesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen herabgesandt wurde, und auf dass sie nachdenken mögen.

 

Hiermit wird behauptet, dass der Ausdruck „damit du klar machst“ meine, der Gesandte brächte außerkoranische, zusätzliche eigene Erklärungen. Der Vers sei ein klarer Beweis dafür, dass wir das Verhalten und die Ansichten des Propheten zu befolgen hätten, um den Koran vollends zu verstehen. Wenn wir diesen Vers auf diese Weise auslegen, widerspricht dies den zuvor genannten Versen, die Gott die alleinige absolute Autorität zusprechen. Darüber hinaus lassen die Verse 75:19, 25:33 und 55:2 keinen anderen Schluss zu, als dass in erster Linie Gott den Koran erklärt. Er hat uns den Koran vollständig herabgesandt (6:114, 5:3). Sein Buch ist in Wahrheit und Weisheit vollkommen (6:115), und deshalb sollte der Prophet nur nach dem urteilen, was darin steht (5:44,48). Es herrscht Einigkeit, was diese Frage betrifft.

Schaut man 20 Verse weiter sehen wir in 16:64 folgendes stehen:

 

16:64 Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt, damit du ihnen das klar machst / erklärst, worüber sie uneinig gewesen sind, und als Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.

 

Dieser Vers macht eindeutig klar, dass die einzige Funktion des Propheten/Gesandten in Beziehung zum Koran nur die Übermittlung ist. Auch hier wird wie in 16:44 das Wort “Litubayyina” benutzt muss aber in der Bedeutung von “klar übermitten” verstanden werden, denn selbst wenn man mit “erklären” (im Sinne von ausführlich verständlich machen durch den Propheten) übersetzen will, ist dies nur mit dem Koran zu tun. 16:64 lässt nämlich nur eine Möglichkeit zu: “Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt…” und die einzige Bedingung ist dann die Erklärung oder die Klarmachung von dem “…worüber sie uneinig gewesen sind,..“ aber auch eben nur mit dem Koran, denn nur dazu wird er hinabgesandt. Würde man in diesem Vers mit “erklären” im Sinne von “zu verstehen machen” übersetzen, also dass der Prophet eigenmächtig den Koran auslegen muss damit der Koran verständlich wird, würde das dem Sinn des Verses widerprechen, den einzigen Grund warum der Koran hinabgesandt wurde. Folgender Vers unterstreicht diese These:

 

69:44-47 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte,  hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefaßt und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können.

 

Aus dem Koran wird ersichtlich, dass der Gesandte damals eine untergeordnete Rolle zu spielen hatte, sofern es die Auslegung und Interpretation der Schrift betraf. So steht in 10:15, dass er den Koran nicht aus eigenem Antrieb ändern dürfe. Wie oft wird der Prophet angehalten, nicht seinen Neigungen zu folgen und der Offenbarung allein zu folgen (2:120, 2:145, 5:48, 7:3, 10:15, 46:9, usw.) ? Des Weiteren wird aus 25:33 nochmals deutlich, dass er eine passive Rolle innehatte, da die besten Erläuterungen (aḥsan tafsīr) ihm als Offenbarungen weitergegeben wurden. Wir können also dem Propheten nacheifern, indem wir unsere religiösen Antworten nur in der Offenbarung suchen.

Das Verb „erklären“ oder auch „klarmachen“ ist sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch mehrdeutig. So wie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ keine ausführliche, in jeglicher Hinsicht ausformulierte Erklärung meint, sondern eine Erklärung im Sinne einer Verkündigung, verhält es sich ähnlich mit dem Aufruf an den Gesandten, den Koran zu „erklären“, ihn also nicht zu verbergen. Mit dieser „Erklärung“ wird die Grundidee einer zu vermittelnden Botschaft dargelegt, wie eben im Falle der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die selbst nochmals juristisch für jeden Staat neu ausgelegt werden. Wir belegen unsere Behauptung durch den Wortgebrauch im folgenden Vers:

 

3:187 Und als Gott die Verpflichtung derer entgegen nahm, die die Schrift erhielten: Ihr müsst sie den Leuten klarmachen (latubayyinunnahu) und dürft sie nicht (vor ihnen) verborgen halten (taktumūnahu)! …

