Arabische Sprache

Schwarz weisses Portraitbild von Kerem Adigüzel, digital gezeichnet von Tarigh Nejat

Podcast #6 SzVdK: Kultureller Kontext

Die sechste Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über den kulturellen Kontext und über unsere Denkweise in der Sprache.

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Ein Podcast von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe.

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Verwendete Musik:
Intro: Broke For Free – Something Elated
Outro: Vekil – Rabbim (Türkisch: mein Herr) aus dem Album Die Wahrheit mit freundlicher Genehmigung unseres Bruders Vekil

Unser Podcast mit weiteren Episoden ist auch hier verfügbar:

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Podcast #2 SzVdK: Theorie & Hermeneutik

Die zweite Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über Theorie und Hermeneutik mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Ein Podcast von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe über wenig besprochene Aspekte der Gottergebenheit (deutsch für Islam), in dem wir mit bereichernden Gästen aus einem frischen Blickwinkel heraus ungewöhnliche, aber dafür für den Alltag wichtige Themen besprechen. Bücher, Selbstentwicklung, intellektuelle und seelische Gesundheit, Ernährung, Spiritualität und Philosophie sind nur einige Bereiche, die wir anschneiden.

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Unterschied zwischen Gesandter und Prophet: Bild von einem Finger, das auf eine Koranstelle gelegt wurde

Unterschied zwischen Gesandter und Prophet im Koran

Beim aufmerksamen Lesen der Lesung (Deutsch für Koran) fällt einem immer wieder auf, dass in gewissen Stellen von Gesandten (rasūl, pl. rusul) und in anderen von Propheten (nabiy, pl. nabiyūn oder anbiyāʾ) die Rede ist. Was ist der Unterschied zwischen Gesandter und Prophet in der Lesung? Und wieso sollten sich die Gottergebenen (Deutsch für Muslime) überhaupt um diese Frage bemühen? Ist das nicht eher etwas für Akademiker und Theologen, die ihre Zeit irgendwie füllen müssen?

 

Motivation

Die Motivation für die Fragestellung ergibt sich wiederum aus der Offenbarung Gottes aus den folgenden Versen:

 

33:7 Und da wir mit den Propheten den Bund eingingen, und mit dir, und mit Noah und Abraham und Moses und mit Jesus, dem Sohn der Maria. Wir gingen mit ihnen einen feierlichen Bund ein.

3:81 Und als Gott den Bund der Propheten annahm für das, was ich euch an Schrift und Weisheit brachte, kam darauf zu euch ein Gesandter, das bestätigend, was mit euch ist. So glaubt an ihn und helft ihm. Er sagte: Habt ihr zugestimmt und diesbezüglich meine Bürde angenommen? Sie sagten: Wir haben zugestimmt. Er sagte: So bezeugt und ich bin mit euch unter den Bezeugenden

 

Wir können also diesen Versen entnehmen, dass ein Gesandter (rasūl) kommen wird, der die Offenbarungen Gottes bestätigt und alle vereint. Wichtig ist der Umstand, dass dieser Gesandte erst nach dem Propheten Muhammad kommen wird, wie wir dies aus der ausdrücklichen Erwähnung und mit dir aus 33:7 verstehen können, womit der Prophet Muhammad gemeint ist.

Damit wir in der Lage sind, den Gesandten überhaupt erkennen zu können, müssen wir wissen, in welchem Rahmen dieser Gesandte erscheinen wird. Dazu ist es sicherlich von Vorteil, die beiden Begriffe Prophet und Gesandter voneinander unterscheiden zu können.

 

Gibt es einen klaren Unterschied zwischen Gesandter und Prophet?

Nun wollen wir uns aber der Frage widmen, ob und wie wir den Unterschied zwischen Gesandter und Prophet festlegen können. Betrachten wir die Verse, in denen die Gesandtschaft und das Prophetentum im selben Vers erwähnt werden, sehen wir deutlich, dass die Wörter nicht einfach so ohne Weiteres voneinander getrennt werden können. Einige Beispiele hierzu:

 

9:61 Und unter ihnen gibt es diejenigen, die den Propheten (al-nabiy) beeinträchtigen, und sie sagen: Er ist ganz Ohr. Sage: Ein gutes Ohr für euch. Er glaubt an Gott und glaubt den Gläubigen, und er ist eine Barmherzigkeit für diejenigen, die unter euch glaubten. Und diejenigen, die den Gesandten Gottes (rasūlu-llah) beeinträchtigen, für sie ist eine schmerzhafte Qual (vgl. auch 4:69, 7:157-158, 19:51, 19:54, 33:53)

33:45 O Prophet (al-nabiy), wir haben dich als einen Zeugen entsandt (arsalnā), als Bringer froher Botschaft und als Warner. (vgl. auch 7:94, 43:9)

 

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen den Worten, welcher nicht so ohne Weiteres mit einem einzelnen Vers repräsentiert werden kann. Es muss aber auch einen Unterschied geben, die Begriffe können nicht als Synonyme behandelt werden, denn:

 

22:52 Und wir sandten (arsalnā) vor dir keinen Gesandten (rasūl) oder Propheten (nabiy), dem, wenn er etwas wünschte, der Satan seinen Wunsch nicht durchkreuzte. Doch Gott löscht aus, was der Satan unternimmt. Dann setzt Gott Seine Zeichen ein. Und Gott ist wissend, weise.

 

Es ergäbe keinen Sinn, beide Begriffe auf diese Art und Weise im selben Satz zu verwenden, wenn sie als Synonyme gelten würden ohne jeglichen qualitativen Unterschied zwischen den beiden Wörtern. Vielmehr können wir sagen, dass sie miteinander sinnverwandt sind, aber nicht deckungsgleich, weshalb der Bedarf besteht, beide Wörter zu erwähnen. Ähnlich wie wir einen Unterschied zwischen Frucht und Obst finden und dennoch beide Wörter sprachlich gesehen nahe beieinander stehen, gibt es auch einen Unterschied zwischen Gesandter und Prophet.

 

Die Aufgabe eines Propheten

Betrachten wir also den Begriff des Propheten ein wenig genauer. Wir lernen aus 2:213, dass die Propheten Gottes mit den Schriften herabgesandt werden:

 

2:213 Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Gott die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. (vgl. auch 3:81)

87:18-19 Wahrlich, dies stand in den ersten Schriftblättern, den Schriftblättern (ṣuḥuf) von Abraham und Moses.

 

Das Wort „Buch“ bzw. „Schrift“ (kitāb) wird in der Lesung stets mit dem Begriff „Prophet“ (nabiy) in Verbindung gebracht. Es werden 20 Propheten erwähnt, die Schriften von Gott bekommen haben. Da Moses und Aaron dieselbe Schrift erhielten (37:117, 21:48), ist die Lesung die 19. Schrift, die zu einem Propheten namentlich zugeordnet werden kann. Darüber hinaus werden 18 Namen in den Versen 83-86 aus dem 6. Kapitel genannt, beginnend mit Abraham und endend mit Lot. Der 89. Vers bestätigt, dass alle 18 Propheten waren:

 

6:89 Diese sind es, denen Wir die Schrift gaben und die Weisheit und das Prophetentum. …

 

Einige mögen hier mit dem Vers 57:25 entgegnen, dass ja auch dort das Wort Gesandter in Zusammenhang mit dem Wort Buch steht. Dabei ist aber ein klarer grammatikalischer Unterschied zu sehen:

  • Wenn das Wort Prophet in Verbindung gebracht wird mit Buch, werden Formulierungen wie zu uns herabgesandt (unzila ilaynā) oder zugekommen (ʾūtiya) verwendet (2:136, 3:84, 28:43, 17:55, 4:163).
  • Wenn das Wort Gesandter in in 57:25 Zusammenhang gebracht wird mit Buch, so wird die folgende Äußerung verwendet: (zusammen) mit ihnen sandten wir das Buch (anzalnā maʿahum al-kitāb).

Einige mögen diesen grammatikalischen Unterschied als spitzfindig erachten, doch die Bedeutung dieses Unterschieds ist von großer Wichtigkeit. Denn Propheten gelten als fehlbar und werden auch getadelt bzw. ermahnt:

 

66:1 O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du danach trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen?

33:1 O Prophet, fürchte Gott und gehorche nicht den Ungläubigen und den Heuchlern (vgl. 2:120, 2:145, 4:135)

9:43 Gott verzieh dir, dass du es ihnen erlaubtest, bis sich für dich klärt, welche glaubwürdig waren, und du weißt, welche die Lügner sind

 

Somit besteht die Aufgabe eines Propheten darin, die ihm offenbarte Botschaft in Buchform zu übermitteln. Es ist aber wichtig, dass er in seiner Übermittlung der Botschaft unfehlbar ist, da wir ansonsten keinerlei Garantie haben, dass die Botschaft Gottes unverändert überbracht wurde.

 

Es sei noch erwähnt, dass der Begriff Warner (naḏīr) ebenso zu den Begriffen Prophet und Gesandter nahe steht. Die Botschaft des Propheten gilt darüber hinaus für alle Welten:

 

21:107 Und wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für die Welten.

25:1 Voller Segen ist Er, Der die Unterscheidung (Koran) zu Seinem Diener herabsandte, auf dass er ein Warner für die Welten sei.

 

Aufgabe eines Gesandten

In diesem Abschnitt werde ich nicht ausführlich auf weitere, nicht mit der Fragestellung relevanten Aufgaben eines Gesandten eingehen, weil sie schon in meinem Buch behandelt wurden.

Die Schrift eines Propheten ist nicht mittels einer sprachlichen Zielgruppe einzuschränken, wie wir dies bereits sehen konnten, da die Botschaft für alle Welten gesandt wurde. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu einem Propheten ist also, dass Gesandte stets in der Sprache des Volkes, zu denen sie gesandt wurden, die Botschaft zu überbringen hatten.

 

14:4 Und Wir haben keinen Gesandten gesandt, außer in der Sprache seines Volkes, damit er sie aufkläre. Gott lässt dann in die Irre gehen, wen Er / wer es will, und leitet recht, wen Er / wer es will. Und Er ist der Erhabene und der Weise.

 

Ein Gesandter hat nur die Aufgabe eines Botschafters, der Gottes Botschaft überbringt und sein Volk warnt (7:85, 16:36). Er hat keinen unmittelbaren Einfluss auf den Inhalt der Botschaft, kann mit Gott daher auch nicht darüber verhandeln, sondern muss sie unmittelbar weiterreichen. Die Aufgabe als Gesandter ist lediglich die Verkündigung, also die Übermittlung der Botschaft, nicht mehr. Dies finden wir in mehreren Versen bestätigt:

 

5:99 Dem Gesandten obliegt nur die Übermittlung. Und Gott weiß, was ihr offenkundig macht und was ihr verbergt.

24:54 … Und dem Gesandten obliegt nur die deutliche Verkündigung.

(Vgl. auch 5:92, 16:35, 16:82, 29:18, 42:48, 64:12)

  

Das bedeutet dann, dass ein Gesandter unweigerlich die Verzerrungen und Entstellungen früherer Offenbarungen aufdecken und berichtigen muss.

 

5:15 O Volk der Schrift, nunmehr ist unser Gesandter zu euch gekommen, der euch vieles enthüllt, was ihr von der Schrift verborgen hieltet, und vieles übergeht. Gekommen ist zu euch fürwahr ein Licht von Gott und ein klares Buch.

5:19 O Volk der Schrift, gekommen ist nunmehr zu euch unser Gesandter, nach einer Lücke zwischen den Gesandten, der euch aufklärt, damit ihr nicht sagt: «Kein Bringer froher Botschaft und kein Warner ist zu uns gekommen.» So ist nun zu euch gekommen in Wahrheit ein Bringer froher Botschaft und ein Warner. Und Gott hat Macht über alle Dinge.

 

Schlussfolgerung: Propheten sind auch immer Gesandte, da sie die Offenbarung öffentlich übermitteln müssen. Sie müssen in der Sprache ihres Volkes über die Botschaft aufklären, was als Bestandteil der Verkündung gilt. Es kann also laut der Lesung keinen Propheten geben, der kein Gesandter war. Ein Prophet ist immer auch ein Gesandter.

Es stellt sich die Frage: Gibt es Gesandte, die keine Propheten waren? Wir bemerken, dass in der Lesung Personen genannt werden, die weder als Propheten noch als Schriftüberlieferer bezeichnet werden. Diese sind:

  • Adam, der als der „Erwählte“ beschrieben wird in 3:33. Adam wird nicht mit dem Wort Prophet oder Gesandter in Verbindung gebracht.
  • Hūd, Ṣāliḥ und Schuʿayb, die als Gesandte genannt werden in 26:125,143,178.
  • Ḏul-Kifl, der lediglich als standfest, geduldig und rechtschaffen beschrieben wurde in 21:85 und 38:48.
  • Luqmān, der in 31:12 als jemand beschrieben wird, der mit der Weisheit gesegnet wurde.

Nirgends im Koran werden diese Personen oder Gesandte mit dem Wort Schrift oder Buch in Zusammenhang gebracht. Keiner von ihnen überlieferte also eine Schrift. Gemäß der Definition von 2:213 und 3:81 sind sie also keine Propheten. Drei der sechs werden Gesandte genannt, während die anderen drei lediglich die Gunst Gottes erhalten haben.

Es sollte jedoch bemerkt werden, dass die Lesung uns über Gesandte Gottes informiert, die im Koran nicht erwähnt werden:

 

40:78 Und sicher entsandten Wir schon Gesandte vor dir; darunter sind manche, von denen Wir dir bereits berichtet haben, und es sind darunter manche, von denen Wir dir nicht berichtet haben. (vgl. auch 4:164)

 

Nichtsdestotrotz ist es in der Tat wichtig, dass diese zwei Verse von Gesandten und nicht von Propheten sprechen.

 

Abschluss des Prophetentums, nicht des Gesandtentums

Es gibt einen zentralen Vers, den wir nun mit all den bisherigen Erläuterungen dazu verwenden können, um die festgestellten Unterschiede untermauern zu können:

 

33:40 Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern der Gesandte Gottes und das Siegel der Propheten. Und Gott ist in allen Dingen wissend.

 

Hier ist die Reihenfolge der Wörter sehr wichtig. Hätte Gott den Vers als „Muhammad ist … der letzte / das Siegel der Gesandten Gottes und der Propheten“ offenbart, wären sowohl das Gesandtentum als auch das Prophetentum mit Muhammad abgeschlossen. Dies widerspräche jedoch deutlich den Versen 33:7 und 3:81, da nach Muhammad noch ein Gesandter erscheinen wird.

Es gibt einige Gruppierungen, die behaupten, dass das Wort Siegel hier nicht im abschließenden Sinne gemeint sei. Dies ist aber ein sprachlicher Irrtum. Wofür steht denn sonst ein Siegel, wenn nicht für den Abschluss einer Sache? Auf Arabisch kann ich auch eine Sache wurde besiegelt (ختم الشيء – chatama asch-schayyʾ) sagen, und meine damit den Abschluss dieser Sache. Ich kann mit demselben Verb sogar sagen, dass das Ende der Lesung erreicht wurde: ختم القرءان – chatama al-qurʾān. Auch gibt es den Ausdruck, dass Gott sein Ende gut machen möge: ختم الله له بخير – chatama-llahu lahu bichayr. Es gibt noch weitere Beispiele aus den Wörterbüchern, aber ich denke, die Bedeutung des Wortes ist klar.

Das Prophetentum wurde mit Muhammad versiegelt, abgeschlossen und somit das Prophetentum beendet. Dies bedeutet in anderen Worten, dass der Prophet der letzte war, da ansonsten das Symbol des Siegels zerstört wäre. Der Abschluss wäre sonst wieder aufgebrochen. Zwar hätte das Siegel seine Funktion erfüllt, aber es bräuchte nun ein neues Siegel. Doch Muhammad ist das Siegel der Propheten, somit kam das Prophetentum zu seinem Abschluss. Es gibt weitere Ausdrücke aus der Lesung, die den Aspekt des Abschlusses verdeutlichen:

 

2:7 Versiegelt hat Gott ihre Herzen, ihr Gehör und ihre Blicke mit einer Schicht und eine gewaltige Qual ist für sie bestimmt

45:23 Hast du den gesehen, der sich zu seinem Gott seine Neigung gemacht hat, den Gott aufgrund von Wissen irregeführt, dem Er das Gehör und das Herz versiegelt und auf dessen Augenlicht eine Hülle gelegt hat? Wer nach Gott könnte ihn rechtleiten? Wollt ihr es nicht bedenken?

