Beziehung zu Gott

Nachdenkliches Mädchen - Enthaltsamkeit

Ramadan: Eine Zeit der Enthaltsamkeit und Erneuerung

Ramadan ist eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Gottergebene («Muslime») Achtsamkeit üben müssen, wenn wir das Fasten in seiner Tiefe verinnerlichen möchten.

2:183 „Ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr achtsam seid.“

Hanif-Übersetzung

Dabei ist diese Übung der Enthaltsamkeit eine Einladung an alle Menschen über die verschiedenen Wege zu reflektieren, wie wir die Gesundheit unserer Seelen über den Rest des Jahres vernachlässigen.

Wir praktizieren einen Monat lang Fasten, Meditieren, Reflektieren und Gebete, um den Mysterien dieses wunderschönen Universums, der Barmherzigkeit und dem Wissen Gottes näherzukommen. Und in diesem Monat war es, in welchem die Lesung («Qur’an») eingegeben wurde:

2:185 Monat Ramadan: In dem die Lesung als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, als Klarstellungen über die Rechtleitung und die Unterscheidung. 

Hanif-Übersetzung

Seelische und gesellschaftliche Revolution

Diese Worte Gottes änderten nicht nur das Leben unseres geliebten Propheten, sondern revolutionierten auch seine Gesellschaft. Sie beeinflussen unsere Welt heute noch. Diese Worte gehen über die Beschreibung der Natur unserer Körper weit hinaus und zeigen uns auf, dass wir den Hauch Gottes in uns tragen und alle aus derselben einen Seele erschaffen sind (4:1, 15:29). Wir sind alle miteinander verbunden.

Diese Revolution, die beim Propheten zunächst in seiner Seele stattfand und dann in der Gesellschaft, sollte auch die Erfahrung von Gottergebenen in ihrem eigenen Ramadan sein, zusätzlich zur Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Sex von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese intensive Disziplin sollte uns näher zu Gott bringen, indem wir unsere grundlegendsten Wünsche und Bedürfnisse kontrollieren. Dadurch erreichen wir eine höhere Ebene des Bewusstseins, um eine tiefere Hingabe gegenüber Gott zu leben.

Indem wir uns buchstäblich entleeren, einerseits physisch von Nahrung und andererseits spirituell von unserer Anhänglichkeit gegenüber allen Dingen, die uns von Gott weg bewegen, schaffen wir Raum. Wir schaffen den nötigen Raum, in dem unsere Seelen erneut gedeihen können. So wie bei einem vollen Glas nichts mehr hinzugefügt werden kann, ist es nicht möglich, einer von sich selbst gefüllten Seele Raum zu geben für Gott. Es muss eine Lücke entstehen.

Unsere Seelen atmen im Ramadan aus, damit wir beim Einatmen die Barmherzigkeit Gottes, sozusagen frische Luft empfangen können. Es ist kein Zufall, dass viele Meditationen mit dem Atmen arbeiten, um diese symbolische Verbindung zu verinnerlichen. Vom ersten Atem bis zum letzten widmen wir uns deshalb Gott:

6:162 Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.

Übersetzung von Adel T. Khoury

Es kann deshalb ein sehr positives Zeichen sein, wenn wir im Verlauf des Ramadan ein Gefühl der Leere oder der Erdrückung empfinden. Dies ist die seelische Wirkung der Enthaltsamkeit, die den so dringend benötigten Raum schafft.

Gott steht uns dabei stets zur Seite. Es liegt nur an uns, dass wir Seine gütige, liebende und leitende Gegenwart in diesem neu geschaffenen Raum spüren. Durch die Anrufungen erklären wir Gott gegenüber unsere Unfähigkeit, immer das zu tun, was nötig ist. Das Fasten mag sehr schwer vorkommen, die innere, seelische Arbeit sehr anstrengend sein. Es kann sogar so stark werden, dass wir das Gefühl entwickeln, keine Luft zu bekommen. Der Gedanke: «Ich kann das nicht machen, Gott!», zeigt auf, wie viel Raum wir uns selbst noch einräumen in unseren Seelen. Wir müssen uns innerlich entleeren, damit wir mehr Raum haben für das Göttliche. Wahre Ergebung und das Ego können nicht im selben Behälter fortbestehen.

2:186 Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich nah, antworte auf den Ruf des Rufenden, wenn er mich rief. Sie sollen dann mir antworten und an mich glauben, auf dass sie vernünftig sind.

Hanif-Übersetzung

Im Ramadan fand die erste Eingebung zwischen dem Heiligen und dem Siegel der Propheten (33:40) der Gottergebenheit («Islam») statt. Ramadan ist demnach eine Zeit, in der das Selbst hinterfragt und entleert wird. Dies kann schmerzhaft sein. Doch erst dieses Reflektieren erlaubt es uns, die Rechtleitung Gottes zu erhalten. Ohne eine seelische Änderung wird auch kein Wandel stattfinden (13:11). Gerade diese Einengung, den seelischen Gürtel enger zu schnallen, lässt unsere Seelen erneuern und sich erholen. Liebe zu erfahren und Kummer zu zeigen ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit – Gottes Barmherzigkeit. Und die Barmherzigkeit Gottes ist für fortgeschrittene Seelen gedacht, die zeitgleich mit Stärke und Feingefühl durch die Welt wandern. Diese Seelen achten auf ihre Umwelt und Mitmenschen, üben Achtsamkeit («Taqwá»), und sorgen durch eine allseits gerichtete Läuterung («Zakâh») für eine Verbesserung sämtlicher Umstände (7:156).

Barmherzigkeit

Dies bedeutet, dass wir uns im Ramadan auch all dessen bewusst werden, was uns von dieser Rückverbindung mit uns selbst und Gott ablenkt. Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt (6:12, 6:54), so haben wir uns selbst auch Barmherzigkeit zu zeigen. Sollten wir gewisse Ziele nicht erreichen, so beginnen wir einfach von Neuem.

Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt, sollte unser Fokus dann nicht auch Barmherzigkeit, Vergebung und Verzeihung sein?

Lasst uns wieder bewusst werden, was die Bismillah bedeutet: im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen. Dieser Satz wird unter Gottergebenen oft zu Beginn einer Tätigkeit ausgesprochen. Al-Rahman, der Erbarmer, Al-Rahiim, der Gnädige. Beide entstammen dem Wort rahmah, Barmherzigkeit, und haben eine Verbindung zu rahim, Gebärmutter. Gott, der Leben aus Seiner Barmherzigkeit heraus in den Gebärmüttern erschafft, zeigt uns die Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und der Erschaffung. Wir müssen uns um unsere Familien und genauso um unsere Mitgeschöpfe aller Art gnädig kümmern.

Genauso sollten wir uns um uns selbst kümmern. So sollten wir zum Beispiel behutsam und bedacht unser Fasten brechen, traditionell mit einer Dattel und einem Schluck Wasser, während die ganze Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist mit vollem Herzen (und Zunge) dabei zu sein und Dankbarkeit zu üben.

Dankbarkeit

2:185 … So sollt ihr die Anzahl vervollständigen und Gott hochpreisen dafür, dass Er euch rechtleitete, auf dass ihr dankbar seid.

Hanif-Übersetzung

Gerade im hungrigen, ermüdeten Zustand ist diese innere Haltung wichtig. Nicht der Moment des Fastenbrechens, die Nahrungsaufnahme, soll im Vordergrund stehen, sondern die Dankbarkeit, die durch die Enthaltsamkeit und das Fastenbrechen entsteht.

Die Enthaltsamkeit ist dabei auch mit einem Blick auf die Gemeinschaft und den Kontakt zu Gott («salâh») zu üben. Die eigene Seele mehr schweigen zu lassen, um gemeinsam aufeinander zu achten. Damit kann das Fasten auf eine gesunde Art und Weise und emotional erfüllend verlaufen. Auf diese Weise können Kinder unter Aufsicht nach gesundem Menschenverstand fasten und somit schrittweise und behutsam dem Ramadan näher gebracht werden. Auch die Fürsorge gegenüber älteren Mitmenschen und das Bewusstsein für die Tiere als Geschöpfe können so schöne Erinnerungen schaffen.

Aufklärung

Neben der Sanftmut gehört es auch dazu, das eigene Denken zu hinterfragen in der Lebensordnung. An welcher Tradition hafte ich aus welchen Gründen? Ist das, was ich für die Gottergebenheit halte, wirklich ein Bestandteil der koranischen Eingebung? Aufklärung ist eine gottergebene Pflicht. Nicht umsonst wird in der Lesung das blinde Befolgen unserer Vorväter angeprangert (2:170). Wir müssen klar unterscheiden zwischen der göttlichen Eingebung und hinzugedichteten Meinungen. Ansonsten enden wir bei einer Lebensordnung, die Gott nie verordnet hat (42:21).

Wir sind von der Einheit Gottes überzeugt. Diese Überzeugung der Einheit muss aber auch auf unser Denken einwirken, indem nur der Erbarmer unser Beschützer («mevlana»), unser Herr («rabb») und unser Lehrer ist (55:1-2). Lassen wir zu, dass Menschen oder Idole die Kontrolle über unseren Lernprozess innehaben, machen wir uns der Beigesellung («schirk») schuldig. Dadurch sind wir nicht mehr zur Aufklärung in der Lage, da wir uns von der Rechtleitung Gottes ausschließen. Auch hier gilt es Enthaltsamkeit zu üben.

Die Abmühung («Dschihâd») zugunsten der Gerechtigkeit und den Menschenrechten ist wahrscheinlich das Beste, um Identität zu stiften. Sich für andere einzusetzen ist ein wichtiger Teil des Dienstes an Gott und ein notwendiger Pfad zur Selbsterkenntnis. Dazu gehört auch das Zelebrieren unserer Geschwister, die sich leise oder auch laut für die Menschenrechte einsetzen.

Hoffnung

Einige denken jetzt vielleicht an die vielen Ungerechtigkeiten und Schmerzgefühle, die wir durch die ständige mediale Darstellung erlitten haben. Einige mögen gar Wut empfinden und sich unterdrückt fühlen. Es ist aber nicht richtig, in dieser Opferhaltung zu verharren. So heißt es doch:

39:53 Sprich: O meine Diener, die ihr gegen euch selbst Übertretungen begangen habt, gebt die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht auf. Gott vergibt die Sünden alle. Er ist ja der, der voller Vergebung und barmherzig ist.

15:56 Er sagte: »Nur die Abgeirrten geben die Hoffnung auf die Barmherzigkeit ihres Herrn auf.«

Übersetzung von Adel T. Khoury

3:134 Diejenigen, die in Freude und Leid ausgeben, die die Wut unterdrücken, und die den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen

Hanif-Übersetzung

Diese Worte sind eine rituelle Reinigung für uns, welche den Schmutz und Dreck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wegwaschen. Sie können uns beschämen und zugleich stärken. Sie beschämen uns, da wir uns der Arroganz der Verzweiflung bewusst werden: Wir haben kein Anrecht auf Verzweiflung, solange es Menschen auf der Welt gibt, die wahrhaft leiden. Wir müssen uns gesellschaftlich und politisch für die Leidenden einsetzen. Diese Worte stärken unsere Seelen, da wir merken, dass unsere Lebensordnung («dîn») auf Hoffnung aufbaut. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die wir mitgestalten müssen. In der Gottergebenheit («Islam») stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

So lasst Abschied nehmen von der giftigen Rhetorik des wir und sie. Wir sind alle aus derselben einen Seele. Es gibt nur ein Wir. Die schier unverständliche Menge an Leiden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit stellen eine Aufforderung zur Tat und Hilfeleistung dar, nicht zur Verzweiflung und Wut. Dadurch erfüllen wir das Gebot Gottes, Gerechtigkeit zu üben (7:29). Zahlreiche Verse gebieten, die Schwachen und Unterdrückten zu schützen und unermüdlich Gutes zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach Gott zuliebe. Dies alles vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Hilfe Gottes, ohne dass wir die Hoffnung auf Besserung aufgeben. Auf diese Weise eliminieren wir beispielsweise Stereotypen, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit und setzen uns ein für die politische Gleichbehandlung aller Menschen.

