Arabische Sprache

Bücher Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Anhänge A-D

Auf dieser Seite befinden sich sämtliche Anhänge des Buches ‚Schlüssel zum Verständnis des Koran‘.

 

Anhang A – Wortverzeichnis

In diesem Anhang befindet sich eine tabellarische Übersicht über die wichtigsten in diesem Buch verwendeten deutschen Begrifflichkeiten und ihre arabischen Entsprechungen, um Missverständnissen vorzubeugen. Gleichzeitig kann diese Liste als Grundlage für den Diskurs der Findung von deutschen Wörtern für zentrale arabische Begriffe gelten.

DeutschArabisch
Der AbleugnerAl-Kāfir, Al-Kāfirūn/Al-Kuffār
Die AbleugnungAl-Kufr
Der AchtsameAl-Muttaqī
Die AchtsamkeitAt-Taqwá
Die/Der sich Anstrengende
(fürs Gute)
Al-Mudschāhid
Die Anstrengung (fürs Gute)Al-Dschihād
Der Ausspruch, die AussprücheAl-Ḥadīṯ, Al-Aḥādīṯ
Der BeigesellerAl-Muschrik
Die Beigesellten (auch: Götzen,
Idole)
Asch-Schurakāʾ
Die BeigesellungAsch-Schirk
Die BezeugungAsch-Schahādah
Die (Pilgerfahrt zur) DebatteAl-Ḥadsch
Der (Gott-)Ergebene/FriedensstifterAl-Muslim
Die Friedensstiftung / (Gott-)
Ergebung/Gottergebenheit
Al-Islām
Die GerechtigkeitAl-Qisṭ
Der (überzeugte, gesicherte)
Glaube
Al-Īmān
Der GottAllāh
Der GütigeAl-Muḥsin
Das KontaktgebetAṣ-ṣalāh
Die Läuterung (Läuterungsabgabe)Az-Zakāh
Die Lebensordnung / LebensweiseAd-Dīn
Die LesungAl-Qurʾān (Koran)
Das LetzteAl-Āchirah
Der MonotheismusAt-Tawḥīd
Der MonotheistAl-Muwaḥḥid
Der RechtschaffeneAṣ-Ṣāliḥ
Der Satan (nicht Teufel)Asch-Schayṭān
Die SündeAl-Iṯm

 

Für die Klarstellung von vielen Übersetzungsfehlern können Sie in der Rubrik ‚Übersetzung und Übersetzungsfehler‘ auf alrahman.de stöbern.

 

Anhang B – Literaturangabe zur Ḥadīṯ-Diskussion

Aisha Y. Musa, Hadith as Scripture: Discussions on the Authority of Prophetic Traditions in Islam, Palgrave, 2008.

Koranforschungsgruppe, Die erfundene Religion und die Koranische Religion, online verfügbar auf www.alrahman.de, von mir übersetzt aus dem Türkischen „Uydurulan Din ve Kuran’daki Din“, İstanbul Yayınevi, 2007.

Rashad Khalifa, Koran, Hadith und Islam, online verfügbar auf www.alrahman.de, von mir übersetzt aus dem Englischen „Quran, Hadith and Islam“, Islamic Productions, 2006.

Edip Yüksel, Manifesto for Islamic Reform, Brainbow Press, 2009.

Shabbir Ahmed, The Criminals of Islam, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2011.

Abdur Rab, Exploring Islam in a New Light, Brainbow Press, 2010.

Kerem Adıgüzel, Zuverlässigkeit der Ahadith: Die Korrumpierung der Hochreligion Islam, online verfügbar auf www.alrahman.de, 2007.

Allgemein sind auf der Webseite www.alrahman.de sehr viele weiterführende Artikel von unterschiedlichen Autoren vorhanden.

 

Anhang C – Wörterbuchverzeichnis

Hans Wehr, A dictionary of modern written Arabic (Arabic – English), 4th ed.
Dies ist ein aus der deutschen Version 142 übersetztes, beträchtlich erweitertes und sprachlich genaueres Wörterbuch als die deutsche Vorlage. Wie der Titel schon sagt, ist es für den modernen Sprachgebrauch bestimmt und nicht immer in Übereinstimmung mit klassisch-arabischer Anwendung.

Götz Schregle, Deutsch-Arabisches Wörterbuch, Harrasowitz, 1974.
Ein Wörterbuch ähnlich wie das von Hans Wehr für das moderne Standardarabisch. Es enthält auch fachliche und technische Begriffe und umfasst ca. 30.000 Wörter. Die Wörter werden nicht mit lateinischen Buchstaben umschrieben, sondern stattdessen auf Arabisch und voll vokalisiert mit Anwendungsbeispielen wiedergegeben. Eignet sich gut, um von der deutschen Sprache ausgehend die arabischen Entsprechungen zu finden.

Rohi Baalbaki, Al-Mawrid: Arabisch-Deutsches Wörterbuch, MOst, 2005.
Umfasst ca. 38.000 Wörter, die nicht nach dem Stammwort, also der Wurzel, sondern nach dem Alphabet geordnet sind.

 

Leider sind die besten Werke (nebst den arabischen) nur in englischer Sprache verfügbar:

Edward W. Lane, Arabic – English Lexicon, Librairie du Liban, 1968.
Eine riesige Sammlung an Wortbedeutungen in acht Bänden mit vielen Beispielen aus der Anwendung, welche sehr viele Wörterbücher als aufbauende Quellen (insgesamt 112 zitierte Werke) benutzt hat. Die ersten fünf Bände wurden von ihm bis 1872 fertiggestellt, wohingegen die Bände sechs bis acht von seinem Großneffen Stanley Lane herausgegeben wurden mit der Hilfe von Lanes unvollständigen Notizen, die er hinterließ. Deshalb sind diese letzteren Bände voller Lücken und skizzenhaft. Der Fokus dieser Arbeit liegt im Vokabular des klassischen Arabisch.

Francis J. Steingass, The student’s Arabic-English dictionary, 1884.
Für den ungeübten Leser am Anfang verwirrend, erscheinen hier doch verschiedene Wurzelstämme unter derselben Überschrift, so z.B. die Wurzel w-ʿa-d ( و ع د ) und ʿa-d-d ( عدّ ) unter der Überschrift عد.

J. G. Hava, Arabic – English Dictionary for the use of Students, Catholic Press, 1899.
Ein Wörterbuch für das klassische Arabisch. Siehe auch sein Wörterbuch „Arabic – English Dictionary for Advanced Learners“, welches umfassender als das Wörterbuch von Hans Wehr ist, jedoch nicht so klar aufgebaut. Moderne Bedeutungen und Wörter werden hierbei ignoriert (so steht das Wort sayyāra nicht für „Auto“, sondern für „Karawane“ oder „Planet“).

Elsaid M. Badawi & Muhammad Abdel Haleem, Arabic – English Dictionary of Qur’anic Usage, Brill, 2010.
Aufbauend auf Wörterbüchern des klassischen Arabisch und Korankommentaren betont diese Arbeit die Rolle des Kontextes in der Bestimmung der Vielfalt an Bedeutungen eines jeden Wortes. Beispielhafte Angaben aus der Lesung werden im Buch wiedergegeben mit Querverweisen.

John Penrice, A Dictionary and Glossary of The Koran, 1873.
Ein Fotograf, der ein beachtliches Werk hinterließ. Eine kompakte Darstellung von Referenzen zu Wörtern und ihren Bedeutungen. Zahlreiche Editionen dieses Werkes sind bisher erschienen.

Abdullah A. Nadwi, Vocabulary of The Holy Quran, Millat Book Centre, 1983.
Ein nützliches Wörterbuch der Worte im Koran, die in ihre Wurzeln gruppiert wurden. Die Vermittlung der Wortbedeutung baut auf der Grundlage der Wurzelbedeutungen auf. Beispiele werden
auch angegeben.

Malik Ghulam Farid, Dictionary of The Holy Quran, Islam International Publications Ltd., 2006.
Eine von einem Missionar der Ahmadiyya angefertigtes Wörterbuch, die durchaus als Konkordanz der Lesung gelten kann. Das Buch ist leider missionarisch geprägt.

Mustansir Mir, Verbal Idioms of The Qur’ān, 1989.
Obwohl das mittelalterliche Arabisch sehr gut dokumentiert wurde durch muslimische Gelehrte aus dem Mittelalter, gibt es dennoch einige Schwierigkeiten für den Studenten wie auch den Gelehrten dieser Sprache. Dieses Buch versucht diese Schwierigkeiten zu adressieren, indem die zahlreichen Redewendungen und Spracheigentümlichkeiten dargestellt werden, die in der Lesung vorkommen.

 

Da die meisten unter den Leserinnen und Lesern der arabischen Sprache sehr wahrscheinlich nicht mächtig sein werden, führe ich hier nur meines Erachtens die zwei wichtigsten arabischen Wörterbücher auf.

Ibn Manẓūr (gest. 1312), Lisan al-ʿArab (لسان العرب).
Ein 1290 fertiggestelltes, arabisches Werk mit 20 Bänden, das als das bekannteste und umfassendste Wörterbuch der arabischen Sprache gilt.

Ibn Murtaḍá (gest. 1790), Tādsch al-ʿArūs (تاج العروس).
Das nach Lisan al-ʿArab zweitbekannteste arabische Wörterbuch.

 

Anhang D – Transkriptionssystem

Das in diesem Buch verwendete Transkriptionssystem unterscheidet sich leicht von dem der IPA, EALL oder DMG. Nachfolgend eine tabellarische Übersicht:

ArabischTranskription
ا, ʾalifa
ب, bāʾb
ت, tāʾt
ث, ṯāʾ
ج, jīmdsch
ح, ḥāʾ
خ, xāʾ / ḫch (wie in Bach)
د, dāld
ذ, ḏāl
ر, rāʾr
ز, zāynz
س, sīns
ش, šīnsch
ص, ṣād
ض, ḍād
ط, ṭāʾ
ظ, ḍāʾ/ẓāʾ
ع, ʿaynʿ
غ, ġayngh
ف, fāʾf
ق, qāfq
ك, kāfk
ل, lāml
م, mīmm
ن, nūnn
ه, hāʾh
ء, hamzaʾ
ة, tāʾ marbūṭahh
و, wāw (Halbvokal)w
ي, yāʾ (Halbvokal)y
ا, ʾalif (Langvokal)ā
و, wāw (Langvokal)ū
ي, yāʾ (Langvokal)ī
ى, ʾalif maqṣūrahá
ُ  (Kurzvokal)u
َ  (Kurzvokal)a
ِ  (Kurzvokal)i

 

Bei Wörtern, die mit einem Hamza beginnen, wie beim Wort ʾIslām, wurde aus rein ästhetischen Gründen das Hamza-Zeichen ausgelassen: Islām.

Halal Fleisch im Islam – Gibt es halal Fleisch laut Koran?

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Frieden liebe Geschwister!

Wir wissen alle, dass für uns Gottergebene (Muslime) in der friedlichen Gottergebenheit (Islām) das Schweinefleisch und bezüglich des Schweines nur das Schweinefleisch verboten ist. Gelatine oder andere Teile des Schweins sind also erlaubt (ḥalāl). Doch wie steht es um die allgemeine Schlachtung der Tiere? Man hat doch mal was vom Schächten gehört und dass es rigide Vorschriften gäbe, wie etwa dass das Tier nach Mekka, genau genommen nach der sogenannten Qibla gerichtet werden müsse? Und wie steht es um das von Christen und Juden geschlachtete Fleisch? Gibt es so etwas wie halal Fleisch überhaupt?

Die wichtigste Frage ist jedoch, wie wir herausfinden können, was überhaupt erlaubt und verboten (ḥarām) sein kann. Es gibt eine einfache Art in der Lesung (deutsch für Koran oder „al-qurʾān“), wie man etwas als erlaubt oder verboten bezeichnen kann. In der Lesung gibt es nämlich einen Vers, der folgendes aussagt:

 

6:114 Wen außer den Gott soll ich als Richter suchen, wo er es doch ist, der die Schrift detailliert zu euch herab sandte? Diejenigen, denen wir das Buch zukommen ließen, wissen, dass es von deinem Herrn mit der Wahrheit herabgesandt wurde. So sei nicht unter den Zweiflern.

 

In einem anderen Vers lernen wir, dass die Lesung für die Gottergebenen genügt (29:51). Wenn man die Lesung kennt, so ist es in Wahrheit noch schwerwiegender. Es gilt nur das, was Gott offenbarte. Alles, was Er nicht offenbarte und offen ließ, ist unserem Ermessen überlassen (5:101). Wir dürfen im Namen der Religion keine Falschheiten verbreiten und etwas für verboten erklären, das Gott nicht verboten hat. Denn dadurch würde man sich als weiteren Gesetzgeber und weiteren Richter neben Gott behaupten und sich so seiner Souveränität und Autorität beigesellen. Und die Beigesellung (schirk) ist die Kapitalsünde schlechthin (4:48) in der Lebensweise (dīn), die Gott für uns vorsah. Wir dürfen also nichts Falsches behaupten (16:116) und dürfen nur das wiederholen, was Gott offenbarte:

 

10:59 Sage: „Was meint ihr, dass ihr das für verboten und erlaubt erklärt, was der Gott für euch an Versorgung herabsenden ließ?!“ Sage: „Hat euch dies der Gott erlaubt oder erfindet ihr etwas über den Gott?“

5:87 O ihr, die ihr glaubt, verbietet nicht die guten Dinge, die der Gott euch erlaubte, und übertretet nicht. Gewiss liebt der Gott nicht die Übertretenden.

 

Es ist für uns also verboten, etwas anderes zu behaupten als das, was der Schöpfergott uns herabsandte in seiner Lesung. Nein, es ist nicht nur für uns verboten, sondern darüber hinaus deutlich auch unserem geliebten Propheten Mohammed, etwas Neues zu erfinden (66:1), wonach der Prophet getadelt wird von Gott, etwas Neues hinzugedichtet zu haben, um seinen Partnerinnen zu gefallen, indem er etwas Erlaubtes verboten hat! Dieses Beispiel unseres Propheten zeigt uns klar, dass in Bezug auf das Essbare nur das als wahr gilt, was unser Gott in der Lesung offenbarte. Nur Blut, Totes, Schweinefleisch und das, was anderen Wesen oder Menschen als Gott gewidmet wurde, ist verboten und sonst nichts (2:173, 5:3, 6:145, 16:115)! Erfindungen wie die Richtung beim Schlachten der Tiere oder das angebliche Schächten kommt in der Lesung Gottes nicht vor und sind somit als Lügen und Unwahrheiten abzulehnen.