 

Demnach ist es klar, dass dieser Vers zwei gegensätzliche Verben beinhaltet:

  • bayyana: proklamieren, sichtbar machen, zeigen, etc…
  • katama: verbergen, unsichtbar machen, verstecken, etc…

Wenn wir auf Arabisch „Dschā’anā albayān al-tāly“ (جاءنا البيان التالي) sagen, so bedeutet dies „Zu uns kam folgende Verkündigung.“ Hier wird al-bayān als „Verkündigung“ verstanden. Die Wurzel des Verbes bayyana besteht aus den drei Buchstaben bā-yā-nūn. In ihrem Kern sagt diese Wurzel aus, dass etwas „klar“ ist. Deshalb werden Wörter wie „Erklärung“ oder „Klarheit“ mit dieser Wurzel verbunden. Und der Koran selbst trägt den Beinamen „al-qur’ān al-mubīn“: der klare, offenkundige, nicht verborgene Koran. Die Wurzel wird auch für die Wiedergabe des Wortes „Beweis“ gebraucht, so z.B. in al-bayyinah. Weil die Angelegenheit so klar ist, wird diese Angelegenheit selbst als „Beweis“ angeführt. Dies alles zusammengefasst erklärt die Grundbedeutung der Wurzel, dass es sich um eine Klarheit handelt und nicht um eine Erläuterung (tafsīr). Dass Gott Seinen Koran „klar“ bezeichnet, wird auch insofern deutlich, wenn die Verse 54:17,22,32,40 berücksichtigt werden, die alle in ihrem Wortlaut dasselbe aussagen: der Koran wurde zum Nachdenken einfach gemacht, so gibt es jemanden, der dies bedenkt? (Siehe auch folgende Verse: 11:1, 12:111, 16:89, 41:3.)

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass der Koran kein verborgenes, unverständliches, irgendwelche Erklärungen benötigendes Buch ist, sondern im Gegenteil, das Buch Gottes wird als klar oder deutlich (mubīn), ausführlich detailliert (mufaṣṣal), leicht (yasīr) zu bedenken und vollständig (mutimm) bezeichnet. Fernab jeglicher Unvollkommenheit und Unklarheit, die durch den Gesandten weiter erklärt werden müsste! Ausführlichere Informationen hierzu finden Sie im Artikel: Widerlegung von weshalb ist es notwendig den Koran im historischen Kontext zu verstehen

Es sei nochmals betont, dass der Koran an unzähligen Stellen klar macht (es also mubīn wird), dass Gott allein die Entscheidung obliegt (42:10, 42:21).
Ein weiterer missdeuteter Vers ist 75:19, welcher gerne im unmittelbaren Kontext dahingehend interpretiert wird, dass hier nicht der Koran gemeint sei, sondern das Buch des Menschen, welches er am jüngsten Tag bekommt, in dem alle seine Taten verzeichnet sein werden. Folgender Vers widerlegt diese Ansicht:

 

17:14 Lies dein Buch! Du selbst genügst heute als Abrechner über dich.

 

Also bedarf es keiner Erklärung seitens Gottes, um „das Buch des Menschen“ am jüngsten Tag erklären zu müssen – er selbst genügt seiner selbst. Deshalb muss in 75:19 der Koran gemeint sein.
Es gibt noch einen Vers, mit welchem die Traditionalisten die Sunna sogar mit der Offenbarung gleichzusetzen:

 

53:1-3 Bei dem Stern, wenn er sinkt! Nicht in die Irre geht euer Gefährte, und auch nicht einem Irrtum ist er erlegen, und er redet nicht aus (eigener) Neigung.

 

Auf diese Wiedergabe dieses Verses und dem soeben erwähnten Argument, die Offenbarung und die Sunna seien auf gleicher Stufe, ist die Antwort einfach zu geben, indem lediglich der nächste Vers gelesen wird:

 

53:4 Es ist nur eine Offenbarung, die eingegeben wird.

 

Weitere Quellen neben Gottes Wort können nicht als Offenbarung gelten, weil dies mittelbar und unmittelbar durch Gott selbst klargemacht wird. Insofern kann auch die traditionell überlieferte Sitte, die dem Propheten untergejubelt wird, keine Offenbarung sein:

 

45:6 An welchen Hadith nach Gottes und Seinen Zeichen/Versen wollen sie denn glauben?

