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Jerusalem, Felsendom

Auserwählt oder verflucht: Was sagt der Koran über die Juden aus?

In einem kürzlich in der Tageszeitung Le Parisien veröffentlichten Manifest gaben über 250 französische Intellektuelle ihre Bedenken über den wachsenden Antisemitismus in Frankreich bekannt. Das Manifest entfachte eine große Kontroverse, nicht nur weil die Liste der Unterzeichner Berühmtheiten wie den ehemaligen Präsidenten Frankreichs Nicolas Sarkozy, den ehemaligen Ministerpräsidenten Manuel Valls, den Sänger Charles Aznavour und den Schauspieler Gérard Depardieu umfasste, sondern auch wegen seinem provokativen Unterton. Genauer gesagt macht das Manifesto die Lehren des Koran für die jüngsten antisemitischen Anschläge in Frankreich − dem Land mit der größten muslimischen und jüdischen Bevölkerung − verantwortlich und empfiehlt eindringlich, dass Muslime die Koranverse denunzieren, die ihrer Meinung nach die Muslime dazu motivierten, die Juden zu töten. Sie verlangen auch von Politikern und der französischen Öffentlichkeit damit aufzuhören, politisch korrekt zu sein und zuzugeben, dass der „muslimische Antisemitismus“ eine ernsthaftere Bedrohung als Islamophobie sei.

Dies war weder der erste Versuch noch wird es der letzte sein, eine Verbindung zwischen Islam und Gewalt herzustellen. Zeitgenössische atheistische Denker wie Richard Dawkins und Sam Harris beschuldigen die koranischen Lehren für die terroristischen Angriffe im Westen. Im Jahr 2015 schrieb ein Kulturanthropologe von der Universität Utrecht an The Guardian, dass der Koran für den wachsenden Antisemitismus im Westen verantwortlich sei. Die britische Journalistin Melanie Phillips hat letzte Woche, obwohl vorsichtiger in ihrer Einschätzung, von „muslimischem Antisemitismus“ gesprochen und argumentiert, dass Islamophobie von Muslimen geprägt worden sei, um Kritik am Islam und der islamischen Welt abzuwehren.

Das französische Manifest kränkte Muslime auf der ganzen Welt und erhielt eine Vielzahl von Antworten. Einige Muslime erinnerten die französischen Intellektuellen an gewalttätige und scheinbar antisemitische Verse in der Bibel. Da diese Antwort jedoch nichts über den Islam aussagt, geht sie nicht auf das Hauptproblem ein. Außerdem hatten die Unterzeichner auch bereits ihr Unbehagen mit den sogenannten antisemitischen Versen in der Bibel ausgedrückt. In der Tat haben sie ihre Wertschätzung für die kirchliche Verurteilung gegen den Antisemitismus ausgesprochen und muslimische religiöse Führer aufgefordert, dasselbe zu tun. Andere Muslime, darunter der türkische EU-Außenminister Ömer Çelik, tadelte französische Intellektuelle dafür, die Koranverse für politische Zwecke zu manipulieren und, haarsträubend wie der IS es macht, Gewalt aus dem Koran abzuleiten.

 

Was sagt der Koran über die Juden aus?  Stachelt er die muslimischen Massen zu Antisemitismus an?

Zunächst sind die Handlungen der Muslime oft nicht koranisch motiviert. So gab zum Beispiel Youssouf Fofana, der Anführer der berüchtigten Bande der Barbaren, zu, dass seine Bande 2006 einen jüdischen Mann wegen des Lösegeldes entführt und gefoltert habe. Darüber hinaus stehen manchmal die Handlungen der Muslime im Widerspruch zum Koran. Zum Beispiel haben die Muslime, die den Anschlag auf Charlie Hebdo im Jahre 2015 verübten, den Koran missachtet, da der Koran die Menschen dazu auffordert, diejenigen, die Gott und die Religion ins Lächerliche ziehen, aus Protest alleine zu lassen (4:140). Der Koran verhängt keine weltliche Bestrafung für diejenigen, die den Islam verhöhnen. Dennoch empfanden die Terroristen den im Koran erwähnten Protest als unzureichend und beschlossen, die Mitarbeiter von Charlie Hebdo zu töten. Indem sie ihren eigenen religiösen Gefühlen nachgingen, verrieten diese Terroristen die koranischen Prinzipien.

Terroristen, die angeblich im Namen des Islam handeln, sind in der Regel ungebildet, was den Koran betrifft. Zum Beispiel fehlten den britischen Terroristen Mohammed Ahmed und Yusuf Sarwar grundlegende Informationen über den Islam und so bestellten sie vor ihrer Reise nach Syrien, um sich dem IS anzuschließen, „Koran für Dummies“ und „Islam für Dummies“ über Amazon. Ein durchgesickerter Geheimdienstbericht der Regierung, der auf ausführlichen Interviews basiert, zeigt, dass diese beiden keine Ausnahmen waren; Terroristen sind normalerweise schlecht über die Hauptlehren des Islam informiert und führen islamische Rituale nicht regelmäßig durch. Im Gegenteil, einige von ihnen sind Drogenkonsumenten, trinken Alkohol, essen Schweinefleisch und suchen Prostituierte auf. Der Bericht kommt zum Schluss, dass Religiosität eine Radikalisierung gar verhindern könnte.

Auch wenn einige Täter antisemitischer Angriffe in Frankreich Muslime sind, heißt das nicht, dass sie durch ein richtiges Verständnis des Koran motiviert werden. Um das zu zeigen, müsste man darlegen, dass es im Koran tatsächlich antisemitische Verse gibt.

 

Der Koran über die Juden

Einige Muslime argumentierten als Reaktion auf das Manifest, dass eine wörtliche Auslegung des Koran der Grund dafür ist, die koranische Einstellung gegenüber Juden zu missverstehen; zeitgenössische Muslime sollten den Koran symbolisch und nicht wörtlich lesen. Das eigentliche Problem betrifft jedoch das Rosinenpicken und die Fehlinterpretation bestimmter Verse über Juden, während man andere, welche die Juden loben, übersieht. Eine korrekte und gründliche Lektüre des Korans – eine, die alle Verse zu diesem Thema berücksichtigt – zeigt, dass der Koran nicht antisemitisch ist.

Nach dem Koran ist keine Rasse und kein Volk ontologisch anderen überlegen. In der Tat warnt der Koran die Gläubigen davor, andere Volksgruppen herabzusetzen:

 

49:11 Ihr, die ihr glaubtet, lasst nicht ein Volk ein anderes verhöhnen; vielleicht sind diese ja besser als sie. […]

 

Wenn Juden also im Koran kritisiert oder gelobt werden, geschieht dies gänzlich aufgrund ihrer Taten, nicht aufgrund ihrer Rasse oder Religion – wie es bei Muslimen der Fall ist. Zum Beispiel werden Muslime dafür kritisiert, dass sie tratschen (24:12) und den Koran als Leitfaden aufgeben (25:30). Selbst der Prophet Muhammad wurde für seine Fehler kritisiert, etwa als er dafür kritisiert wurde, einen Blinden abzuweisen, während er den Eliten seiner Gesellschaft den Islam predigte (80:1-10).

Obwohl der Koran besagt, dass Gott seine Gunst den Juden geschenkt hat (2:47), kritisiert er sie auch für ihr Fehlverhalten. So werden gewisse Juden kritisiert, wiederum nur wegen ihrer Taten, da sie ihre Propheten töteten (5:70), andere Götter verehrten (9:30-31), ihren Bund brachen (2:83), behaupteten, dass das Paradies ausschließlich für die Juden bestimmt sei (2:94), Gott verleumdeten (4:50, 5:64), sich über den Islam und die Muslime lächerlich machten (5:57) und Gott gegenüber undankbar (45:16-17) waren. Aber Juden werden in ihren eigenen Schriften – der hebräischen Bibel – aus ähnlichen Gründen kritisiert. In Jeremia (2, 19, 26-28) zum Beispiel werden Juden dafür kritisiert, dass sie ihren Bund mit Gott brechen, Gott undankbar sind, andere Götter anbeten und ihre Söhne töten.

Der Koran, wie die Hebräische Bibel auch, behauptet nicht, dass alle Juden Übeltäter wären. Durchaus bestätigt er die Rechtschaffenheit von Juden und Christen (3:113-115; 3:199; 7:159; 7:168). Während der Koran einige Juden wegen ihrer Ungerechtigkeit kritisiert, lobt er andere für ihre Rechtschaffenheit. Hierbei stellt er keine pauschalen Behauptungen über alle Juden als Volksgruppe auf.

Wie Muslime werden auch Juden, die an Gott glauben und gute Taten vollbringen, belohnt:

 

2:62 Gewiss, diejenigen, die glaubten und die Juden und die Christen und die Sabäer, wer an Gott und den letzten Tag glaubte und Rechtschaffenes tat, sie haben ihren Lohn bei ihrem Herrn und weder Angst sei über ihnen noch sollen sie traurig sein.

 

Außerdem werden Synagogen und Kirchen zusammen mit Moscheen im Koran gepriesen, da diese Orte sind, an denen der Name Gottes oft erwähnt wird (22:40).

Wenn der Koran feststellt, dass Juden, die den Bund brechen, Gesandte töten und andere Götter verehren, verflucht sind, werden sie nicht wegen ihrer Rasse, sondern aufgrund ihrer Taten verflucht. Solange sie gute Taten vollbringen, hilft Gott den Juden in dieser Welt weiter und verspricht ihnen, sie im Jenseits zu belohnen.

 

Verbietet es der Koran Muslimen, Juden zu Freunden zu nehmen?

