Ahadith

Foto von Katajun Amirpur

Wie der Islam neu gedacht werden kann

Foto von Katajun Amirpur

Katajun Amirpur. (Bild: Georg Lukas)

Die vielfältig interpretierte Religion des «Islam» ist in den Medien ein politisches Dauerthema. Das 2013 erschienene Buch Den Islam neu denken von Katajun Amirpur, die als erste Professorin für Islamische Theologie an der Universität Hamburg tätig war und nun in Köln arbeitet, versucht der ganzen Debatte zu mehr theologischer Tiefe aus der «Reformsicht» zu verhelfen und zeigt auf, dass die Politisierung des Koran von vielen Intellektuellen mit «neuen Ansätzen einer muslimischen Theologie» ersetzt worden sind.

Dies erreicht Amirpur, indem sie sunnitische wie auch schiitische zeitgenössische Reformdenker spannend porträtiert und ihre wichtigsten theologischen Positionen pointiert zusammenfasst. Für Nichtmuslime wird wahrscheinlich erst nach der Lektüre des Buches gänzlich verständlich, was der Untertitel des Buches meint, wenn vom «Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte» die Rede ist. Die Reformdenker meinen mit dem «Dschihad» das Bemühen, sich auf den aktiven Weg zu Gott zu machen und dass Demokratie, Freiheit und Frauenrechte islamisch motivierte Voraussetzungen dafür sein können.

Und Gott weiss es besser

Die Autorin zeigt gleich zu Beginn auf, dass es das Anliegen der modernen Reformtheorien ist, nicht nur eine einzige Lesart als gültig zu erklären. Dies lässt sich nicht besser darstellen als am islamischen Ausspruch «allāhu ʾaʿlam», Arabisch für «Gott weiss es besser». Denn «letztlich weiss doch nur Gott» ganz genau, was mit seinen Worten gemeint ist. Menschen versuchen lediglich aus verschiedenen Blickwinkeln der Bedeutung näher zu kommen.

Amirpur beginnt damit, dass ihrer Meinung nach der Reformislam seinen Ursprung bei al-Afghani und Raschid Rida hat, die glaubten, «der ‹reine› und ‹unverfälschte› Islam» habe «alle Antworten auf die Fragen der Moderne». Diese Haltung wurde später von Salafisten wieder aufgegriffen und politisiert.

Das Buch schwächelt zu Beginn leicht, wenn eine Persönlichkeit wie ʿAbd ar-Rāziq, der ebenso wie Rida ein Schüler Muhammad Abduhs war, als geistiger Vater des islamischen Säkularismus betrachtet werden kann und das Kalifat als schädlich ansah, im Kapitel Säkularismus und Islamismus zu kurz erwähnt wird. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Ridas Ideen politisch breitere Wirkung entfalteten, insbesondere beim Gründer der Muslimbrüder Hasan al-Bannā.

Sechs menschliche Blickwinkel

Nachdem wichtige Begriffe wie «Reformislam» oder «islamischer Feminismus» erläutert werden, durchleuchtet Amirpur sechs Persönlichkeiten näher. Sie beginnt mit Nasr Hamid Abu Zaid, der von einer «dialektischen Beziehung zwischen dem Korantext und seinen Adressaten» ausgeht. Des Öfteren wird der historische Kontext betont, den es zu berücksichtigen gelte. Dieser erhält beim anschliessenden Portrait von Fazlur Rahman am meisten Gewicht. Hier entsteht der Eindruck, dass die Autorin besonders um eine möglichst deskriptive Vorgehensweise bemüht ist und selten bis gar nicht eigene Gedanken einfliessen lässt.

Auch scheint der Ansatz des historisch-kritischen Kontexts unkritisch wiedergegeben zu werden. Denn dieser ist mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, die meistens qualitativ schwach sind, schwer zu rekonstruieren. Deshalb bleibt die Frage offen, wie denn dieser Kontext ermittelt werden soll, wenn man sich beispielsweise auf den Gelehrten al-Wāhidī (st. 1075) beruft und höchstens zehn Prozent des Korans mit Offenbarungsanlässen (asbāb an-nuzūl), die uns den vermutlichen historischen Grund für die Verkündung eines Koranverses erklären sollen, beschrieben werden können. Solcherart Fragen bleiben glücklicherweise nur vereinzelt offen am Ende des Buches.

Zwei kluge Frauen werden näher betrachtet, Amina Wadud und Asma Barlas, die beide mit ihren theologischen Arbeiten teilweise neue Lesarten entwickelten. Zum Beispiel gelangt Asma Barlas mit ihrem «Foundationalism» zur Ansicht, dass Geschlechtergerechtigkeit im Koran verwurzelt ist. Besonders dieser Teil des Buches ist spannend, werden hier doch konkrete, theologische Ansätze für eine feminin motivierte Befreiungstheologie geliefert, wodurch Musliminnen aus patriarchalischen Strukturen vor allem koranisch begründet ausbrechen können.

Buchdeckel Den Islam neu DenkenEine Gemeinsamkeit aller sunnitischen Denkerinnen und Denker ist die kritische Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Überlieferungen, den «Hadithen», die nachträglich dem Propheten als Aussprüche zugeschrieben wurden. Hier ist man sich einig, dass man vor allem zuerst koranisch argumentieren müsse. Besonders Asma Barlas formuliert dies deutlich, da es «mehr Probleme für Frauen schafft, als dass es welche löst, wenn man die Sunna und die Hadithe heranzieht, um den Koran zu interpretieren.»

Ein Buch für Muslime wie Nichtmuslime

Nicht-arabische Menschen haben es in dieser Diskussion nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. Auch Abu Zaid ist sich dessen bewusst, betont aber, dass neue Ansätze gerade von Nicht-Arabern kämen. Amirpur zitiert ihn wie folgt: «Das Neue kommt von der Peripherie». Insofern sind die schiitisch-iranisch geprägten Fragestellungen, mit denen sich Abdolkarim Soroush und Mohammad Mojtahed Shabestari beschäftigten, auch allgemein bedeutsam für die muslimische Theologie. Dabei wirkt es zunächst überraschend, dass protestantische deutsche Denker wie Karl Barth oder Paul Tillich den Schiiten Shabestari in seiner Lehre, die für einen spirituellen und gegen einen «Rechtsislam» steht, beeinflussten.

Es ist Amirpur als grosses Verdienst anzurechnen, dass man durch ihr Buch die prägnant zusammengefassten Ansichten von weit mehr als sechs Denkerinnen und Denkern kennenlernen kann. Die darin vorgestellten Ideen verbreiten sich immer weiter in der islamischen Welt, weshalb es wichtig ist, diese Entwicklungen zu kennen und zu verfolgen. Denn wenn auch die Verbreitung voranzuschreiten scheint, so müssen die muslimischen wie nicht-muslimischen Gebildeten hierzulande wissen, wer unter ihnen besonders auf unsere Solidarität und Unterstützung angewiesen ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf saiten.ch.

Mein Weg zur Gottergebenheit #8 – „Bei vielem dachte ich mir: ‚Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion'“

Diana, 21 Jahre alt

Schon als Kind war ich spirituell angehaucht. Damals noch als Christin, habe ich abends zu Gott gesprochen und gebetet. Mir war das immer sehr wichtig, deshalb wollte ich den serbisch-orthodoxen Religionsunterricht meiner Schule besuchen.

Er machte mir zwar Spaß, aber bei vielem dachte ich mir: „Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion!“

Ich verstand nicht, warum wir nie in der Bibel gelesen haben, sondern nur Dinge besprochen haben, die Tradition sind. Nach und nach entfernte ich mich vom Glauben und wurde irgendwann Atheistin.

Religionen haben mich trotzdem immer sehr interessiert. Durch die Vielfalt in Österreich hatte ich die Möglichkeit viele Religionen und durch meine beste Freundin den Islam kennen zu lernen.
Eins muss ich kurz erwähnen: Durch meine kroatisch-bosnisch/serbische Herkunft hatte ich leider nicht den besten Zugang zum Islam.

Da ich einen anti-faschistischen Touch hatte und habe, war mir das immer egal, wer woher kommt und an was wer glaubt. Ich wollte jede brauchbare Information aufsaugen, die ich bekommen konnte.
Und so beschäftigte ich mich intensiv mit dem Islam und beschloss einen Ramadan lang zu fasten und den Koran zu lesen und zwar ohne jegliche Vorurteile, um ihn so gut es geht mit offenem Herzen und offenen Gedanken verstehen zu können.
Während ich las, fühlte ich mich als ob mir eine Last von den Schultern fallen würde, ich weinte fast nach jeder Sure. Ich war froh Atheistin gewesen zu sein, weil mich das im Endeffekt Gott immer näher gebracht hat, ich habe meinen Glauben wieder erlangt und fühlte mich nun vollkommen. Dieses Stück, das mir im Leben immer gefehlt hat, habe ich wieder gefunden.

Jetzt wollte ich als Revertitin natürlich mein möglichst Bestes geben, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, deswegen versuchte ich mein Wissen mit Hadithen zu erweitern. Irgendwie haben diese aber nicht mit meinem Eindruck vom Koran übereingestimmt. Besonders der Hadith, der das Zupfen von Augenbrauen verbietet, war mir nicht ganz geheuer. Was hat Gott gegen gezupfte Augenbrauen? Wieso ist das relevant? Also wollte ich die Quelle von diesem Hadith herausfinden, aber das einzige, was mir aufgefallen war, war dass es diesen Hadith in etwa hundert verschiedenen Ausführungen gibt. Warum sollte ich etwas befolgen, was nicht im Koran steht und zudem irgendwie suspekt klingt?
Also machte ich mich auf die Suche nach Antworten. Dass Hadithe schlichtweg keine Quelle der Gottergebenheit (Islam) sind, ist mir nie in den Sinn gekommen – bis ich auf alrahman.de gestoßen bin. Ich war froh, dass ich nicht die Einzige war, die so dachte!

Alle Antworten, die man braucht, findet man im Koran. Durch den Koran habe ich den Glauben zu Gott wiedergefunden und der Koran ist die einzige Quelle des Islams.

6:125 Wen Gott aber rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für die Gottergebenheit; und wen Er in die Irre gehen lassen will, dem macht Er die Brust eng und bedrückt, wie wenn er in den Himmel emporsteigen würde.

Mein Weg zur Gottergebenheit #5 – „Ich war sehr überrascht vom Koran!“

Anja-Asiyah, 32 Jahre alt

Mein Weg zur Gottergebenheit war, wie der von vielen anderen sicher auch, eher ein langer umständlicher Weg und einer, der auf eher traurigen Anlässen beruht. Aber nun ja, fangen wir mal von vorne an.

Mit knapp 21 Jahren trennte ich mich von meinem langjährigen Partner, nachdem ich erfahren habe, dass er es nicht so genau mit der Treue und Ehrlichkeit nahm wie ich. Da damals die großen Sommerferien anstanden, hatte ich das dringende Bedürfnis aus meinem beschaulichen Heimatort zu verschwinden, am besten so weit weg wie möglich. Ich wollte meine Zeit sinnvoll nutzen um nicht in Selbstmitleid zu baden, ja, vielleicht wollte ich auch gebraucht werden und einfach nur Wertschätzung erfahren nach dieser schmerzhaften Kränkung.

Da ich im Frühjahr auf Studienfahrt in New York war und ich auf Anhieb verliebt in die kulturelle Vielfalt der Stadt war, nahm ich Kontakt auf zu einer katholischen Organisation, welche mir von einer Mitschülerin empfohlen wurde. Ich hätte mich nie als katholisch bezeichnet, auf dem Papier ja, aber keineswegs praktizierende Katholikin. Einen starken Glauben an etwas wie Gott hatte ich immer schon, jedoch widerstrebte mir stets die dogmatische, herrische Art und Weise, die mir in der Kirche vorgelebt wurde.

Die Organisation im Herzen von Manhattan kümmert sich um obdachlose Frauen und Kinder und bietet viermal die Woche warmes Mittagessen an und die Möglichkeit zu duschen. Außerdem werden Kleiderspenden verteilt. Schon komisch, wenn man sich überlegt, dass man in einer Stadt wie New York, in der die Sünde an jeder Straßenecke auf einen wartet, zu Gott findet, aber weiter nach der Reihe.

Ich kam also an und lernte einen Haufen unterschiedlicher Leute kennen, alle Glaubensrichtungen und Weltanschauungen waren unter einem Dach vertreten und siehe da, es funktioniert. Unter meinen Kollegen gab es zwei, die eine Organisation namens „Witness against Torture“ gegründet haben. Diese hat sich zum Ziel gesetzt auf die Schließung des US-amerikanischen Gefangenenlagers auf Guantánamo hinzuarbeiten. Es wurden zahlreiche Aktionen gestartet, um die Menschen und vor allem die Regierung zum handeln zu bewegen. Aus Interesse beschäftigte ich mich viel mit der Thematik, las Briefe und Gedichte der ausschließlich muslimischen Häftlinge und war tief bewegt. Zu der Zeit befanden sich einige Häftlinge im Hungerstreik und aus Solidarität schlossen sich zahlreiche Kollegen an und fasteten, ich versuchte es auch mit der Überzeugung, dass ich es nie einen Tag ohne Essen und Trinken aushalten würde, aber mein Wille belehrte mich eines besseren. Hintergrund des Hungerstreiks war die Tatsache, dass den Insassen der Koran weggenommen wurde und somit wurde ich auf dieses Buch aufmerksam und fing mal an, darin zu blättern.

Die Bibel hat in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt und ich war sehr überrascht und überwältigt von der Wirkung, die der Koran auf mich hatte. Ich war fasziniert, verwirrt und einfach irgendwie glücklich, schwer in Worte zu fassen.

Besonders beeindruckt hat mich auch die Geschichte des britischen Häftlinge mit saudischen Wurzeln, Shaaker Aamer, ein Mann, der trotz widrigster Umstände eine Zufriedenheit im Herzen trägt, von der sich jeder ein Stück abschneiden sollte. Es gab für mich keinen Zweifel mehr am Wert dieses Buches.

Wieder in Deutschland angekommen hatte mich der Alltag schnell wieder und vieles wurde in den Hintergrund gedrängt, bis ich den Wohnort wechselte. In München suchte ich mir auch gezielt muslimische Freunde, in der Hoffnung mehr zu lernen und zu verstehen. Jedoch war dies nicht wirklich der richtige Weg, da ich in türkisch-sunnitischen Frauengruppen landete, in denen ich mich Gott so weit entfernt gefühlt habe wie niemals zuvor.

Das wöchentliche Studieren einiger Ahadith liess mich enorm an meinem Glauben zweifeln, kannte ich solche Geschichten doch zu genüge aus der Bibel und die gleichen Fragen wie: Was ist daran nun wahr und was erfunden? Auch hier hatte ich wieder das Gefühl, wie schon damals in der Kirche, dass man mir einreden wollte, ich könne keine direkte Verbindung zu Gott aufnehmen, sondern müsse einen Mittelmann heranziehen.

Durch Gedankenanstöße zweier Freundinnen hinterfragte ich die Hadith-Lehre immer weiter und fühlte mich meinem Glauben an Gott wieder viel näher. Ich empfand wieder Erleichterung in meiner Beziehung mit Gott. Viele Dinge fielen mir wieder leichter: geduldig sein, hilfsbereit, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.

Ich danke Gott für den Weg, auf den Er mich geschickt hat, für jeden Stolperstein und jede Brücke darin und wünsche jedem ans Ziel zu kommen, wo immer das auch sein mag und egal wie lange es dauert.

steinigung

Mein Weg zur Gottergebenheit #2 – „Vor ca. 7 Jahren begann ich an Gott zu zweifeln“

Herr Sarma, 29 Jahre alt

Vor ca. 7 Jahren begann ich an Gott und seiner Existenz zu zweifeln. Dieser Zweifel belastete mich sehr, sodass ich zeitweise das Gefühl hatte, als würde meine Brust mein Herz einengen.

Ich begab mich aber auf die Suche nach Antworten und fing an viel zu lesen. Unter anderem das Buch von John Lennox mit dem Titel „Hat die Wissenschaft Gott begraben?“. Nach und nach lösten sich die Zweifel auf und ich fing dann an, mich mit der Religion, in die ich sozusagen hinein geboren wurde, auseinanderzusetzen: dem Islam.

Wieder las ich sehr viel und stöberte im Internet nach Antworten. Was mir dann aber alles erklärte wurde und als Islam verkauft wurde, verwirrte mich und schreckte mich ab. So sehr das ich mir dachte, dass, wenn das Präsentierte der Islam ist und Gott von uns das verlangt, will ich nichts damit zu tun haben. Vor allem ein vermeintliches Gebot widerte mich an und zwar die Steinigung. Ich sah ein Video von Pierre Vogel über dieses Thema und war schockiert und angewidert von seinen Ausführungen.

Trotzdem ließ es mir keine Ruhe und ich durchforstete das Internet nach Antworten. „Ist die Steinigung ein Gebot im Islam bei Ehebruch?“, diese Frage war es, die ich damals bei Google eingab. Und bin somit auf die Seite von alrahman.de aufmerksam geworden, welche damals auch ein Forum unterhielt. Ich verschlang förmlich die Artikel und das Buch welches in PDF-Form dort zu finden ist, mit dem Titel „Die erfundene Religion und die koranische Religion“. Nach und nach wurde mir klar, dass vieles, was dem Islam zugeschrieben wird, kein Bestandteil des Koran ist und unter anderem durch die Ahadith verfälscht, pervertiert und verzerrt wurde.

Um mich kurz zu fassen, meine Suche nach Antworten fand ein Ende, mit dem Resultat, dass ich nun im Reinen mit meinem Glauben bin und ihn in einem klaren Licht sehe. Was nicht heißt, das meine Suche ein Ende hat. Die Suche und das Streben nach Wissen ist und sollte die Pflicht eines jeden Muslims sein.

Gibt es den Segen auf den Propheten saw oder sas im Islam bzw. im Koran?

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Frieden sei mit uns allen, liebe Geschwister und Freunde, und Gottes Segen und Seine allumfassende Barmherzigkeit!

 

35:10 … Zu Ihm steigt das gute Wort, und (erst) die rechtschaffene Tat lässt es aufsteigen! …

 

Dieser Beitrag wird weh tun, ja sehr weh tun und schwer zu verdauen sein für jene, die ihr Leben lang nur die Tradition und die Lesung (deutsch für „Koran“, arabisch: al-qurʾān) nur wenig oder oberflächlich und über Lippenbekenntnisse und weniger über Taten kannten. Wenn Sie zu dieser Sorte von Menschen gehören, die lieber ihre Tradition aufrecht erhalten möchten als zu erfahren, was in der Lesung (Koran) wirklich steht, dann können Sie gleich aufhören zu lesen. Wenn Sie lieber ihre Vorfahren, Vorväter, den Imam in Ihrer Moschee, Ihr soziales Umfeld zufrieden stellen und Ihre Illusion über Ihr eigenes Selbst schützen wollen, dann wird dieser Artikel wie eine versalzene Suppe daherkommen, in dem jedes Wort schwer durch Ihren Hals geht und im Magen dann erst so richtig säuert. Wenn Sie zudem den Propheten Mohammed auf unrealistische Weise als einen fehlerlosen Supermenschen betrachten, aufgrund dessen die gesamte Schöpfung erschaffen sei laut einem erfundenen Ausspruch (Ḥadīṯ), und ihn als das beste Geschöpf unter den Geschöpfen betrachten, dann werden Sie zu denen gehören, die uns damit zu Unrecht beschuldigen, dass wir den Propheten hassen würden, weil wir ihn so darstellen, wie er wirklich war: ein fehlerbehafteter Mensch, der aufgrund seiner Tugenden und seines Charakters einschließlich seiner Fehler dennoch als schönes (nicht schönstes!) Vorbild für uns gilt. Aufgrund seiner Fehler wissen wir, was wir nicht wiederholen sollten und aufgrund seiner Tugenden, die in der Lesung selbst beschrieben werden, können wir uns im Verrichten heilvoller und guter Taten üben.

Gehören Sie aber zu jenen wenigen Menschen, die wirklich interessiert sind an dem, was Gott in der Lesung mitteilt, dann wird dieser Artikel eine willkommene Erfrischung für Ihren Geist darstellen und Sie werden eventuell das Rezept der Suppe sogar zu verfeinern wissen. Aufklärerisch eingestellte Menschen werden so erfahren, was in ihrer bisherigen Betrachtung auf unreflektierter Tradition fußte. Gleichzeitig werden sie diesen Artikel auch hinterfragen und nichts ungeprüft hinnehmen, da dieses Prinzip der Aufklärung in der Lesung selbst verankert ist (17:36). Diese im Geiste vernünftig denkenden Menschen werden die hier vorgestellten Erkenntnisse weder vorschnell abweisen noch sich auf die Tradition berufen, weil sie sehr gut wissen, dass das Wort Gottes in der Lesung dieses Verhalten ablehnt (2:44, 10:100, 8:22, 10:38-39, 2:170, 23:24, 7:70, 11:62, 11:87, 26:74, 28:36, 34:43).

 

2:170 Und wenn ihnen gesagt wird: Folgt dem, was Gott herabsandte. Dann sagen sie: Vielmehr folgen wir dem, was wir bei unseren Vätern vorfanden. Auch dann, wenn ihre Väter weder etwas verstanden noch Rechtleitung fanden?

 

In Bezug auf die Botschaft Gottes dürfen wir uns also nicht blind auf unsere Vorväter verlassen, sondern müssen die Argumente und die Verse genau untersuchen und den Sachverhalt genau abwägen. Betrachten wir nun den sogenannten Segensspruch oder die Eulogie SAW oder SAS im Islam (auf Deutsch: Gottergebenheit). Diese Abkürzung kommt auch in den Varianten SAWS, SAAWS oder einfach nur als S vor. Ausgeschrieben wird diese traditionelle Eulogie, auf Arabisch auch als taṣliyyah (تصلية‎) bekannt, transliteriert als ṣallā ‚llāhu ʿalayhi wa-sallam (in salopper Form auch salla Allahu alayhi wa salam) und bedeutet sinngemäß nach heute geläufigem Verständnis der Worte: Möge Gott ihn segnen und Frieden/Heil geben.