77:50, 7:185 An welchen Hadith nach diesem wollen sie denn glauben?

69:44-46 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte, hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefasst und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können.

 

In diesen Versen wie auch in anderen (z.B. 12:111) wird verdeutlicht, dass Gottes Hadith mit keinen anderen Ahadith gleichgestellt werden können, da letztere erfunden sind (iftira; 12:111). So sind außerkoranische Aussagen keine Offenbarungen und wie wir bereits an Beispielen gezeigt haben, war der Prophet nicht sündenfrei. Er beging mehrere Fehler. Eine Offenbarung hingegen ist fehlerfrei und makellos:

 

41:41-42: Diejenigen, die nicht an die Ermahnung glauben, wenn sie zu ihnen kommt (sind die Verlierenden). Und fürwahr, es ist ein ehrwürdiges Buch. Falschheit kann nicht daran herankommen, weder von vorn noch von hinten. Es ist eine Offenbarung von einem Allweisen, Preiswürdigen.

 

Dem Gesandten ist zu folgen und zu gehorchen, aber wie?

Nächster Punkt der Traditionalisten ist, dass man dem Gesandten folgen soll und dass durch die schriftliche Sunna, die erst 200 Jahre nach dem Ableben des Propheten verfasst wurde, die Möglichkeit hierfür gegeben sei. Fest steht: Wir müssen dem Gesandten folgen und ihm gehorchen, damit wir Gott gehorchen können (2:143, 3:20, 3:31, 24:54, 2:129, 3:164, 4:80 und 62:2). Nur wie folgen wir ihm? Das wird im Koran geklärt. Der Prophet folgte nämlich nur dem was ihm offenbart wurde (6:50, 6:106, 7:203, 10:15, 33:2, 46:9). Allgemein wird im Koran betont, dass das blinde Nachahmen der Vorväter, in unserem Falle unsere Vorväter wie Bukḫary oder Al-Shāfiʾī, uns eher davon abhalten wird, die Botschaft des Koran zu begreifen, um unsere Seelen durch ihn zu reformieren (2:170, 31:21, 6:155, 3:53). Doch der wichtigste Vers in dieser Angelegenheit ist der folgende, der sowohl an unseren Propheten als auch an uns gerichtet ist:

 

7:3 Folgt dem, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen (anderen) Schutzherren! Wie wenig ihr bedenkt!

 

Anzumerken ist hier noch weiter, dass nicht dem Gesandten die Rechtleitung obliegt, sondern Gott rechtleitet. Also selbst mit dem Wissen, wie sich der Prophet angeblich verhalten haben soll (die Quellen der Aḥādīṯ sind nicht zweifelsfrei), können wir nicht sicher sein, dass wir dadurch die Rechtleitung erhalten (2:272, 28:56). Hieraus wird klar, dass Gott im Gesandten seinen Vertreter sieht und das nur so die eben angeführten Verse einen logischen Sinn ergeben können. Weitere Antworten zu dieser Frage lassen sich unter  Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten und unter Ist Vielfalt die Antwort? finden.

 

Schlussbemerkung

Wir konnten anhand eindeutiger Verse belegen, dass der Koran vollständig ist und diese Verse wiederum mit anderen Versen in Übereinstimmung stehen, in denen zum Beispiel dem Propheten aufgetragen wird, nur nach dem Koran zu urteilen. Wir haben auch belegt, dass Gott seine Befehlsgewalt mit niemandem teilt und dass das Urteil (bei religiösen Angelegenheiten) Gott allein gebührt. Manche andere Verse, die angeblich eine Sunna legitimieren sollen, wurden durch den Kontext innerhalb des Korans widerlegt.
Gerne wird von traditionell orientierten Muslimen widersprochen, dass die Gelehrten hier oder dort einen Konsens hätten. Erstens ist hier anzumerken, dass es diesen „Konsens“ nicht gibt. Zweitens wird im Koran die Tradition mehrfach kritisiert und es wird dazu ermahnt, sich auf die Wahrheit immer wieder neu einzustellen:

 

3:81 Und als Gott mit den Propheten ein Abkommen traf: Was immer Ich euch an Büchern und Weisheit gebracht habe -, und danach ist zu euch ein Gesandter gekommen, das bestätigend, was euch (bereits) vorliegt, an den müsst ihr ganz gewiss glauben und dem müsst ihr ganz gewiss helfen. Er sagte: „Erklärt ihr euch einverstanden und nehmt ihr unter dieser (Bedingung) Meine Bürde an?“ Sie sagten: „Wir erklären uns einverstanden.“ Er sagte: „So bezeugt es, und Ich gehöre mit euch zu den Zeugnis Ablegenden.“

 

Dazu siehe auch:

 

33:7 Und (gedenke,) als Wir von den Propheten ihr Versprechen abnahmen, und auch von dir und von Nuh, Ibrahim, Musa und ‚Isa, dem Sohn Maryams; Wir nahmen ihnen ein festes Versprechen ab,

2:170 Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Väter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? (Siehe auch: 5:104, 6:148, 7:70-71)

 

All dies war nur theologische Theorie, aber wie wirkt es sich auf Menschen aus, die schon immer mit der Sunna gelebt haben? Von ihnen wird hier sehr viel abverlangt. Nur zu gut verstehe ich eine Abwehrreaktion, um zu versuchen, eine Sunna zu legitimieren. Nicht wenige werden diesen Artikel eher aus persönlichen als aus inhaltlichen Gründen ablehnen. Man wird Ahadith heranziehen, um zu versuchen die genannten Verse zu entkräften. Nur dort setzt ja meine Argumentation an – darf man andere Quellen einsetzen oder nicht? Darauf wird dann oft mit Ahadith geantwortet um diese zu belegen – also ein klassischer Zirkelschluss. Wobei auch gerne verschwiegen wird, dass es auch Ahadith gibt, die ihre eigene Autorität rigoros verwerfen – also Ahadith als Quelle ausschließen – verbieten. Meine Frage, auf die ich in diesem Artikel eine Antwort zu finden versucht habe ist: Erlaubt letztendlich der Koran selbst andere Quellen überhaupt? Die Antwort darauf bleibt primär eine Einstellungssache bei den meisten Gläubigen. Doch bin ich fest davon überzeugt, dass wenn wir Muslime uns an den Koran alleine gehalten hätten, ihm seine Lebendigkeit gelassen hätten, uns viele Probleme und Sorgen erspart geblieben wären. Es bleibt die Frage für Sunnaanhänger ob Gottes Wort allein ausreicht oder ob man dem Propheten Autorität gibt außerhalb seiner Gesandtschaft, Gottes Befehlsgewalt also teilt.

 

17:111 Und sag: (Alles) Lob gehört Gott, Der Sich keine Kinder genommen hat, und es gibt weder einen Teilhaber an Seiner Herrschaft, noch benötigt Er einen Beschützer vor Demütigung. Und verherrliche Ihn doch als den Größten!

 

Ich möchte den Artikel mit folgendem Vers abschließen:

 

3:79 Es darf nicht sein, dass Gott einem Menschen die Schrift, Urteilsfähigkeit und Prophetie gibt und dieser daraufhin zu den (anderen) Menschen sagt: Wendet eure Verehrung mir zu, statt Gott! Seid vielmehr (damit zufrieden) Rabbiner (zu sein) indem ihr (eure Glaubensgenossen) die Schrift lehrt und (selber darin) forscht!

 

Es wurden schon viele Artikel zu diesem Themenkomplex auf dieser Seite geschrieben. Aus einigen davon wurde auch hier zitiert. Hier nochmals eine Liste zur vertieften Lektüre:

 

Koranischer oder sunnitischer Mohammed

Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten“?

Allein Gott lehrt und erklärt den Koran

Hadith – die Frage der Authentizität

Hadith – der Feind im Inneren

Traditionelle Islamologie

Vogel, dieser Vogel

Al-Shafiʾīs Koranexegese

Zuverlässigkeit der Ahadith

– Auszüge aus der Hadith-Literatur

– Das Buch: Koran, Hadith und Islam

– Das Buch: Die erfundene Religion und die Koranische Religion

– Der geschichtlich verfälschte historische Kontext des Koran

– 40 einfache Fragen für Sunniten

Bild: Patrick Kolencherry, CC BY-NC 2.0

Sure 4 Vers 34 – Erlaubt der Koran Frauen zu schlagen?

