Gesellschaft

Permakultur und Islam

Permakultur ist ein Designsystem, das in erster Linie auf Landwirtschaft angewendet wird, aber darüber hinaus auch auf soziale Organisation.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung der Natur

Hier ist schon der erste Anknüpfungspunkt zum Islam, da im Koran ja immer wieder aufgefordert wird, die Natur und die Umwelt zu beobachten. Mit الم تر (hast du nicht gesehen) wird unter anderem darauf hingewiesen, wie Gott den Regen herabsendet, mit dem Er die wie tot daliegenden Felder wieder lebendig werden lässt (22:67, 35:27, 39:21), Sonne und Mond für uns auf- und untergehen lässt (31:29) und wie sich alles in der Natur und im Weltall Gott ergibt (22:18).

Immer wieder wird auf die Zeichen ءايت hingewiesen

Die Natur als gewaltiges System regelt und regeneriert sich selbst. Alles greift ineinander, es gibt keinen Müll, nichts Überflüssiges, sondern alles, was entsteht, wird von anderen Teilen des Systems genutzt. Herabfallende Blätter werden von Würmern verdaut, deren Ausscheidungen wiederum die Pflanzen düngen. Durch unseren Atem sind wir mit den Pflanzen verbunden, weil wir das CO2 produzieren, das sie brauchen, und sie wiederum machen daraus den Sauerstoff, den wir brauchen.

Im Wald herrscht eine unglaubliche Artenvielfalt. Pflanzen nutzen die verschiedenen Ebenen, es gibt hohe Bäume, auf der mittleren Ebene Sträucher, darunter Kräuter, ganz unten Moose. Es gibt Tiere vom Hirsch bis zur Ameise. Pilze bilden unter der Erde riesige Geflechte und bringen den Bäumen Nahrung an ihre Wurzeln. Sie helfen ihnen bei der Kommunikation untereinander.

Ein Wald bedeutet im Vergleich zu einem Maisfeld in Monokultur: Lebendigkeit, Vielfalt, Nutzen und Leben für viele, statt Ertrag für wenige, den Menschen, und Tod für alle anderen durch Pestizide, durch Verhungern etc.

Verschiedene Zustände wie Keime, Blüten und Fruchtstände, die gleichzeitig bestehen, machen die Natur widerstandsfähiger. Dies im Gegensatz zur gewollten Gleichzeitigkeit zwecks einfacherer Bearbeitung und Ernte in der Monokultur.

Diese Selbstorganisation der Pflanzen wird in der Permakultur zunächst beobachtet, um sie dann so auf den Garten oder Acker anzuwenden, dass möglichst wenig eingegriffen werden muss. Die Alternative besteht also nicht mehr zwischen industrieller Landwirtschaft mit Einsatz schwerer Maschinen und harter Handarbeit, sondern durch wenige Eingriffe wird das Ausmaß Arbeit reduziert.

Einige Prinzipien der Permakultur

Wie schon erwähnt ist die Beobachtung ein Prinzip: Erst schauen, wie ein System funktioniert. Zum Beispiel:

  • Wo im Garten scheint die Sonne?
  • Welche Teile bleiben im Schatten, auch im Lauf des Jahres?
  • Wo bläst mehr Wind?
  • Welche Tiere leben in der Nähe und greifen positiv oder negativ ein (Bienen, Regenwürmer, aber auch Rehe, Wühlmäuse usw.)?

Ein weiteres Prinzip sind kleine und langsame Lösungen: Entwicklungen in der Natur gehen im Allgemeinen langsam vonstatten, jedenfalls was systemische Änderungen betrifft. Dies entspricht dem Begriff sabr (صبر), zum Beispiel in Sura 102 Al-‚Asr.

Weitere Prinzipien der Permakultur:

  • Selbstregulation, Feedback akzeptieren
  • Auf eine richtige Platzierung achten
    • Keinen Abfall produzieren: alles kann irgendwie verwendet werden
    • Vorhandene Ressourcen nutzen
  • Diversität nutzen

Das heißt, wir schauen, was wir haben und wie wir das nützen können, statt immer nach mehr zu schielen (Sura 102: Takāthur (تكاثر): ihr seid besessen von Gier nach mehr und mehr)

Jede Schlüsselfunktion wird von mehreren Elementen gestützt

Übersetzen wir das in die Sprache des Korans:

Tawhīd

Das Ganze als eine Einheit verstehen, die von gemeinsamer Spiritualität zusammengehalten wird.

Mizān

Die Waage, das Gleichgewicht, das immer gesucht wird zwischen den einzelnen Elementen. Dies bedeutet auch ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Fitra

Die natürliche Disposition, die so funktioniert wie die Natur.