Enthaltsamkeit bedeutet auch zu schweigen, wenn Schweigen angebracht ist. Wahre Gottergebene gebrauchen eine Sprache, die Frieden fördert. Sie schweigen, wenn sie mit Beleidigungen konfrontiert werden (z. B. «Geh dorthin zurück, von wo du herkommst!»), nachdem sie ihren Mitmenschen Frieden gewünscht haben:

25:63 Und die Diener des Erbarmers sind die, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Törichten sie anreden, sagen: »Frieden!«

Übersetzung von Adel T. Khoury

Mit einer friedlichen Sprache setzen wir uns für die Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. Wir als Gottergebene wissen, dass Gott uns beisteht und Er uns ausreicht (39:36). Wir brauchen keine Anerkennung der Gesellschaft oder irgendwelche Preise zu gewinnen. Unser Preis ist bei Gott, Der alles wahrnimmt und uns lehrt, immer an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zur Tat aufruft. Unsere Stärke in der Hoffnung liegt darin, dass wir die negativen Energien von Rassisten und Menschenfeinden nicht in uns zulassen. Enthaltsamkeit von negativen Energien ist also gefordert. Sie liegt auch nicht in der selbstgefälligen Zufriedenheit der heuchlerischen Rechtschaffenheit. Es geht vielmehr um eine Demut. Die Demut der Erkenntnis, dass wir selbstlos ein ethisch-moralisches, barmherziges Leben führen sollen, um anderen helfen zu können.

76:9 Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir möchten von euch weder Entgelt noch Dank

Hanif-Übersetzung

In dieser Bewusstwerdung während der Enthaltsamkeit liegt wahrhaftig ein innerer Frieden. Ist es nicht aufregend, die lebensbejahende Hoffnung zuzulassen, welche den Hass und die Ungerechtigkeit überwindet und den Schmerz und die Wut in Zuversicht verwandelt? Wir alle haben die Möglichkeit, den Samen der Hoffnung für eine bessere Zukunft zu setzen, anstatt von der Vergangenheit geplagt zu werden.

In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

Beitragsbild Gottes Hilfe

Gottes Hilfe und die Geburt zwei seiner Zeichen

Eine persönliche Geschichte, die getränkt ist mit anfänglicher Enttäuschung, mit großer Hoffnung, erneuter Enttäuschung und einem plötzlichen Wunder „aus heiterem Himmel“. In den Hauptrollen innerhalb dieser persönlichen Geschichte: meine liebe Frau, meine beiden gesunden Kinder, meine Wenigkeit sowie eine helfende, unbeschreibliche, barmherzige Kraft. Diese Geschichte ist dazu fähig – ich bin überzeugt davon, darum teile ich sie – euren Glauben zu stärken und uns daran zu erinnern niemals, wirklich niemals die Hoffnung auf Hilfe aufzugeben!

Aber eins nach dem anderen.

 

Unerfüllter Kinderwunsch – die (kurze) Vorgeschichte

Es war einmal ein junges verheiratetes Paar mit bisher unerfülltem Kinderwunsch seit sechs Jahren Ehe. Leider klappte es nicht – warum auch immer – die klassische Medizin fand keine genaue Erklärung. Eine Kinderwunschklinik sollte es dann sein – das hörte sich vielversprechend an…

Nach den ersten hoffnungsvollen Gesprächen und anschließenden Tests kam es zum Wiedersehen zwischen dem Paar und der leitenden Ärztin dieser Kinderwunschklinik. „Sie werden auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen!“, sagte die Ärztin routiniert und ziemlich kalt zu der jungen Frau. „Zudem ist das Risiko einer Eileiterschwangerschaft sehr hoch, wodurch Lebensgefahr für Sie besteht.“

Für die junge Frau brach eine Welt zusammen. Unvorstellbar der eiskalte Schock. Noch vor der Heirat, schmeichelte ihr zukünftiger Ehemann: „Ich wünsche mir, dass Du die Mutter meiner Kinder wirst.“

Die erste künstliche Befruchtung brachte keinen Erfolg. Genauso wie das leere Versprechen einer privaten Krankenversicherung für volle Leistung. Die Kosten für die Behandlung und die Aufbewahrung für die entnommenen Eizellen mussten aus eigener Tasche getragen werden. Dies zwang die damals selbstständige Floristin mit eigenem Blumenladen dazu, ihr Geschäft aufzugeben. Dies sei allerdings nur am Rande erwähnt.

Beim zweiten Versuch kam eine Schwangerschaft zustande, allerdings endete diese bei einer frühen Fehlgeburt. Es verlangt einer Frau garantiert sehr viel Kraft ab, zuerst mit Freude schwanger zu werden, eine Fehlgeburt (Abort) mitzuerleben und dann noch „live“ die Ausschabung (Kürettage) durchzumachen.

Von einem Mann nur Ansatzweise beschreibbar, jedoch kaum vorstellbar, was eine Frau da psychologisch durchmacht.

Das war kurz zusammengefasst die Vorgeschichte.