Während es einen Vers gibt (5:51), der zu implizieren scheint, dass Muslime niemals Juden und Christen als Freunde oder Verbündete nehmen sollten (Awliyāʾ), erklärt der Koran nur sechs Verse später in derselben Sure selbst, welche Arten von Juden und Christen nicht als Awliyāʾ genommen werden sollten (5:57-58):

 

5:51 Ihr, die ihr glaubtet, nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Verbündeten. Sie sind untereinander Verbündete. Wer von euch sie zu Verbündeten nimmt, gehört zu ihnen. Gewiss, Gott leitet das ungerechte Volk nicht recht.

5:57 O ihr, die ihr glaubtet, nehmt euch aus den Reihen derer, denen die Schrift vor euch zugekommen ist, nicht diejenigen, die eure Religion zum Gegenstand von Spott und Spiel nehmen, und auch nicht die Ableugner zu Verbündeten. Und seid Gottes achtsam, so ihr gläubig seid.
5:58 Wenn ihr zum Gebet ruft, nehmen sie es zum Gegenstand von Spott und Spiel. Dies, weil sie Leute sind, die ihren Verstand nicht brauchen.

 

So schließt der Koran nicht Freundschaften mit allen Juden und Christen aus, sondern nur mit jenen, die sich über Gott und die Religion lächerlich machen. Tatsächlich gibt dieselbe Sure, als Beweis für die tiefen Freundschaften, die Muslime mit Christen und Juden haben dürfen, Muslimen die Erlaubnis (5:5), sowohl Christen als auch Juden zu heiraten. Wenn der Koran es Muslimen nicht erlaubte, Freundschaften mit Christen oder Juden zu schließen, wie sollten sie diese dann heiraten können? Zu guter Letzt können die Muslime, in Anbetracht der Umstände zur Offenbarungszeit des Koran, jüdische und christliche Freunde haben, die gegenüber Muslimen nicht feindlich gesinnt sind, Muslime kriegerisch bekämpfen oder Muslime aus ihren Ländern vertreiben (60:1, 60:8-9).

 

Weltliche Bestrafung für die Fehler der Juden?

Selbst wenn die muslimischen, antisemitischen Angreifer in Frankreich Recht gehabt hätten, dass die von ihnen angegriffenen Juden nicht rechtschaffen waren, gibt der Koran den Muslimen nicht die Erlaubnis, sie zu bestrafen. Im Gegenteil, im Koran wird dem Propheten Muhammad befohlen, Übeltäter zu vergeben und sie zu tolerieren:

 

5:13 Weil sie aber ihren Bund brachen, verfluchten wir sie und ließen ihre Herzen hart werden. Sie entstellen den Sinn der Worte. Und sie vergaßen einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden waren. Und du wirst immer wieder Verrat von ihrer Seite erfahren — bis auf wenige von ihnen. Aber verzeih ihnen und lass es ihnen nach. Gewiss, Gott liebt die Gütigen.

 

Gott wird laut Koran über ihre Handlungen richten:

 

45:16 Wir gaben ja den Kindern Israels die Schrift, das Urteil und das Prophetentum und versorgten sie von den guten Dingen und begünstigten sie vor den Weltenbewohnern.
45:17 Und Wir gaben ihnen Klarheiten in der Angelegenheit. Sie wurden aber erst uneinig, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war – aus Missgunst untereinander. Gewiss, dein Herr wird am Tag der Auferstehung zwischen ihnen über das entscheiden, worüber sie uneinig zu sein pflegten.

 

Natürlich erlaubt es der Koran, gegen jüdische Feinde zu kämpfen, wenn sie gegen Muslime Krieg führen oder denen helfen, die gegen Muslime Krieg führen. Diese Verse sind jedoch nicht auf Juden beschränkt. Der Koran erlaubt es Muslimen, sich gegen alle Angreifer unabhängig von ihrem Glauben zu verteidigen:

 

22:39 Erlaubnis (zum Verteidigungskrieg) wurde denjenigen, die bekämpft werden, erteilt, weil ihnen Unrecht zugefügt wurde. Und gewiss, Gott hat die Macht, ihnen zu helfen.

 

Aber Muslime dürfen keinen Krieg gegen eine Gruppe führen, nur weil diese Gruppe an eine andere Religion glaubt. Muslime dürfen nur kämpfen, wenn sie angegriffen werden. Was wiederum zählt, sind die Handlungen der „Anderen“, nicht ihre Identität.

 

Französische Politik und das Manifest

Obwohl nur ein winziger Teil der sechs Millionen Muslime in Frankreich an antisemitischen Angriffen beteiligt war, wird dieses Manifest wahrscheinlich die Islamophobie verstärken, indem es offiziell eine Verbindung zwischen dem Koran und dem Antisemitismus in den Köpfen der Franzosen herstellt.

Das ist genau das, was der IS will. IS-Führer haben erklärt, dass sie die große Mehrheit der Muslime im Westen anvisieren, um gewöhnliche Muslime zu „Dschihadisten“ zu machen. Die Islamophobie, die durch dieses Manifest verstärkt wird, hilft dem IS, Muslime davon zu überzeugen, dass der Westen sie hasst. Das Manifest hilft dabei, fruchtbaren Boden für potenzielle IS-Rekruten zu schaffen.

Schließlich hätten der frühere Präsident Sarkozy und der ehemalige Premierminister Manuel Valls, anstatt dieses provokante Manifest zu unterzeichnen, härter daran arbeiten können, die politischen und sozialen Bedingungen zu reformieren und zu verbessern, die zu anti-muslimischen und antisemitischen Gefühlen in Frankreich beitragen. Die Entwicklung von Strategien für die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts, die Verringerung der sozialen Ungleichheit und die Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit, die Reform der Bedingungen in französischen Gefängnissen und die Verhinderung von Radikalisierung unter den Insassen wären definitiv effektiver als die Muslime dazu aufzurufen, ihre heilige Schrift anzuprangern.

aus dem Englischen von Kerem Adıgüzel

Beitragsbild Gottes Hilfe

Gottes Hilfe und die Geburt zwei seiner Zeichen

Eine persönliche Geschichte, die getränkt ist mit anfänglicher Enttäuschung, mit großer Hoffnung, erneuter Enttäuschung und einem plötzlichen Wunder „aus heiterem Himmel“. In den Hauptrollen innerhalb dieser persönlichen Geschichte: meine liebe Frau, meine beiden gesunden Kinder, meine Wenigkeit sowie eine helfende, unbeschreibliche, barmherzige Kraft. Diese Geschichte ist dazu fähig – ich bin überzeugt davon, darum teile ich sie – euren Glauben zu stärken und uns daran zu erinnern niemals, wirklich niemals die Hoffnung auf Hilfe aufzugeben!

Aber eins nach dem anderen.

 

Unerfüllter Kinderwunsch – die (kurze) Vorgeschichte

Es war einmal ein junges verheiratetes Paar mit bisher unerfülltem Kinderwunsch seit sechs Jahren Ehe. Leider klappte es nicht – warum auch immer – die klassische Medizin fand keine genaue Erklärung. Eine Kinderwunschklinik sollte es dann sein – das hörte sich vielversprechend an…

Nach den ersten hoffnungsvollen Gesprächen und anschließenden Tests kam es zum Wiedersehen zwischen dem Paar und der leitenden Ärztin dieser Kinderwunschklinik. „Sie werden auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen!“, sagte die Ärztin routiniert und ziemlich kalt zu der jungen Frau. „Zudem ist das Risiko einer Eileiterschwangerschaft sehr hoch, wodurch Lebensgefahr für Sie besteht.“

Für die junge Frau brach eine Welt zusammen. Unvorstellbar der eiskalte Schock. Noch vor der Heirat, schmeichelte ihr zukünftiger Ehemann: „Ich wünsche mir, dass Du die Mutter meiner Kinder wirst.“

Die erste künstliche Befruchtung brachte keinen Erfolg. Genauso wie das leere Versprechen einer privaten Krankenversicherung für volle Leistung. Die Kosten für die Behandlung und die Aufbewahrung für die entnommenen Eizellen mussten aus eigener Tasche getragen werden. Dies zwang die damals selbstständige Floristin mit eigenem Blumenladen dazu, ihr Geschäft aufzugeben. Dies sei allerdings nur am Rande erwähnt.

Beim zweiten Versuch kam eine Schwangerschaft zustande, allerdings endete diese bei einer frühen Fehlgeburt. Es verlangt einer Frau garantiert sehr viel Kraft ab, zuerst mit Freude schwanger zu werden, eine Fehlgeburt (Abort) mitzuerleben und dann noch „live“ die Ausschabung (Kürettage) durchzumachen.

Von einem Mann nur Ansatzweise beschreibbar, jedoch kaum vorstellbar, was eine Frau da psychologisch durchmacht.

Das war kurz zusammengefasst die Vorgeschichte.

 

Ärzte wissen viel, aber nicht alles!

Nach dieser Fehlgeburt brach – einige Tage später zu Hause – meine Frau plötzlich in Tränen völlig zusammen und ich konnte mich auch nicht mehr zurückhalten. „Warum? Warum ich Gott?“ (Original: „Neden? Neden ben Allah’ım?“), weinte meine Frau klagend. „Sag sowas bitte nicht. Hab Vertrauen!“, konnte ich nur entgegnen. Aber wir baten beide verzweifelt um Gottes Hilfe. Und ich weiß, dass meine Frau dies auch insgeheim tat – für ein Kind beten.