Fasad

Korruption und zerstörerische Kräfte wie Umweltzerstörung, Profitgier sowie Missachtung der Menschen und ihrer Würde beachten.

Khalīfa

Der Mensch als Statthalter, der bewahrend statt zerstörend eingreift. Unsere Verantwortung, mit den Kräften der Natur zu wirken statt gegen sie:

40:57 Größer ist die Schöpfung der Himmel und der Erde als die Schöpfung der Menschen, doch die meisten Menschen verstehen nicht.

Bedeutung für uns

Was kann das für soziale Organisationen, also auch für uns als Gruppe bedeuten?

Langsame und kleine Schritte geduldig gehen. Nicht ungeduldig werden, wenn wir keine schnellen Erfolge haben. Lieber Geduld (sabr) wie auch nachhaltiges Wachstum anstreben.

Darauf achten Ressourcen zu nutzen, keinen Abfall zu generieren und die Platzierung zu beachten: Jede:r von uns hat Qualitäten, die manchmal aufeinander prallen. Wenn wir sie an die richtige Stelle setzen, können wir sie produktiv nutzen, statt sie als Bedrohung und Hindernis zu sehen. Vielleicht ist jemand aber an der falschen Stelle oder muss zumindest vorübergehend von jemand anderem getrennt werden, damit beide besser wachsen können.

Ebenso ist die Diversität zu berücksichtigen. Wir haben zweifelsohne unterschiedliche Hintergründe, die sich oft auch in unterschiedlichen Meinungen ausdrücken. Das kann aber gerade unsere Stärke sein, wenn wir lernen, richtig damit umzugehen.

Wir dürfen uns nicht auf eine oder einzelne Personen verlassen, sondern dürfen mehrere Leute einbeziehen bei allem, was wir machen. Nicht alle müssen auf der gleichen Stufe stehen. Einige sind neu, andere lange dabei. Für alle ist Platz und für alle gibt es Aufgaben. Das bedeutet auch Neumitgliedern gleich Aufgaben zu geben, ohne sie zu überfordern.

Und, ganz wichtig:
Es kommt darauf an.

Das heißt: Es gibt keine Patentrezepte, sondern es geht um Prinzipien und Betrachtungsweisen, die in der Realität angewendet und ggf. angepasst werden.

Weitere Infos zu Islam und Permakultur wisdominnature.org (Englisch)

Gedanken zum Thema Spenden

Spenden und gegenseitige Hilfeleistung sind wichtige Themen im Koran. So wichtig, dass in der Sure 107 mitgeteilt wird:

Wehe denen, die beten, um gesehen zu werden, aber die Hilfeleistung verweigern!

Unterlassene Hilfeleistung an die Armen und Waisen, die im Koran ein Sinnbild für Bedürftige sind, wird mit einer Leugnung des dīn gleichgesetzt. Dīn bedeutet je nach Übersetzung jüngstes Gericht, Religion oder Lebensordnung.

Andere zentrale Begriffe im Koran sind bekanntlich ṣadaqa, womöglich aus der semitischen Wurzel für Aufrichtigkeit, und zakāh, aus der Wurzel für Vermehrung oder Reinigung bzw. Läuterung. Dabei meint ṣadaqa ursprünglich nicht wie im heutigen Gebrauch die freiwilligen Abgaben, sondern umgekehrt war ṣadaqa eine Art Steuer. Zakāh war eine Leistung unbestimmter Art und konnte auch aus nicht-Materiellem bestehen. Dabei kommt die Verbindung von zakāh und salāh, Hilfeleistung und Gebet, in 24 Versen vor. Einmal wird der Gegensatz zakāh und riba ([Wucher-]Zins) aufgestellt.

ṣadaqa kommt dreizehn Mal in vier verschiedenen Suren vor. ṣadaqa zu geben wird bei Pflichtverletzungen eingefordert. Diese wurde anscheinend vom Propheten Muhammad angenommen und verteilt.

9:60 Die Almosen (ṣadaqa) sind für die Armen und Bedürftigen und für die mit der Verwaltung (der Almosen) Beauftragten und für die, deren Herzen kürzlich wiedergewonnen wurden, für die (Befreiung von) Sklaven und für die Schuldner, für die Sache Gottes und für den Sohn des Weges; (Dies ist) eine Vorschrift Gottes. Und Gott ist wissend, weise.

ṣadaqa wird ebenso wie zakāh auch in Gegensatz zu riba gesetzt, wobei ṣadaqa als Verb auch im Gegensatz zu kaḏaba, leugnen, steht.