 

Ärzte wissen viel, aber nicht alles!

Nach dieser Fehlgeburt brach – einige Tage später zu Hause – meine Frau plötzlich in Tränen völlig zusammen und ich konnte mich auch nicht mehr zurückhalten. „Warum? Warum ich Gott?“ (Original: „Neden? Neden ben Allah’ım?“), weinte meine Frau klagend. „Sag sowas bitte nicht. Hab Vertrauen!“, konnte ich nur entgegnen. Aber wir baten beide verzweifelt um Gottes Hilfe. Und ich weiß, dass meine Frau dies auch insgeheim tat – für ein Kind beten.

Dann, ich glaube es war gut eine Woche später, stand meine Frau nach einem Arzttermin vor der Balkontür – weinend – kaum fähig sich auf den Beinen zu halten. Sie schaffte es noch die Botschaft irgendwie über ihre Lippen zu bringen: „Ich bin schwanger…“, und brach komplett in Tränen aus. Plötzlich war sie dann da, aus heiterem Himmel, die Schwangerschaft auf natürlichem Wege. Bloß ein Zufall?

Es war eine Schwangerschaft wie auf den Bildern, die wir beide zuvor bei den ganzen Arztbesuchen und Untersuchungen in den Heften und Broschüren zu Gesicht bekamen – wie aus dem Bilderbuch eben. Nach etwa neun Monaten erblickte dann unser erstes gesundes Mädchen, am 22.01.2010 um 23:53 Uhr, mit stolzen 3950 Gramm und 53 Zentimetern, das Licht dieser Welt – Gott sei Dank!

Ich lasse an dieser Stelle (für alle Skeptiker) ein „Zufall“ durchaus gelten. Aber es geht ja noch etwas weiter.

Nach der Geburt des ersten Kindes kam es noch zu fünf weiteren Schwangerschaften auf ganz natürlichem Wege. Aber leider endeten alle fünf mit einer Fehlgeburt. Ganz bitter sollte die vorletzte und auch in Wochen gesehen längste Schwangerschaft werden – es waren Zwillinge. Zu erst verstarb das eine Embryo und zwei Wochen später das andere. Es gab nach den Zwillingen dann noch eine Fehlgeburt. Um sich psychologisch von diesen „Qualen“ zu erholen, fasste meine Frau, ihre Schwester und eine gute Freundin den Entschluss, für ein paar Tage gemeinsam nach Istanbul zu reisen. Einfach, um auf andere Gedanken zu kommen.

Gesagt und getan – die drei „Mädels“ fliegen nach Istanbul in die Türkei.

 

Eine Prüfung? Er sagte: „Ich habe Hunger…“

Im berühmten Stadtteil Taksim (İstiklâl Caddesi) von Istanbul, ist auch meine Frau eine von tausenden Menschen, die sich dort befinden, um Geschäftliches zu erledigen, einzukaufen, zu verkaufen, zu essen und zu trinken, einfach nur rumlungern, stöbern oder shoppen. An jenem Tag ist es bewölkt und es sieht nach Regen aus. Als sie und ihre Begleiterinnen vor irgendeinem der Läden Regenschirme entdeckt und ein paar davon anschaut, tippt ihr plötzlich ein älterer Herr von der Seite auf die Schulter. Ein offensichtlich Obdachloser oder mindestens arm. Sie schaut und begutachtet erstmal den Herrn, denn es gibt viele Bettler, die einfach keine sind. Zudem haben an diesem Tag schon einige aufdringlich und hinterherlaufend um Geld gebettelt.

„Und? Was möchtest Du? Geld!?“, fragte sie den Herrn mit typisch-türkischer Handgeste. Leicht verwundert erwiderte er: „Nein, mein Kind, ich habe Hunger, kannst Du mir etwas kaufen!?“ (Original: Yok kızım açım, bana birşeyler alır mısın?)

Der ältere Herr bat nicht um Geld, sondern um etwas zu essen.

Genau das war auch der Grund, warum sie nicht lange zögerte, sich gleich umschaute und fragte: „Onkel, was kann ich Dir denn kaufen!?“ (Original: Amca, ben sana ne alabilirim?)

Gar nicht weit entfernt stand ein Simit-Stand: „Komm ich hol Dir Simit“ sagte sie. Der Herr deutete beschämt auf den schlechten Zustand seiner Zähne und sagte: „Dort drüben ist ein Pide-Restaurant. Können wir dorthin?“. „Ok, dann lass uns dahin gehen“, antwortete meine Frau und sie gingen gemeinsam in Begleitung mit ihrer Schwester und Freundin dorthin.

Im Restaurant fragt sie ihn höflich welche Pide-Sorte es sein soll: „Mit Käse oder Hackfleisch?“ Bescheiden antwortete er: „Dann bitte mit Hackfleisch“. „Und was zum trinken?“, wollte meine Frau noch wissen. Erneut mit einer bescheidenen Haltung antwortete er: „Cola bitte.“

Und als man ihm die Cola auf den Tisch stellte:

Allah sana Bebek versin kızım!

…sagte er plötzlich und merkwürdig (zum merken würdig) genau das: „Allah sana Bebek versin kızım!“

Das heißt: „Gott gebe (schenke) Dir ein Baby mein Kind!“

Nicht „danke“, nicht „Gott möge mit Dir zufrieden sein“, nicht „Gott segne Dich“ – was üblicherweise gesagt wird. Nein, er sagte tatsächlich: „Gott gebe (schenke) Dir ein Baby mein Kind“, ohne etwas hinzuzufügen.

Das ist einfach unglaublich!

Vor allem meine Frau, gerade mit ihrer besonderen Vorgeschichte, und ihre beiden Begleiterinnen, waren natürlich völlig hin und weg. Es lief allen eiskalt den Rücken runter. Mit zitternden Knien ging sie zur Kasse, bezahlte das Essen und musste erneut am Tisch, an dem der ältere Herr noch saß, vorbei.

