Ich

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Das Gesicht des eigenen „Ich“ von der Lesung trennen

Kultureller Kontext und psychischer Hintergrund des Lesenden

Es ist von äußerster Bedeutsamkeit, die eigene Seele zu kennen, um die Unterscheidung vornehmen zu können, was von mir oder meinen Neigungen kommt und was ich möglichst objektiv erkannt habe.

Es ist leicht einzusehen, dass gewisse Ausdrucksweisen der Lesung einer Zeit entsprechen, die in den Kontext des siebten Jahrhunderts eingebettet sind. Ein Beispiel:

 

6:141 Und Er ist es, der Gärten mit Spalieren und ohne Spaliere entstehen läßt, sowie die Palmen und das Getreide verschiedener Erntesorten, und die Öl- und Granatapfelbäume, die einander ähnlich und unähnlich sind. Eßt von ihren Früchten, wenn sie Früchte tragen, und entrichtet am Tag ihrer Ernte, was als Rechtspflicht darauf steht, aber seid nicht maßlos — Er liebt ja die Maßlosen nicht.85

 

Die Entrichtung dessen, was als „Rechtspflicht“ übersetzt wurde, betrifft die sogenannte „Läuterung“ (zakāh), die wir abgeben müssen. Wieso hier zakāh als Läuterung verstanden wird, soll nicht das Thema sein, nur so viel: Die entsprechende Wurzel hat in seiner Grundbedeutung die Idee einer Reinigung und Läuterung. Das Wort wurde deshalb verwendet, weil die Abgabe von materiellen Gütern wie auch die Beisteuerung zur Verbesserung sozialer Umstände als die Läuterung der eigenen Seele und des eigenen Zustands wie auch den anderer bedeutet. Das Wort bedeutet nicht, wie traditionell übersetzt, einfach „Almosenabgabe“ oder dergleichen, sondern kann am ehesten als die Aufforderung „steuert zur Reinigung/Läuterung/Verbesserung bei“ verstanden werden.86

Wenn wir also 6:141 betrachten, so sehen wir, dass vom „Tag der Ernte“ die Rede ist und heute werden wohl die wenigsten der Gottergebenen Bauern sein. Aus diesem Grund ist der Vers in seinen historisch-zeitlichen Kontext zu setzen, damit wir eine für uns gültige Ableitung gewinnen können: der Tag der Ernte ist heute der Tag, an dem wir unser Einkommen erhalten. Anders also als die traditionellen Gelehrten uns weismachen wollen, ist die Läuterung (zakāh) nicht einmal im Jahr zu zahlen, sondern jeden Monat, wenn man den Lohn erhält!

Dies ist nun ein einfaches Beispiel dessen, wie die Lesung in einen zeitlichen Kontext gesetzt wird. Was aber viel wichtiger ist, aber gleichsam schwerer, dass wir uns selbst in einen historischen Kontext unserer Zeit stellen, damit wir möglichst differenziert den Text in der Lesung betrachten können.

Dabei ist aber nicht nur wichtig, in welchen politischen oder sozialen Umständen man lebt, sondern auch der emotionale Kontext, die eigene Psyche. Denn unweigerlich werden meine Gefühle eine sehr große Rolle spielen in der Art und Weise, wie man die Welt sieht. Dies alles zu erkennen ist unabdingbar, um einzusehen, wieso einer Person gewisse Ideen oder Gedanken missfallen, ohne dass sie ihnen wirklich Aufmerksamkeit geschenkt hat. Der Satan steckt bekanntlich im Detail, wenn wir diese Details nicht selber bereits bereinigt und ausgefüllt haben. Ich möchte deshalb mich selbst in den zeitlichen Kontext setzen: Mein historisch-zeitlicher Kontext ist der der Schweiz aus der Übergangszeit vom 20. ins 21. Jahrhundert, in der die technologische Entwicklung rasant voranschreitet dank der mathematischen Wissenschaften wie der Physik, der Mathematik oder den Ingenieurswissenschaften. Meine Eltern sind gebildete Menschen, die in der Türkei und in Kanada studiert haben und wegen der Arbeit in die Schweiz gezogen sind. Da mein Vater einen Doktor in Geophysik innehat, wurde ich in eine mathematische Studienrichtung gedrängt, obwohl ich Tontechnik studieren wollte. Mein Vater aber meinte, ich solle „was Rechtes“ studieren.