(vgl. auch 6:46, 36:65, 42:24)

 

Darüber hinaus gibt es eine Geschichte in der Lesung (40:28-56), welche den Irrtum der Leute beschreibt, die fälschlicherweise glaubten, dass nach dem Propheten Joseph kein weiterer Gesandter mehr käme. Diese werden dafür getadelt, dass sie ohne eine Ermächtigung über Gottes Pläne streiten (vgl. auch 40:56).

 

40:34 «Gott wird nimmermehr einen Gesandten erstehen lassen nach ihm.» Also erklärt Gott jene zu Irrenden, die maßlos und Zweifler sind
40:35 Diejenigen, die über die Zeichen Gottes streiten, ohne eine Ermächtigung erhalten zu haben, erregen damit großen Abscheu bei Gott und bei denen, die gläubig sind. So versiegelt Gott das Herz eines jeden, der hochmütig und gewalttätig ist.

 

Diese Geschichte dient uns als Anlass, dass wir nicht denselben Fehler begehen und nicht fälschlicherweise behaupten, es würden keine weiteren Gesandten nach Muhammad mehr erscheinen.

Das Prophetentum ist abgeschlossen und somit werden keine neuen Propheten mehr erscheinen und alle, die sich als Propheten ausgeben, können als Scharlatane abgelehnt werden. Der Gesandte Gottes jedoch, der nach Muhammad kommen soll, wird die Botschaften Gottes reinigen und vereinen, indem er die Entstellungen und Verzerrungen aufdeckt und die Menschen in der Volkssprache aufklärt.

 

Zusammenfassung

In Anbetracht der Ergebnisse können wir die Erkenntnisse wie folgt zusammenfassen:

  1. Ein Gesandter (rasūl) übermittelt eine Botschaft. Dies, indem er eine verzerrte oder entstellte Botschaft wiederherstellt und erneut verbreitet (5:15, 5:19), wodurch er noch kein Prophet ist, oder durch eine Botschaft, die ihm offenbart wurde, was ihn dann zu einem Propheten (nabiy) werden lässt.
  2. Ein Prophet erhält eine Botschaft als Offenbarung und hält sie in einem Buch fest. Gleichzeitig hat er sie öffentlich zu übermitteln und zu verkünden, was ihn auch stets zu einem Gesandten macht.
  3. Gott schickt die Gesandten als Botschafter und Warner als eine göttliche Barmherzigkeit zu den Kindern Adams, jeweils für ein Volk in der jeweiligen Sprache. (16:36, 14:4)
  4. Den entscheidenden Unterschied macht der Vers 33:40, indem Gott Muhammad als einen Gesandten (nicht den letzten!) und als das Siegel der Propheten nennt, womit Gesandte keine Propheten sein müssen.
  5. Es gibt nur eine Geschichte in der Lesung, in der vom Ende der Sendung von Gesandten die Rede ist. In dieser Geschichte wird die Behauptung, dass es keine weiteren Gesandten mehr gäbe, kritisiert. (40:28-56)
  6. Gott ging mit den Propheten, inklusive Muhammad, einen Bund ein bzgl. eines spezifischen Gesandten, der nach dem letzten Propheten kommen wird. (3:81, 33:7)

Gibt es den Segen auf den Propheten saw oder sas im Islam bzw. im Koran?

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Frieden sei mit uns allen, liebe Geschwister und Freunde, und Gottes Segen und Seine allumfassende Barmherzigkeit!

 

35:10 … Zu Ihm steigt das gute Wort, und (erst) die rechtschaffene Tat lässt es aufsteigen! …

 

Dieser Beitrag wird weh tun, ja sehr weh tun und schwer zu verdauen sein für jene, die ihr Leben lang nur die Tradition und die Lesung (deutsch für „Koran“, arabisch: al-qurʾān) nur wenig oder oberflächlich und über Lippenbekenntnisse und weniger über Taten kannten. Wenn Sie zu dieser Sorte von Menschen gehören, die lieber ihre Tradition aufrecht erhalten möchten als zu erfahren, was in der Lesung (Koran) wirklich steht, dann können Sie gleich aufhören zu lesen. Wenn Sie lieber ihre Vorfahren, Vorväter, den Imam in Ihrer Moschee, Ihr soziales Umfeld zufrieden stellen und Ihre Illusion über Ihr eigenes Selbst schützen wollen, dann wird dieser Artikel wie eine versalzene Suppe daherkommen, in dem jedes Wort schwer durch Ihren Hals geht und im Magen dann erst so richtig säuert. Wenn Sie zudem den Propheten Mohammed auf unrealistische Weise als einen fehlerlosen Supermenschen betrachten, aufgrund dessen die gesamte Schöpfung erschaffen sei laut einem erfundenen Ausspruch (Ḥadīṯ), und ihn als das beste Geschöpf unter den Geschöpfen betrachten, dann werden Sie zu denen gehören, die uns damit zu Unrecht beschuldigen, dass wir den Propheten hassen würden, weil wir ihn so darstellen, wie er wirklich war: ein fehlerbehafteter Mensch, der aufgrund seiner Tugenden und seines Charakters einschließlich seiner Fehler dennoch als schönes (nicht schönstes!) Vorbild für uns gilt. Aufgrund seiner Fehler wissen wir, was wir nicht wiederholen sollten und aufgrund seiner Tugenden, die in der Lesung selbst beschrieben werden, können wir uns im Verrichten heilvoller und guter Taten üben.

Gehören Sie aber zu jenen wenigen Menschen, die wirklich interessiert sind an dem, was Gott in der Lesung mitteilt, dann wird dieser Artikel eine willkommene Erfrischung für Ihren Geist darstellen und Sie werden eventuell das Rezept der Suppe sogar zu verfeinern wissen. Aufklärerisch eingestellte Menschen werden so erfahren, was in ihrer bisherigen Betrachtung auf unreflektierter Tradition fußte. Gleichzeitig werden sie diesen Artikel auch hinterfragen und nichts ungeprüft hinnehmen, da dieses Prinzip der Aufklärung in der Lesung selbst verankert ist (17:36). Diese im Geiste vernünftig denkenden Menschen werden die hier vorgestellten Erkenntnisse weder vorschnell abweisen noch sich auf die Tradition berufen, weil sie sehr gut wissen, dass das Wort Gottes in der Lesung dieses Verhalten ablehnt (2:44, 10:100, 8:22, 10:38-39, 2:170, 23:24, 7:70, 11:62, 11:87, 26:74, 28:36, 34:43).

 

2:170 Und wenn ihnen gesagt wird: Folgt dem, was Gott herabsandte. Dann sagen sie: Vielmehr folgen wir dem, was wir bei unseren Vätern vorfanden. Auch dann, wenn ihre Väter weder etwas verstanden noch Rechtleitung fanden?

 

In Bezug auf die Botschaft Gottes dürfen wir uns also nicht blind auf unsere Vorväter verlassen, sondern müssen die Argumente und die Verse genau untersuchen und den Sachverhalt genau abwägen. Betrachten wir nun den sogenannten Segensspruch oder die Eulogie SAW oder SAS im Islam (auf Deutsch: Gottergebenheit). Diese Abkürzung kommt auch in den Varianten SAWS, SAAWS oder einfach nur als S vor. Ausgeschrieben wird diese traditionelle Eulogie, auf Arabisch auch als taṣliyyah (تصلية‎) bekannt, transliteriert als ṣallā ‚llāhu ʿalayhi wa-sallam (in salopper Form auch salla Allahu alayhi wa salam) und bedeutet sinngemäß nach heute geläufigem Verständnis der Worte: Möge Gott ihn segnen und Frieden/Heil geben.

Fest steht, dass dieser Spruch schon sehr lange vorhanden war, wie dies an der Inschrift am Felsendom ersichtlich ist. Dieser Spruch wird meist aufgrund des folgenden Verses 33:56 begründet, der auch am Felsendom zitiert wird. Leider wurde und wird dieser Vers in seiner Bedeutung katastrophal verzerrt und in einem in sich unschlüssigen Verständnis wiedergegeben, wie man unschwer an den gängigen Übersetzungen erkennen kann:

 

إن الله وملئكته يصلون على النبى يأيها الذين ءامنوا صلوا عليه وسلموا تسليما

(Transliteration) ‚Inna Allāha Wa Malā’ikatahu Yuṣallūna ʿAlá An-Nabīyi Yā ‚Ayyuhā Al-Laḏīna ‚Āmanū ṣallū ʿAlayhi Wa Sallimū Taslīmāan
(Khoury) Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. O ihr, die ihr glaubt, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn mit gehörigem Gruß.
(Azhar) Gott nimmt den Propheten in Seine Barmherzigkeit auf und erweist ihm Seine Huld, und Seine Engel sprechen den Segen über ihn. Ihr Gläubigen, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn, wie es sich ziemt!
(Ahmadiyya) Allah sendet Segnungen auf den Propheten und Seine Engel beten für ihn. O die ihr glaubt, betet (auch) ihr für ihn und wünschet ihm Frieden mit aller Ehrerbietung.
(Paret) Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn)
(Bubenheim) Gewiß, Allah und Seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. O die ihr glaubt, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn mit gehörigem Gruß.
(Rassoul) Wahrlich, Allah sendet Segnungen auf den Propheten, und Seine Engel bitten darum für ihn. O ihr, die ihr glaubt, bittet (auch) ihr für ihn und wünscht ihm Frieden.
(Zaidan) Gewiß, ALLAH gewährt dem Propheten Gnade und die Engel erbitten sie für ihn. Ihr, die den Iman verinnerlicht habt! Macht für ihn Salah und begrüßt (ihn mit) einer Salam-Begrüßung!

 

Die rot markierten Stellen gibt es im arabischen Wortlaut nicht. Die schwarzen Stellen sind Interpretationen der Übersetzer der fett markierten Ausdrücke aus der Transliteration. Betrachten wir einmal die einzelnen Worte aus diesem Vers, ohne die fett markierten Stellen aus der Transliteration zu übersetzen, da sie der Gegegenstand unserer Betrachtung sind:

‚Inna
Allāha
Wa Malā’ikatahu
Yuşallūna ʿAlá
An-Nabīyi
Yā ‚Ayyuhā
Al-Ladhīna
‚Āmanū
Şallū `Alayhi
Wa Sallimū
Taslīmāan
Gewiss, Wahrlich, Sicherlich
der Gott
und Seine Engel
Yuşallūna über
den Propheten
O ihr
diejenigen
glaubten
Şallū über ihn
und Sallimū
Taslīmāan

 

Wir sehen also alleine aufgrund der Verwendung der Worte, dass es sich hierbei um einen Aufruf handelt, etwas Konkretes zu tun. Dies ist bereits der erste klare Unterschied zur Aufforderung etwas auszusprechen. Hier steht nirgends etwas Ähnliches wie: Sagt (Qūlū)… Vielmehr müssen wir Ṣalāh ausüben auf den Propheten.

Dadurch, dass sich die Menschen in der Tradition darauf festlegten, diesen Vers in mündlicher Form in der bekannten Form wiederzugeben, haben sie sich selbst gerade das Bein gestellt. Statt dass sie dem Aufruf Gottes folgen, Ṣalāh zu üben auf den Propheten in Form einer konkreten Handlung und Tat, sagen sie vielmehr sinngemäß: Nein, Gott, wir machen kein Ṣalāh auf den Propheten, (vielmehr) mache Du Ṣalāh auf den Propheten. Dies ist die direkte Bedeutung des auch sehr oft verwendeten Ausdrucks Allahumma Salli ‚alâ Muhammad, wie er beispielsweise auch in der sogenannten At-Taḥiyyatu vorkommt, in dem nahezu Lobgesänge auf Abraham und Muhammad vorkommen und dem Wesen des Monotheismus (tawḥīd) deutlich widersprechen. Nicht die Propheten stehen im Fokus, sondern vielmehr Gott. Die Gebete gelten nur für Gott und deshalb dürfen wir diesen falschen Gebetsspruch nicht äußern, auch weil wir keine Unterschiede unter den Gesandten machen dürfen. Statt dass wir den Ṣalāh ausüben, fordern wir Gott auf, diesen doch auszuüben!

Stellen Sie sich einmal vor, wie Sie einen Freund auffordern, der neben dem Fenster steht: Schließe bitte das Fenster! Und als Reaktion wird nicht das Fenster geschlossen, sondern gesagt: Schließe du das Fenster! Dieselbe Logik ist in diesem Ausspruch enthalten. Da Arabisch traditionell gesehen aber zu heilig ist zum Verstehen, fällt dies einem auch erst gar nicht auf. Wir müssen wieder damit beginnen, die Lesung (Koran) zu verstehen.

Menschen greifen verzweifelt nach einer Box: Die Verehrung des Propheten gegen seinen Willen

Menschen greifen verzweifelt nach einer Box, weil sie glauben, darin befänden sich die Haare des Propheten Muhammad: Der Ausdruck der falschen Verehrung des Propheten gegen seinen Willen

Viele Sunniten und Schiiten glauben, dass sie sogenannte Pluspunkte (Ḥasanāt) erhalten werden, alleine indem sie diese der Lesung (Koran) widersprechenden Segenssprüche wiederholen. Doch wir haben eingangs gelesen, dass nicht die Worte allein reichen, sondern vielmehr die rechtschaffenen Taten erst die Worte bestätigen und zu Gott aufsteigen (35:10). Wenn wir dabei noch den fünften Vers des ersten Kapitels aus der Lesung bedenken, dann wüssten wir, dass Gottes Botschaft alleine im Zentrum stehen soll. Somit ist der sogenannte traditionelle Segensspruch „sas im Islam“ als ein verzerrtes, falsches Verständnis abzulehnen. Der Irrglaube, hunderte Male diesen erfundenen, falschen Segensspruch auszusprechen (dazu noch Apps wie ‚Zikirmatik‘ runterladen oder noch schlimmer kaufen), schütze einen direkt vor der Hölle, wäre ja doch zu einfach gewesen! Dies ist der Zerfall der Religion schlechthin: Einfach sinnlos Aussagen wiederholen lassen, damit man ja nichts tun müsse. Das sprichwörtliche Opium des Volkes.

Dabei bedeutet „Zikir“ auch nicht, ständig „Allah, Allah, Allah, Allah,“ zu sagen, wie es die Sufis in ihrem Rausch tun. Ḏikr ist das Gedenken Gottes in sämtlichen Lebenslagen (33:41). Das Gedenken Gottes ist, wenn man beispielsweise vor der Wahl steht, das Geld, das irgendein Passant auf der Straße soeben verlor, ihm zurückzugeben, weil man die moralischen Prinzipien aus der Lesung befolgt und weiß, dass man rechtschaffen handeln muss (35:10) und dass wir uns nicht den materiellen Werten, sondern Gott allein hingeben müssen und gerade deshalb human handeln aus Liebe zu Gott (65:3, 39:36). Das Gedenken Gottes bedeutet also das Bewusstsein für Gottes Gegenwart zu entwickeln.

Ein weiterer Widerspruch ist der Umstand, dass Muhammad in der Lesung viermal erwähnt wird (3:144, 33:40, 47:2, 48:29), aber in keine dieser vier Stellen erwähnt Gott den angeblichen Segensspruch nach seinem Namen. Hier ließe sich fragen: Hat Gott etwa Seinen eigenen Segensspruch vergessen, selbst im selben Kapitel 16 Verse davor (33:40)?

Eine weitere Ungereimtheit ist die Tatsache, dass das Wort „Segen“ auf Arabisch barakah lautet und nicht Ṣalāh. Das Wort „Segen“ kommt in der Lesung auch mehrmals vor (nur ein Beispiel: 19:31), weshalb diese Bedeutung eindeutig ausgeschlossen werden kann.