Doch wenn außer diesen vier Nahrungsmitteln nichts verboten und die meisten Regeln für das „halal Schlachten“ erfunden sind, wie verhält es sich dann mit der Erwähnung des Gottesnamens bei der Schlachtung? Sind wir nicht dazu verpflichtet, Ihn zu erwähnen? Betrachten wir hierzu erst einmal eine klassische Übersetzung des folgenden Verses:

 

6:118 Eßt von dem, worüber der Name Gottes ausgesprochen worden ist, so ihr an seine Zeichen glaubt. (Übersetzung von Khoury)
Transliteration: Fakulū Mimmā Ḏukira Asmu Allāhi `Alayhi ‚In Kuntum Bi’āyātihi Mu’minīna

 

Fast alle Übersetzer geben diesen Vers und verwandte Ausdrücke (z.B. in 5:4, 6:119, 6:121, 6:138, 22:28, 22:34, 22:36, 22:40) auf diese oder ähnliche Art wieder. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie im Vers die entsprechende Formulierung als „worüber Gottes Name ausgesprochen wurde“ interpretieren. Dies wird als Beleg verwendet, dass man doch den Namen Gottes erwähnen müsse beim Schlachten. Jedoch begeht man hier einen folgenschweren Fehler, wenn man dieser falschen Annahme folgt. Die Begründung ist einfach: „Worüber Gottes Name ausgerufen wurde“ bedeutet nämlich nicht dasselbe wie „worüber beim Schlachten Gottes Name ausgerufen wurde“ und darüber hinaus wurde das Essen der Schriftbesitzer, also das Essen der Christen und Juden für erlaubt erklärt:

 

5:5 Heute sind euch die guten Dinge erlaubt. Das Essen derer, denen das Buch zugekommen ist, ist euch erlaubt, und euer Essen ist ihnen erlaubt. …

 

Foto: Luca Rossato, CC BY-NC-ND 2.0

Die eigene Interpretation ist also fehleranfällig, wenn wir Vers 5:5 der Lesung außer Acht lassen. Wir müssen also genau formulieren: Die Aussage „nur das ist erlaubt, worüber Gottes Name ausgesprochen wurde beim Schlachten“ ist als Erfindung und somit als Lüge über den einen Gott zu werten. Es wird von uns nirgends verlangt, das Schlachten der Tiere durch die Schriftbesitzer zu beobachten und nachzuprüfen. Wenn wir aber wissen, dass Gottes Geschöpfe gemäß einer Lebensordnung (dīn) geschlachtet wurden, die fälschlicherweise Gott oder einer anderen Gottheit gewidmet ist, so dürfen wir das Essen nicht konsumieren, da wir ansonsten diese Blasphemie bestätigen. Durch den Vers 5:5 aus der Lesung wird jedoch das Essen von denen, die sich nicht als Gottergebene bezeichnen, für erlaubt erklärt. Wir können also grob gesagt ruhigen Gewissens das Essen verzehren, das in fremden Küchen gekocht oder in uns unbekannten Metzgereien geschlachtet wurde. Betrachten wir jedoch auch die anderen Verse, die ich oben in Klammern erwähnte, so wird folgendes klar:

 

  1. Uns sind die guten Dinge erlaubt und wir haben Gottes Namen zu gedenken, mindestens beim Verzehr. (5:4, 6:118-119, 22:28)
  2. Jede Gemeinschaft hat einen eigenen Ritus, welcher den Namen Gottes in irgendeiner Form beinhaltet (22:34). Dies wäre im Allgemeinen unmöglich, wenn der Name Gottes ausgesprochen werden müsste und geht nur, wenn wir das Verb gedenken angemessen berücksichtigen, was unter anderem sowohl das Aussprechen als auch ein im Herz gesprochener Gedanke bedeuten kann.
  3. Wir als Gottergebene müssen, wenn wir selbst schlachten, des Namen des einen Gottes gedenken. (22:36)
  4. Wenn wir als Gottergebene etwas schlachten oder auch schlachten lassen, so müssen wir einen Teil den bedürftigen Menschen abgeben. (22:28, 22:36)
  5. Die Tiere sind nicht nur zum Verzehr da, sondern bieten uns vielfältigen Nutzen an. (22:28)
  6. Das Schlachten an sich stellt keinen Gottesdienst dar. (22:37)

 

Genauso wenig bedeutet ausgerufen oder ausgesprochen nicht dasselbe wie das in Vers 6:118 verwendete Wort gedenken (ḏukira). Auch in allen anderen, ähnlichen Versen wird dieses Verb gedenken verwendet. Wir sollen also Gottes Namen gedenken, wenn wir essen. Dies kann auch erst beim Essen am Tisch geschehen und kann genau genommen auch nur im Herzen und in Gedanken erfolgen. Nochmals wiederholt: Des Namen Gottes muss mindestens vor dem Essen gedenkt werden, egal wer das Tier wie geschlachtet hat. Nur wenn wir erfahren, dass bewusst der Name Gottes ausgelassen wurde (6:121) oder das Essen einem anderen Wesen als dem Gott oder einem Menschen gewidmet wird, ist es uns verboten (2:173, 5:3, 6:145, 16:115). Doch lesen wir 6:121 einmal genauer:

 

6:121 Und esst nicht von dem, worüber des Namens Gottes nicht gedacht wurde. Das ist wahrlich ein Frevel. Die Satane geben gewiss ihren Verbündeten ein, damit sie mit euch streiten. Wenn ihr ihnen gehorcht, seid ihr gewiss Beigeseller.

 

Auf jeden Fall gehört die Achtsamkeit (at-taqwá) gegenüber Gott und Seiner Schöpfung zu den Tugenden der Gottergebenen.Dieser Vers darf nun nicht missverstanden werden nach all dem, was bisher geschrieben wurde. Bevor man voreilig zu Schlüssen gelangt, sollte man sich folgendes vor Augen führen: Der Vers beginnt mit einer allgemeinen Aussage und gilt nicht nur für Fleisch. Wenn wir uns also auf Vers 6:121 beziehen, gilt dies für sämtliche Nahrungsmittel und überall, wo man etwas essen kann. Das gilt sowohl für die heimische Küche als auch für andere Orte wie Restaurants, Cafes, Kantinen, Mensas, Take Aways und sonstigen Ständen. Des Weiteren müsste man die Schriftbesitzer immer danach fragen, ob sie bei der Zubereitung ihres Essens Gottes Namen gedacht haben, um zu wissen, ob ihr Fleisch auch erlaubt ist. Doch das stünde dem Vers 5:5 entgegen, der uns das Essen der Schriftbesitzer pauschal erlaubt bis auf das bereits Verbotene. Also kann das Gedenken des Gottesnamens nicht allgemein gemeint sein in 6:121, da man ansonsten so gut wie nichts mehr essen dürfte und nicht nur Fleisch damit gemeint ist.

Wie ist der Vers aber nun zu verstehen?

Dafür müssen wir die Verse 6:119, 22:37 und die Verse um 6:138 herum berücksichtigen. Allgemein handelt das sechste Kapitel ab Vers 114 von den Nahrungsmitteln, der Botschaft und den Zeichen Gottes. Dieser Bereich des sechsten Kapitels macht uns deutlich, dass es nur jemanden gibt, der das Essen für erlaubt oder verboten erklären kann und darf: Gott allein. Die Verse 6:136-138 geben uns zu verstehen, dass die Beigeseller ihre eigenen Regeln in Bezug auf die Versorgung Gottes aufstellen und diese erfundenen Regeln Gott zudichten und den Menschen als Lebensordnung Gottes auferlegen (vgl. auch 42:21). In Zusammenhang mit Vers 22:37 wird also klar, dass hiermit eine erfundene Tradition abgelehnt wird: Die Beigeseller erwähnten Gottes Namen bewusst nicht und die Gottergebenen müssen diese Nahrungsmittel vergehen lassen – Gott zuliebe (6:121). Die Gottergebenen wissen nämlich, dass Gott allein der Versorger ist und diese Wahrheit niemals vergessen gehen darf. Es ist also eine spirituelle Rebellion gegenüber dem Fehlverhalten der Beigeseller, eine religiöse Botschaft der Wahrheit.

Bevor ich zum Ende des Artikels gelange, möchte ich noch einen weiteren Gedanken anregen in Bezug auf den fünften Punkt aus der obigen Liste: Gott sagt in der Lesung über die Tiere, dass sie Völker wären wie wir es sind. Damit ist meines Erachtens gemeint, dass sie genau wie wir lebende, fühlende Wesen sind.

 

6:38 Und es gibt kein Tier auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, ohne dass es Gemeinschaften wären gleich euch. Wir haben im Buch nichts ausgelassen. Danach werden sie zu ihrem Herrn versammelt.

 

Neben diesem Vers wird uns beispielsweise in 5:88 geboten, das zu essen, was erlaubt und gut ist (in gewissen Übersetzungen steht ‚köstlich‘ anstelle von gut). Wir müssen uns demnach die Frage stellen, ob dieses Gebot nach dem Verzehr des Guten nicht direkt auch bedeutet, dass die fühlenden, lebenden Tiere selbst gut behandelt werden müssen. Wenn es ihnen nicht gut geht, wie kann das Fleisch dieser Tiere dann ethisch gesehen gut sein? Siehe hierzu auch die Verse 5:5, 8:69, 7:157, 16:114 und 20:81. Wir müssen uns weiter fragen, ob wir weiteren gedankenlosen Traditionen nachfolgen wie zum Beispiel dem Opferfest.

Auf jeden Fall gehört die Achtsamkeit (at-taqwá) gegenüber Gott und Seiner Schöpfung zu den Tugenden der Gottergebenen.

Gepriesen sei Gott und Dank sei Ihm für all Seine unzählbaren Versorgungen!
Mögen wir als Gottergebene gegenüber Gott und Seiner Schöpfung achtsamer werden.

Sprache und unsere Denkweise in der Sprache – Kopftuch im Koran?

Es ist nicht nur wichtig, sich selbst als Person in den Kontext seiner Zeit zu setzen, sondern genauso die eigene Muttersprache und jegliche Sprachen, die man häufiger verwendet.

Als ein einfaches Beispiel der Veranschaulichung ist der folgende Vers anzuführen, der über die Gottergebenen spricht:

 

90:18 Das sind die Angehörigen der Rechten

 

Wir leben in einer Zeit und Kultur, in der Begriffe wie „rechts“ oder „Rechte“ einen negativen, politischen Beigeschmack haben. Wenn solche Verse gelesen werden, muss man sich also daran erinnern, dass die Lesung kein politisches Buch ist und deshalb nichts mit einer rechtsextremen Einstellung zu tun hat! Dieses Beispiel ist natürlich trivialer Natur, doch viele Missverständnisse beruhen auf einem Verständnis von Begrifflichkeiten, die durch unsere jetzige Zeit geprägt sind.

Wenn wir Metaphern wie „Zeit ist Geld“ betrachten, so finden wir, dass sich diese Metapher erst kürzlich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Problematischer wird es dann bei Begrifflichkeiten wie „Qual“ (ʿaḏāb – عذاب), die in der Lesung öfters verwendet werden, nicht etwa um Folter zu meinen, sondern um die Bestrafung desjenigen durch das Ertragen der Konsequenzen eigener Handlungen zu betonen. Die Strafe ist deshalb eine Qual, weil man sich selbst in diese Situation gebracht hat. Es ist also damit keine Folter gemeint, sondern unter anderem die Peinlichkeit, dass man selbstverschuldet in diese Lage geriet. Man spricht deshalb auch von Peinlichkeit, weil es eine Pein für einen selbst ist, aber keine körperliche, sondern emotionale Strafe. Das Wort quälen beherbergt auch weitere Bedeutungen wie etwa „nicht in Ruhe lassen“, „jemanden innerlich anhaltend beunruhigen“ oder „sich (mit etwas, jemandem) sehr abmühen“. Auch diese Bedeutungen müssen berücksichtigt und genau unter die Lupe genommen werden.

Genauso geht es in die andere Richtung, nämlich bei den Begrifflichkeiten der Lesung und die veränderte Wahrnehmung derselben Worte im heutigen Arabisch. Bestes Beispiel dafür ist das Wort „Bedeckung“ (chimār), was heute fälschlicherweise nur noch als „Kopftuch“ verstanden wird, obwohl das Wort „Kopf“ (raʾs) in diesem Vers nicht enthalten ist.

Der entsprechende Vers aus der Lesung ist 24: 31 und das Wort, das wir betrachten, chumurihinna, wobei chumur der Plural von chimār ist. Dieser Begriff wird meistens komplett falsch übersetzt oder in merkwürdigen Abwandlungen wie „ihre Gewänder“ wiedergegeben. Chimār bedeutet schlicht und einfach Tuch oder allgemeiner Bedeckung. Es ist dieselbe Wurzel chā-mīm-rā (خ م ر), von der auch das Wort für „Berauschendes“ (chamr) abstammt. Diese Wurzel wird in der Lesung nur sieben Mal verwendet:

  • Sechsmal als das Nomen chamr (2:219, 5:90, 5:91, 12:36, 12:41, 47:15), was allgemein für „Berauschendes“ steht, weil es die Sinne und den Geist „bedeckt“ und vernebelt. Berauscht oder betrunken zu sein wird deshalb als chamrān umschrieben. Im heutigen modernen Arabisch wird das Wort häufig nur noch unter der eingeschränkten Bedeutung „Wein“ verwendet.
  • Einmal in 24:31 als der Plural chumur vom Nomen chimār in der Bedeutung Bedeckung oder Tuch.

Berauschendes bedeckt, betucht den Verstand und die Sinne. Chimār bedeckt etwas Materielles, Körperliches wie den Kopf, einen Tisch oder möglicherweise auch ein Bett.

Auch das Wort „dschuyūb“ (Brüste) wird oft falsch übersetzt oder verstanden, denn es gibt die Argumentation, dass mit „dschuyūb“ die Taschen gemeint seien und man nur bei den Hosen diese Taschen habe, das Tuch also mindestens vom Kopf bis zur Kniehöhe gehen müsse. Zwar ist die Bedeutung als „Tuch“ schon richtig für das Wort dschayb (Singular von dschuyūb), aber in diesem Sinne lässt sich fragen: Wo sollen die Taschen bei einem Kleidungsstil ohne Taschen sein? Gott der Allwissende hätte sicherlich nicht dieses Wort gebraucht, wenn es andere Wörter gäbe. Wenn man wirklich und wörtlich die Hosentasche meinen will, so müsste dort stehen: جَيْب البَنْطَلُون (dschaybu-l-banṭalūn), was aber modernes Arabisch ist, da das Wort „banṭalūn“ dem französischen Wort pantalon entspricht. Das richtige Wort für Beinkleid auf Arabisch wäre sirwāl – سروال, also müsste dschaybu-s-sirwāl stehen. Sowas steht aber nirgends und deshalb muss diese Bedeutung abgelehnt werden, weil sie versucht, ein kulturell und traditionell bedingtes Verständnis der Worte als Gottes Worte zu verkaufen.

Man bezeichnet die Sinuskurve auch mit diesem Wort, weil es diese Taschen-ähnliche Form hat (dschaybu-z-zāwiyyah – جيب الزاوية) und der Busen einer Frau hat auch diesen „Taschenverlauf“. Es ist also im Endeffekt klar, dass damit die „Taschen“ der Frau gemeint sind, wo ihre Muttermilch aufbewahrt wird für die Kleinkinder: ihre Brüste. In der Lesung kommt die Wurzel nur in drei Versen vor: 24:31, 27:12 und 28:32 (zweimal als Hemdausschnitt, einmal als Brüste in 24:31). Sowohl die moderne arabische Sprache als auch die Wörterbücher (z.B. E.W. Lane: breast, bosom) übersetzen dieses Wort dschayb als Brust (Busen).