Rational gesehen liebe ich es, Dinge in ihre Einzelteile zu zerlegen und sie zu verstehen, was natürlich mit dem technologischen Fortschritt unserer Zeit zu tun hat. Auch mein Mathematikstudium hat einen großen Anteil daran, dass ich fast alles im Leben analytisch betrachten will. Auch mein Beruf als Softwareentwickler hat seinen Beitrag.

Zusammen mit der Tatsache, dass ich meine erste Beziehung mit einer Christin hatte, als ich rückblickend gesehen noch ein „Papiermuslim“ und nicht wirklich praktizierend war, und ich so vom Christentum durch sie und ihre Eltern ein positives Bild gewann, und den ganzen politischen Geschehnissen in der Welt, wie etwa der 11. September, Saddam Hussein, Al Qaeda, Kopftuchdiskussionen, der wissenschaftlich miserablen Lage der sich muslimisch nennenden Bevölkerung in Ländern wie Pakistan, Iran, Afghanistan, Syrien und Türkei wurde ich immer mehr und mehr damit konfrontiert, wieso die „Religion“, in welche ich hineingeboren wurde, so rückschrittlich zu sein schien. Dies, obwohl es muslimische Wissenschaftler oder Wissenschaftlerinnen aus dem Mittelalter wie Ibn Sina (Avicenna), Al-Dschazari, Maryam Al-Astrolabī (Maryam Al-Idschliyyah) waren, die die Wissenschaften weiter entwickelten und dann nach Europa brachten. So ist beispielsweise Dank der „camera obscura“ von Ibn Al-Haytham (Alhazen) erst die gesamte Filmindustrie und Filmerei möglich geworden! Wieso sind die heutigen Muslime also nicht wie Al-Haytham? Wenn man sich ihre Geschichten durchliest, so findet man heraus, dass diese Wissenschaftler sehr skeptisch waren, was die sogenannten Aḥādīṯ angeht (bestes Beispiel: Ibn Chaldūn).

Mehr und mehr wurde ich auch mit der sich schleichend ausbreitenden Angst vor dem Islām konfrontiert und fühlte mich darüber hinaus weder in der Türkei noch in der Schweiz wirklich zuhause, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mir selbst sagte: ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen und ging hier zur Schule, werde so Gott will hier leben und heiraten, also beantrage ich den schweizer Pass! Selbst bei der Einbürgerung wurden mir von zwei Beamten, einer Frau und einem Mann, Fragen gestellt wie, wie ich mit den „unüberbrückbaren Unterschieden zwischen Christentum und Islām denn klarkommen wolle“, worauf ich antwortete, dass diese menschengemacht sind. Diese ständige Konfrontation mit meiner eigenen Religion, der Rückschrittlichkeit der „muslimischen“ Nationen und des immensen Wissensreichtums der Geschichte wiederum derselben Nationen führte dazu, dass ich nach einer emotional gefestigten Identität suchte, die nicht ständig hinterfragt werden musste.

Alles in allem nahm ich mir deswegen vor meinem Mathematik-Studium ein Jahr Zeit, um meine eigene Religion genauer kennenzulernen und las jeden Tag Bücher und übersetzte dann auch zwei Bücher und ein Büchlein aus dem Englischen und Türkischen ins Deutsche.

Emotional gesehen war die Lesung für mich also ein Zufluchtsort, in der meine intellektuellen und persönlichen Fragen zufriedenstellend beantwortet wurden. Ich fühlte mich bei Gott allein aufgehoben und verstanden. Der behauptete Code 19, ein mathematisches Muster in der Lesung, verhalf mir dann zur Motivation, Mathematik zu studieren, um nach genaueren Antworten zu suchen. Ich gehöre also zur zweiten Generation („Secondos“) mit Migrationshintergrund, die ihre Identität in der eigenen Religion gesucht und auch studiert haben.