Fest steht, dass dieser Spruch schon sehr lange vorhanden war, wie dies an der Inschrift am Felsendom ersichtlich ist. Dieser Spruch wird meist aufgrund des folgenden Verses 33:56 begründet, der auch am Felsendom zitiert wird. Leider wurde und wird dieser Vers in seiner Bedeutung katastrophal verzerrt und in einem in sich unschlüssigen Verständnis wiedergegeben, wie man unschwer an den gängigen Übersetzungen erkennen kann:

 

إن الله وملئكته يصلون على النبى يأيها الذين ءامنوا صلوا عليه وسلموا تسليما

(Transliteration) ‚Inna Allāha Wa Malā’ikatahu Yuṣallūna ʿAlá An-Nabīyi Yā ‚Ayyuhā Al-Laḏīna ‚Āmanū ṣallū ʿAlayhi Wa Sallimū Taslīmāan
(Khoury) Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. O ihr, die ihr glaubt, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn mit gehörigem Gruß.
(Azhar) Gott nimmt den Propheten in Seine Barmherzigkeit auf und erweist ihm Seine Huld, und Seine Engel sprechen den Segen über ihn. Ihr Gläubigen, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn, wie es sich ziemt!
(Ahmadiyya) Allah sendet Segnungen auf den Propheten und Seine Engel beten für ihn. O die ihr glaubt, betet (auch) ihr für ihn und wünschet ihm Frieden mit aller Ehrerbietung.
(Paret) Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn)
(Bubenheim) Gewiß, Allah und Seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. O die ihr glaubt, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn mit gehörigem Gruß.
(Rassoul) Wahrlich, Allah sendet Segnungen auf den Propheten, und Seine Engel bitten darum für ihn. O ihr, die ihr glaubt, bittet (auch) ihr für ihn und wünscht ihm Frieden.
(Zaidan) Gewiß, ALLAH gewährt dem Propheten Gnade und die Engel erbitten sie für ihn. Ihr, die den Iman verinnerlicht habt! Macht für ihn Salah und begrüßt (ihn mit) einer Salam-Begrüßung!

 

Die rot markierten Stellen gibt es im arabischen Wortlaut nicht. Die schwarzen Stellen sind Interpretationen der Übersetzer der fett markierten Ausdrücke aus der Transliteration. Betrachten wir einmal die einzelnen Worte aus diesem Vers, ohne die fett markierten Stellen aus der Transliteration zu übersetzen, da sie der Gegegenstand unserer Betrachtung sind:

‚Inna
Allāha
Wa Malā’ikatahu
Yuşallūna ʿAlá
An-Nabīyi
Yā ‚Ayyuhā
Al-Ladhīna
‚Āmanū
Şallū `Alayhi
Wa Sallimū
Taslīmāan
Gewiss, Wahrlich, Sicherlich
der Gott
und Seine Engel
Yuşallūna über
den Propheten
O ihr
diejenigen
glaubten
Şallū über ihn
und Sallimū
Taslīmāan

 

Wir sehen also alleine aufgrund der Verwendung der Worte, dass es sich hierbei um einen Aufruf handelt, etwas Konkretes zu tun. Dies ist bereits der erste klare Unterschied zur Aufforderung etwas auszusprechen. Hier steht nirgends etwas Ähnliches wie: Sagt (Qūlū)… Vielmehr müssen wir Ṣalāh ausüben auf den Propheten.

Dadurch, dass sich die Menschen in der Tradition darauf festlegten, diesen Vers in mündlicher Form in der bekannten Form wiederzugeben, haben sie sich selbst gerade das Bein gestellt. Statt dass sie dem Aufruf Gottes folgen, Ṣalāh zu üben auf den Propheten in Form einer konkreten Handlung und Tat, sagen sie vielmehr sinngemäß: Nein, Gott, wir machen kein Ṣalāh auf den Propheten, (vielmehr) mache Du Ṣalāh auf den Propheten. Dies ist die direkte Bedeutung des auch sehr oft verwendeten Ausdrucks Allahumma Salli ‚alâ Muhammad, wie er beispielsweise auch in der sogenannten At-Taḥiyyatu vorkommt, in dem nahezu Lobgesänge auf Abraham und Muhammad vorkommen und dem Wesen des Monotheismus (tawḥīd) deutlich widersprechen. Nicht die Propheten stehen im Fokus, sondern vielmehr Gott. Die Gebete gelten nur für Gott und deshalb dürfen wir diesen falschen Gebetsspruch nicht äußern, auch weil wir keine Unterschiede unter den Gesandten machen dürfen. Statt dass wir den Ṣalāh ausüben, fordern wir Gott auf, diesen doch auszuüben!

Stellen Sie sich einmal vor, wie Sie einen Freund auffordern, der neben dem Fenster steht: Schließe bitte das Fenster! Und als Reaktion wird nicht das Fenster geschlossen, sondern gesagt: Schließe du das Fenster! Dieselbe Logik ist in diesem Ausspruch enthalten. Da Arabisch traditionell gesehen aber zu heilig ist zum Verstehen, fällt dies einem auch erst gar nicht auf. Wir müssen wieder damit beginnen, die Lesung (Koran) zu verstehen.

Menschen greifen verzweifelt nach einer Box: Die Verehrung des Propheten gegen seinen Willen

Menschen greifen verzweifelt nach einer Box, weil sie glauben, darin befänden sich die Haare des Propheten Muhammad: Der Ausdruck der falschen Verehrung des Propheten gegen seinen Willen

Viele Sunniten und Schiiten glauben, dass sie sogenannte Pluspunkte (Ḥasanāt) erhalten werden, alleine indem sie diese der Lesung (Koran) widersprechenden Segenssprüche wiederholen. Doch wir haben eingangs gelesen, dass nicht die Worte allein reichen, sondern vielmehr die rechtschaffenen Taten erst die Worte bestätigen und zu Gott aufsteigen (35:10). Wenn wir dabei noch den fünften Vers des ersten Kapitels aus der Lesung bedenken, dann wüssten wir, dass Gottes Botschaft alleine im Zentrum stehen soll. Somit ist der sogenannte traditionelle Segensspruch „sas im Islam“ als ein verzerrtes, falsches Verständnis abzulehnen. Der Irrglaube, hunderte Male diesen erfundenen, falschen Segensspruch auszusprechen (dazu noch Apps wie ‚Zikirmatik‘ runterladen oder noch schlimmer kaufen), schütze einen direkt vor der Hölle, wäre ja doch zu einfach gewesen! Dies ist der Zerfall der Religion schlechthin: Einfach sinnlos Aussagen wiederholen lassen, damit man ja nichts tun müsse. Das sprichwörtliche Opium des Volkes.

Dabei bedeutet „Zikir“ auch nicht, ständig „Allah, Allah, Allah, Allah,“ zu sagen, wie es die Sufis in ihrem Rausch tun. Ḏikr ist das Gedenken Gottes in sämtlichen Lebenslagen (33:41). Das Gedenken Gottes ist, wenn man beispielsweise vor der Wahl steht, das Geld, das irgendein Passant auf der Straße soeben verlor, ihm zurückzugeben, weil man die moralischen Prinzipien aus der Lesung befolgt und weiß, dass man rechtschaffen handeln muss (35:10) und dass wir uns nicht den materiellen Werten, sondern Gott allein hingeben müssen und gerade deshalb human handeln aus Liebe zu Gott (65:3, 39:36). Das Gedenken Gottes bedeutet also das Bewusstsein für Gottes Gegenwart zu entwickeln.

Ein weiterer Widerspruch ist der Umstand, dass Muhammad in der Lesung viermal erwähnt wird (3:144, 33:40, 47:2, 48:29), aber in keine dieser vier Stellen erwähnt Gott den angeblichen Segensspruch nach seinem Namen. Hier ließe sich fragen: Hat Gott etwa Seinen eigenen Segensspruch vergessen, selbst im selben Kapitel 16 Verse davor (33:40)?

Eine weitere Ungereimtheit ist die Tatsache, dass das Wort „Segen“ auf Arabisch barakah lautet und nicht Ṣalāh. Das Wort „Segen“ kommt in der Lesung auch mehrmals vor (nur ein Beispiel: 19:31), weshalb diese Bedeutung eindeutig ausgeschlossen werden kann.

Darüber hinaus werden die Gläubigen dazu aufgefordert, die Namen der Gesandten aufzusagen (und diesmal wörtlich sagen), ohne dabei irgendwelche Beisätze auszusprechen:

 

2:136 Sagt: Wir glaubten an Gott und was zu uns herabgesandt wurde und was zu Abram, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen herabgesandt wurde und was Moses und Jesus zukam und was den Propheten zukam von ihrem Herrn. Wir unterscheiden zwischen keinem von ihnen und ihm sind wir ergeben (Siehe auch 3:84)

 

Was bedeutet nun Ṣalāh ausüben auf den Propheten? Gott und die Engel üben Ṣalāh auf den Propheten aus laut 33:56. Deshalb sollen wir das ebenso tun und dies ist ausdrücklich Gottes Wille. Ṣalāh bedeutet in diesem Zusammenhang eine Verbundenheit, eine Unterstützung und eine Hilfe aufzubauen.

Dies kommt daher, weil Ṣalāh im Wesentlichen Kontakt bedeutet. Die traditionelle Vorstellung und Verständnis des Wortes ist dermaßen verbreitet, dass selbst namhafte Philologen wie E. W. Lane unter Salāh nur die Glorifizierung verstanden haben. Nichtsdestotrotz ist die Grundbedeutung der Wurzel ṣad-lām-wāw (S-l-w) zu verbinden oder nahe zu folgen, wie an den Wörtern muṣallin (مصلٍ) oder islá (اصلى) vom vierten Verbstamm zu erkennen ist, womit die zweite Position zum Beispiel in einem Rennen beschrieben wird, weil man der ersten Position nachfolgt. Ebenso ist dies am Wort ṣalā (صلا – اصلى) zu erkennen, womit der mittlere Bereich des Rückens, das Rückgrat angedeutet wird (siehe J. G. Hava, Seite 396). Es gibt auch ein Verb (ṣalā/ṣalawā – صلا/صلوا), wie man jemanden berühren kann am Rücken (siehe auch das Glossar von Penrice, Seite 85, oder auf Französisch Kazimirski, Seite 1365). Alles in allem kann man damit also sagen, dass man das Rückgrat eines Anderen stärken und stützen möchte. Deshalb bedeutet in diesem Vers 33:56 Ṣalāh unterstützen. Deshalb bedeutet auch das Kontaktgebet (aṣ-ṣalāh) eben Kontaktgebet, weil wir in Verbindung mit Gott treten und unsere eigenen Seelen dadurch stärken und Gottes Unterstützung erhoffen. Nicht umsonst rezitieren wir dabei das erste Kapitel der Lesung, worin wir sagen: Dir allein dienen wir und Dich allein ersuchen wir um Hilfe!

Gott und die Engel sind mit dem Propheten verbunden, unterstützen ihn und helfen ihm. Wir sollen deshalb den Propheten ebenso unterstützen, ihm helfen und eine Verbundenheit zu ihm aufbauen. Wie können wir am besten diese Verbundenheit aufbauen? Indem wir naturgemäß der von ihm überlieferten Botschaft Gottes folgen und unseren Worten konkrete Taten folgen lassen! Dies beinhaltet beispielsweise die Bedürfnisse eines Bedürftigen in Erfahrung zu bringen, für Verbesserung zu sorgen in der Gesellschaft, gegen Ungerechtigkeiten die Stimme zu erheben, da wir nur Gott zu fürchten brauchen, und konkret etwas zu unternehmen! Wenn wir tatsächlich Ṣalāh ausübten auf den Propheten, also seine Botschaft, die er im Namen Gottes verkündete, unterstützen, umsetzen und zu ihr eine Verbindung aufbauen, dann hätten diktatorische Regimes erst gar keine Chance. Wir würden das bloße aussprechen und sinnlose Repetieren sein lassen und würden uns mit rechtschaffenen Taten beschäftigen.

 

2:157 Auf jenen sind Ṣalawāt von ihrem Herrn und Barmherzigkeit und jene sind die Rechtgeleiteten

 

Wir sehen also, dass nicht nur der Prophet diese Unterstützung (Ṣalāh), diese Verbundenheit von Gott erhält, sondern genauso die Menschen, die rechtschaffen handeln. Gute Menschen werden von Gott unterstützt.

 

33:43 Er ist es, der euch unterstützt (Ṣalāh ausübt), und auch seine Engel, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausführt. Und Er ist barmherzig zu den Gläubigen.

 

Sich gegenseitig zu unterstützen bedeutet, mit Gottes Hilfe Auswege aus schwierigen Zeiten und Umständen zu bieten. In diesem Vers wird nochmal deutlich, was die semantische Bedeutung von Salāh ist: Durch die Hilfe, die Unterstützung für die und die Verbundenheit (die Liebe) Gottes und der Engel zu den Gläubigen, die durch ihre Taten Rechtschaffenheit beweisen, aus den Finsternissen ins Licht geführt werden.

Das letzte Verb sallam kann mehrere Bedeutungen wiedergeben. Ein Aspekt ist tatsächlich die Begrüßung und ein anderer die „Sicherheit und Unversehrtheit“. Hans Wehr überträgt dies als „Heil“. Dies, weil die Wurzel s-l-m, von der auch die Wörter Muslim (Gottergebener) und Islām (Gottergebenheit) abstammen, in der Grundbedeutung den Zustand der Unversehrtheit, Widerstandslosigkeit und Tadellosigkeit wiedergibt. Da der erste Teil ein Aufruf für die Unterstützung ist, sehen wir den letzten Teil des Verses 33:56 als Aufruf, für die gegenseitige Unversehrtheit, für das gegenseitige Heil in geistiger und körperlicher Form zu sorgen. Mit all diesen Informationen lässt sich der Vers also sinngemäß genauer wie folgt übersetzen:

 

33:56 Gewiss, Gott und Seine Engel unterstützen den Propheten. O ihr, die ihr glaubtet, unterstützt ihn und sichert in Absicherung

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Beispiel 4 – Buch und Weisheit: Eine Einheit

3:81 Und als Gott den Bund der Propheten annahm für das, was ich euch an Schrift und Weisheit brachte, kam darauf zu euch ein Gesandter, das bestätigend, was mit euch ist. So glaubt an ihn und helft ihm. Er sagte: Habt ihr zugestimmt und diesbezüglich meine Bürde angenommen? Sie sagten: Wir haben zugestimmt. Er sagte: So bezeugt und ich bin mit euch unter den Bezeugenden

 

Es ist leider so, dass ein erheblicher Großteil der Sunniten und Schiiten glaubt, dass einerseits mit „Schrift“ das Buch, also die Lesung selbst gemeint sei, andererseits die Weisheit etwas anderes sei, was wir erst durch die Aussprüche in den Ḥadīṯ-Büchern erfahren könnten. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn hier begründet sich die theologische Argumentation vieler klassisch-orthodoxer Sunniten oder Schiiten und ihren Anhängern, die damit der Tradition Gewicht verleihen möchten. Diese Tradition beinhaltet unter anderem auch die Steinigung, die Apostasie-Strafe für Abfällige von der Religion, die Sklaverei, die Unterdrückung der Frau und viele weitere Abscheulichkeiten. Deshalb müssen wir diesem Missbrauch der Verse aus der Lesung Einhalt gebieten.

Dass diese Idee, die Weisheit sei in der traditionellen Sunna, auf einem Fehlverständnis der Lesung beruht, werde ich im Anschluss gleich zeigen. Leider hat dies alles damit angefangen, dass ein mittelalterlicher Gelehrter, nämlich Asch-Schāfiʿī meinte, er müsse die auf Vermutungen, Lügen und Hörensagen begründeten Überlieferungen zu einer Offenbarung (waḥiy) erheben, um so der angeblich prophetischen Sunna Legitimität zuschreiben zu können. Diese Leute des Hadīṯ (ahlu-l-ḥadīṯ) waren dermaßen überzeugt von ihrer eigenen Ansicht und sehr aggressiv, dass sie diese Überlieferungen, welche dem Propheten angedichtet wurden, faktisch höher ansahen als die Lesung selbst. Zumindest wurde die Lesung nicht als kategorisch epistemologisch erhabener als ihrer Meinung nach zuverlässige Aussprüche angesehen. Es wird von ihnen auch folgender Spruch überliefert:

 

جاءت السنة قاضية على الكتاب وليس الكتاب قاضياً على السنة

dschā’at as-sunnatu qāḍiyatan ʿalá al-kitābi wa laysa al-kitābu qādiyan ʿalá as-sunnah

Die Sunna kam als Richtende über das Buch (die Lesung) und nicht das Buch als Richtender über die Sunna.118

 

Natürlich werden die heutigen Gelehrten diesen Satz relativieren und sagen, dass damit gemeint sei, die angeblich prophetische Sunna sei dazu da, um eine Erklärung für die in der Lesung „nicht erklärten“ Verse anzubieten. Den ersten Fehler, den sie hierbei begehen: Sie nehmen an, das Buch Gottes hätte nicht bereits die Erklärung in sich für diese Verse (siehe 25:33). Den zweiten Fehler, den sie begehen: Die meisten Aussprüche, selbst wenn sie in der Überliefererkette (Isnad) und im Inhalt oder Text (Matn) beide als authentisch (ṣaḥīḥ) gelten, sind und bleiben immer eine Vermutung und Gottes Lebensordnung kann nicht auf Vermutungen begründet werden. Die Lesung wird nicht durch Vermutungen begründet, sondern durch sich selbst, indem wir Verse im Lichte anderer Verse betrachten.

Die Wurzel ḥā-kāf-mīm (ح ك م), von welcher das arabische Wort für Weisheit abgeleitet ist, beherbergt als Grundbedeutung die Idee der „Weisheit“. Sie kommt in der Lesung in 189 Versen insgesamt 210 Mal vor.119 Aus diesem Grunde werden für Wörter wie „Richter“ oder „Urteil“ Ableitungen dieser Wurzel verwendet, da beispielsweise eine ausgebildete Richterin ohne die eigenen Gefühle ins Zentrum zu stellen bedacht, vernünftig und gerecht Urteile fällen muss. In anderen Worten muss sie weise handeln. Die in der Lesung verwendeten Wortformen sind:

  • 45 Mal als ersten Verbstamm ḥakama (حَكَمَ): urteilen/richten
  • 30 Mal als das Verbalnomen des ersten Verbstammes ḥukm (حُكْم): Urteil
  • Fünfmal als aktives Partizip des ersten Verbstammes ḥākimīn (حَٰكِمِين): Urteilende/Richtende
  • Zweimal als zweiten Verbstamm yuḥakkimu (يُحَكِّمُ): Jemanden zum Richter ernennen
  • Einmal als das aktive Partizip des dritten Verbstammes ḥukkām (حُكَّام): (strafrechtlich) Verfolgender / die rechtlich Zuständigen / Richter
  • Zweimal als vierten Verbstamm uḥkimat (أُحْكِمَتْ): stärken, etwas klar machen
  • Zweimal als passives Partizip des vierten Verbstammes muḥkamāt (مُّحْكَمَٰت) und muḥkamah (مُّحْكَمَة): klar gemacht
  • Einmal als sechsten Verbstamm yataḥākamu (يتََحَاكَمُ): sich gegenseitig vor den Richter bringen, Urteil verlangen
  • Zweimal als die Steigerungsform oder als Elativ aḥkam (أَحْكَم): weiser als / weisest. In der Lesung nominal verwendet als „der Weiseste“ (95:8)
  • Dreimal als das Nomen ḥakam (حَكَم): Schiedsrichter/Vermittler
  • 20 Mal als das Nomen ḥikma (حِكْمَة): Weisheit
  • 97 Mal als das Adjektiv bzw. das Nominal ḥakīm (حَكِيم): weise / der Weise

Wir werden in den nächsten Abschnitten sehen, dass in Tat und Wahrheit die Weisheit und das Buch eine Einheit bilden, die Weisheit also der Lesung innewohnt.

Es gibt viele Arten, wie diese Wurzel in der Lesung verwendet wird. Eins ist aber immer klar: Die Weisheit ist stets Gott und Seiner Offenbarung zu verdanken und die einzige Quelle der Weisheit ist Gott mit Seinem Wort und Wirken.

Wenn wir uns mit der Frage befassen, wie der Prophet urteilte und warum man in der Gottergebenheit nur mit der Offenbarung urteilen darf, so lesen wir:

 

5:48 Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So urteile (uḥkum) zwischen ihnen nach dem, was Gott herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist.

 

Hier ist es eindeutig, dass nur nach der Offenbarung zu urteilen erlaubt ist, dass es demnach nur eine Sunna geben kann, nämlich Gottes Sunna. Der Prophet urteilte also nach der Lesung (vgl. auch 7:203) und zwar nur nach dieser. Daraus können wir schließen, dass auch alle vorherigen abrahamitischen Religionen nach ihren jeweiligen Büchern zu urteilen hatten, denn laut der Lesung ist die Gottergebenheit keine neue Religion, sondern die Bestätigung der vorangegangenen Bücher. Bereits Abraham nannte sich und seine Mitgläubigen Gottergebene (22:78).

 

3:79–80 Nicht gebührt es einem Menschen, dass Gott ihm die Schrift, die Weisung (al-ḥukm) und die Prophetie zukommen lässt, und der danach zu den Leuten sagt: Seid mir Diener anstelle Gottes. Sondern: Seid ein Vorbild dabei, wie ihr die Schrift zu lehren und wie ihr zu studieren pflegtet. Und nicht befiehlt er euch, dass ihr die Engel und die Propheten als Herren nehmt. Befiehlt er euch etwa das Ableugnen, nachdem ihr Ergebene seid

 

Wir erinnern uns daran, dass ein „und“ in der Lesung nicht zwangsläufig bedeutet, dass hierbei unterschiedliche Einheiten in einer Aufzählung gemeint wären. Vielmehr sehen wir in diesem Vers auf deutliche Art und Weise, dass sie miteinander eng verbunden sind. Die Prophetie besteht darin, das Buch Gottes als Offenbarung zu erhalten und die darin innewohnende Weisheit den Menschen zu verkünden.