Der Wortlaut, der in 24:31 als Anweisung für die Frauen zu verstehen ist, lautet: وليضربن بخمرهن على جيوبهن oder transliteriert wal-yaḍribna bichumurihinna ʿalá dschuyūbihinna:

  • und (wa)
  • sie (feminin plural) sollen hervortun (l-yaḍribna)
  • mit (bi)
  • ihren (hinna) Bedeckungen/Tüchern (chumur)
  • über (ʿalá)
  • ihre (hinna) Ausschnitte/Taschen/Brüste (dschuyūb)

Auf Deutsch also:

Und sie sollen ihre Tücher über ihre Brüste legen.

Was das Kopftuch angeht, so denke ich, ist es eine klare Angelegenheit. Hier kommt das Wort Kopf (raʾs – رَأس) nirgends vor, ansonsten müsste die Wortwahl wie folgt lauten: bichumuri ra’sihinna (بخمر رأسهن), also ihre Kopftücher und nicht einfach nur ihre Tücher.

Das Wort chimār (pl. chumur) wird auch von den klassisch-orthodoxen Gelehrten als solches verstanden, nämlich nur als Tuch:

 

Khimaar comes from the word khamr, the root meaning of which is to cover. For example, the Prophet […] said: “Khammiru aaniyatakum (cover your vessels).” Everything that covers something else is called its khimaar.90

 

Im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Definition vieler Fiqh-Gelehrter steht chimār für das Kleidungsstück, welches eine Frau verwendet, um ihren Kopf zu bedecken. Die sprachliche Verwendung als solches ist nicht falsch, doch diese Definition als die Grundbedeutung des Wortes zu akzeptieren kommt der Verdrehung der Worte Gottes gleich.

Rein sprachlich ist es also klar: Gott spricht in der Lesung davon, dass die Frauen den Ausschnitt über den Brüsten bedecken sollen. Gott gehen die Worte nicht aus und Er ist sehr genau im Erklären (31:27). Gott ist sogar so präzise, dass Er zum Beispiel unterscheidet zwischen dem Fleisch und dem Fett (im Fleisch), das Juden zum Verzehr erlaubt ist oder nicht (6:146). Er würde also auch das Wort Kopf nicht vergessen, wenn damit wirklich Kopftuch gemeint wäre.

Natürlich müsste man hier das Wort „dschalābīb“ (جلبيب – Gewänder, was nur in 33:59 vorkommt) auch noch betrachten, doch die Argumentation ist dementsprechend analog. Hierbei geht es mir mehr darum aufzuzeigen, dass kulturell und zeitlich bedingte Wortverständnisse das wirkliche Begreifen der Lesung verhindern können, wenn man darauf nicht Rücksicht nimmt. Versuchen Sie einmal das Wort „Idiot“ auf die ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen, dann werden Sie so Gott will sehen, dass sich die Bedeutung der Wörter über die Zeit genauso ändert wie die Menschen!

Und sie sagen der Koran reicht aus! (4/4)

Gegenargumente der Sunnaanhänger

 

Im dritten Artikel sind wir der Frage nachgegangen ob Gott seine Befehlsgewalt teilt. Jetzt werden wir auf die Gegenargumente der Sunnaanhänger eingehen, die gerne aufgeführt werden, um die Sunna des Tirmidhi, des Bukhary, des Ibn Madscha, des al-Kulaini, des Abu Dawud etc. im Koran zu bestätigen:

 

33:21 Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild

 

Es wird gefragt, wie man diesem Beispiel folgen kann, ohne eine Quelle zu haben, in der beschrieben ist, wie sich der Gesandte verhielt. Dies wird im folgenden Artikel ausführlicher behandelt: Koranischer oder sunnitischer Mohammed.

Aber schauen wir uns mal den Vers genauer an und auch den gesamten Vers:

 

33:21 Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild, für einen jeden, der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes viel gedenkt.

 

Hier ist vom Gesandten die Rede, dessen einzige Pflicht die Verkündigung der Botschaft ist:

 

29:18 Und dem Gesandten obliegt nur die deutliche Übermittlung (der Botschaft).

16:35 Obliegt denn den Gesandten etwas anderes als die deutliche Übermittlung (der Botschaft)?

 

Dies kommt mehrfach im Koran vor und wird auch auf alle Gesandten ausgeweitet (16:35). Die Gesandten haben also nur die Botschaft zu übermitteln.

Eine der vorbildlichen Eigenschaften des Gesandten war es, dass er nur den Koran befolgte (7:203). Wenn wir seinem Vorbild folgen möchten, dann gilt für uns auch, dass wir nur die Botschaft (des Koran) ins eigene Leben übertragen und ebenso an unsere Mitmenschen übermitteln ohne eine Missionierung zu betreiben.

Wir müssen, wie schon früher erwähnt, uns auch daran erinnern, dass der Prophet nicht uneingeschränkt als positives Vorbild dient:

 

9:43 Gott verzeihe (es) dir! Warum hast du ihnen (denn gleich) Dispens gegeben, noch bevor du über diejenigen Klarheit bekommen hattest, die die Wahrheit sagten, und (bevor) du wusstest, wer die Lügner waren?

66:1 O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du da
trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen? Und Gott ist
Allvergebend und Barmherzig.

 

Im Koran wird der Charakter des Propheten an vielen Stellen umschrieben. Auch er war dem Glauben verpflichtet und hatte sich nur Gott zu unterwerfen. Der Prophet wird an mehreren Stellen ermahnt nicht seinen Neigungen nach zu handeln (2:120, 2:145, 4:135, usw.). Schließlich wäre eine menschliche Sunna, wie schon bereits erwähnt, nicht vollkommen wie Gottes Worte. Wir Menschen dürfen laut Koran keinen Unterschied unter den Gesandten machen (2:285), also können wir uns nicht auf einen einzigen beschränken und nur diesen als Vorbild nehmen. Wir haben laut Koran auch an Abraham ein schönes Vorbild (60:4), und offensichtlich wurde uns keine „Sunna Abrahams“ überliefert. Der Koran beschreibt die vorangegangenen Propheten in ihren Geschichten und genau da sind ihre Beispiele und Vorbildfunktionen zu finden:

 

12:3 Wir berichten dir die schönsten Geschichten dadurch, dass Wir dir diesen Koran (als Offenbarung) eingegeben haben, obgleich du zuvor wahrlich zu den Unachtsamen gehörtest.

12:111 Gewiss war in ihren Geschichten eine Lehre (ibret) für die Verständigen. …

 

Es gibt keinen Vers im Koran, wonach Aḥādīṯ Lehren beinhalten oder Geschichten, die man dort lesen soll. Des Weiteren führen traditionell eingestellte Muslime gerne folgenden Vers an:

 

59:7 … Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. …

 

Hier soll also die „Sunna“ gemeint sein, die über den Gesandten gesammelt sein soll. Doch wenn man den Kontext des Verses anschaut, wird schnell klar, dass hier was völlig anderes gemeint ist:

 

59:7 Was Gott Seinem Gesandten von den Bewohnern der Städte als kampflose Beute zugeteilt hat, das gehört Gott, Seinem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem Sohn des Weges. Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt. Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. Und seid Gottes achtsam. Gewiss, Gott ist hart im Bestrafen.

 


Hier geht es also um die Beuteaufteilung, die von Gott dem Gesandten zugeteilt wird. Es wird nicht pauschal mitgeteilt, dass wir das Verhalten des Propheten blindlings annehmen sollen. Das Prinzip der Nachahmung (at-taqlīd) in der traditionellen Betrachtungsweise hat hier keinen Bestand. Vielmehr ist es so, dass der Gesandte Gottes von Gott eben Anordnungen mittels Offenbarungen erhält, die er zu verkünden und zu übermitteln hat. Diesen Anordnungen müssen wir Folge leisten, und genau in dem Sinne ist dann der Ausdruck „Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch.“ zu verstehen. Genau so und nicht anders wird dann auch der Schlusssatz im Vers besonders bedeutsam, indem wieder auf Gott hingewiesen wird, dass wir Gottes achtsam sein sollen.

Einer der weiteren häufig angeführten Verse ist 16:44:

 

16:44 … Und Wir haben zu dir die Ermahnung hinab gesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen herabgesandt wurde, und auf dass sie nachdenken mögen.

 

Hiermit wird behauptet, dass der Ausdruck „damit du klar machst“ meine, der Gesandte brächte außerkoranische, zusätzliche eigene Erklärungen. Der Vers sei ein klarer Beweis dafür, dass wir das Verhalten und die Ansichten des Propheten zu befolgen hätten, um den Koran vollends zu verstehen. Wenn wir diesen Vers auf diese Weise auslegen, widerspricht dies den zuvor genannten Versen, die Gott die alleinige absolute Autorität zusprechen. Darüber hinaus lassen die Verse 75:19, 25:33 und 55:2 keinen anderen Schluss zu, als dass in erster Linie Gott den Koran erklärt. Er hat uns den Koran vollständig herabgesandt (6:114, 5:3). Sein Buch ist in Wahrheit und Weisheit vollkommen (6:115), und deshalb sollte der Prophet nur nach dem urteilen, was darin steht (5:44,48). Es herrscht Einigkeit, was diese Frage betrifft.

Schaut man 20 Verse weiter sehen wir in 16:64 folgendes stehen:

 

16:64 Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt, damit du ihnen das klar machst / erklärst, worüber sie uneinig gewesen sind, und als Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.

 

Dieser Vers macht eindeutig klar, dass die einzige Funktion des Propheten/Gesandten in Beziehung zum Koran nur die Übermittlung ist. Auch hier wird wie in 16:44 das Wort “Litubayyina” benutzt muss aber in der Bedeutung von “klar übermitten” verstanden werden, denn selbst wenn man mit “erklären” (im Sinne von ausführlich verständlich machen durch den Propheten) übersetzen will, ist dies nur mit dem Koran zu tun. 16:64 lässt nämlich nur eine Möglichkeit zu: “Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt…” und die einzige Bedingung ist dann die Erklärung oder die Klarmachung von dem “…worüber sie uneinig gewesen sind,..“ aber auch eben nur mit dem Koran, denn nur dazu wird er hinabgesandt. Würde man in diesem Vers mit “erklären” im Sinne von “zu verstehen machen” übersetzen, also dass der Prophet eigenmächtig den Koran auslegen muss damit der Koran verständlich wird, würde das dem Sinn des Verses widerprechen, den einzigen Grund warum der Koran hinabgesandt wurde. Folgender Vers unterstreicht diese These:

 

69:44-47 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte,  hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefaßt und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können.

 

Aus dem Koran wird ersichtlich, dass der Gesandte damals eine untergeordnete Rolle zu spielen hatte, sofern es die Auslegung und Interpretation der Schrift betraf. So steht in 10:15, dass er den Koran nicht aus eigenem Antrieb ändern dürfe. Wie oft wird der Prophet angehalten, nicht seinen Neigungen zu folgen und der Offenbarung allein zu folgen (2:120, 2:145, 5:48, 7:3, 10:15, 46:9, usw.) ? Des Weiteren wird aus 25:33 nochmals deutlich, dass er eine passive Rolle innehatte, da die besten Erläuterungen (aḥsan tafsīr) ihm als Offenbarungen weitergegeben wurden. Wir können also dem Propheten nacheifern, indem wir unsere religiösen Antworten nur in der Offenbarung suchen.

Das Verb „erklären“ oder auch „klarmachen“ ist sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch mehrdeutig. So wie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ keine ausführliche, in jeglicher Hinsicht ausformulierte Erklärung meint, sondern eine Erklärung im Sinne einer Verkündigung, verhält es sich ähnlich mit dem Aufruf an den Gesandten, den Koran zu „erklären“, ihn also nicht zu verbergen. Mit dieser „Erklärung“ wird die Grundidee einer zu vermittelnden Botschaft dargelegt, wie eben im Falle der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die selbst nochmals juristisch für jeden Staat neu ausgelegt werden. Wir belegen unsere Behauptung durch den Wortgebrauch im folgenden Vers:

 

3:187 Und als Gott die Verpflichtung derer entgegen nahm, die die Schrift erhielten: Ihr müsst sie den Leuten klarmachen (latubayyinunnahu) und dürft sie nicht (vor ihnen) verborgen halten (taktumūnahu)! …

 

Demnach ist es klar, dass dieser Vers zwei gegensätzliche Verben beinhaltet:

  • bayyana: proklamieren, sichtbar machen, zeigen, etc…
  • katama: verbergen, unsichtbar machen, verstecken, etc…

Wenn wir auf Arabisch „Dschā’anā albayān al-tāly“ (جاءنا البيان التالي) sagen, so bedeutet dies „Zu uns kam folgende Verkündigung.“ Hier wird al-bayān als „Verkündigung“ verstanden. Die Wurzel des Verbes bayyana besteht aus den drei Buchstaben bā-yā-nūn. In ihrem Kern sagt diese Wurzel aus, dass etwas „klar“ ist. Deshalb werden Wörter wie „Erklärung“ oder „Klarheit“ mit dieser Wurzel verbunden. Und der Koran selbst trägt den Beinamen „al-qur’ān al-mubīn“: der klare, offenkundige, nicht verborgene Koran. Die Wurzel wird auch für die Wiedergabe des Wortes „Beweis“ gebraucht, so z.B. in al-bayyinah. Weil die Angelegenheit so klar ist, wird diese Angelegenheit selbst als „Beweis“ angeführt. Dies alles zusammengefasst erklärt die Grundbedeutung der Wurzel, dass es sich um eine Klarheit handelt und nicht um eine Erläuterung (tafsīr). Dass Gott Seinen Koran „klar“ bezeichnet, wird auch insofern deutlich, wenn die Verse 54:17,22,32,40 berücksichtigt werden, die alle in ihrem Wortlaut dasselbe aussagen: der Koran wurde zum Nachdenken einfach gemacht, so gibt es jemanden, der dies bedenkt? (Siehe auch folgende Verse: 11:1, 12:111, 16:89, 41:3.)

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass der Koran kein verborgenes, unverständliches, irgendwelche Erklärungen benötigendes Buch ist, sondern im Gegenteil, das Buch Gottes wird als klar oder deutlich (mubīn), ausführlich detailliert (mufaṣṣal), leicht (yasīr) zu bedenken und vollständig (mutimm) bezeichnet. Fernab jeglicher Unvollkommenheit und Unklarheit, die durch den Gesandten weiter erklärt werden müsste! Ausführlichere Informationen hierzu finden Sie im Artikel: Widerlegung von weshalb ist es notwendig den Koran im historischen Kontext zu verstehen

Es sei nochmals betont, dass der Koran an unzähligen Stellen klar macht (es also mubīn wird), dass Gott allein die Entscheidung obliegt (42:10, 42:21).
Ein weiterer missdeuteter Vers ist 75:19, welcher gerne im unmittelbaren Kontext dahingehend interpretiert wird, dass hier nicht der Koran gemeint sei, sondern das Buch des Menschen, welches er am jüngsten Tag bekommt, in dem alle seine Taten verzeichnet sein werden. Folgender Vers widerlegt diese Ansicht:

 

17:14 Lies dein Buch! Du selbst genügst heute als Abrechner über dich.