Bild: Patrick Kolencherry, CC BY-NC 2.0

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In einigen Teilen des nahen Ostens und anderen Gebieten der islamischen Welt können Frauen von ihrem Ehemann oder anderen männlichen Verwandte für Kleinigkeiten geschlagen werden, wie z.B. dafür, dass das Essen zu spät gerichtet wurde. Unter etlichen Muslimen herrscht die gängige Meinung vor, dass es ihnen erlaubt sei, ihre Frauen zu schlagen und sie können sich sicher sein, dass die traditionellen Gelehrten hinter ihnen stehen.

Obwohl dies bizarr anmuten mag, so haben in der Tat islamische Gelehrte den Muslimen erzählt, Gott habe in seinem heiligen Buch angeordnet, dass Männer ihre Frauen schlagen dürften, wenn sie mit ihnen unzufrieden seien. Der Vers, den Muslime als Argument für diese Sichtweise anführen ist der folgende:

 

[Yusufali Translation]: Men are the protectors and maintainers of women, because Allah has given the one more (strength) than the other, and because they support them from their means. Therefore the righteous women are devoutly obedient, and guard in (the husband’s) absence what Allah would have them guard. As to those women on whose part ye fear „Nushooz“ disloyalty and ill-conduct , admonish them (first), (Next), refuse to share their beds, (And last) „Idribuhun“ beat them (lightly); but if they return to obedience, seek not against them Means (of annoyance): For Allah is Most High, great (above you all).“ (4:34)

 

Wenn Gott wirklich befehlen würde, dass „untreue“ Frauen zu schlagen seien, so hätten wir keine andere Wahl, als zu hören und zu gehorchen… Wie dem auch sei, es gibt mehrere Gründe, die einem ins Auge fallen, wenn man die gängige Interpretation dieses Verses akzeptieren möchte. Dies ist der Inhalt dieses Artikels.

Die beste Methode um den Koran zu studieren ist es, ähnliche Worte und Verse zusammen zu betrachten (dieses Vorgehen nennt sich „Tartil“ und wird in 73/4 vom Allmächtigen gelehrt).

Es gibt zwei Schlüsselbegriffe, die relevant sind, um dieses Thema korrekt zu verstehen:

  1. Nushuz – oben übersetzt als disloyalty & ill-conduct (Untreue und schlechtes Benehmen)
  2. Idribuhun – oben übersetzt als beat them (schlagt sie)

Der erste Begriff „Nushuz“ gibt uns Aufschluss darüber, um was es bei der ganzen Sache überhaupt geht. Geht es um eine Frau, die untreu ist oder sich schlecht benimmt (etwa eine Ehebrecherin oder Verführerin?) oder wurde dieses Wort vielleicht falsch übersetzt auf Grund eines Rückfalles in soziale Ignoranz und männliche Dominanz?

Nushuz bedeutet: „aufstehen“/“sich erheben“

Dies kann man deutlich in Sure 58 Vers 11 erkennen, in dem die Menschen aufgefordert werden, sich von dem Platz, auf dem sie sitzen zu „nushuz“.

 

[Yusufali Translation]: O ye who believe! When ye are told to make room in the assemblies, (spread out and) make room: (ample) room will Allah provide for you. And when ye are told „Inshuzoo“ *to rise up, rise up Allah will rise up, to (suitable) ranks (and degrees), those of you who believe and who have been granted (mystic) Knowledge. And Allah is well-acquainted with all ye do.“ (58:11)

 

*Bemerkenswert, dass der Übersetzer (Yusuf Ali) in diesem Vers korrekt übersetzt, während er in 4:34 von Untreue und schlechtem Benehmen spricht.

Der Fall, von dem wir hier sprechen, hat also nichts zu tun mit Ehebruch oder irgendeinem anderen Vorkommen unmoralischen Verhaltens, sondern es geht eher um eine Frau, die gegen ihren Mann rebelliert (ihm nicht zuhört, ihn einfach so verlässt, ihn angreift und keinen Respekt entgegen bringt, usw.)