Die Verse 3:79–80 sind auch eine eindeutige Ansage, sich die Propheten nicht zu Herren zu nehmen und sich ganz auf Gott und Sein Wort zu konzentrieren – geradeaus direkt mit Gott die Verbindung aufzubauen, ohne Nebenwege einzuschlagen in religiösen Belangen! Sollten andere ins Zentrum gestellt werden, wo Gott doch die Quelle allen Heils ist? Würde Gott uns die Beigesellung und Ableugnung anordnen? Die einzige Autorität ist und bleibt Gott:

 

42:10 Und worüber ihr auch immer uneinig seid, das Urteil (al-ḥukm) darüber steht Gott zu. Dies ist doch Gott, mein Herr. Auf Ihn verlasse ich mich, und Ihm wende ich mich reuig zu.

 

Auch hier sehen wir wie eben dargelegt, dass das Urteil bei Uneinigkeiten in religiösen Dingen Gott allein obliegt, dass sich der Prophet nur auf Gott verlässt und sich Ihm in Reue zuwendet – sich also ganz auf Ihn einstellt. Ist nicht dies der Monotheismus in seiner schönsten Weise, von unseren Propheten vorgelebt? So folgen wir seinem prophetischen Beispiel und verlassen uns allein auf Gott.

 

4:105 Gewiss, Wir haben dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, damit du zwischen den Menschen richtest (litaḥkuma) auf Grund dessen, was Gott dir gezeigt hat. Sei kein Verfechter für die Verräter!

 

Gott gibt also dem Propheten das Buch, damit er zwischen den Menschen richte. Der Satzteil „was Gott dir gezeigt hat“ bezieht sich auf die in der Lesung vorhandenen moralischen, ethischen wie auch sozialen Prinzipien, die gemäß der Wahrheit offenbart wurden. Dies wird in der Betonung der Wahrheit im Vers sichtbar, die dem Buch innewohnt. Hier wird nochmals die Einheit Gottes ersichtlich, nämlich dass Gott in religiösen Angelegenheiten die einzige Autorität (6:114) und unser einziger Lehrer ist (55:1–2).

Die Lesung liegt uns heute vollständig vor und Gott hat uns dort  alle Urteile, die religiöse Belange betreffen, zu seiner Vollkommenheit mitgeteilt. Gott will im vorangegangenen Vers 4:105 dem Propheten nahelegen, nicht seinen Neigungen gemäß zu handeln. Denn das Buch und ihre Urteile sind eine Sache, die Durchführung und die damit verbundene Konsequenz eine andere. Der Prophet war nämlich nur ein Mensch (18:110) mit allen damit verbundenen Stärken und Schwächen. Denn der Vers 4:105 betont diese Haltung im letzten Satz: „Sei kein Verfechter für die Verräter!“

Und als nächstes muss man sich fragen, wie soll sich eine menschliche Sunna mit den oben behandelten Versen verstehen lassen, die nur der Offenbarung Platz einräumen? Und wieso wird in der Lesung nur Gottes Sunna erwähnt? Darüber hinaus muss die Quelle für die Religion rein und ohne Makel sein und wir finden in der Lesung selbst gleich mehrere Beispiele, die die Sünden des Propheten behandeln (47:19, 48:2). Die Offenbarung selbst wird hingegen als rein bezeichnet:

 

98:2 Ein Gesandter von Gott, der gereinigte Blätter vorliest

 

Wir sehen, eine Offenbarung muss ohne Makel sein und die traditionell gelehrte Sunna ist es nicht. Die traditionelle Sunna ist menschlichen Ursprungs, da bisher niemand behauptet hat, Buchārī oder Konsorten seien ebenso Gesandte Gottes, die in Seinem Namen gehandelt hätten. Allein diese Umstände verunmöglichen es, der traditionellen Sunna irgendeine religiöse Autorität zu verleihen.

Wir fassen das Bisherige zusammen:

  • Gott lehrte den Propheten die Lesung (55:2) und nur die Lesung.
  • Der Prophet wie auch alle Gläubigen dürfen nur dem Herabgesandten, also der Lesung folgen (7:3, 7:203).
  • Der Prophet selbst ist keine weitere Quelle, kein weiterer Herr, wie es 3:80 und 6:19 und auch weitere Verse klar machen.
  • Gott allein steht das Urteil zu (6:114, 5:44 usw.).

Es ist also sehr deutlich, dass der Prophet nur nach dem offenbarten Buch urteilte und keine andere Quelle benutzen durfte und dass nur Gott urteilen darf in religiösen Angelegenheiten. Der Vers 6:114 wird tiefgreifend mit dem Monotheismus verknüpft, denn der Vers sieht nur einen Schiedsrichter vor – Gott allein. Seine Gesetze sind im Buch, die ohne Sekundärquellen auskommen. Die Lesung wurde hier als „ausführlich dargelegt“ beschrieben, somit erübrigt sich die Frage, ob die Lesung Einzelheiten ausgelassen habe, die durch die traditionelle Sunna ergänzt werden müssten. Durch die rhetorische Frage des Verses wird jegliche Quelle außer Gott für überflüssig und auch ungültig erklärt.

 

6:114 Soll ich denn einen anderen Schiedsrichter (ḥakam) als Gott begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat?

 

Außerdem sagt Gott von der Lesung:

 

11:1 Alif-Lam-Ra. (Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Weisen und Kundigen.

41:3 Ein Buch, dessen Zeichen ausführlich dargelegt sind, als eine arabische Lesung, für Leute, die Bescheid wissen

 

Es lässt sich aber die Frage stellen, ob Gott denn Seine Befehlsgewalt weiter delegiert und sie in dem Sinne dann indirekt wirken lässt? Gibt es also noch andere Verse, die die Einheit und alleinige Autorität Gottes untermauern und somit die vorige Frage verneinen? Es folgen Verse, die besonders die alleinige Autorität Gottes hervorheben, indem gerade betont wird, dass Er seine Befehlsgewalt nicht aufteilt:

 

18:26 Sag: Gott weiß am besten, wie (lange) sie verweilten. Sein ist das Verborgene der Himmel und der Erde. Wie vorzüglich ist Er als Allsehender, und wie vorzüglich ist Er als Allhörender! Sie haben außer Ihm keinen Schutzherrn, und Er beteiligt an Seinem Urteil (ḥukmihi) niemanden.120

11:12 Vielleicht möchtest du einen Teil von dem, was dir offenbart wird, verlassen und deine Brust ist dadurch beklommen. Dies, weil sie sagen: „Wäre doch ein Schatz auf ihn herabgesandt worden oder ein Engel mit ihm gekommen!“ Du bist aber nur ein Warner. Und Gott ist Sachwalter über alles.

12:40 Anstelle seiner dient ihr nichts außer Namen, die ihr und eure Väter benanntet. Dafür ließ Gott keine Ermächtigung herabsenden. Gewiss, das Richten (al-ḥukm) ist nur Gottes. Er befahl, dass ihr keinem außer ihm dient. Dies ist die wertvolle Lebensordnung, doch die meisten Menschen wissen nicht

6:57 Sag: Ich halte mich an einen klaren Beweis von meinem Herrn, während ihr Ihn der Lüge bezichtigt. Ich verfüge nicht über das, was ihr zu beschleunigen wünscht. Das Urteil gehört allein Gott. Er berichtet die Wahrheit, und Er ist der Beste derer, die entscheiden.121

 

Die vier oben genannten Verse machen mit Aussagen wie „Das Urteil (al-ḥukm) ist allein Gottes“, „Und Er beteiligt an Seinem Urteil (ḥukmihi) niemanden“ oder „Und Gott ist Sachwalter über alles“ klar, dass weitere Quellen neben Gottes Worten keine Autorität haben können. Sie unterstreichen die alleinige Autorität Gottes und zeigen auf, dass es nur die Sunna Gottes gibt. Wenn wir uns die Frage stellen, welche Befugnisse der Gesandte durch Gottes Worte, also durch die Lesung erhält, so finden wir unter anderem folgende Verse dazu:

  • Dem Gesandten obliegt nur die Verkündigung. (5:92, 64:12)
  • Der Gesandte ist nur ein Warner. (88:21, 79:45, 13:7, 11:12)
  • Der Gesandte hat die Botschaft klar zu übermitteln. (16:44)

Es gibt noch viele weitere Verse, die die alleinige Autorität Gottes hervorheben, ich will hier nur mit drei Versen diese Angelegenheit ein letztes Mal verdeutlichen:

 

12:67 … Gewiss, das Richten (al-ḥukm) ist nur Gottes. Auf Ihn vertraue ich und auf Ihn sollen sich die Vertrauensvollen verlassen.

25:2 Er, Dem das Königreich der Himmel und der Erde gehört, Der Sich kein Kind nahm und Der keinen Teilhaber an der Herrschaft hatte und alles erschuf und ihm sein Maß wohlbemessen gegeben hat.

28:70 Und Er ist Gott. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Ihm gehört das Lob im Ersten und im Letzten. Ihm gehört das Urteil, und zu Ihm werdet ihr zurückgebracht.

 

Nach diesen und anderen Versen ist es schwer eine Gewaltenteilung vorzunehmen, dass auf der einen Seite die Lesung stünde und auf der anderen Seite die menschliche Sunna (entgegen der göttlichen Sunna). Gott, „der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat“, und von sich aus sagt, dass das Urteil (ḥukm) allein Seines ist und Ihm das Richten gehört, reicht den Gläubigen aus.

 

12:80 Als sie es bei ihm aufgegeben haben, gingen sie gerettet davon. Der Älteste von ihnen sagte: Wisst ihr nicht, dass euer Vater von euch, auch bevor ihr euch von Josef entledigt habt ein verbindliches Versprechen vor Gott entgegengenommen hat. Ich werde das Land nicht verlassen, bis mein Vater es mir erlaubt oder Gott richtet (yaḥkum Allāh), und er ist der beste der Richtenden (al-ḥākimīn).

95:8 Ist Gott nicht der Weiseste der Richtenden (bi-aḥkami al-ḥākimīn)?

5:50 Erstreben sie etwa das Urteil (al-ḥukm) der Ignoranz? Wer ist ein besserer Richter (ḥukm) als Gott für ein Volk, das überzeugt ist?

 

Wir sehen also überaus deutlich, dass die Weisheit und die daraus abgeleiteten Urteilssprüche Gott allein gehören. Es gibt auch klare Aussagen in der Lesung, dass die Lesung selbst die Weisheit darstellt. Wie etwa in Kapitel 17, in welchem beginnend ab Vers 22 ethische Prinzipien und Gesetze erklärt werden, welche ein Gläubiger umzusetzen hat. Dies geht weiter bis Vers 38 und im darauffolgenden Vers lesen wir:

 

17:39 Diese sind von dem, was dein Herr dir von der Weisheit offenbarte. Und setze zu Gott keine andere Gottheit, sonst wirst du in die Hölle geworfen, verschmäht und verstoßen sein

 

Die vorhergehenden Verse werden also direkt als Teil der Weisheit des Herrn beschrieben. Insofern sehen wir in diesem Beispiel, dass die Verse ein Teil der Weisheit Gottes sind. Im nächsten Schritt werde ich aufzeigen, dass diese laut der Lesung eine Einheit sein müssen. Das Prinzip der Einheit von Buch und Weisheit wird also auch von der anderen Richtung her aufgezeigt.

 

2:231 … So nehmt euch Gottes Zeichen nicht zum Spott und gedenkt Gottes Gunst an euch und dessen, was Er aus der Schrift und der Weisheit (al-ḥikmah) auf euch herabsandte, euch damit zu belehren. Und seid Gottes achtsam und wisst, dass Gott in allen Dingen wissend ist.

 

Auf Arabisch heißt es:

 

ولا تتخذوا ءايت الله هزوا واذكروا نعمت الله عليكم وما أنزل عليكم من الكتب والحكمة يعظكم به واتقوا الله واعلموا أن الله بكل شىء عليم

Transliteration:
wa lā tattachiḏū ʾāyāti-llāhi huzuwān waḏkurū niʿmāta-llāhi ʿalaykum wa mā ʾanzala ʿalaykum min al-kitābi wal-ḥikmati yaʿiẓukum bihi wa-ttaqū-llāha wa ʾaʿlamū ʾanna-llāha bikulli schayʾin ʿalīmun

 

Das große fette Wort im Arabischen wird in der Übersetzung als „damit“ wiedergeben und transliteriert „bihi“ ausgesprochen. Wären nun die Schrift und die Weisheit zwei verschiedene Dinge, müsste für den Bezug auf diese beiden verschiedenen Dinge die Dualform benutzt werden, nämlich bihimā (بهما) oder zumindest der Plural bihim (بهم). Der im Vers verwendete Bezug ist aber singular! Somit sind die Schrift und die Weisheit eine Sache, oder anders gesagt: Die Weisheit wird als der Schrift innewohnend angenommen.

Alles in allem kann bekräftigt werden, dass die traditionelle Aufteilung in Buch als die Lesung und Weisheit als die angebliche prophetische Sunna auf einem missglückten, geradezu peinlichem Fehlverständnis des Begriffs „Weisheit“ und der Wurzel selbst beruht, wobei ich hier etliche Verse zitierte, die Gott allein Autorität zusprechen und die Gott allein als Quelle der Weisheit klarstellen.

Bücher Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Anhänge A-D

Auf dieser Seite befinden sich sämtliche Anhänge des Buches ‚Schlüssel zum Verständnis des Koran‘.

 

Anhang A – Wortverzeichnis

In diesem Anhang befindet sich eine tabellarische Übersicht über die wichtigsten in diesem Buch verwendeten deutschen Begrifflichkeiten und ihre arabischen Entsprechungen, um Missverständnissen vorzubeugen. Gleichzeitig kann diese Liste als Grundlage für den Diskurs der Findung von deutschen Wörtern für zentrale arabische Begriffe gelten.

DeutschArabisch
Der AbleugnerAl-Kāfir, Al-Kāfirūn/Al-Kuffār
Die AbleugnungAl-Kufr
Der AchtsameAl-Muttaqī
Die AchtsamkeitAt-Taqwá
Die/Der sich Anstrengende
(fürs Gute)
Al-Mudschāhid
Die Anstrengung (fürs Gute)Al-Dschihād
Der Ausspruch, die AussprücheAl-Ḥadīṯ, Al-Aḥādīṯ
Der BeigesellerAl-Muschrik
Die Beigesellten (auch: Götzen,
Idole)
Asch-Schurakāʾ
Die BeigesellungAsch-Schirk
Die BezeugungAsch-Schahādah
Die (Pilgerfahrt zur) DebatteAl-Ḥadsch
Der (Gott-)Ergebene/FriedensstifterAl-Muslim
Die Friedensstiftung / (Gott-)
Ergebung/Gottergebenheit
Al-Islām
Die GerechtigkeitAl-Qisṭ
Der (überzeugte, gesicherte)
Glaube
Al-Īmān
Der GottAllāh
Der GütigeAl-Muḥsin
Das KontaktgebetAṣ-ṣalāh
Die Läuterung (Läuterungsabgabe)Az-Zakāh
Die Lebensordnung / LebensweiseAd-Dīn
Die LesungAl-Qurʾān (Koran)
Das LetzteAl-Āchirah
Der MonotheismusAt-Tawḥīd
Der MonotheistAl-Muwaḥḥid
Der RechtschaffeneAṣ-Ṣāliḥ
Der Satan (nicht Teufel)Asch-Schayṭān
Die SündeAl-Iṯm

 

Für die Klarstellung von vielen Übersetzungsfehlern können Sie in der Rubrik ‚Übersetzung und Übersetzungsfehler‘ auf alrahman.de stöbern.

 

Anhang B – Literaturangabe zur Ḥadīṯ-Diskussion

Aisha Y. Musa, Hadith as Scripture: Discussions on the Authority of Prophetic Traditions in Islam, Palgrave, 2008.

Koranforschungsgruppe, Die erfundene Religion und die Koranische Religion, online verfügbar auf www.alrahman.de, von mir übersetzt aus dem Türkischen „Uydurulan Din ve Kuran’daki Din“, İstanbul Yayınevi, 2007.

Rashad Khalifa, Koran, Hadith und Islam, online verfügbar auf www.alrahman.de, von mir übersetzt aus dem Englischen „Quran, Hadith and Islam“, Islamic Productions, 2006.

Edip Yüksel, Manifesto for Islamic Reform, Brainbow Press, 2009.

Shabbir Ahmed, The Criminals of Islam, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2011.

Abdur Rab, Exploring Islam in a New Light, Brainbow Press, 2010.

Kerem Adıgüzel, Zuverlässigkeit der Ahadith: Die Korrumpierung der Hochreligion Islam, online verfügbar auf www.alrahman.de, 2007.

Allgemein sind auf der Webseite www.alrahman.de sehr viele weiterführende Artikel von unterschiedlichen Autoren vorhanden.

 

Anhang C – Wörterbuchverzeichnis

Hans Wehr, A dictionary of modern written Arabic (Arabic – English), 4th ed.
Dies ist ein aus der deutschen Version 142 übersetztes, beträchtlich erweitertes und sprachlich genaueres Wörterbuch als die deutsche Vorlage. Wie der Titel schon sagt, ist es für den modernen Sprachgebrauch bestimmt und nicht immer in Übereinstimmung mit klassisch-arabischer Anwendung.

Götz Schregle, Deutsch-Arabisches Wörterbuch, Harrasowitz, 1974.
Ein Wörterbuch ähnlich wie das von Hans Wehr für das moderne Standardarabisch. Es enthält auch fachliche und technische Begriffe und umfasst ca. 30.000 Wörter. Die Wörter werden nicht mit lateinischen Buchstaben umschrieben, sondern stattdessen auf Arabisch und voll vokalisiert mit Anwendungsbeispielen wiedergegeben. Eignet sich gut, um von der deutschen Sprache ausgehend die arabischen Entsprechungen zu finden.

Rohi Baalbaki, Al-Mawrid: Arabisch-Deutsches Wörterbuch, MOst, 2005.
Umfasst ca. 38.000 Wörter, die nicht nach dem Stammwort, also der Wurzel, sondern nach dem Alphabet geordnet sind.

 

Leider sind die besten Werke (nebst den arabischen) nur in englischer Sprache verfügbar:

Edward W. Lane, Arabic – English Lexicon, Librairie du Liban, 1968.
Eine riesige Sammlung an Wortbedeutungen in acht Bänden mit vielen Beispielen aus der Anwendung, welche sehr viele Wörterbücher als aufbauende Quellen (insgesamt 112 zitierte Werke) benutzt hat. Die ersten fünf Bände wurden von ihm bis 1872 fertiggestellt, wohingegen die Bände sechs bis acht von seinem Großneffen Stanley Lane herausgegeben wurden mit der Hilfe von Lanes unvollständigen Notizen, die er hinterließ. Deshalb sind diese letzteren Bände voller Lücken und skizzenhaft. Der Fokus dieser Arbeit liegt im Vokabular des klassischen Arabisch.

Francis J. Steingass, The student’s Arabic-English dictionary, 1884.
Für den ungeübten Leser am Anfang verwirrend, erscheinen hier doch verschiedene Wurzelstämme unter derselben Überschrift, so z.B. die Wurzel w-ʿa-d ( و ع د ) und ʿa-d-d ( عدّ ) unter der Überschrift عد.

J. G. Hava, Arabic – English Dictionary for the use of Students, Catholic Press, 1899.
Ein Wörterbuch für das klassische Arabisch. Siehe auch sein Wörterbuch „Arabic – English Dictionary for Advanced Learners“, welches umfassender als das Wörterbuch von Hans Wehr ist, jedoch nicht so klar aufgebaut. Moderne Bedeutungen und Wörter werden hierbei ignoriert (so steht das Wort sayyāra nicht für „Auto“, sondern für „Karawane“ oder „Planet“).

Elsaid M. Badawi & Muhammad Abdel Haleem, Arabic – English Dictionary of Qur’anic Usage, Brill, 2010.
Aufbauend auf Wörterbüchern des klassischen Arabisch und Korankommentaren betont diese Arbeit die Rolle des Kontextes in der Bestimmung der Vielfalt an Bedeutungen eines jeden Wortes. Beispielhafte Angaben aus der Lesung werden im Buch wiedergegeben mit Querverweisen.

John Penrice, A Dictionary and Glossary of The Koran, 1873.
Ein Fotograf, der ein beachtliches Werk hinterließ. Eine kompakte Darstellung von Referenzen zu Wörtern und ihren Bedeutungen. Zahlreiche Editionen dieses Werkes sind bisher erschienen.

Abdullah A. Nadwi, Vocabulary of The Holy Quran, Millat Book Centre, 1983.
Ein nützliches Wörterbuch der Worte im Koran, die in ihre Wurzeln gruppiert wurden. Die Vermittlung der Wortbedeutung baut auf der Grundlage der Wurzelbedeutungen auf. Beispiele werden
auch angegeben.

Malik Ghulam Farid, Dictionary of The Holy Quran, Islam International Publications Ltd., 2006.
Eine von einem Missionar der Ahmadiyya angefertigtes Wörterbuch, die durchaus als Konkordanz der Lesung gelten kann. Das Buch ist leider missionarisch geprägt.

Mustansir Mir, Verbal Idioms of The Qur’ān, 1989.
Obwohl das mittelalterliche Arabisch sehr gut dokumentiert wurde durch muslimische Gelehrte aus dem Mittelalter, gibt es dennoch einige Schwierigkeiten für den Studenten wie auch den Gelehrten dieser Sprache. Dieses Buch versucht diese Schwierigkeiten zu adressieren, indem die zahlreichen Redewendungen und Spracheigentümlichkeiten dargestellt werden, die in der Lesung vorkommen.

 

Da die meisten unter den Leserinnen und Lesern der arabischen Sprache sehr wahrscheinlich nicht mächtig sein werden, führe ich hier nur meines Erachtens die zwei wichtigsten arabischen Wörterbücher auf.