 

Also bedarf es keiner Erklärung seitens Gottes, um „das Buch des Menschen“ am jüngsten Tag erklären zu müssen – er selbst genügt seiner selbst. Deshalb muss in 75:19 der Koran gemeint sein.
Es gibt noch einen Vers, mit welchem die Traditionalisten die Sunna sogar mit der Offenbarung gleichzusetzen:

 

53:1-3 Bei dem Stern, wenn er sinkt! Nicht in die Irre geht euer Gefährte, und auch nicht einem Irrtum ist er erlegen, und er redet nicht aus (eigener) Neigung.

 

Auf diese Wiedergabe dieses Verses und dem soeben erwähnten Argument, die Offenbarung und die Sunna seien auf gleicher Stufe, ist die Antwort einfach zu geben, indem lediglich der nächste Vers gelesen wird:

 

53:4 Es ist nur eine Offenbarung, die eingegeben wird.

 

Weitere Quellen neben Gottes Wort können nicht als Offenbarung gelten, weil dies mittelbar und unmittelbar durch Gott selbst klargemacht wird. Insofern kann auch die traditionell überlieferte Sitte, die dem Propheten untergejubelt wird, keine Offenbarung sein:

 

45:6 An welchen Hadith nach Gottes und Seinen Zeichen/Versen wollen sie denn glauben?

77:50, 7:185 An welchen Hadith nach diesem wollen sie denn glauben?

69:44-46 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte, hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefasst und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können.

 

In diesen Versen wie auch in anderen (z.B. 12:111) wird verdeutlicht, dass Gottes Hadith mit keinen anderen Ahadith gleichgestellt werden können, da letztere erfunden sind (iftira; 12:111). So sind außerkoranische Aussagen keine Offenbarungen und wie wir bereits an Beispielen gezeigt haben, war der Prophet nicht sündenfrei. Er beging mehrere Fehler. Eine Offenbarung hingegen ist fehlerfrei und makellos:

 

41:41-42: Diejenigen, die nicht an die Ermahnung glauben, wenn sie zu ihnen kommt (sind die Verlierenden). Und fürwahr, es ist ein ehrwürdiges Buch. Falschheit kann nicht daran herankommen, weder von vorn noch von hinten. Es ist eine Offenbarung von einem Allweisen, Preiswürdigen.

 

Dem Gesandten ist zu folgen und zu gehorchen, aber wie?

Nächster Punkt der Traditionalisten ist, dass man dem Gesandten folgen soll und dass durch die schriftliche Sunna, die erst 200 Jahre nach dem Ableben des Propheten verfasst wurde, die Möglichkeit hierfür gegeben sei. Fest steht: Wir müssen dem Gesandten folgen und ihm gehorchen, damit wir Gott gehorchen können (2:143, 3:20, 3:31, 24:54, 2:129, 3:164, 4:80 und 62:2). Nur wie folgen wir ihm? Das wird im Koran geklärt. Der Prophet folgte nämlich nur dem was ihm offenbart wurde (6:50, 6:106, 7:203, 10:15, 33:2, 46:9). Allgemein wird im Koran betont, dass das blinde Nachahmen der Vorväter, in unserem Falle unsere Vorväter wie Bukḫary oder Al-Shāfiʾī, uns eher davon abhalten wird, die Botschaft des Koran zu begreifen, um unsere Seelen durch ihn zu reformieren (2:170, 31:21, 6:155, 3:53). Doch der wichtigste Vers in dieser Angelegenheit ist der folgende, der sowohl an unseren Propheten als auch an uns gerichtet ist:

 

7:3 Folgt dem, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen (anderen) Schutzherren! Wie wenig ihr bedenkt!

 

Anzumerken ist hier noch weiter, dass nicht dem Gesandten die Rechtleitung obliegt, sondern Gott rechtleitet. Also selbst mit dem Wissen, wie sich der Prophet angeblich verhalten haben soll (die Quellen der Aḥādīṯ sind nicht zweifelsfrei), können wir nicht sicher sein, dass wir dadurch die Rechtleitung erhalten (2:272, 28:56). Hieraus wird klar, dass Gott im Gesandten seinen Vertreter sieht und das nur so die eben angeführten Verse einen logischen Sinn ergeben können. Weitere Antworten zu dieser Frage lassen sich unter  Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten und unter Ist Vielfalt die Antwort? finden.

 

Schlussbemerkung

Wir konnten anhand eindeutiger Verse belegen, dass der Koran vollständig ist und diese Verse wiederum mit anderen Versen in Übereinstimmung stehen, in denen zum Beispiel dem Propheten aufgetragen wird, nur nach dem Koran zu urteilen. Wir haben auch belegt, dass Gott seine Befehlsgewalt mit niemandem teilt und dass das Urteil (bei religiösen Angelegenheiten) Gott allein gebührt. Manche andere Verse, die angeblich eine Sunna legitimieren sollen, wurden durch den Kontext innerhalb des Korans widerlegt.
Gerne wird von traditionell orientierten Muslimen widersprochen, dass die Gelehrten hier oder dort einen Konsens hätten. Erstens ist hier anzumerken, dass es diesen „Konsens“ nicht gibt. Zweitens wird im Koran die Tradition mehrfach kritisiert und es wird dazu ermahnt, sich auf die Wahrheit immer wieder neu einzustellen:

 

3:81 Und als Gott mit den Propheten ein Abkommen traf: Was immer Ich euch an Büchern und Weisheit gebracht habe -, und danach ist zu euch ein Gesandter gekommen, das bestätigend, was euch (bereits) vorliegt, an den müsst ihr ganz gewiss glauben und dem müsst ihr ganz gewiss helfen. Er sagte: „Erklärt ihr euch einverstanden und nehmt ihr unter dieser (Bedingung) Meine Bürde an?“ Sie sagten: „Wir erklären uns einverstanden.“ Er sagte: „So bezeugt es, und Ich gehöre mit euch zu den Zeugnis Ablegenden.“

 

Dazu siehe auch:

 

33:7 Und (gedenke,) als Wir von den Propheten ihr Versprechen abnahmen, und auch von dir und von Nuh, Ibrahim, Musa und ‚Isa, dem Sohn Maryams; Wir nahmen ihnen ein festes Versprechen ab,

2:170 Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Väter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? (Siehe auch: 5:104, 6:148, 7:70-71)

 

All dies war nur theologische Theorie, aber wie wirkt es sich auf Menschen aus, die schon immer mit der Sunna gelebt haben? Von ihnen wird hier sehr viel abverlangt. Nur zu gut verstehe ich eine Abwehrreaktion, um zu versuchen, eine Sunna zu legitimieren. Nicht wenige werden diesen Artikel eher aus persönlichen als aus inhaltlichen Gründen ablehnen. Man wird Ahadith heranziehen, um zu versuchen die genannten Verse zu entkräften. Nur dort setzt ja meine Argumentation an – darf man andere Quellen einsetzen oder nicht? Darauf wird dann oft mit Ahadith geantwortet um diese zu belegen – also ein klassischer Zirkelschluss. Wobei auch gerne verschwiegen wird, dass es auch Ahadith gibt, die ihre eigene Autorität rigoros verwerfen – also Ahadith als Quelle ausschließen – verbieten. Meine Frage, auf die ich in diesem Artikel eine Antwort zu finden versucht habe ist: Erlaubt letztendlich der Koran selbst andere Quellen überhaupt? Die Antwort darauf bleibt primär eine Einstellungssache bei den meisten Gläubigen. Doch bin ich fest davon überzeugt, dass wenn wir Muslime uns an den Koran alleine gehalten hätten, ihm seine Lebendigkeit gelassen hätten, uns viele Probleme und Sorgen erspart geblieben wären. Es bleibt die Frage für Sunnaanhänger ob Gottes Wort allein ausreicht oder ob man dem Propheten Autorität gibt außerhalb seiner Gesandtschaft, Gottes Befehlsgewalt also teilt.

 

17:111 Und sag: (Alles) Lob gehört Gott, Der Sich keine Kinder genommen hat, und es gibt weder einen Teilhaber an Seiner Herrschaft, noch benötigt Er einen Beschützer vor Demütigung. Und verherrliche Ihn doch als den Größten!

 

Ich möchte den Artikel mit folgendem Vers abschließen:

 

3:79 Es darf nicht sein, dass Gott einem Menschen die Schrift, Urteilsfähigkeit und Prophetie gibt und dieser daraufhin zu den (anderen) Menschen sagt: Wendet eure Verehrung mir zu, statt Gott! Seid vielmehr (damit zufrieden) Rabbiner (zu sein) indem ihr (eure Glaubensgenossen) die Schrift lehrt und (selber darin) forscht!

 

Es wurden schon viele Artikel zu diesem Themenkomplex auf dieser Seite geschrieben. Aus einigen davon wurde auch hier zitiert. Hier nochmals eine Liste zur vertieften Lektüre:

 

Koranischer oder sunnitischer Mohammed

Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten“?

Allein Gott lehrt und erklärt den Koran

Hadith – die Frage der Authentizität

Hadith – der Feind im Inneren

Traditionelle Islamologie

Vogel, dieser Vogel

Al-Shafiʾīs Koranexegese

Zuverlässigkeit der Ahadith

– Auszüge aus der Hadith-Literatur

– Das Buch: Koran, Hadith und Islam

– Das Buch: Die erfundene Religion und die Koranische Religion

– Der geschichtlich verfälschte historische Kontext des Koran

– 40 einfache Fragen für Sunniten

Zu Sura 33, Vers 33: Frauen zuhause einsperren?

Frieden sei mit Ihnen, liebe LeserInnen,

eine Schwester fragte nach Vers 33:33 nach, ob man daraus tatsächlich ableiten könne, dass gottergebene Frauen zuhause bleiben müssen – oder anders formuliert: dürfen Männer ihre Frauen zuhause einsperren, weil sie laut Koran zuhause bleiben müssen? Eine gängige Übersetzung dieses Verses lautet wie folgt:

 

33:33 Und bleibt in euren Häusern und prunkt nicht wie in den Zeiten der Unwissenheit und verrichtet das Gebet und entrichtet die Zakah und gehorcht Gott und Seinem Gesandten. Gott will nur jegliches Übel von euch verschwinden lassen, ihr Leute des Hauses, und euch stets in vollkommener Weise rein halten.

 

Zu diesem Vers gibt es zwei wichtige Umstände anzumerken. Erstens, dass hier lediglich die Frauen des Propheten gemeint sind (siehe Vers 33:32). Die Aussagen können deswegen nicht verallgemeinert werden. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Frauen, von denen die Rede ist, als Vorbilder für eine Gottergebene (arabisch: muslīma) gelten und diese Verse deshalb je nach Absicht und kulturell-traditioneller Prägung zu bestimmten Zwecken missbraucht werden.

Zweitens, und dies ist der wichtige Punkt, kann das erste Verb im Vers auf zwei Arten gelesen werden (an den arabischen Buchstaben wird hierbei nichts geändert), abhängig davon, ob man den Buchstaben „waw“ als Teil des Verbes sieht (Wurzel waw-qaf-ra) oder nicht (Wurzel qaf-ra-ra). Die arabische Sprache ist im Wesentlichen eine sogenannte Konsonantensprache, welche auf Wurzeln aufgebaut ist. Diese Wurzeln stützen sich in den meisten der Fälle auf drei, in wenigen Fällen auf vier Konsonantenbuchstaben, aus denen die Verben, die Nomen und Adjektive abgeleitet werden.

Die traditionelle Lesung „wa qarna“ (und bleibt ihr; Imperativ des femininen Plurals), die aus diesem Wort die Wurzel q-r-r herausliest und was ansiedeln, auf dem Boden sitzen, absitzen bedeuten kann, ist in den gängigen Übersetzungen zu finden (wie eingangs zitiert). Wir wissen bereits aus der Übersetzung des Verses 34 aus Sura 4, dass die Übersetzer nicht sehr vorsichtig sind in ihren Übersetzungen und noch mit patriarchalischen Denkmustern an den Koran herangehen, also mit ideologischen Vorurteilen.

Die gängige Übersetzung des zu Beginn zitierten Verses wird dahingehend missbraucht, um die Frauen zuhause einzusperren oder um zumindest eine patriarchalische, nicht islamische Sichtweise in der eigenen Kultur zu rechtfertigen. Andere missbrauchte Verse wie 4:34 tragen dazu bei. Etliche unsinnige Gesetze aus den Aḥādīṯ (sekundäre, im Koran nicht vorkommende Literatur; fälschlicherweise dem Propheten Mohammed zugeschrieben und untergejubelt) stärken diese Sicht, beispielsweise indem eine Frau alleine nicht mehr als 80 Kilometer reisen dürfe ohne einen „zulässigen männlichen Begleiter“, sei es auch nur der fünfjährige kleine Cousin. Auch hierzu gibt es dann noch etliche Variationen.

Nun was ist denn die zweite Lesart?

Meine bevorzugte Lesevariante wäre, weil sie dem Missbrauch keinerlei Raum bietet: wa qirna, abgeleitet von (waqara-yaqiru; وَقَرَ-يَقِرُ), was von der Wurzel Waw-Qaf-Ra abstammt und in etwa soviel bedeutet wie: handelt/seid ehrwürdig, respektabel, ernst, achtsam. Siehe auch hier für den Gebrauch im heutigen Arabisch. Diese Lesung wäre erst dann nicht korrekt, stünde „qararna“ (Wurzel Qaf-Ra-Ra) im Vers statt „qarna“. Die Verse dieser Wurzel q-r-r:

2:36 2:84 3:81 3:81 6:67 6:98 7:24 7:143 11:6 14:26 14:29 19:26 20:40 22:5 23:13 23:50 25:24 25:66 25:74 25:76 27:40 27:44 27:61 28:9 28:13 32:17 33:51 36:38 38:60 40:39 40:64 54:3 54:38 75:12 76:15 76:16 77:21

Diese Wurzel wird im Allgemeinen dazu gebraucht, um etwas oder jemandem „Gewicht zu verleihen“. Einige Araber oder Personen, die der arabischen Sprache mächtig sind, mögen hier einwenden, dass diese Wurzel auch im Sinne von „bleiben“ gebraucht werden kann und wird. Und tatsächlich, im symbolischen Sinne „dem Ort Schwere zu verleihen“ bedeutet nichts anderes als „sitzen, bleiben“. Für die Bedeutung des „bleiben“ werden im Koran aber bereits andere Wurzeln verwendet, weshalb diese Wurzel primär nicht als „bleiben“ verstanden werden sollte. Hier die entsprechenden Wurzeln:

– Wurzel qaf-ra-ra (قرر), auch im Sinne von „entscheiden“, Beispielvers:

40:39 O mein Volk, dieses irdische Leben ist nur Nutznießung. Das Jenseits aber ist die Wohnstätte zum Bleiben. (دَارُ ٱلْقَرَارِ – dāru-l-qarār)

 

– Wurzel qaf-ʾAyn-dal (قعد), Beispielvers:

9:46 Wenn sie hätten hinausziehen wollen, hätten sie fürwahr Vorbereitungen dazu getroffen. Aber Allah war ihr Ausziehen zuwider, und so hielt Er sie zurück. Und es wurde gesagt: „So bleibt (daheim) mit denjenigen, die (daheim) sitzen bleiben!“ (اقْعُدُوا مَعَ الْقَاعِدِينَ – aqʾudū maʾa al-qāʾidīn)

 

– Wurzel ba-qaf-ya (بقى), auch im Sinne von „übrig bleiben“, Beispielvers:

43:28 Und er machte es zu einem bleibenden (bâqiyyatan – بَاقِيَةًۭ) Wort unter seinen Nachkommen, damit sie umkehren.