Lassen Sie uns nun sehen, was der Koran als Maßnahme nennt, wenn der Mann „nushuz“ begeht und nicht die Frau:

 

[Yusufali Translation]: If a wife fears cruelty or „Nushooz“ **desertion on her husband’s part, there is no blame on them if they arrange an amicable settlement between themselves; and such settlement is best; even though men’s souls are swayed by greed. But if ye do good and practise self-restraint, Allah is well-acquainted with all that ye do.“ (4:128)

 

** Erneut sehen wir, dass sich der Übersetzer Yusuf Ali für die korrekte Übersetzung (desertion – verlassen) entschieden hat, wenn es um den Mann geht.

Der Koran lehrt uns, dass im Falle des „nushuz“ des Mannes das Paar den Streit beilegen soll oder sich trennen soll, wenn der Mann sich wirklich rebellisch der Frau gegenüber gezeigt hat (nicht bei ihr sein will, ihre Anwesenheit nicht erträgt, usw.) Der Vers sagt nicht aus, dass die Frau den Mann schlagen solle, bis er sich ihr unterwirft bzw. andere Männer dazu bringen solle, dies für sie zu erledigen. Stattdessen sollen sie reden und den Streit schlichten, denn dies ist eine Sache, die verlangt, dass die beiden sich in Respekt und Liebe wieder vertragen, oder voneinander trennen.

 .

 .

Erlaubt nun der Koran, Frauen zu schlagen?

Kommen wir also nun zurück zu dem Vers, der die Frau betrifft und benutzen nun die korrekte Übersetzung:

 

„The men are to support the women by what God has gifted them over one another and for what they spend of their money. The upright women who are attentive, and keep private the personal matters for what God keeps watch over. As for those women from whom you fear a „Nushooz“ desertion, then you shall advise them, and abandon them in the bedchamber, and „Idribuhun“ Beat them?; if they obey you, then do not seek a way over them; God is High, Great.` (4:34)

 

Wenn wir die eigentliche Sachlage betrachten, so sehen wir, dass es um eine Frau geht, die ihren Mann nicht mehr erträgt und deswegen gegen ihn rebelliert. So wie bei dem Beispiel mit dem Mann, der rebelliert, geht es auch hier darum, die Lage zu entspannen und eine harmonische Beziehung wiederherzustellen. Die Frau dafür zu schlagen, dass sie den Mann nicht erträgt und so gegen ihn rebelliert ist keine Maßnahme, die der Sache dienen würde. Die Frau würde ihren Mann nur noch mehr hassen.

Da wir den Ursprung des Problems nun besser verstanden haben, wenden wir uns dem zweiten Begriff („idribuhun“) zu, den wir im Lichte der übrigens Verse des Koran betrachten wollen.

„Have you not seen how God puts forth (Daraba) the example of a good word is like a good tree, whose root is firm and its branches in the sky.“ (The Message 14:24)

„For the poor who face hardship in the cause of God, they cannot go forth (Darban) in the land; the ignorant ones think they are rich from their modesty; you know them by their features, they do not ask the people repeatedly. And what you spend out of goodness, God is fully aware of it.“ (2:273)

 

Daraba bedeutet in seiner ursprünglichen Form „to put forth“ (hervor bringen/treiben). Der einzige Grund, weswegen dieses Wort manchmal treffen/schlagen bedeutet ist der, dass man dabei seine Hand hervorbringt, wenn man jemanden schlägt (8:12, 8:50, 47:24).

 

„And if you could only see as the Angels take those who have rejected, they „Yadriboon“ strike their faces and their backs: `Taste the punishment of the blazing Fire!`“ (8:50)

 

Betrachten wir nun wieder 4:34, so sehen wir anhand des Kontextes (Ablehnung der Frau gegenüber ihres Ehemannes), dass einzig  die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „darab“, nämlich „hervor bringen“ Sinn ergibt.