Weißt Du, was er diesmal sagte? Er wiederholte es – exakt das gleiche: „Allah sana Bebek versin kızım!“ („Gott gebe/schenke Dir ein Baby mein Kind!“)

Das ist doch VERRÜCKT… er wiederholte es somit zum zweiten Mal. Meine Frau, natürlich schockiert, konnte nur noch kurz nicken und brach schon vor der Ausgangstür in Tränen aus. Schwester und Freundin auch gleich mit ihr, die beiden kannten schließlich ihre Vorgeschichte.

 

Ist dies die Art und Weise der Kommunikation Gottes?

Wieder in Deutschland, wo die Merkwürdigkeiten keineswegs ein Ende fanden. Nach sieben, vielleicht auch zehn Tagen hat meine Frau dann einen Traum. In diesem Traum befindet sie sich erneut auf dem langen Taksim-Platz in Istanbul, doch links und rechts ist es neblig und verschwommen. Sie hält einen Schwangerschaftstest-Streifen in der Hand und auch hier kann sie nichts erkennen, er ist undeutlich und unscharf. Plötzlich klopft ihr in diesem Traum dieser ältere Mann auf die Schulter und sagt zu ihr: „Mach Dir keine Sorgen mein Kind, Du bist schwanger!“ (Original: „Merak etme kızım, hamilesin!“)

Dieser Satz war der morgendliche Wecker meine Frau und das erste was sie natürlich tut: sich einen Schwangerschaftstest besorgen.

Und was soll ich sagen!? Mit dem ersten Teststreifen war klar; sie ist schwanger! Als sie mir davon berichtete, erlebte ich eine ganz andere, deutlich selbstbewusstere Frau. Sie sagte zu mir: „Ich hab diesmal ein super Gefühl dabei“.

 

Freud und Leid sind eben doch dicht beieinander

Nein, mit dem Baby war alles in Ordnung. Meine Frau hatte jedoch den Drang, den inneren Wunsch, diesem älteren Mann erneut zu helfen. Als sie erfuhr, dass ihre Freundin – die diese Sache live miterlebt hatte – wieder nach Istanbul reist, bittet meine Frau sie darum diesen älteren Mann, dort auf den Straßen in Istanbul / Taksim zu finden und ihm „etwas“ zu geben. Wir – also ich, Frau, Kind – sind gerade parallel zu dieser Zeit in Izmir / Çeşme (Ägäis) im Urlaub. Meine Frau ist etwa im vierten Monat Schwanger. Die Sonne scheint, Getränke sind da und nette Leute hat man bereits kennengelernt als meine Frau einen Anruf bekommt. Der Anruf ist von ihrer Freundin, die sich gerade in Istanbul befindet.

Es war an der Mimik zu erkennen. Der Gesichtsausdruck meiner Frau veränderte sich innerhalb von drei Sekunden und sie brach in Tränen aus. Was ist geschehen? Die Freundin hat zwar herausgefunden, dass der ältere Mann dort nicht unbekannt war, doch leider hat sie auch herausgefunden, dass dieser nicht mehr lebt; er ist verstorben. Er soll etwa ein bis zwei Wochen nach diesem denkwürdigen Ereignis verstorben sein. So die Aussage.

Möge er in Frieden ruhen und ihm sein Schöpfer Gnade erweisen.

 

Wessen Wunsch ging hier in Erfüllung? Wessen Gebet wurde angenommen?

Natürlich baten ich und meine Frau um die Hilfe Gottes für ein zweites Baby. Aber da war ja noch eine dritte Person, die erste Tochter, die sich SO SEHR ein Schwesterchen wünschte – dieser Wunsch, diese Sehnsucht ist einfach unbeschreiblich gewesen…

Ich habe meiner Tochter in Glaubensfragen NIE vorgeschrieben Du musst dies tun oder Du musst das tun – nein. Als sie mich vor den ganzen Ereignissen, zu der Zeit gerade sechs Jahre jung, gefragt hat, ob Gott ihr eine Schwester schenkt, wenn sie dafür betet!? Da hab ich sie umarmt und gesagt: „Das kann ich Dir nicht beantworten Spatzl. Du musst dafür nicht „beten“ (sie meinte das islamisch-körperliche Ritualgebet) aber Du kannst versuchen Gott dafür zu bitten (Duā = Bittgebet) wenn Du möchtest.“

Und in der Tat, ich habe sie ein paar Mal zufällig beim Vorbeigehen an ihrer Zimmertür „erwischt“, wie sie genau das getan hat.

Ich musste diesen Teil hier mit meiner ersten Tochter hinzufügen, denn nach etwa sieben Monaten Schwangerschaft hieß es: Es ist zu 90% ein Mädchen.

 

Gottes Hilfe oder „Mein Gott der Hilft“

Auf der Suche nach einem geeigneten Namen:

Das erste Kind durfte die Mutter benennen. Beim zweiten durfte der Baba, also ich, den Namen aussuchen und natürlich musste er Mutter und Schwester gefallen. Aufgrund der denkwürdigen Ereignisse war mir klar, ich wollte/musste einen besonderen, geeigneten Namen finden.

Ich habe mich letztlich für Elisa entschieden. Elisa mit einem weichen „s“ wie bei Eis und nicht wie zum Beispiel bei Elisabeth. Der Grund meiner Wahl hat auch nichts mit dem Namen Elisabeth zu tun. Der Name Elisa hat seinen Ursprung in der semitischen Sprache, genauer gesagt ist er hebräischen Ursprungs. Und dessen Bedeutung war es schlussendlich, mich für diesen Namen zu entscheiden.