 

Aus diesem Grund ist die Wurzel w-q-r in einem anderen Sinne zu verstehen. Etwas Gewicht zu verleihen bedeutet auch eine Wichtigkeit beizumessen, jemandem Ehre erweisen oder eine Angelegenheit nicht einfach verfliegen zu lassen. Gewicht zu verleihen bedeutet auch Ruhe und Gelassenheit. Und genau in diesem Sinne wird diese Wurzel in den berühmtesten Wörterbüchern der arabischen Sprache beschrieben. Für jene unter den Leserinnen und Lesern, die kein Arabisch, aber dafür Englisch beherrschen, sei das Lexikon von E.W. Lane empfohlen, Seiten 2960-2961. Beispielverse, in denen diese Wurzel w-q-r vorkommt:

 

48:9 Damit ihr an Gott und seinen Gesandten glaubt, ihm beisteht und ihn ehrt (تُوَقِّرُوهُ – tuwaqqirūhu), und (damit ihr) Ihn preist morgens und abends.

71:13 Was ist mit euch, dass ihr Gott kein Gewicht beimesst? (وَقَارًا – waqāran)

 

Der Vollständigkeit halber liste ich hier noch die komplette Liste an Versreferenzen zu dieser Wurzel auf: 6:25 17:46 18:57 31:7 41:5 41:44 48:9 51:2 71:13. Also würde die korrekte, sinngemäße Übersetzung dann lauten:

33:33 Und seid ehrwürdig in euren Häusern und prunkt nicht wie in den Zeiten der Unwissenheit und verrichtet den Kontakt und steuert zur Verbesserung bei und gehorcht Gott und Seinem Gesandten. Gott will nur jegliches Übel von euch entfernen, ihr Leute des Hauses, und euch in Reinheit reinigen.

 

Mittels dieser Übersetzung wird der Kontext auch um einiges klarer und die Aufforderung ergibt mehr Sinn, da es sich hierbei um Haltungen und Lebensweisen handelt.

Leqaa Hussein, Teacher, Jordan - World Bank Photo Collection

Was ist gleich? Foto: Dana Smillie, CC BY-NC-ND 2.0

Es ist auch bekannt, dass die Frauen des Propheten ein eigenes Einkommen und Vermögen hatten (man denke dabei zum Beispiel an Khadija). Es ist offensichtlich, dass diese Lesevariante eher dem Wesen der Gottergebenheit (arabisch: Islām) entspricht, wonach Frauen allgemein positiv bewertet und ihnen Rechte und Verantwortungen gleich wie dem Manne erteilt werden, dass ihnen gar Königspositionen (Königin von Saba; siehe 27:23,44) zugesprochen werden können und die Königin von Saba gerecht, mächtig und am Ende rechtgeleitet war. Und dies, obwohl der Koran das Königstum als etwas grundsätzlich Negatives (18:79, 27:34) beschreibt. Wie würde Gott also wollen können, dass Frauen zuhause eingesperrt bleiben und demzufolge keine gesellschaftlichen Aufgaben (z.B. in der Politik) übernehmen können sollen, wenn Er als der Allwissende gerade eine Frau als positives Beispiel anführt, wo die Männer dafür gesorgt haben, das Bild des Königs zu vermasseln?

Im Gegensatz dazu haben wir die Ahadith, welche meinen, dass keine Nation Erfolg hätte, wäre ihr Anführer eine Frau. (Sahih Bukhary Band 9, Buch 88, Nr. 219)

Noch einmal wird ersichtlich, welch erhebliche Kluft zwischen den Ahadith, die leider fälschlicherweise als Teil der Gottergebenheit (Islam) wahrgenommen werden, und dem Koran besteht, der eine ethische Hochreligion beschreibt, die friedensstiftend zwischen den Völkern wirkt bei angemessener Ausübung und Auslebung der im Koran vollständig erhaltenen und beschriebenen Religion.

 

49:13 Oh ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander kennenlernen möget. Wahrlich, vor Gott ist von euch der Angesehenste, welcher der Rechtschaffenste ist. Wahrlich, Gott ist allwissend, allkundig.

Wieso wird Maria im Koran, die Mutter von Jesus, Schwester Aarons genannt?

Wir suchen Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Teufel,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

19:27-28 Sie brachte ihn dann zu ihrem Volk. Sie sagten: „Maria! Du bist mit etwas Schmachvollem gekommen! Oh Schwester Aarons! Dein Vater war kein schlechter Kerl und deine Mutter war keine Unkeusche.“


Dieser Vers 19:28 erscheint für viele als ein Zeugnis einer Verwechslung, eines Widerspruches mit scheinbaren historischen Tatsachen, nämlich dass der Autor Jesus Mutter Maria im Koran, Tochter von Amran, mit ihrer Namensvetterin der Schwester von den Propheten Moses und Aaron, Miriam, verwechselt.

Doch was verbirgt sich genauer hinter dieser Äußerung? Und wieso sind einige Menschen so erpicht darauf, diesen Vers den Gottergebenen vor die Nase zu werfen in selbstgefälliger Manier? Indem sie sich auf eine einzelne von mehreren verschiedenen Möglichkeiten einschränken, glauben sie die Gottergebenen (Muslime) verunsichern zu können und aufzuzeigen, wie falsch es doch sei, diesem Weg des Koran zu folgen. Gott warnte uns bereits an anderer Stelle, dass es Leute geben wird, die Unfrieden stiften und spalten wollen durch mehrdeutige Verse:

3:7 Er ist es, Der das Buch zu dir herab gesandt hat. Darin sind Verse von festgelegter Bedeutung, welche die Grundlage des Buches sind, und andere, die mehrdeutig sind. Die aber, in deren Herzen Verderbnis ist, folgen den mehrdeutigen, im Trachten nach Zwiespalt und im Trachten nach Deutelei. Doch keiner kennt ihre Deutung als Gott und diejenigen, die fest gegründet im Wissen sind. Sie sprechen: „Wir glauben daran, dass alles von unserem Herrn ist.“ Und niemand bedenkt es, außer denen, welche Verständnis besitzen.


Diejenigen, die im Wissen fest gegründet sind, wissen, dass es nirgends einen Widerspruch gibt (4:82). Dies bedeutet aber wiederum, dass wir sehr wohl mit der Situation konfrontiert werden, scheinbaren Widersprüchen gegenüber zu stehen, bis unser Wissen gemehrt wurde (20:114, 39:18, 17:36, 10:38-39).

Nun, welche Bedeutungen ergeben sich denn aus dem Vers 19:28? Eine mögliche Auflistung könnte wie folgt ausschauen:

  1. Wörtliche Bedeutung, sie ist die Schwester irgendeines Aarons.
  2. Wörtliche Bedeutung, sie ist die Schwester des Propheten Aarons.
  3. Halb-wörtliche Bedeutung, es besteht eine Verwandtschaft in geistiger und / oder blutsmäßiger Beziehung, dass sie denselben spirituellen Pfad wie der Prophet Aaron beschreitet, so wie Muslime auch Brüder von Mohammed sind und sein können.
  4. Der Gebrauch des Ausdrucks ist typologisch zu verstehen.
  5. Der Koran beinhaltet einen Fehler durch äußere Einflüsse, wie etwa Abschreibefehler oder falsches Wissen über die Bibel. Oder auch umgekehrt: die Bibel beinhaltet Fehler und wird durch den Koran korrigiert.
  6. Da in diesem Vers Menschen über Maria reden und sie zitiert wurden („sie sagten“), ein Zitat vollständig erfolgen sollte mit allen möglichen Fehlern und Wahrheiten, und die Aussage in ihrem Inhalt weder berichtigt noch bestätigt wird, ist das Ergebnis offen.

Rein objektiv gesehen sind all diese Möglichkeiten gleichwertig vom jetzigen Standpunkt aus, wobei eine oder mehrere dem gottergebenen, subjektiven Empfinden zuwider sein werden (wie etwa historisch betrachtet der zweite oder auch der fünfte Punkt, wobei wir den fünften hier nicht weiterverfolgen wollen). Betrachten wir also die ersten drei Punkte, die für uns am relevantesten erscheinen.

Punkt 1:

Zum ersten Punkt lässt sich sagen, dass „irgendeines Aarons“ geschrieben wurde, nicht „des Aarons“, den wir für den Propheten halten. Der könnte der Prophet sein, muss es aber nicht zwingend. Auch hier kann man von einer Verwechslung nicht reden, nur dass sie in unseren Köpfen geschieht. Oder gibt und gab es nur eine einzige Person mit dem Namen Aaron? Gibt und gab es nur einen Johannes auf der Welt? Oder Matthias, Lukas, Markus?

Das Buch Josua aus der Bibel ist benannt nach dem Ephraimiter Josua, der als Diener Moses dargestellt wird. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, wird der Name auch als Jesus transliteriert. Hier sehen wir also, dass Jesus nicht gleich Jesus sein muss. Wobei hier natürlich die Verwechslungsgefahr innerhalb der Bibel nicht besteht. Unter anderem deshalb ist im Koran die Rede vom „Jesus, dem Sohne Marias“, um ihn eindeutig zu benennen.

Diese Betrachtung schließt bereits für sich aus, dass eine Verwechslung oder ein Widerspruch vorliege, da die Verwechslung nicht im Koran, sondern in unseren Köpfen stattfand. Doch sie eröffnet weitere Fragen, nämlich: wieso sollte der Koran dieselben Namen für unterschiedliche Personen verwenden? Wenn dem so ist, wie steht es dann mit den anderen Namen von Propheten? Und wenn dem so ist, wer ist dieser „andere Aaron“ dann?

Punkt 2:

Diese Betrachtung hat zur Folge, dass die Bibel als historisch falsch datiert betrachtet werden muss oder falsche Daten zur Historie beinhaltet. Offensichtlich ist dieser Weg auch einer derer, die Zwiespalt und Zerwürfnis unter den Gläubigen hervorrufen kann.

Eine historisch-kritische Analyse des Pentateuch (die fünf Bücher Mose) ergibt beispielsweise, dass die Endgestaltung erst ca. 440 v. Chr. beendet sei, womit also die Geschichtsschreibung auch nicht einwandfrei von der jüdischen oder christlichen Tradition übernommen wurde. Im 16. Jahrhundert dachten Reformatoren wie Andreas Karlstadt, dass nicht Moses der Autor war, sondern Esra, der die fünf Bücher aus älteren Teilen der Thora redaktionell zusammengestellt habe. So ließe sich die Frage stellen, wurde die Bibel etwa entstellt und Maria ist doch die Schwester Aarons und Jesus ein naher Verwandter ihrer? Auch die Historie ist den neueren Entdeckungen untergeordnet und nicht alles muss so sein, wie es auf den ersten Blick scheint. Nur weil die Bibel älter ist, beinhaltet sie nicht automatisch mehr Wahrheiten, sie wurde ja auch redaktionell geändert, Menschenwort wurde mit Gotteswort vermischt. Aber all das endet in Spekulation über Geschichte und wir können heute nicht mehr objektiv unterscheiden. Wir laufen hierbei Gefahr, das Wort Gottes als Menschenwort zu kennzeichnen oder auch umgekehrt Menschenwort als Gotteswort anzusehen. Denn laut Koran ist in der Bibel definitiv das Wort Gottes. Dieser Weg führt momentan also ins Niemandsland und ist darüber hinaus ein den koranischen Prinzipien zuwiderlaufender Weg, weil er Zwiespalt stiften kann. Der Islam wahrt den Frieden, wo es nur geht, ohne die Wahrheit zu ignorieren.

Punkt 3:

Der dritte Punkt wird sprachlich dadurch begründet, dass in 19:28 das Wort „Ukht“ vorkommt (أخت, Pl. أخوات Akhawaat), dessen Wurzel aus den Buchstaben Alif-Kha-Waw (أخو) besteht. Diese Wurzel wird auch dafür verwendet, um die Bedeutung „Nachfahre“ oder „Verwandter“ zu vermitteln, was in den einschlägigen Wörterbüchern zu sehen ist. Auch andere Bedeutungsebenen werden mit dieser Wurzel übertragen. So wird beispielsweise أخوّة – إخوان (okhuwwah – ikhwaan) im Sinne einer Bruderschaft verwendet, auch um nah stehende Personen zu bezeichnen, wie etwa in einer Gemeinde oder durch Volkszugehörigkeit, ohne dass eine direkte Verwandtschaft angenommen wird. Das prominenteste Beispiel wären die politischen „Muslimbrüder“: ikhwaan-u-l-muslimeen. Auch bedeutet in der deutschen Sprache „sich verbrüdern“ (تأخى – ta’akhkha) oder „mit jemandem eine Bruderschaft schließen“ ja nicht, dass man nun ungleich wie vorher auf mirakulöse Weise plötzlich denselben Vater hätte. Sprache ist, was die Menschen daraus machen und insbesondere verhält sich Klassischarabisch als sehr bildhafte Sprache genauso. In der Zusammenfassung zur Wurzel Alif-Kha-Waw aus dem berühmten Lexikon von E.W. Lane lesen wir:

Alif-Kha-Waw = Male person having the same parents as another or a male only having one parent in common; person of the same descent /land/creed/faith with others; brother; friend; companion; match; fellow of a pair; kinsman; intimately acquainted.


Es ist theoretisch also möglich, dass es sich hierbei nebst der geistigen auch um eine blutsmäßige Verwandtschaft handelt, doch welche Gemeinsamkeit soll Maria im Koran mit Aaron haben? Sie ist selbst weder eine Prophetin, noch direkter Begleiter eines Propheten, noch Ähnliches. Dies ist leicht beantwortet: Sie war immerhin die Mutter eines der berühmtesten Propheten. Somit steht sie in der Linie der Propheten, familiär nah zu spirituell wichtigen Persönlichkeiten und selbst ein Vorbild für die Gläubigen als Auserwählte Gottes (3:42-43, 66:12). In 3:33-34 ist zu sehen, dass die verschiedenen Völker zwischen Adam, Noah, Abraham und der Familie Marias als Nachkommenschaften in Bezug zueinander gelten:

3:33-34 Gott erwählte Adam, Noah, die Sippe Abrahams und die Sippe Amrans vor den Weltenbewohnern, eine Nachkommenschaft, von der die einen von den anderen stammen. Und Gott hört und weiß alles.