Obwohl ich dafür hätte prädestiniert sein können, bin ich aus einem einfachen Grund nicht in salafistischen Kreisen gelandet: Mein gesamtes Umfeld war stark intellektuell geprägt und meine Eltern kannten berühmte Persönlichkeiten aus der Türkei wie Yaşar Nuri Öztürk oder Edip Yüksel persönlich, bei welchen wir auch übernachtet hatten, als wir zu Besuch waren. Meine Eltern studierten in der Schweiz im Kanton Aargau mit Gleichgesinnten die Lesung und jeden Freitag versammelten wir uns und beteten das Freitagsgebet. Ich wurde dabei nie gezwungen, sondern verspürte bereits als Kind den Drang, das Beten zu lernen. Natürlich war das stark religiös geprägte, familiäre Umfeld auch ein ausschlaggebender Punkt, mich mit der Lesung und ihren Inhalten näher zu befassen. So nervte ich ständig meine Mutter, bis sie mir das Beten beibrachte. Wenn ich als Kind Fragen zur Religion hatte, wie etwa „Wenn alles einen Anfang hat, hat Gott auch einen Anfang?“ oder „Wie können wir Gott sehen, wenn unsere Blicke ihn laut Koran nicht erreichen?“ wurden sie zuhause oder in diesem Umfeld Gleichgesinnter nicht unterdrückt. Manche Fragen waren zu schwierig für meine Eltern und sie meinten zeitweise, ich solle meine Frage beispielsweise Şerafettin Durmuş stellen, der ebenso bekannt war für seine scharfsinnigen Artikel, aber relativ gesehen nicht so berühmt wie zum Beispiel Edip Yüksel. Ich wuchs also in einem Umfeld auf, in dem Gottergebene begonnen hatten, ihre eigene Tradition und Religion trotz aller sozialen Widerstände tiefgreifend und weitgehend unabhängig von den Traditionen zu hinterfragen.

Ohne es zu merken wurde ich auf diese Weise intellektuell weiter angeregt, weshalb ich von Beginn an eine Haltung entwickeln konnte, welche relativ frei war von der Tradition, die fälschlicherweise mit der Religion verbunden wurde. Ich betrachte Aberglauben wie Exorzismus, Talismane, Magie und dergleichen eher rational, nüchtern und als Scharlatanerie. Ich bin vielmehr angetrieben durch die Diskrepanz zwischen den Inhalten der Lesung und dem, was die „Muslime“ daraus verstehen, und stehe vor der von mir wahrgenommenen emotionalen und intellektuellen Herausforderung der „Rechtfertigung“ meines Glaubens aufgrund der Tatsache, dass viele „westliche“ Länder in gewissen Aspekten die Lesung besser einhalten als die sogenannten „muslimischen“ Länder.

So bin ich bereits emotional aufgrund meiner Erfahrung eher dazu geneigt, Demokratie als etwas Willkommenes zu akzeptieren, auch wenn die gelebte Demokratie in Europa bei Weitem nicht perfekt ist. Der Umstand, dass ich Gottes Worte dahingehend verstehe, dass wir ein föderalistisch-laizistisches Staatskonzept mit den Prinzipien der Beratung (schurá) und einer staatlichen Vereinbarung (ʿahd) zum Beispiel in Form einer Bundesverfassung umsetzen sollen, liegt sicherlich auch in meinem sozio-politischem Umfeld begründet.

Um den Anschluss an die gottergebene Aufklärungszeit aus dem Mittelalter zu finden, sehe ich es deshalb als meine Pflicht, die Tradition von der Lebensordnung Gottes zu trennen, um einerseits eine humanere Lebensweise anzuwerben und um andererseits die geistigen, psychischen, politischen und sozialen Barrikaden zu entfernen, welche im Weg stehen für eine gesunde Seele – rational wie auch emotional.

Die Aufklärung kann nicht stattfinden, wenn wir in der Tradition stecken bleiben und die Lesung nicht ins heutige Zeitalter übersetzen. Wir stehen vor neuen Herausforderungen, welche in der Tradition nicht oder nicht zufriedenstellend beantwortet wurden.

Wenn wir wissenschaftlich, politisch und sozial vorwärts kommen wollen, müssen wir die Essenz der Lesung verstehen und umsetzen und uns befreien von jeglichen falschen Autoritäten wie etwa Buchārī und den angeblichen Gefährten des Propheten.

Es gibt keine Gottheit außer Gott, dem Schöpfer.