 

„The men are to support the women by what God has gifted them over one another and for what they spend of their money. The upright women who are attentive, and keep private the personal matters for what God keeps watch over. As for those women from whom you fear a desertion, then you shall 1) advise them, and 2) abandon them in the bedchamber, and 3) „Idribuhun“ let them go forth (weggehen); if they obey you, then do not seek a way over them; God is High, Great.“ (4:34)

 

So vorzugehen, dass man die „beste“ Interpretation anstrebt, ist in sich logisch und – was noch wichtiger ist – entspricht dem, was der Koran uns lehrt:

 

„The ones who listen to what is being said, and then follow the BEST of it. These are the ones whom God has guided, and these are the ones who possess intelligence.“ (39:18)

 

Wir haben nun eine umfassende Liste mit Maßnahmen, die der Mann ergreifen kann, falls seine Frau ihn verlassen will, weil sie es mit ihm nicht länger aushält.

 

  1. Reden. Der einfachste und beste Weg Probleme zu bereinigen.
  2. Das Bett nicht mehr miteinander teilen. Dies ist der zweite Ansatz, den der Mann verfolgen soll, falls beide ihr Problem nicht bewältigen können. Der Mangel an intimem Kontakt kann vielleicht dazu führen, dass sich die Frau eher beruhigt, während das Gegenteil die Situation eher noch anheizen könnte.
  3. Sich voneinander trennen. Der dritte und letzte Ratschlag ist eine Phase der „Abkühlung“, die helfen soll, mit sich und der Situation konstruktiv umzugehen, ohne dass man den Partner ständig bei sich haben muss.

 

Die innere Logik der oben genannten Schritte steht im klaren Kontrast zu der Annahme, die Frau sei zu schlagen und widerlegt diese ausführlich. Der folgende Vers wendet sich an die, die die schlechten Angewohnheiten ihrer Vorväter übernehmen wollen:

 

„And if they commit evil acts, they Say: `We found our fathers doing such, and God ordered us to it.` Say: `God does not order evil! Do you say about God what you do not know?` Say: `My Lord orders justice, and that you be devoted at every temple, and that you call on Him, while being faithful to Him in the system; as He initiated you, so you will return.` A group He has guided and a group have deserved misguidance; that is because they have taken the devils as allies besides God; and they think they are guided!“ (7:28-30)

 

 

Fragen/Probleme

Im Folgenden einige Fragen und Argumente, die aufgeworfen wurden um das Verständnis des „Schlagens“ in Sure 4 Vers 34 zu belegen:

– Das arabische Wort für „trennt Euch von ihnen“ lautet „idribuanhun“ und nicht „idribuhun“, wie in 4:34 benutzt. Daher ist „schlagen“ die korrekte Bedeutung.

Menschen, die derlei linguistische Hürden hervorbringen, ignorieren, dass Gott dasselbe Wort „daraba“ in Sure 14 Vers 24 ohne Präposition verwendet:

 

„Have you not seen how God puts forth (Daraba) the example of a good word is like a good tree, whose root is firm and its branches in the sky.“ (The Message 14:24)

 

Würden Sie auf Grund desselben linguistischen Argumentes behaupten, dass Gott seine Beispiele „schlägt“? Oder würden Sie akzeptieren, dass das Wort ohne Präposition „hervorbringen“ bedeutet?

 

– Der Begriff „idrib“ bedeutet in Bezug auf ein lebendiges Objekt „schlagen“ und  kann ansonsten etwas anderes bedeuten, wenn es in Bezug auf ein nicht lebendiges Objekt benutzt wird.

Dies ist ein Argument, welches hauptsächlich von Gruppen hervor gebracht wird, die vorgefasste Meinungen haben und glauben wollen, dass der Islam ein geistloses und barbarisches System sei. Dieses Argument hält weder der Linguistik noch der arabischen Grammatik stand. Fakt ist, dass das Wort „idrib“, wie es uns in Sure 24 Vers 31 begegnet, dieses Argument entkräftet, denn ganz offensichtlich sollen die Frauen wohl kaum ihre Brust mit ihrem Schal schlagen, sondern ihren Schal hervor bringen, um die Brust zu bedecken:

 

„And tell the believing women to lower their gaze and keep covered their private parts, and that they should not reveal their beauty except what is apparent, and let them put-forth (YaDribna) their shawls over their cleavage…“ (24:31)

 übersetzt von Andreas Heisig

6:108 – Eine unverständliche Weisheit

بسم الله الرحمن الرحيم

Da ich ein gebürtiger Araber bin, lese ich so Gott will wenig oder kaum die deutschen Übersetzungen des Korans. Wenn ich ihn lese, dann meistens nur in der Sprache, in der er herab gesandt wurde (Arabisch). Und so merke ich nicht, was die Übersetzer alles in die Weisheit des Koran hinein interpretiert haben, was oft schwer begreiflich ist wie in diesem Fall.