Dann, ich glaube es war gut eine Woche später, stand meine Frau nach einem Arzttermin vor der Balkontür – weinend – kaum fähig sich auf den Beinen zu halten. Sie schaffte es noch die Botschaft irgendwie über ihre Lippen zu bringen: „Ich bin schwanger…“, und brach komplett in Tränen aus. Plötzlich war sie dann da, aus heiterem Himmel, die Schwangerschaft auf natürlichem Wege. Bloß ein Zufall?

Es war eine Schwangerschaft wie auf den Bildern, die wir beide zuvor bei den ganzen Arztbesuchen und Untersuchungen in den Heften und Broschüren zu Gesicht bekamen – wie aus dem Bilderbuch eben. Nach etwa neun Monaten erblickte dann unser erstes gesundes Mädchen, am 22.01.2010 um 23:53 Uhr, mit stolzen 3950 Gramm und 53 Zentimetern, das Licht dieser Welt – Gott sei Dank!

Ich lasse an dieser Stelle (für alle Skeptiker) ein „Zufall“ durchaus gelten. Aber es geht ja noch etwas weiter.

Nach der Geburt des ersten Kindes kam es noch zu fünf weiteren Schwangerschaften auf ganz natürlichem Wege. Aber leider endeten alle fünf mit einer Fehlgeburt. Ganz bitter sollte die vorletzte und auch in Wochen gesehen längste Schwangerschaft werden – es waren Zwillinge. Zu erst verstarb das eine Embryo und zwei Wochen später das andere. Es gab nach den Zwillingen dann noch eine Fehlgeburt. Um sich psychologisch von diesen „Qualen“ zu erholen, fasste meine Frau, ihre Schwester und eine gute Freundin den Entschluss, für ein paar Tage gemeinsam nach Istanbul zu reisen. Einfach, um auf andere Gedanken zu kommen.

Gesagt und getan – die drei „Mädels“ fliegen nach Istanbul in die Türkei.

 

Eine Prüfung? Er sagte: „Ich habe Hunger…“

Im berühmten Stadtteil Taksim (İstiklâl Caddesi) von Istanbul, ist auch meine Frau eine von tausenden Menschen, die sich dort befinden, um Geschäftliches zu erledigen, einzukaufen, zu verkaufen, zu essen und zu trinken, einfach nur rumlungern, stöbern oder shoppen. An jenem Tag ist es bewölkt und es sieht nach Regen aus. Als sie und ihre Begleiterinnen vor irgendeinem der Läden Regenschirme entdeckt und ein paar davon anschaut, tippt ihr plötzlich ein älterer Herr von der Seite auf die Schulter. Ein offensichtlich Obdachloser oder mindestens arm. Sie schaut und begutachtet erstmal den Herrn, denn es gibt viele Bettler, die einfach keine sind. Zudem haben an diesem Tag schon einige aufdringlich und hinterherlaufend um Geld gebettelt.

„Und? Was möchtest Du? Geld!?“, fragte sie den Herrn mit typisch-türkischer Handgeste. Leicht verwundert erwiderte er: „Nein, mein Kind, ich habe Hunger, kannst Du mir etwas kaufen!?“ (Original: Yok kızım açım, bana birşeyler alır mısın?)

Der ältere Herr bat nicht um Geld, sondern um etwas zu essen.

Genau das war auch der Grund, warum sie nicht lange zögerte, sich gleich umschaute und fragte: „Onkel, was kann ich Dir denn kaufen!?“ (Original: Amca, ben sana ne alabilirim?)

Gar nicht weit entfernt stand ein Simit-Stand: „Komm ich hol Dir Simit“ sagte sie. Der Herr deutete beschämt auf den schlechten Zustand seiner Zähne und sagte: „Dort drüben ist ein Pide-Restaurant. Können wir dorthin?“. „Ok, dann lass uns dahin gehen“, antwortete meine Frau und sie gingen gemeinsam in Begleitung mit ihrer Schwester und Freundin dorthin.

Im Restaurant fragt sie ihn höflich welche Pide-Sorte es sein soll: „Mit Käse oder Hackfleisch?“ Bescheiden antwortete er: „Dann bitte mit Hackfleisch“. „Und was zum trinken?“, wollte meine Frau noch wissen. Erneut mit einer bescheidenen Haltung antwortete er: „Cola bitte.“

Und als man ihm die Cola auf den Tisch stellte:

Allah sana Bebek versin kızım!

…sagte er plötzlich und merkwürdig (zum merken würdig) genau das: „Allah sana Bebek versin kızım!“

Das heißt: „Gott gebe (schenke) Dir ein Baby mein Kind!“

Nicht „danke“, nicht „Gott möge mit Dir zufrieden sein“, nicht „Gott segne Dich“ – was üblicherweise gesagt wird. Nein, er sagte tatsächlich: „Gott gebe (schenke) Dir ein Baby mein Kind“, ohne etwas hinzuzufügen.

Das ist einfach unglaublich!

Vor allem meine Frau, gerade mit ihrer besonderen Vorgeschichte, und ihre beiden Begleiterinnen, waren natürlich völlig hin und weg. Es lief allen eiskalt den Rücken runter. Mit zitternden Knien ging sie zur Kasse, bezahlte das Essen und musste erneut am Tisch, an dem der ältere Herr noch saß, vorbei.

Weißt Du, was er diesmal sagte? Er wiederholte es – exakt das gleiche: „Allah sana Bebek versin kızım!“ („Gott gebe/schenke Dir ein Baby mein Kind!“)

Das ist doch VERRÜCKT… er wiederholte es somit zum zweiten Mal. Meine Frau, natürlich schockiert, konnte nur noch kurz nicken und brach schon vor der Ausgangstür in Tränen aus. Schwester und Freundin auch gleich mit ihr, die beiden kannten schließlich ihre Vorgeschichte.

 

Ist dies die Art und Weise der Kommunikation Gottes?

Wieder in Deutschland, wo die Merkwürdigkeiten keineswegs ein Ende fanden. Nach sieben, vielleicht auch zehn Tagen hat meine Frau dann einen Traum. In diesem Traum befindet sie sich erneut auf dem langen Taksim-Platz in Istanbul, doch links und rechts ist es neblig und verschwommen. Sie hält einen Schwangerschaftstest-Streifen in der Hand und auch hier kann sie nichts erkennen, er ist undeutlich und unscharf. Plötzlich klopft ihr in diesem Traum dieser ältere Mann auf die Schulter und sagt zu ihr: „Mach Dir keine Sorgen mein Kind, Du bist schwanger!“ (Original: „Merak etme kızım, hamilesin!“)

Dieser Satz war der morgendliche Wecker meine Frau und das erste was sie natürlich tut: sich einen Schwangerschaftstest besorgen.

Und was soll ich sagen!? Mit dem ersten Teststreifen war klar; sie ist schwanger! Als sie mir davon berichtete, erlebte ich eine ganz andere, deutlich selbstbewusstere Frau. Sie sagte zu mir: „Ich hab diesmal ein super Gefühl dabei“.

 

Freud und Leid sind eben doch dicht beieinander

Nein, mit dem Baby war alles in Ordnung. Meine Frau hatte jedoch den Drang, den inneren Wunsch, diesem älteren Mann erneut zu helfen. Als sie erfuhr, dass ihre Freundin – die diese Sache live miterlebt hatte – wieder nach Istanbul reist, bittet meine Frau sie darum diesen älteren Mann, dort auf den Straßen in Istanbul / Taksim zu finden und ihm „etwas“ zu geben. Wir – also ich, Frau, Kind – sind gerade parallel zu dieser Zeit in Izmir / Çeşme (Ägäis) im Urlaub. Meine Frau ist etwa im vierten Monat Schwanger. Die Sonne scheint, Getränke sind da und nette Leute hat man bereits kennengelernt als meine Frau einen Anruf bekommt. Der Anruf ist von ihrer Freundin, die sich gerade in Istanbul befindet.

Es war an der Mimik zu erkennen. Der Gesichtsausdruck meiner Frau veränderte sich innerhalb von drei Sekunden und sie brach in Tränen aus. Was ist geschehen? Die Freundin hat zwar herausgefunden, dass der ältere Mann dort nicht unbekannt war, doch leider hat sie auch herausgefunden, dass dieser nicht mehr lebt; er ist verstorben. Er soll etwa ein bis zwei Wochen nach diesem denkwürdigen Ereignis verstorben sein. So die Aussage.

Möge er in Frieden ruhen und ihm sein Schöpfer Gnade erweisen.

 

Wessen Wunsch ging hier in Erfüllung? Wessen Gebet wurde angenommen?

Natürlich baten ich und meine Frau um die Hilfe Gottes für ein zweites Baby. Aber da war ja noch eine dritte Person, die erste Tochter, die sich SO SEHR ein Schwesterchen wünschte – dieser Wunsch, diese Sehnsucht ist einfach unbeschreiblich gewesen…

Ich habe meiner Tochter in Glaubensfragen NIE vorgeschrieben Du musst dies tun oder Du musst das tun – nein. Als sie mich vor den ganzen Ereignissen, zu der Zeit gerade sechs Jahre jung, gefragt hat, ob Gott ihr eine Schwester schenkt, wenn sie dafür betet!? Da hab ich sie umarmt und gesagt: „Das kann ich Dir nicht beantworten Spatzl. Du musst dafür nicht „beten“ (sie meinte das islamisch-körperliche Ritualgebet) aber Du kannst versuchen Gott dafür zu bitten (Duā = Bittgebet) wenn Du möchtest.“

Und in der Tat, ich habe sie ein paar Mal zufällig beim Vorbeigehen an ihrer Zimmertür „erwischt“, wie sie genau das getan hat.