Ibn Manẓūr (gest. 1312), Lisan al-ʿArab (لسان العرب).
Ein 1290 fertiggestelltes, arabisches Werk mit 20 Bänden, das als das bekannteste und umfassendste Wörterbuch der arabischen Sprache gilt.

Ibn Murtaḍá (gest. 1790), Tādsch al-ʿArūs (تاج العروس).
Das nach Lisan al-ʿArab zweitbekannteste arabische Wörterbuch.

 

Anhang D – Transkriptionssystem

Das in diesem Buch verwendete Transkriptionssystem unterscheidet sich leicht von dem der IPA, EALL oder DMG. Nachfolgend eine tabellarische Übersicht:

ArabischTranskription
ا, ʾalifa
ب, bāʾb
ت, tāʾt
ث, ṯāʾ
ج, jīmdsch
ح, ḥāʾ
خ, xāʾ / ḫch (wie in Bach)
د, dāld
ذ, ḏāl
ر, rāʾr
ز, zāynz
س, sīns
ش, šīnsch
ص, ṣād
ض, ḍād
ط, ṭāʾ
ظ, ḍāʾ/ẓāʾ
ع, ʿaynʿ
غ, ġayngh
ف, fāʾf
ق, qāfq
ك, kāfk
ل, lāml
م, mīmm
ن, nūnn
ه, hāʾh
ء, hamzaʾ
ة, tāʾ marbūṭahh
و, wāw (Halbvokal)w
ي, yāʾ (Halbvokal)y
ا, ʾalif (Langvokal)ā
و, wāw (Langvokal)ū
ي, yāʾ (Langvokal)ī
ى, ʾalif maqṣūrahá
ُ  (Kurzvokal)u
َ  (Kurzvokal)a
ِ  (Kurzvokal)i

 

Bei Wörtern, die mit einem Hamza beginnen, wie beim Wort ʾIslām, wurde aus rein ästhetischen Gründen das Hamza-Zeichen ausgelassen: Islām.

Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Vorwort und Einleitung

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan.
Im Namen Gottes, Des Barmherzigen, Des Gnädigen.
Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Dem Gott.

Nach nun fast einem Jahrzehnt seit der Gründung der Webseite alrahman.de, etlichen Artikeln und Übersetzungen und nach etwa drei Jahren seit Beginn unserer eigenen Koranübersetzung (Hanif), nach meinem Abschluss in Mathematik und meinem Aufenthalt in Ägypten, um bei studierten Lehrern Arabisch und Ägyptisch zu lernen, war für mich die Zeit reif geworden, das angesammelte Wissen von den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzuführen in diesem Buch: Schlüssel zum Verständnis des Koran.

Ein weiterer Grund für dieses Buch ist der Wunsch, den deutschsprachigen Muslimen eine Möglichkeit zur Selbstbefähigung zu bieten in der Koranauslegung. Dies in der Hoffnung, dass diese intellektuell und emotional für den Weg gerüstet sein können den Diskurs in den Gesellschaften, in denen sie leben, positiv und für alle Seiten gewinnbringend zu bereichern. Hierbei gehe ich nicht von einer selbstmotivierten Integration aus, sondern bereits von einer vorwärts treibenden Beteiligung an der Gesellschaft! Mein Ziel ist es kurz und einfach gesagt, dass wir als Muslime und Menschen insgesamt beginnen, uns gegenseitig mit Barmherzigkeit, Wissen und Liebe in allen Lebensbereichen zu begegnen.

Es ist unter anderem das ausdrückliche Ziel dieses Buches die „Entarabisierung“ dieser ethischen Hochreligion des „Islām“ zu bewirken. Unsere gemeinsame Sprache ist die deutsche Sprache, in welcher wir uns auch unterhalten möchten. So werden Sie sehr wahrscheinlich mit Gottes Erlaubnis sehen und begreifen, dass viele Begriffe, die Sie vorher nur auf Arabisch hörten, eine gänzlich andere Bedeutung innehaben, als Sie dachten. Wussten Sie, dass „Islām“ wörtlich Ergebung und „Muslim“ Ergebener bedeuten, im Sinne einer Ergebung Gott allein gegenüber? Denken Sie nur einmal darüber nach, woran Sie denken, wenn Sie „Muslim“ lesen oder hören und woran Sie denken, wenn das Wort „Gottergebener“ wahrgenommen und als wahr angenommen wird. Die deutsche Sprache eignet sich in weiten Teilen bestens, um die arabischen Begrifflichkeiten der Lesung (arabisch: al-qur’ān) ins Deutsche zu übertragen. Damit wird es vor allem für die Nichtakademiker einfacher, die Ideen der Lesung (Koran) zu verstehen, wenn wir beginnen, diese Begriffe auch auf Deutsch durchgehend zu gebrauchen und uns mit ihnen zu identifizieren statt mit arabischen Worthülsen. Im Anhang A finden Sie darüber hinaus eine Auflistung der wichtigsten Begriffe und ihre arabische Entsprechung.

Ein weiteres Ziel dieses Buches ist es, eine spezifische Auslegungsmethodik zu formalisieren. Hierbei wird die Hermeneutik beschrieben, wie die Lesung wiederum allein auf Grundlage der Lesung und den der Vernunft zur Verfügung stehenden Mitteln, wie etwa Logik und Sprache, begriffen werden kann, ohne Zuhilfenahme weiterer, besonderer Literaturquellen, die von den traditionsorientierten Gemeinschaften fälschlicherweise als „Pflichtquellen“ der Religion beschrieben und dem Propheten angedichtet wurden und werden.

Es ist nicht das Ziel, die Vielfalt an Bedeutungsmöglichkeiten koranischer Passagen einzuschränken auf eine einzige, allgemeingültige Variante. Dieses Buch bietet nicht die Darstellung einer „einzigen“ Wahrheit. Im Gegenteil werden Sie sehen, dass mittels unterschiedlicher Ansätze mit derselben hier vorgestellten Methodik gleichberechtigte Interpretationen zum Vorschein kommen werden, die sich erheblich unterscheiden, aber auch einander ergänzen können.

Um von diesem Buch am meisten zu profitieren, ist es ratsam, eine einschlägige Koranübersetzung zur Hand zu haben, da nicht jeder Vers in voller Länge oder überhaupt zitiert wird. Da wir der Meinung sind, dass die vorhandenen deutschen Übersetzungen nicht zufriedenstellend sind, werde ich in diesem Buch mit mehreren Übersetzungen und auch mit unserer eigenen arbeiten, die seit einigen Jahren durch unser Ḥanīf-Team angefertigt wird.

An dieser Stelle danke ich Gott, Der mich aus Seiner endlosen Barmherzigkeit heraus in dieser Welt segnete und versorgte, sodass ich gar nicht wissen kann, wie und wann ich mit dem Danken aufhören könnte. Ich danke auch den zahlreichen Menschen, die mir zur Seite standen und ihre konstruktiven Vorschläge für dieses Buch überbrachten. Insbesondere danke ich unter diesen meiner Frau, die mich ausnahmslos und zu jeder Zeit vollends unterstützte und mich wie ein allumsorgter Pascha fühlen ließ. Mein Dank gebührt auch all jenen, die mich auf meinem Bildungsweg unterstützt haben – all diesen noch lebenden oder bereits verstorbenen Lehrern von der Grundschule, Gymnasium oder von der Universität bis hin zu Sokrates oder Kant. Sie haben ein Teil ihrer Läuterungsabgabe (Zakāh) in Form von Wissensvermittlung bei mir durchgeführt.

Möge dieses Buch mit Gottes Erlaubnis

  • ein Vorwand sein, Gottes Wort näher zu begreifen;
  • dazu führen, geistig und intellektuell mündig zu werden;
  • in den Dunkelheiten das Licht der Lesung wiedergeben;
  • dazu dienen, wenn nötig sich vor sich selbst schützen zu können;
  • Gottes Schönheit, Weisheit und Erhabenheit in voller Tiefe spüren lassen;
  • die emotionale, politische, spirituelle und menschliche Macht der Gelehrten über uns vernichten;
  • in allen Buchstaben dieses Buches ein Lobgesang auf Gott sein.

Einleitung

Die Lesung (Koran): Ein Buch, eine Quelle für eine Religion – eine Herausforderung für die Menschheit. Ihre kulturelle Bedeutung auf der globalen Ebene ist unumstritten. Viele befassen sich mit ihr, sind von ihr fasziniert oder angewidert. Doch es scheint so zu sein, dass sie wenige wirklich kennen, nicht etwa wegen fehlendem Vermögen oder mangelnder Intelligenz. Selbst unter den Gelehrten ist zu sehen, dass ihnen schwerfällt, die Verse dieses Buches theologisch zu verorten, und lieber den Status quo besänftigen wollen statt die Kernaussagen des Buches genauer unter die Lupe zu nehmen. Nicht zuletzt deshalb greifen sie auf alte Erklärungsmuster vergangener Gelehrten aus dem achten oder neunten Jahrhundert nach Christus zurück, die teils dem Wesen der Lesung deutlich widersprechen. Aus diesem Grund ist die Tatsache nicht verwunderlich, dass selbsternannte „islamische Länder“ in der Studie aus dem Jahr 2010 „How Islamic Are Islamic Countries“ von Scheherazade S. Rehman und Hossein Askari1, welche die Umsetzung des Islam in einem Land nach den islamischen Regeln misst, im Durchschnitt weit hinten rangieren. Nach dieser Studie sei Neuseeland das islamischste Land auf der Welt überhaupt!

Mit den kulturellen Herausforderungen in jüngster Zeit schaffen es immer mehr Gelehrte, sich vom Ballast der kulturellen, traditionellen, autoritären und sprachlichen Zwängen zu befreien und kehren zurück zum Geiste der Islamwissenschaften aus der Frühzeit der muslimischen Blüte. Dadurch sind sie in der Lage, Lösungen für die Gegenwart zu finden, die mit der alten, der von außen künstlich ins Religionsverständnis eingeführten Tradition brechen, aber gleichzeitig Gottes Religion zu bewahren versuchen.

Dieses Buch richtet sich in erster Linie an alle Interessierten, gleich welchen Hintergrundes, die einen ersten, kritischen Zugang zur Lesung (Koran) finden wollen und nach dem Rüstzeug suchen, um den weiteren Weg mehr oder weniger selbständig gehen zu können. Wie kann ich die Lesung verstehen und seine Geheimnisse am ehesten lüften? Was brauche ich dazu und worauf muss ich besonders achten? Ist das Kennen der arabischen Sprache eine Pflicht beziehungsweise relevant fürs Verständnis der Lesung? Wie kann ich mich von Gelehrten unabhängig zählen im Verstehen und in der Umsetzung der Lesung? Wie erkenne ich den Einfluss der Tradition und der Kultur auf mein Denken und Handeln und den auf die anderen? Was ist, wenn ich mit meiner Meinung allein dastehe? Auf all diese Fragen und noch mehr wird so Gott will in diesem Buch eingegangen.

Wenn Sie in diesem Buch nach einer Wiederholung der muslimischen Gelehrtenmeinungen aus dem Mittelalter, oder noch besser, Ihrer Meinung suchen sollten, können Sie es weglegen. Dann werden Sie keinen Nutzen aus diesem Buch ziehen können. Denn was die heutigen muslimischen Gelehrten nur mühsam erreichen, wollten die mittelalterlichen Gelehrten den zukünftigen schon von Anfang an mitteilen. Abū Hanīfa (geb. 699 in Kufa), dessen Schüler vermutlich in seinem Namen gegen seinen Willen die hanafītische Rechtsschule gründeten, welche die heute einflussreichste und größte der vier Hauptrechtsschulen des sunnitischen Islams darstellt, soll einst der Überzeugung gewesen sein, dass ein Kodex an Gesetzen nicht sehr lange statisch bleiben könne. Sonst wäre man dem Risiko ausgesetzt, dass dieser Kodex nicht mehr den Bedürfnissen der Gesellschaft entspräche. Aus diesem Grund befürwortete er die Interpretationen der Gesetzesquellen (uṣūl al-fiqh) als eine Antwort auf die menschlichen Bedürfnisse der jeweiligen Zeit.2

Ich bin derselben Meinung: Das Verständnis des Gotteswortes muss von gottergebenen (muslimischen) Denkern stets erneuert, von kulturellen Altlasten gereinigt und den Herausforderungen der Zeit entsprechend formuliert werden. Die traditionelle Vorstellung, was unter „Wissenschaft“ oder „Wissen“ (ʿilm) zu verstehen sei, übt gleichfalls hindernde Wirkung auf jede freie oder gar kritische Betrachtung der eigenen Geschichte. Der intellektuelle und politische Zustand vieler Gottergebenen (Muslime) ist alarmierend und widerspricht den grundlegenden Prinzipien der Lesung (Koran). Deshalb ist es wichtig, die Lesung kennenzulernen, damit man als Gottergebener eine gefestigte Identität entwickeln und dadurch aktiv zur Verbesserung sozialer
Umstände beisteuern kann.

Es wäre auf jeden Fall ein großer Gewinn für alle Seiten, wenn sich die Gottergebenen allmählich wieder auf ihre inspirierende, lebhafte Lebensordnung (dīn) besinnen und sich den Herausforderungen ihrer Zeit stellen und einen kulturellen, wissenschaftlichen und gemeinschaftlichen Beitrag in allen Schichten und Ebenen leisten.

Tradition und Religion zu trennen wird der erste Schritt sein müssen, um den Herausforderungen unserer Gegenwart gewachsen zu sein. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Tradition völlig verworfen werden muss, da die Vordenker wie Ibn Chaldūn, Al-Ghazālī, Ibn Sīnā, Aṭ-Ṭabarī und viele weitere Arbeiten hinterlassen haben, auf denen wir bei Bedarf ganz oder teilweise aufbauen können. Es ist jedoch meiner Ansicht nach eine Unumgänglichkeit, dass wir diese Vordenker und Beispiele, die je nach Rechtsschule und theologischer Ideologie als Autoritäten gelten, gerade als Autoritäten ablehnen müssen, selbst wenn diese als sogenannte „Gefährten“ (ṣaḥāba) bezeichnet werden.

Betrachten wir beispielsweise Wörterbücher der arabischen Sprache, so ist in ihnen die Wiedergabe von Wortbedeutungen auf Grundlage von „Autoritäten“ zu finden.3 Dieser Gedanke der „Autoritäten“ lässt sich vielerorts wiederfinden. So etwa der volkstümliche Glaube, dass nur ein Gelehrter, der „über 50 Jahre seines Lebens mit dem Studium des Islām verbracht hat“, wahre und korrekte Meinungen äußern könne und dürfe. In vielen türkischen Moscheen, wie ich es selbst als Kind noch miterlebte, wurden viele Kinder geschlagen oder zumindest verbal und sozial durch die Umgebung eingeschüchtert, wenn sie aufrichtige Fragen zur Evolution oder zu den Hintergründen ritueller Praktiken stellten. Das Verständnis der Lebensordnung oder der Religion wurde hierbei nicht durch tieferes Verstehen entwickelt, sondern oft durch technisches Auswendiglernen von Phrasen und soziale Einschüchterung. Deutschsprachige Gottergebene (Muslime), die nun durch den direkten Kontakt mit anderen Religionen ihre eigene Religion hinterfragt sehen, stehen vor der Herausforderung ihre eigene Religion zu begründen statt einfach die „Glaubensinhalte“ in Form eines Handbuchs wiederzugeben, welches man blind befolgen müsse. Durch diesen Zwang, sich mit den Glaubensinhalten zu beschäftigen, sind viele Menschen von den Antworten enttäuscht, die ihnen geboten werden. Denn sie passen eher ins Mittelalter4, als dass sie die dringenden Bedürfnisse heutiger Gottergebener ansprechen. Die Lebensumstände haben sich heute drastisch geändert und ein Fliehen in mittelalterliche Vorstellungen hilft hierbei bestenfalls kurzfristig. Die Menschen sind oftmals gleichzeitig aber auch verwirrt durch die Inhalte der Lesung.

Es gibt nicht mehr nur die schweizerische, österreichische oder deutsche Kultur. Die DACH-Länder stehen vor der Herausforderung, mit unterschiedlichsten Gemeinschaften Umgang pflegen zu müssen. Immer mehr Gottergebene (Muslime) suchen Identität in ihrer eigenen Religion, die oftmals durchmischt ist mit der Kultur des Migrationshintergrundes. In diesem Buch werde ich eine Möglichkeit für eine pluralistische Gesellschaft aufzeigen, in der Gottergebene (Muslime) mit Menschen anderer Religionen ein friedvolles Zusammenleben führen und gleichzeitig der Lesung treu bleiben können.

Diese Idee einer koranischen Auslegungsmethodik zu fördern wird ein entscheidender Grundstein sein, um eine Sicht zu entwickeln für eine friedliche, pluralistische Gesellschaft, welche sich lossagt vom kulturellen Ballast und traditionsorientierter Lebensweise, welche nicht unzertrennlich mit der Lebensweise verbunden ist, die wir aus dem Studium der Lesung erhalten. Dabei wird auch die eigene Identität als Gottergebener gestärkt.

Hierbei werde ich auch die „eigene Sicht“ mit der „des Anderen“ aus dem koranischen Standpunkt heraus überdenken und damit aufzeigen, dass wir anderen Religionsangehörigen Raum schaffen können, nach der sie ebenso das Seelenheil erlangen können, ohne die eigenen Vorstellungen oder die Lesung zu verleugnen, zu verheimlichen, zu verwässern oder sonst wie abzuändern. Nicht zuletzt wird – so Gott will – dadurch sichtbar werden, dass ein gänzlich neuer Blickwinkel auf rechtsrelevante Fragen wie auch auf Moral und Prinzipien einer gottergebenen Lebensweise (klassisch zusammengefasst als „Scharīʿa“) entsteht. Hierbei werden unter anderem Fragen zum Beispiel zur Kopftuchfrage beantwortet, ob einem Dieb die Hände abgehackt werden dürfen oder wie der Umgang mit Andersgläubigen auszusehen hat.

In diesem Buch wird die Lesung (Koran) als alleinige bindende Quelle gottergebener Theologie und Jurisprudenz vorausgesetzt. Die Begründung hierzu werde ich im ersten Teil des Buches anschneiden. Eine ausführliche Diskussion über den Sinn und Unsinn der angeblichen Aussprüche (aḥādīṯ), die im Stile von Hörensagen gesammelt wurden und deren Wissenschaft (ʿilmu-l-ḥadīṯ) vernünftigen, kritischen Betrachtungen nicht standhält, interne Widersprüche aufweist und der Lesung vielerorts diametral entgegensteht, wie etwa die Thematik der Steinigung („radschm“), wurde bereits an anderen Orten ausführlich erörtert. Dies ist eine notwendige Debatte, die fortgeführt werden muss, da eine blinde Befolgung theologischer Imperative noch niemanden zum spirituellen Meister und überzeugten Gläubigen werden ließ. In diesem Buch wird deshalb diese Debatte vergleichsweise kurz angerissen.

Eine Auswahl an entsprechender Literatur, in denen teilweise auch dargestellt wird, dass diese Diskussion keine neue, sondern eine seit Anbeginn der Bildung muslimischer Gemeinschaften geführte Debatte war, lässt sich in Anhang B finden.

Widerlegung von „Der Koran und die Koraniten“

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,

Die Homepage antikezukunft hat gegen unsere Auffassung, dass der Koran alleine für das religiöse Heil völlig hinreichend ist, mehrere Artikel verfasst. Eines dieser Artikel wurde bereits von uns widerlegt. Nun folgt, wie angekündigt, die Widerlegung des nächsten Artikels. Dieser zweite Artikel auf antikezukunft ist als eine Erweiterung zum vorangegangenen Artikel zu verstehen und überschneidet sich teilweise mit den Argumenten des Vorgängers. Ich gehe in dieser Widerlegung nur auf die Gegenargumente und nicht auf die am Artikelanfang angeführte Beschreibung ein, da die Widerlegung sonst zu umfangreich wird. Im Vergleich zu unserer Richtung schreibt der Autor über seine Strömung:

 

Die zweite Bewegung hält sich nicht nur an der gelebten Tradition (Sunna), sondern auch an dem schriftlich überlieferten Quellenmaterial fest. Ihre Herangehensweise wird im Grunde als die historisch–kritische Kontextualisierung bezeichnet.

 

Die so genannte historisch-kritische Methode versucht, im Unterschied zu den meisten anderen Gruppen, die Sekundärquellen zeitgemäß auszulegen. Ihr großes Manko ist allerdings, dass sie auf dieselben Quellen zurückgreifen wie alle anderen Strömungen. Dies wirft die Frage auf, wie diese Strömung sich im Recht glauben kann, das „richtige“ Verständnis der Ahadith zu repräsentieren im Gegensatz zu den restlichen Gruppen? Ein Beispiel: Alle vier sunnitischen Rechtsschulen ahnden den Abfall vom Glauben mit der Todesstrafe (Apostasie). Dazu beziehen sie sich auf Ahadith, welche dies legitimieren. Wie will diese Strömung dieses Verhalten verbieten, wo sie doch selbst aus den gleichen Quellen schöpft? Fahren wir fort:

 

“Für Islamoglu war das Projekt der Koranitischen Denkweise vor allem in Indien ohne weiteres eine Intention der Orientalisten gewesen, die vornehmlich bei den Muslimen den Gedanken hervorhebten, die Sunna (Lebensweise und Haltungdes Propheten) mitsamt ihrer Orthopraxie im Angesicht der Moderne als weit überholt verwerfen zu müssen.”

 

Wir sind weder Inder noch mit der indischen Kultur aufgewachsen. Einzig und allein ist der Wahrheitsgehalt einer Aussage ausschlaggebend für uns und nicht, woher das Argument abstammen mag (39:18, 10:38-39). Des Weiteren wurde bereits in der ersten Widerlegung die negative Darstellung von Orientalisten behandelt. Weiter schreibt der Autor:

 

Welchen Ansatz verfolgt eine historisch textualisierte Koranexegese?

