Arabisch

Podcast #4 SzVdK: Beigesellung

Die vierte Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über eine koranische Hermeneutik und Beigesellung mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Podcast #3 SzVdK: Koranische Hermeneutik

Die dritte Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über eine Koranische Hermeneutik mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Podcast #2 SzVdK: Theorie & Hermeneutik

Die zweite Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über Theorie und Hermeneutik mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Ein Podcast von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe über wenig besprochene Aspekte der Gottergebenheit (deutsch für Islam), in dem wir mit bereichernden Gästen aus einem frischen Blickwinkel heraus ungewöhnliche, aber dafür für den Alltag wichtige Themen besprechen. Bücher, Selbstentwicklung, intellektuelle und seelische Gesundheit, Ernährung, Spiritualität und Philosophie sind nur einige Bereiche, die wir anschneiden.

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Dschihad im Islam: Sei ein barmherziger Samariter!

Ich suche Zuflucht beim Herrn vor dem verstoßenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

96:1 Lies, im Namen deines Herrn, der erschuf.

 

Dieser Satz soll gemäß Volksglauben den ersten offenbarten Vers der Lesung (arabisch: Koran) verkörpern. Doch die Mehrheit der Gottergebenen (arabisch: Muslimūn) hat diesen „ersten“ göttlichen Ratschlag vergessen. Wir sind nicht mehr geübt im Lesen der Zeichen und Verse (āyāt) der Lesung und der Natur. Die Gottergebenen müssten die Literatur, die Dichtkunst und das Schreiben allgemein wie auch die technologischen, geistigen und naturwissenschaftlichen Bereiche anführen, wenn sie den Worten Gottes wahrhaftig folgten. Aber wir kennen meistens nicht einmal unsere eigene Religion oder die Lebensordnung (dīn) der Gottergebenheit (islām) aus der Lesung gut genug, so dass sich in manchen Gesichtern ein Ausdruck des Unglaubens entfaltet, wenn sie mit den Worten Gottes konfrontiert werden. Sie sind überrascht, weil die Offenbarung Gottes ihrem traditionellen, kulturell beeinflussten Glauben widerspricht.

Nicht zuletzt aus diesem Grund lassen sie es zu, dass arabische Wörter wie Dschihad ihrer positiven Bedeutung beraubt und zu etwas abgewandelt werden, das dem Wesen der Offenbarung widerspricht. Sie lassen es zu, dass die offizielle Religion gegen die von Gott offenbarte Lebensordnung verwendet wird, obwohl uns der Barmherzige ausdrücklich davor warnt:

 

31:33/35:5 und lasst die Täuschung euch nicht in Gott täuschen!

 

Diese Aussage ist so wichtig, dass sie nicht nur einmal, sondern in gleichem Wortlaut auch in 35:5 vorkommt und sinngemäß in 57:14 wiederholt wird. Doch wir ließen uns leider täuschen, und Gott wusste das.

 

57:14 Sie rufen ihnen zu: Waren wir etwa nicht mit euch. Sie sagten: Doch, aber ihr verführtet euch selbst, ihr wartetet ab, zweifeltet und die Wünsche täuschten euch, bis der Befehl Gottes kam. So ließ euch die Täuschung in Gott täuschen

82:6 Du Mensch! Was hat dich bezüglich Deines großzügigen Herrn täuschen lassen?

 

Wir haben die Pflicht, unsere Augen zu öffnen, die Täuschung zu erkennen und zur Gottergebenheit zurückzukehren (5:105). Wir werden, so Gott will, zu einer neuen Generation von Gottergebenen, welche es nicht mehr zulässt, dass Dinge im Namen Gottes angeordnet werden, die Gott nie angeordnet hat.

 

42:21 Oder haben sie etwa Beigesellte, die ihnen von der Lebensordnung als Scharīʿah bestimmt haben, was Gott nicht erlaubt hat? …

 

Welch eine Wortwahl ist in diesem Vers doch zu erkennen, die die Weisheit Gottes zeigt! Im Vers wird das Verb „scharaʿa“ (verordnen, besitzt den gemeinsamen Wortstamm wie scharīʿah) im Zusammenhang mit der Lebensordnung (dīn) verwendet. Somit vermischen diese Täuscher ihre eigene Lebensweise mit den Geboten Gottes aus der Lesung. Sie reden so, als ob sie fromme Gläubige seien, doch in Wahrheit entfernen sie uns von Gott. Die von den Menschen erfundene Scharīʿah wird von Gott höchstpersönlich abgelehnt! Darüber hinaus wird sie mit der Beigesellung (schirk) in Verbindung gebracht. Den aufmerksamen Gottergebenen, die die Schrift kennen, läuten hier sämtliche Alarmglocken, da die Beigesellung die einzige unverzeihliche Sünde darstellt (4:48, 4:116).

Es ist deshalb an der Zeit, dass wir die menschliche, irreführende Verordnung, die sie auch Scharīʿah nennen, trennen von den Anordnungen, der Scharīʿah Gottes. Es ist an der Zeit, dass wir zur Gottergebenheit zurückkehren – zur Gottergebenheit aus der von Gott offenbarten Lesung. Dies erreichen wir, indem wir die Begrifflichkeiten aus der Lesung politisch und theologisch zurückerobern. Es ist an der Zeit, die an uns offenbarte Schrift von den falschen Gelehrten, Autoritäten und den Tyrannen zurückzuerobern, die sie missbrauchen!

 

Den Dschihad lieben lernen

Das Wort „Dschihād“ wird selbst auch von Gottergebenen oft missverstanden. Es ist für den Kenner offensichtlich, dass Dschihad kein „blutrünstiger Kampf“ oder ein „heiliger Krieg“ ist. Diese Fehlübersetzungen sind nicht einmal in der Nähe der wörtlichen Bedeutung. „Kampf“ ist qitāl (قتال) und „heiliger Krieg“ lautet al-ḥarbu l-muqaddasah (الحرب المقدسة) auf Arabisch. Sehen Sie hier irgendwo eine Ähnlichkeit zum Wort Dschihad? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht.

Der Dschihad ist vielmehr die Bemühung gegen jegliche blutrünstige Kämpfe. Dschihad ist der schnellste Weg zum Frieden und zur Barmherzigkeit. Dschihad ist ein Ausdruck des Mitgefühls gegenüber den Bedürftigen und Schwachen. Die Quelle für Dschihad liegt in Gott und Seiner allumfassenden Liebe und Barmherzigkeit. Dschihād ist der Schutz vor dem Ungerechten. Dschihad ist – richtig verstanden – ein Segen für die Menschheit, sowohl in Bezug auf das Zusammenleben mit Anderen als auch für einen selbst.

Die Gottergebenen sind von der Vernunft (10:100, 8:22, 2:44) und der Barmherzigkeit geleitete, selbstkritische Seelen (3:134, 42:36-43, 75:2). Denn sie sind sich bewusst, dass die Barmherzigkeit sehr wichtig ist, da sich Gott selbst Barmherzigkeit vorschrieb (6:12). Diese barmherzige Seele des Gottergebenen entwickelt sich spirituell wie auch wissenschaftlich weiter (17:36, 39:18, 10:100, 35:27-28). Deshalb ist sie ein Segen für alle Menschen und nicht nur für die Person selbst, die eigene Familie oder die eigene Gemeinschaft.

Wir sind als Gottergebene verzeihend, da wir uns wünschen, dass Gott uns auch vergibt (24:22). Gott ist voller Vergebung, Liebe und Erbarmen (85:14). Unser Weg ist demzufolge auch die Barmherzigkeit (3:134, 7:199, 15:85, 41:34-35, 42:43). Und weil Verzeihen schwieriger, aber dafür umso besser ist, ist es ein Dschihad (42:37,40). Aus diesem Grund sandte Gott den Propheten Muhammad aus Seiner Barmherzigkeit heraus für alle Welten (21:107). Denn nicht die Person Muhammad selbst, sondern die Botschaft der Lesung ist eine Heilung und eine Rechtleitung für uns (41:44).

 

Dschihad als Wort

Die Wurzel des Wortes Dschihād ist dsch-h-d (‏ج ه د‎) und kommt in der Lesung insgesamt 41 Mal in 36 Versen wie folgt vor:

  • 27 Mal (2:218, 3:142, 5:35, 5:54, 8:72, 8:74, 8:75, 9:16, 9:19, 9:20, 9:41, 9:44, 9:73, 9:81, 9:86, 9:88, 16:110, 22:78, 24:53, 29:6 (2x), 29:8, 29:69, 31:15, 49:15, 61:11, 66:9) als dritter Verbstamm dschāhada (جَٰهَدَ): sich bemühen, abmühen
  • Viermal (4:95 (3x), 47:31) als aktives Partizip des dritten Verbstammes mudschāhidīn (مُجَٰهِدِين): abmühend, sich bemühend
  • Viermal (9:24, 22:78, 25:52, 60:1) als das Verbalnomen des dritten Verbstammes dschihād (جِهَاد): Bemühung
  • Einmal (9:79) als das Nomen dschuhd (جُهْد): Mühe, Engagement
  • Fünfmal (5:53, 6:109, 16:38, 24:53, 35:42) als das Verbalnomen dschahd (جَهْد): Einsatz, (intensive) Abmühung

Noch einmal zur Verinnerlichung werden die Bedeutungen dieser Abmühung, wie sie koranisch gesehen sinngemäß vorkommen, aufgezeigt:

  • sich mit aller Kraft für etwas einsetzen
  • etwas hart erarbeiten, sich anstrengen, abmühen, abrackern
  • sich kräftig, fleißig, sorgsam oder eifrig engagieren
  • mit äußerstem Einsatz mit Leib und Seele für eine Sache einstehen
  • sich abplagen, viel durchmachen, ermüden durch intensives Abmühen
  • etwas auf sich bürden, etwas ertragen
  • sich durch Schwierigkeiten quälen oder ringen

 

Dschihad als Lebensweise

Viel wichtiger als der rein sprachliche Aspekt des Wortes ist die nähere Bedeutung durch die Verwendung in der Lesung. Der wichtigste und wohl der am meisten missverstandene Ausdruck aus der Lesung ist „die Bemühung auf dem Wege Gottes“ (al-dschihād fī sabīli-llāh). Dies ist nämlich nichts anders als der Versuch, Gottes Willen zu erkennen und umzusetzen und Seiner achtsam zu sein (taqwà), während man noch auf der Suche nach der Wahrheit ist:

 

22:78 Und bemüht euch für Gott in wahrhaftiger Abmühung. Er hat euch erwählt. Und Er hat euch in der Lebensordnung keine Bedrängnis auferlegt. Dies ist die Gemeinschaft eures Vaters Abraham. Er hat euch schon früher Gottergebene (Muslime) genannt und nun in diesem (Buch), auf dass der Gesandte Zeuge über euch sei und ihr Zeugen über die Menschen seid. So haltet den Kontakt aufrecht, steuert zur Verbesserung bei und haltet an Gott fest. Er ist euer Beschützer: welch vorzüglicher Beschützer und welch vorzüglicher Helfer!

 

Die Bemühung, also der Dschihad auf dem Wege Gottes hat vor allem mit dem Kontakt (salāh) zu Gott und mit der Verbesserung sozialer Umstände (zakāh) zu tun und geschieht auch nicht nur durch Einzelne. Wir müssen uns gegenseitig darin unterstützen, für soziale Verbesserung in den Gesellschaften zu sorgen, in denen wir leben (2:215, 2:197, 3:104, 5:2, 45:15, 99:7, Kapitel 103, Kapitel 107). Dies ist die gemeinsame Abmühung, der gemeinsame Dschihad. Die Bemühung ist der Weg zur Liebe. Die Bemühung umfasst unseren Einsatz und unsere Anstrengungen, Bedürftigen Wärme, Schutz und Geborgenheit zu bieten. Dschihad ist deshalb auch schon ein freundliches Lächeln, wenn niemand lächeln will. Es ist genauso eine Bemühung, ein friedliches und freundliches Wort für jene Menschen zu haben, die uns beleidigend ansprechen (25:63). Also steht der Dschihad für eine Selbstbeherrschung im Sinne des Friedens.

 

Dschihad und Krieg?

Die sogenannten Muslime dürfen sich hier einmal selbstkritisch betrachten. Es ist nämlich viel zu einfach und meistens auch falsch „die westlichen Medien“ oder „die westlichen, politischen Mächte“ für eine „Verzerrung des Islām“ verantwortlich zu machen und plump den Satz „das hat mit dem Islām nichts zu tun“ zu wiederholen. Dadurch schieben wir die Schuld von uns und begnügen uns mit unserer eigenen Weltanschauung, ohne die Argumente durchleuchtet zu haben. Wir geben unsere Verantwortung der Selbstaufklärung und der Wissensaneignung dadurch viel zu leichtfertig ab. Deshalb seien hier zwei negative Beispiele aus der muslimischen Tradition erwähnt, um zu verdeutlichen, dass sich gewisse gewalttätige Gruppierungen eben nicht durch westliche Medien, sondern hauptsächlich durch die traditionelle Literatur beeinflussen ließen.

 

Dschihad gemäß sunnitischer Tradition

Die Frage kann gestellt werden, wieso selbst gewisse frühe Gelehrten wie Asch-Schaibānī (Das große Buch der Kriege) aus dem späten achten Jahrhundert glaubten, Dschihad sei ein Angriffskrieg zur Bekehrung von Andersgläubigen. Sie waren zumindest so weit gebildet, dass sie die gesamte Lesung studieren konnten. Die meisten Gelehrten lernten sie sogar komplett auswendig. Asch-Schaibānī ist auch keine Randfigur in der Tradition, sondern ein Mitbegründer der hanafītischen Rechtsschule, eine der vier Rechtsschulen im Sunnitentum.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Menschen die Lesung und somit das Wort Gottes interpretieren müssen. Ohne eine schlüssige Herangehensweise an den Text kann man jedwede Art der Interpretation irgendwie rechtfertigen. Allein wenn wir das Vorgehen akzeptieren, immer den gesamten Text aus der Lesung im Zusammenhang zu berücksichtigen, können wir diese menschenfeindliche Position von Asch-Schaibani niemals als eine Gott ergebene (auf Arabisch: islamische) Haltung bezeichnen. Zu viele andere Textstellen stehen dazu im Widerspruch (alleine 2:256 reicht aus, weitere: 10:99, 18:29, 88:21-22, 60:8-9).