Ich musste diesen Teil hier mit meiner ersten Tochter hinzufügen, denn nach etwa sieben Monaten Schwangerschaft hieß es: Es ist zu 90% ein Mädchen.

 

Gottes Hilfe oder „Mein Gott der Hilft“

Auf der Suche nach einem geeigneten Namen:

Das erste Kind durfte die Mutter benennen. Beim zweiten durfte der Baba, also ich, den Namen aussuchen und natürlich musste er Mutter und Schwester gefallen. Aufgrund der denkwürdigen Ereignisse war mir klar, ich wollte/musste einen besonderen, geeigneten Namen finden.

Ich habe mich letztlich für Elisa entschieden. Elisa mit einem weichen „s“ wie bei Eis und nicht wie zum Beispiel bei Elisabeth. Der Grund meiner Wahl hat auch nichts mit dem Namen Elisabeth zu tun. Der Name Elisa hat seinen Ursprung in der semitischen Sprache, genauer gesagt ist er hebräischen Ursprungs. Und dessen Bedeutung war es schlussendlich, mich für diesen Namen zu entscheiden.

Wer seinen Glauben und die heiligen Schriften kennt, der wird wissen, dass Elisa, Elisha, Elyasa oder auch al-Yasa, ein sowohl in der Tora (Altes Testament) als auch im Koran genannter Gesandter Gottes ist! Im Koran in Sure 6 wird er etwa erwähnt, dazu gleich mehr.

Die Bedeutung: Elisha, auch Elisa, Elisäus (hebräisch אֱלִישָׁע) „Gott hilft“, „Gott hat geholfen“ oder „die Hilfe meines Gottes“. Als ich noch dazu den positiven Kontext im Koran, bei der Erwähnung dieses Gesandten lesen und erfahren durfte, wurde meine Entscheidung weiter gefestigt:

 

Koran Sure 6 (Al-An’ām) Verse 82 bis 90:
6:82 Denjenigen, die glauben und ihren Glauben nicht mit unrechtem Handeln verhüllen, gehört die Sicherheit, und sie folgen der Rechtleitung.
6:83 Das ist unser Beweis, den wir Abraham gegen sein Volk zukommen ließen. Wir erhöhen, wen wir wollen, um Rangstufen. Dein Herr ist weise und weiß Bescheid.
6:84 Und wir schenkten ihm Isaak und Jakob; jeden (von ihnen) haben wir rechtgeleitet. Auch Noah haben Wir zuvor rechtgeleitet, sowie aus seiner Nachkommenschaft David und Salomo, Hiob, Josef, Mose und Aaron – so entlohnen wir die, die Gutes tun – ;
6:85 Und Zakaria, Yahyaa, Jesus und Elias: jeder von ihnen gehört zu den Rechtschaffenen;
6:86 Und Ismael, [Elisa (al-Yasa)], Jonas und Lot: jeden (von ihnen) haben wir vor den Weltenbewohnern bevorzugt;
6:87 Und auch manche von ihren Vätern, ihren Nachkommen und ihren Brüdern. Wir haben sie erwählt und zu einem geraden Weg geleitet.
6:88 Das ist die Rechtleitung Gottes. Er leitet damit recht, wen von seinen Dienern Er will. Und hätten sie (Gott andere) beigesellt, so wäre es ihnen wertlos geworden, was sie zu tun pflegten.
6:89 Das sind die, denen wir das Buch, die Urteilsfähigkeit und die Prophetie zukommen ließen. Wenn diese da sie verleugnen, so haben wir sie Leuten anvertraut, die sie nicht verleugnen.
6:90 Das sind die, die Gott rechtgeleitet hat. Richte dich nun nach ihrer Rechtleitung. Sprich: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür. Es ist nichts als eine Ermahnung für die Weltenbewohner.

 

Am 25. Februar 2018 war es dann endlich soweit

Mit stolzen 4400 Gramm, „breiten Schultern“ und 57 Zentimetern Länge wurde unsere zweite Tochter auf diese Welt per Notkaiserschnitt gebracht. Die Kleine war einfach zu groß und zweimal ist ihr Puls drastisch angestiegen. Aber Gott sei gedankt, Mutter und Baby waren wohlauf.

Das erste mal habe ich ein „Zufall“ durchaus durchgehen lassen. Auf Grund der Ereignisse schließe ich beim zweiten Mal ein „Zufall“ aus: Keine Chance!

 

Koran Sure 1 (Al-Fātiha):
Im Namen GOTTES, des Allerbarmers, des Barmherzigen.
Alles Lob gebührt GOTT, dem Herrn der Welten,
dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
dem Herrscher am Tag des Gerichts.
DIR allein dienen wir, und DICH allein bitten wir um Hilfe.
Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen DU Gnade erwiesen hast, nicht derer die DEINEN Zorn erregt haben und nicht der Irrenden.

 

Friede sei mit euch, Gottes Gnade und Barmherzigkeit.

Foto von Katajun Amirpur

Wie der Islam neu gedacht werden kann

Foto von Katajun Amirpur

Katajun Amirpur. (Bild: Georg Lukas)

Die vielfältig interpretierte Religion des «Islam» ist in den Medien ein politisches Dauerthema. Das 2013 erschienene Buch Den Islam neu denken von Katajun Amirpur, die als erste Professorin für Islamische Theologie an der Universität Hamburg tätig war und nun in Köln arbeitet, versucht der ganzen Debatte zu mehr theologischer Tiefe aus der «Reformsicht» zu verhelfen und zeigt auf, dass die Politisierung des Koran von vielen Intellektuellen mit «neuen Ansätzen einer muslimischen Theologie» ersetzt worden sind.

Dies erreicht Amirpur, indem sie sunnitische wie auch schiitische zeitgenössische Reformdenker spannend porträtiert und ihre wichtigsten theologischen Positionen pointiert zusammenfasst. Für Nichtmuslime wird wahrscheinlich erst nach der Lektüre des Buches gänzlich verständlich, was der Untertitel des Buches meint, wenn vom «Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte» die Rede ist. Die Reformdenker meinen mit dem «Dschihad» das Bemühen, sich auf den aktiven Weg zu Gott zu machen und dass Demokratie, Freiheit und Frauenrechte islamisch motivierte Voraussetzungen dafür sein können.

Und Gott weiss es besser

Die Autorin zeigt gleich zu Beginn auf, dass es das Anliegen der modernen Reformtheorien ist, nicht nur eine einzige Lesart als gültig zu erklären. Dies lässt sich nicht besser darstellen als am islamischen Ausspruch «allāhu ʾaʿlam», Arabisch für «Gott weiss es besser». Denn «letztlich weiss doch nur Gott» ganz genau, was mit seinen Worten gemeint ist. Menschen versuchen lediglich aus verschiedenen Blickwinkeln der Bedeutung näher zu kommen.

Amirpur beginnt damit, dass ihrer Meinung nach der Reformislam seinen Ursprung bei al-Afghani und Raschid Rida hat, die glaubten, «der ‹reine› und ‹unverfälschte› Islam» habe «alle Antworten auf die Fragen der Moderne». Diese Haltung wurde später von Salafisten wieder aufgegriffen und politisiert.

Das Buch schwächelt zu Beginn leicht, wenn eine Persönlichkeit wie ʿAbd ar-Rāziq, der ebenso wie Rida ein Schüler Muhammad Abduhs war, als geistiger Vater des islamischen Säkularismus betrachtet werden kann und das Kalifat als schädlich ansah, im Kapitel Säkularismus und Islamismus zu kurz erwähnt wird. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Ridas Ideen politisch breitere Wirkung entfalteten, insbesondere beim Gründer der Muslimbrüder Hasan al-Bannā.

Sechs menschliche Blickwinkel

Nachdem wichtige Begriffe wie «Reformislam» oder «islamischer Feminismus» erläutert werden, durchleuchtet Amirpur sechs Persönlichkeiten näher. Sie beginnt mit Nasr Hamid Abu Zaid, der von einer «dialektischen Beziehung zwischen dem Korantext und seinen Adressaten» ausgeht. Des Öfteren wird der historische Kontext betont, den es zu berücksichtigen gelte. Dieser erhält beim anschliessenden Portrait von Fazlur Rahman am meisten Gewicht. Hier entsteht der Eindruck, dass die Autorin besonders um eine möglichst deskriptive Vorgehensweise bemüht ist und selten bis gar nicht eigene Gedanken einfliessen lässt.

Auch scheint der Ansatz des historisch-kritischen Kontexts unkritisch wiedergegeben zu werden. Denn dieser ist mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, die meistens qualitativ schwach sind, schwer zu rekonstruieren. Deshalb bleibt die Frage offen, wie denn dieser Kontext ermittelt werden soll, wenn man sich beispielsweise auf den Gelehrten al-Wāhidī (st. 1075) beruft und höchstens zehn Prozent des Korans mit Offenbarungsanlässen (asbāb an-nuzūl), die uns den vermutlichen historischen Grund für die Verkündung eines Koranverses erklären sollen, beschrieben werden können. Solcherart Fragen bleiben glücklicherweise nur vereinzelt offen am Ende des Buches.

Zwei kluge Frauen werden näher betrachtet, Amina Wadud und Asma Barlas, die beide mit ihren theologischen Arbeiten teilweise neue Lesarten entwickelten. Zum Beispiel gelangt Asma Barlas mit ihrem «Foundationalism» zur Ansicht, dass Geschlechtergerechtigkeit im Koran verwurzelt ist. Besonders dieser Teil des Buches ist spannend, werden hier doch konkrete, theologische Ansätze für eine feminin motivierte Befreiungstheologie geliefert, wodurch Musliminnen aus patriarchalischen Strukturen vor allem koranisch begründet ausbrechen können.

