Harakat

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Podcast #2 SzVdK: Theorie & Hermeneutik

Die zweite Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über Theorie und Hermeneutik mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Ein Podcast von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe über wenig besprochene Aspekte der Gottergebenheit (deutsch für Islam), in dem wir mit bereichernden Gästen aus einem frischen Blickwinkel heraus ungewöhnliche, aber dafür für den Alltag wichtige Themen besprechen. Bücher, Selbstentwicklung, intellektuelle und seelische Gesundheit, Ernährung, Spiritualität und Philosophie sind nur einige Bereiche, die wir anschneiden.

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19:80 – Erben oder vererben

Im Namen Gottes Des Erbarmers Des Gnädigen

Die diakritischen Zeichen dienen im Arabischen als Hilfsmittel zur Kenntlichmachung der arabischen Buchstaben, die Vokalisierung der Kenntlichmachung der dazwischen geschobenen Vokale. Die Vokalisierung der arabischen Buchstaben und ihre diakritischen Zeichen wurden erst im neunten Jahrhundert von dem Poeten Abou Alaswad Aldoualy im Auftrag des Omayyaden Kalifats erfunden. Man hat befürchtet, dass die Bevölkerung der neuen Länder, die später der islamischen Dynastie angehörten, den Sinn mancher Wörter durch falsches Aussprechen verdrehen könnten. Durch die diakritischen Zeichen schuf man eine einheitliche Lesart bzw. ein einheitliches Verständnis des gleichen Textes im gesamten islamischen Gebiet.

Wir zweifeln auf keinen Fall an der Ehrlichkeit des Erfinders dieses Systems, doch die Frage, ob die Vokalisierung bzw. das Aussprechen der Wörter in allen Einzelheiten so stimmt, wie sie Abou Alaswad Aldoualy festgesetzt hatte, beschäftigt uns doch. Ein einziger Vokal kann den Sinn eines Verses völlig verfremden, so dass man etwas anderes versteht als das, was der Vers aussagt.

Vers 80 in Sura Maria Nr. 19

Während unserer Übersetzungsarbeit in Sura 19 ist uns Vers 80 aufgefallen, der von allen Übersetzern auf eine merkwürdige Weise wiedergegeben wurde. Hier zeigen wir den Vers, wie wir ihn übersetzt haben und auch die Gründe für unser Verständnis des Verses auf diese Art und Weise.

19:80 Dann lassen Wir ihn erben, was er sagt. Darauf kommt er als Einzelner zu Uns


Und hier sehen wir sechs verschiedene Übersetzungen, um vergleichen zu können, was genau wir gemeint haben.

Adel Khoury
Und Wir erben von ihm das, wovon er spricht. Und allein kommt er zu Uns.

Zaidan
Und WIR werden ihm das wegnehmen, worüber er sprach. Auch wird er ja ohnehin alleine zu Uns kommen!

Bubenheim
Und Wir erben von ihm das, was er sagt, während er einzeln zu Uns kommt.

Rasul
Und Wir werden all das von ihm erben, wovon er redet, und er wird allein zu Uns kommen.

Azhar
Wir werden ihm alles abnehmen, wovon er spricht, und er wird am Jüngsten Tag allein vor Uns erscheinen.

Paret
Und wir werden von ihm erben, was er sagt (daß er bekommen werde). Und er wird einzeln zu uns (zum Gericht) kommen.

Ahmadeyya
Und Wir werden all das von ihm erben, wovon er redet, und er wird allein zu Uns kommen.


Ich möchte niemandem vorwerfen, dass er etwas wiedergibt, das dem Original nicht entspricht. Vielmehr will ich sagen, dass man zu intensiv an den Zeichen festhält, auch wenn man den Sinn darin nicht zu erfassen vermag. Das Problem liegt unser Meinung nach am Zeichen (Fatha), das über dem Buchstaben N im ersten Wort gesetzt ist.

وَنَرِثُهُ مَا يَقُولُ وَيَأْتِينَا فَرْدًا


Das Vokalzeichen (Fatha) über dem N-Buchstaben veränderte den Sinn des Verses auf eine Art und Weise, dass der Vers von den Übersetzern nicht anders wiederzugeben war. Würden wir den Vers wortwörtlich mit diesem Zeichen übersetzen, dann würde ein grammatikalischer Fehler bzw. Fehler in der Logik des Satzes erscheinen:

Dann erben wir ihn, was er sagt, und danach kommt er einzeln zu uns.


Wie man hier sieht, ist die Aussage des Satzes unklar im Bezug auf Grammatik und auch auf den Sinn, der uns vermittelt wird. Aber so ähnlich haben die Übersetzer gehandelt, wobei sie die Grammatik so hingebügelt haben, dass es passt. Nur der Sinn bleibt immer noch unklar: Warum die Aussagen eines Ungläubigen von den Engeln geerbt werden.

Statt Fatha ein Dammah

Wir haben, Gott sei Dank, diese Einstellung bemerkt, da wir in unserem Quran-Program jegliche diakritischen Zeichen entfernt haben und die Texte so belassen, wie sie mal waren, bevor diese Zeichen zum Koran hinzugefügt worden sind. Auf diese Art und Weise haben wir beim Lesen der Texte mehr Freiheit im Bezug auf Sinn und Grammatik der heiligen Schrift, ohne uns durch die Regeln zu begrenzen. Denn eine kleine Änderung mit einem einzigen Zeichen würde dazu führen, dass der Satz auf einmal verständlich und auch richtig ist:

وَ نُرِثُهُ مَا يَقُولُ وَيَأْتِينَا فَرْدًا


Der Vers ist jetzt auch bei einer wortwörtlichen Übersetzung leicht zu verstehen:

Dann lassen Wir ihn erben, was er sagt. Darauf kommt er als Einzelner zu Uns


Beim Vers geht es darum, dass manche Leute von sich selbst überzeugt sind, und dass sie meinen die Zukunft im Griff zu haben, Vermögen und Nachfahren zu haben, ohne darauf zu achten, dass sie alleine nicht fähig sind etwas zu schaffen. Man vergöttert sich in seiner Selbstverherrlichung und spricht die Unwahrheit, bis der Tag kommt, an dem ihre Aussagen an ihrer Seele haften und jeder muss damit alleine fertig werden.

Aus diesem Verständnis heraus haben wir Vers 19:80 auf diese Art und Weise übersetzt und auch hier die Stelle kommentiert, damit jeder sieht, aus welchem Grund wir so gehandelt haben.

Möge uns Gott verzeihen in Seiner Barmherzigkeit. Salam.