Darüber hinaus werden die Gläubigen dazu aufgefordert, die Namen der Gesandten aufzusagen (und diesmal wörtlich sagen), ohne dabei irgendwelche Beisätze auszusprechen:

 

2:136 Sagt: Wir glaubten an Gott und was zu uns herabgesandt wurde und was zu Abram, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen herabgesandt wurde und was Moses und Jesus zukam und was den Propheten zukam von ihrem Herrn. Wir unterscheiden zwischen keinem von ihnen und ihm sind wir ergeben (Siehe auch 3:84)

 

Was bedeutet nun Ṣalāh ausüben auf den Propheten? Gott und die Engel üben Ṣalāh auf den Propheten aus laut 33:56. Deshalb sollen wir das ebenso tun und dies ist ausdrücklich Gottes Wille. Ṣalāh bedeutet in diesem Zusammenhang eine Verbundenheit, eine Unterstützung und eine Hilfe aufzubauen.

Dies kommt daher, weil Ṣalāh im Wesentlichen Kontakt bedeutet. Die traditionelle Vorstellung und Verständnis des Wortes ist dermaßen verbreitet, dass selbst namhafte Philologen wie E. W. Lane unter Salāh nur die Glorifizierung verstanden haben. Nichtsdestotrotz ist die Grundbedeutung der Wurzel ṣad-lām-wāw (S-l-w) zu verbinden oder nahe zu folgen, wie an den Wörtern muṣallin (مصلٍ) oder islá (اصلى) vom vierten Verbstamm zu erkennen ist, womit die zweite Position zum Beispiel in einem Rennen beschrieben wird, weil man der ersten Position nachfolgt. Ebenso ist dies am Wort ṣalā (صلا – اصلى) zu erkennen, womit der mittlere Bereich des Rückens, das Rückgrat angedeutet wird (siehe J. G. Hava, Seite 396). Es gibt auch ein Verb (ṣalā/ṣalawā – صلا/صلوا), wie man jemanden berühren kann am Rücken (siehe auch das Glossar von Penrice, Seite 85, oder auf Französisch Kazimirski, Seite 1365). Alles in allem kann man damit also sagen, dass man das Rückgrat eines Anderen stärken und stützen möchte. Deshalb bedeutet in diesem Vers 33:56 Ṣalāh unterstützen. Deshalb bedeutet auch das Kontaktgebet (aṣ-ṣalāh) eben Kontaktgebet, weil wir in Verbindung mit Gott treten und unsere eigenen Seelen dadurch stärken und Gottes Unterstützung erhoffen. Nicht umsonst rezitieren wir dabei das erste Kapitel der Lesung, worin wir sagen: Dir allein dienen wir und Dich allein ersuchen wir um Hilfe!

Gott und die Engel sind mit dem Propheten verbunden, unterstützen ihn und helfen ihm. Wir sollen deshalb den Propheten ebenso unterstützen, ihm helfen und eine Verbundenheit zu ihm aufbauen. Wie können wir am besten diese Verbundenheit aufbauen? Indem wir naturgemäß der von ihm überlieferten Botschaft Gottes folgen und unseren Worten konkrete Taten folgen lassen! Dies beinhaltet beispielsweise die Bedürfnisse eines Bedürftigen in Erfahrung zu bringen, für Verbesserung zu sorgen in der Gesellschaft, gegen Ungerechtigkeiten die Stimme zu erheben, da wir nur Gott zu fürchten brauchen, und konkret etwas zu unternehmen! Wenn wir tatsächlich Ṣalāh ausübten auf den Propheten, also seine Botschaft, die er im Namen Gottes verkündete, unterstützen, umsetzen und zu ihr eine Verbindung aufbauen, dann hätten diktatorische Regimes erst gar keine Chance. Wir würden das bloße aussprechen und sinnlose Repetieren sein lassen und würden uns mit rechtschaffenen Taten beschäftigen.

 

2:157 Auf jenen sind Ṣalawāt von ihrem Herrn und Barmherzigkeit und jene sind die Rechtgeleiteten

 

Wir sehen also, dass nicht nur der Prophet diese Unterstützung (Ṣalāh), diese Verbundenheit von Gott erhält, sondern genauso die Menschen, die rechtschaffen handeln. Gute Menschen werden von Gott unterstützt.

 

33:43 Er ist es, der euch unterstützt (Ṣalāh ausübt), und auch seine Engel, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausführt. Und Er ist barmherzig zu den Gläubigen.

 

Sich gegenseitig zu unterstützen bedeutet, mit Gottes Hilfe Auswege aus schwierigen Zeiten und Umständen zu bieten. In diesem Vers wird nochmal deutlich, was die semantische Bedeutung von Salāh ist: Durch die Hilfe, die Unterstützung für die und die Verbundenheit (die Liebe) Gottes und der Engel zu den Gläubigen, die durch ihre Taten Rechtschaffenheit beweisen, aus den Finsternissen ins Licht geführt werden.

Das letzte Verb sallam kann mehrere Bedeutungen wiedergeben. Ein Aspekt ist tatsächlich die Begrüßung und ein anderer die „Sicherheit und Unversehrtheit“. Hans Wehr überträgt dies als „Heil“. Dies, weil die Wurzel s-l-m, von der auch die Wörter Muslim (Gottergebener) und Islām (Gottergebenheit) abstammen, in der Grundbedeutung den Zustand der Unversehrtheit, Widerstandslosigkeit und Tadellosigkeit wiedergibt. Da der erste Teil ein Aufruf für die Unterstützung ist, sehen wir den letzten Teil des Verses 33:56 als Aufruf, für die gegenseitige Unversehrtheit, für das gegenseitige Heil in geistiger und körperlicher Form zu sorgen. Mit all diesen Informationen lässt sich der Vers also sinngemäß genauer wie folgt übersetzen:

 

33:56 Gewiss, Gott und Seine Engel unterstützen den Propheten. O ihr, die ihr glaubtet, unterstützt ihn und sichert in Absicherung

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Offene Fragen

Jede Methodik hat ihre Stärken und Schwächen. Auch wenn ich von der Stärke der Methodik überzeugt bin und sie meines Erachtens künftig neue Wege eröffnen wird für klassische Richtungen wie die Rechtsfindung (uṣūlu-l-fiqh), so werde ich mit der Methodik nicht alle Fragen klären können. Wir haben einerseits das nützliche Wissen älterer Gelehrten wie zum Beispiel Taqī ad-Dīn Aḥmad b. Taymīya aufzugreifen und es um das Verständnis der Lesung zu erweitern. Nichtsdestotrotz müssen wir eine klare Trennung vornehmen zwischen den in der Lesung behandelten Themen und den Themen, die außerhalb der Schrift diskutiert werden. Ansonsten sehen wir uns mit der menschenverachtenden und anti-gottergebenen Problematik konfrontiert, die wir beispielsweise beim als authentisch eingestuften Ausspruch „man baddala dīnahu faqtulūhu“ (tötet den, der seine Religiön ändert) aus Buchārī erhalten.

Natürlich wird meine Methodik nicht alles erklären können und deshalb möchte ich zwei Beispiele aus den vielen vorhandenen anführen, wonach ich immer noch zu keiner Lösung gelangt bin und keine zufriedenstellende Antwort in der Interpretation fand. Ich vertraue aber darauf, dass Gott mir irgendwann in der Zukunft die Antworten gibt, so Gott will (20:114).

So Gott will werden vielleicht einige Leser dadurch angestoßen, diese Fragen weiter zu studieren und finden unter Umständen gerade dadurch die Antworten?

 

Unterschied von ʿām und sanah

In der Lesung gibt es zwei unterschiedliche Wörter, die für das Wort „Jahr“ verwendet werden:

  • ʿām (Wurzel ʿayn-wāw-mīm: 2:259, 9:28, 9:37, 9:126, 12:49, 29:14, 31:14),
  • sanah, pl. sinīn (Wurzel sīn-nūn-wāw: 2:96, 2:259, 5:26, 7:130, 10:5, 12:42, 12:47, 17:12, 18:11, 18:25, 20:40, 22:47, 23:112, 24:43, 26:18, 26:205, 29:14, 30:4, 32:5, 46:15, 70:4).

Im Moment können wir keine wirkliche Erklärung liefern, wieso es in der Schrift Gottes diese beiden unterschiedlichen Wörter gibt, die beide dasselbe meinen sollten.

Es gibt jedoch zwei Ansätze, die wir während der Erstellung der Hanif-Übersetzung erarbeitet haben.

  1. Möglicherweise wird mit diesen beiden Worten der Unterschied zwischen einem lunaren und solaren Jahr verdeutlicht.
  2. Wird womöglich das eine Wort (ʿām) eher für ein gutes, das andere eher für ein schlechtes Jahr (sanah) gebraucht?

Zum ersten Ansatz: Laut der Lesung gelten beide Kalenderformen (10:5, 55:5). So wäre ʿām für ein Mondjahr gedacht und sanah für ein Sonnenjahr. Dies begründet sich auf den Vers 17:12, wonach das Tageslicht mit der Anzahl an Sanah-Jahren zusammen erwähnt wird, die Sonne also mit sanah in Verbindung gebracht wird. Interessant und gleichzeitig problematisch für diese Betrachtung ist in dieser Hinsicht Vers 29:14, in dem beide Wörter vorkommen und nach welchem Noah 1000 Sonnenjahre minus 50 Mondjahre unter den Menschen verweilt haben soll. In Anbetracht dieser Zahl lässt sich also diese Variante hinterfragen, doch könnte mit dieser Zahl nicht die Lebensdauer gemeint sein, sondern unter Umständen die zeitliche Wirkungsreichweite der Botschaft von Noah?

Hier gibt es auch noch zusätzlich die Anmerkung gewisser Kommentatoren, dass in älteren Kulturen das Wort „Jahr“ für einen Monat nach unserem Verständnis gebraucht wurde. Insofern wären 1000 „Jahre“ also gerundet 83 Jahre nach unserem Verständnis.

Doch in 10:5 wird das Wort sinīn für beide Jahresberechnungen genommen, was diesen Ansatz wiederum in Frage stellt. Für den Moment übersetzen wir in unserer Hanif-Übersetzung die Begriffe nach diesem Ansatz.

Zum zweiten Ansatz: Die Grundlage für diese Betrachtung ist vor allem das zwölfte Kapitel der Lesung. Die Verse 12:47–49 gebrauchen die Wörter spezifisch auf eine bestimmte Bedeutung ausgerichtet:

 

12:47–49 Er sagte: Ihr baut fortwährend sieben Jahre (sinīn) an. Was ihr erntetet, lasst in seinen Ähren, außer ein wenig von dem, was ihr verzehrt. Dann kommen danach sieben harte, die das verzehren, was ihr dafür vorbereitetet, außer ein wenig von dem, was ihr aufbewahrt. Dann folgt darauf ein Lunarjahr (ʿām), in dem den Menschen geholfen wird und in dem sie beregnet werden und sie pressen

 

Auch der Vers 7:130 lässt diesen Ansatz plausibel erscheinen:

 

7:130 Und wir ergriffen bereits die Leute Pharaos mit Jahren (sinīn) mit Mangel an Früchten, auf dass sie sich entsinnen.

 

Mit diesem Ansatz ließe sich auch 29:14 erklären, wonach die Zeitspanne als Sprichwort aufgefasst werden kann: Noah verbrachte nur eine kurze Zeit der Erleichterung und der Güte, wobei die Zeit der Erschwernis viel länger dauerte. Hierbei wird auch davon ausgegangen, dass die Zahl 1000 auf Arabisch auch stellvertretend für „viel“ gebraucht werden kann. Doch dann lässt sich wiederum hinterfragen, wie man in einem durchschnittlich 80–100 (Sonnen)jahre andauernden Menschenleben die 50 jährige, gute Zeitspanne als kurz bezeichnen kann? Oder man nimmt an, dass die 50 Jahre im Gegensatz zum „viel“ dann ebenso einfach die „kleine Zahl neben 1000“ meint. Damit hätten wir keine Informationen mehr in Zahlen, sondern nur noch in der Bedeutung: Ein Großteil seines Lebens war bis auf einen kleinen Teil mühselig.

Beide Ansätze haben ihre Schwächen und müssen deshalb genauer untersucht werden. Die in diesem Buch vorgestellte Methodik hat mich bislang noch zu keinem klaren Ergebnis geführt.

 

Gottes Schwören in der Lesung

Es gibt zahlreiche Verse in der Lesung, nach denen Gott schwört. Was bedeutet das Schwören bei Gott? Wieso sollte der Schöpfer schwören?

 

89:1–5 Beim Morgenanbruch, bei den zehn Nächten, beim Ergänzenden und Anschließenden und bei der Nacht, wenn sie zurückgeht! Ist darin ein Schwur für einen sich Besinnenden?

 

Gleichgültig wie der arabische Begriff qasam für Schwur übersetzt wird, ob Schwur, Eid oder Gelöbnis, so ergibt sich stets dieselbe Problematik. Betrachten wir die 33 Stellen in der Lesung aus den 31 Versen136, so kommt die Wurzel wie folgt vor:

  • Zweimal als erster Verbstamm qasama (قسم) in 43:32: verteilen.
  • Einmal als dritter Verbstamm qāsama (قاسم) in 7:21: schwören, mitteilen (Ansicht verteilen), Anteil haben.
  • Zwanzigmal als vierter Verbstamm aqsama (أقسم): schwören, Mitteilung veranlassen, Anteil zu haben veranlassen.
  • Einmal als sechster Verbstamm taqāsama (تقاسم) in 27:49: untereinander verteilen.
  • Zweimal als das Nomen qasam (قسم) in 56:76 und 89:5: Schwur, Mitteilung.
  • Dreimal als das Nomen qismah (قسمة) in 4:8, 53:22 und 54:28: Anteil, Teilung, Teil.
  • Einmal als das passive Partizip des ersten Verbstammes maqsūm (مقسوم) in 15:44: geteilt.
  • Einmal als das plurale aktive Partizip des zweiten Verbstammes muqassimāt (مُقَسِّمَٰت) in 51:4: verteilenden.
  • Einmal als das plurale aktive Partizip des achten Verbstammes muqtasimīn (مُقْتَسِمِين) in 15:90: Die Geteilten.

Allgemein ist die sprachliche Bedeutung von der Wurzel q-s-m eher teilen, aufteilen, unterteilen, Anteil haben als schwören. So gibt es auch Wörter wie qism (pl. aqsām), die auch auf Türkisch noch verwendet werden (kısım) und Abteilung, Ausschnitt, Bestandteil, Sektion, Stück oder Teil bedeuten. Von einem Schwur ist weit und breit nirgends die Rede. Die Bedeutung „schwören“ hat sich sehr wahrscheinlich dadurch gebildet, dass man sich selbst an das Gesagte binden wollte, also seinen Anteil an der Sache haben wird. Deshalb heißt auf Arabisch qasīm auch nicht Schwörender, sondern vielmehr Partner, der seinen Anteil an der Sache hat, oder auch Teilnehmer. Die Wurzel lässt sich also mit dem Wortstamm „teil“ umschreiben (aufteilen, zuteilen, verteilen, …).

Nebst dieses klaren Bedeutungsschwerpunktes der Wurzel sahen wir uns im Hanif-Team im Zuge unserer Übersetzung noch mit folgendem Problem konfrontiert: Es gibt Verse, die werden grammatikalisch speziell behandelt, obwohl die Grammatik einfach und klar und keine Sonderbehandlung der Verse nötig ist. Gemeint ist die Verneinung des Verbs in folgendem Vers:

 

70:40 So schwöre ich nicht beim Herrn der Aufgänge und der Untergänge, da wir gewiss dazu fähig sind

 

Betrachten Sie nur einmal die Übersetzungen der anderen Übersetzer. Dieser Vers wird fast einstimmig mit einem „Nein“ eingeleitet in den übrigen Übersetzungen. Der Schwur wird nicht mehr verneint:

 

70:40 Nein, Ich schwöre beim Herrn der östlichen und der westlichen Gegenden, Wir haben dazu die Macht,137

 

In der Lesung gibt es acht Verse in dieser Form (56:75, 69:38, 70:40, 75:1, 75:2, 81:15, 84:16, 90:1). Dabei ist die Grammatik doch sehr einfach: lā uqsim. Ein Verb in der Gegenwart wird verneint, indem das Verneinungspartikel lā vorangestellt wird. Die Bedeutung ist also klar: Ich schwöre nicht / ich teile nicht mit.