Ein weiteres negatives Beispiel für eine falsche Herangehensweise ist der Theologe As-Sarachsī (11. Jahrhundert). Die Meinung von As-Sarachsi zeigt, wie vorsichtig wir in der Methodik sein müssen. Er glaubte irrtümlicherweise, dass der Dschihād nur in den Anfangsphasen eine eingeschränkte Bedeutung erhielt, in der die Beigeseller nur ignoriert werden sollen. Der Dschihād sei künftig gleichzusetzen mit dem Gebot zum Kampf, wobei sämtliche Beigeseller zu bezwingen seien. Dies würdige seiner Meinung nach die Religion selbst! Und genau auf eine solche Art der Interpretation stützen sich die Extremisten.

 

Weitere traditionelle Ansichten

Es gibt natürlich auch viele andere Ansichten in der sunnitischen Literatur, welche im Mainstream-Islām verbreitet sind, wie z.B. die Unterscheidung zwischen großem und kleinen Dschihad. Der kleine umfasse die kriegerische Handlung und der große meine die Arbeit an sich selbst, das Ausmerzen von allem Schlechten, wie Wut, Zorn oder Hass. Darüber hinaus gibt es noch viele Versuche, den Dschihād zu kategorisieren in Unterbereiche wie:

  • Dschihād der Seele (dschihād bi-n-nafs)
  • Bemühung der Zunge (dschihād bi-l-lisan)
  • Dschihād des Stiftes (dschihād bi-l-qalam)
  • Bemühung des Wissens (dschihād bi-l-ʿilm)

Solche Unterteilungen können aber sehr unterschiedlich sein und sind meist nicht koranisch belegt.

Es gibt zudem einen Ausspruch (Ḥadīṯ), wonach man sich gegen „das Üble“ in folgender Reihenfolge wehren sollte: Hand, Zunge und Herz (Riyāḍ uṣ-Ṣāliḥīn Nr. 184). Zuerst sollte man aktiv das Üble mit eigener Hand ändern, wenn nicht möglich, dann gegen die Ungerechtigkeit mündlich (Zunge) protestieren und zuallerletzt im Herzen rebellieren. Dieser Ausspruch ist höchst problematisch, da er auf diese uneingeschränkte Art eine Religionspolizei einfordert, wenn es eine sunnitische oder schiitische Regierung geben sollte. Denn eine solche Regierung hat die Mittel und die Wege aktiv (Hand) vorzugehen, um in ihren Augen Übles vorzubeugen. Dadurch wären die Rechte von Andersdenkenden, Andersgläubigen, Homosexuellen nicht mehr gewährleistet, wie wir leider heute schon in gewissen Ländern beobachten können.

 

Dschihad und Verteidigungskrieg in der Lesung

Wir sehen nun die Notwendigkeit, sämtliche Verse aus der Lesung miteinander in Verbindung zu bringen. Es reicht nicht aus, einzelne Verse oder Themenbereiche in einen vermuteten, künstlich erstellten zeitlichen Rahmen zu setzen. Die historische Kontextualisierung kann also im Ansatz nur Vermutungen, weitere Verwirrungen oder mitunter gar anti-islamische Haltungen hervorbringen, wie wir soeben gesehen haben. Gott sagt uns bereits in der Lesung, dass Sein Wort dazu herabgesandt wurde, um alles zu erklären (16:89).

Es wird uns nirgends in der Lesung erlaubt, Angriffskriege zu führen. Natürlich bedeutet aber die Abmühung unter anderem auch, dass wir mit Leib und Seele für die Gerechtigkeit kämpfen müssen. Dies kann auch zur Folge haben, dass wir einen Verteidigungskrieg zu führen haben. In solch einer prekären Lage ist es auch ein Verrat an der Menschlichkeit, wenn wir die existenzielle Bedrohung von unschuldigen Menschen aufgrund eines naiven Pazifismus ignorieren. Deshalb sollten wir die Selbstverteidigung als eine Selbstverständlichkeit ansehen, auch wenn es mich eine innere Überwindung kostet, die erhöhte Wahrscheinlichkeit meines Todes eher in Kauf zu nehmen als meinen „natürlichen“ Tod. Das, obwohl wir nicht wissen können, wann wir sterben werden!

Daher kommt auch die Verknüpfung zwischen der Bemühung und einer speziellen kriegerischen Handlung zum Zwecke der Selbstverteidigung, um der Auslöschung der eigenen Existenz und der eigenen Gesellschaft entgegen zu treten (22:39-40; in diesen Versen wird das Wort für Kampf, also qitāl und nicht dschihād verwendet). Wir sollten aber stets ein friedliches Zusammenleben anstreben (2:208, 4:114, 8:61, 10:25, 60:7). Auch im Krieg gilt die Selbstbeherrschung (2:190-193) als Zeichen der innerlichen Abmühung.

 

Dschihad bedeutet Menschenliebe

Die Gottergebenheit besteht nicht nur aus der gegenseitigen Liebe zwischen Gott und Mensch, wobei Gott uns weitaus mehr liebt. Niemand ist ohne Sünde, so dass er ohne eine Vergebung seitens Gottes auskommt (35:45, 16:61). Da Gott Barmherzigkeit vor Gerechtigkeit walten lässt, können wir sicher sein, dass Er uns mehr liebt als wir Ihn (85:14, 6:12). Diese Verbundenheit sollten wir auch zwischen den Menschen pflegen. Gott ergeben zu sein bedeutet, die Menschen mehr zu lieben, als dass sie uns lieben (3:119, 59:9, 76:8-9). Weil wir ungeduldig und geizig sind, ist es umso schwieriger und eine größere Abmühung, weshalb eben diese Abmühung mit der Geduld verbunden ist (2:267, 3:92, 3:134, 3:142, 4:36).

Die Abmühung ist des Weiteren mit Empathie und Wohlwollen verbunden. Da wir großzügig von Gott beschenkt wurden, können wir diese Großzügigkeit auch den Menschen zukommen lassen (2:273, 24:22, 31:18). Dies äußert sich zum Beispiel in der Familie dadurch, dass wir unsere Eltern mit Güte behandeln müssen (29:8). Wir dürfen es aber nicht übertreiben mit der Liebe und blind werden. Wenn wir dazu gedrängt werden, die islamischen Prinzipien irgendwie weltlichen Bedürfnissen anzupassen, dürfen wir dem nicht nachgeben.

 

Dschihad bedeutet Gerechtigkeit

Wir dürfen um der Gerechtigkeit willen nicht die Menschen lieben, die tyrannisch Unschuldige aus ihren Häusern vertreiben (60:1). Liebe zu Gott bedeutet auch Liebe zur Gerechtigkeit über alle sozialen Stufen hinweg. Gott ist unser Zentrum und wir müssen mit unserem Dschihād unser Licht vervollkommnen und Gottes Barmherzigkeit verkünden. Die Vervollkommnung unserer Seele beinhaltet auch die moralische Läuterung, die Reflexion und die Kenntnis über unser eigenes Wesen. Dies führt dann dazu, dass wir unbeeinflussbar für die Gerechtigkeit einstehen (3:104, 3:110, 4:135, 5:78-81, 5:105, 7:165, 7:199, 9:71, 29:69, 99:7). Die Läuterung (zakāh) ist dermaßen wichtig, dass Gott Seine Barmherzigkeit davon abhängig macht, ob wir zur Läuterung oder in anderen Worten zur Verbesserung gesellschaftlicher Umstände beitragen oder nicht (7:156). Unser Bestreben sollte zu jeder Zeit sein, dem Frieden zugeneigt zu sein (8:61) und die Selbstvervollkommnung im Sinne Gottes anzustreben, selbst wenn wir dabei auf Feindseligkeiten stoßen:

 

5:8 O ihr, die ihr glaubtet, steht zu Gott als Zeugen für die Gerechtigkeit! Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher zur Achtsamkeit. Und seid Gottes achtsam, denn Gott ist kundig dessen, was ihr tut.

 

Deshalb: Liebe den Dschihād und sei ein Mudschāhid!

Oder zu gut Deutsch: Liebe die Bemühung und sei ein Bemühender, indem du ein barmherziger Samariter bist!

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Offene Fragen

Jede Methodik hat ihre Stärken und Schwächen. Auch wenn ich von der Stärke der Methodik überzeugt bin und sie meines Erachtens künftig neue Wege eröffnen wird für klassische Richtungen wie die Rechtsfindung (uṣūlu-l-fiqh), so werde ich mit der Methodik nicht alle Fragen klären können. Wir haben einerseits das nützliche Wissen älterer Gelehrten wie zum Beispiel Taqī ad-Dīn Aḥmad b. Taymīya aufzugreifen und es um das Verständnis der Lesung zu erweitern. Nichtsdestotrotz müssen wir eine klare Trennung vornehmen zwischen den in der Lesung behandelten Themen und den Themen, die außerhalb der Schrift diskutiert werden. Ansonsten sehen wir uns mit der menschenverachtenden und anti-gottergebenen Problematik konfrontiert, die wir beispielsweise beim als authentisch eingestuften Ausspruch „man baddala dīnahu faqtulūhu“ (tötet den, der seine Religiön ändert) aus Buchārī erhalten.

Natürlich wird meine Methodik nicht alles erklären können und deshalb möchte ich zwei Beispiele aus den vielen vorhandenen anführen, wonach ich immer noch zu keiner Lösung gelangt bin und keine zufriedenstellende Antwort in der Interpretation fand. Ich vertraue aber darauf, dass Gott mir irgendwann in der Zukunft die Antworten gibt, so Gott will (20:114).

So Gott will werden vielleicht einige Leser dadurch angestoßen, diese Fragen weiter zu studieren und finden unter Umständen gerade dadurch die Antworten?

 

Unterschied von ʿām und sanah

In der Lesung gibt es zwei unterschiedliche Wörter, die für das Wort „Jahr“ verwendet werden:

  • ʿām (Wurzel ʿayn-wāw-mīm: 2:259, 9:28, 9:37, 9:126, 12:49, 29:14, 31:14),
  • sanah, pl. sinīn (Wurzel sīn-nūn-wāw: 2:96, 2:259, 5:26, 7:130, 10:5, 12:42, 12:47, 17:12, 18:11, 18:25, 20:40, 22:47, 23:112, 24:43, 26:18, 26:205, 29:14, 30:4, 32:5, 46:15, 70:4).

Im Moment können wir keine wirkliche Erklärung liefern, wieso es in der Schrift Gottes diese beiden unterschiedlichen Wörter gibt, die beide dasselbe meinen sollten.

Es gibt jedoch zwei Ansätze, die wir während der Erstellung der Hanif-Übersetzung erarbeitet haben.

  1. Möglicherweise wird mit diesen beiden Worten der Unterschied zwischen einem lunaren und solaren Jahr verdeutlicht.
  2. Wird womöglich das eine Wort (ʿām) eher für ein gutes, das andere eher für ein schlechtes Jahr (sanah) gebraucht?

Zum ersten Ansatz: Laut der Lesung gelten beide Kalenderformen (10:5, 55:5). So wäre ʿām für ein Mondjahr gedacht und sanah für ein Sonnenjahr. Dies begründet sich auf den Vers 17:12, wonach das Tageslicht mit der Anzahl an Sanah-Jahren zusammen erwähnt wird, die Sonne also mit sanah in Verbindung gebracht wird. Interessant und gleichzeitig problematisch für diese Betrachtung ist in dieser Hinsicht Vers 29:14, in dem beide Wörter vorkommen und nach welchem Noah 1000 Sonnenjahre minus 50 Mondjahre unter den Menschen verweilt haben soll. In Anbetracht dieser Zahl lässt sich also diese Variante hinterfragen, doch könnte mit dieser Zahl nicht die Lebensdauer gemeint sein, sondern unter Umständen die zeitliche Wirkungsreichweite der Botschaft von Noah?

Hier gibt es auch noch zusätzlich die Anmerkung gewisser Kommentatoren, dass in älteren Kulturen das Wort „Jahr“ für einen Monat nach unserem Verständnis gebraucht wurde. Insofern wären 1000 „Jahre“ also gerundet 83 Jahre nach unserem Verständnis.

Doch in 10:5 wird das Wort sinīn für beide Jahresberechnungen genommen, was diesen Ansatz wiederum in Frage stellt. Für den Moment übersetzen wir in unserer Hanif-Übersetzung die Begriffe nach diesem Ansatz.

Zum zweiten Ansatz: Die Grundlage für diese Betrachtung ist vor allem das zwölfte Kapitel der Lesung. Die Verse 12:47–49 gebrauchen die Wörter spezifisch auf eine bestimmte Bedeutung ausgerichtet:

 

12:47–49 Er sagte: Ihr baut fortwährend sieben Jahre (sinīn) an. Was ihr erntetet, lasst in seinen Ähren, außer ein wenig von dem, was ihr verzehrt. Dann kommen danach sieben harte, die das verzehren, was ihr dafür vorbereitetet, außer ein wenig von dem, was ihr aufbewahrt. Dann folgt darauf ein Lunarjahr (ʿām), in dem den Menschen geholfen wird und in dem sie beregnet werden und sie pressen

 

Auch der Vers 7:130 lässt diesen Ansatz plausibel erscheinen:

 

7:130 Und wir ergriffen bereits die Leute Pharaos mit Jahren (sinīn) mit Mangel an Früchten, auf dass sie sich entsinnen.