Mit dem Ansatz der historischen Kontextualisierung sucht die islamische Koranexegese hauptsächlich die Nähe zu den Erstempfängern.

Sie (Anm.: die Sahabis) wurden direkt mit der Offenbarung konfrontiert, so dass dieser ihre Lage wie auch ihre Gesellschaftlichen Begebenheiten in seinem Kontext miteinbezog, wie dies im folgenden Koranvers ihren Ausdruck findet: „O ihr, die ihr glaubt! Fragt nicht nach Dingen, die, wenn sie euch enthüllt würden, euch unangenehm wären; und wenn ihr danach zur Zeit fragt, da der Koran nieder gesandt wird, werden sie euch doch klar. Gott hat euch davon entbunden; und Gott ist All-verzeihend, Nachsichtig“ (5:101)

 

Auch alle anderen Gruppen verfahren hierzu gleichermaßen, indem sie die Nähe zu den Erstempfängern suchen, es ist also keine Besonderheit der „historisch textualisierten Koranexegese“. Es trifft zu, dass die Ṣaḥābah laut Koran zu verschiedenen Belangen Fragen gestellt haben. Der Autor will jedoch mit dieser Argumentation darauf hinaus, dass man für die Erschließung der betreffenden Koranverse Ahadith benötigt, was zu vielen Stellen im Koran einen Widerspruch darstellt. Für das religiöse Heil ist der Koran alleine völlig hinreichend (5:44,45,47, 42:10, 6:114). Dementsprechend sind die angeblichen Ahadith der Ṣaḥābah unnötig. Auch wenn manche Verse die damaligen Begebenheiten anschneiden, ist der Koran eine „Klärung aller Dinge“ (16:89, 12:11) in der Religion (5:3 – siehe auch die Diskussion mit dem Autor zu dieser Thematik). Die Ṣaḥābah spielen somit heute weder für uns noch für den Koran selbst eine Rolle. Im weiteren Textverlauf werden Überlieferungen präsentiert, also keine Koranverse, um die “historisch kritische Methode” zu legitimieren. Hierzu zitiert der Autor aus unsicheren Ahadithquellen Abdullah ibn Abbas:

 

Wenn ihr mich über ein ungewöhnliches Wort im Koran befragt, sucht es in der Dichtung wie zum Beispiel im arabischen Diwan.

 

Dazu folgende Koranverse:

 

20:97 Wir haben ihn eigens leicht gemacht in deiner Sprache, damit du durch ihn den Gottesfürchtigen frohe Botschaft verkündest und durch ihn hartnäckige Leute warnst. (Siehe auch: 39:27-28, 16:103, 43:3, 41:44, 26:192-195)

 

Der Koran ist also keinesfalls ein Buch mit sieben Siegeln, wie der Autor uns weismachen will. Es sei folgender Hadith zitiert, welcher der Argumentation des Autors diametral entgegen steht:

 

Wer mit dem Koran auskommt und sich nicht auf die Haltung einstellt, auf etwas weiteres nicht angewiesen zu sein, gehört nicht zu uns. (Bukhari, Tauhid, 44; Abu Dawud, Vitir, 20; Darimi, Salat, 171)

 

Ohnehin haben Ahadith im Koran keine Autorität und es gibt noch viele andere Koranverse, die diesem Hadith direkt widersprechen. Dann zitiert der Autor den Kalifen ʿUmar ibn al-Chattab:

 

O ihr Menschen! Sieht zu, dass ihr die Dschahaliyya Dichtung zusammen trägt, weil in diesem das Tafsir für euer Buch (dem Koran) vorhanden ist.

 

Dieser Hadith widerspricht der eben von mir angeführten Quelle. Denn er stellt klar, dass der Koran alleine für das religiöse Heil Sorge trägt. Der angeführte Hadith ist ein klarer Widerspruch zu 5:3, 6:114 und vielen anderen Versen. Schließlich könnte der Autor keine hinreichende Argumentation aufbringen, wonach sein Hadith richtig und meiner falsch wäre. Er will mit seiner selektiven Herangehensweise darauf hinaus, dass der Koran nicht “zur Ermahnung leicht” (54:17,22,32,40) und auch nicht in der “Sprache leicht” gemacht ist (20:97, 44:58), wie dies uns im Koran klar mitgeteilt wird. Somit steht dieses Zitat gegen die von Gott offenbarten Koranverse. Man muss den Autor auch dahingehend fragen, warum Gott etwas so Fundamentales wie die Erklärung des Korans, in unserem Falle die „Dschāhiliyya Dichtung“, an keiner Stelle im Koran erwähnt. Dieses außerkoranische Argument ist letztendlich uninteressant, da man aus Ahadith alles ableiten kann, wie zum Beispiel ihre Vernichtung laut ʿUmar ibn al-Chattab:

 

Omar schrieb den Gefährten des Propheten, die in anderen Städten lebten, Briefe, mit der Aufforderung, all die Kopien der Ahadith, die sie hatten, zu zerstören. (Ibn Abdil Berr, Camiul Bayanil Ilm ve Fazluhu 1/64-65.)

Es gab einen beachtlichen Anstieg der Anzahl an Ahadith während des Kalifats von Omar. Omar wünschte, dass alle Seiten, auf denen die Ahadith geschrieben wurden, die in der Hand der Öffentlichkeit waren, zu ihm gebracht werden. Dann ordnete er ihre Zerstörung an, indem er sagte: “Sie sind wie die Mischnah der jüdischen Leute.” (Ibn Sad, Tabakat 5/140)

Ibn Abbas erzählte: Als die Zeit des Todes des Propheten sich näherte, waren einige Männer im Haus und unter ihnen war ‚Umar Ibn al-Khattab. Der Prophet sagte: „Kommt näher und lasst mich ein Schreiben für euch schreiben, nach dem ihr nie vom rechten Weg abgehen werdet.“ ‚Umar sagte: „Der Prophet ist ernsthaft krank, und ihr habt den Quran. Gottes Buch genügt uns.“ … (Sahih al-Bukhari: 9.468 und 7.573)

 

Der Autor zitiert danach ʿAli ibn Abu Talib:

 

Fragt mich nach dem Buche Gottes. Es gibt keinen Koranvers, weder in der Dunkelheit noch am Tageslicht, wo ich nicht wüsste, weshalb und unter welchen Umständen es offenbart wurde.

 

Dazu gibt es einen zu dieser Haltung direkt widersprechenden Hadith von ʿAli ibn Abu Talib selbst:

 

Ali Ibn Abu Talib, der vierte Kalif, sagte in einer seiner Reden: „Ich ermahne alle, die Niederschriften vom Propheten haben, nach Hause zu gehen und diese zu vernichten. Die Leute vor euch haben sich selber fehlgeleitet, weil sie Ahadith folgten, die von ihren Gelehrten kamen [Anm.: Juden mit ihrer eigenen Hadith-Kollektion, beispielsweise Talmud]. Auf diese Weise verließen sie das Buch Gottes.“ (Sunan Al-Daramy)

 

Es wird bei diesen Argumentationen schließlich selektiv mit Ahadith umgegangen. Die Einstellung der vier Kalifen gegenüber den Ahadith ist eindeutig und deswegen existiert aus ihrer Zeit auch kein einziger Hadith. Weiter geht es folgendermaßen im Text:

 

Nach Abu Zaid hat der Koran eine spezielle sprachliche Kodierungsdynamiken angewendet, um seine Botschaft den Erstadressaten einwandfrei zu übermitteln: „Wir haben es als einen arabischen Koran hinabgesandt, auf dass ihr begreifen möget“ (12:1). Denn in einer Sprache ist zweifelsohne viel mehr als nur das gesprochene Wort enthalten.

 

Der Einwand:

 

6:19 Sag: Welches ist das größte Zeugnis? Sag: Gott (, Er) ist Zeuge zwischen mir und euch. Und dieser Koran ist mir eingegeben worden, damit ich euch und (jeden), den er erreicht, mit ihm warne.

 

Es ist also klar ersichtlich, dass der Koran nicht nur für das Umfeld des Propheten gesandt ist, sondern auch für andere Menschen erschließbar sein muss. Dazu nun folgender Vers:

 

41:44 Hätten Wir ihn zu einem fremdsprachigen Koran gemacht, hätten sie sicherlich gesagt: „Wären doch seine Zeichen ausführlich dargelegt worden!” Ob fremdsprachig oder arabisch, sage: “Er ist für diejenigen, die glauben, eine Rechtleitung und eine Heilung.” Und diejenigen, die nicht glauben, haben Schwerhörigkeit in ihren Ohren, und er ist für sie (wie) Blindheit. Diese sind, als würde ihnen von einem fernen Ort aus zugerufen.

 

Von nun an will uns der Autor anhand eines Beispiels davon überzeugen, dass der Koran nicht so einfach zu verstehen sei und man die Sprachgepflogenheiten der Ṣaḥābah beherrschen müsse:

 

Es gibt unzählige Beispiele im Koran, die diese Annahme bestätigen, wie z. B: „Er hat eure Ehefrauen, zu denen ihr sagt: “Ihr seid mir verwehrt wie der Rücken meiner Mutter, nicht zu euren Müttern gemacht“ (33:4).

 

Diese unzähligen Beispiele soll der Autor bitte anführen. Zum Beispiel mit dem Rücken: Die Redewendung ist hier selbst erklärend, denn es steht in seiner eigenen Erläuterung: Er hat eure Ehefrauen, zu denen ihr sagt: „Ihr seid mir verwehrt wie der Rücken meiner Mutter, nicht zu euren Müttern gemacht.“ Er hat zudem den koranischen Gesamtkontext nicht beachtet, nämlich dass es verboten ist, die eigene Mutter zu heiraten (4:23). Man muss hier also nicht wissen, was der Rückenschwur nun genau ist. Der Koran erklärt es hier selber. Die Verse 58:1-4 erklären den „Rückenschwur“ ausführlich genug. Weiter führt der Autor an, dass die klassischen Korangelehrten die „Offenbarungsanlässe“ (asbab an-nuzul) für eine der grundlegendsten Instrumente bei der Auslegung der Schrift hielten. Gott erachtete diese als nicht grundlegend, denn sonst würden sie in den Koran gehören und nicht in massiv verderbte Quellen. Dem Leser sei auch nicht vorenthalten, wie prekär es um die Offenbarungsanlässe denn selbst steht. Dazu folgendes Video eines Befürworters dieser Strömung. Die Offenbarungsanlässe werden im Koran nirgendwo erwähnt, schon gar nicht, dass diese die Koranverse erklären sollen. Gott allein erklärt den Koran laut 25:33, 55:1-2, 75:19, 11:1 und 6:114. Der Autor muss selber eingestehen:

 

Die Kritiker der „Offenbarungsanlässe“ bemängeln jedoch die zur Verfügung stehenden Materialien, weil nur ein Bruchteil der historischen Quellen schriftlich aufgezeichnet und bis in unsere Tage tradiert wurden. In al-Bukhari findet sich hierfür im 60. Buch der Titel mit der folgenden Überschrift „Buch der Kommentare“. Dort werden nur 358 Erläuterungen des Propheten zu fast ebenso vielen Koranversen aufgeführt, dass macht sage und schreibe 5,7 Prozent aller Koranverse aus.(29) Auch in den klassischen Korankommentaren wie z.B. die von al-Tabari (gest. 923), gehen nicht alle Überlieferungen bei der Erläuterung des Koran, anhaltend auf den Propheten selbst zurück. In seinem monumentalen Werk „Dschami al-Bayan´an ta´wil ay al-Quran“ werden geradewegs 3000 Überlieferungen, die freilich bis auf den Propheten zurück gehen sollen aufgezeichnet. Das macht bei den gesamt Überlieferungen in diesem Werk gerade mal 7,8 Prozent aus. Aus diesem Grund, können die Offenbarungsanlässe bei dem überwiegend größten teil der Koranverse keine Auskunft über die Hintergründe und deren Anlässe geben.

 

Festzuhalten ist dementsprechend, dass die Offenbarungsanlässe nur minimal bedingt helfen können, noch bevor man den Koran zu Rate gezogen hat. Solche Quellen werden im Buche Gottes nicht geduldet. Weiter lesen wir:

 

Die Methodik der Offenbarungsanlässe wird auch dahingehend kritisch betrachtet, weil es die Gefahr mit sich bringt, als sei die Offenbarung nur spezifisch und ursächlich für das siebte Jahrhundert relevant. Dazu Kommentiert Dr. Murad Wilfried Hofmann den folgenden Satz: „Es wäre allerdings eine Übertreibung, den Koran nur im Lichte der Offenbarungsanlässe auslegen zu wollen, als seien sie für die Offenbarung ursächlich gewesen oder schränkten ihre Bedeutung auf den konkreten Anlass ein“.”

 

Anfangs brauche man Offenbarungsanlässe, welche laut dem Autor von den klassischen Koranexegeten „für eine der grundlegendsten Instrumente bei der Auslegung der Schrift“ gesehen werden, jedoch nur einen sehr geringen Teil des Koran erklären. Dann soll man die Erklärung des Koran durch die Erstadressaten nicht ganz so ernst nehmen, um nicht ins siebte Jahrhundert zu verfallen? Damit sind die Offenbarungsanlässe der subjektiven Relativierung des Interpretierenden ausgeliefert! Wessen Ansicht soll hier dann der Maßstab sein? Die Erklärung für den Koran ist somit selbst erklärungsbedürftig und hat keine größere Relevanz? Wenn es also „passt“, benutzt man sie und wenn nicht, dann lässt man sie weg? Wie soll man mit Offenbarungsanlässen umgehen, die nicht mal ansatzweise vollständig und dazu noch voller Ungereimtheiten sind? Beispielsweise, dass es zu manchen Versen gleich mehrere unterschiedliche Offenbarungsanlässe gibt oder auch viele politisch motivierte, wie dies Mouhanad Khorchide selber zugeben muss im eben erwähnten Videobeitrag? Und nun versucht der Autor die Haltung, dass Gott für die Religion alleine ausreicht, direkt einer Widerlegung zu unterziehen. Dazu schreibt er:

 

Warum kann allein der Koran nicht für die kontextuelle Lesart ausreichen? Weil dadurch grundsätzliche Bestandteile und Informationen der Religion verloren gehen. Im Koran wird darauf hingewiesen, dass, bevor die Kaaba als Gebetsrichtung obligatorisch vorgeschrieben wurde, die Muslime ihre Gebete in eine andere Gebetsrichtung ausführten, wie dies aus den folgenden Versen ersichtlich wird. […] Ohne die tradierten Überlieferungen, würde die Information über die damalige und erste Qibla in Jerusalem vollkommen untergehen.

 

Quellen gehen nicht verloren, wenn man der Offenbarung alleine folgt. Allerdings ist die falsche Handhabung dieser Quellen, beispielsweise dass sie immense religiöse Autorität genießen dürfen, und die damit einhergehenden katastrophalen Folgen für Religion und Mensch Grund genug, sie abzulehnen. Der Koran ist jedoch geschützt von Gott (15:9) und die Quellen des Autors erwiesenermaßen nicht. Überhaupt: Könnte es machtpolitische Gründe gegeben haben, dass man diesen Hadith vielleicht erfand oder dass man dies nur erwähnt hat, um Jerusalem vor anderen Städten zu bevorzugen? Die im religiösen Rahmen unbrauchbaren Einzelheiten haben kein Ende. Wir müssen deshalb nicht alle Sekundärinformationen bis zum letzten Punkt erschließen, um die Religion zu verstehen. Fahren wir fort:

 

Auch die nachfolgende Koranverse erläutern nicht annähernd die Kaaba als die neue Gebetsrichtung dar, ..

Hier fragt man sich allen ernstes den „Koraniten“, wie man für die Gebetsrichtung auf die Kaaba kommt, ohne die jeglichen Überlieferungen zu konsultieren?

 

Es wird im Koran klar vorgeschrieben in Richtung der Masdschid al-ḥarām zu beten, wo sich auch mittendrin die Kaaba befindet. Der Autor hat sich weder mit den Argumenten der Gottergebenen, die sich auf Gott allein verlassen (65:3), gründlich auseinandergesetzt, wie nun deutlich wurde, noch den Koran an der richtigen Stelle aufgeschlagen, da Gott im Koran die Richtung angibt und dort ohnehin auch die Kaaba steht. Möchte der Autor den Gläubigen trotz Gottes Wort vorschreiben, dass statt der Masdschid al-ḥarām nur die Kaaba als gültige Definition gilt? Im Koran steht:

 

49:16 Sag: Wollt ihr Gott über eure Religion belehren, wo Gott weiß, was in den Himmeln und was auf der Erde ist? Und Gott weiß über alles Bescheid.

 

Unabhängig davon ist aus folgenden Versen klar ersichtlich, dass mit der Gebetsrichtung auch die Kaaba mit eingeschlossen ist:

 

5:97 Gott hat die Ka’ba (Al-Ka`bata), das geschützte Haus, zu einer Stätte des Gottesdienstes für die Menschen gemacht, und (ebenso) den Schutzmonat, die Opfertiere und die (Opfertiere mit den) Halsgehänge(n). Dies, damit ihr wisset, dass Gott weiß, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, und dass Gott über alles Bescheid weiß.

2:127 Und (gedenkt,) als Ibrahim die Grundmauern des Hauses errichtete, zusammen mit Isma’iI, (da beteten sie): „Unser Herr, nimm (es) von uns an. Du bist ja der Allhörende und Allwissende.

2:125 Und als Wir das Haus zu einem Ort der Einkehr für die Menschen und zu einer Stätte der Sicherheit machten und (sagten): „Nehmt Ibrahims Standort als Gebetsplatz!“ Und Wir verpflichteten Ibrahim und Isma’il: „Reinigt Mein Haus für diejenigen, die den Umlauf vollziehen und die sich (dort) zur Andacht zurückziehen und die sich (vor Gott) verbeugen und niederwerfen.“ (Siehe auch besonders: 22:26-29)

 

Und das Spiel des Autors einmal auf ihn selbst umgekehrt: Man soll also zur Kaaba beten, gut aber zu welcher Seite oder genauen Stelle des Komplexes? Oder in welchem Abstand, wenn man vor der Kaaba ist? Oder soll man auch den schwarzen Stein anbeten oder ihn verehren, wie dies aus Ahadith hervorgeht:

Ahadith zum schwarzen Stein

Dem Propheten zugeschriebene Ahadith:

‘Abis bin Rabia berichtete: ‘Umar kam in die Nähe des schwarzen Steins und küsste ihn und sagte: “Kein Zweifel, ich weiß, dass du ein Stein bist, das mir weder Schaden noch Nutzen geben kann. Hätte ich nicht den Gesandten Gottes dich küssen sehen, hätte ich dich nicht geküsst.” (Bukhary, Band 2, Buch 26, Nummer 667)

Salim berichtete, dass sein Vater sage: ‘Ich sah den Apostel Gottes in Mekka ankommen; Ich sah ihn den schwarzen Stein küssen, während er die Tawaf tat und in seinen ersten drei Runden der sieben Runden machte er Ramal (des Tawafs).’ (Bukhary, Band 2, Buch 26, Nummer 673)

Ibn Abbas berichtete: Der Prophet machte ein Kamel reitend die Tawaf der Kaaba. Jedes Mal, wenn er vor dem schwarzen Stein war, zeigte er mit irgendetwas auf ihn und sagte Takbir! (Bukhary, Band 2, Buch 26, Nummer 682)

Der heilige schwarze Stein entstammt aus dem Paradies. Er war schneeweiß, doch die Sünden der Heiden schwärzten ihn. (Hanbal 1/307)

Der heilige schwarze Stein ist Gottes Hand auf Erden. Er schüttelt durch ihn die Hand der Auserwählten. (Dschami-us Sagir 1/151)

Artikel dazu: Ahadith in Widerspruch zur Logik und Auszüge aus der Hadith-Literatur

Das wäre Götzendienst! Und wenn dem so ist, wie lange soll man den schwarzen Stein verehren oder anbeten? Man muss doch bei etwas so wichtigem wie Religion bis zum letzten Detail angeleitet werden! Dann führt der Autor Hakki Yilmaz auf, um ihn für seine Interpretation der Gebetsrichtung zu kritisieren ohne ihn jedoch zu widerlegen. Aus Vers 2:144 wird klar ersichtlich, dass die Qibla als Gebetsrichtung zur Masdschid-al-ḥarām dient. Hakki Yilmaz geht jedoch in seinem Tafsirwerk auch auf dieses Argument ein, kann aber letzten Endes, meiner Meinung nach, nicht hinreichend überzeugen.

Auch die Interpretation von Hakki Yilmaz zu saqar wird vom Autor nicht widerlegt. Er müsste auch wissen, dass beispielsweise Prof. Yasar Nuri Öztürk das Wort saqar auch als Computer deutet (Kuran‘ daki Islam, S.20, Aufl. 42). Man muss auch dahingehend sagen, dass Hakki Yilmaz nur für einen Teil der Gottergebenen spricht und die meisten von uns ihm in seinen Ansichten nicht zustimmen.

Hinzu kommt, dass man dieses Spiel mit dem Autor noch viel drastischer spielen kann, indem man Ahadith vorgibt und ihm vorwirft, wie er die Autoren von solchen Behauptungen als Quelle annehmen kann und mit welchem Recht er einen Teil verwirft, andere wiederum akzeptiert. Als wäre dies nicht genug, kann man einen Vertreter seiner eigenen Strömung vorführen, welcher einen “Koran” veröffentlicht hat (Mustafa Öztürk) und diesen so auslegt, dass er angeblich oder möglicherweise die Meinung der Ṣaḥābah und des Propheten wiedergebe, also wie der Koran aufgrund massiv verderbten Sekundärquellen erschlossen werde. Der Autor dieses Buches macht auch keinen Hehl daraus, dass dies seine Eigeninterpretation sei und man den Koran eben so nicht einfach verstehen könne. Dieser angebliche historische Kontext, also Ahadith und Offenbarungsanlässe, kann den Koran jedoch eben alles aussagen lassen, abgesehen davon, dass dies gleich mehreren Koranversen direkt widerspricht (10:15, 6:115, 11:1, 12:1, 26.2, 44:58, 26:191-195, 20:97, 44:58).