Natürlich gibt es die Erklärungen alter Kommentatoren wie Ibn Kaṯīr, von dem ich gelinde gesagt nicht viel halte, oder Zamachscharī (gest. 1143) oder auch die Erklärung in Lisān al-ʿarab, die diese Verse erläutern, dass damit ganz sicher ein „ich schwöre“ gemeint sei. In Kapitel lām in lisān al-ʿarab steht das Beispiel aus Vers 75:1 und wird so kommentiert, dass es unter den Menschen keine Uneinigkeit gegeben habe in der Bedeutung dieses Verses als „ich schwöre beim Tag der Auferstehung“.138 Zamachscharī hingegen sieht in dem Ausdruck „lā“ auch eine erhöhte Verstärkung der Bedeutung (مزيدة مؤكدة), womit die Bedeutung in etwa als „Nein, ganz bestimmt schwöre ich!“139 wiedergegeben werden könne. Er gibt hierfür Vers 57:29 als Beispiel an, ohne diesen Vers wiederum weiter zu erklären. Des Weiteren wird das Verneinungspartikel auch als nichtssagender Zusatz verstanden. Dieses Phänomen ist bekannt als redundante Negation oder als pleonastische Verwendung (laghw). Das heißt, dass man diese Verneinungszusätze genauso gut auslassen könnte, da sie keine zusätzliche Information im Satz tragen. Doch wieso sollte Gott aus rhetorischen Gründen eine nichtssagende Verneinung einsetzen? Wieso gerade bei so einem gewichtigen Verb wie schwören?

Darüber hinaus gibt es die Behauptung, dass am Anfang eines Satzes diese Verneinung als ein Ausdruck der Antwort auf etwas Vorhergehendes verstanden werden sollte.140 Dabei spiele es auch keine Rolle, wenn das Verneinungspartikel am Anfang eines Kapitels steht, denn die gesamte Lesung sei auch als Einheit aufzufassen.

Diese Erklärungen sind sehr mager begründet, denn einerseits ist ein Argument wie die Behauptung „keine Uneinigkeit unter den Menschen“ geradezu sinnlos und historisch gesehen falsch, andererseits begründet Zamachscharī seine Meinung fadenscheinig und gibt nur die Mehrheitsmeinung wieder ohne tiefgreifende Analysen aufzuzeigen. Dabei gibt es für den Ausruf der Verneinung „Nein!“ bereits andere Wörter in der Lesung wie kallā (كَلّا – Beispielverse: 70:39, 78 :4 oder 83:15), bal im Sinne von „jedoch“ (بل – Beispielverse: 85:21, 87:16 oder 84:22) oder balá ebenso im Sinne von „doch, aber“ (بلى – Beispielverse: 57:14, 75:4 oder 84:15). Wieso sollte also Gott, dessen Wortschatz unermesslich reich ist, verschiedene Wörter für dieselben sprachlichen Ziele verwenden und die Vielfalt einschränken und Verwirrung stiften?

Auch die Behauptung, dass das Verneinungspartikel am Anfang eines Kapitels oder Satzes als Ausdruck der Antwort verstanden werden sollte, scheitert am Beispiel 75:1, wonach die vorhergehenden Verse 74:53–56 keinen direkten thematischen Bezug zu 75:1 aufweisen.

Es gibt demnach keine stichhaltige Begründung für die Übersetzung „Nein, ich schwöre“ – ganz zu schweigen vom Schwören überhaupt, auch wenn es laut 89:5 die Menschen zum Nachdenken anregen sollte, auf dass sie die besonderen Umstände und Zeichen bedenken mögen. Es soll also unsere Aufmerksamkeit auf den Gegenstand des Schwurs lenken. Dennoch ist das Schwören Gottes eine wichtige theologische Frage, ob Er wirklich schwört. Bedeutet dieses Verb nicht eher etwas mitteilen?

Um den Vorwurf „Wir leben heute über 1400 Jahre später und die damaligen Araber werden es sehr wohl besser gewusst haben, wie die arabische Sprache, insbesondere die arabische Sprache der Lesung zu verstehen sei“ gleich vorneweg aus dem Weg zu räumen, möchte ich einen sehr bedeutenden Gelehrten und großartigen Grammatiker anführen in dieser Thematik: Abū Hayyān Al-Gharnāti (gest. 1344). Er war beispielsweise bezüglich Vers 90:1 auch der Meinung, dass die Verneinung (nafiy) und nicht eine versteckte andere Bedeutung gemeint sei, weil die Angelegenheit so klar ist, dass Gott nicht zu schwören braucht.141

Deshalb finden Sie in unserer Hanif-Übersetzung die folgende Übertragung der Verse 89:1–5 aufgrund des klaren Wurzelschwerpunktes und der offensichtlichen Grammatik:

 

89:1 Und der Morgenanbruch
89:2 Und zehn Nächte
89:3 Und das Ergänzende und das Anschließende
89:4 Und die Nacht, wenn sie zurückgeht
89:5 Ist darin eine Mitteilung für einen sich Besinnenden

 

Dennoch ist die Diskussion um die Bedeutung des Mitteilens/Schwörens nicht vollends abgeschlossen.

Ebenso ließe sich in diesem Zusammenhang diskutieren, ob das „wa“ in der Lesung überhaupt als Schwören verstanden werden kann, wenn es andere Beispielschwüre gibt, wie in 12:85 ersichtlich ist:

 

12:85 Sie sagten: “Bei Gott! (ta-allāh) Du hörst nicht auf, Josef zu erwähnen, bis du dich verzehrt hast oder zugrunde gehst”

 

Das „ta“ in Ta-allāh erfüllt dieselbe Funktion wie „bei“ auf Deutsch in einem Schwur, wie es in 12:85 verwendet wird. Wieso also auch das „wa“ als Einleitung für einen Schwur verstehen? Dieser Frage stehen zunächst andere Verse gegenüber, die sprachlich genauer untersucht werden müssen, bevor wir zu einem Schluss gelangen. Ein Beispiel sei angegeben:

 

19:68 Doch, bei deinem Herrn, wir werden sie versammeln, auch die Satane. Danach werden wir sie um die Hölle kriechend bringen.

Transliteration:
fawarabbika lanaḥschurannahum wasch-schayāṭīn ṯumma lanuḥḍirannahum ḥawla dschahannam dschiṯiyyan

 

In diesem Vers wird „wa“ als eine leichte Schwurform verwendet, zumindest aber um eine rhetorische Bekräftigung zu erwirken. Der Satz ließe sich schwer als „Doch und dein Herr“ übersetzen ohne merklich die Bedeutung zu verwässern. Deshalb muss eine umfassende Betrachtung dieser Verwendungsart nach den in diesem Buch beschriebenen Regeln und Prinzipien vorgenommen werden, um die Unterschiede zu klären und um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Erklären, Offenbarung und Gehorsam

Das Verb „erklären“ oder auch „klarmachen“ ist sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch mehrdeutig. So wie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ keine ausführliche, in jeglicher Hinsicht ausformulierte Erklärung meint, sondern eine Erklärung im Sinne einer Verkündigung, verhält es sich ähnlich mit dem Aufruf an den Gesandten, die Lesung zu „erklären“, ihn also nicht zu verbergen. Mit dieser „Erklärung“ wird die Grundidee einer zu vermittelnden Botschaft dargelegt, wie eben im Falle der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die selbst juristisch für jeden Staat neu ausgelegt werden. Ich belege meine Behauptung durch den Wortgebrauch im folgenden Vers:

 

3:187 Und als Gott die Verpflichtung derer entgegen nahm, die die Schrift erhielten: Ihr müsst sie den Leuten klarmachen (latubayyinunnahu) und dürft sie nicht verborgen halten (taktumūnahu)! …

 

Demnach ist es klar, dass dieser Vers zwei gegensätzliche Verben beinhaltet:

  • bayyana: proklamieren, klar/sichtbar machen, zeigen, etc.
  • katama: verbergen, unsichtbar machen, verstecken, etc.

Wenn wir auf Arabisch zum Beispiel „dschāʾanā al-bayān at-tālī“ (جاءنا البيان التالي) sagen, so bedeutet dies sinngemäß „Zu uns kam folgende Verkündung.“ Hier wird al-bayān als Verkündung verstanden. Die Wurzel des Verbes bā-yā-nūn (ب ي ن) kommt in der Lesung 523 Mal vor in dreizehn verschiedenen Wortformen (darunter 266 Mal als das Wort „zwischen“: bayn – بَين). In ihrem Kern sagt diese Wurzel aus, dass etwas „klar“ ist. Deshalb werden Wörter wie „Erklärung“ oder „Klarheit“ mit dieser Wurzel verbunden. Und die Lesung selbst trägt den Beinamen „al-qur’ān al-mubīn“: die klare, offenkundige, nicht verborgene Lesung. Die Wurzel wird auch für die Wiedergabe des Wortes „Beweis“ gebraucht, so z.B. in bayyina (بَيِّنَة). Weil die Angelegenheit so klar ist, wird diese Angelegenheit selbst als Beweis angeführt. Dies alles zusammengefasst erklärt die Grundbedeutung der Wurzel, dass es sich um eine Klarheit handelt und nicht um eine Erläuterung (tafsīr). Dass Gott Sein Buch „klar“ bezeichnet, wird auch insofern deutlich, wenn die Verse 54:17, 54:22, 54:32 und 54:40 berücksichtigt werden, die alle in ihrem Wortlaut dasselbe aussagen: Die Lesung wurde zum Nachdenken einfach gemacht.101

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Lesung kein verborgenes, unverständliches, irgendwelche Erklärungen benötigendes Buch ist. Eher im Gegenteil, das Buch Gottes wird als klar oder deutlich (mubīn, 28: 2), ausführlich detailliert (mufaṣṣal, 41:3, 6:114, 7:133), leicht (yasīr, 54:17,22,32,40) zu bedenken und vollständig (mutimm, 6:115) bezeichnet, fernab jeglicher Unvollkommenheit und Unklarheit, die durch den Gesandten weiter erklärt werden müsste!

Es sei nochmals betont, dass die Lesung an unzähligen Stellen klar macht (es also mubīn wird), dass Gott allein die Entscheidung obliegt (5:50, 6:57, 12:40, 12:67, 42:10, 42:21). Ein weiterer missdeuteter Vers ist 75:19, welcher gerne im unmittelbaren Kontext dahingehend interpretiert wird, dass hier nicht die Lesung gemeint sei, sondern das Buch des Menschen, welches er am jüngsten Tag bekommt, in dem alle seine Taten verzeichnet sein werden. Folgender Vers widerlegt diese Ansicht:

 

17:14 Lies dein Buch! Du selbst genügst heute als Abrechner über dich.102

 

Also bedarf es keiner Erklärung, um „das Buch des Menschen“ am jüngsten Tag erklären zu müssen – er selbst genügt seiner selbst. Deshalb muss in 75:19 die Lesung selbst gemeint sein.

 

Die Offenbarung, die keine Offenbarung ist

Es gibt noch einen weiteren Vers, mit welchem die Traditionalisten die Sunna sogar mit der Offenbarung gleichzusetzen versuchen:

 

53:1–3 Und der Stern, wenn er sich neigte. Weder irrte euer Gefährte noch wurde er verführt. Und er äußert sich nicht aus der Neigung.

 

Auf die Wiedergabe dieses Verses und dem soeben erwähnten Argument, die Offenbarung und die Sunna seien auf gleicher Stufe, ist die Antwort einfach zu geben, indem lediglich der nächste Vers gelesen wird:

 

53:4 Es ist nichts als eine offenbarte Offenbarung.

 

Weitere Quellen neben Gottes Wort können nicht als Offenbarung gelten, weil dies mittelbar und unmittelbar durch Gott selbst klargemacht wird. Insofern kann auch die traditionell überlieferte Sitte, die dem Propheten untergejubelt wird, keine Offenbarung sein (45:6, 7:185, 77:50). In diesen Versen kommt im arabischen Original das Wort Ḥadīṯ vor und gibt uns zu verstehen, dass die Lesung selbst der einzige Ḥadīṯ sein soll, dem wir zu folgen haben. In diesen Versen wie auch in anderen (zum Beispiel 12:111) wird verdeutlicht, dass Gottes Ḥadīṯ mit keinem anderen Ausspruch gleichgestellt werden kann, da sie als erfunden (yuftará) beschrieben werden. So sind außerkoranische Aussagen keine Offenbarungen und wie wir bereits an Beispielen gezeigt haben, war der Prophet nicht sündenfrei. Er beging mehrere Fehler. Eine Offenbarung hingegen ist fehlerfrei und makellos:

 

41:41–42 Diejenigen, die nicht an die Ermahnung glauben, wenn sie zu ihnen kommt (sind die Verlierenden). Und fürwahr, es ist ein ehrwürdiges Buch. Falschheit kann nicht daran herankommen, weder von vorn noch von hinten. Es ist eine Offenbarung von einem Allweisen, Preiswürdigen.103

 

Darüber hinaus ist sehr viel Falschheit in die Sammlung der Aussprüche gelangt.

Fest steht: Wir müssen dem Gesandten folgen und ihm gehorchen, damit wir Gott gehorchen können (2:143, 3:20, 3:31, 24:54, 2:129, 3:164, 4:80 und 62:2). Nur wie folgen wir ihm? Das wird in der Lesung geklärt. Der Prophet folgte nämlich nur dem, was ihm offenbart wurde (6:50, 6:106, 7:203, 10:15, 33:2, 46:9). Allgemein wird betont, dass das blinde Nachahmen der Vorväter, wie Buchārī oder Asch-Schāfiʿī, uns eher davon abhalten wird, die Botschaft zu begreifen. Wir werden durch sie davon abgehalten, unsere Seelen durch die Lesung zu reformieren (6:116, 2:170, 31:21, 5:104, 10:78, 6:155, 3:53). Doch der wichtigste Vers in dieser Angelegenheit ist der folgende, der sowohl an unseren Propheten als auch an uns gerichtet ist:

 

7:3 Folgt dem, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen (anderen) Schutzherren! Wie wenig ihr bedenkt!104

 

Anzumerken ist hier noch weiter, dass nicht dem Gesandten die Rechtleitung obliegt, sondern Gott rechtleitet. Also selbst mit dem Wissen, wie sich der Prophet angeblich verhalten haben soll (die Quellen der Aḥādīṯ sind nicht zweifelsfrei), können wir nicht sicher sein, dass wir dadurch die Rechtleitung erhalten (2:272, 28:56). Hieraus wird klar, dass Gott im Gesandten seinen Verkünder in Bezug auf Seine Botschaft sieht und das nur so die eben angeführten und genauso die nachfolgenden Verse einen logischen Sinn ergeben können:

 

9:1 Eine Loslösung seitens Gottes und dessen Gesandten von den Beigesellern, mit denen ihr vereinbartet

9:3 Und eine Bekanntmachung von Gott und seinem Gesandten für die Leute am Tag der großen Debatte, dass Gott sich von den Beigesellern loslöst und auch sein Gesandter. Bereutet ihr, dann ist es gut für euch. Kehrtet ihr euch ab, dann sollt ihr wissen, dass ihr euch Gott nicht entziehen könnt. Und verkünde denjenigen, die ableugneten, eine schmerzhafte Qual.

 

Gott hatte sich selbstverständlich nicht zuerst mit dem Gesandten beraten, wie sie vorgehen sollten, sondern Gott offenbarte durch den Gesandten die Bekanntmachung, an die wir uns alle zu halten haben. Wenn wir also Gott gehorchen wollen, müssen wir der durch den Gesandten überlieferten Botschaft gehorchen, was nichts anderes bedeutet, als Gott zu gehorchen. Im vierten Kapitel der Lesung finden wir zu Beginn zahlreiche Gesetze Gottes, wonach dann folgender Vers erscheint:

 

4:13–14 Dies sind die von Gott gesetzten Schranken. Und jene, die den Befehlen Gottes und des Gesandten folgen, werden in Gärten eingelassen, durch die Bäche fließen, und wo sie für ewig verweilen. Das ist der größte Triumph. Und wer Gott und Seinem Gesandten den Gehorsam versagt und Seine Schranken übertritt, den führt Er ins Feuer, worin er ewig bleibt. Und er soll eine schmerzhafte Strafe haben.