 

Mit diesem Ansatz ließe sich auch 29:14 erklären, wonach die Zeitspanne als Sprichwort aufgefasst werden kann: Noah verbrachte nur eine kurze Zeit der Erleichterung und der Güte, wobei die Zeit der Erschwernis viel länger dauerte. Hierbei wird auch davon ausgegangen, dass die Zahl 1000 auf Arabisch auch stellvertretend für „viel“ gebraucht werden kann. Doch dann lässt sich wiederum hinterfragen, wie man in einem durchschnittlich 80–100 (Sonnen)jahre andauernden Menschenleben die 50 jährige, gute Zeitspanne als kurz bezeichnen kann? Oder man nimmt an, dass die 50 Jahre im Gegensatz zum „viel“ dann ebenso einfach die „kleine Zahl neben 1000“ meint. Damit hätten wir keine Informationen mehr in Zahlen, sondern nur noch in der Bedeutung: Ein Großteil seines Lebens war bis auf einen kleinen Teil mühselig.

Beide Ansätze haben ihre Schwächen und müssen deshalb genauer untersucht werden. Die in diesem Buch vorgestellte Methodik hat mich bislang noch zu keinem klaren Ergebnis geführt.

 

Gottes Schwören in der Lesung

Es gibt zahlreiche Verse in der Lesung, nach denen Gott schwört. Was bedeutet das Schwören bei Gott? Wieso sollte der Schöpfer schwören?

 

89:1–5 Beim Morgenanbruch, bei den zehn Nächten, beim Ergänzenden und Anschließenden und bei der Nacht, wenn sie zurückgeht! Ist darin ein Schwur für einen sich Besinnenden?

 

Gleichgültig wie der arabische Begriff qasam für Schwur übersetzt wird, ob Schwur, Eid oder Gelöbnis, so ergibt sich stets dieselbe Problematik. Betrachten wir die 33 Stellen in der Lesung aus den 31 Versen136, so kommt die Wurzel wie folgt vor:

  • Zweimal als erster Verbstamm qasama (قسم) in 43:32: verteilen.
  • Einmal als dritter Verbstamm qāsama (قاسم) in 7:21: schwören, mitteilen (Ansicht verteilen), Anteil haben.
  • Zwanzigmal als vierter Verbstamm aqsama (أقسم): schwören, Mitteilung veranlassen, Anteil zu haben veranlassen.
  • Einmal als sechster Verbstamm taqāsama (تقاسم) in 27:49: untereinander verteilen.
  • Zweimal als das Nomen qasam (قسم) in 56:76 und 89:5: Schwur, Mitteilung.
  • Dreimal als das Nomen qismah (قسمة) in 4:8, 53:22 und 54:28: Anteil, Teilung, Teil.
  • Einmal als das passive Partizip des ersten Verbstammes maqsūm (مقسوم) in 15:44: geteilt.
  • Einmal als das plurale aktive Partizip des zweiten Verbstammes muqassimāt (مُقَسِّمَٰت) in 51:4: verteilenden.
  • Einmal als das plurale aktive Partizip des achten Verbstammes muqtasimīn (مُقْتَسِمِين) in 15:90: Die Geteilten.

Allgemein ist die sprachliche Bedeutung von der Wurzel q-s-m eher teilen, aufteilen, unterteilen, Anteil haben als schwören. So gibt es auch Wörter wie qism (pl. aqsām), die auch auf Türkisch noch verwendet werden (kısım) und Abteilung, Ausschnitt, Bestandteil, Sektion, Stück oder Teil bedeuten. Von einem Schwur ist weit und breit nirgends die Rede. Die Bedeutung „schwören“ hat sich sehr wahrscheinlich dadurch gebildet, dass man sich selbst an das Gesagte binden wollte, also seinen Anteil an der Sache haben wird. Deshalb heißt auf Arabisch qasīm auch nicht Schwörender, sondern vielmehr Partner, der seinen Anteil an der Sache hat, oder auch Teilnehmer. Die Wurzel lässt sich also mit dem Wortstamm „teil“ umschreiben (aufteilen, zuteilen, verteilen, …).

Nebst dieses klaren Bedeutungsschwerpunktes der Wurzel sahen wir uns im Hanif-Team im Zuge unserer Übersetzung noch mit folgendem Problem konfrontiert: Es gibt Verse, die werden grammatikalisch speziell behandelt, obwohl die Grammatik einfach und klar und keine Sonderbehandlung der Verse nötig ist. Gemeint ist die Verneinung des Verbs in folgendem Vers:

 

70:40 So schwöre ich nicht beim Herrn der Aufgänge und der Untergänge, da wir gewiss dazu fähig sind

 

Betrachten Sie nur einmal die Übersetzungen der anderen Übersetzer. Dieser Vers wird fast einstimmig mit einem „Nein“ eingeleitet in den übrigen Übersetzungen. Der Schwur wird nicht mehr verneint:

 

70:40 Nein, Ich schwöre beim Herrn der östlichen und der westlichen Gegenden, Wir haben dazu die Macht,137

 

In der Lesung gibt es acht Verse in dieser Form (56:75, 69:38, 70:40, 75:1, 75:2, 81:15, 84:16, 90:1). Dabei ist die Grammatik doch sehr einfach: lā uqsim. Ein Verb in der Gegenwart wird verneint, indem das Verneinungspartikel lā vorangestellt wird. Die Bedeutung ist also klar: Ich schwöre nicht / ich teile nicht mit.

Natürlich gibt es die Erklärungen alter Kommentatoren wie Ibn Kaṯīr, von dem ich gelinde gesagt nicht viel halte, oder Zamachscharī (gest. 1143) oder auch die Erklärung in Lisān al-ʿarab, die diese Verse erläutern, dass damit ganz sicher ein „ich schwöre“ gemeint sei. In Kapitel lām in lisān al-ʿarab steht das Beispiel aus Vers 75:1 und wird so kommentiert, dass es unter den Menschen keine Uneinigkeit gegeben habe in der Bedeutung dieses Verses als „ich schwöre beim Tag der Auferstehung“.138 Zamachscharī hingegen sieht in dem Ausdruck „lā“ auch eine erhöhte Verstärkung der Bedeutung (مزيدة مؤكدة), womit die Bedeutung in etwa als „Nein, ganz bestimmt schwöre ich!“139 wiedergegeben werden könne. Er gibt hierfür Vers 57:29 als Beispiel an, ohne diesen Vers wiederum weiter zu erklären. Des Weiteren wird das Verneinungspartikel auch als nichtssagender Zusatz verstanden. Dieses Phänomen ist bekannt als redundante Negation oder als pleonastische Verwendung (laghw). Das heißt, dass man diese Verneinungszusätze genauso gut auslassen könnte, da sie keine zusätzliche Information im Satz tragen. Doch wieso sollte Gott aus rhetorischen Gründen eine nichtssagende Verneinung einsetzen? Wieso gerade bei so einem gewichtigen Verb wie schwören?

Darüber hinaus gibt es die Behauptung, dass am Anfang eines Satzes diese Verneinung als ein Ausdruck der Antwort auf etwas Vorhergehendes verstanden werden sollte.140 Dabei spiele es auch keine Rolle, wenn das Verneinungspartikel am Anfang eines Kapitels steht, denn die gesamte Lesung sei auch als Einheit aufzufassen.

Diese Erklärungen sind sehr mager begründet, denn einerseits ist ein Argument wie die Behauptung „keine Uneinigkeit unter den Menschen“ geradezu sinnlos und historisch gesehen falsch, andererseits begründet Zamachscharī seine Meinung fadenscheinig und gibt nur die Mehrheitsmeinung wieder ohne tiefgreifende Analysen aufzuzeigen. Dabei gibt es für den Ausruf der Verneinung „Nein!“ bereits andere Wörter in der Lesung wie kallā (كَلّا – Beispielverse: 70:39, 78 :4 oder 83:15), bal im Sinne von „jedoch“ (بل – Beispielverse: 85:21, 87:16 oder 84:22) oder balá ebenso im Sinne von „doch, aber“ (بلى – Beispielverse: 57:14, 75:4 oder 84:15). Wieso sollte also Gott, dessen Wortschatz unermesslich reich ist, verschiedene Wörter für dieselben sprachlichen Ziele verwenden und die Vielfalt einschränken und Verwirrung stiften?

Auch die Behauptung, dass das Verneinungspartikel am Anfang eines Kapitels oder Satzes als Ausdruck der Antwort verstanden werden sollte, scheitert am Beispiel 75:1, wonach die vorhergehenden Verse 74:53–56 keinen direkten thematischen Bezug zu 75:1 aufweisen.

Es gibt demnach keine stichhaltige Begründung für die Übersetzung „Nein, ich schwöre“ – ganz zu schweigen vom Schwören überhaupt, auch wenn es laut 89:5 die Menschen zum Nachdenken anregen sollte, auf dass sie die besonderen Umstände und Zeichen bedenken mögen. Es soll also unsere Aufmerksamkeit auf den Gegenstand des Schwurs lenken. Dennoch ist das Schwören Gottes eine wichtige theologische Frage, ob Er wirklich schwört. Bedeutet dieses Verb nicht eher etwas mitteilen?

Um den Vorwurf „Wir leben heute über 1400 Jahre später und die damaligen Araber werden es sehr wohl besser gewusst haben, wie die arabische Sprache, insbesondere die arabische Sprache der Lesung zu verstehen sei“ gleich vorneweg aus dem Weg zu räumen, möchte ich einen sehr bedeutenden Gelehrten und großartigen Grammatiker anführen in dieser Thematik: Abū Hayyān Al-Gharnāti (gest. 1344). Er war beispielsweise bezüglich Vers 90:1 auch der Meinung, dass die Verneinung (nafiy) und nicht eine versteckte andere Bedeutung gemeint sei, weil die Angelegenheit so klar ist, dass Gott nicht zu schwören braucht.141

Deshalb finden Sie in unserer Hanif-Übersetzung die folgende Übertragung der Verse 89:1–5 aufgrund des klaren Wurzelschwerpunktes und der offensichtlichen Grammatik:

 

89:1 Und der Morgenanbruch
89:2 Und zehn Nächte
89:3 Und das Ergänzende und das Anschließende
89:4 Und die Nacht, wenn sie zurückgeht
89:5 Ist darin eine Mitteilung für einen sich Besinnenden

 

Dennoch ist die Diskussion um die Bedeutung des Mitteilens/Schwörens nicht vollends abgeschlossen.

Ebenso ließe sich in diesem Zusammenhang diskutieren, ob das „wa“ in der Lesung überhaupt als Schwören verstanden werden kann, wenn es andere Beispielschwüre gibt, wie in 12:85 ersichtlich ist:

 

12:85 Sie sagten: “Bei Gott! (ta-allāh) Du hörst nicht auf, Josef zu erwähnen, bis du dich verzehrt hast oder zugrunde gehst”

 

Das „ta“ in Ta-allāh erfüllt dieselbe Funktion wie „bei“ auf Deutsch in einem Schwur, wie es in 12:85 verwendet wird. Wieso also auch das „wa“ als Einleitung für einen Schwur verstehen? Dieser Frage stehen zunächst andere Verse gegenüber, die sprachlich genauer untersucht werden müssen, bevor wir zu einem Schluss gelangen. Ein Beispiel sei angegeben:

 

19:68 Doch, bei deinem Herrn, wir werden sie versammeln, auch die Satane. Danach werden wir sie um die Hölle kriechend bringen.

Transliteration:
fawarabbika lanaḥschurannahum wasch-schayāṭīn ṯumma lanuḥḍirannahum ḥawla dschahannam dschiṯiyyan

 

In diesem Vers wird „wa“ als eine leichte Schwurform verwendet, zumindest aber um eine rhetorische Bekräftigung zu erwirken. Der Satz ließe sich schwer als „Doch und dein Herr“ übersetzen ohne merklich die Bedeutung zu verwässern. Deshalb muss eine umfassende Betrachtung dieser Verwendungsart nach den in diesem Buch beschriebenen Regeln und Prinzipien vorgenommen werden, um die Unterschiede zu klären und um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Erklären, Offenbarung und Gehorsam

Das Verb „erklären“ oder auch „klarmachen“ ist sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch mehrdeutig. So wie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ keine ausführliche, in jeglicher Hinsicht ausformulierte Erklärung meint, sondern eine Erklärung im Sinne einer Verkündigung, verhält es sich ähnlich mit dem Aufruf an den Gesandten, die Lesung zu „erklären“, ihn also nicht zu verbergen. Mit dieser „Erklärung“ wird die Grundidee einer zu vermittelnden Botschaft dargelegt, wie eben im Falle der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die selbst juristisch für jeden Staat neu ausgelegt werden. Ich belege meine Behauptung durch den Wortgebrauch im folgenden Vers:

 

3:187 Und als Gott die Verpflichtung derer entgegen nahm, die die Schrift erhielten: Ihr müsst sie den Leuten klarmachen (latubayyinunnahu) und dürft sie nicht verborgen halten (taktumūnahu)! …

 

Demnach ist es klar, dass dieser Vers zwei gegensätzliche Verben beinhaltet:

  • bayyana: proklamieren, klar/sichtbar machen, zeigen, etc.
  • katama: verbergen, unsichtbar machen, verstecken, etc.