Weiter:

 

Ein subjektives Koranverständnis kann den Koran in der Tat alles sprechen lassen und in die Schrift hinein projizieren, was man persönlich zu beabsichtigen sucht. Prof. Ömer Özsoy bemerkt dazu: „Fängt man einmal an, den Koran als übergeschichtlichen Text zu lesen, führt das zwangsläufig dazu, ihn über jeden möglichen Gegenstand sprechen zu lassen; und das ist nichts anderes als „Entstellung“ (tahrif)

 

Soll hier suggeriert werden, dass mit Ahadith und Offenbarungsanlässen auf einmal alles richtig verstanden werden kann? Genannt seien ISIS, Salafisten und noch alle andere Gruppierungen, die sich den Islam gerade mit Ahadith, und zwar von denselben Individuen, die sich auch der Autor bedient, so zurecht biegen, dass man den Koran alles sagen lassen kann. Keineswegs deutet unsere Strömung den Koran subjektiv, sondern achtet auf den Kontext im Koran (4:82, 25:33). Dem Autor sei folgender Vers ein Denkanstoß für seine Sekundärquellen:

 

15:91-93 Die den Koran auseinandergerissen haben. Bei deinem Herrn! Wir werden sie allesamt zur Rechenschaft ziehen. Für all ihre Taten.

 

Keiner der erwähnten Gruppen, also auch die des Autors, machen sich wirklich Gedanken darüber, wie man den Koran dahingehend auslegt, dass seine Verse innerhalb zu keinem Widerspruch stehen. Das bleibt ihnen natürlich verwehrt. Einmal in Ahadith versunken, kann man den Koran alles sagen lassen, eben was der Autor uns hier selber vorwerfen will. Stellt man sich alleine auf den Koran ein und achtet auf seinen klaren Kontext, wird eine subjektive Auslegung des Koran unmöglich. Fahren wir fort:

 

Zudem gibt es unzählige Koranverse, dessen Wortlaut nicht unbedingt auf dem ersten Blick erschlossen werden kann. Sie kann durchweg sogar zum negativen Verständnis des Lesers herbeiführen, weil der historische Anlass nicht im Wortlaut des Textes explizit zu erschließen ist

 

Dies widerpricht direkt dem Koran (27:1, 41:3, 54:17, 17:9). Hiermit stellt unser Autor Gott als zu unfähig hin, ein vollkommenes (6:115), in der Sprache leicht gemachtes (20:97) und leicht verständliches (54:22) Buch zu offenbaren und widerspricht damit Gottes Versen, die ein ganz anderes Bild vom Koran schildern. Somit ist die angeführte angebliche Problematik des Autors nur für diejenigen relevant, welche den Koran nicht ohne Sekundärquellen verstehen wollen. Für solche Behauptungen hat der Koran ja auch entsprechende Verse: 2:85, 17:45-46, 43:36-37, 18:57.

Ohnehin würden selbst viele liberale Anhänger der tradierten Sunna so einer Behauptung nicht zustimmen. Andersherum werden gerade durch Ahadith Koranverse entstellt, beispielsweise für politische oder kriegerische Zwecke. Und es geht hierbei nicht einfach nur um Randgruppen, sondern um große Kreise innerhalb derjenigen Gelehrten, die sich auf Offenbarungsanlässe oder andere Sekundärquellen verlassen wollen. Um die haltlose Argumentation zu bekräftigen schreibt der Autor:

 

wie dies unter anderem aus der Sure 64 Vers 14-15 demonstriert werden kann: „O ihr, die ihr glaubt, wahrlich, unter euren Frauen und Kindern sind welche, die euch feindlich gesonnen sind; so hütet euch vor ihnen […] „Eure Reichtümer und eure Kinder sind wahrlich eine Versuchung […]“.

Man beachte hier im Vers, dass Frauen und Kinder als eine ontologische Versuchung für den Mann impliziert und dementsprechend negativ assoziiert werden.

 

Der Autor achtet hier nicht auf den genauen Wortlaut, denn es werden nicht alle Frauen und Kinder pauschal mit “feindlich gesonnen” geahndet, sondern nur ein Teil. Dazu kommt, dass er das Wort „Frauen“ selektiv übersetzt. Das besagte Wort an dieser Stelle heißt „azwādschikum“. Viel schlüssiger übersetzt bedeutet dieses Wort „eure Partner“, also Ehemann und Ehefrau zusammen und nicht einfach nur Frauen (siehe folgenden Link, unter „de“ für Deutsch). Dazu schreibt Muhammad Asad:

 

D.h.:“manchmal sind eure Ehepartner…“ Da nach den Lehren des Qur’an alle moralischen Pflichten für Frauen wie für Männer bindend sind, ist offensichtlich, daß der Begriff azwadschikum nicht mit „eure Ehefrauen“ übertragen werden darf, sondern – nach klassisch arabischem Sprachgebrauch – als gleichermaßen auf männliche wie weibliche Ehepartner bezogen zu verstehen ist. („die Botschaft des Koran“ Muhammad Asad, S. 1068 Fußnote 11, Patmos Verlag)

 

Bayraktar Bayrakli kommt zum selben Schluss in seinem Tafsirwerk. Auch Edip Yüksel und Ali Riza Safa (beide die traditionelle Sunna ablehnend) übersetzen gleichermaßen. Die Wurzel des Wortes macht es im klassischen Arabischen ohnehin ersichtlich. Einer der berühmtesten, der Tradition verschriebenen klassischen Gelehrten, Qurtubi, bestätigt zum betreffenden Vers in seinem Tafsirwerk unsere Argumentation (el-Câmiu li Ahkâmi’l-Kur’an, Band 17 S.401 Absatz 3, Buruc Yayinlari). Dass manche klassische Exegeten mit „Frauen“ übersetzen und somit seine Bedeutung verkürzen hat den Grund, dass sie den Vers an entsprechende Ahadith mit Bezug auf Frauen gekoppelt sehen.

Nun zum Argument des Autors, dass man in 64:14 generell „einen Schuldzuspruch aller Frauen auf der Welt“ sehen könne. Obwohl das Wort mit „Partner“ besser übersetzt ist und das Argument des Autors keinesfalls für alle Frauen gelten kann, nehmen wir einmal an, dass diese Übertragung stimme. Selbst mit der selektiven Übersetzung dieses Verses ist die Einstufung als frauenfeindlich übertrieben. Denn es gibt viele Verse im Koran, in denen Gott den meisten Menschen, also auch Männern, Ableugnung attestiert. Keinesfalls stehen generell ein Teil der Frauen und Kinder vor den Männern schlechter da oder sind den Gläubigen pauschal feindlich gesinnt. Wir sehen in den Koranversen 37:147-148, dass der Prophet Jonas ein ganzes Volk zum Glauben bringt. Es ist deswegen nicht richtig die Behauptung aufzustellen, dass jedes Mal, wenn es eine Gruppe von Gläubigen gibt, es dann auch immer Frauen oder Kinder von ihnen geben muss, die diesen feindlich gesinnt sind. Man kann hier also sagen, dass dieser Vers einmal die damaligen Gläubigen ansprach, da schon ohnehin die meisten Menschen, einschließlich Männer, als Ableugner beschrieben werden (11:17, 6:116, 12:103, 13:1).

Zusätzlich ist dieser Vers noch heute für uns wichtig, also universell auszulegen, damit wir daran erinnert werden, Gott über alles und jeden zu stellen – Frauen wie auch Männer. Schließlich sieht der Koran in Frauen und Männern Gläubige wie auch Ableugner. Diese Tatsache macht es unmöglich, dass durch die Erwähnung der teilweise feindlich eingestellten Frauen (mit der selektiven Übersetzung), einfach generell immer ein Teil der Frauen den männlichen Gläubigen gegenüber feindlich eingestellt sein müssen. Mindestens der Vers 30:21 zeigt uns, dass Frauen wie auch Männer für das jeweilige Gegengeschlecht eine Ruhe, Barmherzigkeit und Liebe bedeuten. Auch in 9:71 werden die Frauen positiv erwähnt.

Nun zum Argument, „dass Frauen und Kinder als eine ontologische Versuchung für den Mann impliziert“ seien. Die Verse lauten:

 

64:14-15 O die ihr glaubt, unter euren Partnern und euren Kindern gibt es welche, die euch feind sind; so seht euch vor ihnen vor. Wenn ihr aber verzeiht, nachsichtig seid und vergebt – gewiss, so ist Gott vergebend und barmherzig. Euer Besitz und eure Kinder sind nur eine Versuchung; Gott aber – bei Ihm gibt es großartigen Lohn.

 

Nur die Kinder und der Besitz werden als Versuchung gesehen, nicht auch die durch den Autor selektiv übersetzten „Frauen“. Die Frage ist nun: Sind Kinder wirklich einfach wie Besitz als eine Versuchung einzustufen? Natürlich nicht. Kinder waren damals ein Machtstatus (9:69, 9:85, 18:32-46). Somit sind Kinder selbst nicht pauschal eine Versuchung, sondern der Umstand, die Kinder als Machtsymbol und Stärke anzusehen. Dadurch entfernt man sich davon, sich ganz auf Gott alleine einzustellen. Daran ist aber das Kind selber nicht schuld. Auch werden Kinder im Koran differenziert betrachtet. Als Gläubige (18:81) wie auch Ableugner (18:80). Überhaupt werden auch die Grundzüge der Erziehung von Kindern, am Beispiel des Sohnes von Luqmān, im Koran umschrieben (31:13-16, siehe auch: 46:15-18, 2:83, 4:36). Hieraus wird unmissverständlich klar, wie Kinder sich gegenüber ihren Eltern zu verhalten haben. Damit wurden auch die weiteren Behauptungen des Autors zu diesem Thema, wie etwa die Wiedergabe der Ansicht von Abu´l Lays Samarkandi (dazu: Unzucht treibende Männer werden in 24:2 mit Unzucht treibenden Frauen zusammen erwähnt und im dritten Vers sogar der Mann zuerst), einmal mehr ins ad absurdum geführt. Wichtig zu erwähnen wäre zudem, dass unser werter Samarkandi kein Korananhänger ist, sondern sich der angeblichen Sunna bedient. In der gleichen Quelle, Band 4 auf Seite 298, legitimiert Samarkandi die Steinigung durch die Sunna:

 

… die Steinigung ist durch die Sunna legitimiert. Unser Prophet (s.a.v.) ließ die verheirateten Unzucht begehenden durch Steinigung, unverheiratete durch 100 Hiebe bestrafen, …

Samarkandi, Tefsiru´l Kuran, Bd. 4, S.298, Özgü Yayinlari 2007.

 

Die Steinigung wird im Koran jedoch ausgeschlossen. Nach der so genannten „Methodologie der Rekontextualisierung“ des Autors müsste er jetzt Steinigung gutheißen, was aber dem Koran selbstverständlich widerspricht (10:15).  Nun soll unser Autor folgende frauenfeindliche Ahadith hier alle widerlegen:

 

O das weibliche Geschlecht! Gibt Almosen und bereut. Ich habe gesehen, dass die Mehrheit der Höllenbewohner aus Frauen besteht. (Muslim, Iman 34/132; Ibn Madsche, Fiten 19/4003.)

Wenn ein Mann seine Frau zu Bett ruft und sie lehnt (die Einladung) ab, werden sie die Engel bis zu den frühen Morgenstunden verfluchen. (Bukhary 9/36)

Eine von einer Frau geführten Gesellschaft ist eine dem Untergang geweihte Gesellschaft. (Ibn Hanbal, Musnad 5/43,50; Tirmidhi, Fitan 75 ; Nesai, Kudat 8; Bukhary, Fiten 18.)

Nimmt keine Ratschläge von Frauen an; setzt euch gegen sie, denn die Opposition gegenüber Frauen bewirkt Wohlstand. (Suyuti, Leali II, 147; Ibn Arrak, Tanzihush Sharia II, 210.)

 

Und man achte bei diesen Ahadith auf die Quellen, von denen hier die Rede ist. Der Autor könnte gar nicht daran herum kommen, als diese Ahadith selektiv auszuschließen. Er könnte keine hinreichende Argumentation aufbringen, welche diese Ahadith entkräften während er einem anderen Teil der Ahadith Autorität gibt, gerne in den selben Quellen, wo vielleicht nur ein paar Seiten weiter kritische Ahadith zu Frauen stehen. Die einzige Möglichkeit ist nach wie vor diese Quellen religiös rigoros komplett zu negieren. Weiter schreibt der Autor sich auf die im Koran erwähnten Schutzmonate beziehend:

 

Ohne die historischen Berichte dazu, würden sämtliche Informationen über den Hintergrund der vorislamischen Zeit fehlen. Auch an dieser Stelle kann berechtigt den Koraniten die Frage gestellt werden, wie sie auf solche Hintergrund Informationen gelangen können, wo sie doch nichts anderes als nur den Koran akzeptieren?

 

Es besteht kein Bedarf, dass der Koran aus Quellen erklärt werden soll, welche voller Widersprüche und Lügen sind. Zu den Schutzmonaten gibt es auch einen umfassenden Artikel.

Nochmals sei zum obigen Anhang betont, dass wenn die Pilgerfahrt im Sinne der Ahadith gedeutet wird, dies schwere Konsequenzen für die Praxis nach sich zieht. Sie schränken den Zeitraum des Hadsch drastisch ein und deswegen gab und gibt es immer wieder Tote oder Verletzte durch den daraus resultierenden großen Andrang zur Kaaba. Und wieder einmal wird deutlich, dass unser Autor sich kaum die Mühe gemacht hat, unsere Ansichten zu studieren.

Um die Verse 12:111 und 16:89 zu entkräften, dass hier „alles“ nicht wirklich alles meine, führt der Autor die Verse 27:16 und 18:84 an und schreibt:

 

Im ersten Vers wird vom Propheten Salomo berichtet, wohin dieser sagte, dass Gott ihm alles beschert (kulli šayˈin) hatte. Wenn „kulli šayˈin“ tatsächlich alles im wörtlichen bedeuten sollte, weshalb gelang es Salomo dann nicht seinen Tod aufzuhalten?”

 

Es gilt die goldene Faustregel: Solange etwas mit “alles” bezeichnet wird, ist auch wirklich alles gemeint. Sonst gäbe es das Wort „alles“ im Arabischen nicht. Wenn man beispielsweise auf Deutsch zu irgendeiner Sache oder einem Thema “alles” sagt, dann bedeutet dies entweder wirklich alles, oder der Kontext schränkt das Wort “alles” ein, was auch nahezu immer der Fall ist. Zu argumentieren, dass „alles“ einfach generell nicht alles hieße, bringt im Koran folgenschwere Logikfehler mit sich. Natürlich ist in 16:89 und 12:111 mit “alles” nicht wirklich jede auch nur erdenkliche Information gemeint, sondern „alles“ wird kontextuell auf die Religion beschränkt (5:3). In diesem Rahmen wird dann alles erklärt. Dies kann man auch aus dem Vers 6:114 erschließen durch das Wort mufaṣṣal, was so viel bedeutet wie vollständig detailliert und deutlich erklärt.

Der Autor muss belegen, dass “kulli” (alles) insoweit verkürzt werden muss, dass Gott den außerkoranischen Ahadith eine Autorität gibt. Das ist aus dem Koran her nicht möglich, man kann es nur auf die Religion einschränken. Zu der Argumentation, warum der Tod nicht außer Kraft gesetzt werden kann, lässt sich auch wie folgt begründen. Gott bestimmt alles Mögliche für die Menschen und in 3:185 wird festgelegt, dass jede Seele den Tod kosten wird. Dass im Vers zu Salomo “alles” nicht alles mögliche mit einschließt, ist aus dem Vers selbst zu entnehmen. Denn dann wäre es widersinnig, dass Salomo erwähnt, dass ihm die Sprache der Vögel gelehrt wurde. Somit kann man schon am Vers selbst erkennen, dass ihm hier nicht alles mögliche, was auch Gottes Allmacht umfasst, gegeben wurde. Gott sagt im Koran:

 

51:56 Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur (dazu) erschaffen, damit sie Mir dienen.

 

Dementsprechend hat der Autor wieder einmal den Korankontext missachtet und somit ist anzumerken, dass was Salomo unter “alles” bezeichnet, keinesfalls wirklich alles meinen kann, da er sonst wie Gott selbst wäre, wiederum man aber auch nicht genau ermitteln kann und muss, was „alles“ nun genau mit einschließt. Die Argumentation bezüglich 18:84 ist analog.

Kommen wir nun zum wichtigsten Gegenargument: Wenn man wie der Autor „alles“ auf „nicht wirklich alles“ einschränkt, dann ist Gott auch nicht mehr allmächtig, und zwar in allen Versen, wo derselbe Begriff vorkommt:

 

29:20 Sag: Reist auf der Erde umher und schaut, wie Er die Schöpfung am Anfang gemacht hat. Hierauf läßt Gott die letzte Schöpfung entstehen. Gewiß, Gott hat zu allem die Macht.

Transkription:
Qul Sīrū Fī Al-‚Arđi Fānžurū Kayfa Bada’a Al-Khalqa ۚ Thumma Al-Lahu Yunshi’u An-Nash’ata Al-‚Ākhirata ۚ ‚Inna Al-Laha `Alá Kulli Shay’in Qadīrun (siehe auch: 28:88, 33:27, usw)

 

Die komplette Liste von كل شى (Kulli Shay’in) im Koran sei den Leserinnen und Lesern zusätzlich empfohlen, um zu vergleichen. Kommen wir nun zum letzten Argument, am Ende schreibt der Autor:

 

In seinem Werk „Mecazul´l-Quran“ erwähnt Abu Ubayda Ma´mer ibn ul-Muthanna (gest. 825) ein Dialog zwischen Umar ibn al-Chattab (gest. 644) und ibn Abbas (gest. 688), in dem überliefert wird: „Bestürtzt fragte Umar seinen Gefährten ibn Abbas: „Obwohl die Qibla, das Buch und die Religion eins sind, warum gibt es dennoch Meinungsverschiedenheiten in unserer Umma?“ Woraufhin Abbas sagte: „Wir wussten genau auf wem und weshalb die Koranverse offenbart wurden. Aber jetzt wissen sie es nicht. Deshalb interpretiert ihn jetzt jeder nach seinem eigenen Gutdünken. Wenn sie jedoch auch wie wir wüssten, über wem und weshalb die Verse offenbart wurden, so würden auch sie, ganz bestimmt keine Meinungsverschiedenheiten haben“.

 

Das ist wirklich interessant. Die Ṣaḥābah, welche für den Propheten und den Islām ihr Leben riskiert haben, bekommen auf einmal eine Generalamnesie und wissen nicht mehr, warum jeweilige Koranverse hinabgesandt wurden und laufen wie verirrte Schafe umher. Aber Herr Ibn Abbas hat mit Umar zusammen noch alles richtig in Erinnerung! Dass Offenbarungsanlässe auf die Ṣaḥābah zurückgeführt werden, führt diese Argumentation ins ad absurdum.

Anmerkung: Die Gegenüberstellungen der Ahadith in diesem Artikel dienten nur dazu, die Diskrepanzen dieser Quellen aufzuzeigen. Der Koran ist in Bezug zu allen außerkoranischen Ahadith unmissverständlich ablehnend.

 

Fazit

Der Autor konnte mit seinem Artikel nicht belegen, dass man für die Religion neben Offenbarungen andere Quellen nehmen muss. Er hat die immensen Problematiken der Sekundärquellen nur geringfügig beachtet. Fast nur bei den Offenbarungsanlässen hat er die Problematiken teilweise erwähnt und sich dahingehend selbst widerlegt. Schließlich wollte er aber dem Leser suggerieren, dass man mit den Sekundärquellen den Koran „richtig“ verstehen könne und hat dabei die weitaus wichtigeren Problematiken außerhalb der Offenbarungsanlässe, nämlich den viel umfangreicheren restlichen Ahadith, größtenteils ausgelassen. Sein Beispiel zu der Problematik, dass Apostasie seit Jahrhunderten mit dem Tode geahndet wird, wurde nur erwähnt aber keinesfalls gelöst. Er konnte nirgendwo schlüssig belegen, warum manche Ahadith „historisch kritisch gesehen“ richtig und andere falsch sind. Es wurden auch bei nicht wenigen seiner Argumente die Beachtung des Kontextes innerhalb des Korans oder das klassisch Arabische vernachlässigt. Manchmal wurden sogar Verse nicht einmal vollständig gelesen, woraus dann haltlose Behauptungen aufgestellt wurden. Auch die anfangs und am Ende aufgeführten, selektiven Zitate aus den Ahadith konnten schnell widerlegt werden. Die Problematik für den Autor ist offensichtlich und nicht schön zu reden. Sobald er sich in das Terrain der Ahadtih begibt, finden sich unzählbare Gegenargumente vor, die man ihm entgegenhalten kann, vom Koran selbst noch abgesehen. Sein Versuch, diese ganzen Problematiken durch eine angebliche „kritische“ Herangehensweise zu umgehen, sind schnell widerlegt und viel wichtiger: In der Praxis anderer Sunnaanhänger oft noch anders beurteilt.

 

Im Namen der Religion den Koran als unzureichend zu sehen, bedeutet Gott als unzureichend zu sehen. Ihr sagt zu Gott regelrecht „du hast ein unvollständiges Buch geschickt.“ (Prof. Bayraktar Bayraklı)

 

Weitere themenrelevante Artikel:

Widerlegung des Artikels „Ist die Sunna auch eine göttliche Offenbarung, die mit dem Koran gleichzustellen ist?“

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,

Auf der Seite antikezukunft sind zwei Artikel erschienen, welche versuchen die Grundhaltung derjenigen Gläubigen zu widerlegen, wonach man einen Islam ohne tradierte Sunna praktiziert. Der erste Artikel wird diesmal Gegenstand unserer Widerlegung. Die Widerlegung des zweiten Artikels wird in einem nächsten Artikel erfolgen. Es muss bei dieser Widerlegung vorweg erwähnt werden, dass der Autor in Bezug zu der Kritik gegenüber unserer Haltung sehr schwach argumentiert. Er hat sich in diesem Artikel mit den Argumenten der Gottergebenheit ohne traditionelle Sunna kaum auseinandergesetzt. Als Vorgeschmack soll nun folgendes Zitat des bekannten Islamwissenschaftlers Reza Aslan dienen:

 

Finde mir einen Hadith über welches Thema auch immer, gib mir 24 Stunden, und ich finde dir einen Hadith, der ihm komplett widerspricht. Fakt.