Wer bin ich, wer bist Du, wer sind wir?

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verfluchten Teufel,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Wer bin ich? – dass ich die leiseste Ahnung haben möchte, wer und wie der Eine, allmächtige Schöpfer ist.
Was bin ich? – für ein Geschöpf, das leugnet, obwohl Er ist.
Wann bin ich? – genau so geworden, dass ich im Tiefschlaf „des Lebens“ stecken geblieben bin.
Warum bin ich? – noch nicht auf dem Boden, niedergeworfen und flehend nach Erweckung.

 

Wer bist Du?

Um verstehen zu können, wer wir sind, müssen wir erst uns selbst beweisen, wer wir nicht sind. Wie wohl bemerkt sage ich nicht „müssen wir wissen, wer wir nicht sind“. Jeder Mensch, aber jeder, schleppt ein fast unzähmbares Ich mit sich, dessen Belangen nach mehr, Gelüste nach viel und Instinkte nach „nur überleben“ strebt. Das würde nur der Mensch leugnen der ausschließlich mitten drin lebt und nichts anderes kennt.

Das innerste, animalische Ich ist so tief in jedem begraben, dass man es fast nicht mehr unterscheiden kann von seinem Ganzen. Es ist sicher je nach Bildung und Erfahrung so gezähmt und so schlau geworden, dass es sich den jeweiligen sozialen Strukturen angepasst hat. Es hat sich sogar so gut mit dem Umfeld getarnt, dass „Es“ nach und nach sein Umfeld als Bezug genommen hat und richtig und falsch nur nach diesen Begebenheiten und Gegebenheiten erkennt, so dass es nur in extremen Situationen auftaucht. Jedoch werden wir in diesen extremen Situationen so vollständig von ihm überrumpelt und überrannt, dass wir keinen Blick drauf werfen und ihn dingfest machen können. Das „dingfest machen“ mögen manche ‚Selbstkritik‘ nennen. Ich will es Selbsterkenntnis nennen.

Wie können wir feststellen, wer wir im eigentlichen, abgetrennt von Körper und Umfeld, im innersten unseres Selbst sind?

Wie können wir wissen, dass nicht der innere Schweinehund, der Diener des Abtrünnigen, uns, sei es teilweise oder ganz, unter Kontrolle hat und immer und immer wieder das angeblich Gemütsame einflößt, ohne das Leben in Zusammenhang zu bringen mit dem Ganzen und dem Sinn?

Warum kann der Mensch nicht auf die einfachste Idee kommen, dass die Tatsache, dass er existiert, ein unheimlicher, schier unfassbarer, absoluter Beweis für das Eine, Ganze, Allmächtige ist?

Wie kann jeder einzelne von uns leugnen, dass er leugnet. Es gab und gibt im besten Fall, außer weniger Ausnahmen, nur den Menschen, der auf dem Weg ist zu erkennen, dass er leugnet und es langsam erkennt, wie er leugnet. Denn wenn wir nicht leugnen würden, dann könnten wir uns nicht mehr halten vor der innersten und unverfälschten Demut und Hingabe. Wir würden unser Leben im Flehen um Vergebung und tiefster Verneigung im Rücken und im Herzen verbringen. Essen und trinken würden wir nur, um atmen zu können und um den Atem zu schaffen, ihn zu preisen. Arbeiten würden wir, um dem Atem für das Preisen die Nahrung zu verschaffen. Schlafen würden wir nur, um den Schmerz des Getrenntseins zu vergessen und zurückzukehren, weil wir es sonst nicht mehr länger aushalten könnten, mit wachstem und schärfstem Bewusstsein von Ihm getrennt zu sein. Leben würden wir wollen nur um Seinetwillen. Die Wörter „Das Böse“, „Das Schlechte“, „falsch“ und „verkehrt“ würden für uns nicht existieren. Die Diskussion über den Allerschaffenden, Allmächtigen würde es nicht geben, wie es die Diskussion nicht gibt, ob wir atmen.

Was ist es, das uns behindert zu sehen und sehen zu wollen?

Friede sei über uns Menschen, die, verzeih uns mein allmächtiger Schöpfer, leider immer noch leugnen, und führe uns dessen Erkenntnis, damit wir anfangen – um Dich zu wissen.