Wenn wir auf Arabisch zum Beispiel „dschāʾanā al-bayān at-tālī“ (جاءنا البيان التالي) sagen, so bedeutet dies sinngemäß „Zu uns kam folgende Verkündung.“ Hier wird al-bayān als Verkündung verstanden. Die Wurzel des Verbes bā-yā-nūn (ب ي ن) kommt in der Lesung 523 Mal vor in dreizehn verschiedenen Wortformen (darunter 266 Mal als das Wort „zwischen“: bayn – بَين). In ihrem Kern sagt diese Wurzel aus, dass etwas „klar“ ist. Deshalb werden Wörter wie „Erklärung“ oder „Klarheit“ mit dieser Wurzel verbunden. Und die Lesung selbst trägt den Beinamen „al-qur’ān al-mubīn“: die klare, offenkundige, nicht verborgene Lesung. Die Wurzel wird auch für die Wiedergabe des Wortes „Beweis“ gebraucht, so z.B. in bayyina (بَيِّنَة). Weil die Angelegenheit so klar ist, wird diese Angelegenheit selbst als Beweis angeführt. Dies alles zusammengefasst erklärt die Grundbedeutung der Wurzel, dass es sich um eine Klarheit handelt und nicht um eine Erläuterung (tafsīr). Dass Gott Sein Buch „klar“ bezeichnet, wird auch insofern deutlich, wenn die Verse 54:17, 54:22, 54:32 und 54:40 berücksichtigt werden, die alle in ihrem Wortlaut dasselbe aussagen: Die Lesung wurde zum Nachdenken einfach gemacht.101

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Lesung kein verborgenes, unverständliches, irgendwelche Erklärungen benötigendes Buch ist. Eher im Gegenteil, das Buch Gottes wird als klar oder deutlich (mubīn, 28: 2), ausführlich detailliert (mufaṣṣal, 41:3, 6:114, 7:133), leicht (yasīr, 54:17,22,32,40) zu bedenken und vollständig (mutimm, 6:115) bezeichnet, fernab jeglicher Unvollkommenheit und Unklarheit, die durch den Gesandten weiter erklärt werden müsste!

Es sei nochmals betont, dass die Lesung an unzähligen Stellen klar macht (es also mubīn wird), dass Gott allein die Entscheidung obliegt (5:50, 6:57, 12:40, 12:67, 42:10, 42:21). Ein weiterer missdeuteter Vers ist 75:19, welcher gerne im unmittelbaren Kontext dahingehend interpretiert wird, dass hier nicht die Lesung gemeint sei, sondern das Buch des Menschen, welches er am jüngsten Tag bekommt, in dem alle seine Taten verzeichnet sein werden. Folgender Vers widerlegt diese Ansicht:

 

17:14 Lies dein Buch! Du selbst genügst heute als Abrechner über dich.102

 

Also bedarf es keiner Erklärung, um „das Buch des Menschen“ am jüngsten Tag erklären zu müssen – er selbst genügt seiner selbst. Deshalb muss in 75:19 die Lesung selbst gemeint sein.

 

Die Offenbarung, die keine Offenbarung ist

Es gibt noch einen weiteren Vers, mit welchem die Traditionalisten die Sunna sogar mit der Offenbarung gleichzusetzen versuchen:

 

53:1–3 Und der Stern, wenn er sich neigte. Weder irrte euer Gefährte noch wurde er verführt. Und er äußert sich nicht aus der Neigung.

 

Auf die Wiedergabe dieses Verses und dem soeben erwähnten Argument, die Offenbarung und die Sunna seien auf gleicher Stufe, ist die Antwort einfach zu geben, indem lediglich der nächste Vers gelesen wird:

 

53:4 Es ist nichts als eine offenbarte Offenbarung.

 

Weitere Quellen neben Gottes Wort können nicht als Offenbarung gelten, weil dies mittelbar und unmittelbar durch Gott selbst klargemacht wird. Insofern kann auch die traditionell überlieferte Sitte, die dem Propheten untergejubelt wird, keine Offenbarung sein (45:6, 7:185, 77:50). In diesen Versen kommt im arabischen Original das Wort Ḥadīṯ vor und gibt uns zu verstehen, dass die Lesung selbst der einzige Ḥadīṯ sein soll, dem wir zu folgen haben. In diesen Versen wie auch in anderen (zum Beispiel 12:111) wird verdeutlicht, dass Gottes Ḥadīṯ mit keinem anderen Ausspruch gleichgestellt werden kann, da sie als erfunden (yuftará) beschrieben werden. So sind außerkoranische Aussagen keine Offenbarungen und wie wir bereits an Beispielen gezeigt haben, war der Prophet nicht sündenfrei. Er beging mehrere Fehler. Eine Offenbarung hingegen ist fehlerfrei und makellos:

 

41:41–42 Diejenigen, die nicht an die Ermahnung glauben, wenn sie zu ihnen kommt (sind die Verlierenden). Und fürwahr, es ist ein ehrwürdiges Buch. Falschheit kann nicht daran herankommen, weder von vorn noch von hinten. Es ist eine Offenbarung von einem Allweisen, Preiswürdigen.103

 

Darüber hinaus ist sehr viel Falschheit in die Sammlung der Aussprüche gelangt.

Fest steht: Wir müssen dem Gesandten folgen und ihm gehorchen, damit wir Gott gehorchen können (2:143, 3:20, 3:31, 24:54, 2:129, 3:164, 4:80 und 62:2). Nur wie folgen wir ihm? Das wird in der Lesung geklärt. Der Prophet folgte nämlich nur dem, was ihm offenbart wurde (6:50, 6:106, 7:203, 10:15, 33:2, 46:9). Allgemein wird betont, dass das blinde Nachahmen der Vorväter, wie Buchārī oder Asch-Schāfiʿī, uns eher davon abhalten wird, die Botschaft zu begreifen. Wir werden durch sie davon abgehalten, unsere Seelen durch die Lesung zu reformieren (6:116, 2:170, 31:21, 5:104, 10:78, 6:155, 3:53). Doch der wichtigste Vers in dieser Angelegenheit ist der folgende, der sowohl an unseren Propheten als auch an uns gerichtet ist:

 

7:3 Folgt dem, was zu euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen (anderen) Schutzherren! Wie wenig ihr bedenkt!104

 

Anzumerken ist hier noch weiter, dass nicht dem Gesandten die Rechtleitung obliegt, sondern Gott rechtleitet. Also selbst mit dem Wissen, wie sich der Prophet angeblich verhalten haben soll (die Quellen der Aḥādīṯ sind nicht zweifelsfrei), können wir nicht sicher sein, dass wir dadurch die Rechtleitung erhalten (2:272, 28:56). Hieraus wird klar, dass Gott im Gesandten seinen Verkünder in Bezug auf Seine Botschaft sieht und das nur so die eben angeführten und genauso die nachfolgenden Verse einen logischen Sinn ergeben können:

 

9:1 Eine Loslösung seitens Gottes und dessen Gesandten von den Beigesellern, mit denen ihr vereinbartet

9:3 Und eine Bekanntmachung von Gott und seinem Gesandten für die Leute am Tag der großen Debatte, dass Gott sich von den Beigesellern loslöst und auch sein Gesandter. Bereutet ihr, dann ist es gut für euch. Kehrtet ihr euch ab, dann sollt ihr wissen, dass ihr euch Gott nicht entziehen könnt. Und verkünde denjenigen, die ableugneten, eine schmerzhafte Qual.

 

Gott hatte sich selbstverständlich nicht zuerst mit dem Gesandten beraten, wie sie vorgehen sollten, sondern Gott offenbarte durch den Gesandten die Bekanntmachung, an die wir uns alle zu halten haben. Wenn wir also Gott gehorchen wollen, müssen wir der durch den Gesandten überlieferten Botschaft gehorchen, was nichts anderes bedeutet, als Gott zu gehorchen. Im vierten Kapitel der Lesung finden wir zu Beginn zahlreiche Gesetze Gottes, wonach dann folgender Vers erscheint:

 

4:13–14 Dies sind die von Gott gesetzten Schranken. Und jene, die den Befehlen Gottes und des Gesandten folgen, werden in Gärten eingelassen, durch die Bäche fließen, und wo sie für ewig verweilen. Das ist der größte Triumph. Und wer Gott und Seinem Gesandten den Gehorsam versagt und Seine Schranken übertritt, den führt Er ins Feuer, worin er ewig bleibt. Und er soll eine schmerzhafte Strafe haben.

 

In diesen Versen wird erklärt, uns also klar gemacht, dass die Einhaltung der Befehle und Gesetze Gottes dem Gehorsam gegenüber Gott sowie Seinem Gesandten gleichkommt. Da dies die Gesetze Gottes sind, die der Gesandte verkünden musste, agiert er im Namen Gottes und als Gesandten. Der Prophet nahm dadurch unweigerlich den Charakter einer Autorität an, der die Verfügungen Gottes durch göttliche Eingebung übermitteln oder aufheben kann. Dem Gesandten zu gehorchen bedeutet also der Lesung als Ganzes zu folgen.

 

Allen Gesandten ist zu gehorchen, nicht nur einem

Noch eine weitere Anmerkung zur Behauptung, dass der Aufruf, dem Gesandten zu gehorchen, angeblich der dem Propheten zugeschobenen Sunna zu folgen bedeute: Wir haben die gottergebene Pflicht, keinen Unterschied zwischen irgendeinem der Gesandten Gottes anzustellen (2:285). Lesen wir darüber hinaus beispielsweise folgende Verse:

 

26:108,110 (Noah sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:126,131 (Hūd sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:144,150 (Ṣāliḥ sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:163 (Lot sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

26:179 (Schuʿayb sagte:) So fürchtet Gott und gehorcht mir.

 

So lässt sich folgende berechtigte Frage stellen: Wo ist dann die Sunna von Noah, Hūd, Ṣāliḥ, Lot, Schuʿayb und all den anderen Gesandten? Wo ist die Sunna Abrahams, wenn er ebenso als Vorbild für uns gilt (60:4)?

Indem wir nur einer einzigen spezifischen Sunna folgen, begehen wir gleich mindestens in drei Angelegenheiten Fehler:

Erstens gilt das Wort „Sunna“, dessen Wurzel in der Lesung 21 Mal in 15 Stellen vorkommt105, nur für Gott. Es ist also Gott, der eine wie auch immer zu definierende Sunna bestimmt. Es wird darüber hinaus betont, dass die Sunna Gottes nie verändert wurde (17:77, 33:62, 35:43, 48:23). Diese Sunna Gottes galt also für die vorherigen wie auch die nachkommenden Gesandten. Von einer „Sunna Mohammeds“ als religiöser Quelle zu reden kommt deshalb einer Beigesellung des Propheten und seiner Lebensweise neben Gott und seiner Sunna gleich.

Zweitens dürfen wir keinen einzigen Unterschied zwischen den Gesandten aufstellen. Der Wortlaut aus den Versen 2:136, 2:285 und 3:84, nach denen wir unseren Glauben bekräftigen müssen, ist in dieser Hinsicht klar, deutlich und eindeutig:

 

Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnen / von den Gesandten.
Transliteration: lā nufarriqu bayna aḥadin minhum / min rusulihi.

 

Dies ist die Aussage von aufrichtigen, überzeugten Gottergebenen, die Gottes Wort ernst nehmen. Indem ein einziger Gesandter speziell behandelt wird und man der ihm zugeschriebenen Lebensweise folgt, missachten wir in Tat und Wahrheit diesen Vers und handeln gegen Gottes Wort.

Drittens wurden die Lebensweisen der Propheten und Gesandten, Frieden sei auf allen, nicht von ihnen selbst niedergeschrieben, sondern sind der missglückte Versuch ihrer Anhänger die Vermutungen und das Hörensagen über diese Menschen festzuhalten. Sie handelten entgegen der Absichten der Propheten und Gesandten und schufen einen Personenkult um sie herum. Kurz gesagt haben sie die Propheten in ihrer Botschaft nicht verstanden.

Das Prinzip der stillen Post, also die Verzerrung und Verfälschung von Überlieferungen durch die wiederholte mündliche Weitergabe, gilt auch hier. Die Überlieferungen müssen deshalb als verzerrt, verfälscht und unwahr angenommen werden, wie am Beispiel der erfundenen und meist widerlichen Aussprüche, die dem Propheten Mohammed angedichtet wurden, deutlich der Fall ist. Sie sind als Gerüchte, Hörensagen und Missverständnisse zu deuten.

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: 5. Verse gleichen Themas zusammenstellen

Die eine Schwäche bei den meisten Gottergebenen, die leider schon seit mehreren Jahrhunderten besteht, ist die Fähigkeit, die Verse ihrem Thema gemäß zusammenzustellen, um die dahinterliegende Bedeutung zu suchen. In der Lesung selbst steht, dass wir eine Zusammenstellung machen sollen – auch bekannt als der Befehl „rattil“:

 

73:2–4 Bleibe die Nacht auf, außer ein wenig: Ihre Hälfte oder verringere davon ein wenig oder füge dazu. Und ordne (rattil – رَتِّل) die Lesung auf ordnende Weise.

 

Wegen der falschen Bedeutung, die in den gängigen Übersetzungen wiedergegeben wurde, ist hier eine Erklärung vonnöten. Rattala (رتّل) steht als arabisches Wort im zweiten Verbstamm, was im Allgemeinen die Verstärkung der Bedeutung aus dem ersten Verbstamm andeutet. Alles in allem geht es bei dieser Wurzel um die „Wohlordnung einer Sache“, nämlich dass sie „regulär“ und „aufgeräumt“ ist. Das Wort „ratila“ kann nicht verwendet werden, wenn etwas irregulär oder nicht geordnet ist oder aus dem Konzept fällt. So wird auf Arabisch eine in einer Linie aufgestellte Reihe an Panzern „ratil dabābāt“ (رتل دبابات) genannt oder auch einfach „ein Konvoi von Panzern“. Wir würden „ratil“ nicht verwenden, wenn die Dinge nicht ähnlich wären. Auch wenn wir zum Beispiel eine Rede vorbereiten und die Rede in ihrem Aufbau ordnen und jemand ausdrücken will, dass der Redner die Zusammenstellung der Rede in ihren Einzelteilen gut strukturiert und die Aussprache klar und deutlich gestaltet hat, so sagt er oder sie einfach „rattala al-kalām“ (رتّل الكلام), weil sowohl der Inhalt als auch die Artikulation eine wohlgeordnete Art und Weise der Rede aufzeigen. Hier sei aber Vorsicht geboten, denn sowohl dieses Verb wie auch das Verbalnomen hierzu, tartīl ( تَرْتِيل ), wurde durch die Jahrhunderte hindurch auf eine einzelne Bedeutung beschränkt, was sich dann auch in die gängigen Übersetzungen eingeschlichen hat. Statt die ursprüngliche Bedeutung der Wurzel als Grundlage zu nehmen, bei der es um diese Wohlordnung geht, wird dieses Wort nur noch im Sinne eines „langsamen Vortragens“ der Lesung verstanden, also nur noch im artikulativen Sinne, was aber den ganzheitlichen Sinn verfehlt.