Wer seinen Glauben und die heiligen Schriften kennt, der wird wissen, dass Elisa, Elisha, Elyasa oder auch al-Yasa, ein sowohl in der Tora (Altes Testament) als auch im Koran genannter Gesandter Gottes ist! Im Koran in Sure 6 wird er etwa erwähnt, dazu gleich mehr.

Die Bedeutung: Elisha, auch Elisa, Elisäus (hebräisch אֱלִישָׁע) „Gott hilft“, „Gott hat geholfen“ oder „die Hilfe meines Gottes“. Als ich noch dazu den positiven Kontext im Koran, bei der Erwähnung dieses Gesandten lesen und erfahren durfte, wurde meine Entscheidung weiter gefestigt:

 

Koran Sure 6 (Al-An’ām) Verse 82 bis 90:
6:82 Denjenigen, die glauben und ihren Glauben nicht mit unrechtem Handeln verhüllen, gehört die Sicherheit, und sie folgen der Rechtleitung.
6:83 Das ist unser Beweis, den wir Abraham gegen sein Volk zukommen ließen. Wir erhöhen, wen wir wollen, um Rangstufen. Dein Herr ist weise und weiß Bescheid.
6:84 Und wir schenkten ihm Isaak und Jakob; jeden (von ihnen) haben wir rechtgeleitet. Auch Noah haben Wir zuvor rechtgeleitet, sowie aus seiner Nachkommenschaft David und Salomo, Hiob, Josef, Mose und Aaron – so entlohnen wir die, die Gutes tun – ;
6:85 Und Zakaria, Yahyaa, Jesus und Elias: jeder von ihnen gehört zu den Rechtschaffenen;
6:86 Und Ismael, [Elisa (al-Yasa)], Jonas und Lot: jeden (von ihnen) haben wir vor den Weltenbewohnern bevorzugt;
6:87 Und auch manche von ihren Vätern, ihren Nachkommen und ihren Brüdern. Wir haben sie erwählt und zu einem geraden Weg geleitet.
6:88 Das ist die Rechtleitung Gottes. Er leitet damit recht, wen von seinen Dienern Er will. Und hätten sie (Gott andere) beigesellt, so wäre es ihnen wertlos geworden, was sie zu tun pflegten.
6:89 Das sind die, denen wir das Buch, die Urteilsfähigkeit und die Prophetie zukommen ließen. Wenn diese da sie verleugnen, so haben wir sie Leuten anvertraut, die sie nicht verleugnen.
6:90 Das sind die, die Gott rechtgeleitet hat. Richte dich nun nach ihrer Rechtleitung. Sprich: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür. Es ist nichts als eine Ermahnung für die Weltenbewohner.

 

Am 25. Februar 2018 war es dann endlich soweit

Mit stolzen 4400 Gramm, „breiten Schultern“ und 57 Zentimetern Länge wurde unsere zweite Tochter auf diese Welt per Notkaiserschnitt gebracht. Die Kleine war einfach zu groß und zweimal ist ihr Puls drastisch angestiegen. Aber Gott sei gedankt, Mutter und Baby waren wohlauf.

Das erste mal habe ich ein „Zufall“ durchaus durchgehen lassen. Auf Grund der Ereignisse schließe ich beim zweiten Mal ein „Zufall“ aus: Keine Chance!

 

Koran Sure 1 (Al-Fātiha):
Im Namen GOTTES, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Alles Lob gebührt GOTT, dem Herrn der Welten,
dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
dem Herrscher am Tag des Gerichts.
DIR allein dienen wir, und DICH allein bitten wir um Hilfe.
Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen DU Gnade erwiesen hast, nicht derer die DEINEN Zorn erregt haben und nicht der Irrenden.

 

Friede sei mit euch, Gottes Gnade und Barmherzigkeit.

Mein Weg zur Gottergebenheit #5 – „Ich war sehr überrascht vom Koran!“

Anja-Asiyah, 32 Jahre alt

Mein Weg zur Gottergebenheit war, wie der von vielen anderen sicher auch, eher ein langer umständlicher Weg und einer, der auf eher traurigen Anlässen beruht. Aber nun ja, fangen wir mal von vorne an.

Mit knapp 21 Jahren trennte ich mich von meinem langjährigen Partner, nachdem ich erfahren habe, dass er es nicht so genau mit der Treue und Ehrlichkeit nahm wie ich. Da damals die großen Sommerferien anstanden, hatte ich das dringende Bedürfnis aus meinem beschaulichen Heimatort zu verschwinden, am besten so weit weg wie möglich. Ich wollte meine Zeit sinnvoll nutzen um nicht in Selbstmitleid zu baden, ja, vielleicht wollte ich auch gebraucht werden und einfach nur Wertschätzung erfahren nach dieser schmerzhaften Kränkung.

Da ich im Frühjahr auf Studienfahrt in New York war und ich auf Anhieb verliebt in die kulturelle Vielfalt der Stadt war, nahm ich Kontakt auf zu einer katholischen Organisation, welche mir von einer Mitschülerin empfohlen wurde. Ich hätte mich nie als katholisch bezeichnet, auf dem Papier ja, aber keineswegs praktizierende Katholikin. Einen starken Glauben an etwas wie Gott hatte ich immer schon, jedoch widerstrebte mir stets die dogmatische, herrische Art und Weise, die mir in der Kirche vorgelebt wurde.

Die Organisation im Herzen von Manhattan kümmert sich um obdachlose Frauen und Kinder und bietet viermal die Woche warmes Mittagessen an und die Möglichkeit zu duschen. Außerdem werden Kleiderspenden verteilt. Schon komisch, wenn man sich überlegt, dass man in einer Stadt wie New York, in der die Sünde an jeder Straßenecke auf einen wartet, zu Gott findet, aber weiter nach der Reihe.