 

In diesen Versen wird erklärt, uns also klar gemacht, dass die Einhaltung der Befehle und Gesetze Gottes dem Gehorsam gegenüber Gott sowie Seinem Gesandten gleichkommt. Da dies die Gesetze Gottes sind, die der Gesandte verkünden musste, agiert er im Namen Gottes und als Gesandten. Der Prophet nahm dadurch unweigerlich den Charakter einer Autorität an, der die Verfügungen Gottes durch göttliche Eingebung übermitteln oder aufheben kann. Dem Gesandten zu gehorchen bedeutet also der Lesung als Ganzes zu folgen.

 

Allen Gesandten ist zu gehorchen, nicht nur einem

Noch eine weitere Anmerkung zur Behauptung, dass der Aufruf, dem Gesandten zu gehorchen, angeblich der dem Propheten zugeschobenen Sunna zu folgen bedeute: Wir haben die gottergebene Pflicht, keinen Unterschied zwischen irgendeinem der Gesandten Gottes anzustellen (2:285). Lesen wir darüber hinaus beispielsweise folgende Verse:

 

26:108,110 (Noah sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:126,131 (Hūd sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:144,150 (Ṣāliḥ sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:163 (Lot sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:179 (Schuʿayb sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

 

So lässt sich folgende berechtigte Frage stellen: Wo ist dann die Sunna von Noah, Hūd, Ṣāliḥ, Lot, Schuʿayb und all den anderen Gesandten? Wo ist die Sunna Abrahams, wenn er ebenso als Vorbild für uns gilt (60:4)?

Indem wir nur einer einzigen spezifischen Sunna folgen, begehen wir gleich mindestens in drei Angelegenheiten Fehler:

Erstens gilt das Wort „Sunna“, dessen Wurzel in der Lesung 21 Mal in 15 Stellen vorkommt105, nur für Gott. Es ist also Gott, der eine wie auch immer zu definierende Sunna bestimmt. Es wird darüber hinaus betont, dass die Sunna Gottes nie verändert wurde (17:77, 33:62, 35:43, 48:23). Diese Sunna Gottes galt also für die vorherigen wie auch die nachkommenden Gesandten. Von einer „Sunna Mohammeds“ als religiöser Quelle zu reden kommt deshalb einer Beigesellung des Propheten und seiner Lebensweise neben Gott und seiner Sunna gleich.

Zweitens dürfen wir keinen einzigen Unterschied zwischen den Gesandten aufstellen. Der Wortlaut aus den Versen 2:136, 2:285 und 3:84, nach denen wir unseren Glauben bekräftigen müssen, ist in dieser Hinsicht klar, deutlich und eindeutig:

 

Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnen / von den Gesandten.
Transliteration: lā nufarriqu bayna aḥadin minhum / min rusulihi.

 

Dies ist die Aussage von aufrichtigen, überzeugten Gottergebenen, die Gottes Wort ernst nehmen. Indem ein einziger Gesandter speziell behandelt wird und man der ihm zugeschriebenen Lebensweise folgt, missachten wir in Tat und Wahrheit diesen Vers und handeln gegen Gottes Wort.

Drittens wurden die Lebensweisen der Propheten und Gesandten, Frieden sei auf allen, nicht von ihnen selbst niedergeschrieben, sondern sind der missglückte Versuch ihrer Anhänger die Vermutungen und das Hörensagen über diese Menschen festzuhalten. Sie handelten entgegen der Absichten der Propheten und Gesandten und schufen einen Personenkult um sie herum. Kurz gesagt haben sie die Propheten in ihrer Botschaft nicht verstanden.

Das Prinzip der stillen Post, also die Verzerrung und Verfälschung von Überlieferungen durch die wiederholte mündliche Weitergabe, gilt auch hier. Die Überlieferungen müssen deshalb als verzerrt, verfälscht und unwahr angenommen werden, wie am Beispiel der erfundenen und meist widerlichen Aussprüche, die dem Propheten Mohammed angedichtet wurden, deutlich der Fall ist. Sie sind als Gerüchte, Hörensagen und Missverständnisse zu deuten.

gehorcht dem gesandten

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Beispiel 1 – Die Aufgabe der Gesandten und „gehorcht dem Gesandten“

Da wir nun die Werkzeuge und die Fallen des Verstehens kennengelernt haben, möchte ich in diesem Teil des Buches unsere Methodik an einigen Beispielen anwenden und beginne mit einer Kurzanalyse des Aufrufs aus der Lesung: Gehorcht dem Gesandten! Ich werde hierbei nicht an jeder Stelle deutlich erwähnen, welcher Schritt wo angewandt wurde, sondern es geht hierbei mehr darum zu vermitteln, was bei einer solchen Methodik für Ergebnisse zu erwarten sind.

Natürlich sind die Beispiele bei Weitem nicht ausschöpfend analysiert worden, denn das ist nicht das Ziel dieses Buches. Bei vielen Beispielen könnte ich noch weiter in die Tiefe gehen. Jedoch möchte ich sie einfach und relativ kurz halten. Vielmehr geht es bei jedem Beispiel um die Betonung verschiedener Aspekte der vorgeschlagenen Methodik.

Wenn Sie nach den Beispielen in diesem Teil ein Gefühl erhalten haben, wie die Anwendung der vorgeschlagenen Methodik im Wesentlichen funktioniert, so bin ich bereits zufrieden.

Sie und ich begeben uns nun auf eine weitere, gemeinsame Reise durch die Lesung.

 

Beispiel 1 – Die Aufgabe der Gesandten und gehorcht dem Gesandten

Die Lesung beinhaltet zahlreiche Stellen, in denen von den Gläubigen gefordert wird, dass sie gegenüber dem Gesandten gehorsam sein sollen, wenn sie Gott gehorchen wollen (3:31–32, 3:132, 4:80, 5:92, 24:52, 24:56, 64:12, 72:23). Dabei stellt Gott aber auch klar, dass Gehorsam gegenüber dem Gesandten in Zusammenhang mit Gehorsamkeit gegenüber der überlieferten Botschaft und nichts anderem steht. Traditionalisten bringen dann gerade aufgrund dieser Verse Argumente vor wie: „Es wird uns befohlen, den Vorschriften Gottes und des Propheten zu gehorchen, was wir nur durch den Koran und die Sunna bewerkstelligen können“. Dass dies auf einem tiefgreifenden Fehlverständnis und einer falschen theologischen Verortung dieser koranischen Aussage beruht, werde ich gleich zeigen.

Erstens ist zu betonen, dass in den besagten Versen der Prophet nur als Gesandter (rasūl) genannt wird. Zweitens ist anzumerken, dass Mohammed auch namentlich erwähnt wird in der Lesung, nämlich dreimal in Bezug auf seine Gesandtenfunktion (3:144, 33:40, 48:29) und einmal in 47:2, in der er im direkten Bezug zur Herabsendung erwähnt wird. Den Vers 61:6 könnte man unter Umständen ebenso hinzuzählen, obwohl dort nicht der Name des Propheten beschrieben wird, sondern eine Umschreibung als „aḥmad“, aber auch dieser Vers betont die Gesandtenfunktion von Mohammed.

Nirgends stoßen wir auf eine Aussage wie „Gehorcht Gott und Mohammed“. Einzig und allein die Aussage „Gehorcht Gott und Seinem Gesandten“ wird verwendet. Also ergibt sich der Gehorsam gegenüber dem Propheten nur in seiner Funktion als Übermittler der Botschaft. Die Lesung selbst wird in einem anderen Vers als „das Wort eines edlen Gesandten“ (69:40) beschrieben und gleich drei Verse später (69:43) als „eine Herabsendung vom Herrn der Welten“, um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen. „Gehorcht dem Gesandten“ bedeutet deshalb nicht, dass er eine persönliche Vorgehensweise hatte, der man gehorchen soll, als ob sie Gottes Offenbarung sei. Gott befiehlt dem Propheten zu sagen, dass er zwar unfehlbar in der Überlieferung der Botschaft ist, aber Fehler begehen könnte, wenn es um seine eigene Meinung geht:

 

34:50 Sage: „Wenn ich irregehe, gehe ich nur aufgrund mir selbst irre. Wenn ich rechtgeleitet bin, so geschieht das durch das, was mir mein Herr offenbart. Er ist hörend und nahe.“

 

Das, was ihm offenbart wurde, ist natürlich die Lesung selbst, was wir leicht aus einer anderen Stelle der Lesung verstehen können (6:19). Der Gesandte darf hierbei in keiner Sache, sei sie noch so klein und scheinbar unbedeutend, von den Richtlinien Gottes abweichen (10:15–18, 17:73–75, 69:40–47). Als er aus Versehen jedoch einmal abwich, wurde er von Gott getadelt und korrigiert (66:1). Die Lesung ist Gottes Buch und Sein Wort an uns. Dennoch hörten sie die Menschen aus dem Munde Seines Gesandten Mohammed (4:13, 9:1, 9:3, 9:29). Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass der Gesandte selbst keinerlei Autorität über die Verordnungen der Lebensordnung (dīn) besitzen konnte. Die Aufgaben des Gesandten, nur Verkünder und Warner zu sein, bedeuten dasselbe, denn der Prophet sprach Gläubige und Ableugner an. Für Gläubige ist es eine frohe Botschaft, eine Verkündigung, für die Ableugner aber eine Warnung (18:56, 6:70 – der Bezug zur Lesung wird in den Versen 6:54 und 6:55 klar).

 

33:21 Für euch ist ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild…

 

Es wird gefragt, wie man diesem Beispiel folgen kann, ohne eine Quelle zu haben, in der beschrieben ist, wie sich der Gesandte verhielt. Dieser Frage will ich in diesem Buch nicht nachgehen. Den Interessierten empfehle ich die Lektüre meines Artikels „Koranischer oder sunnitischer Mohammed?“.97

In der Lesung ist in zahlreichen Stellen vom Gesandten die Rede, dessen einzige Pflicht die Verkündigung der Botschaft ist (5:92, 5:99, 16:35, 16:82, 24:54, 29:18, 42:48, 64:12), wovon wir zwei Verse zitieren möchten:

 

29:18 … Und dem Gesandten obliegt nur das deutliche Übermitteln.

16:35 Diejenigen, die beigesellten, sagten: „Hätte Gott gewollt, hätten wir nichts an seiner Stelle gedient, weder wir noch unsere Väter, und wir hätten nichts an seiner Stelle verboten.“ So handelten auch diejenigen vor ihnen. Obliegt denn den Gesandten etwas anderes als das deutliche Übermitteln?

 

Es sei hier betont, dass in Vers 16: 35 der Plural des Wortes „Gesandter“ verwendet wird (الرُسُل – ar-rusul) und demzufolge stets ein Bestandteil der göttlichen Sunna (sunnatullah) war, dass sämtliche Gesandten nur diese eine Aufgabe hatten, was das eigenständige Interpretieren der Lesung im Namen Gottes also ausschließt. Die Gesandten haben also nur die Botschaft zu übermitteln.

Eine der vorbildlichen Eigenschaften des Gesandten war es, dass er nur die Lesung befolgte (7:203). Wenn wir seinem Vorbild folgen möchten, dann gilt für uns auch, dass wir nur die Botschaft der Lesung ins eigene Leben übertragen und ebenso an unsere Mitmenschen übermitteln, ohne dabei Missionierung zu betreiben. Wir müssen, wie bereits erwähnt, uns auch daran erinnern, dass der Prophet nicht uneingeschränkt als positives Vorbild dient (9:43, 66:1).

In der Lesung wird der Charakter des Propheten an vielen Stellen umschrieben. Auch er war dem Glauben verpflichtet und hatte sich nur Gott zu unterwerfen. Der Prophet wird an mehreren Stellen ermahnt nicht seinen Neigungen nach zu handeln (2:120, 2:145, 4:135). Schließlich wäre eine menschliche Sunna nicht vollkommen wie Gottes Worte. Wir dürfen laut Gottes Wort auch keinen einzigen Unterschied unter den Gesandten machen (2:285), also können wir uns nicht auf einen einzigen beschränken und nur diesen als Vorbild nehmen. Wir haben auch an Abraham ein schönes Vorbild (60:4), und offensichtlich wurde uns keine „Sunna Abrahams“ überliefert. Die Lesung beschreibt die vorangegangenen Propheten in ihren Geschichten und genau da sind ihre Beispiele und Vorbildfunktionen zu finden:

 

12:3 Wir erzählen dir die besten Geschichten, indem wir dir diesen Quran offenbaren, da du zuvor von den Achtlosen warst.

12:111 In ihren Geschichten war ja eine Lehre für die Verständigen. Es war keine erdichtete Erzählung (ḥadīṯ), sondern eine Beglaubigung für das, was er zwischen den Händen hielt und eine genaue Darlegung für alles und eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für die Leute, die glauben.

 

Des Weiteren führen traditionell eingestellte Muslime gerne folgenden Vers an:

 

59:7 … Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. …98

 

Hier soll also die „Sunna“ gemeint sein, die über den Gesandten gesammelt sein soll. Doch wenn man den Kontext des Verses anschaut, wird schnell klar, dass hier etwas völlig anderes gemeint ist:

 

59:7 Was Gott Seinem Gesandten von den Leuten der Dörfer an Gütern zugeteilt hat, das gehört Gott, Seinem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem Obdachlosen. Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt. Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt an, und was er euch unterbindet, dessen haltet euch fern. Und seid Gottes achtsam. Gewiss, Gott ist hart in der Bestrafung.

 

Hier geht es also um die Beuteaufteilung, die von Gott dem Gesandten zugeteilt wird. Es wird nicht pauschal mitgeteilt, dass wir das Verhalten des Propheten blindlings annehmen sollen. Das Prinzip der Nachahmung (at-taqlīd) in der traditionellen Betrachtungsweise hat hier keinen Bestand. Vielmehr ist es so, dass der Gesandte Gottes von Gott eben Anordnungen mittels Offenbarungen erhält, die er zu verkünden und zu übermitteln hat. Diesen Anordnungen müssen wir Folge leisten, und genau in dem Sinne ist dann der Ausdruck „Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch.“ zu verstehen. Genau so und nicht anders wird dann auch der Schlusssatz im Vers besonders bedeutsam, indem wieder auf Gott hingewiesen wird, dass wir Gottes achtsam sein sollen.

Einer der weiteren häufig angeführten Verse ist 16:44:

 

16:44 … Und wir haben zu dir die Ermahnung hinab gesandt, damit du den Menschen klar machst, was ihnen herabgesandt wurde, und auf dass sie nachdenken mögen.99

 

Hiermit wird behauptet, dass der Ausdruck „damit du klar machst“ meine, der Gesandte brächte außerkoranische, zusätzliche eigene Erklärungen. Oft wird der Versteil dementsprechend als „damit du den Menschen erklärst“ übersetzt. Der Vers sei ein klarer Beweis dafür, dass wir das Verhalten und die Ansichten des Propheten zu befolgen hätten, um die Lesung vollends zu verstehen. Wenn wir diesen Vers auf diese Weise auslegen, widerspricht dies den zuvor genannten Versen, die Gott die alleinige, absolute Autorität zusprechen. Darüber hinaus lassen die Verse 75:19, 25:33 und 55:2 keinen anderen Schluss zu, als dass in erster Linie Gott die Lesung erklärt. Er hat uns die Lesung vollständig herabgesandt (6:114, 5:3). Sein Buch ist in Wahrheit und Weisheit vollkommen (6:115), und deshalb sollte der Prophet nur nach dem urteilen, was darin steht (5:44, 5:48). Es herrscht auch weitgehend Einigkeit, was diese Frage betrifft.