Aus diesem Grund müssen wir, wenn wir irgendein Thema in seiner Tiefe studieren wollen, alle Verse, die dieses Thema behandeln und über das Buch hinweg gestreut sind, finden und in ihre „Zusammenstellung“ und „Ordnung“ (tartīl) bringen. Nach dieser Zusammenstellung ist der nächste Schritt das „Relativieren der Bedeutung“.

 

73:20 Gewiss, dein Herr weiß, dass du weniger als zwei Drittel der Nacht, die Hälfte oder ein Drittel von ihr aufbleibst, ebenso eine Schar von denjenigen, die mit dir sind. Und Gott bemisst sowohl die Nacht als auch den Tag. Er wusste, dass ihr ihn nicht erfassen werdet; deshalb vergab Er euch. So lest (iqra’ū) von der Lesung, was leicht ist. Er wusste, dass es unter euch Kranke geben wird und andere, die sich auf der Erde durchschlagen, um nach Gottes Gunst zu streben, und andere, die auf dem Weg Gottes kämpfen. So lest von ihm, was leicht ist und haltet den Kontakt aufrecht und steuert zur Verbesserung bei und hinterlasst bei Gott einen schönen Vorschuss. Was ihr für euch selbst an Gutem vorausschickt, werdet ihr bei Gott finden. Es ist besser und ein größerer Lohn. Und bittet Gott um Vergebung. Gewiss, Gott ist vergebend, gnädig.

 

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Ablesen eines Textes, einer bloßen Rezitation, und dem gründlichen Lesen, dem studierenden Lesen, dem verstehenden Lesen. Anders gesagt geht es hierbei darum, dass wir das Gelesene mit dem Rest der Lesung in Bezug setzen, dass wir also seine Bedeutung gesamtheitlich relativieren. Beim Vortragen eines Textes, wie etwa wenn eine Person die Nachrichten von einem Blatt Papier oder einem Teleprompter abliest, wird auf Arabisch eher “talā-yatlu” (rezitieren) verwendet und nicht „qara’a“ (lesen). Ein weiteres Beispiel haben wir, wenn eine Lehrerin in Physik ihren Schülern das Konzept der Relativität beibringt, so “taqra’u” (liest sie vor und erklärt dabei) die Bedeutung, ähnlich wie bei einer Vorlesung. Dies lässt sich auch aus den ersten Versen des 96. Kapitels ableiten:

 

96:1–5 Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Embryo. Lies! Dein Herr ist Der Edelste, Der durch den Stift lehrte. Er lehrte den Menschen, was dieser nicht wusste.

 

Hier wird dem Zuhörer oder Leser nicht einfach das bloße Lesen nahegelegt, sondern auch darauf hingewiesen, dass der Mensch durch den Stift lernt. Durch das flüchtige Lesen eines Buches hab ich es nicht studiert und deshalb nicht tiefgreifend begriffen. Es scheint so zu sein, dass das selbständige Wiederholen durch den Gebrauch des Stiftes das Wissen festigt. Durch den Stift, der heute auch in Form von Rechnern in Einsatz kommt, wurden die Wissensbücher geschrieben, auf denen wir unser Wissen aufbauen und das, was wir noch nicht wussten, mittels desselben Stiftes festhalten, dass es anderen Menschen dienlich sein mag. Dieser Vers legt uns also nahe, „lesen“ als „verstehendes, lernendes Lesen“ aufzufassen. Das Prinzip des ordnenden, verstehenden Lesens führt uns zum wichtigen Schritt, Verse zur selben Thematik auch gleichzeitig zu betrachten. Dies ist das Prinzip des „Das Eine sehen und an das Andere denken.“

 

Beispiel einer Zusammenstellung von Versen über dasselbe Thema – Scheidung

Wenn wir das Thema „Scheidung“ untersuchen, so sehen wir, dass das Thema über drei verschiedene Kapitel verteilt ist (Kapitel 2, 33 und 65), welche erst miteinander kombiniert ein komplettes Bild der Prozeduren und den Gesetzen bzgl. der Scheidung liefern.

 

2:226 Für diejenigen, die sich von ihren Frauen abwenden, ist ein Abwarten von vier Monaten. Und wenden sie sich wieder zu, so ist Gott gewiss vergebend, gnädig.53
2:227 Entschlossen sie sich jedoch zur Scheidung, so ist Gott gewiss hörend, wissend.
2:228 Und die in Scheidung stehenden Frauen selbst haben drei Menstruationszyklen abzuwarten und es ist ihnen nicht erlaubt zu verschweigen, was Gott in ihren Gebärmüttern erschuf, wenn sie an Gott und den letzten Tag zu glauben pflegten. Und ihre Ehemänner sind berechtigter, sie zurückzunehmen, falls sie eine Schlichtung möchten. So gilt für die Frauen Gleiches, wie über ihnen ist, in erkenntlicher Weise, und für die Männer eine Stufe über ihnen.54 Und Gott ist ehrenvoll, weise
2:229 Ist die Scheidung zweimal55, dann entweder in erkenntlicher Weise behalten, oder gutwillig freigeben.56 Und es ist euch nicht erlaubt, etwas von dem zu nehmen, was ihr ihnen zukommen ließt, außer wenn beide fürchten, die Grenzen Gottes nicht aufrecht zu erhalten. Fürchtet ihr aber, dass beide die Grenzen Gottes nicht aufrechterhalten, dann ist für beide kein Verstoß darin, worauf sie verzichtete. Jene sind die Grenzen Gottes, übertretet sie also nicht. Und wer die Grenzen Gottes übertritt – solche sind die Ungerechten
2:230 Ließ er sich dann von ihr scheiden, so ist sie ihm danach nicht erlaubt, bis sie einen anderen Partner heiratet. Lässt dieser sich von ihr scheiden, so ist es kein Verstoß für beide, dass sie zurückkehren, wenn sie meinen, dass sie die Grenzen Gottes aufrechterhalten. Jene sind die Grenzen Gottes, die Er klarstellt für ein Volk, das weiß
2:231 Und wenn ihr euch von den Frauen scheiden ließt und sie ihre Frist vollendeten, dann behaltet sie in erkenntlicher Weise oder gebt sie frei in erkenntlicher Weise. Und behaltet sie nicht aus Schadenfreude, um zu übertreten. Und wer dies tut, tat sich selbst Unrecht. So nehmt euch Gottes Zeichen nicht zum Spott und gedenkt Gottes Gunst an euch und dessen, was Er aus der Schrift und der Weisheit auf euch herabsandte, euch damit zu belehren. Und seid Gottes achtsam und wisst, dass Gott in allen Dingen wissend ist
2:232 Und wenn ihr euch von den Frauen habt scheiden lassen und sie ihre Frist vollendet haben, dann zwängt sie nicht ein, auf dass sie ihre Partner heiraten, wenn sie miteinander in erkenntlicher Weise zufrieden sind. Damit wird der von euch belehrt, der an Gott und den letzten Tag zu glauben pflegte. Dies ist lauterer für euch und reiner. Und Gott weiß, ihr aber wisst nicht

33:49 O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr gläubige Frauen heiratet und euch dann von ihnen scheiden lasst, ehe ihr Geschlechtsverkehr mit ihnen gehabt habt, so besteht keine Wartefrist von ihnen euch gegenüber, die eingehalten werden muss. Darum beschenkt sie und entlasst sie auf geziemende Weise.

65:1 O Prophet! Wenn ihr euch von den Frauen scheidet, beachtet die Wartezeit, die ihr genau berechnen sollt! Fürchtet Gott, euren Herrn! Ihr dürft sie aus ihren Wohnungen nicht ausweisen, es sei denn, sie begehen eine abscheuliche Tat. Das sind die Rechtsbestimmungen Gottes. Wer Gottes Rechtsbestimmungen übertritt, hat sich selbst unrecht getan. Du weißt nicht, vielleicht läßt Gott nach der Scheidung etwas Unerwartetes geschehen.
65:2 Wenn die Wartezeit ihrem Ende zugeht, dürft ihr die Scheidung rückgängig machen und die Frauen in Würde behalten oder euch würdig von ihnen trennen. Ihr sollt zwei rechtschaffene Leute von euch als Zeugen nehmen. Das Zeugnis vor Gott soll genau eingehalten werden. Damit soll der ermahnt werden, der an Gott und an den Jüngsten Tag glaubt. Wer Gott fürchtet, dem schafft Gott aus jeder Not einen Ausweg
65:3 und gewährt Gaben, von wo er sie nicht erwartet. Wer sich auf Gott verläßt, dem genügt Er. Gott setzt Seinen Willen durch. Für alles hat Gott Maß und Zeit bestimmt.
65:4 Für die Frauen, die in der Menopause sind, beträgt die Wartezeit drei Monate, wenn ihr Zweifel hegt. Die Wartezeit für Frauen, die keine Menstruation haben und schwanger sind, endet mit der Entbindung. Wer auf Gott hört, dem erleichtert Gott seine Angelegenheiten.
65:5 Das ist Gottes Vorschrift, die Er euch herabgesandt hat. Wer Gott fürchtet, dem tilgt Gott die schlimmen Taten, und dem erhöht Er den Lohn.
65:6 Laßt sie, euren Möglichkeiten entsprechend, in einem Teil eurer Wohnstätten wohnen. Ihr sollt sie nicht belästigen, um sie in der Wohnstätte zu beengen. Wenn sie schwanger sind, kommt ihr für ihren Unterhalt auf, bis sie gebären. Wenn sie eure Kinder stillen, habt ihr ihnen ihre Aufwendungen zu entrichten. Beratet darüber miteinander auf würdige Weise, wie es Brauch ist. Wenn ihr euch aber nicht einigen könnt, so soll eine andere Frau das Kind stillen.57

 

Hier ist eine Zusammenfassung dieser Regeln für die Scheidung, erhalten durch die Zusammenstellung der ähnlichen Verse:

  • Eine „Abkühlzeit“ von vier Monaten wird benötigt, bevor eine Scheidung überhaupt beginnen kann. (2:226)
  • Wenn immer noch auf die Scheidung bestanden wird, so müssen die Ehefrau und der Ehemann nach dieser Abkühlzeit während der Wartefrist im gleichen Haus zusammenbleiben. (65:1)
  • Wenn sich das Paar versöhnt, lässt sich der Scheidungsprozess widerrufen und die Wartefrist wird unterbrochen. (2:229)
  • Die Scheidung wird automatisch widerrufen, wenn die Partner während der Wartefrist geschlechtlichen Verkehr miteinander hatten. (2:226, 65:1)
  • Die benötigte Wartefrist beträgt drei Menstruationszyklen. Die Wartefrist bei Frauen, die keine Menstruation mehr haben, beträgt drei Monate. Die Zeit bei schwangeren Frauen beträgt solange, bis sie ihr Kind bekommen. (2:228, 65:4)
  • Es kann keine Wartefrist geben (bzw. es wird keine benötigt), wenn noch nie ein geschlechtlicher Kontakt stattfand. Es kann also wieder geheiratet werden. (33:49)
  • Wenn das Paar immer noch wünscht, die Scheidung nach der Wartefrist zu vollziehen, so werden zwei Zeugen gebraucht, um die Prozedur zu vervollständigen. (65:2)
  • Ist dies die dritte Scheidung, so kann das Paar nicht mehr miteinander heiraten, bis die Frau mit einem anderen Mann verheiratet war und sich geschieden hat. (2:230)

Wie in diesem Beispiel der Scheidung gezeigt wird, erbringt der simple Schritt der Untersuchung aller relevanten Verse eine sehr detaillierte Beschreibung der Scheidungsschritte, welche in jeder modernen und zivilen Gesellschaft angewandt werden können. In vielen Ländern hält man sich sogar an die koranischen Gesetze, wenn man die Gesetze des Landes befolgt! Statt diese Methodik anzuwenden haben viele Gelehrte unzählige, nicht mehr zeitgemäße, teils der Lesung extremst widersprechende Gesetze erfunden, die viel Leid hervorgebracht haben, wie etwa Steinigung oder die Strafe für die Apostasie. Es ist Zeit, sich nur noch an Gottes Lesung zu orientieren, denn:

 

 65:3 … Wer sich auf Gott verlässt, dem genügt Er. …

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Koranische Hermeneutik – Die Auslegungsmethodik

Sie werden in diesem Kapitel eine Auslegeweise kennenlernen, die Sie selbst auch relativ leicht anwenden können. Es sind sieben Prinzipien, welche für jede Studentin und jeden Student der Lesung unabdingbar sind. Diese legen die Rahmenbedingung fest, nach der wir die Textstellen der Lesung auslegen werden. Gewisse Punkte werden vielleicht trivial oder offensichtlich erscheinen, dennoch zeigen sie gewisse Fallen und Tücken auf, in die man tappen könnte. Wenn Sie nun an eine Stelle der Lesung gelangen, die Sie gerne genauer verstehen wollen, so halten Sie sich mindestens an folgende Schritte:

  1. Die Sprache ist kein Hindernis
  2. Den Vers vollständig durchlesen
  3. Umliegende Verse nicht vergessen
  4. Das Wort selbst und seine Mehrdeutigkeit beachten – der „Tunnelblick“
  5. Verse gleichen Themas zusammenstellen
  6. Nach Beispielen in der Lesung suchen
  7. Geduldig sein und Gott um Hilfe und Rat bitten

Sie müssen sich nicht an diese spezielle Reihenfolge halten. Manchmal wird Punkt 4 der wichtigste Punkt in ihrer Analyse sein, weshalb Sie diesen zuerst ausführen möchten. Wichtig ist aber, dass Sie jeden dieser Punkte anwenden.