Buchdeckel Den Islam neu DenkenEine Gemeinsamkeit aller sunnitischen Denkerinnen und Denker ist die kritische Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Überlieferungen, den «Hadithen», die nachträglich dem Propheten als Aussprüche zugeschrieben wurden. Hier ist man sich einig, dass man vor allem zuerst koranisch argumentieren müsse. Besonders Asma Barlas formuliert dies deutlich, da es «mehr Probleme für Frauen schafft, als dass es welche löst, wenn man die Sunna und die Hadithe heranzieht, um den Koran zu interpretieren.»

Ein Buch für Muslime wie Nichtmuslime

Nicht-arabische Menschen haben es in dieser Diskussion nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. Auch Abu Zaid ist sich dessen bewusst, betont aber, dass neue Ansätze gerade von Nicht-Arabern kämen. Amirpur zitiert ihn wie folgt: «Das Neue kommt von der Peripherie». Insofern sind die schiitisch-iranisch geprägten Fragestellungen, mit denen sich Abdolkarim Soroush und Mohammad Mojtahed Shabestari beschäftigten, auch allgemein bedeutsam für die muslimische Theologie. Dabei wirkt es zunächst überraschend, dass protestantische deutsche Denker wie Karl Barth oder Paul Tillich den Schiiten Shabestari in seiner Lehre, die für einen spirituellen und gegen einen «Rechtsislam» steht, beeinflussten.

Es ist Amirpur als grosses Verdienst anzurechnen, dass man durch ihr Buch die prägnant zusammengefassten Ansichten von weit mehr als sechs Denkerinnen und Denkern kennenlernen kann. Die darin vorgestellten Ideen verbreiten sich immer weiter in der islamischen Welt, weshalb es wichtig ist, diese Entwicklungen zu kennen und zu verfolgen. Denn wenn auch die Verbreitung voranzuschreiten scheint, so müssen die muslimischen wie nicht-muslimischen Gebildeten hierzulande wissen, wer unter ihnen besonders auf unsere Solidarität und Unterstützung angewiesen ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf saiten.ch.

christen sagen muslimen

Christen sagen Muslimen, wo es langgeht?

Der katholische Theologe Mariano Delgado sagt, der Islam brauche eine Theologie des Einbezugs anderer Religionen. Gottfried Locher meint, Muslime hätten sich wenn nötig stets erneut von Gewalt zu distanzieren und der Islam kenne keine Gleichberechtigung. Der christliche Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt gar, der Islam sei in der Krise und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Beispiele wie diese gibt es unzählige und sind vielfältiger Natur.

Die erste emotionale Reaktion von gottergebenen (muslimischen) Frauen und Männern kann vielfältig sein und mitunter auch Empörung hervorrufen. Einen Ausruf wie „Christen sagen Muslimen, wo es langgeht? Geht’s noch, wieso mischen die sich ein?“ konnte ich auch schon mal vernehmen. Diese Beispiele werfen eine allgemeine Frage auf.

 

Dürfen christliche Theologen Muslimen sagen,
mit welchen Themen sie sich theologisch beschäftigen sollten?

Diese Beispiele und auch viele andere sind keine Überraschung, da wir in pluralistisch geprägten Gesellschaften leben. Vielfalt ist, wenn wir damit richtig umgehen können, ein Segen für uns alle. Dort, wo nur noch Einheit und vor allem geistige Isolation vorherrscht, ist Stillstand vorprogrammiert. Wir brauchen also den wohlwollenden Widerspruch und die konstruktive Kritik unserer Mitmenschen und nicht nur den unserer direkten, gottergebenen Geschwister. Was ist jetzt mit wohlwollend gemeint? Wie können wir sicherstellen, ob bspw. eine christliche Theologin oder ein feurig redender Atheist die Aussagen wohlüberlegt formuliert? Was, wenn diese im Hinblick auf die Wirkung und den Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft von sich gegeben werden? Wie können wir sicherstellen, dass eine Gruppe oder ein Mensch nicht marginalisiert und bedrängt wird? Etwa durch unberechtigte, teils feindlich gesinnte, populistische Kritik. Diese Problematik greift auch Houssam Hamade auf seiner Webseite auf:

 

„Kritik“ an anderen kann dazu dienen, die eigene Gruppe zu vereinen und Selbstkritik abzuwehren. Als schlecht gelten dann immer die Anderen. Sie sind das Schwarz, das unser Weiß heller scheinen lässt. Und die Idee, der Islam sei eine Religion der Gewalt, ob sie wahr ist oder nicht, erzeugt eine tiefgreifende und messbare Stigmatisierung der Muslime oder derjenigen, die muslimisiert, die also überhaupt erst in die Rolle des muslimisch seins gedrängt werden. Männlichen Muslimen wird so unterstellt, dass sie rückständig und aggressiv seien, Musliminnen hätten angeblich kein Rückgrat und die würden die Logik ihrer Unterdrücker verinnerlichen. An dieser Marginalisierung ändert auch die Behauptung nichts, die Kritik des Islam könne getrennt von der Kritik an Muslimen gedacht werden, wie auch der Champion der deutschen Islamkritik (und der ungenauen Analyse) Hamad Abdel-Samad argumentiert. Analog ließe sich dann auch sagen, wer gegen Faschismus sei, müsse Faschisten nicht unbedingt ablehnen. Das kann nicht überzeugen.

 

Was finden wir in der Lesung dazu?

Was ist aber eine koranisch begründbare Vorgehensweise in dieser Frage? Aus einigen Stellen der Lesung (Koran) entnehmen wir, dass wir vorerst keinen Filter einsetzen dürfen. Wir müssen jeder Aussage, gleich welchen Geschlechts, welcher religiöser Anschauung und Charakters, dasselbe Gewicht schenken. Die inhaltliche Auseinandersetzung ist wichtiger als die Person oder die Gesinnung. Wir sind also angehalten, argumentum ad hominem und ad populum zu vermeiden. Dabei dürfen wir jedoch nicht naiv sein und ein Wohlwollen einfach blind voraussetzen. In denselben Stellen ermahnt uns Gott nämlich dazu, dem Besten aus den Aussagen zu folgen. Dies nachdem wir ein Verständnis entwickelt haben. Wir setzen also eine intensive, sachliche Auseinandersetzung mit allen Gesprächspartnern voraus. Siehe exemplarisch die Verse 39:18, 2:44, 17:36 und 10:39.

Im Rahmen dieser Denkarbeit entwickle ich Antworten, die mir in erster Linie selbst zugute kommen. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall. So nehme ich Herrn Delgado primär in seiner Aussage nicht als christlichen Theologen wahr. Ich vermute nichts über seine Absichten, wenn er Sätze mit „Der Islam braucht“ beginnt. Auch dann nicht, wenn er vorschlägt, welche Arbeit muslimische Theologen primär angehen sollten. Ich zwinge mich sozusagen, mich allein auf den Inhalt seiner Aussagen zu beziehen. Ich versuche sie zu verstehen und dahingehend zu prüfen, ob er gewissermaßen Recht haben könnte oder nicht. Im Rahmen dieser geistigen Denkarbeit entwickle ich dann Antworten, die mir in erster Linie selbst zugutekommen. Ich habe dabei nämlich im besten Fall neue Erkenntnisse gewonnen und Möglichkeiten, mich in meiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall für mich.

 

Meine Antworten werden dadurch besser

Dann kann ich, ohne persönlich zu werden (argumentum ad hominem), in aller Ruhe, aber mit Klarheit antworten, dass wir nicht so ohne Weiteres von „dem“ Islam sprechen können. Die Gottergebenen haben sich nicht unermüdlich von Gewalt zu distanzieren. Sie können stattdessen ihre Position öffentlich kundtun, wie sie grundsätzlich zur Gewalt stehen. Wir haben uns nicht dafür zu rechtfertigen, dass es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe. Vielmehr können wir aufgrund unserer Sachkenntnis mitteilen, wie eine systematisch aufgebaute Lesart uns zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Diese Lesart kann die Gleichberechtigung nicht nur fordern und fördern, sondern vorantreiben.

Dieselbe Lesart zeigt uns nämlich auch, dass die Lesung („Koran“) zahlreiche Verse beinhaltet, die andere Religionen aktiv miteinbezieht. Es gibt bereits Jugendgruppen, die auch in einen aktiven, friedlichen interreligiösen Dialog treten. Sie diskutieren auch darüber, inwiefern Andersgläubige ihr Seelenheil erhalten können. Sind wir also gar bereits weiter, als Delgado glaubt?

 

Gegenseitiges Zuhören ist eine Voraussetzung

Wir dürfen dann erwarten, dass unsere Ansichten künftig nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass man proaktiv auf sie hinweist. Diese Position erlaubt einen allgemeinen Austausch, ohne dass wir in allen Bereichen selbst Experten sein müssen. Wir haben nicht zu befürchten, dass andere unsere Ansichten ablehnen, allein weil wir uns selbst gottergeben oder christlich nennen. Die Ansichten von Kennern sollten wir eingehend studieren. Wir sollten selbst, sofern wir Kenner sind und dies auch sachlich zeigen können, Beachtung für unsere Ansichten erhalten. Ein ergebnisoffener Austausch bringt die Gesellschaft meines Erachtens insgesamt weiter.

Insofern dürfen und sollen alle Menschen, nicht nur Theologen, uns Gottergebenen sagen können, womit wir uns zu beschäftigen haben. Die inhaltliche Auseinandersetzung und die selbstgerichtete Aufklärungsarbeit befähigt uns für weitere Entscheidungen. Dadurch wissen wir, ob wir in diese Richtung gehen wollen, sollen, müssen oder nicht.