Schaut man 20 Verse weiter, sehen wir in 16:64 folgendes stehen:

 

16:64 Und Wir haben auf dich das Buch nur hinabgesandt, damit du ihnen das klar machst, worüber sie uneinig gewesen sind, und als Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.100

 

Auch hier wird wie in 16:44 das Wort „litubayyina“ benutzt, muss aber in der Bedeutung von „klar übermitteln“ verstanden werden, denn selbst wenn man mit „erklären“ (im Sinne von ausführlich verständlich machen durch den Propheten) übersetzen will, ist dies nur mit der Lesung selbst zu tun. 16:64 lässt nämlich nur eine Möglichkeit zu: Die einzige Bedingung ist die Erklärung oder die Klarmachung von dem, „worüber sie uneinig gewesen sind.“ Dies aber auch eben nur mit der Lesung, denn nur dazu wird sie hinabgesandt. Würde man in diesem Vers mit „erklären“ im Sinne von „zu verstehen machen“ übersetzen, also dass der Prophet eigenmächtig auslegen muss, damit die Lesung verständlich wird, würde das dem Sinn des Verses widersprechen, nämlich dem einzigen Grund, warum die Lesung hinabgesandt wurde. Folgender Vers unterstreicht diese These:

 

69:44–47 Und wenn er sich gegen uns einige der Aussagen selbst in den Mund gelegt hätte, hätten wir ihn gewiss an der Rechten gefasst. Danach hätten wir ihm sicherlich die Schlagader durchschnitten, und niemand von euch hätte ihn davor bewahren können.

 

Aus der Lesung wird ersichtlich, dass der Gesandte damals eine untergeordnete Rolle zu spielen hatte, sofern es die Auslegung und Interpretation der Schrift betraf. So steht in 10:15, dass er die Lesung nicht aus eigenem Antrieb ändern durfte. Wie oft wird der Prophet angehalten, nicht seinen Neigungen zu folgen und nur der Offenbarung zu folgen (2:120, 2:145, 5:48, 7:3, 10:15, 46:9, usw.)? Des Weiteren wird aus 25:33 nochmals deutlich, dass er eine passive Rolle innehatte, da die besten Erläuterungen (aḥsan tafsīr) ihm als Offenbarungen weitergegeben wurden. Wir können also dem Propheten nacheifern, indem wir unsere religiösen Antworten nur in der Offenbarung suchen.

Weiterlesen: Schlüssel zum Verständnis des Koran: Erklären, Offenbarung und Gehorsam

Siehe auch: Die erfundene Religion und die Koranische Religion – Kapitel 27: Was bedeutet „Gehorcht dem Gesandten“?

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Schlüssel zum Verständnis des Koran: 5. Verse gleichen Themas zusammenstellen

Die eine Schwäche bei den meisten Gottergebenen, die leider schon seit mehreren Jahrhunderten besteht, ist die Fähigkeit, die Verse ihrem Thema gemäß zusammenzustellen, um die dahinterliegende Bedeutung zu suchen. In der Lesung selbst steht, dass wir eine Zusammenstellung machen sollen – auch bekannt als der Befehl „rattil“:

 

73:2–4 Bleibe die Nacht auf, außer ein wenig: Ihre Hälfte oder verringere davon ein wenig oder füge dazu. Und ordne (rattil – رَتِّل) die Lesung auf ordnende Weise.

 

Wegen der falschen Bedeutung, die in den gängigen Übersetzungen wiedergegeben wurde, ist hier eine Erklärung vonnöten. Rattala (رتّل) steht als arabisches Wort im zweiten Verbstamm, was im Allgemeinen die Verstärkung der Bedeutung aus dem ersten Verbstamm andeutet. Alles in allem geht es bei dieser Wurzel um die „Wohlordnung einer Sache“, nämlich dass sie „regulär“ und „aufgeräumt“ ist. Das Wort „ratila“ kann nicht verwendet werden, wenn etwas irregulär oder nicht geordnet ist oder aus dem Konzept fällt. So wird auf Arabisch eine in einer Linie aufgestellte Reihe an Panzern „ratil dabābāt“ (رتل دبابات) genannt oder auch einfach „ein Konvoi von Panzern“. Wir würden „ratil“ nicht verwenden, wenn die Dinge nicht ähnlich wären. Auch wenn wir zum Beispiel eine Rede vorbereiten und die Rede in ihrem Aufbau ordnen und jemand ausdrücken will, dass der Redner die Zusammenstellung der Rede in ihren Einzelteilen gut strukturiert und die Aussprache klar und deutlich gestaltet hat, so sagt er oder sie einfach „rattala al-kalām“ (رتّل الكلام), weil sowohl der Inhalt als auch die Artikulation eine wohlgeordnete Art und Weise der Rede aufzeigen. Hier sei aber Vorsicht geboten, denn sowohl dieses Verb wie auch das Verbalnomen hierzu, tartīl ( تَرْتِيل ), wurde durch die Jahrhunderte hindurch auf eine einzelne Bedeutung beschränkt, was sich dann auch in die gängigen Übersetzungen eingeschlichen hat. Statt die ursprüngliche Bedeutung der Wurzel als Grundlage zu nehmen, bei der es um diese Wohlordnung geht, wird dieses Wort nur noch im Sinne eines „langsamen Vortragens“ der Lesung verstanden, also nur noch im artikulativen Sinne, was aber den ganzheitlichen Sinn verfehlt.

Aus diesem Grund müssen wir, wenn wir irgendein Thema in seiner Tiefe studieren wollen, alle Verse, die dieses Thema behandeln und über das Buch hinweg gestreut sind, finden und in ihre „Zusammenstellung“ und „Ordnung“ (tartīl) bringen. Nach dieser Zusammenstellung ist der nächste Schritt das „Relativieren der Bedeutung“.

 

73:20 Gewiss, dein Herr weiß, dass du weniger als zwei Drittel der Nacht, die Hälfte oder ein Drittel von ihr aufbleibst, ebenso eine Schar von denjenigen, die mit dir sind. Und Gott bemisst sowohl die Nacht als auch den Tag. Er wusste, dass ihr ihn nicht erfassen werdet; deshalb vergab Er euch. So lest (iqra’ū) von der Lesung, was leicht ist. Er wusste, dass es unter euch Kranke geben wird und andere, die sich auf der Erde durchschlagen, um nach Gottes Gunst zu streben, und andere, die auf dem Weg Gottes kämpfen. So lest von ihm, was leicht ist und haltet den Kontakt aufrecht und steuert zur Verbesserung bei und hinterlasst bei Gott einen schönen Vorschuss. Was ihr für euch selbst an Gutem vorausschickt, werdet ihr bei Gott finden. Es ist besser und ein größerer Lohn. Und bittet Gott um Vergebung. Gewiss, Gott ist vergebend, gnädig.

 

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Ablesen eines Textes, einer bloßen Rezitation, und dem gründlichen Lesen, dem studierenden Lesen, dem verstehenden Lesen. Anders gesagt geht es hierbei darum, dass wir das Gelesene mit dem Rest der Lesung in Bezug setzen, dass wir also seine Bedeutung gesamtheitlich relativieren. Beim Vortragen eines Textes, wie etwa wenn eine Person die Nachrichten von einem Blatt Papier oder einem Teleprompter abliest, wird auf Arabisch eher “talā-yatlu” (rezitieren) verwendet und nicht „qara’a“ (lesen). Ein weiteres Beispiel haben wir, wenn eine Lehrerin in Physik ihren Schülern das Konzept der Relativität beibringt, so “taqra’u” (liest sie vor und erklärt dabei) die Bedeutung, ähnlich wie bei einer Vorlesung. Dies lässt sich auch aus den ersten Versen des 96. Kapitels ableiten:

 

96:1–5 Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Embryo. Lies! Dein Herr ist Der Edelste, Der durch den Stift lehrte. Er lehrte den Menschen, was dieser nicht wusste.

 

Hier wird dem Zuhörer oder Leser nicht einfach das bloße Lesen nahegelegt, sondern auch darauf hingewiesen, dass der Mensch durch den Stift lernt. Durch das flüchtige Lesen eines Buches hab ich es nicht studiert und deshalb nicht tiefgreifend begriffen. Es scheint so zu sein, dass das selbständige Wiederholen durch den Gebrauch des Stiftes das Wissen festigt. Durch den Stift, der heute auch in Form von Rechnern in Einsatz kommt, wurden die Wissensbücher geschrieben, auf denen wir unser Wissen aufbauen und das, was wir noch nicht wussten, mittels desselben Stiftes festhalten, dass es anderen Menschen dienlich sein mag. Dieser Vers legt uns also nahe, „lesen“ als „verstehendes, lernendes Lesen“ aufzufassen. Das Prinzip des ordnenden, verstehenden Lesens führt uns zum wichtigen Schritt, Verse zur selben Thematik auch gleichzeitig zu betrachten. Dies ist das Prinzip des „Das Eine sehen und an das Andere denken.“

 

Beispiel einer Zusammenstellung von Versen über dasselbe Thema – Scheidung

Wenn wir das Thema „Scheidung“ untersuchen, so sehen wir, dass das Thema über drei verschiedene Kapitel verteilt ist (Kapitel 2, 33 und 65), welche erst miteinander kombiniert ein komplettes Bild der Prozeduren und den Gesetzen bzgl. der Scheidung liefern.

 

2:226 Für diejenigen, die sich von ihren Frauen abwenden, ist ein Abwarten von vier Monaten. Und wenden sie sich wieder zu, so ist Gott gewiss vergebend, gnädig.53
2:227 Entschlossen sie sich jedoch zur Scheidung, so ist Gott gewiss hörend, wissend.
2:228 Und die in Scheidung stehenden Frauen selbst haben drei Menstruationszyklen abzuwarten und es ist ihnen nicht erlaubt zu verschweigen, was Gott in ihren Gebärmüttern erschuf, wenn sie an Gott und den letzten Tag zu glauben pflegten. Und ihre Ehemänner sind berechtigter, sie zurückzunehmen, falls sie eine Schlichtung möchten. So gilt für die Frauen Gleiches, wie über ihnen ist, in erkenntlicher Weise, und für die Männer eine Stufe über ihnen.54 Und Gott ist ehrenvoll, weise
2:229 Ist die Scheidung zweimal55, dann entweder in erkenntlicher Weise behalten, oder gutwillig freigeben.56 Und es ist euch nicht erlaubt, etwas von dem zu nehmen, was ihr ihnen zukommen ließt, außer wenn beide fürchten, die Grenzen Gottes nicht aufrecht zu erhalten. Fürchtet ihr aber, dass beide die Grenzen Gottes nicht aufrechterhalten, dann ist für beide kein Verstoß darin, worauf sie verzichtete. Jene sind die Grenzen Gottes, übertretet sie also nicht. Und wer die Grenzen Gottes übertritt – solche sind die Ungerechten
2:230 Ließ er sich dann von ihr scheiden, so ist sie ihm danach nicht erlaubt, bis sie einen anderen Partner heiratet. Lässt dieser sich von ihr scheiden, so ist es kein Verstoß für beide, dass sie zurückkehren, wenn sie meinen, dass sie die Grenzen Gottes aufrechterhalten. Jene sind die Grenzen Gottes, die Er klarstellt für ein Volk, das weiß
2:231 Und wenn ihr euch von den Frauen scheiden ließt und sie ihre Frist vollendeten, dann behaltet sie in erkenntlicher Weise oder gebt sie frei in erkenntlicher Weise. Und behaltet sie nicht aus Schadenfreude, um zu übertreten. Und wer dies tut, tat sich selbst Unrecht. So nehmt euch Gottes Zeichen nicht zum Spott und gedenkt Gottes Gunst an euch und dessen, was Er aus der Schrift und der Weisheit auf euch herabsandte, euch damit zu belehren. Und seid Gottes achtsam und wisst, dass Gott in allen Dingen wissend ist
2:232 Und wenn ihr euch von den Frauen habt scheiden lassen und sie ihre Frist vollendet haben, dann zwängt sie nicht ein, auf dass sie ihre Partner heiraten, wenn sie miteinander in erkenntlicher Weise zufrieden sind. Damit wird der von euch belehrt, der an Gott und den letzten Tag zu glauben pflegte. Dies ist lauterer für euch und reiner. Und Gott weiß, ihr aber wisst nicht

33:49 O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr gläubige Frauen heiratet und euch dann von ihnen scheiden lasst, ehe ihr Geschlechtsverkehr mit ihnen gehabt habt, so besteht keine Wartefrist von ihnen euch gegenüber, die eingehalten werden muss. Darum beschenkt sie und entlasst sie auf geziemende Weise.

65:1 O Prophet! Wenn ihr euch von den Frauen scheidet, beachtet die Wartezeit, die ihr genau berechnen sollt! Fürchtet Gott, euren Herrn! Ihr dürft sie aus ihren Wohnungen nicht ausweisen, es sei denn, sie begehen eine abscheuliche Tat. Das sind die Rechtsbestimmungen Gottes. Wer Gottes Rechtsbestimmungen übertritt, hat sich selbst unrecht getan. Du weißt nicht, vielleicht läßt Gott nach der Scheidung etwas Unerwartetes geschehen.
65:2 Wenn die Wartezeit ihrem Ende zugeht, dürft ihr die Scheidung rückgängig machen und die Frauen in Würde behalten oder euch würdig von ihnen trennen. Ihr sollt zwei rechtschaffene Leute von euch als Zeugen nehmen. Das Zeugnis vor Gott soll genau eingehalten werden. Damit soll der ermahnt werden, der an Gott und an den Jüngsten Tag glaubt. Wer Gott fürchtet, dem schafft Gott aus jeder Not einen Ausweg
65:3 und gewährt Gaben, von wo er sie nicht erwartet. Wer sich auf Gott verläßt, dem genügt Er. Gott setzt Seinen Willen durch. Für alles hat Gott Maß und Zeit bestimmt.
65:4 Für die Frauen, die in der Menopause sind, beträgt die Wartezeit drei Monate, wenn ihr Zweifel hegt. Die Wartezeit für Frauen, die keine Menstruation haben und schwanger sind, endet mit der Entbindung. Wer auf Gott hört, dem erleichtert Gott seine Angelegenheiten.
65:5 Das ist Gottes Vorschrift, die Er euch herabgesandt hat. Wer Gott fürchtet, dem tilgt Gott die schlimmen Taten, und dem erhöht Er den Lohn.
65:6 Laßt sie, euren Möglichkeiten entsprechend, in einem Teil eurer Wohnstätten wohnen. Ihr sollt sie nicht belästigen, um sie in der Wohnstätte zu beengen. Wenn sie schwanger sind, kommt ihr für ihren Unterhalt auf, bis sie gebären. Wenn sie eure Kinder stillen, habt ihr ihnen ihre Aufwendungen zu entrichten. Beratet darüber miteinander auf würdige Weise, wie es Brauch ist. Wenn ihr euch aber nicht einigen könnt, so soll eine andere Frau das Kind stillen.57

 

Hier ist eine Zusammenfassung dieser Regeln für die Scheidung, erhalten durch die Zusammenstellung der ähnlichen Verse:

  • Eine „Abkühlzeit“ von vier Monaten wird benötigt, bevor eine Scheidung überhaupt beginnen kann. (2:226)
  • Wenn immer noch auf die Scheidung bestanden wird, so müssen die Ehefrau und der Ehemann nach dieser Abkühlzeit während der Wartefrist im gleichen Haus zusammenbleiben. (65:1)
  • Wenn sich das Paar versöhnt, lässt sich der Scheidungsprozess widerrufen und die Wartefrist wird unterbrochen. (2:229)
  • Die Scheidung wird automatisch widerrufen, wenn die Partner während der Wartefrist geschlechtlichen Verkehr miteinander hatten. (2:226, 65:1)
  • Die benötigte Wartefrist beträgt drei Menstruationszyklen. Die Wartefrist bei Frauen, die keine Menstruation mehr haben, beträgt drei Monate. Die Zeit bei schwangeren Frauen beträgt solange, bis sie ihr Kind bekommen. (2:228, 65:4)
  • Es kann keine Wartefrist geben (bzw. es wird keine benötigt), wenn noch nie ein geschlechtlicher Kontakt stattfand. Es kann also wieder geheiratet werden. (33:49)
  • Wenn das Paar immer noch wünscht, die Scheidung nach der Wartefrist zu vollziehen, so werden zwei Zeugen gebraucht, um die Prozedur zu vervollständigen. (65:2)
  • Ist dies die dritte Scheidung, so kann das Paar nicht mehr miteinander heiraten, bis die Frau mit einem anderen Mann verheiratet war und sich geschieden hat. (2:230)

Wie in diesem Beispiel der Scheidung gezeigt wird, erbringt der simple Schritt der Untersuchung aller relevanten Verse eine sehr detaillierte Beschreibung der Scheidungsschritte, welche in jeder modernen und zivilen Gesellschaft angewandt werden können. In vielen Ländern hält man sich sogar an die koranischen Gesetze, wenn man die Gesetze des Landes befolgt! Statt diese Methodik anzuwenden haben viele Gelehrte unzählige, nicht mehr zeitgemäße, teils der Lesung extremst widersprechende Gesetze erfunden, die viel Leid hervorgebracht haben, wie etwa Steinigung oder die Strafe für die Apostasie. Es ist Zeit, sich nur noch an Gottes Lesung zu orientieren, denn:

 

 65:3 … Wer sich auf Gott verlässt, dem genügt Er. …

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Schlüssel zum Verständnis des Koran: Koranische Hermeneutik – Die Auslegungsmethodik

Sie werden in diesem Kapitel eine Auslegeweise kennenlernen, die Sie selbst auch relativ leicht anwenden können. Es sind sieben Prinzipien, welche für jede Studentin und jeden Student der Lesung unabdingbar sind. Diese legen die Rahmenbedingung fest, nach der wir die Textstellen der Lesung auslegen werden. Gewisse Punkte werden vielleicht trivial oder offensichtlich erscheinen, dennoch zeigen sie gewisse Fallen und Tücken auf, in die man tappen könnte. Wenn Sie nun an eine Stelle der Lesung gelangen, die Sie gerne genauer verstehen wollen, so halten Sie sich mindestens an folgende Schritte:

  1. Die Sprache ist kein Hindernis
  2. Den Vers vollständig durchlesen
  3. Umliegende Verse nicht vergessen
  4. Das Wort selbst und seine Mehrdeutigkeit beachten – der „Tunnelblick“
  5. Verse gleichen Themas zusammenstellen
  6. Nach Beispielen in der Lesung suchen
  7. Geduldig sein und Gott um Hilfe und Rat bitten

Sie müssen sich nicht an diese spezielle Reihenfolge halten. Manchmal wird Punkt 4 der wichtigste Punkt in ihrer Analyse sein, weshalb Sie diesen zuerst ausführen möchten. Wichtig ist aber, dass Sie jeden dieser Punkte anwenden.