Den ersten Punkt haben wir bereits erläutert, der zweite und dritte Punkt wurden auch eingangs mit Beispielen versehen. Die wirklich aufwändigen und zeitintensiven Schritte der Auslegung betreffen die Punkte 4 – 7. Dennoch werde ich hier der Vollständigkeit halber auf alle Punkte eingehen.

Studenten der traditionellen Islāmwissenschaft werden hier mindestens drei der folgenden sechs Kategorien für die traditionelle Methodik der Exegese wiedererkennen:

  1. Interpretation der Lesung durch die Lesung. (تفسير القرآن بالقرآن – tafsīru-l-qurʾān bil-qurʾān)
  2. Interpretation der Lesung durch die angebliche „prophetische Sunna“. (السنة النبوية – as-sunnatu-n-nabawiyyah)
  3. Interpretation der Lesung durch die angeblichen Aussagen der Prophetengefährten. (أقوال الصحابة – ʾaqwālu-ṣ-ṣaḥābah)
  4. Interpretation der Lesung durch die angeblichen Aussagen der Tābiʿīn. (أقوال التابعين – ʾaqwālu-t-tābiʿīn)
  5. Interpretation der Lesung durch die Sprache und der Philologie. (اللغة وعلومها – al-lughatu wa ʿulūmuhā)
  6. Interpretation der Lesung aufgrund von Meinung und gemeinsamer Übereinkunft. ( الرأي والاجتهاد – ar-raʾyu wal-idschtihād)

Es ist das ausdrückliche Ziel dieses Buches, aufzuzeigen, dass nur drei dieser sechs Kategorien, nämlich die erste, die fünfte und sechste, ausreichen für ein vollständiges Verständnis der Lesung. Insbesondere muss aber für eine zeitgerechte und vor allem der Lesung treu bleibende Auslegung die sechste Kategorie neu aufgerollt werden und kann nunmehr nicht allein aufgrund vergangener Gelehrtenmeinungen begründet werden, da sich diese auf die Vermutungen von Ḥadīṯ und Sunna stützen.

Wir werden im weiteren Verlauf sehen, dass diese Methodik bereits die Lesung selbst in sich beherbergt, weshalb ich sie als eine koranische Hermeneutik betrachte.

 

1. Die Sprache ist kein Hindernis

Der erste Punkt im Studium der Lesung ist verständlicherweise die Sprache. Die meisten der Gottergebenen, die an der Schrift festhalten wollen, wurden unterrichtet, dass die Lesung nur auf Arabisch verstanden und vorgelesen werden und dass keine Übersetzung je die exakte Bedeutung wiedergeben könne. Es ist wirklich unterhaltsam, dass die gleichen selbsternannten Gelehrten den Arabern sagen werden, dass die Lesung für sie „zu schwer“ zu verstehen sei und dass sie das Verständnis den „Experten“ überlassen sollten! Es sieht so aus, als ob Galileo Galilei solch eine Erfahrung ebenfalls gemacht habe, denn er soll einst gesagt haben:

 

„Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.“

– Galileo Galilei, italienischer Mathematiker

 

Natürlich sagt die Lesung selber, dass die Sprache kein Hindernis darstellt um sie zu verstehen (41:44), da Gott Derjenige ist, Der ihn den Menschen erklärt (75:19, 55:2), die ihr Herz Ihm gegenüber öffnen (29:49). Es sei wiederholt, dass Gott die Menschen nicht mit „O ihr Araber“ oder „O ihr, die ihr Arabisch sprecht“ anspricht, sondern mit „O ihr, die ihr glaubtet“. Gottes Buch ist anders als jedes andere Buch auf Erden, da es Seinem System und Seinen Gesetzen entspricht. Das Verständnis wird an der Ehrlichkeit wie auch an der geistigen Reinheit der Leser gemessen und nicht allein an der Sprache, den Qualifikationen oder am Fachwissen:

 

56:77–80 Dass dies wahrlich eine edle Lesung ist. In einer wohl aufbewahrten Urschrift. Keiner kann sie erfassen, außer den Reinen. Eine Offenbarung vom Herrn der Welten.

 

Natürlich ist jegliches Fachwissen wie auch jegliches Können von Vorteil, aber keine Voraussetzung. Das Verständnis zum Beispiel des Wortes „ḥadīṯ“ lässt sich auch mittels Transliterationen und weiteren Hilfsmitteln erarbeiten.

Dieser Punkt ist auch deshalb so wichtig, weil jeder Mensch die Lesung aus seinem eigenen Blickwinkel heraus betrachten wird, ja muss. So wird der Philosoph andere Schwerpunkte setzen und andere Zusammenhänge erkennen als der Arzt, welcher im Normalfall die physiologischen Vorgänge im Körper besser begreift. Eltern, die erst vor Kurzem ihr Kind bekamen, haben in ihrem Leben andere emotionale Schwerpunkte als ein junger Mensch, der gerade seine Pubertät durchlebt. Durch bloßes Wissen und Können werden keine theologischen Inhalte erschlossen. Erst die Kombination ergibt die richtige Mischung, was uns auch in folgendem Vers sinngemäß mitgeteilt wird:

 

49:14 Die Araber sagten: Wir glaubten! Sage: Ihr glaubtet nicht. Aber sagt: „Wir haben uns ergeben“ bis der Glaube in eure Herzen eingetreten ist. Wenn ihr Gott und Seinem Gesandten gehorcht, wird Gott von euren Taten nichts mindern. Gott ist verzeihend, gnädig.

 

Nur durch das Aussprechen eines Satzes wie „ich glaube, dass es nur einen Gott gibt“, wird man laut den Prinzipien Gottes, die wir aus der Lesung entnehmen können, nicht automatisch zu einem Gläubigen. Dies hat auch mit der Bedeutung des arabischen Wortes Īmān zu tun, nichtsdestotrotz war dieser Vers an Araber gerichtet, denen die Erfahrung und die tiefe Überzeugung in ihrem Herzen noch fehlte.

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Das „wa“ in der arabischen Sprache

Es gibt noch zahlreiche weitere Feinheiten dieser kunstvollen Sprache. Da ich aber kein Buch über die arabische Sprache schreiben will und auf dem Büchermarkt bereits viele gute Lehrbücher vorhanden sind, werde ich mich hier nur auf die wichtigste Feinheit beschränken, die eine wichtige Bedeutungsänderung nach sich ziehen kann. Erinnern Sie sich an den in diesem Kapitel eingangs zitierten Vers:

 

41:44 Hätten wir sie zu einer fremdsprachigen Lesung gemacht, hätten sie gesagt: „Hätten ihre Verse nicht erklärt werden müssen?“ Fremdsprachig oder arabisch? Sprich: „Sie ist eine Führung und eine Heilung für die Gläubigen.

 

Die rhetorische Frage „Fremdsprachig oder arabisch?“ in Vers  41:44 wird in den meisten Übersetzungen anders wiedergegeben, in etwa wie folgt: „Ein fremdsprachiges Buch für einen Araber?“24

Wörtlich kann der entsprechende Teil auch so verstanden werden: „fremdsprachig und arabisch? “, ءاعجمى وعربى – transliteriert: ʾa-aʿdschamiyyun wa ʿarabiyyun. In diesem Ausdruck sind vereinfacht gesagt vier Wörter, die von den Übersetzern auf unterschiedliche Weise wiedergegeben wurden. Vier Möglichkeiten ergeben sich in der Bedeutung dieses kleinen Satzes:

  • ein Fremder und/oder ein Araber (Zaidans Übersetzung ist hier anzusiedeln)
  • ein Fremder und/oder arabisch
  • fremdsprachig und/oder ein Araber (die meisten Übersetzer entschieden sich hierfür)
  • fremdsprachig und/oder arabisch (unsere Variante)

Wieso habe ich mich für die vierte Variante entschieden? Zu Beginn wird ein Fragepartikel verwendet, welches klarstellt, dass dieser Ausdruck eine Frage und keine Aussage ist. Die Frage kann auch rhetorischer Natur sein, um auf etwas aufmerksam zu machen. In dem Sinne könnte der Ausdruck auch rhetorisch als „Ob fremdsprachig oder arabisch?“ verstanden werden.

Es ist zwar korrekt, dass ʿarabī „ein Araber“ und ʾaʿdschamī „ein Fremder“ bedeuten kann, jedoch fordere ich Sie auf die von unserem Hanif-Team wiedergegebene Bedeutung mit den anderen Übersetzungen zu vergleichen, welche logisch gesehen nicht ganz einwandfrei sind. Wenn der Einwand der Araber „Ein fremdsprachiges Buch für einen Araber?“ als folgerichtig angesehen wird, so muss auch eingeräumt werden, dass der Einwand von Milliarden von Nichtarabern, also Fremden, der dann „ein arabisches Buch für einen Fremden?“ lautete, ebenfalls berechtigt ist. Man müsste hierzu lediglich die Wortreihenfolge ändern: aʿarabīyun wa aʿdschamīyun. Bei der gängigen Übersetzung wird dieses Recht des Einspruches den Nichtarabern geradezu gegeben.

Was will der Vers aussagen? Wenn Sie diese Frage in Gedanken halten und den jeweiligen Vers einige Male aufmerksam lesen, so werden Sie treffender in ihrer Auswahl der richtigen Übersetzung sein. Sprachlich gesehen gibt es zwei Punkte, die ich genauer erläutern muss:

Erstens, in der Lesung wird für die Araber das Wort „aʿrāb“ verwendet, welches in der Mehrzahlform steht (vgl. 9:97–98,101,120; 33:20; 48:11,16; 49:14; anders als im heutigen Standardarabisch nicht ʿarab). Für Nichtaraber hingegen wird die Mehrzahl des Wortes aʿdscham verwendet, also „aʿdschamīn“ (vgl. 26:198). Die Wörter aʿdschamī und ʿarabī werden hingegen für Sprachbezeichnungen verwendet. Der Buchstabe “yā” (ي – ī), welcher an das Ende der Wörter ʿarab und aʿdscham hinzugefügt wird, setzt die Bedeutung dieser Wörter auf „arabisch“ und „adschemisch“. Wenn wir nämlich alle Verse betrachten, in denen das Wort ʿarabī vorkommt, so werden Sie sehen, dass alle auf die Bedeutung „arabisch“ hinauslaufen (12:2; 13:37; 16:103; 30:113; 26:195; 39:28; 41:3, 44; 43:3; 46:12). In gleicher Weise verhält es sich mit dem Wort aʿdschamī, welches die Bedeutung „fremdsprachig“ erhält (16:103; 41:44). Durch den konsistenten Gebrauch dieser Worte als eine Beschreibung der verwendeten Sprache (arabisch, fremdsprachig) außerhalb von 41:44 ergibt es wenig Sinn, die Bedeutung in 41:44 als „ein Fremder und ein Araber“ festzulegen.

Wenn wir den Tunnelblick verlassen und den gesamten Vers im Kontext seiner umliegenden Verse lesen, wird es noch deutlicher, weshalb unsere Variante passender ist:

 

41:43 Es wird dir nur das gesagt, was schon den Gesandten vor dir gesagt wurde. Dein Herr ist wahrlich voll der Vergebung und verhängt (auch) schmerzhafte Strafe.25

 

Im Vers davor geht es also um die Botschaften, welche den vorherigen Gesandten auch schon mitgeteilt wurden. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Botschaft durch die Gesandten stets in der Sprache des Volkes mitgeteilt wurde (14:4), wird es klar, dass es sich hierbei um den Inhalt der Botschaft und nicht die eingesetzte Sprache handelt. Denn gerade dieser Inhalt der Lesung wird als Rechtleitung und Heilung beschrieben. Es wäre verkehrt anzunehmen, dass Gott nur jene Menschen rechtleitet, die Arabisch beherrschen. In der traditionellen Vorstellung von Paradies und Hölle wurde nicht selten die Ansicht geäußert, dass die Sprache im Garten Eden das Arabisch der Lesung sei! Dies hat natürlich nichts mit der Botschaft der Lesung gemein, welche gerade betont, dass die Sprache keine Rolle spielt.

Betrachten wir den nächsten Vers, so wird die Angelegenheit weiter verdeutlicht:

 

41:45 Und Wir gaben bereits Musa die Schrift, doch wurde man darüber uneinig. Und wenn es nicht ein früher ergangenes Wort von deinem Herrn gegeben hätte, so wäre zwischen ihnen wahrlich entschieden worden. Und sie sind darüber fürwahr in starkem Zweifel.26

 

Wenn wir also berücksichtigen, dass die Sprache von Moses die Sprache seines Volkes war, ihnen die Schrift in ihrer Sprache mitgegeben wurde, so wird es hier auch klar, dass es der Inhalt ist, um den es sich hier handelt und weshalb die Leute von Moses darüber uneinig waren.

Zweitens haben Sie sich bestimmt gefragt, wieso ich in den vier Varianten „und/oder“ geschrieben habe und somit eigentlich acht Varianten gemeint sein könnten. Dazu ist es wichtig zu wissen, wie das Wort „wa“ (و – allgemeine Bedeutung „und“) in der klassisch-arabischen Sprache verwendet wird, denn die Lesung zeigt uns deutlich auf, dass dieses Wort, das aus nur einem Buchstaben besteht, je nach Anwendung zahlreiche Bedeutungen annehmen kann und so der Interpretation eine gewisse Vielfalt einräumt.

Das Bindewort „und“ hat auch auf Deutsch mehrere Bedeutungen, die das arabische „wa“ auch umfasst:

 

1. Logische Verknüpfung zweier Aussagen:

Es ist Nacht und es regnet.