Ich kam also an und lernte einen Haufen unterschiedlicher Leute kennen, alle Glaubensrichtungen und Weltanschauungen waren unter einem Dach vertreten und siehe da, es funktioniert. Unter meinen Kollegen gab es zwei, die eine Organisation namens „Witness against Torture“ gegründet haben. Diese hat sich zum Ziel gesetzt auf die Schließung des US-amerikanischen Gefangenenlagers auf Guantánamo hinzuarbeiten. Es wurden zahlreiche Aktionen gestartet, um die Menschen und vor allem die Regierung zum handeln zu bewegen. Aus Interesse beschäftigte ich mich viel mit der Thematik, las Briefe und Gedichte der ausschließlich muslimischen Häftlinge und war tief bewegt. Zu der Zeit befanden sich einige Häftlinge im Hungerstreik und aus Solidarität schlossen sich zahlreiche Kollegen an und fasteten, ich versuchte es auch mit der Überzeugung, dass ich es nie einen Tag ohne Essen und Trinken aushalten würde, aber mein Wille belehrte mich eines besseren. Hintergrund des Hungerstreiks war die Tatsache, dass den Insassen der Koran weggenommen wurde und somit wurde ich auf dieses Buch aufmerksam und fing mal an, darin zu blättern.

Die Bibel hat in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt und ich war sehr überrascht und überwältigt von der Wirkung, die der Koran auf mich hatte. Ich war fasziniert, verwirrt und einfach irgendwie glücklich, schwer in Worte zu fassen.

Besonders beeindruckt hat mich auch die Geschichte des britischen Häftlinge mit saudischen Wurzeln, Shaaker Aamer, ein Mann, der trotz widrigster Umstände eine Zufriedenheit im Herzen trägt, von der sich jeder ein Stück abschneiden sollte. Es gab für mich keinen Zweifel mehr am Wert dieses Buches.

Wieder in Deutschland angekommen hatte mich der Alltag schnell wieder und vieles wurde in den Hintergrund gedrängt, bis ich den Wohnort wechselte. In München suchte ich mir auch gezielt muslimische Freunde, in der Hoffnung mehr zu lernen und zu verstehen. Jedoch war dies nicht wirklich der richtige Weg, da ich in türkisch-sunnitischen Frauengruppen landete, in denen ich mich Gott so weit entfernt gefühlt habe wie niemals zuvor.

Das wöchentliche Studieren einiger Ahadith liess mich enorm an meinem Glauben zweifeln, kannte ich solche Geschichten doch zu genüge aus der Bibel und die gleichen Fragen wie: Was ist daran nun wahr und was erfunden? Auch hier hatte ich wieder das Gefühl, wie schon damals in der Kirche, dass man mir einreden wollte, ich könne keine direkte Verbindung zu Gott aufnehmen, sondern müsse einen Mittelmann heranziehen.

Durch Gedankenanstöße zweier Freundinnen hinterfragte ich die Hadith-Lehre immer weiter und fühlte mich meinem Glauben an Gott wieder viel näher. Ich empfand wieder Erleichterung in meiner Beziehung mit Gott. Viele Dinge fielen mir wieder leichter: geduldig sein, hilfsbereit, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.

Ich danke Gott für den Weg, auf den Er mich geschickt hat, für jeden Stolperstein und jede Brücke darin und wünsche jedem ans Ziel zu kommen, wo immer das auch sein mag und egal wie lange es dauert.

Die Liebe Gottes von Justin Lowery

Gott erschuf uns aus unbeschreiblicher Liebe

Gott erschuf uns Menschen aus unbeschreiblicher Liebe.

Wer liebt, möchte zurück geliebt werden, natürlich ohne Zwang und aus freien Stücken bzw. freiem Willen. Das ist etwas, was wir wissen und fühlen können. Diese Art der Liebe bedeutet, auch die völlige Absicht zu erlernen, sich aus Liebe hinzugeben in allem.

Durch Liebe erlauben wir alles. Diese Liebe ist dann wahrhaftig ohne Grenzen. Diese Liebe ist völliges Vertrauen, alles mit sich geschehen zu lassen: Sich für die Liebe opfern, alles geschehen lassen.

Wer Gott liebt, lässt alles zu, was in seinen geschriebenen Worten steht, die zusammengetragen wurden durch den Verkünder, seinen Propheten. Diese Worte dürfen nicht missverstanden werden. Der lebendige Sinn geht sonst verloren. Der Sinn ist das Verstehenwollen aus der damaligen und auch in der heutigen Zeit, auf alle Anwendungen im Leben, zu lernen und immer wieder neu zu lernen.

Das Leben ist vielfältig, dadurch findet sich ein vielfältiges Verstehen aus der Lesung wieder und ist immer wieder neu und lebendig. Gottes Wort ist lebendig. Es ist nicht monoton oder einseitig. Deswegen darf das Verstehen nicht einseitig sein oder von Menschen dazu gebracht werden durch Menschenworte, die Lesung so zu verstehen, wie sie es gerne hätten.

Die Liebe Gottes von Justin Lowery

Foto von Justin Lowery, CC-BY-ND 2.0

Tief gläubig kann nur der Forschende sein, nicht derjenige, der meint, viel zu wissen, sondern derjenige, der sagt, Gottes Worte sind immer lebendig und immer neu zu verstehen, um den Sinn auf alles im Leben zu erfassen. Denn Gottes Wort steht nicht still, sowie auch der Verstand nicht stillsteht – außer man will, dass der Verstand stillsteht. Dann kann das Wort Gottes für einen stillstehen und der lebendige Sinn schläft.

Das einfachste Prinzip, es bestmöglich immer so zu verstehen, ohne sich neue Gesetze zu machen, ohne neben Gott etwas beizugesellen, scheint unter den Gläubigen zu Gott sehr schwer zu sein.