So ist es eine willkommene Gelegenheit, die Thesen des Religionswissenschaftlers Michael Blume zur sachlichen Diskussion zu stellen. Er vertritt durchaus denkwürdige Positionen. Genauso ist es wünschenswert, dass muslimische Theologen ihren Mitmenschen gegenüber in der Kritik wohlwollend, konstruktiv und vorwärtsgerichtet auftreten. Auch die Gottergebenen können dann zeitweise den Ton angeben zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

Alles in allem können wir bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur gewinnen. Und wer möchte schon kein Gewinner sein?


Verse aus der Lesung

2:44 Befehlt ihr den Menschen die Aufrichtigkeit und vergesst euch selbst, wo ihr doch die Schrift vortragt. Versteht ihr nicht?

10:39 Nein, sie erklären für Lüge das, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen lebten, für Lüge erklärt. So schau, wie das Ende derer war, die Unrecht taten.

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und die Vernunft – sie alle werden zur Rechenschaft gezogen.

39:18 Diejenigen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtleitet, und das sind die Einsichtigen.

Mein Weg zur Gottergebenheit #8 – „Bei vielem dachte ich mir: ‚Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion'“

Diana, 21 Jahre alt

Schon als Kind war ich spirituell angehaucht. Damals noch als Christin, habe ich abends zu Gott gesprochen und gebetet. Mir war das immer sehr wichtig, deshalb wollte ich den serbisch-orthodoxen Religionsunterricht meiner Schule besuchen.

Er machte mir zwar Spaß, aber bei vielem dachte ich mir: „Das ist mehr Tradition/Kultur als Religion!“

Ich verstand nicht, warum wir nie in der Bibel gelesen haben, sondern nur Dinge besprochen haben, die Tradition sind. Nach und nach entfernte ich mich vom Glauben und wurde irgendwann Atheistin.

Religionen haben mich trotzdem immer sehr interessiert. Durch die Vielfalt in Österreich hatte ich die Möglichkeit viele Religionen und durch meine beste Freundin den Islam kennen zu lernen.
Eins muss ich kurz erwähnen: Durch meine kroatisch-bosnisch/serbische Herkunft hatte ich leider nicht den besten Zugang zum Islam.

Da ich einen anti-faschistischen Touch hatte und habe, war mir das immer egal, wer woher kommt und an was wer glaubt. Ich wollte jede brauchbare Information aufsaugen, die ich bekommen konnte.
Und so beschäftigte ich mich intensiv mit dem Islam und beschloss einen Ramadan lang zu fasten und den Koran zu lesen und zwar ohne jegliche Vorurteile, um ihn so gut es geht mit offenem Herzen und offenen Gedanken verstehen zu können.
Während ich las, fühlte ich mich als ob mir eine Last von den Schultern fallen würde, ich weinte fast nach jeder Sure. Ich war froh Atheistin gewesen zu sein, weil mich das im Endeffekt Gott immer näher gebracht hat, ich habe meinen Glauben wieder erlangt und fühlte mich nun vollkommen. Dieses Stück, das mir im Leben immer gefehlt hat, habe ich wieder gefunden.

Jetzt wollte ich als Revertitin natürlich mein möglichst Bestes geben, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, deswegen versuchte ich mein Wissen mit Hadithen zu erweitern. Irgendwie haben diese aber nicht mit meinem Eindruck vom Koran übereingestimmt. Besonders der Hadith, der das Zupfen von Augenbrauen verbietet, war mir nicht ganz geheuer. Was hat Gott gegen gezupfte Augenbrauen? Wieso ist das relevant? Also wollte ich die Quelle von diesem Hadith herausfinden, aber das einzige, was mir aufgefallen war, war dass es diesen Hadith in etwa hundert verschiedenen Ausführungen gibt. Warum sollte ich etwas befolgen, was nicht im Koran steht und zudem irgendwie suspekt klingt?
Also machte ich mich auf die Suche nach Antworten. Dass Hadithe schlichtweg keine Quelle der Gottergebenheit (Islam) sind, ist mir nie in den Sinn gekommen – bis ich auf alrahman.de gestoßen bin. Ich war froh, dass ich nicht die Einzige war, die so dachte!

Alle Antworten, die man braucht, findet man im Koran. Durch den Koran habe ich den Glauben zu Gott wiedergefunden und der Koran ist die einzige Quelle des Islams.

6:125 Wen Gott aber rechtleiten will, dem weitet Er die Brust für die Gottergebenheit; und wen Er in die Irre gehen lassen will, dem macht Er die Brust eng und bedrückt, wie wenn er in den Himmel emporsteigen würde.

Mein Weg zur Gottergebenheit #7 – „Vielleicht bin ich im Herzen Muslimin?“

Kerstin, 54 Jahre alt – „Vielleicht bin ich im Herzen Muslimin?“

Ich bin getauft unter der katholischen Kirche, also Christin. Leider, oder Gott sei Dank, wurde ich nie wirklich in die katholische Religion eingeführt, da meine Mutter Atheistin ist.

Im Religionsunterricht war ich immer leicht irritiert durch die Lehren, obwohl es ein wirklich liberaler Lehrer war, der damals schon erklärte, dass Jesus nicht der Sohn Gottes im herkömmlichen Sinn ist. Alles andere, was ich sonst von den Katholiken hörte, war mir zu fern von dem, was mein Hirn erfassen konnte. Ich dachte, ich wäre zu blöd, um das zu verstehen, weil sich mein Verstand keinerlei Mühe gab, es verstehen zu wollen.

Einige Jahre lang war Gott kein Gegenstand meines Bewusstseins. Dann gab es eine sehr schlechte Zeit in meinem Leben, von Hunger bis Mittellosigkeit war da alles dabei. Ich wandte mich an die katholische Kirche und bat um Hilfe, sie wurde mir aber verwehrt. Da fing ich an mich mit dem Glauben auseinanderzusetzen und fand heraus, dass der katholische Glaube absolut gegen meine Überzeugung geht. Schließlich bin ich aus der Kirche ausgetreten und spendete einen Teil meiner ehemaligen Kirchensteuer an den Tierschutz.

Dass es Gott gibt, war aber nie eine Frage. Durch meine regelmäßigen Besuche in Ägypten und die freundliche, herzliche Art der Einwohner fing ich an mich mit dem Koran zu befassen. Nun werfen auch Koranübersetzungen mehr Fragen als Antworten auf und ich fragte Muslime, zu den mir unverständlichen Absätzen. Hadithe waren nie ein Thema bei meiner Suche und ich war immer schon verwundert, dass ich diese nirgendwo im Koran fand, bis mir einer mal erklärte was Hadithe sind. Wenig begeistert fragte ich, warum es die überhaupt gibt, wenn doch der Koran alles beinhaltet? Die Antworten waren noch verwunderlicher, also schmiss ich das Thema Hadithe gleich wieder über Bord.

Gott hatte schon immer einen festen Bestand in meinem Leben, da ich viele Erfahrungen machen durfte, die es mir beweisen. Heute gehöre ich keiner Buchreligion an, aber sehe den Koran als Unterstützung. Mir wurde bei meiner Suche bewusst, dass Gott in mir und um mich herum existiert. Das wenn mein Inneres mich warnt, es Gott ist, der mich warnt.

Ich spüre ihn im Herzen und er beantwortet mir sehr oft meine Fragen, nicht alle, aber doch sehr viele. Was mich abhält mich einer Buchreligion voll und ganz hin zu geben, sind die Menschen, die sie schlecht machen.

Dank alrahman.de bin ich aber näher an einer Buchreligion als bisher. Das kann ich verstehen, das öffnet mir das Herz und das ergibt für mich Sinn. Vielleicht bin ich im Herzen mehr Muslimin, als ich mir selbst eingestehen will?

Mein Weg zur Gottergebenheit #6 – „Ich dachte zuerst an Adnan Oktar und seine Miezekätzchen!“

Oguz, 42 Jahre

Jeder kennt, denke ich, diese „Film – Sequenzen“, die man als Erinnerung kennt. Ich habe viele dieser Erinnerungen aus meiner Kindheit, Jugendzeit und Erwachsenen-Zeit. Viele dieser Erinnerungen sind emotional behaftet, manche positiv und manche negativ. Als Teenie habe ich im Religionsunterricht oft über Gott nachgedacht (ich war auf einer streng katholischen Schule) und dachte mir, warum beten die Christen immer diesen Jesus am Kreuz an, der neben der Tür im Klassenzimmer hängt. Jeden Morgen vor dem Unterrichtsbeginn gab es das Vater-Unser.

Des Weiteren musste ich zum Gottesdienst mit der Schule, jeden Dienstagmorgen, dann auch noch an allen christlichen Feiertagen, sechs Jahre lang. Im Reli-Unterricht haben wir aus der Bibel gelesen. Hat es mir geschadet? Bin ich heute ein Christ? Nein, weder ist aus mir ein Christ geworden, noch hat es mir geschadet. Ganz im Gegenteil, ich kann sagen, es hat mich bereichert.

Mit dreizehn Jahren hat mich meine Mutter zum Koran-Unterricht angemeldet, bei Emir Hoca, in der Moschee bei uns um die Ecke. Und ja es war grauenhaft. Ich habe einen von Gott geschenkten natürlichen Gerechtigkeitssinn, also wurde ich sehr bald wütend über die „pädagogisch wertvollen“ Lehren des Hocas. Mich hat der Hoca in Ruhe gelassen, ich hatte wohl Welpen-Schutz. Ich wurde weder kritisiert noch ermahnt, geschweige denn geschlagen.