Selbst hier kann es für einige immer noch danach aussehen, als wenn „der Autor des Koran“ ab und an die biblischen Personen, über die er gehört hat, verwechselt. Imran und Zacharias (66:12, 3:36-37) tauchen eigentlich in der Bibel nicht in Verbindung mit Jesus Mutter auf? Oder ist dem nicht so?

Die Antwort zu Zacharias ist: Er ist verheiratet mit Elisabeth, die aus der Linie des Aaron abstammt.

Lukas 1:5 Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija, mit Namen Zacharias, und seine Frau war aus dem Geschlecht Aaron und hieß Elisabeth.


Maria ist laut Lukasevangelium eine Verwandte Elisabeths. Maria wird ca. sechs Monate nach Elisabeth schwanger:

Lukas 1:26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.

Lukas 1:36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.


Wenn Elisabeth, die aus dem Geschlecht Aarons abstammt, und Maria Verwandte sind, ist Maria dann auch mit Aaron verwandt. Und so hätten wir eine Übereinstimmung der logisch und sprachlich beobachtbaren Zusammenhänge aus dem Koran mit den Inhalten der Bibel.

Zu Amram (‚Imran): Die Namen der Eltern von Maria (Mutter Jesu) werden in der Bibel nicht erwähnt bzw. nennen die kanonischen Evangelien im Neuen Testament nicht ausdrücklich die Namen Marias Eltern. Dem Argument, der Koran würde Maria (Mutter Jesu) mit der Schwester Aarons „verwechseln“, kann daher nicht gefolgt werden, da sehr wohl die Möglichkeit besteht, dass der Vater Marias (Mutter Jesu) in Wahrheit „Imran/Amram“ hieß – eben weil dieser nicht in den kanonischen Evangelien genannt wird, dafür aber im Koran. Es gibt nur eine apokryphe Schrift als Ursprungsquelle, das „Protevangelium des Jakobus„, in dem der angebliche Name des Vaters von Maria zum ersten Mal erwähnt wird. Man meint, weil in diesem besagten pseudepigraphischem Werk steht, dass der Vater (der Mutter Jesu) „Joachim“ hieß, müsse es sich beim im Koran erwähnten Namen des Vaters „Imran“ um eine „Verwechslung“ handeln.

Schaut man sich aber nun das „Protevangelium des Jakobus“ genauer an, so wird man schnell feststellen, dass es sich hierbei höchstwahrscheinlich um eine Fälschung handelt. Diese Schrift entstand erst im 2. Jh. n. Chr. und ist unter Christen selbst umstritten und kann aus mehreren stichhaltigen Gründen nicht als eine authentische Quelle in Betracht gezogen werden. Auch laut Gelehrten handelt es sich beim „Protevangelium des Jakobus“ definitiv um ein pseudepigraphisches Werk.

Als Pseudepigraphie (griechisch ψευδεπιγραφία – wörtlich etwa „die Falschzuschreibung“) bezeichnet man das Phänomen, dass ein Text bewusst im Namen einer bekannten Persönlichkeit abgefasst oder fälschlicherweise einer solchen zugeschrieben wird. Eine Schrift mit falscher Verfasserangabe nennt man dementsprechend das Pseudepigraph.

http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudepigraphie


Eine Verbindung zwischen Aaron, Mose und der Maria (Mutter Jesu), so wie sie auch aus dem Koran heraus ersichtlich wird, wird hingegen auch von Bibelwissenschaftlern bestätigt:

Überraschenderweise bezeichnet der Koran Miriam / Maria, die Mutter Jesu, als Tochter von Imran / Amram (3,33-37; 62,12; Text Koran) und als Schwester Aarons (19,28). Was wie eine grobe Verwechslung zwischen der alttestamentlichen Mirjam und ihrer neutestamentlichen Namensvetterin aussieht, könnte jedoch auf eine tiefgründige Verbindung hindeuten: Auch in Mt 2 wird Jesus in Beziehung zur Mose-Geschichte gesehen (Kindermord in Ägypten und Bethlehem; Ägypten-Aufenthalt von Israel und Jesus).

http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/amram-und-jochebed-3/ch/38ea8630204622c6aaf45b8dbfae17fe/#h4


Dieser dritte Punkt zeigt uns auch, dass wir tatsächlich im Wissen fest gegründet sein müssen, um die Deutung eines einzelnen Wortes verstehen zu können im Kontext von Koran, Sprache und Bibel, und um erneut bestätigen zu können: wir glauben, dass jeder einzelne Vers wahrhaftig von unserem Herrn ist. Dieser Weg ist auch der Weg, der kein Herumdeuteln im Trachten nach Zwiespalt und Zerwürfnis beabsichtigt.

So möge uns unser Herr die Geduld geben und unser Wissen mehren und unser Licht vervollkommnen!

Takiya / Taqiyya – Der Mythos des Lügens

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verfluchten Teufel,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

Einer der größten Mythen, die über den Islam im Internet kursieren und vor allem von islamophoben Menschen und aktiven Islamgegnern, die kein seriöses Wissen besitzen, verbreitet werden, ist der Mythos, dass Takiya (oder je nach Transliteration Taqiyah, Taqija, Taqiyyah oder Taqiyya – تقية) dem Muslim erlaube böswillig zu lügen, um Absichten zu vertuschen – insbesondere dann, wenn es „dem Islam dienlich“ sei. In hetzerischen Veröffentlichungen über den Islam wird ihnen immer wieder vorgeworfen, dass sie ihre „wahren Absichten“ verschleierten, im Konkreten die „Machtübernahme“ hierzulande und in Europa, und nach Außen ein anderes, „harmloseres“ Gesicht zeigten, als sie es eigentlich hätten. Das Interessante hierbei ist, dass der überwiegende Großteil der heute lebenden Muslime das Wort Takiya und die entsprechenden Verse nicht einmal kennt! Wie sollen diese also wissen, dass es ihnen angeblich erlaubt sei, zu lügen?

Dieses Scheinargument wird dazu verwendet, um dem Ansehen und dem Bild des Islam und dem Ansehen der Muslime zu schaden. So werden beispielsweise muslimische Prediger, die sich gegen die Zwangsheirat, Ehrenmord, Terrorismus oder Frauenunterdrückung und für die Demokratie, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Gleichstellung der Geschlechter, Wissenschaft und Gerechtigkeit aussprechen, schlicht als Lügner bezeichnet. Ihr Lieblingsargument: dieser Prediger würde sich doch lediglich auf Takiya berufen!

„Es gibt ja die Taquyya, die im Islam erlaubte Verstellung und Täuschung bei der Auseinandersetzung mit Ungläubigen. Die Ditib ist für mich die Materialisierung der Taquyya. Egal, wie die Antwort ausfällt: Ehrlich wird sie nicht sein. Das ist Taquyya. Die Erlaubnis für Muslime, Ungläubige zu belügen.“
– Ralph Giordano, Schriftsteller


Erstens ist zu dieser Aussage zu sagen, dass im Islam nicht von „Ungläubigen“, sondern von Ableugnern (kuffar oder kâfirun, der Plural von Kafir) die Rede ist. Ableugner sind Menschen, welche die Wahrheit bedecken, vertuschen, verheimlichen oder verhindern, dass sie ans Licht gelangt. Rein theologisch wirft Herr Giordano den Muslimen also vor, dass sie gerade zu der Kategorie von Mensch gehören, der sie laut Koran auf keinen Fall angehören dürfen.

Takiya ist das Konzept des Überlebens in lebensgefährlichen Situationen. Zurück zu Takiya. Wir stehen vor einem logischen Paradoxon, wenn von nichtmuslimischer Seite her betrachtet wird. Wenn das Lügen aus welchen Gründen auch immer erlaubt wäre, wieso sollten man zugeben, dass man lügen darf? Wenn man lügen dürfte, dann würde man doch sicher auch lügen, wenn es darum geht, dass man nicht lügen dürfe. Wenn Muslime nicht lügen dürfen, dann müssen die Muslime sich daran halten und ebenfalls behaupten, dass man es nicht darf. Es kann nicht behauptet werden, dass man lügen dürfe, wenn die Muslime nicht lügen dürfen!

Aus diesem Grund werden die Islamgegner, welche einer blinden, religiösen Wut nachjagen und den konstruktiven Dialog in der Gesellschaft zu verhindern versuchen, egal was hier folgt dennoch dran glauben, dass Muslime lügen würden. Mit dem Ergebnis, dass die Muslime egal was sie tun dem negativen Bild nicht entgehen können. Sie sind bereits vorverurteilt – die Anklage wird bereits zur Verurteilung!

Der Begriff der Takiya ist somit ein Beispiel für islamisch nicht korrekt verwendete Begriffe, um religiöse Hetzerei zu treiben. Dieser Vorwurf hat im Islam keinerlei Grundlage. Der Fachbegriff Takiya wird in der einschlägigen Standardliteratur, welche für die Muslime gedacht ist, damit diese ihre Religion auch rechtens lernen, nie in diesem von den Islamophoben behaupteten Kontext verwendet.

Dieses fadenscheinige Argument dient Islamgegnern als Hauptargument gegen den Islam, sodass jeder positive Beitrag und jede positive Tat eines Muslims in Frage gestellt werden kann. Das Ziel dieser Menschen ist es, ein Bild vom Islam zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, welches undurchsichtig, unmoralisch und gefährlich erscheint.

Was sagt der Koran zu Takiya?

In Wirklichkeit ist es islamisch gesehen verboten, zu lügen und zu manipulieren. Es ist dem Muslim keineswegs erlaubt, Unwahrheiten über den Islam zu verbreiten. Insbesondere wenn es darum geht, Dinge zu verheimlichen, damit im Gespräch diese Religion einem Nichtmuslim gefalle. Der Koran sagt jedoch unmissverständlich:

22:30 … und meidet das Wort der Lüge!


Dieser Vers allein reichte aus, um das unhaltbare Argument der islamophoben Menschen zu widerlegen. Gemäß Koran ist es auch nicht der Mensch, der einen anderen Menschen zur Rechtleitung verhilft, sondern nur Gott der Schöpfer. Nicht einmal Propheten können die Menschen rechtleiten oder zur Vergebung verhelfen (9:80, 28:56, 30:29, 43:40, 45:23). Wieso sollte also ein Bedarf auf muslimischer Seite bestehen, durch ungerechtfertigtes Lügen Gott dienen zu wollen? Würde man eine Falschaussage über den Islam machen, käme dies einer Erneuerung und Veränderung der Religion gleich. Dies ist jedoch im Islam strikt verboten. Neuerungen oder Modernitäten, oder aber auch Traditionen und Kulturen als Religion zu vermitteln ist so zu behandeln, dass es eine Beigesellung (shirk) weiterer Wesen zur Autorität Gottes bedeutet, die uns eine andere Religion vorschreiben, die nie von Gott verordnet wurde (42:21). Damit würde sich der Muslim theologisch gesehen vor Gott der Kapitalsünde schlechthin schuldig machen (4:48, 4:116).

Wieso sollte sich ein Gottergebener (ar.: Muslim) so verhalten, dass es Gottes Abscheu erregte?

61:2-3 O die ihr glaubt, warum sagt ihr, was ihr nicht tut? Welch schwerwiegende Abscheu erregt es bei Gott, dass ihr sagt, was ihr nicht tut.


Lassen Sie uns einen Blick in den Koran werfen, inwiefern Takiya erwähnt wird:

3:28 Die Gläubigen sollen sich nicht die Ableugner anstelle der Gläubigen zu Verbündeten nehmen. Wer das tut, hat nichts mit Gott, außer wenn ihr euch vor ihnen wirklich schützen müsst. Gott warnt euch vor Sich selbst. Und zu Gott führt der Lebensweg.

16:106 Wer Gott verleugnet, nachdem er geglaubt – den ausgenommen, der gezwungen wird, indes sein Herz im Glauben Ruhe findet – jene aber, die ihre Brust der Verleugnung öffnen, auf ihnen ist Gottes Zorn; und für sie ist eine gewaltige Strafe.


Im ersten zitierten Vers wird die Regel allgemein gehalten, während im zweiten Vers diese Regel ausgeführt und die Ausnahme behandelt wird, in der es für den Muslim möglich ist, seinen Glauben an den Islam und Gott zu verleugnen, wenn er dazu gezwungen wird – obwohl er im Inneren seines Herzens glaubt. Wohlgemerkt ist hier nicht davon die Rede, dass der Muslim lügen könne, um dem Islam zu dienen! Hier ist von der kompletten Verleugnung der eigenen Religion die Rede! Diese Fälle können auftreten, wenn Muslime Morddrohungen erhalten, durch Folter dazu gezwungen würden oder ihre Existenz fürs Leben sonst wie direkt bedroht wird. Es wird in der Geschichte überliefert, dass dies in der ersten Generation der Muslime geschehen sei. Nach der Überlieferung überlebte der Muslim Amar ibn Yasser die Verfolgung und Folter der Heiden und Beigeseller nur dadurch, indem er seine Zugehörigkeit zum Islam zurückwies. Seine Eltern taten dies hingegen nicht und wurden ermordet.

Die Erlaubnis zur Verleugnung seiner Religion in den oben erläuterten akuten Bedrohungssituationen bezieht sich vor allem auf Muslime, die sich in der Position einer unterdrückten Minderheit befinden. Gerade dies wird von den Hetzern ja nicht so gesehen. Hier wird also ein Ableugnen der eigenen Religion eher sogar noch provoziert, wenn nämlich die Situation entsteht, dass das öffentliche Ausleben der eigenen Religion bekämpft, nicht mehr toleriert und missbilligt wird und Anhänger einer Religion insgesamt unter einen Generalverdacht gestellt werden.

Anders als es von Islamophoben und gewissen Orientalisten geglaubt und vor allem im Internet verbreitet wird, ist das Lügen im Islam verboten. Der Muslim hat sich an die Wahrheit zu halten. Noch gravierender wird es für den Muslim, wenn er Unwahrheiten über den Islam verbreitet, indem er bestimmte Regeln verändert, unumstößliche Prinzipien der Wahrheitshaltung auslässt oder Erneuerungen hinzu dichtet. Nicht einmal in Notsituationen dürfen islamische Regeln oder theologische Inhalte des Koran verleugnet werden! Das Lügen ist in diesen Fällen strikt verboten. Erlaubt ist lediglich, sich vom Islam loszusagen, wenn dadurch der eigene Tod oder auch der anderer wie etwa durch Folter oder Morddrohung vermieden werden sollte. Der Islam bietet also dem Muslim keinesfalls die Möglichkeit, Nichtmuslime über die Regeln und Glaubensinhalte der Religion anzulügen. Daher sind die Aussagen Giordanos und aller derer, die seiner Meinung zustimmen, schlicht und einfach falsch.