Hier werden zwei verschiedene Dinge angesprochen. Die Nacht ist kein Regen und der Regen ist zeitlich nicht auf die Nacht eingeschränkt. Ein Beispielvers:

 

10:5 Er ist es, der die Sonne zur Leuchte und den Mond zum Licht gemacht und ihm Stationen zugemessen hat, damit ihr die Zahl der Jahre und die Zeitrechnung wißt.27

Transliteration: huwa allaḏī dschaʿala asch-schamsa ḍiyā’an wa al-qamara nūran wa qaddarahu manāzila litaʿlamū ʿadada as-sinīna wa al-hisāba …

 

2. Zusammenfassung zu Gruppen in Verbindung mit Substantiven:

Cem und Peter trugen den Sack voller Bonbons hinunter.

Hierbei ist es ersichtlich, dass beide zu einer Einheit zusammengefasst werden, sie beide zusammen haben dieselbe Sache erledigt. Es war nicht so, dass jeweils Cem einen Sack trug und Peter einen weiteren. Ein Beispielvers hierzu:

 

33:36 Weder hat ein Gläubiger noch eine Gläubige, wenn Gott und Sein Gesandter eine Angelegenheit entschieden haben, die Entscheidungsmöglichkeit in ihrer Angelegenheit. Und wer sich Gott und Seinem Gesandten widersetzt, der befindet sich ja in klarem Irrtum.

 

Hier werden Gott und Sein Gesandter, also der Prophet Mohammed, als eine Einheit zusammengefasst erwähnt. Dies liegt darin begründet, dass der Gesandte Gottes naturgemäß seiner Pflicht nachzukommen und die Entscheidungen Gottes eins zu eins zu verkünden hat. Da der Gesandte die Entscheidungen Gottes auch umsetzt, sind es auch seine Entscheidungen als Gesandter, ob er nun damit als Mensch einverstanden wäre oder nicht. Zu diesem Punkt werde ich später im zweiten Teil des Buches unter „die Aufgaben des Gesandten“ noch einmal näher eingehen.

 

3. Angabe einer zeitlichen Reihenfolge, wonach die Stellung bedeutungsrelevant ist:

Man kann dies tun, wenn man alt wird und Zeit hat.

Mit diesem Satz wird ausgedrückt, dass man Zeit haben wird, nachdem man alt wurde. Ein Beispiel hierzu aus der Lesung:

 

79:29 und ließ seine Nacht verdunkeln und seine Morgendämmerung hervorkommen

Transliteration: wa ʾaghṭascha laylahā wa ʾachradscha ḍuḥāhā

 

Zuerst wird das Licht dem Tag entzogen und erst danach kann das Licht der Morgendämmerung wieder hervortreten.

Weiterer Beispielvers:

 

4:1 O ihr Menschen, seid eures Herrn achtsam, der euch aus einer einzigen Seele erschuf und aus ihm ihren Partner erschuf und aus ihnen beiden viele Männer und Frauen ausbreiten ließ. …

Transliteration: yā ʾayyuhā an-nāsu ittaqū rabbakumu al-laḏī chalaqakum min nafsin wāḥidatin wa chalaqa minhā zawdschahā wa baṯṯa minhumā ridschālan kaṯīran wa nisāʾan …

 

Die Erschaffung des Menschen geschah zuerst aus einer einzigen Seele (nafs), und nicht aus einem einzigen Menschen heraus, wonach ihr Partner erschaffen wurde. Die Menschen haben sich im Anschluss dann aus diesen durch Fortpflanzung vermehrt und sich auf der Erde ausgebreitet – gemäß den von Gott auferlegten Regeln, die wir heute als Evolutionstheorie erforschen. Es sollte also hierbei deutlich angemerkt sein, dass aus dieser einen Seele zur selben Zeit auch mehrere Menschen erschaffen sein können und der Partner allgemein das „andere Geschlecht“ beschreibt und auch mehrere Menschen umfassen kann.

Dies alles kann also auch mit dem arabischen „und“ ausgedrückt werden. Wenn wir jedoch „wa“ bloß als „und“ verstehen, schränken wir die Bedeutungsvielfalt des arabischen Wortes ein, wonach das „wa“ weitere Funktionen erfüllen kann. Dies ist eine wichtige Angelegenheit, denn selbst gewisse Araber und solche, die Arabisch sprechen können, vergessen diesen Umstand und kommen dann im Verstehen der Lesung zu falschen Schlüssen.

Weitere Bedeutungen:

4. Anzeige für den Anfang eines Satzes ohne weitere große Bedeutung. Beispielvers:

 

74:3 Und deinen Herrn preise hoch
74:3 Preise deinen Herrn!28

Transliteration: wa rabbaka fakabbir29

 

Hiervon gibt es eine schier unzählige Menge an Beispielen in der Lesung.

 

5. Ausdruck eines Schwurs, bekanntestes Beispiel wäre „Wallahi“ (bei Gott!). Beispielvers:

 

100:1 Bei denen, die schnaubend laufen.

Transliteration: wa al-ʿādiyāti ḍabḥan

 

6. Gebrauch im explikativen („erklärenden“) und einschließenden Sinne. Beispielvers:

 

33:7 Und (damals) als wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und von dir, und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria! Wir nahmen von ihnen eine feste Verpflichtung entgegen.30

Transliteration: wa ʾiḏ ʾachaḏnā min an-nabīyīna mīṯāqahum wa minka wa min nūḥin wa ʾibrāhīma wa mūsá wa ʾīsá ibni maryama wa ʾachaḏnā minhum mīthāqan ghalīẓan

 

Hier bedeutet „min an-nabīyīna“ „von den Propheten“ und „wa minka“ „und von dir“. Obwohl derjenige, der mit „dir“ gemeint ist, auch ein Prophet ist, und obwohl auch Noah, Abraham, Jesus, der Sohn der Marias, und Moses – obwohl alle Propheten sind, werden diese mit „wa“ verknüpft.

Ein weiterer Beispielvers:

 

3:102 O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Gott, wie Er richtig gefürchtet werden soll, und sterbt nicht anders denn als Gottergebene.31

Transliteration: yā ʾayyuhā al-laḏīna ʾāmanū ittaqū allaha ḥaqqa tuqātihi wa lā tamūtunna ʾillā wa ʾantum muslimūna

 

Viele Kommentatoren, unter ihnen beispielsweise auch Ibn Kaṯīr, verstehen dies als zwei separate Aufforderungen und verbinden die beiden Bedeutungen nicht. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das „wa“ in diesem Kontext als die Einleitung eines Satzes, welches die genaue Erklärung und Klarstellung liefert, wie man richtige Ehrfurcht vor Gott empfinden kann. Gott zu fürchten, wie Er richtig gefürchtet werden soll, bedeutet sein eigenes Leben in der Ergebung (Islam) zu Gott im Wissen zu gestalten, dass man jederzeit sterben könnte. Gottes achtsam zu sein (taqwá üben) bedeutet auch zu verstehen, in welch einem schlimmen Zustand ein Gestorbener ist, der als jemand starb, der Unrecht beging und von Gott verurteilt wird. Ein in dieser Hinsicht Achtsamer (muttaqī) weiß um die Selbstillusion, seine moralischen Pflichten vor sich herzuschieben, indem man meint, man werde Gott noch genug anbeten und Rechtschaffenes tun, wenn man alt wird und Zeit hat. Der Prophet Josef dient uns hier als Beispiel (12:101), der sich nicht durch weltliche Errungenschaften ablenken ließ.

Wem dieses Beispiel zu unklar erscheint, der schaue sich folgendes Beispiel genauer an:

 

55:68 In ihnen gibt es Obst: Datteln und Granatäpfel.

Transliteration: fīhimā fākihatun wa nachlun wa rummānun

 

Der Granatapfel (ihre rote Frucht) wie auch die Dattel sind Obstsorten. Das erste „wa“ steht hier demzufolge im explikativen Sinne, wohingegen das zweite „wa“ als Aufzählung verstanden werden kann. Noch ein Beispiel:

 

2:238 Wacht über die Gebete und das mittlere Gebet, und steht demütig vor Allah.32

Transliteration: ḥāfiẓū ʿalá aṣ-ṣalawāti wa aṣ-ṣalāti alwuṣṭá wa qūmū lillahi qānitīna

 

Es ist offensichtlich, dass das „mittlere Gebet“ (Mittagsgebet) auch ein Teil der Gebete ist. Weitere Beispiele für diese explikative oder auch einschließende Funktion des „wa“ lassen sich in 8:60 (einsatzbereite Pferde sind auch eine Kraft) oder in 5:15 (das Buch ist ein Teil des Lichts33) finden.

 

7. Empathische Funktion, um etwas besonders hervorzuheben:

Dasselbe „wa“ aus 2:238 kann nebst einer erklärenden Funktion auch eine empathische Funktion innehaben, wonach das „wa“ im Sinne von „besonders“ verwendet wird.34

Diese empathische Funktion ist eng verknüpft mit der explikativen Funktion. Weiteres Beispiel:

 

70:4 Die Engel und der Geist steigen zu ihm auf an einem Tag, dessen Maß fünfzigtausend Jahre ist.

 

Mit „Geist“ ist hier traditionell der Engel Gabriel gemeint und kein weiteres Wesen nebst den Engeln. Gemäß dem aschʿarītischen Philosophen Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) wird der „Geist“ deshalb separat erwähnt, um auf seine Größe, seinen Wert bei Gott und seinen besonderen Stand bei den Engeln hinzuweisen. In diesem Sinne können dann auch die Verse 2:97–98 verstanden werden.

 

8. Gebrauch in einer Aufzählung. Wir können den Beispielvers von vorhin verwenden:

 

33:7 Und (damals) als wir von den Propheten ihre Verpflichtung entgegennahmen, und von dir, und von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn der Maria! Wir nahmen von ihnen eine feste Verpflichtung entgegen.

Transliteration: … wa min nūḥin wa ʾibrāhīma wa mūsá wa ʾīsá …

 

Das arabische „wa“ verschwindet im Deutschen in einer Aufzählung im Kommazeichen außer vor dem zweiten und letzten Wort. Natürlich könnte man hier jedes einzelne „und“ ausschreiben, jedoch störte dies den Lesefluss erheblich und widerspräche den gängigen Regeln einer Aufzählung in der deutschen Sprache.

 

9. Im Sinne von „oder“, obwohl die arabische Sprache auch eigene Wörter für „oder“ hat, wie etwa am (أم – meist in einer Frage) oder aw (أو – meist in einer Gegenüberstellung), welche beide auch in der Lesung auftauchen (z.B. in 2:6, 2:19). Beispiel für das „wa“ als „oder“:

 

73:20 Gewiss, dein Herr weiß, dass du weniger als zwei Drittel der Nacht oder die Hälfte oder ein Drittel von ihr aufbleibst …

Transliteration: ʾinna rabbaka yaʿlamu ʾannaka taqūmu ʾadná min ṯuluṯayi al-layli wa niṣfahu wa ṯuluṯahu

 

Es ist unmöglich, gleichzeitig zwei Drittel, die Hälfte und ein Drittel der Nacht aufzubleiben, weil man ansonsten davon ausgehen müsste, dass zwei Drittel gleichviel sind wie die Hälfte und dieses wiederum gleichviel wie ein Drittel der Nacht, was aber widersprüchlich ist. Deshalb wird hier das wa definitiv als Gegenüberstellung unterschiedlicher Einheiten aus demselben Bereich verwendet. Nächstes Beispiel:

 

2:177 Aufrichtigkeit ist nicht, wenn ihr eure Gesichter in Richtung des Ostens oder des Westens wendet, sondern Aufrichtigkeit ist, …

Transliteration: laysa al-birra ʾan tuwallū wudschūhakum qibala al-maschriqi wa al-maghrib

 

Es ist auch offensichtlich, dass man sich nicht gleichzeitig in Richtung des Ostens und des Westens wenden kann.35

Weitere Beispiele ließen sich auch hier finden. Da in 41:44 kontextuell zwei Gegensätze gegenübergestellt werden  (fremdsprachig – arabisch), ist die Wahl von „oder“ an dieser Stelle am passendsten.

 

10. Im Sinne von „aber“, obwohl auch hier ein eigenes „aber“ vorhanden ist, wie in lākin (لكن – z.B. in 2:12) oder in ammā (أما – z.B. in 80:8).36 Ein Beispielvers:

 

2:70 Sie sagten: Rufe deinen Herrn für uns, um uns darüber aufzuklären, wie sie ist, da uns die Kühe gleich erscheinen, aber dann sind wir, so Gott wollte, rechtgeleitet.

Transliteration: qālū adʿu lanā rabbaka yubayyin lanā mā hiya ʾinna al-baqara taschābaha ʿalaynā wa ʾinnā ʾin schāʾa allahu lamuhtadūna

 

Das „aber“ in diesem Vers ist ebenso in den Übersetzungen von Khoury, Azhar, Paret und Bubenheim (hier als „doch“) zu finden.

Zusammengefasst haben wir also mindestens folgende Anwendungsmöglichkeiten:

  1. Logische Verknüpfung
  2. Zusammenfassung zu einer Gruppe oder Einheit
  3. Angabe einer zeitlichen Abfolge
  4. Am Anfang eines Satzes
  5. Schwurausdruck
  6. Explikative Funktion
  7. Empathische Funktion
  8. Aufzählung
  9. Im Sinne von „oder“
  10. Im Sinne von „aber“

Im Normalfall ist die Bedeutung einfach „und“ und wird im Alltag auch so gebraucht. Doch es ist nicht immer leicht, die Bedeutung von „wa“ genau zu bestimmen. Manchmal passen auch mehrere Varianten. Meist wird eine kontextuelle Analyse Aufschluss über die genaueren Bedeutungsmöglichkeiten geben. Manchmal muss man sich die Bedeutung aus dem Gesamtkontext der Lesung erschließen. Denn viele der heutigen Gottergebenen machen immer noch den Fehler, ihre Meinung, ihre Ideen und ihre Ansichten in den Versen der Lesung bestätigt finden zu wollen und zitieren dann unvorsichtig Verse, die scheinbar das Gesagte oder das Geschriebene bestätigen. Stattdessen sollte man zu verstehen versuchen, was die Lesung genau aussagen will und einzelne Verse nicht aus dem Gesamtkontext der Lesung herausreißen. Auch wenn es sich hierbei „nur“ um die Bedeutung eines einzelnen arabischen Buchstabens dreht.