Dort wo die Zeit stillsteht unter den Traditionen, ist Stillstand. Es ist keine Lebendigkeit zu erkennen, in ihren Worten, Handlungen und Gesetzen.

Ich bedauere es zutiefst, dass Gottes Wort verändert wurde. Nicht wegen der Menschen, die mein Mitleid haben, und Gott – allwissend – sieht auch das Verborgene in uns, denn einzig Gott, dem Allmächtigen, gebührt unsere Ehrfurcht, unsere Dankbarkeit und unsere Liebe.

Sie lieben und lehren lieber nach ihren von Menschenhand geschaffenen, erfundenen Gesetzen und dem Glauben, den sie sich selber beigebracht haben. Dieses tiefe Verständnis, Liebe zu erlernen, es zu wollen, diese größer werdende Ehrfurcht, es geschieht nur bei wachem Verstand und mit einem Herzen, das benutzt werden kann, ohne Unterbrechung, um nicht weggeleitet zu werden.

Es ist Mühe, harte Arbeit und auch Schmerz, religiöse Bildung aus dem Anfang geradeaus gestalten zu wollen, denn fast jeder will dich auf den Irrweg bringen, auch mit guten Absichten, die aber nur einen Irrweg darstellen, im Vergleich zu Gottes geschriebenem Wort.

Natürlich weiß es Gott besser.

Mein Weg zur Gottergebenheit #4 – „Wie kann der Prophet so etwas über Frauen sagen?!“

Rahima, 29 Jahre alt

Als ich mir damals neben dem Koran „Die Sammlung der Hadithe“ von Al-Bukhari besorgt habe, in dem Glauben, dadurch den Koran besser zu verstehen, und begonnen habe ein Hadith nach dem anderen zu lesen, fiel es mir mit jedem weiteren Hadith schwer, meinen eigenen Augen zu trauen. Ich las Ahadith, welche ich bis zu dem Zeitpunkt als weitere Primärquelle neben dem Koran gesehen habe, die Frauen mit Tieren gleichsetzten.

Wie können der Prophet Mohammed und seine Anhänger so etwas über Frauen denken und sagen?! Der Prophet wurde von Gott auserwählt, ihm hat er den Koran offenbart, in dem Mann und Frau vor Gott gleichwertig sind und ihm hat er den rechten Weg gelehrt.

Ich beruhigte mich, in dem ich mir einredete, dass es sich bei den Hadithen um nicht-authentische Hadithe handelt, denn so etwas kann auf gar keinen Fall vom Propheten stammen. Ich wollte herausfinden, ob die Hadith-Wissenschaft diese Ahadith als authentisch eingestuft hat. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass die frauenfeindlichen Ahadith als authentisch identifiziert wurden. Ich legte daraufhin das Buch im wahrsten Sinne des Wortes angewidert weg.

Verstört vom Islam-Bild, das mir Al-Bukhari vermittelt hatte, suchte ich verzweifelt nach Antworten im Internet. Über eine Blog-Seite stoße ich auf die Internetseite von Alrahman.de, wo ich zum ersten Mal meine Gedanken, die ich nicht auszusprechen wagte, in den Artikeln wiederfinde. Ich las, dass die Ahadith nicht zulässig seien, diese den Koran nicht ergänzen, sondern ihn umschreiben und damit den Islam verzerren und neu erfinden würden.

Als die Ahadith für mein Islamstudium wegfielen, weil sie Gott, dem Propheten und seinen Anhängern einen Islam unterstellen, der sich nicht im Koran wiederfindet, und dadurch für mich an Glaubwürdigkeit verloren haben, blieb eine einzige Quelle übrig: der Koran.

Ich habe endlich angefangen den Koran als Primärquelle bewusst zu lesen. Vorher habe ich ihn zu meiner Beschämung nur gelesen, um ihn wie alle anderen gelesen zu haben, aber nicht verstanden zu haben.

Beim Lesen hielt ich beim Vers 96:1 inne:

 

Lies im Namen deines Herren, der erschuf.

 

In all der Zeit habe ich zugelassen, dass mir andere meinen Glauben, meine Religion vordiktierten. Dieser Vers ist nicht nur an den Propheten Mohammed gerichtet, sondern an jeden Einzelnen, der ihn liest. Gott spricht in diesem Vers nicht nur den Propheten Mohammed an, sondern jeden Gottergebenen. Er fordert uns auf zu lesen und zu verstehen.

Ich fühlte, wie ich durch die Koranverse direkt von Gott angesprochen werde, wie er mich auffordert, seine Worte zu lesen, seine Schöpfung zu studieren, das Gewohnte zu hinterfragen und mir mein eigenes Urteil fälle. Hier erinnere ich mich, wie mir einmal gesagt wurde, dass das Infragestellen zur Ableugnung (kufr) führe. Sieht sehr danach aus, dass mich das Fragen zu Gott geführt hat.

Nach und nach lösten sich die Ketten in meinem Kopf. Ich fühlte mich immer freier.

Ich fühle mich Gott viel näher als vorher. Vorher lag etwas zwischen uns, etwas, das mich daran hinderte zu ihm aufzusehen, ihn anzurufen. Es ist der Irrglaube, dass z.B. Mädchen und Frauen während der Menstruation, die im Sunnitentum als „unrein“ gesehen wird, den Koran nicht lesen oder fasten dürfen, dass mich daran gehindert hat, die Nähe zu Gott zu finden.

Mein ganzes Leben habe ich mich den Zwängen des Sunnitentums gebeugt, in dem Glauben, dadurch Gott zu gefallen. Heute weiß ich, dass es richtig und wichtig ist, kritisch zu sein, und das Gewohnte zu hinterfragen, in dem man sich hinsetzt und selber recherchiert.