Reza Aslan (bei Twitter)

 

Im Artikel schreibt der Autor:

 

Eine weitere Besonderheit der Sunna ist, dass es viele Situationen gab, wo der Prophet die Offenbarungen erläutern oder ergänzen musste.

 

Der Autor kann keinen einzigen Koranvers aufzeigen, der diese erfundene These aufrecht erhalten kann (40:35,56). Sie widerspricht vielmehr Versen im Koran:

 

12:111 Er (der Koran) ist kein erdichteter HADITH, sondern eine Bestätigung der früheren (Offenbarungen), eine deutliche Darlegung aller Dinge und Führung und Barmherzigkeit für die Gläubigen. (Siehe auch: 16:89)

 

Natürlich geht es bei bei diesen Versen nur um religiöse Belange (5:3). Die Erklärung des Koran:

 

25:33 Und sie bringen dir kein Beispiel, ohne dass Wir dir die Wahrheit und den besten Tafsir brächten. (Siehe auch: 55:1-2, 75:18-19)

 

Man erkennt, allein Gott lehrt und erklärt den Koran. Jedoch wird hierbei gerne der Vers 16:44 missdeutet, um zu versuchen eine Erklärung des Korans durch den Propheten zu legitimieren. Diese Ansicht wurde jedoch bereits ausführlich auf unserer Homepage widerlegt. Zum Argument, dass der Gesandte dem Koran etwas hinzufügen soll:

 

10:15 … Sag: Es steht mir nicht zu, ihn von mir selbst aus abzuändern. Ich folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird. (siehe auch: 6:50, 7:203, 46:9)

69:44-48 Und wenn er sich gegen Uns einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte, hätten Wir ihn sicherlich an der Rechten gefasst und ihm hierauf sicherlich die Herzader durchschnitten, und niemand von euch hätte (Uns) dann von ihm abhalten können. Er ist wahrlich eine Erinnerung für die Gottesfürchtigen.

 

Indem man dem Koran etwas hinzufügt, ändert man ihn natürlich auch ab. Zudem muss der Autor die Frage beantworten, warum der Prophet die Offenbarung zu erklären hat, wenn er ihr doch nur folgen soll? Und nun folgender Vers:

 

6:115 Das Wort deines Herrn ist in Wahrheit und Gerechtigkeit vollständig / vollkommen. Es gibt niemanden, der Seine Worte abändern könnte. Und Er ist der Allhörende und Allwissende.

 

Wie sollen nun die Behauptungen des Autors, dass „der Prophet die Offenbarungen erläutern oder ergänzen musste“, mit den bis hierhin erwähnten Koranversen einhergehen? Dazu ist auch anzuführen, warum die Ahadith viele Punkte im Koran nicht erläutern und eben nicht alles erklären? Abgesehen davon sind die vorhandenen angeblichen Erklärungen selbst erklärungsbedürftig, voller Widersprüche und verzerren den Koran. Man ist bei diesen Quellen vielmehr mit neuen Fragen konfrontiert, als Antworten zu erhalten und überhaupt finden sie im Koran als Autorität keine Erwähnung, im Gegenteil: Sie werden verworfen im Buche Gottes selbst, wie im weiteren Verlauf aufgezeigt wird. Weiter schreibt der Autor:

 

Z. B. in Bezug auf das Gebet: Der Koran gibt keine direkten Anweisungen wann, wie oft und wie gebetet werden soll.

 

Im Koran sind drei Gebetszeiten wörtlich genannt. Der Gebetsablauf ist im Koran hinreichend umschrieben. “Ṣalāh” (Kontakt/Gebet) kommt im Koran 77 mal vor. Ausführlicher dazu folgende Artikel:

Aber die Aussage einmal zurückgeworfen: Wie betet denn unser Autor selber? Denn schon alle 4 sunnitischen Rechtsschulen beten unterschiedlich. Nach welcher Autorität soll man nun gehen? Sind zum Beispiel die Hände am Bauch oder weiter unten? Und diesen Vorgang kann man auch grenzenlos erweitern, beispielsweise wie lange ein Gebet nun genau zu dauern hat oder wie schnell man bei einzelnen Gebetsabläufen zu sein hat? Oder welche Gebete nun genau zu rezitieren sind? So muss die Sura Fatiha laut manchen Ahadith nicht verpflichtend gelesen werden und man kann beliebig andere Verse beim Gebet rezitieren (Fatiha Suresi Tefsiri 9. Aufl., S.26 Punkt 1, Prof. Yasar Nuri Öztürk, Verlag: Yeni Boyut). Was soll der Gläubige dementsprechend beim Gebet laut den Ahadith nun genau sagen? Detaillierungen sind somit weit über die Grenzen der Ahadithquellen hinaus mit Leichtigkeit herstellbar und man kann die Frage nach unnötigen Details umkehren in Bezug auf die Ahadith. Als Resümee zu dieser Thematik ist festzuhalten, dass man mit Ahadith nicht auf eindeutige Weise beten kann, da sie so unterschiedlich sind, dass man das Gebet gar nicht einheitlich ausführen könnte. Hierbei wird dann gerne das Argument entgegengebracht, dass die Unterschiede doch angeblich klein wären (wenn man mal die Schiiten außen vor lässt). Dazu muss man jedoch fragen, wer so etwas festlegen darf? Wer bestimmt kleine oder große Unterschiede (6:81, 7:71, 12:40, 53:23)? Für den Einen sind sie klein, für den Anderen etwas größer, wieder für jemand Anderen möglicherweise auch mal ganz groß oder laut Koran ausgeschlossen (42:21)! Dazu steht unmissverständlich:

 

5:101 O die ihr glaubt, fragt nicht nach Dingen, die, wenn sie euch offengelegt werden, euch leid tun, wenn ihr nach ihnen fragt zu der Zeit, da der Koran offenbart wird, sie euch (gewiß) offengelegt werden, wo Gott sie übergangen hat. Und Gott ist Allvergebend und Nachsichtig.

 

Warum also nach Details fragen, die vielmehr verwirren als erklären und ohnehin von Gott übergangen werden? Wer hat bei dieser Frage wohl das letzte Wort? Weiter schreibt der Autor:

 

Als Nachweis für die Autorisierung der Sunna gibt Özdil die folgenden Koranstellen an: „Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel“ (Koran 33:21)

 

Richtig, im Gesandten haben alle Gläubigen ein schönes Beispiel. Warum nennt der Autor dann nicht auch folgende Verse, die sein Beispiel im Koran veranschaulichen?

 

6:50 Sag: Ich sage nicht zu euch, ich besäße die Schatzkammern Gottes, und ich weiß auch nicht das Verborgene; und ich sage nicht zu euch, ich sei ein Engel. Ich folge nur dem, was mir eingegeben wird. Sag: Sind (etwa) der Blinde und der Sehende gleich? Denkt ihr denn nicht nach? (Siehe auch: 7:203, 10:15 und 46:9)

 

Und auch Abraham ist für die Gläubigen laut Koran ein schönes Beispiel (60:4 und 16:120-121). In welchem Hadithbuch ist nun seine Sunna nachlesbar, wenn man die Argumentation des Autors ernst nehmen will? Unabhängig davon ist hier ohnehin vom Gesandten die Rede. Die einzige Funktion eines Gesandten ist nur die Übermittlung der Botschaft (dazu: 13:40, 16:35, 16:82, 24:54), sonst nichts. So also die Gläubigen seinem Beispiel im Koran folgen sollen und nicht in massiv verderbten Quellen, in denen keiner weiß welcher nun stimmt oder nicht, aber viel wichtiger: Der Koran duldet solche Quellen nicht.

 

7:185 Haben sie nicht das Reich der Himmel und der Erde und alles, was Gott geschaffen hat, betrachtet und sich überlegt, dass ihr Ende möglicherweise nahe ist? An was für einen weiteren HADITH wollen sie denn glauben?

31:6 Unter den Menschen gibt es einige, die sich an unbegründete AHADITH wenden (und sie verbreiten), um ohne Wissen von Gottes Weg abirren zu lassen und um damit ihren Spott zu treiben. Ihnen gebührt eine entehrende, qualvolle Strafe.

 

Um die tradierte menschliche Sunna zu legitimieren schreibt der Autor weiter:

 

„Was der Gesandte euch nun gibt, das nehmt an; und was er untersagt, dessen enthaltet euch! (Koran 59:7, Was ist Islam, S. 25).

 

Der Vers in voller Länge:

 

59:7 Was Gott Seinem Gesandten von den Bewohnern der Städte als kampflose Beute zugeteilt hat, das gehört Gott, Seinem Gesandten und den Verwandten, den Waisen, den Armen und dem Sohn des Weges. Dies, damit es nicht nur im Kreis der Reichen von euch bleibt. Was nun der Gesandte euch gibt, das nehmt; und was er euch untersagt, dessen enthaltet euch. Und fürchtet Gott. Gewiß, Gott ist streng im Bestrafen.

 

Ein klassischer Fehler, der gegen Gottergebene, die keine menschlichen, religiösen Quellen neben Gottes Wort dulden, gerne verwendet wird. Jedoch ist unschwer zu erkennen, dass es sich hierbei um die Beuteaufteilung handelt, welche Gott hier selber zuteilt (siehe dazu auch Vers 8:41) und nicht, was der Gesandte generell nach eigenem Ermessen festlegt. Und selbst wenn man diesen Vers aus dem direkten Kontext reißt, bleibt hier immer noch die Rede vom Gesandten und seine einzige Aufgabe ist, wie eben erläutert, nur die Übermittlung der Botschaft, nicht die Erweiterung (13:40, 16:35, 16:82, 24:54, 5:99). Somit wäre dem Gesandten außerhalb seiner einzigen Pflicht eine weitere Aufgabe hinzugedichtet, dementsprechend koranisch unhaltbar.

Weiter führt der Autor an:

 

Bemerkenswerterweise schildert der türkische Koranexeget Mustafa Islamoglu, dass insbesondere die unkonventionelle Grundhaltung, die Sunna komplett zu leugnen, erst in dem damals kolonisierten Indien als eine bestimmte Reformbewegung hervorgetreten sei.

 

Das ist historisch falsch und zeigt, dass Mustafa Islamoglu seine eigenen Quellen nicht hinreichend studiert hat. Denn man kann schon bei Imam Shafi’is Werk  “Kitab Jima` al-`ilm” (150 nach Hidschra) nachlesen, wonach dieser mit einem Vertreter einer Schule disputiert, der die tradierte Sunna komplett negiert. Das Buch gibt es übrigens hier auf Englisch zu kaufen: Hadith as Scripture.

Anmerkung: Nachdem ich den Autor darauf hingewiesen hatte, wurde dieser Teil im Artikel von ihm abgeändert, um die zu anfangs aufgestellte Behauptung, dass Islamoglu den Ursprung unserer Richtung in Indien sieht, nicht mehr herauslesen zu können. Zu seinem Nachteil ist jedoch diese hier erwähnte Fassung in seinem Buch dementsprechend abgedruckt (siehe dazu „der Islam im Diskurs des 21. Jahrhunderts“, S. 102, des Autors Ecevit Polat). Es ist durchaus menschlich, Fehler zu begehen. Doch gerade in Bezug auf die Religion sollten wir unsere Recherchen doch gründlich durchführen! Fahren wir fort:

 

Für Islamoglu war dies ohne weitere eine Intention der Orientalisten gewesen, die bei den Muslimen den Gedanken hervorheben, die Sunna (Lebensweise und Haltung des Propheten) mitsamt ihrer Orthopraxie im Angesicht der Moderne als weit überholt verwerfen zu müssen.

 

Sonderbar erscheint diese Behauptung, nun sind auch noch „die Orientalisten“ schuld! Bemerkenswert. Vor allem ohne Belege, die eine „böse Absicht“ untermauern können. Übrigens ist dieses Spiel, ohne Belege etwas in den Raum zu stellen, koranisch gesehen verwerflich. Konzentrieren wir uns aber auf den Inhalt:

 

Doch gesteht Islamoglu unweigerlich auch ein, dass die Schuldzuschreibung zur Förderung der „Koraniten“ im damaligen Indien nicht allein auf die Orientalisten anzulasten ist: „Den Gedanken nach einem Islam im Koran, wurde unter den Einfluss des orientalistischen Projektes herbeigeführt. Aber die Verantwortung nur auf das orientalistische Projekt zu verschieben, ist auch nicht ganz richtig“ (siehe: Mustafa Islamoglu, Üc Muhammed, S. 192-194).

 

Islamoglu hat sich mit seinem „orientalistischen Projekt“ nur auf die Seite von Verschwörungstheoretikern gestellt, mehr nicht. Fakt ist, dass die meisten Gläubigen, die nur Gottes Wort annehmen, anfangs selber Traditionalisten waren. Dem Leser sei auch folgende Widerlegung von Edip Yüksel zu Mustafa Islamoglu nicht vorenthalten (leider nur auf Türkisch):

Dann ist im Artikel folgendes nachzulesen:

 

Selbst die sogenannten Rechtsbestimmungen werden im großen Umfang von der Sunna des Propheten bestimmt.

 

Die Ergebnisse kann man in den so genannten “islamischen Ländern” sich zu Gemüte führen. Zu erwähnen seien unter vielen anderen Punkten nur, dass mit dem Idschma (Konsens) aller 4 Rechtsschulen die Apostasie, also Abfall vom Glauben, mit dem Tode zu bestrafen sei oder das Abhacken der Hände bei Diebstahl wie auch Frauen zu unterdrücken (beispielsweise den Frauen das Auto fahren zu verbieten). Besondere Beachtung sei auch folgender Hadithlüge geschenkt, welcher bei Bukhary und Muslim verzeichnet ist und An Nawawi ihn mit in seine berühmten 42 Ahadith aufgenommen hat:

 

Mir ist aufgetragen die Menschen zu bekämpfen, bis sie bezeugen, daß es keinen Gott gibt außer Allah und daß Muhammad der Gesandte Allahs ist, und bis sie das Gebet verrichten und die Zakat geben. Wenn sie dies getan haben, haben sie sich dadurch von mir Schutz für ihr Blut und ihr Gut erworben, es sei denn, (sie begehen Taten, die ) nach dem Recht des Islam (strafbar sind), und ihre Anrechnung ist bei Allah, dem Allmächtigen. (Sahih Bukhary, Iman, 17; siehe weiter dazu: Sahih Bukhary Salat 28 [abweichender Wortlaut]; Sahih Muslim Buch 1, Nummer 32 und 33)

 

Koranisch gesehen ist dieser Hadith natürlich vollkommen ausgeschlossen, nicht aber wenn man diesen Quellen eine ganze oder selektive Autorität gibt. Der Autor will zudem ein Bild von einer „bestimmten klaren“ Sunna außerhalb des Koran suggerieren, welche so nicht existiert. Die höchst prekäre Situation der Quellen, aus denen der Autor diese fiktive Sunna schöpft, wird von den am Ende der Widerlegung aufgeführten Artikeln näher behandelt. Des Weiteren ist aus dem Koran klar ersichtlich, dass keine “Rechtsbestimmungen” irgendwelcher Art außerhalb Gottes Wort geduldet wird. Dazu folgende Verse:

 

5:44 Wer nicht nach dem waltet, was Gott (als Offenbarung) herabgesandt hat, das sind die Ungläubigen. (Siehe auch: 5:45, 47, 42:10, Und sie sagen der Koran reich aus! (3/4))

 

Wie kann man bei solch eindeutigen Koranversen außerkoranischen Ahadith Autorität geben? Der Prophet soll nach der Offenbarung urteilen:

 

6:114 Soll ich denn einen anderen Schiedsrichter als Gott begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat? (Siehe auch: 42:10)

5:48 Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Gott (als Offenbarung) herabgesandt hat, … (siehe auch: 5:49 oder 3:23)

 

Festzuhalten wäre hierbei, dass entsprechend der angeführten Verse, in religiösen Belangen nur der Koran alleine autoritativen Charakter besitzen darf. Fahren wir fort:

 

Ihrer interpretatorischen Funktion nach ist die Sunna jedoch mehr danach ausgerichtet, konkrete Bestimmungen zu geben oder die allgemeinen Anweisungen des Korans zu präzisieren (Prof. A. Falaturi, Grundkonzept und Hauptideen des Islam, S. 19).

 

Das ist koranisch unhaltbar. Dazu folgende Verse:

 

11:1 Alif-Lam-Ra. (Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Allweisen und Allkundigen. (Siehe auch: 6:97-98, 6:114, 6:119, 6:126, 7.52, 41:3, usw)

41:44 Hätten Wir ihn zu einem fremdsprachigen Koran gemacht, hätten sie sicherlich gesagt: „Wären doch seine Zeichen ausführlich dargelegt worden!” Ob fremdsprachig oder arabisch, sage: “Er ist für diejenigen, die glauben, eine Rechtleitung und eine Heilung.” Und diejenigen, die nicht glauben, haben Schwerhörigkeit in ihren Ohren, und er ist für sie (wie) Blindheit. Diese sind, als würde ihnen von einem fernen Ort aus zugerufen.

 

Der Autor meint, dass der Koran zu präzisieren sei und im Koran steht etwas völlig anderes. Interessant ist hierbei auch, dass der Autor keine dieser Verse auch nur erwähnt hat, geschweige denn widerlegen können. Die Widerlegung von „Weshalb ist es notwendig, den Koran im historischen Kontext zu verstehen?“ sei dem Leser zu dieser Thematik zusätzlich empfohlen. Weiter steht folgendes im Artikel :

 

Bereits im 14. Jahrhundert wies der andalusische Gelehrte al-Schatibi (ges. 1388) in seinem monumentalem Werk „al-Muwafaqat“ darauf hin, dass die Sunna in seiner Bandbreite den Koran umgehend erläutert.

 

Gott allein erklärt den Koran wie anfangs im Artikel aufgezeigt (25:33, 55:1-2, 75:18-19). Die Aussage, dass „eine (außerkoranische) Sunna“ den Koran umgehend erläutere, ist haltlos. Der Prophet hat so eine Quelle nicht verfassen lassen. Die Schriften, auf welche sich diese Behauptung stützt, sprechen eine diametral gegenteilige Sprache, denn: Diese tradierte Sunna ist so sehr mit Widersprüchen und Lügen versetzt, dass man mit dieser Sunna aus der Religion alles machen kann. Man kann liberal sein oder das Gegenteil, wie es eben einem gut dünkt und dies ist dann auch schlussendlich die gängige Praxis bei den Traditionalisten. Es sind alle möglichen Versionen des Islams vorhanden, welche die menschlichen Ahadith zur Verfügung stellen. Der Autor versucht dieses Dilemma zu umgehen, indem er unter dem Deckmantel einer angeblich „historisch kritischen“ Methode ganz einfach meint, die richtigen Ahadith aussortieren zu können. Doch dadurch werden Ahadith abgelehnt, falls sie nicht in die zeitgenössische Lebensphilosophie passen, mit der man diese angeblich „historisch kritische“ zu definieren versucht. Wenn es seinem subjektiven Empfinden entspricht, erklärt der Koran für ihn die Ahadith und wenn es nicht passt, umgekehrt. Dementsprechend ist ein klassischer Zirkelschluss vorprogrammiert. Die Ahadith sind ein Feld voller Widersprüche, mal zum Koran oder auch gerne unter sich. Auch dass ein Hadith als sahih eingestuft wird, kann ihn keinesfalls retten. Das ist dem Autor auch bekannt.

Selbst unter Bukharys sahih Hadithsammlungen sind ein großer Teil massiv verderbt. Niemand kann diese Quellen mehr überprüfen. Ohnehin ist dies nicht relevant, da Gott keine Ahadith außerhalb des Koran erlaubt. Die bis hierhin erwähnten Verse sind unmissverständlich eindeutig. Überhaupt stellt sich die Frage, warum der Koran eine umgehende Erläuterung benötigt, wenn er sich ohnehin als eine „Klärung aller Dinge“ (16:89, 12:111) in der Religion (5:3) beschreibt? Der Koran bezeichnet sich schon zu Zeiten des Propheten als abgeschlossen (5:3), wohingegen Ahadith erst Jahrhunderte später zusammengestellt und beurteilt wurden, deswegen auch voller Widersprüche und unvollständig in Bezug zur angeblichen wie auch unnötigen Erklärung des Koran sind. Sie verzerren vielmehr nicht selten den Wortlaut des Koran und ändern Gottes Wort somit ab. Gehen wir weiter:

 

Deshalb wäre es unter keinen Umständen hinnehmbar, die Sunna als Instrument zur Interpretation der Heiligen Schrift beiseite stehen zu lassen. Somit könnte kein Urteil aus dem Koran unter nicht Berücksichtigung der Sunna abgeleitet werden.

 

Und was sagt der Koran?

 

42:10 Und worüber ihr auch immer uneinig seid, das Urteil darüber steht Gott (allein) zu. Dies ist doch Gott, mein Herr. Auf Ihn verlasse ich mich, und Ihm wende ich mich reuig zu. (Siehe auch: 6:114, 18:26, 12:40, Und sie sagen der Koran reicht aus!(3/4))

 

Wieder einmal stehen sich hier der Koran und ein Traditionalist auf Konfrontationskurs. Und weiter schreibt der Autor:

 

Al-Schatibi (gest. 1388) schreibt dazu: „Bei der Ableitung von Urteilen aus dem Koran ist es nicht möglich, die Sunna, die dessen Auslegung und Erklärung darstellt, beiseite zu lassen und sich mit der ausschließlichen Betrachtung des Korans zu begnügen. Denn der Koran ist umfassend formuliert (kulli).