Aber ich hatte die Angst der Kinder in den Augen gesehen, wie Ihre Stimme gezittert hatten. Der Hoca hatte ganz klassisch seinen dünnen Stock in der Hand und seine Stimme war autoritär. Er hatte immer wieder die Kinder auf deren Fehler hingewiesen, in dem er immer wieder auf den Koran-Buch-Ständer schlug. Ich weiß nicht nach wie vielen Unterrichtseinheiten, aber sehr früh bin ich einmal wütend geworden als er ein Kind heftig anfuhr und daraufhin bin ich aufgestanden und habe zurück geschrien. Alle waren erschrocken, sogar der Hoca. Keiner hat es erwartet, ich ehrlich gesagt, mit der Reaktion, auch nicht. Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Der Hoca hat mich raus geworfen, woraufhin ich wütend und fluchend die Moschee verlassen habe. Meiner Mutter habe ich alles erzählt und gesagt, dass ich weder dort noch woanders eine Moschee besuchen würde, dies war nicht mein Islam.

Getroffene Türme des WTC

Foto: Robert J. Fish, CC-BY-SA 2.0

Aufgewachsen bin ich mit Türken, Marokkanern und „Yugos“ und ich hatte, wenn ich zurückblicke, eine ganz andere Einstellung zum Islam gehabt. Es gab immer Diskussionen und ich war immer anderer Meinung. Die meisten der Jungs fanden das mit dem „Gehorsam“ auch alles daneben, sie aber haben sich damit abgefunden. Ich konnte nicht glauben, dass Gott immer diese böse Autorität ist, mit dem erhobenen Zeigefinger dich richtet und wenn du nicht lieb bist, dann in die Hölle kommst.

Also habe ich mich immer weiter von diesem Islam verabschiedet. Dass es eine große Macht gibt und dass diese Macht Gott ist, habe ich nie aufgegeben, aber für mich gab es lange keinen Islam. Erst recht nicht, als ich im Urlaub in der Türkei gesehen habe, wie schwachsinnig vieles war.

Im jugendlichen Alter habe ich angefangen schlecht zu sprechen, ich war bei Logopäden usw., aber nichts hat geholfen. Meine Mutter brachte mich zu Verwandten, die sehr „religiös“ waren und die mir „Zemzem“-Wasser zu trinken gaben und mit einer Rasierklinge wollten sie mir mein Zungenfädchen durchschneiden, damit die Zunge wieder locker sitzt. Ich habe mich natürlich mit all meiner Kraft der Jugend gewehrt, so dass sie mich nicht festhalten konnten und sie davon Abstand hielten. Ich musste als Alternative nur noch kleine Papierkügelchen mit Arabisch beschrifteten Wörtern schlucken, dies sollte mich heilen. 😊

Diese Erfahrungen haben mich natürlich geprägt. Erst viel später, als der Terroranschlag 9/11 passierte und ich mich plötzlich nicht nur als der „Türke“ rechtfertigen musste, sondern auch als der „Moslem“, habe ich wieder angefangen mir viele Fragen zu stellen. Warum sind wir so böse, wir Moslems? Warum sind wir so aggressiv? Ist das Gottes Wille??? Also bin ich zur nächsten großen Bücherei gegangen und habe eine Ausgabe des Korans auf Deutsch erworben. Es war eine Ausgabe der Ahmadiyya Gemeinde. Nachdem ich diese gelesen habe, habe ich nicht viel empfunden, dies konnte nicht mein Islam sein. Ich habe dennoch im Internet recherchiert und hier und da nach Antworten gesucht.

Später bin ich nach der Heirat nach Köln gezogen und die Islamische Community war zu dem Zeitpunkt stark vorhanden. Ich war das nicht gewohnt, man durfte dort beim Türken (Obst-Gemüse-Händler oder vereinfacht gesagt Döner-Laden) nicht  so einfach einkaufen, der eine war entweder Kurde, also kein Gläubiger, der andere Türke, war ein Gülenist oder ein Milli Görüs-Anhänger und es gab noch viele andere Fußballvereine. Oh sorry ich meinte „Glaubensrichtungen“. Man wurde unterschwellig aufgefordert sich für eine Mannschaft zu entscheiden.

Ich und entscheiden?

Nein, ich habe mich für keine entschieden, auch nicht für den Verein, der meine Frau angehörte, der Nakshibendi. Dennoch habe ich alle Moscheen von Freitag zu Freitag besucht und habe ohne es zu merken meinen eigenen Moscheereport erlebt.

Nach weiteren Ausgaben des Koran und weiteren Recherchen im Internet bin ich auf einen seltsamen Artikel von Kerem Adigüzel gestoßen, wo das Beten während der Menstruation behandelt wird. Sogar ein Liberaler wie ich hat große Augen bekommen. 😊 Aber ich fand es dennoch sehr interessant und irgendwie fand ich die Schreibweise toll, dennoch dachte ich im Hinterkopf: Der gehört doch bestimmt einer Sekte an! Ich dachte, wenn ich ehrlich bin, zunächst an den Verein von Adnan Oktar und den Miezekätzchen. Lach!

Gott sei Dank hat es sich nicht bestätigt. So bin ich auf alrahman.de gestoßen und nach anfänglichen Reibungen habe ich Menschen gefunden, die auch so fühlen und auch so denken wie ich.

Hey ich war nicht mehr alleine, das war ein großartiges Gefühl. Ich habe den Islam, die Gottergebenheit gefunden, die reine, saubere und friedliche Gottergebenheit mit viel Liebe aber auch mit Vernunft und Logik. Ja, diese Gottergebenheit kann göttlich sein.

Und der Prozess geht weiter, jeder Tag ist ein neuer Tag, um auf dem Weg Gottes zu lernen und zu bleiben.
Möge Gott mir dabei helfen und anderen Ihre Herzen sowie Verstand erhellen.

Mein Weg zur Gottergebenheit #5 – „Ich war sehr überrascht vom Koran!“

Anja-Asiyah, 32 Jahre alt

Mein Weg zur Gottergebenheit war, wie der von vielen anderen sicher auch, eher ein langer umständlicher Weg und einer, der auf eher traurigen Anlässen beruht. Aber nun ja, fangen wir mal von vorne an.

Mit knapp 21 Jahren trennte ich mich von meinem langjährigen Partner, nachdem ich erfahren habe, dass er es nicht so genau mit der Treue und Ehrlichkeit nahm wie ich. Da damals die großen Sommerferien anstanden, hatte ich das dringende Bedürfnis aus meinem beschaulichen Heimatort zu verschwinden, am besten so weit weg wie möglich. Ich wollte meine Zeit sinnvoll nutzen um nicht in Selbstmitleid zu baden, ja, vielleicht wollte ich auch gebraucht werden und einfach nur Wertschätzung erfahren nach dieser schmerzhaften Kränkung.

Da ich im Frühjahr auf Studienfahrt in New York war und ich auf Anhieb verliebt in die kulturelle Vielfalt der Stadt war, nahm ich Kontakt auf zu einer katholischen Organisation, welche mir von einer Mitschülerin empfohlen wurde. Ich hätte mich nie als katholisch bezeichnet, auf dem Papier ja, aber keineswegs praktizierende Katholikin. Einen starken Glauben an etwas wie Gott hatte ich immer schon, jedoch widerstrebte mir stets die dogmatische, herrische Art und Weise, die mir in der Kirche vorgelebt wurde.

Die Organisation im Herzen von Manhattan kümmert sich um obdachlose Frauen und Kinder und bietet viermal die Woche warmes Mittagessen an und die Möglichkeit zu duschen. Außerdem werden Kleiderspenden verteilt. Schon komisch, wenn man sich überlegt, dass man in einer Stadt wie New York, in der die Sünde an jeder Straßenecke auf einen wartet, zu Gott findet, aber weiter nach der Reihe.

Ich kam also an und lernte einen Haufen unterschiedlicher Leute kennen, alle Glaubensrichtungen und Weltanschauungen waren unter einem Dach vertreten und siehe da, es funktioniert. Unter meinen Kollegen gab es zwei, die eine Organisation namens „Witness against Torture“ gegründet haben. Diese hat sich zum Ziel gesetzt auf die Schließung des US-amerikanischen Gefangenenlagers auf Guantánamo hinzuarbeiten. Es wurden zahlreiche Aktionen gestartet, um die Menschen und vor allem die Regierung zum handeln zu bewegen. Aus Interesse beschäftigte ich mich viel mit der Thematik, las Briefe und Gedichte der ausschließlich muslimischen Häftlinge und war tief bewegt. Zu der Zeit befanden sich einige Häftlinge im Hungerstreik und aus Solidarität schlossen sich zahlreiche Kollegen an und fasteten, ich versuchte es auch mit der Überzeugung, dass ich es nie einen Tag ohne Essen und Trinken aushalten würde, aber mein Wille belehrte mich eines besseren. Hintergrund des Hungerstreiks war die Tatsache, dass den Insassen der Koran weggenommen wurde und somit wurde ich auf dieses Buch aufmerksam und fing mal an, darin zu blättern.

Die Bibel hat in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt und ich war sehr überrascht und überwältigt von der Wirkung, die der Koran auf mich hatte. Ich war fasziniert, verwirrt und einfach irgendwie glücklich, schwer in Worte zu fassen.

Besonders beeindruckt hat mich auch die Geschichte des britischen Häftlinge mit saudischen Wurzeln, Shaaker Aamer, ein Mann, der trotz widrigster Umstände eine Zufriedenheit im Herzen trägt, von der sich jeder ein Stück abschneiden sollte. Es gab für mich keinen Zweifel mehr am Wert dieses Buches.