Den ersten Punkt haben wir bereits erläutert, der zweite und dritte Punkt wurden auch eingangs mit Beispielen versehen. Die wirklich aufwändigen und zeitintensiven Schritte der Auslegung betreffen die Punkte 4 – 7. Dennoch werde ich hier der Vollständigkeit halber auf alle Punkte eingehen.

Studenten der traditionellen Islāmwissenschaft werden hier mindestens drei der folgenden sechs Kategorien für die traditionelle Methodik der Exegese wiedererkennen:

  1. Interpretation der Lesung durch die Lesung. (تفسير القرآن بالقرآن – tafsīru-l-qurʾān bil-qurʾān)
  2. Interpretation der Lesung durch die angebliche „prophetische Sunna“. (السنة النبوية – as-sunnatu-n-nabawiyyah)
  3. Interpretation der Lesung durch die angeblichen Aussagen der Prophetengefährten. (أقوال الصحابة – ʾaqwālu-ṣ-ṣaḥābah)
  4. Interpretation der Lesung durch die angeblichen Aussagen der Tābiʿīn. (أقوال التابعين – ʾaqwālu-t-tābiʿīn)
  5. Interpretation der Lesung durch die Sprache und der Philologie. (اللغة وعلومها – al-lughatu wa ʿulūmuhā)
  6. Interpretation der Lesung aufgrund von Meinung und gemeinsamer Übereinkunft. ( الرأي والاجتهاد – ar-raʾyu wal-idschtihād)

Es ist das ausdrückliche Ziel dieses Buches, aufzuzeigen, dass nur drei dieser sechs Kategorien, nämlich die erste, die fünfte und sechste, ausreichen für ein vollständiges Verständnis der Lesung. Insbesondere muss aber für eine zeitgerechte und vor allem der Lesung treu bleibende Auslegung die sechste Kategorie neu aufgerollt werden und kann nunmehr nicht allein aufgrund vergangener Gelehrtenmeinungen begründet werden, da sich diese auf die Vermutungen von Ḥadīṯ und Sunna stützen.

Wir werden im weiteren Verlauf sehen, dass diese Methodik bereits die Lesung selbst in sich beherbergt, weshalb ich sie als eine koranische Hermeneutik betrachte.

 

1. Die Sprache ist kein Hindernis

Der erste Punkt im Studium der Lesung ist verständlicherweise die Sprache. Die meisten der Gottergebenen, die an der Schrift festhalten wollen, wurden unterrichtet, dass die Lesung nur auf Arabisch verstanden und vorgelesen werden und dass keine Übersetzung je die exakte Bedeutung wiedergeben könne. Es ist wirklich unterhaltsam, dass die gleichen selbsternannten Gelehrten den Arabern sagen werden, dass die Lesung für sie „zu schwer“ zu verstehen sei und dass sie das Verständnis den „Experten“ überlassen sollten! Es sieht so aus, als ob Galileo Galilei solch eine Erfahrung ebenfalls gemacht habe, denn er soll einst gesagt haben:

 

„Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.“

– Galileo Galilei, italienischer Mathematiker

 

Natürlich sagt die Lesung selber, dass die Sprache kein Hindernis darstellt um sie zu verstehen (41:44), da Gott Derjenige ist, Der ihn den Menschen erklärt (75:19, 55:2), die ihr Herz Ihm gegenüber öffnen (29:49). Es sei wiederholt, dass Gott die Menschen nicht mit „O ihr Araber“ oder „O ihr, die ihr Arabisch sprecht“ anspricht, sondern mit „O ihr, die ihr glaubtet“. Gottes Buch ist anders als jedes andere Buch auf Erden, da es Seinem System und Seinen Gesetzen entspricht. Das Verständnis wird an der Ehrlichkeit wie auch an der geistigen Reinheit der Leser gemessen und nicht allein an der Sprache, den Qualifikationen oder am Fachwissen:

 

56:77–80 Dass dies wahrlich eine edle Lesung ist. In einer wohl aufbewahrten Urschrift. Keiner kann sie erfassen, außer den Reinen. Eine Offenbarung vom Herrn der Welten.

 

Natürlich ist jegliches Fachwissen wie auch jegliches Können von Vorteil, aber keine Voraussetzung. Das Verständnis zum Beispiel des Wortes „ḥadīṯ“ lässt sich auch mittels Transliterationen und weiteren Hilfsmitteln erarbeiten.

Dieser Punkt ist auch deshalb so wichtig, weil jeder Mensch die Lesung aus seinem eigenen Blickwinkel heraus betrachten wird, ja muss. So wird der Philosoph andere Schwerpunkte setzen und andere Zusammenhänge erkennen als der Arzt, welcher im Normalfall die physiologischen Vorgänge im Körper besser begreift. Eltern, die erst vor Kurzem ihr Kind bekamen, haben in ihrem Leben andere emotionale Schwerpunkte als ein junger Mensch, der gerade seine Pubertät durchlebt. Durch bloßes Wissen und Können werden keine theologischen Inhalte erschlossen. Erst die Kombination ergibt die richtige Mischung, was uns auch in folgendem Vers sinngemäß mitgeteilt wird:

 

49:14 Die Araber sagten: Wir glaubten! Sage: Ihr glaubtet nicht. Aber sagt: „Wir haben uns ergeben“ bis der Glaube in eure Herzen eingetreten ist. Wenn ihr Gott und Seinem Gesandten gehorcht, wird Gott von euren Taten nichts mindern. Gott ist verzeihend, gnädig.

 

Nur durch das Aussprechen eines Satzes wie „ich glaube, dass es nur einen Gott gibt“, wird man laut den Prinzipien Gottes, die wir aus der Lesung entnehmen können, nicht automatisch zu einem Gläubigen. Dies hat auch mit der Bedeutung des arabischen Wortes Īmān zu tun, nichtsdestotrotz war dieser Vers an Araber gerichtet, denen die Erfahrung und die tiefe Überzeugung in ihrem Herzen noch fehlte.

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Schlüssel zum Verständnis des Koran: Das „wa“ in der arabischen Sprache

Es gibt noch zahlreiche weitere Feinheiten dieser kunstvollen Sprache. Da ich aber kein Buch über die arabische Sprache schreiben will und auf dem Büchermarkt bereits viele gute Lehrbücher vorhanden sind, werde ich mich hier nur auf die wichtigste Feinheit beschränken, die eine wichtige Bedeutungsänderung nach sich ziehen kann. Erinnern Sie sich an den in diesem Kapitel eingangs zitierten Vers:

 

41:44 Hätten wir sie zu einer fremdsprachigen Lesung gemacht, hätten sie gesagt: „Hätten ihre Verse nicht erklärt werden müssen?“ Fremdsprachig oder arabisch? Sprich: „Sie ist eine Führung und eine Heilung für die Gläubigen.

 

Die rhetorische Frage „Fremdsprachig oder arabisch?“ in Vers  41:44 wird in den meisten Übersetzungen anders wiedergegeben, in etwa wie folgt: „Ein fremdsprachiges Buch für einen Araber?“24

Wörtlich kann der entsprechende Teil auch so verstanden werden: „fremdsprachig und arabisch? “, ءاعجمى وعربى – transliteriert: ʾa-aʿdschamiyyun wa ʿarabiyyun. In diesem Ausdruck sind vereinfacht gesagt vier Wörter, die von den Übersetzern auf unterschiedliche Weise wiedergegeben wurden. Vier Möglichkeiten ergeben sich in der Bedeutung dieses kleinen Satzes:

  • ein Fremder und/oder ein Araber (Zaidans Übersetzung ist hier anzusiedeln)
  • ein Fremder und/oder arabisch
  • fremdsprachig und/oder ein Araber (die meisten Übersetzer entschieden sich hierfür)
  • fremdsprachig und/oder arabisch (unsere Variante)

Wieso habe ich mich für die vierte Variante entschieden? Zu Beginn wird ein Fragepartikel verwendet, welches klarstellt, dass dieser Ausdruck eine Frage und keine Aussage ist. Die Frage kann auch rhetorischer Natur sein, um auf etwas aufmerksam zu machen. In dem Sinne könnte der Ausdruck auch rhetorisch als „Ob fremdsprachig oder arabisch?“ verstanden werden.

Es ist zwar korrekt, dass ʿarabī „ein Araber“ und ʾaʿdschamī „ein Fremder“ bedeuten kann, jedoch fordere ich Sie auf die von unserem Hanif-Team wiedergegebene Bedeutung mit den anderen Übersetzungen zu vergleichen, welche logisch gesehen nicht ganz einwandfrei sind. Wenn der Einwand der Araber „Ein fremdsprachiges Buch für einen Araber?“ als folgerichtig angesehen wird, so muss auch eingeräumt werden, dass der Einwand von Milliarden von Nichtarabern, also Fremden, der dann „ein arabisches Buch für einen Fremden?“ lautete, ebenfalls berechtigt ist. Man müsste hierzu lediglich die Wortreihenfolge ändern: aʿarabīyun wa aʿdschamīyun. Bei der gängigen Übersetzung wird dieses Recht des Einspruches den Nichtarabern geradezu gegeben.

Was will der Vers aussagen? Wenn Sie diese Frage in Gedanken halten und den jeweiligen Vers einige Male aufmerksam lesen, so werden Sie treffender in ihrer Auswahl der richtigen Übersetzung sein. Sprachlich gesehen gibt es zwei Punkte, die ich genauer erläutern muss:

Erstens, in der Lesung wird für die Araber das Wort „aʿrāb“ verwendet, welches in der Mehrzahlform steht (vgl. 9:97–98,101,120; 33:20; 48:11,16; 49:14; anders als im heutigen Standardarabisch nicht ʿarab). Für Nichtaraber hingegen wird die Mehrzahl des Wortes aʿdscham verwendet, also „aʿdschamīn“ (vgl. 26:198). Die Wörter aʿdschamī und ʿarabī werden hingegen für Sprachbezeichnungen verwendet. Der Buchstabe “yā” (ي – ī), welcher an das Ende der Wörter ʿarab und aʿdscham hinzugefügt wird, setzt die Bedeutung dieser Wörter auf „arabisch“ und „adschemisch“. Wenn wir nämlich alle Verse betrachten, in denen das Wort ʿarabī vorkommt, so werden Sie sehen, dass alle auf die Bedeutung „arabisch“ hinauslaufen (12:2; 13:37; 16:103; 30:113; 26:195; 39:28; 41:3, 44; 43:3; 46:12). In gleicher Weise verhält es sich mit dem Wort aʿdschamī, welches die Bedeutung „fremdsprachig“ erhält (16:103; 41:44). Durch den konsistenten Gebrauch dieser Worte als eine Beschreibung der verwendeten Sprache (arabisch, fremdsprachig) außerhalb von 41:44 ergibt es wenig Sinn, die Bedeutung in 41:44 als „ein Fremder und ein Araber“ festzulegen.

Wenn wir den Tunnelblick verlassen und den gesamten Vers im Kontext seiner umliegenden Verse lesen, wird es noch deutlicher, weshalb unsere Variante passender ist:

 

41:43 Es wird dir nur das gesagt, was schon den Gesandten vor dir gesagt wurde. Dein Herr ist wahrlich voll der Vergebung und verhängt (auch) schmerzhafte Strafe.25

 

Im Vers davor geht es also um die Botschaften, welche den vorherigen Gesandten auch schon mitgeteilt wurden. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Botschaft durch die Gesandten stets in der Sprache des Volkes mitgeteilt wurde (14:4), wird es klar, dass es sich hierbei um den Inhalt der Botschaft und nicht die eingesetzte Sprache handelt. Denn gerade dieser Inhalt der Lesung wird als Rechtleitung und Heilung beschrieben. Es wäre verkehrt anzunehmen, dass Gott nur jene Menschen rechtleitet, die Arabisch beherrschen. In der traditionellen Vorstellung von Paradies und Hölle wurde nicht selten die Ansicht geäußert, dass die Sprache im Garten Eden das Arabisch der Lesung sei! Dies hat natürlich nichts mit der Botschaft der Lesung gemein, welche gerade betont, dass die Sprache keine Rolle spielt.

Betrachten wir den nächsten Vers, so wird die Angelegenheit weiter verdeutlicht:

 

41:45 Und Wir gaben bereits Musa die Schrift, doch wurde man darüber uneinig. Und wenn es nicht ein früher ergangenes Wort von deinem Herrn gegeben hätte, so wäre zwischen ihnen wahrlich entschieden worden. Und sie sind darüber fürwahr in starkem Zweifel.26

 

Wenn wir also berücksichtigen, dass die Sprache von Moses die Sprache seines Volkes war, ihnen die Schrift in ihrer Sprache mitgegeben wurde, so wird es hier auch klar, dass es der Inhalt ist, um den es sich hier handelt und weshalb die Leute von Moses darüber uneinig waren.

Zweitens haben Sie sich bestimmt gefragt, wieso ich in den vier Varianten „und/oder“ geschrieben habe und somit eigentlich acht Varianten gemeint sein könnten. Dazu ist es wichtig zu wissen, wie das Wort „wa“ (و – allgemeine Bedeutung „und“) in der klassisch-arabischen Sprache verwendet wird, denn die Lesung zeigt uns deutlich auf, dass dieses Wort, das aus nur einem Buchstaben besteht, je nach Anwendung zahlreiche Bedeutungen annehmen kann und so der Interpretation eine gewisse Vielfalt einräumt.

Das Bindewort „und“ hat auch auf Deutsch mehrere Bedeutungen, die das arabische „wa“ auch umfasst:

 

1. Logische Verknüpfung zweier Aussagen:

Es ist Nacht und es regnet.

Hier werden zwei verschiedene Dinge angesprochen. Die Nacht ist kein Regen und der Regen ist zeitlich nicht auf die Nacht eingeschränkt. Ein Beispielvers:

 

10:5 Er ist es, der die Sonne zur Leuchte und den Mond zum Licht gemacht und ihm Stationen zugemessen hat, damit ihr die Zahl der Jahre und die Zeitrechnung wißt.27

Transliteration: huwa allaḏī dschaʿala asch-schamsa ḍiyā’an wa al-qamara nūran wa qaddarahu manāzila litaʿlamū ʿadada as-sinīna wa al-hisāba …

 

2. Zusammenfassung zu Gruppen in Verbindung mit Substantiven:

Cem und Peter trugen den Sack voller Bonbons hinunter.