In der Geschichte fand die Takiya auch bei den Schiiten Anwendung, weil diese öfters von den Sunniten verfolgt und auch oft bedroht wurden. Sie erlebten durch die Hand vieler Sunniten Zwang oder Gefahr für Leib und Besitz und mussten ihre rituelle Pflichten missachten und den eigenen Glauben verheimlichen.

Das arabische Wort Taqiyya stammt von der Wurzel waqa (وقى) ab, was soviel bedeutet wie behüten, beschützen, bewahren, schützen oder sichern. In der Grundbedeutung dieser Wurzel wird also ersichtlich, weshalb es einem erlaubt wurde, in lebensgefährlichen Situationen den eigenen Glauben zu verleugnen – aus Schutz und zur Sicherung des eigenen Lebens und das anderer. Und interessanterweise ist auch genau diese Wurzel die Quelle des arabischen Wortes „muttaqii“, das als Bezeichnung für jemanden im Koran gebraucht wird, der sich gegenüber dem Bösen hütet, sich in Sicherheit bringt vor dem, was schädlich und verletzend ist und zu guter Letzt achtsam ist seiner Pflichten gegenüber anderen Menschen und vor allem Gott. Aus diesem Grund übersetzen wir dieses Wort „al-muttaqiin“, welches im Koran an 49 Stellen vorkommt, als die Achtsamen. Dieses Wort kommt im Koran oft in Verbindung mit denen vor, die Wahrhaftigkeit pflegen.

2:177 (Die Aufrichtigen sind diejenigen,) die ihre Vereinbarung einhalten, wenn sie vereinbarten, und die in der Not, im Leid und wenn es schlimm zugeht, geduldig sind. Das sind die Wahrhaftigen und das sind die Achtsamen

39:33 Diejenigen aber, die mit der Wahrheit kommen und sie für wahr halten, das sind die Achtsamen.


Takiya ist zusammenfassend gesagt das Konzept des Überlebens in lebensgefährlichen Situationen.

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Wieso wurde der Koran auf Arabisch offenbart?

In diesem Kapitel werden wir die arabische Sprache in ihrem rudimentären Aufbau ein wenig näher kennenlernen und der Frage nachgehen, weshalb die Lesung auf Arabisch offenbart wurde. Ebenso werden wir die Grundlagen für die Hermeneutik erarbeiten und Beispiele hierfür vorführen.

 

Die arabische Sprache

Ich glaube, dass wenn die Lesung vernünftig in andere Sprachen übersetzt wird, sie ihre Eigenschaft der Heilung und der Rechtleitung nicht verliert. Nichtsdestotrotz kann man die Sprache nicht gänzlich ignorieren.

 

Glaube und Methodik vor Kenntnis der Sprache

41:44 Hätten wir sie zu einer fremdsprachigen Lesung gemacht, hätten sie gesagt: „Hätten ihre Verse nicht ausgeführt werden müssen?“ Fremdsprachig oder arabisch? Sage: „Sie ist eine Führung und eine Heilung für die Gläubigen.“ Die Ableugner aber sind schwerhörig in ihren Ohren und sie (die Lesung) ist für sie unzugänglich. Sie sind so, als werde ihnen etwas aus großer Entfernung zugerufen.

 

In irgendeiner menschlichen Sprache musste die Lesung offenbart werden, sonst wäre sie nicht verständlich für uns. Die Lesung ist aber anders als andere Bücher. Die erste Voraussetzung, um sie zu verstehen, ist eine rechte und ehrliche Absicht. Sei es sogar der beste Arabischkenner der Welt, wenn diese Absicht nicht gegeben ist, kann die Lesung nicht recht verstanden werden. Den ehrlichen, aufrichtigen Gläubigen wird, gleich welche Muttersprache sie auch haben mögen, der Zugang zur Lesung versprochen (41:44), da sie als Rechtleitung und Heilung für die Gläubigen beschrieben wird. Darüber hinaus werden in der Lesung die Menschen nicht mit „O ihr Arabischkenner“ angesprochen, sondern mit “O ihr Gläubigen”. Die Wahrheiten der Lesung sind nicht eingeschränkt durch die Mängel der menschlichen Sprachen. Der Lehrer ist Gott persönlich (55:2, 75:19). Den Ableugnern jedoch wird kein tieferer Zugang gewährt, selbst wenn sie Professoren und Experten der arabischen Sprache wären:

 

17:45 Und wenn du die Lesung liest, machen wir zwischen dir und denjenigen, die nicht an das Letzte10 glauben, einen unsichtbaren Vorhang.

18:57 Wer ist ungerechter als jener, welcher an die Zeichen seines Herrn erinnert wurde und sich dann von ihnen abwendete und vergaß, was seine Hände vorausschickten. Gewiss, Wir legten über ihre Herzen Hüllen, sodass sie sie (die Lesung) nicht begreifen, und in ihre Ohren Schwerhörigkeit; und wenn du sie zur Rechtleitung rufst, dann werden sie sich niemals rechtleiten lassen.

56:77–79 Dass dies wahrlich eine edle Lesung ist in einer geschützten Schrift. Keiner kann sie berühren, außer den Reinen.11

 

Arabisch zu können und zu beherrschen ist nicht gleichbedeutend mit einer automatisch gewonnenen Einsicht in die tiefsten Erkenntnisse der Lesung. Mit Gewissheit werden die Menschen ihn verstehen können, sei es durch Übersetzungen oder andere Wege, wenn ihre Herzen und ihr Verstand für Gottes Botschaft offen und rein sind, sie also zu den Reinen aus 56:79 gehören. Nur die Gläubigen, die ihren Verstand gebrauchen (10:100), die ihre vergangenen Ahnen und die Religionsgelehrten nicht idolisieren (2:170; 5:104), die nicht von Vermutungen abhängen (10:36), die nicht etwas spöttisch verfolgen, worüber sie kein Wissen haben (17:36; 6:115) und die ihre Lebensordnung (dīn) Gott allein widmen, verstehen die Botschaft der Lesung. Gott lehrt sie die Lesung. Er kann die Geschehnisse so einleiten, dass sie die Lesung richtig verstehen. Gott ist der Herrscher aller Welten, auch der inneren Seelenwelten, und der beste Rechtleiter.

Jene, die ihren Verstand nicht gebrauchen und ihren eigenen Gelüsten und Neigungen folgen, ihre Ahnen idolisieren, Vermutungen und Spekulationen wie die dem Propheten angedichteten Aussprüche (aḥādīṯ) zu ihrer Religionsquelle erheben und jene, die in der Religion Gott andere Gesetzesgeber beigesellen (wie zum Beispiel Buchārī, dem bekanntesten der Aussprüche-Sammler) könnten ihr Leben lang versuchen, die Lesung zu verstehen, doch ihnen ist es verwehrt.

Auch wenn natürlich der Aufrichtigkeit gegenüber dem Schöpfer eine höhere Bedeutung zuteil wird, so kann man die arabische Sprache und ihre Feinheiten dennoch nicht ignorieren. Denn das klassische Hocharabisch der Lesung ist ein Arabisch des siebten Jahrhunderts. Nichtaraber gelangen erst durch den mühsamen Erwerb der Sprache zum Arabisch der Lesung. Wenn jedoch gewöhnliche Araber ihn lesen, verstehen sie kaum die Hälfte des Geschriebenen – rein sprachlich betrachtet. Aus diesem Grund ist es kein Wunder, dass sich die Araber schwer tun im Forschen und Verstehen, insbesondere in der theologischen Verortung der Inhalte. Eine fehlende Auseinandersetzung mit den Inhalten der Lesung führt dazu, dass der Inhalt eher oberflächlich behandelt wird und sich somit viele Fehler einschleichen. Die Nichtaraber haben hier einen immensen Vorteil gegenüber Arabern, weil sie sich selbst nicht durch ihr „Arabischkönnen“ hinters Licht führen, sie sich auch nicht mit der bloßen Rezitation begnügen, sondern durch verstehendes Lesen der Übersetzungen die Lesung besser kennen als so mancher „Muslim“. Bei ihnen basiert der Glaube nicht auf dem, was ihnen auf Basis von Hörensagen und Tradition erzählt wird, sondern sie kommen aus einer eher freieren Denkweise. Selbst ausgebildete Theologen greifen auf unzeitgemäße, teils gravierend rückschrittliche Aussagen von Theologen des 9. und 10. Jahrhunderts zurück, weil sie dies im Studium so erlernt haben.

Eine angemessene Vorgehensweise im Verstehen der Lesung ist also vonnöten, die frei ist von jeglichen Zwängen der Gelehrten, jedoch auch ihre Werke berücksichtigt und das Gute aus ihnen herausholt. Sowohl das Ignorieren der Gelehrten wie auch die blinde Traditionsbefolgung werden aufgrund der ideologisch geprägten Vorgehensweise zu schlechten Ergebnissen führen.

 

39:18 Die dem Wort zuhören und dem Besten von ihm folgen. Sie sind es, denen Gott den Weg gewiesen hat, und sie sind es, die mit Verstand begabt sind.

 

Präzision und Effizienz der Sprache

Arabisch ist eine der effizientesten Sprachen der Welt, insbesondere dann, wenn es um präzise Gesetzestexte geht. Da die Lesung unter anderem auch ein Buch mit Gesetzen ist, war es wesentlich, dass solche Gesetze klar formuliert werden müssen. Gott wählte vermutlich die arabische Sprache für Sein Wort aus dem offensichtlichen Grund, dass sie für diesen Zweck äußerst tauglich ist. Arabisch ist einzigartig in seiner Effizienz und Exaktheit. Beispielsweise wissen wir auf Deutsch nicht, ob das plurale „sie“ männliche oder weibliche Personen beschreibt. Auf Arabisch gibt es ein „sie“ für Männer (هم – hum) und ein „sie“ speziell für die Frauen (هن – hunna).12 Es gibt sogar ein “sie” für zwei Männer (هما – humā) und ein “sie” für zwei Frauen (هاتان – hātāni).13 Rashad Khalifa schreibt zur Effizienz der arabischen Sprache folgendes:

 

Ich habe die Effizienz der arabischen Sprache zu schätzen gelernt, als ich zum Beispiel Vers 2:228 übersetzt habe. Dieser Vers mahnt die in Scheidung lebende Frau eindringlich, ihre eigenen Wünsche, sich von ihrem Mann zu scheiden, aufzugeben, wenn sie merkt, dass sie schwanger ist und der Ehemann sich wieder versöhnen will, da das Wohl des Kindes Vorrang hat. Die Effizienz der arabischen Sprache war sehr hilfreich dabei, dieses Gesetz festzulegen. Jede andere Sprache hätte es fast unmöglich gemacht darzulegen, wessen Wünsche verdrängt werden sollen, zumindest nicht in so wenigen Worten, wie wir es in 2:228 sehen. Zum Beispiel wird das Wort „Qālatā“ in Vers 28:23 mit vier Worten übersetzt: „die zwei Frauen sagten“. Das ist die Effizienz der Arabischen Sprache.14

 

Ein weiterer möglicher Grund, wieso Arabisch als Offenbarungssprache gewählt wurde, ist die Tatsache, dass „sie“ (singular) und „er“ auf Arabisch nicht zwangsläufig das angeborene Geschlecht implizieren. Dies hat eine wichtige Konsequenz auf das Wort „Allāh“, oder „der Gott“. Wenn deshalb auf Gott als „Er“ Bezug genommen wird, deutet dies überhaupt kein Geschlecht an. Gott sei gepriesen, Er ist weder männlich noch weiblich. Der Gebrauch von „Er“, um auf Gott zu verweisen, trug deshalb zu einem falschen Bild von Gott bei. Daran änderte sich auch nichts durch Äußerungen wie „Vater“, womit Gott angesprochen wird. Sie werden in der Lesung nie einen derartigen Bezug zu Gott finden.

Es ist allgemein falsch nach einem biologischen Geschlecht im grammatikalischen Geschlecht zu suchen. In der deutschen Sprache verhält es sich auch auf ähnliche Art und Weise. „Der Tisch“ ist auf Deutsch männlich, obwohl „er“ keinem menschlich-biologischen Geschlecht zugeordnet werden kann. „Das Mädchen“ ist in gleicher Weise sächlich, obwohl es biologisch feminin ist! Gott ist also weder männlich noch weiblich noch sächlich. Gott ist einzigartig und steht über diesen menschlichen Kategorisierungen.

 

Flexibilität und gleichzeitig hoher Erhaltungsgrad

Eine Nebenerscheinung ist, dass es Lehrbücher gibt, die Arabisch lehren, und zwar aufgrund der Lesung. Die Lesung ist so eingerichtet, dass die gesamte Grammatik, alle Formen und alle syntaktischen Variationen darin vorkommen. So braucht man, um die gesamte Grammatik des modernen Standardarabisch zu lernen, keinen weiteren Text als die Lesung. Dazu empfehle ich das Buch von Alan Jones von der Cambridge Universität, „Arabic Through The Quran“. Es gibt zwei Besonderheiten der arabischen Sprache, die ich an dieser Stelle hervorheben möchte: Erstens können aus einem einzigen Wort nicht nur 35 neue Wörter gebildet werden, sondern mindestens 100 – unter besonderen Umständen sogar noch erheblich mehr, was der arabischen Sprache einen unglaublichen Reichtum beschert, zumindest in der Theorie. Zweitens bauen die Regeln für die Neubildung von Wörtern darauf auf, dass ein Wort aus drei (selten vier) Konsonanten gebildet wird. Die Grundlage der arabischen Wörter sind die Wortstämme, die aus drei Konsonanten bestehen. In der Lesung gibt es nur eine Handvoll Wörter, die vier Konsonanten haben. Die Beugung und Abwandlung der Wörter geschieht im Allgemeinen dadurch, dass man bestimmte Vokale dazwischen fügt. Wenn also von vornherein klar ist, welche Konsonanten es sein müssen, und die Beugungsschemata einheitlich sind, dann können die Vokale auch nicht variieren, oder nur sehr wenig. Und die Regeln umfassen, welche Vokale “dazwischen gestopft” werden. Ein Beispiel: Die drei Konsonanten k-t-b ( ك ت ب ) bilden eine Wurzel, deren Grundbedeutung das Aneinanderreihen von Einheiten, insbesondere von Buchstaben vermittelt. Einfacher ausgedrückt: Diese Wurzel hat mit „schreiben“ zu tun. So heißt dann „kataba“ ( كتَب ) er schrieb, „kutiba“ ( كتِب ) es wurde geschrieben und „yaktubu“ ( يكتب ) er schreibt. Aus derselben Wurzel wird dann „kitāb“ ( كتاب ) abgeleitet, was „Buch“ oder „Schrift“ bedeutet, weil ein Buch auch geschrieben wurde. Ein weiteres Beispiel: die drei Konsonanten q-r-’a ( ق ر أ ) bilden die Grundbedeutung „lesen“. Aus demselben Wortstamm wird auch das Wort al-qur’ān (القرءآن) gebildet, was deswegen „die Lesung“ oder auch „das Vorgelesene“ bedeutet.