 

  • Der Koran beschreibt sich wörtlich als eine “Klärung aller Dinge” (16:89, 12:111) in religiösen Belangen (5:3).
  • Der Koran erlaubt es nicht, aufgrund von Quellen außerhalb von Offenbarungen zu urteilen (5:44,45,47, 6:114, 42:10).
  • Der Koran beschreibt sich als ausführlich dargelegt (6:114, 6:119, 11:1, 41:3).
  • Der Koran wurde zur Ermahnung leicht gemacht (54:17,22,32,40).
  • Der Koran ist in der Sprache leicht gemacht worden (20:97, 44:58).
  • Der Koran beschreibt sich als deutliches Buch (12:1, 15:1, 26:2).
  • Der Koran darf nicht abgeändert werden (10:15, 69:44-48).
  • Gott teilt mit niemandem sein Urteil (6:57, 12:40, 18:26).
  • Gott erklärt den Koran (25:33, 55:1-2, 75:19).
  • Der Koran ist vollkommen / vollständig (6:115, 5:3).
  • Gott erlaubt keine weitergehende Detaillierung, die nicht dem Koran entnehmbar ist (5:101).
  • Es wurde nichts im Koran ausgelassen (6:38).

Noch viele andere Verse könnte man zu dieser Auflistung anführen, jedoch würde dies den Rahmen sprengen. Weiter steht im Text:

 

In ihm sind umfassende Dinge wie das Gebet, die Zakah (Sozialsteuer), die Pilgerfahrt und das Fasten erwähnt. Es gibt keinen anderen Weg als das Heranziehen der Sunna, die ihn (den Koran) erklärt“ (siehe hierzu: Abu Hanifa, Leben und Werk des Ehrenhaften Großgelehrten, S. 509, Muhammad Abu Zahra)

 

Vor allem haben die reichen Hadithgelehrten es sich wohl zu Eigen gemacht, die Zakah auf bestimmte Summen einzuschränken und entstellen somit den Koran. Kritik zu solchen Aushebelungen lassen sich übrigens auch unschwer im Evangelium finden. Also keine neue Angelegenheit. Die aufgeführten Punkte, um den Koran als unvollständig zu brandmarken, sind natürlich haltlos:

Weiter geht es im Text:

 

Somit wäre eine richtige Deutung des Korans ohne die Einbindung und Kenntnis der Überlieferungen auch nur annähernd nicht möglich.

 

Wie will man den Koran mit Ahadith erklären, wenn diese selbst nicht mal ansatzweise einheitlich sind, welcher nun wahr oder falsch ist und man erwiesenermaßen somit auch Ahadith selbst erklären muss? Wie soll dieser geschichtlich verfälschte historische Kontext des Koran den Gläubigen Gott näher bringen? Und das gilt natürlich auch für sahih Werke. Und die alles entscheidende Frage: Wie soll man mit jenen Koranversen umgehen, welche dem Koran Einfachheit, Klarheit (mubin), eine ausführliche Darlegung und Leichtigkeit für die Ermahnung attestieren (44:58, 20:97, 17:89, 18:54, 17:9)? In welchem Vers des Koran steht, dass dieser schwer zu verstehen ist oder mit anderen Quellen erklärt werden muss? Warum erwähnt der Koran an keiner Stelle auch nur eine einzig andere Quelle als Offenbarungen Gottes? Er kritisiert diese Quellen außerhalb der Offenbarung doch vehement? Warum geht der Autor an keiner Stelle seines Artikels auf genau jene Verse ein, die seiner Argumentation direkt widersprechen?

Denjenigen, die solche Behauptungen aufstellen, seien noch folgende Verse ans Herz gelegt:

 

6:104 Zu euch sind nunmehr Einsicht bringende Zeichen von eurem Herrn gekommen. Wer einsichtig wird, der ist es zu seinem eigenen Vorteil, und wer blind ist, der ist es zu seinem eigenen Nachteil. Und ich bin nicht Hüter über euch. (Siehe auch: 2:99, 2:118, 24:18, 2:159, 2:187, 2:219, 2:221, 6:105, 9:115, ganze Liste im Koran: corpus quran)

 

Der Autor führt Meinungen von angeblichen „Gelehrten“ vor, um die Argumente der Gottergebenen, welche ohne menschliche Sunna auskommen, zu widerlegen. Der Gottergebene wiederum zeigt dagegen Koranverse auf, um ihn seinen Irrtum vor Augen zu führen (18:57, 43:36-37, 43:1-4, 12:1-2, 26:2, 27:1, 28:2, 44:2).

Von nun an geht der Autor in die Richtung derjenigen ein, die eine menschliche Sunna mit Gottes Wort gleichsetzen (der Autor vertritt diese Meinung jedoch selbst nicht), dazu schreibt er:

 

Als Beleg für die Gleichsetzung der Sunna des Propheten mit der Offenbarung des Koran, führte asch-Schafi sämtliche Koranstellen wie diese folgende auf: „Gedenkt stets der Gaben Gottes, des euch herabgesandten Buches und der offenbarten Weisheit“ (2:231).

 

Diese Thematik wird in der Kurzanalyse „Ist Sunna eine Offenbarung?“ näher behandelt. Wie kann der Autor bei Versen wie 3:64 und 9:31 Ahadith eine Autorität geben und sich somit den Propheten oder Gelehrte zu Herren nehmen? Besondere Beachtung sei auch den Versen 3:79-80, 6:162-164, 8:64, 7:3, 31:21 und 2:170 geschenkt. Diese Verse finden unmittelbar eine Anwendung, sobald man Ahadith als eine ergänzende Autorität in die Religion einbaut! Der Prophet war laut Koran nur ein Warner (7:188) und nur ein Mensch (18:110) und kein Gelehrter, der den Koran als Einziger richtig auslegen konnte. Gott allein lehrt und erklärt den Koran. Deswegen sollen auch alle Gläubigen nach Vers 3:79 selber forschen, wie auch den Koran lehren und nicht den angeblichen Propheten in den Ahadith als Herren abkupfern. Und nun folgender Vers:

 

66:1 O Prophet! Warum verbietest du das, was Gott dir erlaubt hat, um nach der Zufriedenheit deiner Frauen zu trachten? Und Gott ist Allvergebend, Barmherzig.

 

Hier greift Gott also selber ein, obwohl der Prophet etwas verbieten will. Da die bis hierhin vorgestellten und anderen Verse so offenkundig es verbieten, dass der Prophet eigenmächtig außerhalb des Koran Ge- oder Verbote erteilen durfte, versuchen viele liberale Anhänger der tradierten Sunna die vielen Ahadith, die das Gegenteil behaupten, durch den Koran selbst zu relativieren und als Fälschung zu deklarieren. Sie würden ja dem Koran widersprechen. Diese Logik sei noch einmal ganz nüchtern veranschaulicht: Zuerst ist der Koran nicht vollständig und bedarf einer Erklärung. Um dieses angebliche Problem zu lösen, wendet man sich an Ahadith. Diese Erklärung des Koran wird dann, wenn man die Neigung dazu verspürt, wieder vom zu Erklärenden selbst, also dem Koran erklärt. Das ist natürlich, wie zuvor erwähnt, ein klarer Zirkelschluss. Dabei soll keinesfalls untergehen, dass diese Ahadith angeblich die Meinung des Propheten selbst darstellen, man in solch einem Fall sozusagen die Angelegenheit dann besser weiß als der Prophet. Zudem gibt es viele Sunnaanhänger, die Ge- und Verbote außerhalb des Koran für verpflichtend halten. Schlussendlich ist es der jeweiligen Person selbst überlassen, ob diese Ge- und Verbote außerhalb des Koran Autorität genießen dürfen oder nicht. Will man sie nicht, sagen die Befürworter dieser Ahadith, dass man den Propheten missachte. Nimmt man diese Ahadith jedoch an, sagen die Leugner dieser Ahadith, dass diese falsch wären, dem Koran widersprechen. Wobei sie jedoch an anderen Stellen diesen Quellen Autorität geben und man sich hier fragen muss, mit welchem Recht diese Gruppe hier selektiv urteilen darf und dabei den dort erwähnten fiktiven Propheten missachten kann. Diese Quellen sind nicht von Gott geschützt wie der Koran und von der Zeit des Propheten mindestens etwa 150 Jahre entfernt.

Weiter geht es folgendermaßen:

 

In den großen Hadith-Sammlungen werden nahezu hundert tausende Hadithe registriert. Wenn die Sunna als solche in ihrer Gesamtheit als Offenbarung (wahy) angesehen wird, weshalb werden diese unterschiedlich in ihrer Authentizität bewertet?

 

Weshalb werden sie überhaupt gebraucht, wenn schon allein die Zahl selbst erkennen lässt, dass die meisten nicht stimmen können und der Koran dazu eindeutig ist? Hinzu kommt, dass die vom Autor erwähnte Authentizität, zum Beispiel die Beurteilung eines Hadiths zu „sahih“, selbst unwissenschaftlich und somit höchst fraglich ist. Fahren wir fort:

 

In seinem Aufsehen erregenden Buch „Scharia-der missverstandene Gott, geht der Münsteraner Religionspädagoge Prof. Mouhanad Khorchide dieser Problematik umfangreich und detailliert nach und zeigt anhand von Primärquellen, wie prekär die Situation um die Hadithe bestellt sind (siehe „Scharia, der missverstandene Gott, S.99-118).

 

Kein Widerspruch, doch dann:

 

Khorchide wirbt für einen sensiblen und kritischen Umgang mit den Hadithen umzugehen und keinesfalls diese pauschal zu verwerfen. Auch wird nachdrücklich darauf hingewiesen, wie wegweisend Überlieferungen in Bezug auf die Ausführung religiöser Rituale sind: „Diese Ausführungen sollten die Notwendigkeit eines sensiblen und kritischen Umgangs mit den Hadithen unterstreichen, aber keineswegs die Hadithe pauschal verwerfen. Gerade solche Hadithe, die das Ausführen religiöser Rituale betreffen, sind für die Muslime unentbehrlich, da im Koran kaum Details dazu zu finden sind“ (Scharia, der missverstandene Gott, S. 118, Mouhanad Khorchide).

 

Diese Aussage widerspricht dem Koran diametral. Wenn Gott es für nötig gehalten hätte, dass man mehr Details braucht, hätte Er sie auch im Koran gegeben und nicht irgendwelchen, erst Jahrhunderte später festgelegten Schriften, die laut dem Autor selbst “in die hundert tausende” gehen, überlassen. Laut den Ahadith dauerte die Herabsendung des Koran 23 Jahre. 23 Jahre hatte Gott sich offenbart und am Ende nach über 6300 Versen, hat Er keinen vollkommenen / vollständigen (6:115, 5:3, 12:111, 16:89) Koran herabsenden können? Unabhängig davon sind selbst die als sahih eingestuften Ahadith, auch nach all diesen Überprüfungen immer noch voller Widersprüche. Die Zuverlässigkeit der Ahadith stehen nicht nur auf höchst dünnem Eis, sondern viel wichtiger: Sie werden vom Koran ausgeschlossen.

Auch die im Zitat erwähnten Rituale sind im Koran völlig hinreichend für die Praxis erklärt. Wenn man die Rituale mit Ahadith verstehen will, stößt man unweigerlich auf große Widersprüche mit dem Koran. Zum Beispiel sollen laut Ahadith der an der Kaaba angebrachte schwarze Stein neben Gott verehrt werden oder es wird die Pilgerzeit zur Kaaba stark eingeschränkt, wodurch ein großer Andrang entsteht und viele Menschen bisher deswegen dort umgekommen sind oder sich verletzt haben. Auch dass man einen Prophetenkult eingeführt hat, zum Beispiel seinen Geburtstag zu feiern und er dadurch nicht selten verheiligt wird, ist koranisch unhaltbar. Im Buche Gottes steht, wie bereits erwähnt, dass der Prophet nur ein Mensch (18:110) und nur ein Warner (22:49) ist. Auch das man unter den Gesandten keinen Unterschied machen soll, wie mehrfach im Koran erwähnt. Ahadith bringen hier schlussendlich nicht nur eine unnötige Erweiterung, sondern das zusätzlich die Religion, sich eben ganz auf Gott alleine einzustellen (zB 39:45, 7:3, 65:3 usw), verworfen wird. Weiter schreibt der Autor:

 

Auch der Gründer der Hanafitischen Rechtsschule Abu Hanifa (gest. 767) bemühte sich indessen, sorgfältig und kritisch reflektierend mit dem Überlieferungsmaterial umzugehen. Bekanntlich überlieferte Abu Huraira (gest. 678) die meisten Hadithe im sunnitischen Raum, um genau zu sagen 5374 Hadithe in der Gesamtzahl.

 

Er verlässt sich bei dieser Behauptung natürlich wieder auf Ahadith. Laut Ibn Khaldoun hat Abu Hanifa nur 17 Ahadith überliefert, die eventuell als „sahih“ gelten könnten. Bukhary hat es 100 Jahre später dann besser gewusst, als er mehrere tausend Ahadith als sahih einstufte? Fahren wir fort:

 

Obwohl Abu Huraira eine sonderliche Stellung innerhalb der sunnitischen Welt einnimmt, wird dieser ungeachtet von Abu Hanifa wegen seiner über den Inhalt nicht scharfsinnig nachgedachtes Tradieren sowie leidenschaftlich alles zu überliefern, kritisiert. Der Schüler von Abu Hanifa, asch-Schaibani (gest. 805) überliefert unverhohlen diesen besorgniserregenden Satz von seinem Lehrer: „Abu Huraira hat ohne über den Inhalt genauer zu überlegen, alles Mögliche überliefert, ohne jedoch Kenntnis von an-nasikh und al-mansukh zu besitzen!“

 

Das ist eben das große Dilemma derjenigen, die Ahadith einen Platz in der Religion einräumen wollen und dann sehen müssen, wie sie die Ahadith nun interpretieren müssen, damit es passt. Welcher Hadith hebt nun welchen auf? Warum hat der Prophet dazu keine Anleitung überliefert? Überhaupt: Warum hat er kein Sunnabuch verfassen lassen und so vielen Widersprüchen Tür und Tor geöffnet? Wieso werden jene Ahadith nicht beachtet, welche diese rigoros komplett verwerfen? Selbst die ersten vier Kalifen haben keine Ahadith geduldet, nicht ein Hadith aus der Zeit ist nachweisbar. Des Weiteren: Wer Abu Huraira nun genau war, ob er selber Ahadith hinzugedichtet hat oder jemand in seinem Namen, wird man nie hinreichend ermitteln können. Und schließlich:

 

Dr. Murad Wilfried Hofmann wies bereits in seinem Buch „Der Islam im 3. Jahrtausend“ auf die Herausforderung und der Problematik für die Muslime im 21. Jahrhundert hin. Die angeführten sechs Punkte jedoch sind bis heute weitestgehend ungeklärt: Sind Koran und Sunna beide Offenbarungen (wahy), oder ist die Sunna nur inspirierte (ilham) Rechtsleitung?

 

Wer auf diese Frage nicht antworten kann, bei so eindeutigen Koranversen, so eindeutigen massenhaften Widersprüchen in den Ahadith, der hat wohl den Koran nicht einmal gründlich gelesen, von einem lückenhaften Studium des Koran ganz zu schweigen.

 

Kann die Sunna den Koran abändern (derogieren)? Kann der Koran die Sunna abändern?”

 

Im Koran wird das Wort Sunna nur in Bezug zu Gott gebraucht. Es gibt keinen einzigen Vers, welcher eine Sunna des Propheten erwähnt. Und welche Sunna? Es sei nochmals betont: Der Prophet hat so ein Buch nicht verfassen lassen. Es gibt nicht die Sunna außerhalb des Koran, sondern viele tradierte Schriften ohne einen klaren Anfang oder Ende, welche Menschen nach eigenen Vorstellungen ausgelegt haben. Aufgrund dieser Vielfalt an Interpretationen gibt es auch über 100 Gruppierungen im Islam. Die Authentizität der Ahadith sind nicht mehr nachprüfbar, voller Widersprüche, wie der Autor auch selbst eingesteht. Man kann es gar nicht genug oft betonen: Ahadith werden im Koran ausgeschlossen.

Es soll jetzt noch ein Argument des nächsten zu widerlegenden Artikels des Autors vorweg genommen werden. Der Autor beschuldigt die Gottergebenen, welche die traditionelle Sunna komplett negieren, mit der Behauptung, dass sie wie Salafisten an den Koran subjektiv herangehen würden. Dazu schreibt der Autor in seinem Kommentarbereich  (Stand: 29.4.15, vom Autor geschrieben am 25.3.2015, 11:30 Uhr):

 

Ecevit Polat: …Baycan Yanar hat auf eine grundlegende Methodik der Salafisten und Koraniten hingewiesen (http://tavhid.de/?p=1712). Danach bedienen beide Strömungen die gleiche Herangehensweise, indem sie Koranverse selektiv entnehmen und zitieren, um ihre beabsichtigte Ideologie zu legitimieren.

Eine Anmerkung hierzu: Der erwähnte Artikel von der Homepage „Tavhid“ wurde von mir bereits widerlegt. Der Autor täte übrigens gut daran, das Wort „tauhid“ im Wörterbuch einmal nachzuschlagen. Zumal dieser Vorwurf direkt zurückgegeben werden kann, da der Autor den Vers 59:7 selektiv zitierte, um seine beabsichtigte, lückenhafte Ideologie zu legitimieren. Der Autor sei dazu eingeladen, die angeblich „selektiv entnommenen Koranverse“ in ihrem Gesamtkontext des Koran aufzuzeigen. Ansonsten ist seine Behauptung ein Ausdruck einer schwachen Rhetorik, die auf nichts fußt.

Es erfolgt jetzt zu diesem Vorwurf folgender Vergleich mit den 3 Strömungen:

Frage 1: Wird den Ahadith außerhalb des Koran Autorität gegeben?

  • Gottergebene, welche nur dem Koran Autorität geben (K): Nein.
  • Salafisten (S): Ja.
  • „Historisch krtitische Methode“ des Autors (HKM): Ja.

Frage 2: Wird der Koran durch widersprüchliche, unvollständige und selektiv ausgewählte Ahadith erklärt?

  • K: Nein.
  • S: Ja.
  • HKM: Ja.

Frage 3: Werden Gelehrte, Anhänger des Propheten oder der Prophet selbst als zweite normative Quelle zu Herren genommen und stehen dementsprechend mit 3:64, 3:79-80 und 9:31 im Widerspruch?

  • K: Nein.
  • S: Ja.
  • HKM: Ja.

Frage 4: Wird der Sunna Gottes, wonach der Prophet nur dem Offenbarten zu folgen hat (6:50, 7:203, 10:15, 46:9), Rechnung getragen?

  • K: Ja.
  • S: Nein.
  • HKM: Nein.

Anhand dieser Tatsachen erübrigt sich jegliche weitere Diskussion zu diesem Thema und es liegt mir fern, wie der Autor dies tut, ihn mit Salafismus gleichzusetzen. Dazu kommt, dass man sich im Koran keinesfalls einen subjektiven Islam zusammenbasteln kann, wie der Autor versucht uns dies hier vorzuwerfen. Dies würde sofort Widersprüche im Koran nach sich ziehen und ist unter anderem in folgendem Vers ausgeschlossen:

 

4:82 Denken sie denn nicht sorgfältig über den Koran nach? Wenn er von jemand anderem wäre als von Gott, würden sie in ihm wahrlich viel Widerspruch finden.

 

Unser Autor jedoch springt bei der Auslegung des Koran, je nach Lage, zwischen Koran und Ahadith. Ihm ist die Erschließung des Korans durch seinen eigenen Kontext allem Anschein nach fremd oder er verweigert sich den klaren Koranversen und folgt somit nicht der Tatsache, wonach Gott den Koran alleine lehrt und erklärt und der Prophet selbst der Offenbarung nur zu folgen hat (6:50, 7:203, 10:15, 46:9) und nichts anderem. Gerade mit Ahadith kann man sich seinen individuellen und somit subjektiven Islam zusammenbasteln (68:38). Denn man entstellt mit diesen Quellen den vollkommenen / vollständigen (6:115) Koran. Dies ist auch seit mehr als einem Jahrtausend leider die gängige Praxis.

 

Fazit

Der Autor hat sich schließlich mit Gottergebenen, die sich ganz auf Gott alleine einstellen, offenbar kaum auseinandergesetzt. Er hat ihre Gegenargumente nahezu ausgelassen. Der Autor hat auf Mustafa Islamoglu verweisend die Behauptung, dass diese Glaubensrichtung “eine Intention der Orientalisten gewesen” sein soll und somit alle Orientalisten ins falsche Licht gerückt werden, nicht belegen können. Ferner ist so eine Argumentation in sich selbst fehlerhaft, denn es geht nicht um „böse“ Orientalisten, sondern wie der Koran nun richtig verstanden werden will. Natürlich kommt bei dieser Behauptung auch der üble Nachgeschmack mit, dass man wohl nur als Muslim den Islam erschließen kann und Außenstehende pauschal ohne koranische Begründung ausgeschlossen werden. Vielmehr ist dem Koran entnehmbar, dass der Gottergebene allen Menschen zuzuhören hat (39:18, 10:37-39). Ausgenommen bei Gott hat der Gläubige “weder Schutzherrn noch Helfer” (4:123, 4;173, 9:116, 29:22) und im Koran steht: “Wer sich auf Gott verlässt, dem ist Er seiner Genüge“ (65:3). Auch folgender Vers ist von herausragender Bedeutung:

 

39:45 Und wenn Gott allein erwähnt wird, verkrampfen sich die Herzen derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben. Wenn aber diejenigen erwähnt werden, die es außer Ihm geben soll, freuen sie sich sogleich.

 

Für Diejenigen, welche sich gerne in Details verrennen wollen, sei noch die Geschichte der Kuh eine Lehre (2:67-71).

Der zweite Artikel des Autors reicht qualitativ nicht viel weiter als der bereits hier Behandelte. Diese zweite Widerlegung wird dann im nächsten Artikel erscheinen, so Gott will.

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