Hierbei ist es ersichtlich, dass beide zu einer Einheit zusammengefasst werden, sie beide zusammen haben dieselbe Sache erledigt. Es war nicht so, dass jeweils Cem einen Sack trug und Peter einen weiteren. Ein Beispielvers hierzu:

 

33:36 Weder hat ein Gläubiger noch eine Gläubige, wenn Gott und Sein Gesandter eine Angelegenheit entschieden haben, die Entscheidungsmöglichkeit in ihrer Angelegenheit. Und wer sich Gott und Seinem Gesandten widersetzt, der befindet sich ja in klarem Irrtum.

 

Hier werden Gott und Sein Gesandter, also der Prophet Mohammed, als eine Einheit zusammengefasst erwähnt. Dies liegt darin begründet, dass der Gesandte Gottes naturgemäß seiner Pflicht nachzukommen und die Entscheidungen Gottes eins zu eins zu verkünden hat. Da der Gesandte die Entscheidungen Gottes auch umsetzt, sind es auch seine Entscheidungen als Gesandter, ob er nun damit als Mensch einverstanden wäre oder nicht. Zu diesem Punkt werde ich später im zweiten Teil des Buches unter „die Aufgaben des Gesandten“ noch einmal näher eingehen.

 

3. Angabe einer zeitlichen Reihenfolge, wonach die Stellung bedeutungsrelevant ist:

Man kann dies tun, wenn man alt wird und Zeit hat.

Mit diesem Satz wird ausgedrückt, dass man Zeit haben wird, nachdem man alt wurde. Ein Beispiel hierzu aus der Lesung:

 

79:29 und ließ seine Nacht verdunkeln und seine Morgendämmerung hervorkommen

Transliteration: wa ʾaghṭascha laylahā wa ʾachradscha ḍuḥāhā

 

Zuerst wird das Licht dem Tag entzogen und erst danach kann das Licht der Morgendämmerung wieder hervortreten.

Weiterer Beispielvers:

 

4:1 O ihr Menschen, seid eures Herrn achtsam, der euch aus einer einzigen Seele erschuf und aus ihm ihren Partner erschuf und aus ihnen beiden viele Männer und Frauen ausbreiten ließ. …

Transliteration: yā ʾayyuhā an-nāsu ittaqū rabbakumu al-laḏī chalaqakum min nafsin wāḥidatin wa chalaqa minhā zawdschahā wa baṯṯa minhumā ridschālan kaṯīran wa nisāʾan …

 

Die Erschaffung des Menschen geschah zuerst aus einer einzigen Seele (nafs), und nicht aus einem einzigen Menschen heraus, wonach ihr Partner erschaffen wurde. Die Menschen haben sich im Anschluss dann aus diesen durch Fortpflanzung vermehrt und sich auf der Erde ausgebreitet – gemäß den von Gott auferlegten Regeln, die wir heute als Evolutionstheorie erforschen. Es sollte also hierbei deutlich angemerkt sein, dass aus dieser einen Seele zur selben Zeit auch mehrere Menschen erschaffen sein können und der Partner allgemein das „andere Geschlecht“ beschreibt und auch mehrere Menschen umfassen kann.

Dies alles kann also auch mit dem arabischen „und“ ausgedrückt werden. Wenn wir jedoch „wa“ bloß als „und“ verstehen, schränken wir die Bedeutungsvielfalt des arabischen Wortes ein, wonach das „wa“ weitere Funktionen erfüllen kann. Dies ist eine wichtige Angelegenheit, denn selbst gewisse Araber und solche, die Arabisch sprechen können, vergessen diesen Umstand und kommen dann im Verstehen der Lesung zu falschen Schlüssen.

Weitere Bedeutungen:

4. Anzeige für den Anfang eines Satzes ohne weitere große Bedeutung. Beispielvers:

 

74:3 Und deinen Herrn preise hoch
74:3 Preise deinen Herrn!28

Transliteration: wa rabbaka fakabbir29

 

Hiervon gibt es eine schier unzählige Menge an Beispielen in der Lesung.

 

5. Ausdruck eines Schwurs, bekanntestes Beispiel wäre „Wallahi“ (bei Gott!). Beispielvers:

 

100:1 Bei denen, die schnaubend laufen.

Transliteration: wa al-ʿādiyāti ḍabḥan

 

6. Gebrauch im explikativen („erklärenden“) und einschließenden Sinne. Beispielvers:

 

33:7 Und (damals) als wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und von dir, und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria! Wir nahmen von ihnen eine feste Verpflichtung entgegen.30

Transliteration: wa ʾiḏ ʾachaḏnā min an-nabīyīna mīṯāqahum wa minka wa min nūḥin wa ʾibrāhīma wa mūsá wa ʾīsá ibni maryama wa ʾachaḏnā minhum mīthāqan ghalīẓan

 

Hier bedeutet „min an-nabīyīna“ „von den Propheten“ und „wa minka“ „und von dir“. Obwohl derjenige, der mit „dir“ gemeint ist, auch ein Prophet ist, und obwohl auch Noah, Abraham, Jesus, der Sohn der Marias, und Moses – obwohl alle Propheten sind, werden diese mit „wa“ verknüpft.

Ein weiterer Beispielvers:

 

3:102 O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Gott, wie Er richtig gefürchtet werden soll, und sterbt nicht anders denn als Gottergebene.31

Transliteration: yā ʾayyuhā al-laḏīna ʾāmanū ittaqū allaha ḥaqqa tuqātihi wa lā tamūtunna ʾillā wa ʾantum muslimūna

 

Viele Kommentatoren, unter ihnen beispielsweise auch Ibn Kaṯīr, verstehen dies als zwei separate Aufforderungen und verbinden die beiden Bedeutungen nicht. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das „wa“ in diesem Kontext als die Einleitung eines Satzes, welches die genaue Erklärung und Klarstellung liefert, wie man richtige Ehrfurcht vor Gott empfinden kann. Gott zu fürchten, wie Er richtig gefürchtet werden soll, bedeutet sein eigenes Leben in der Ergebung (Islam) zu Gott im Wissen zu gestalten, dass man jederzeit sterben könnte. Gottes achtsam zu sein (taqwá üben) bedeutet auch zu verstehen, in welch einem schlimmen Zustand ein Gestorbener ist, der als jemand starb, der Unrecht beging und von Gott verurteilt wird. Ein in dieser Hinsicht Achtsamer (muttaqī) weiß um die Selbstillusion, seine moralischen Pflichten vor sich herzuschieben, indem man meint, man werde Gott noch genug anbeten und Rechtschaffenes tun, wenn man alt wird und Zeit hat. Der Prophet Josef dient uns hier als Beispiel (12:101), der sich nicht durch weltliche Errungenschaften ablenken ließ.

Wem dieses Beispiel zu unklar erscheint, der schaue sich folgendes Beispiel genauer an:

 

55:68 In ihnen gibt es Obst: Datteln und Granatäpfel.

Transliteration: fīhimā fākihatun wa nachlun wa rummānun

 

Der Granatapfel (ihre rote Frucht) wie auch die Dattel sind Obstsorten. Das erste „wa“ steht hier demzufolge im explikativen Sinne, wohingegen das zweite „wa“ als Aufzählung verstanden werden kann. Noch ein Beispiel:

 

2:238 Wacht über die Gebete und das mittlere Gebet, und steht demütig vor Allah.32

Transliteration: ḥāfiẓū ʿalá aṣ-ṣalawāti wa aṣ-ṣalāti alwuṣṭá wa qūmū lillahi qānitīna

 

Es ist offensichtlich, dass das „mittlere Gebet“ (Mittagsgebet) auch ein Teil der Gebete ist. Weitere Beispiele für diese explikative oder auch einschließende Funktion des „wa“ lassen sich in 8:60 (einsatzbereite Pferde sind auch eine Kraft) oder in 5:15 (das Buch ist ein Teil des Lichts33) finden.

 

7. Empathische Funktion, um etwas besonders hervorzuheben:

Dasselbe „wa“ aus 2:238 kann nebst einer erklärenden Funktion auch eine empathische Funktion innehaben, wonach das „wa“ im Sinne von „besonders“ verwendet wird.34

Diese empathische Funktion ist eng verknüpft mit der explikativen Funktion. Weiteres Beispiel:

 

70:4 Die Engel und der Geist steigen zu ihm auf an einem Tag, dessen Maß fünfzigtausend Jahre ist.

 

Mit „Geist“ ist hier traditionell der Engel Gabriel gemeint und kein weiteres Wesen nebst den Engeln. Gemäß dem aschʿarītischen Philosophen Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) wird der „Geist“ deshalb separat erwähnt, um auf seine Größe, seinen Wert bei Gott und seinen besonderen Stand bei den Engeln hinzuweisen. In diesem Sinne können dann auch die Verse 2:97–98 verstanden werden.

 

8. Gebrauch in einer Aufzählung. Wir können den Beispielvers von vorhin verwenden:

 

33:7 Und (damals) als wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und von dir, und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria! Wir nahmen von ihnen eine feste Verpflichtung entgegen.

Transliteration: … wa min nūḥin wa ʾibrāhīma wa mūsá wa ʾīsá …

 

Das arabische „wa“ verschwindet im Deutschen in einer Aufzählung im Kommazeichen außer vor dem zweiten und letzten Wort. Natürlich könnte man hier jedes einzelne „und“ ausschreiben, jedoch störte dies den Lesefluss erheblich und widerspräche den gängigen Regeln einer Aufzählung in der deutschen Sprache.

 

9. Im Sinne von „oder“, obwohl die arabische Sprache auch eigene Wörter für „oder“ hat, wie etwa am (أم – meist in einer Frage) oder aw (أو – meist in einer Gegenüberstellung), welche beide auch in der Lesung auftauchen (z.B. in 2:6, 2:19). Beispiel für das „wa“ als „oder“:

 

73:20 Gewiss, dein Herr weiß, dass du weniger als zwei Drittel der Nacht oder die Hälfte oder ein Drittel von ihr aufbleibst …

Transliteration: ʾinna rabbaka yaʿlamu ʾannaka taqūmu ʾadná min ṯuluṯayi al-layli wa niṣfahu wa ṯuluṯahu

 

Es ist unmöglich, gleichzeitig zwei Drittel, die Hälfte und ein Drittel der Nacht aufzubleiben, weil man ansonsten davon ausgehen müsste, dass zwei Drittel gleichviel sind wie die Hälfte und dieses wiederum gleichviel wie ein Drittel der Nacht, was aber widersprüchlich ist. Deshalb wird hier das wa definitiv als Gegenüberstellung unterschiedlicher Einheiten aus demselben Bereich verwendet. Nächstes Beispiel:

 

2:177 Aufrichtigkeit ist nicht, wenn ihr eure Gesichter in Richtung des Ostens oder des Westens wendet, sondern Aufrichtigkeit ist, …

Transliteration: laysa al-birra ʾan tuwallū wudschūhakum qibala al-maschriqi wa al-maghrib

 

Es ist auch offensichtlich, dass man sich nicht gleichzeitig in Richtung des Ostens und des Westens wenden kann.35

Weitere Beispiele ließen sich auch hier finden. Da in 41:44 kontextuell zwei Gegensätze gegenübergestellt werden  (fremdsprachig – arabisch), ist die Wahl von „oder“ an dieser Stelle am passendsten.

 

10. Im Sinne von „aber“, obwohl auch hier ein eigenes „aber“ vorhanden ist, wie in lākin (لكن – z.B. in 2:12) oder in ammā (أما – z.B. in 80:8).36 Ein Beispielvers:

 

2:70 Sie sagten: Rufe deinen Herrn für uns, um uns darüber aufzuklären, wie sie ist, da uns die Kühe gleich erscheinen, aber dann sind wir, so Gott wollte, rechtgeleitet.

Transliteration: qālū adʿu lanā rabbaka yubayyin lanā mā hiya ʾinna al-baqara taschābaha ʿalaynā wa ʾinnā ʾin schāʾa allahu lamuhtadūna

 

Das „aber“ in diesem Vers ist ebenso in den Übersetzungen von Khoury, Azhar, Paret und Bubenheim (hier als „doch“) zu finden.

Zusammengefasst haben wir also mindestens folgende Anwendungsmöglichkeiten:

  1. Logische Verknüpfung
  2. Zusammenfassung zu einer Gruppe oder Einheit
  3. Angabe einer zeitlichen Abfolge
  4. Am Anfang eines Satzes
  5. Schwurausdruck
  6. Explikative Funktion
  7. Empathische Funktion
  8. Aufzählung
  9. Im Sinne von „oder“
  10. Im Sinne von „aber“

Im Normalfall ist die Bedeutung einfach „und“ und wird im Alltag auch so gebraucht. Doch es ist nicht immer leicht, die Bedeutung von „wa“ genau zu bestimmen. Manchmal passen auch mehrere Varianten. Meist wird eine kontextuelle Analyse Aufschluss über die genaueren Bedeutungsmöglichkeiten geben. Manchmal muss man sich die Bedeutung aus dem Gesamtkontext der Lesung erschließen. Denn viele der heutigen Gottergebenen machen immer noch den Fehler, ihre Meinung, ihre Ideen und ihre Ansichten in den Versen der Lesung bestätigt finden zu wollen und zitieren dann unvorsichtig Verse, die scheinbar das Gesagte oder das Geschriebene bestätigen. Stattdessen sollte man zu verstehen versuchen, was die Lesung genau aussagen will und einzelne Verse nicht aus dem Gesamtkontext der Lesung herausreißen. Auch wenn es sich hierbei „nur“ um die Bedeutung eines einzelnen arabischen Buchstabens dreht.

 

Quellen für die Wortanalyse

Wir haben nun bereits einiges über die arabische Sprache kennengelernt. Für die Studentin oder den Studenten der Lesung werden nebst der Lesung selbst die Sprache und ihre Wörterbücher auch eine entscheidende Rolle spielen, falls diese Person es sich zur Aufgabe machen will, tiefer in die Bedeutungen der Worte einzutauchen. Die arabischen Wörterbücher sind, anders als in der deutschen Sprache, nicht nach den Anfangsbuchstaben der Worte geordnet, sondern nach den bereits erwähnten Wortstämmen, den Wurzeln (dschizr), welche den jeweiligen Worten zugrunde liegen. Für den Anfänger ist es natürlich schwieriger, die Wurzeln selbständig zu erkennen. Durch entsprechende Hilfsmittel37 oder mit der Hilfe einer der arabischen Sprache mächtigen Person können Sie schnell herausfinden, um welche Wurzel es sich in einem bestimmten Wort handelt.

Doch auch hier sei Vorsicht geboten, denn wenn die Vokalisation des arabischen Textes entfernt wird, können sich Mehrdeutigkeiten einschleichen, die genau untersucht werden müssen. Ein Beispiel ist das Wort al-miḥāl (المِحال) in 13:13, was mit einem Kasra (i) vokalisiert wird und von der Wurzel m-ḥ-l (م ح ل) abstammt und in etwa „Blockaden aufstellen“ oder „eine List planen“ bedeutet. Dies wird dann beispielsweise von Paret so übertragen: „… Dabei streiten sie (d.h. die Ungläubigen) über Gott, wo er (sich doch so gewaltig zeigt und) voller Tücke ist (wa-huwa schadiedu l-mihaali).

Entvokalisiert kann man durch Abändern des Kasra zu einem Ḍamma (u) das Wort al-muḥāl (المُحال) bilden, was aber von der Wurzel ḥ-w-l (ح و ل) abstammt und in etwa das „Undenkbare, Unmögliche, Unerreichbare“ beschreibt. Beide Wörter tragen in sich die Bedeutung einer Barrikade oder Blockade38, weshalb unsere Übersetzung dieses Wortes als Folge der kontextuellen Analyse, in der die Souveränität und absolute Position Gottes dargestellt wird39, wie folgt lautet:

 

13:13 Und der Donner preist ihn mit seinem Lob, auch die Engel aus Furcht vor Ihm. Und Er sendet die Donnerschläge und trifft damit, wen Er will. Und sie streiten noch über Gott, wo Er der völlig Absolute ist.

 

Es gibt viele gute Wörterbücher, an die man sich wenden kann bei Bedarf. In Anhang C werden die wichtigsten unter ihnen aufgelistet.