KoranMan kann nicht einfach irgendein ausländisches Wort nehmen und es nach Belieben umwandeln, wie es beispielsweise auf Türkisch ginge. Es wurden zwar gewisse Wörter übernommen, etwa „kumbyūtir“ für Computer, aber im Großen und Ganzen wird dies nicht oder nur in der Umgangssprache gebraucht. Man kann einfach ein neues Wort erzeugen, wann immer es gebraucht wird, und jeder, der die arabische Grammatik kennt, weiß, wie das geht.

Ich möchte dies anhand eines Beispiels verdeutlichen: Sie haben einen kleinen Sohn, 9 Monate alt, und er hat eins von diesen modernen Dingen bekommen, in dem er sitzt – das „Ding“ hat Räder und er soll dadurch angeblich lernen zu gehen. Es wurde Ihnen geschenkt. Wie heißt so ein Ding auf Deutsch? Lauftrainer? Gehmaschine? Laufmaschine? Wir haben keine Ahnung, wie es auf Arabisch heißen soll, aber es wurde automatisch „masch’schāya“ genannt – aus den drei Konsonanten m-sch-y (م ش ي), welche zusammen „gehen“ bedeuten, und in dieser Abwandlung einfach „Gehmittel“ heißt, so wie „naẓẓāra“ Sehmittel (Brille) oder „darrādscha“ Fahrrad bedeutet. Alles Wörter, die nach dem gleichen Muster gebildet wurden.

Man kann eine Zahnbürste beispielsweise Miswak oder Siwak (s-w-k) nennen, das sind zwar unterschiedliche Beugungsformen, es sind aber nicht verschiedene Wörter. In verschiedenen Gegenden wird entweder das eine oder das andere Wort benutzt. Fest steht, dass beide Wörter gültig sind, und beide sind hocharabisch. Man kann aber anstelle von Miswak nicht sagen Musbek oder Sobak oder andere Neubildungen, denn dann sind die Konsonanten geändert, und es ist ein gänzlich anderes Wort.

Man kann natürlich anstatt Dār (Haus) auch Bayt (Haus) sagen. Das ist egal. Man kann ja auch auf Deutsch umgangssprachlich Blaukraut anstatt Rotkohl sagen, das ändert ja nicht die Sprache an sich. So sind einige arabische Wörter in Vergessenheit geraten und andere sind heute gebräuchlicher. Wir könnten natürlich auch sagen: Er verabschiedete sich, anstatt wie früher „er empfahl sich“. Beides ist korrektes Hochdeutsch. Korrektes Hocharabisch beinhaltet auf dieselbe Weise viele Ausdrucksweisen, die heute nicht mehr gebraucht werden. Sie sind aber trotzdem unverändert korrekt.

Angesichts dieses ungeheuren und in der Welt einmaligen Reichtums der arabischen Sprache und angesichts der Tatsache, dass zur Wortneubildung immer gleichbleibende Konsonanten gebraucht werden, ist Arabisch eine Sprache, die sich nur sehr wenig für grundlegende Veränderungen anbietet. Es ist eine Sprache, die aufgrund ihrer Natur so etwas wie eine Kunstsprache
(und Hochsprache) ist, die sich aber nur sehr wenig ändern wird. Aus dem gleichen Grund wird angenommen, dass Arabisch auch als eine der ältesten noch gesprochenen Sprachen überhaupt gilt.

 

„Die von den arabischen Nationalgrammatikern mit unermüdlichem Fleiße und bewundernswerter Hingabe aufgestellten Regeln haben die klassische Sprache in allen ihren Aspekten phonetisch, morphologisch, syntaktisch und lexikalisch so umfassend dargestellt, daß ihre normative Grammatik einen Zustand der Vollendung erreicht hat, der keinerlei Weiterentwicklung zulässt.“15

 

Beachten wir dazu, dass die immer gleichbleibenden Wortbildungsmuster dazu führen, dass unheimlich viele Wörter gleich klingen, nur mit anderen Konsonanten. Das heißt, dass sich diese Wörter reimen. Aus dem gleichen Grund ist es sehr einfach, Gedichte auf Arabisch zu schreiben. Man hat sich im Ausland immer darüber gewundert, dass sich die ganze Lesung reimt, wenn man sie vorträgt, so als wäre die Lesung ein langes Gedicht. Das bedeutet, dass sich die Lesung auf Arabisch besonders einfach einprägen lässt. Wie viel einfacher ist es doch zum Beispiel Al-Fātiḥa oder An-Nās oder ein anderes Kapitel auf Arabisch auswendig zu lernen als auf Deutsch. Dies ist meiner Ansicht nach ein weiterer Grund für die Erwählung der arabischen Sprache für die Lesung, damit sie in aller Ewigkeit unverändert bleibt.

Die Schriftsprache des klassischen Arabisch ist identisch mit der Schriftsprache des modernen Standardarabisch – und zwar unabhängig davon, ob die Vokale gesetzt werden oder nicht. Nur die Aussprache ist unterschiedlich, und die beruht wiederum auf den Vokalzeichen, die im täglichen Leben nie benutzt werden.

Nur die Lesung wurde von Anfang bis Ende durchvokalisiert, damit auch „Ausländer“ wie wir, die nicht Arabisch muttersprachlich können, wissen, wie die Lesung ausgesprochen wird. Die Lesung ist auf Arabisch zudem noch mit anderen Zeichen versehen, die besagen, wo Pause gehalten wird, und Hinweise auf die Ausdrucksweise geben. Dies sind dann die Regeln der klassischen Rezitation (aḥkām at-tadschwīd).

Es gibt übrigens eine arabische Redewendung: „ḍaʿa an-nuqāṭ ʿalá-l-ḥurūf“ ( ضع النقاط على الحروف – wörtlich: Setze die Punkte auf die Buchstaben) – oder zu Deutsch: „Sprich jetzt Klartext mit mir“.

Halten wir fest: Wenn die Konsonanten und die Vokalbehandlung bewahrt werden, wie soll sich die Sprache dann ändern? Die arabische Sprache ist damit eine Weltsprache, die sich sehr wenig ändert und deshalb bestens für die Offenbarung geeignet ist.

Zu den Zeichen der Lesung gehört auch, dass sie auf Arabisch offenbart wurde.

Die besten Erkenntnisse sind die eigenen Wahrnehmungen und die Wahrheit steht immer vor der eigenen Nase, wenn das Herz dabei offen ist.

Frucht ist nicht gleich Frucht

Salam

Durch unsere Beobachtungen während den Koran-Übersetzungen entdeckten wir unzählige Fehler – leider, die wir nach und nach, so Gott will, zeigen möchten. Diese Fehler haben einige Probleme verursacht, so dass manches im Koran falsch verstanden wurde. Bei unserem Beispiel handelt es sich um zwei Begriffe, die von den Übersetzern mit gleichem Inhalt wiedergegeben worden sind: فاكهة “Fakihah”, was Obst oder Frucht bedeutet und in diesem Sinn kein Verb hat und ثمرة “ßamarah”. Dazu wollen wir ihre Wurzel genauer anschauen:

Nom.
ثمرة [ßamarah] (Singular) Frucht, Ertrag,
ثمرات [ßamarat] (Plural) Früchte,
إستثمار [istißmar] Investition,
مستثمر – ة [mustaßmir-ah] Investor/in,

Verb
ثمر [ßamara] Ertrag bringend sein, ergiebig sein,
اثمر [aßmara] fruchten, blühen, erbringen, resultieren,
إستثمر [istaßmara] investieren, Nutzen ziehen, auswerten,

Adj.
مثمر [mußmir] ergiebig,
إستثماري [istißmary] investierend,

Man sieht hier, dass der Begriff nicht nur unbedingt von Frucht als Obst handelt, sondern von dem, was aus dem Boden wächst und essbar ist. Auch, so wie im Deutschen, kann es sich um die Frucht einer Arbeit handeln (gemeint: das Resultat einer guten Arbeit).

Die Übersetzer haben eigentlich bei diesem Begriff keinen Fehler gemacht, auch beim ersten oben aufgeführten Begriff, wo es sich nur um Obst handelt (Fakihah), doch dabei hätten sie lieber Obst schreiben sollen, da es sich um zwei verschiedene Begriffe im Koran handelt, die beide von den Übersetzern gleich übersetzt wurden.

Ein Vers (55:52), der von dem Begriff “Fahihah” handelt:

  • Khoury
    Darin gibt es von jeder (Fakihah) Frucht ein Paar.
  • Paret
    (Gärten) in denen es von jeglicher Fruchtart (faakiha) zwei Arten gibt.
  • Azhar
    Dort gibt es von jeder (Fakihah) Fruchtart ein Paar.
  • Rasul
    Darin wird es von jeglicher (Fakihah) Fruchtart zwei Arten geben.
  • Zaidan
    In denen es von jeder (Fakihah) Obstart Zweiheit gibt.
  • Ahmadeyyah
    Darinnen wird es jegliche Art (Fakihah) Frucht in Paaren geben.

Ein Vers (6:11), der den Begriff “ßamarah” beinhaltet:

  • Khoury
    Er läßt euch dadurch Getreide sprießen, und Ölbäume, Palmen, Weinstöcke und allerlei (ßamarat) Früchte. Darin ist ein Zeichen für Leute, die nachdenken.
  • Paret
    Er läßt euch dadurch das Getreide wachsen, und die Ölbäume, Palmen und Weinstöcke, und (sonst) allerlei (ßamarat) Früchte. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die nachdenken.
  • Azhar
    Dadurch läßt Er für euch Pflanzen wachsen, Olivenbäume, Dattelpalmen, Weinreben und (ßamarat) Früchte aller Art. Darin sind Zeichen für Menschen, die nachzudenken bereit sind.
  • Rasul
    Damit läßt Er für euch Korn sprießen und den Ölbaum und die Dattelpalme und die Trauben und (ßamarat) Früchte aller Art. Wahrlich, darin liegt ein Zeichen für nachdenkende Leute.
  • Zaidan
    Damit läßt ER für euch Gewächs, Oliven, Dattelpalmen, Trauben und von jeglichen (ßamarat) Früchten hervorsprießen. Gewiß, darin ist zweifelsohne eine Aya für Leute, die sich besinnen.
  • Ahmadeyyah
    Damit läßt Er Korn sprießen für euch und den Oelbaum und die Dattelpalme und die Trauben und (ßamarat) Früchte aller Art. Fürwahr, darin ist ein Zeichen für nachdenkende Leute.

Salam

Sura 102 – Grammatikalische Formen

Im Namen Gottes, Des Ermarmers, Des Gnädigen,

Nachdem ich gemerkt habe, dass mehrere Leute Sura 102 anders verstanden haben als das, was manche Begriffe beinhalten, war es notwendig darüber eine Erklärung abzugeben, vor allem auch um zu zeigen, wie die Übersetzer das Wort [takathor=Vermehrung] nach ihrer Sichtweise anders interpretiert haben, als es ist.

Im ersten Vers von Sura 102 steht gleich der Name dieser Sura. Der Vers beinhaltet nur zwei Wörter الهاكم [alhakom=euch lenkt ab] التكاثر [Altakathor = die Vermehrung] . Vers 1 gibt noch keine Anhaltspunkte, was hier vermehrt wird. Doch Vers 2 gibt eine Annäherung, um was es hier handelt: nämlich um die Toten (Friedhöfe besuchen), was wiederum ein Vergleich zwischen den lebendigen (Vers 1) und den Toten (Vers 2) darstellt.

Ich möchte in erster Linie die verschiedenen Interpretationen der Übersetzer zeigen , um vielleicht selber darauf kommen zu können, dass es hier um einen Verständigungsfehler geht und nicht nur um reinen Übersetzungsfehler. (Die rot markierten Wörter sind im Originalvers nicht vorhanden und sind nur die Sichtweise des jeweiligen Übersetzers.)

  • الهكم التكاثر
  • Khoury
    Der Wettstreit um noch mehr lenkt euch ab,
  • Paret
    Die Sucht, mehr zu haben (als andere), hat euch (so sehr von allem höheren Streben) abgelenkt,
  • Azhar
    Euch hat die Vermehrungssucht so lange abgelenkt,
  • Rasul
    Das Streben nach Mehr lenkt euch solange ab ,
  • Zaidan
    Euch abgelenkt hat (die Sucht) nach Vermehrung,
  • Ahmadeyya
    Der Wettstreit um die Mehrung lenkt euch ab,

Bei der Beschreibung des Wurzelbegriffes [KaThaRa = Mehren – ك ث ر ), von dem das Wort [Takathara= sich (ver-)mehren] herstammt, haben wir mehrere Variationen und ihre grammatikalischen Zusammensetzung gezeigt, um die LeserInnen darauf aufmerksam zu machen, worauf die Logik der arabischen Sprache basiert. Das kann man leicht identifizieren, wenn man mehrere Verben als Vergleich neben einander stellt:

كثر [kathura] viel – zahlreich sein, mehr sein,
تكاثر [takathara] sich (ver-)mehren,

ضرب [D´araba] jemanden schlagen,
تضارب [taD´araba] sich gegenseitig schlagen

شبه [shabbaha] ähneln,
تشابه [tashabaha] sich ähneln,

Wie man hier sieht, wird der Buchstabe ت [Ta] am Anfang des Verbes eingesetzt, dann entsteht eine grammatikalische Form, die das Verb auf sich beziehen lässt.

Und warum soll die Beschäftigung mit der Vermehrung eine schlechte Sache sein?

Das Wetteifern der Religionen nach mehr Massen von Menschen war immer das Verhängnis.

Vers 9:25 verdeutlicht uns, dass nicht bei der Mobilisierung der Massen die Macht liegt, sondern darin, in dem man sich Gott allein ergibt, und dass man sich nicht um die Massen bemüht, sondern um die Wahrheit. In der Zeit der Offenbarung gefiel den Menschen ihre große Zahl und sie meinten, dass sie dadurch nur gewinnen könnten. Doch Gott ließ sie ihren ersten Verlust erleiden, damit sie diesen Fehler erkennen, dass die Macht nur bei Gott liegt:

لقد نصركم الله في مواطن كثيرة ويوم حنين اذ اعجبتكم كثرتكم فلم تغن عنكم شيءا وضاقت عليكم الارض بما رحبت ثم وليتم مدبرين

9:25 Gott hat euch an vielen Orten unterstützt, und auch am Tag von Hunayn, als eure große Zahl [Kathratokom] euch gefiel, von euch aber nichts abwenden konnte. Die Erde wurde euch eng trotz ihrer Weite. Daraufhin kehrtet ihr den Rücken.

Auch Vers 5:100 zeigt uns, dass bei guten Dingen nicht um die Quantität geht sondern um die Qualität, was jeder vernünftige Mensch auch weiß.

5:100 Sprich: “Das Böse und das Gute sind nicht gleich, auch wenn einem die Menge [kathrat] des Bösen imponiert.” Ihr vernünftigen Menschen, fürchtet Gott, auf daß ihr Erfolg erzielen möget!

Salam