Wieder in Deutschland angekommen hatte mich der Alltag schnell wieder und vieles wurde in den Hintergrund gedrängt, bis ich den Wohnort wechselte. In München suchte ich mir auch gezielt muslimische Freunde, in der Hoffnung mehr zu lernen und zu verstehen. Jedoch war dies nicht wirklich der richtige Weg, da ich in türkisch-sunnitischen Frauengruppen landete, in denen ich mich Gott so weit entfernt gefühlt habe wie niemals zuvor.

Das wöchentliche Studieren einiger Ahadith liess mich enorm an meinem Glauben zweifeln, kannte ich solche Geschichten doch zu genüge aus der Bibel und die gleichen Fragen wie: Was ist daran nun wahr und was erfunden? Auch hier hatte ich wieder das Gefühl, wie schon damals in der Kirche, dass man mir einreden wollte, ich könne keine direkte Verbindung zu Gott aufnehmen, sondern müsse einen Mittelmann heranziehen.

Durch Gedankenanstöße zweier Freundinnen hinterfragte ich die Hadith-Lehre immer weiter und fühlte mich meinem Glauben an Gott wieder viel näher. Ich empfand wieder Erleichterung in meiner Beziehung mit Gott. Viele Dinge fielen mir wieder leichter: geduldig sein, hilfsbereit, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.

Ich danke Gott für den Weg, auf den Er mich geschickt hat, für jeden Stolperstein und jede Brücke darin und wünsche jedem ans Ziel zu kommen, wo immer das auch sein mag und egal wie lange es dauert.

Die Liebe Gottes von Justin Lowery

Gott erschuf uns aus unbeschreiblicher Liebe

Gott erschuf uns Menschen aus unbeschreiblicher Liebe.

Wer liebt, möchte zurück geliebt werden, natürlich ohne Zwang und aus freien Stücken bzw. freiem Willen. Das ist etwas, was wir wissen und fühlen können. Diese Art der Liebe bedeutet, auch die völlige Absicht zu erlernen, sich aus Liebe hinzugeben in allem.

Durch Liebe erlauben wir alles. Diese Liebe ist dann wahrhaftig ohne Grenzen. Diese Liebe ist völliges Vertrauen, alles mit sich geschehen zu lassen: Sich für die Liebe opfern, alles geschehen lassen.

Wer Gott liebt, lässt alles zu, was in seinen geschriebenen Worten steht, die zusammengetragen wurden durch den Verkünder, seinen Propheten. Diese Worte dürfen nicht missverstanden werden. Der lebendige Sinn geht sonst verloren. Der Sinn ist das Verstehenwollen aus der damaligen und auch in der heutigen Zeit, auf alle Anwendungen im Leben, zu lernen und immer wieder neu zu lernen.

Das Leben ist vielfältig, dadurch findet sich ein vielfältiges Verstehen aus der Lesung wieder und ist immer wieder neu und lebendig. Gottes Wort ist lebendig. Es ist nicht monoton oder einseitig. Deswegen darf das Verstehen nicht einseitig sein oder von Menschen dazu gebracht werden durch Menschenworte, die Lesung so zu verstehen, wie sie es gerne hätten.

Die Liebe Gottes von Justin Lowery

Foto von Justin Lowery, CC-BY-ND 2.0

Tief gläubig kann nur der Forschende sein, nicht derjenige, der meint, viel zu wissen, sondern derjenige, der sagt, Gottes Worte sind immer lebendig und immer neu zu verstehen, um den Sinn auf alles im Leben zu erfassen. Denn Gottes Wort steht nicht still, sowie auch der Verstand nicht stillsteht – außer man will, dass der Verstand stillsteht. Dann kann das Wort Gottes für einen stillstehen und der lebendige Sinn schläft.

Das einfachste Prinzip, es bestmöglich immer so zu verstehen, ohne sich neue Gesetze zu machen, ohne neben Gott etwas beizugesellen, scheint unter den Gläubigen zu Gott sehr schwer zu sein.

Dort wo die Zeit stillsteht unter den Traditionen, ist Stillstand. Es ist keine Lebendigkeit zu erkennen, in ihren Worten, Handlungen und Gesetzen.

Ich bedauere es zutiefst, dass Gottes Wort verändert wurde. Nicht wegen der Menschen, die mein Mitleid haben, und Gott – allwissend – sieht auch das Verborgene in uns, denn einzig Gott, dem Allmächtigen, gebührt unsere Ehrfurcht, unsere Dankbarkeit und unsere Liebe.

Sie lieben und lehren lieber nach ihren von Menschenhand geschaffenen, erfundenen Gesetzen und dem Glauben, den sie sich selber beigebracht haben. Dieses tiefe Verständnis, Liebe zu erlernen, es zu wollen, diese größer werdende Ehrfurcht, es geschieht nur bei wachem Verstand und mit einem Herzen, das benutzt werden kann, ohne Unterbrechung, um nicht weggeleitet zu werden.

Es ist Mühe, harte Arbeit und auch Schmerz, religiöse Bildung aus dem Anfang geradeaus gestalten zu wollen, denn fast jeder will dich auf den Irrweg bringen, auch mit guten Absichten, die aber nur einen Irrweg darstellen, im Vergleich zu Gottes geschriebenem Wort.

Natürlich weiß es Gott besser.

Mein Weg zur Gottergebenheit #4 – „Wie kann der Prophet so etwas über Frauen sagen?!“

Rahima, 29 Jahre alt

Als ich mir damals neben dem Koran „Die Sammlung der Hadithe“ von Al-Bukhari besorgt habe, in dem Glauben, dadurch den Koran besser zu verstehen, und begonnen habe ein Hadith nach dem anderen zu lesen, fiel es mir mit jedem weiteren Hadith schwer, meinen eigenen Augen zu trauen. Ich las Ahadith, welche ich bis zu dem Zeitpunkt als weitere Primärquelle neben dem Koran gesehen habe, die Frauen mit Tieren gleichsetzten.

Wie können der Prophet Mohammed und seine Anhänger so etwas über Frauen denken und sagen?! Der Prophet wurde von Gott auserwählt, ihm hat er den Koran offenbart, in dem Mann und Frau vor Gott gleichwertig sind und ihm hat er den rechten Weg gelehrt.

Ich beruhigte mich, in dem ich mir einredete, dass es sich bei den Hadithen um nicht-authentische Hadithe handelt, denn so etwas kann auf gar keinen Fall vom Propheten stammen. Ich wollte herausfinden, ob die Hadith-Wissenschaft diese Ahadith als authentisch eingestuft hat. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass die frauenfeindlichen Ahadith als authentisch identifiziert wurden. Ich legte daraufhin das Buch im wahrsten Sinne des Wortes angewidert weg.

Verstört vom Islam-Bild, das mir Al-Bukhari vermittelt hatte, suchte ich verzweifelt nach Antworten im Internet. Über eine Blog-Seite stoße ich auf die Internetseite von Alrahman.de, wo ich zum ersten Mal meine Gedanken, die ich nicht auszusprechen wagte, in den Artikeln wiederfinde. Ich las, dass die Ahadith nicht zulässig seien, diese den Koran nicht ergänzen, sondern ihn umschreiben und damit den Islam verzerren und neu erfinden würden.

Als die Ahadith für mein Islamstudium wegfielen, weil sie Gott, dem Propheten und seinen Anhängern einen Islam unterstellen, der sich nicht im Koran wiederfindet, und dadurch für mich an Glaubwürdigkeit verloren haben, blieb eine einzige Quelle übrig: der Koran.

Ich habe endlich angefangen den Koran als Primärquelle bewusst zu lesen. Vorher habe ich ihn zu meiner Beschämung nur gelesen, um ihn wie alle anderen gelesen zu haben, aber nicht verstanden zu haben.

Beim Lesen hielt ich beim Vers 96:1 inne:

 

Lies im Namen deines Herren, der erschuf.

 

In all der Zeit habe ich zugelassen, dass mir andere meinen Glauben, meine Religion vordiktierten. Dieser Vers ist nicht nur an den Propheten Mohammed gerichtet, sondern an jeden Einzelnen, der ihn liest. Gott spricht in diesem Vers nicht nur den Propheten Mohammed an, sondern jeden Gottergebenen. Er fordert uns auf zu lesen und zu verstehen.

Ich fühlte, wie ich durch die Koranverse direkt von Gott angesprochen werde, wie er mich auffordert, seine Worte zu lesen, seine Schöpfung zu studieren, das Gewohnte zu hinterfragen und mir mein eigenes Urteil fälle. Hier erinnere ich mich, wie mir einmal gesagt wurde, dass das Infragestellen zur Ableugnung (kufr) führe. Sieht sehr danach aus, dass mich das Fragen zu Gott geführt hat.

Nach und nach lösten sich die Ketten in meinem Kopf. Ich fühlte mich immer freier.

Ich fühle mich Gott viel näher als vorher. Vorher lag etwas zwischen uns, etwas, das mich daran hinderte zu ihm aufzusehen, ihn anzurufen. Es ist der Irrglaube, dass z.B. Mädchen und Frauen während der Menstruation, die im Sunnitentum als „unrein“ gesehen wird, den Koran nicht lesen oder fasten dürfen, dass mich daran gehindert hat, die Nähe zu Gott zu finden.

Mein ganzes Leben habe ich mich den Zwängen des Sunnitentums gebeugt, in dem Glauben, dadurch Gott zu gefallen. Heute weiß ich, dass es richtig und wichtig ist, kritisch zu sein, und das Gewohnte zu hinterfragen, in dem man sich hinsetzt und selber recherchiert.