 

Quellen für die Wortanalyse

Wir haben nun bereits einiges über die arabische Sprache kennengelernt. Für die Studentin oder den Studenten der Lesung werden nebst der Lesung selbst die Sprache und ihre Wörterbücher auch eine entscheidende Rolle spielen, falls diese Person es sich zur Aufgabe machen will, tiefer in die Bedeutungen der Worte einzutauchen. Die arabischen Wörterbücher sind, anders als in der deutschen Sprache, nicht nach den Anfangsbuchstaben der Worte geordnet, sondern nach den bereits erwähnten Wortstämmen, den Wurzeln (dschizr), welche den jeweiligen Worten zugrunde liegen. Für den Anfänger ist es natürlich schwieriger, die Wurzeln selbständig zu erkennen. Durch entsprechende Hilfsmittel37 oder mit der Hilfe einer der arabischen Sprache mächtigen Person können Sie schnell herausfinden, um welche Wurzel es sich in einem bestimmten Wort handelt.

Doch auch hier sei Vorsicht geboten, denn wenn die Vokalisation des arabischen Textes entfernt wird, können sich Mehrdeutigkeiten einschleichen, die genau untersucht werden müssen. Ein Beispiel ist das Wort al-miḥāl (المِحال) in 13:13, was mit einem Kasra (i) vokalisiert wird und von der Wurzel m-ḥ-l (م ح ل) abstammt und in etwa „Blockaden aufstellen“ oder „eine List planen“ bedeutet. Dies wird dann beispielsweise von Paret so übertragen: „… Dabei streiten sie (d.h. die Ungläubigen) über Gott, wo er (sich doch so gewaltig zeigt und) voller Tücke ist (wa-huwa schadiedu l-mihaali).

Entvokalisiert kann man durch Abändern des Kasra zu einem Ḍamma (u) das Wort al-muḥāl (المُحال) bilden, was aber von der Wurzel ḥ-w-l (ح و ل) abstammt und in etwa das „Undenkbare, Unmögliche, Unerreichbare“ beschreibt. Beide Wörter tragen in sich die Bedeutung einer Barrikade oder Blockade38, weshalb unsere Übersetzung dieses Wortes als Folge der kontextuellen Analyse, in der die Souveränität und absolute Position Gottes dargestellt wird39, wie folgt lautet:

 

13:13 Und der Donner preist ihn mit seinem Lob, auch die Engel aus Furcht vor Ihm. Und Er sendet die Donnerschläge und trifft damit, wen Er will. Und sie streiten noch über Gott, wo Er der völlig Absolute ist.

 

Es gibt viele gute Wörterbücher, an die man sich wenden kann bei Bedarf. In Anhang C werden die wichtigsten unter ihnen aufgelistet.

Bücher Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Anhänge A-D

Auf dieser Seite befinden sich sämtliche Anhänge des Buches ‚Schlüssel zum Verständnis des Koran‘.

 

Anhang A – Wortverzeichnis

In diesem Anhang befindet sich eine tabellarische Übersicht über die wichtigsten in diesem Buch verwendeten deutschen Begrifflichkeiten und ihre arabischen Entsprechungen, um Missverständnissen vorzubeugen. Gleichzeitig kann diese Liste als Grundlage für den Diskurs der Findung von deutschen Wörtern für zentrale arabische Begriffe gelten.

DeutschArabisch
Der AbleugnerAl-Kāfir, Al-Kāfirūn/Al-Kuffār
Die AbleugnungAl-Kufr
Der AchtsameAl-Muttaqī
Die AchtsamkeitAt-Taqwá
Die/Der sich Anstrengende
(fürs Gute)
Al-Mudschāhid
Die Anstrengung (fürs Gute)Al-Dschihād
Der Ausspruch, die AussprücheAl-Ḥadīṯ, Al-Aḥādīṯ
Der BeigesellerAl-Muschrik
Die Beigesellten (auch: Götzen,
Idole)
Asch-Schurakāʾ
Die BeigesellungAsch-Schirk
Die BezeugungAsch-Schahādah
Die (Pilgerfahrt zur) DebatteAl-Ḥadsch
Der (Gott-)Ergebene/FriedensstifterAl-Muslim
Die Friedensstiftung / (Gott-)
Ergebung/Gottergebenheit
Al-Islām
Die GerechtigkeitAl-Qisṭ
Der (überzeugte, gesicherte)
Glaube
Al-Īmān
Der GottAllāh
Der GütigeAl-Muḥsin
Das KontaktgebetAṣ-ṣalāh
Die Läuterung (Läuterungsabgabe)Az-Zakāh
Die Lebensordnung / LebensweiseAd-Dīn
Die LesungAl-Qurʾān (Koran)
Das LetzteAl-Āchirah
Der MonotheismusAt-Tawḥīd
Der MonotheistAl-Muwaḥḥid
Der RechtschaffeneAṣ-Ṣāliḥ
Der Satan (nicht Teufel)Asch-Schayṭān
Die SündeAl-Iṯm

 

Für die Klarstellung von vielen Übersetzungsfehlern können Sie in der Rubrik ‚Übersetzung und Übersetzungsfehler‘ auf alrahman.de stöbern.

 

Anhang B – Literaturangabe zur Ḥadīṯ-Diskussion

Aisha Y. Musa, Hadith as Scripture: Discussions on the Authority of Prophetic Traditions in Islam, Palgrave, 2008.

Koranforschungsgruppe, Die erfundene Religion und die Koranische Religion, online verfügbar auf www.alrahman.de, von mir übersetzt aus dem Türkischen „Uydurulan Din ve Kuran’daki Din“, İstanbul Yayınevi, 2007.

Rashad Khalifa, Koran, Hadith und Islam, online verfügbar auf www.alrahman.de, von mir übersetzt aus dem Englischen „Quran, Hadith and Islam“, Islamic Productions, 2006.

Edip Yüksel, Manifesto for Islamic Reform, Brainbow Press, 2009.

Shabbir Ahmed, The Criminals of Islam, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2011.

Abdur Rab, Exploring Islam in a New Light, Brainbow Press, 2010.

Kerem Adıgüzel, Zuverlässigkeit der Ahadith: Die Korrumpierung der Hochreligion Islam, online verfügbar auf www.alrahman.de, 2007.

Allgemein sind auf der Webseite www.alrahman.de sehr viele weiterführende Artikel von unterschiedlichen Autoren vorhanden.

 

Anhang C – Wörterbuchverzeichnis

Hans Wehr, A dictionary of modern written Arabic (Arabic – English), 4th ed.
Dies ist ein aus der deutschen Version 142 übersetztes, beträchtlich erweitertes und sprachlich genaueres Wörterbuch als die deutsche Vorlage. Wie der Titel schon sagt, ist es für den modernen Sprachgebrauch bestimmt und nicht immer in Übereinstimmung mit klassisch-arabischer Anwendung.

Götz Schregle, Deutsch-Arabisches Wörterbuch, Harrasowitz, 1974.
Ein Wörterbuch ähnlich wie das von Hans Wehr für das moderne Standardarabisch. Es enthält auch fachliche und technische Begriffe und umfasst ca. 30.000 Wörter. Die Wörter werden nicht mit lateinischen Buchstaben umschrieben, sondern stattdessen auf Arabisch und voll vokalisiert mit Anwendungsbeispielen wiedergegeben. Eignet sich gut, um von der deutschen Sprache ausgehend die arabischen Entsprechungen zu finden.

Rohi Baalbaki, Al-Mawrid: Arabisch-Deutsches Wörterbuch, MOst, 2005.
Umfasst ca. 38.000 Wörter, die nicht nach dem Stammwort, also der Wurzel, sondern nach dem Alphabet geordnet sind.

 

Leider sind die besten Werke (nebst den arabischen) nur in englischer Sprache verfügbar:

Edward W. Lane, Arabic – English Lexicon, Librairie du Liban, 1968.
Eine riesige Sammlung an Wortbedeutungen in acht Bänden mit vielen Beispielen aus der Anwendung, welche sehr viele Wörterbücher als aufbauende Quellen (insgesamt 112 zitierte Werke) benutzt hat. Die ersten fünf Bände wurden von ihm bis 1872 fertiggestellt, wohingegen die Bände sechs bis acht von seinem Großneffen Stanley Lane herausgegeben wurden mit der Hilfe von Lanes unvollständigen Notizen, die er hinterließ. Deshalb sind diese letzteren Bände voller Lücken und skizzenhaft. Der Fokus dieser Arbeit liegt im Vokabular des klassischen Arabisch.

Francis J. Steingass, The student’s Arabic-English dictionary, 1884.
Für den ungeübten Leser am Anfang verwirrend, erscheinen hier doch verschiedene Wurzelstämme unter derselben Überschrift, so z.B. die Wurzel w-ʿa-d ( و ع د ) und ʿa-d-d ( عدّ ) unter der Überschrift عد.

J. G. Hava, Arabic – English Dictionary for the use of Students, Catholic Press, 1899.
Ein Wörterbuch für das klassische Arabisch. Siehe auch sein Wörterbuch „Arabic – English Dictionary for Advanced Learners“, welches umfassender als das Wörterbuch von Hans Wehr ist, jedoch nicht so klar aufgebaut. Moderne Bedeutungen und Wörter werden hierbei ignoriert (so steht das Wort sayyāra nicht für „Auto“, sondern für „Karawane“ oder „Planet“).

Elsaid M. Badawi & Muhammad Abdel Haleem, Arabic – English Dictionary of Qur’anic Usage, Brill, 2010.
Aufbauend auf Wörterbüchern des klassischen Arabisch und Korankommentaren betont diese Arbeit die Rolle des Kontextes in der Bestimmung der Vielfalt an Bedeutungen eines jeden Wortes. Beispielhafte Angaben aus der Lesung werden im Buch wiedergegeben mit Querverweisen.

John Penrice, A Dictionary and Glossary of The Koran, 1873.
Ein Fotograf, der ein beachtliches Werk hinterließ. Eine kompakte Darstellung von Referenzen zu Wörtern und ihren Bedeutungen. Zahlreiche Editionen dieses Werkes sind bisher erschienen.

Abdullah A. Nadwi, Vocabulary of The Holy Quran, Millat Book Centre, 1983.
Ein nützliches Wörterbuch der Worte im Koran, die in ihre Wurzeln gruppiert wurden. Die Vermittlung der Wortbedeutung baut auf der Grundlage der Wurzelbedeutungen auf. Beispiele werden
auch angegeben.

Malik Ghulam Farid, Dictionary of The Holy Quran, Islam International Publications Ltd., 2006.
Eine von einem Missionar der Ahmadiyya angefertigtes Wörterbuch, die durchaus als Konkordanz der Lesung gelten kann. Das Buch ist leider missionarisch geprägt.

Mustansir Mir, Verbal Idioms of The Qur’ān, 1989.
Obwohl das mittelalterliche Arabisch sehr gut dokumentiert wurde durch muslimische Gelehrte aus dem Mittelalter, gibt es dennoch einige Schwierigkeiten für den Studenten wie auch den Gelehrten dieser Sprache. Dieses Buch versucht diese Schwierigkeiten zu adressieren, indem die zahlreichen Redewendungen und Spracheigentümlichkeiten dargestellt werden, die in der Lesung vorkommen.

 

Da die meisten unter den Leserinnen und Lesern der arabischen Sprache sehr wahrscheinlich nicht mächtig sein werden, führe ich hier nur meines Erachtens die zwei wichtigsten arabischen Wörterbücher auf.

Ibn Manẓūr (gest. 1312), Lisan al-ʿArab (لسان العرب).
Ein 1290 fertiggestelltes, arabisches Werk mit 20 Bänden, das als das bekannteste und umfassendste Wörterbuch der arabischen Sprache gilt.

Ibn Murtaḍá (gest. 1790), Tādsch al-ʿArūs (تاج العروس).
Das nach Lisan al-ʿArab zweitbekannteste arabische Wörterbuch.

 

Anhang D – Transkriptionssystem

Das in diesem Buch verwendete Transkriptionssystem unterscheidet sich leicht von dem der IPA, EALL oder DMG. Nachfolgend eine tabellarische Übersicht:

ArabischTranskription
ا, ʾalifa
ب, bāʾb
ت, tāʾt
ث, ṯāʾ
ج, jīmdsch
ح, ḥāʾ
خ, xāʾ / ḫch (wie in Bach)
د, dāld
ذ, ḏāl
ر, rāʾr
ز, zāynz
س, sīns
ش, šīnsch
ص, ṣād
ض, ḍād
ط, ṭāʾ
ظ, ḍāʾ/ẓāʾ
ع, ʿaynʿ
غ, ġayngh
ف, fāʾf
ق, qāfq
ك, kāfk
ل, lāml
م, mīmm
ن, nūnn
ه, hāʾh
ء, hamzaʾ
ة, tāʾ marbūṭahh
و, wāw (Halbvokal)w
ي, yāʾ (Halbvokal)y
ا, ʾalif (Langvokal)ā
و, wāw (Langvokal)ū
ي, yāʾ (Langvokal)ī
ى, ʾalif maqṣūrahá
ُ  (Kurzvokal)u
َ  (Kurzvokal)a
ِ  (Kurzvokal)i

 

Bei Wörtern, die mit einem Hamza beginnen, wie beim Wort ʾIslām, wurde aus rein ästhetischen Gründen das Hamza-Zeichen ausgelassen: Islām.