Die Frage kam von einer Schwester, die den Vers 6:108 gelesen und von vorn bis hinten nicht verstanden hat. Ich habe die Übersetzung auch gelesen und musste danach nur dumm schauen und mich wundern, wie die Übersetzer auf so etwas kamen.

6:108 ولا تسبوا الذين يدعون من دون الله فيسبوا الله عدوا بغير علم كذلك زينا لكل امة عملهم ثم الى ربهم مرجعهم فينبئهم بما كانوا يعملون
Ihr sollt die Götzen, die die Ungläubigen anstelle Gottes anbeten, nicht schmähen, sonst würden sie vor Wut aus Unwissenheit Gott beschimpfen. Wir haben jedes Volk dabei belassen, sein Verhalten gut zu finden. Am Jüngsten Tag werden alle Völker zu Gott geführt, Der ihnen ihre Taten vor Augen führen und sie dafür zur Rechenschaft ziehen wird.

Es ist unglaublich, wie viel in einen einzigen Vers hinein interpretiert wurde, was in der Originalfassung nicht vorhanden ist. Es sind mindestens fünf Fehler in der Übersetzung zu sehen:

  1. „Die Götzen“: Auch wenn der Übersetzer gesehen oder verstanden hatte, dass diejenigen, die außer Gott gerufen werden, Götzen seien, hat er kein Recht dieses Wort  zu benutzen, wenn es um die richtige Wiedergabe der Wörter des Korans geht.
    .
  2. „Wut“: Vielleicht haben Wut und Feindseligkeit manchmal etwas miteinander  zu tun, jedoch sind es zwei verschiedene Begriffe bzw. Verhaltensmuster. In der Wurzelbeschreibung des Wortes (áadow = Feindschaft) findet man die richtige Bedeutung.
    .
  3. „Wir haben jedes Volk dabei belassen, sein Verhalten gut zu finden“: Dieser Satz ist nirgends zu finden. Es geht um den schönen Vorschein unseres Verhaltens, besonderes wenn das Ego darin eine Rolle spielt. Gott will nicht, dass die Menschen verführt bleiben, sonst würde Er ihnen keine Botschaft bringen lassen.
    .
  4. „Am Jüngsten Tag“ ist auch nirgends zu finden. Die Rede ist von der Rückkehr zu dem Herrn aller Geschöpfe. Das kann der Jüngste Tag sein, aber das überlassen wir lieber Gott. Er wählt die Worte, nicht wir.
    .
  5. „zur Rechenschaft ziehen“ ist im Kontext auch nicht vorhanden, sondern die Menschen zu benachrichtigen, was sie so im Leben taten.

Unsere Übersetzung zu diesem Vers, ohne jegliche Veränderung am Inhalt, lautet wie folgt:

6:108 Ihr sollt diejenigen, die andere außer Gott rufen, nicht beschimpfen, sonst beschimpfen sie Gott ohne Wissen aus Feindseligkeit. So haben wir jedem Volk sein Tun geschmückt, letztendlich kommen sie alle zu Gott zurück, dann sagt Er ihnen, was sie getan haben.

In anderen Worten heißt es: Wenn wir das Wissen bekommen haben, dann sollen wir die anderen nicht beschimpfen, auch wenn sie unwissend sind. Darin liegt nämlich eine Verführung, die aus dem Ego herstammt. Die anderen zu beschimpfen oder sie und ihren Glauben lächerlich zu machen, ist eine Art Provokation, die uns von einander mehr abgrenzt und Barrieren bildet, um eine neue Schublade des Sektentums zu schaffen.

30:32 Unter denen, die ihren Glauben spalten und in Parteien zerfallen und jede Partei freut sich über das, was sie selbst besitzt.

Salam