Immer wieder kommt die Frage auf, inwiefern man denen, die um Hilfe bitten, vertrauen soll. Auch hier lohnt es sich, im Koran nachzuschauen. Neben den vielen Aufforderungen, Hilfe zu leisten, finden sich einige wenige Spezifizierungen. Wir sollen nicht verschwenderisch übertreiben (6:141, 17:26, 25:67) und die wahren Bedürftigen bitten nicht oft um Hilfe (51:19).

Almosen, egal wie man es nennt, ist immer ein Ausdruck von Ungleichheit. Der Reiche lässt dem Armen ein Stück von seinem Reichtum zukommen. Das mag in der altarabischen Gesellschaft angemessen gewesen sein, aber heute geht es um mehr. Es geht um globale Gerechtigkeit, die nicht mit einem Almosen erreicht wird. Deshalb möchte ich auf einen anderen Begriff hinweisen, der im Koran ebenfalls des Öfteren vorkommt:

قسط Gerechtigkeit, so zum Beispiel in der Sure Al-Rahman:

وَالسَّمَاءَ رَفَعَهَا وَوَضَعَ الْمِيزَانَ
أَلَّا تَطْغَوْا فِي الْمِيزَانِ
وَأَقِيمُوا الْوَزْنَ بِالْقِسْطِ وَلَا تُخْسِرُوا الْمِيزَانَ ,

Übersetzung nach Bobzin:

Den Himmel hob er in die Höhe und stellte die Waage auf,
auf dass ihr beim Wiegen nicht übertretet!
So setzt das Gewicht in Gerechtigkeit, und lasst die Waage nichts verlieren!

55:7-9

Die Wurzel kommt 25 Mal in den verschiedenen Formen vor. Sie hat immer mit Gerechtigkeit zu tun, und zwar im Bild des Handels.

Heute können wir daraus lernen, auf einen fairen Handel zu achten. Das heißt nicht nur zweimal im Jahr eine Spende irgendwohin zu schicken und den Rest des Jahres bei Aldi und Kik zu kaufen. Denn dort werden die niedrigen Preise auf Kosten der Produzenten erreicht. Dies geschieht auf Kosten sowohl der Bauern in Deutschland als auch der Arbeiter in Billiglohnfabriken und auf Plantagen in Ländern der sogenannten Dritten Welt. Egal ob Muslime in Pakistan und Bangladesh oder Christen in den Maquiladoras in Mexiko oder Buddhisten in China – wir haben als Menschen für alle Menschen eine Verantwortung.

So schafft man Verhältnisse auf Augenhöhe statt der Zementierung von Hierarchien.

Das sollte zuerst kommen. Wenn dann immer noch Geld übrig ist, kann man es immer noch spenden. Sonst einfach ein Lächeln oder eine Hilfeleistung verschenken.

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Schwangerschaftsabbruch

Am Thema Schwangerschaftsabbruch lassen sich einige Prinzipien des Koranverständnisses aufzeigen. 

Zunächst ist da die gute alte Forderung der Frauenbewegung „Mein Bauch gehört mir“. Kein Mann und keine andere Frau, das versteht sich von selbst, darf über den Körper einer Frau verfügen. Nur sie allein darf bestimmen, was sie mit ihm macht, was sie bereit ist zu erleiden und was nicht.

Auf der anderen Seite ist da die Forderung des Koran: Tötet eure Kinder nicht aus Armut (6:151). Wobei Armut stellvertretend für all die Notlagen steht, in die Menschen kommen können. Was also tun? Lassen sich die beiden Forderungen versöhnen und wenn ja, wie?

Gott bleibt im Koran nicht bei der Forderung stehen. Noch im selben Vers macht Gott ein Versprechen: Wir sorgen für euch und für sie. 

An anderer Stelle unterscheidet Gott zwischen den sich Ergebenden – muslimun – und den Vertrauenden – mu’minun; oft als Gläubige übersetzt. Die Wurzel hamza-mim-nun weist aber eher auf Sicherheit, festes Vertrauen und Verlässlichkeit hin. So wie in Bezug auf die Kinder wirbt Gott im Koran an vielen Stellen um das Vertrauen der Menschen, mit Hinweis auf die Perfektion der Schöpfung, in welcher der Regen herabfällt, um das Land wiederzubeleben, all die Nahrungsmittel, die uns gegeben wurden. Auch im Folgevers zu Vers 6:151 folgt der Forderung nach Gerechtigkeit das Versprechen, niemanden über seine/ihre Kräfte hinaus zu belasten.

Gott kennt uns, ist uns näher als unsere Halsschlagader (50:16), und weiß, dass das Vertrauen in Gott die Voraussetzung dafür ist, auch in schwierigen Situationen dem Din (Entscheidung, Lebensweise, Verpflichtung) zu entsprechen. Deshalb gibt es auch keinen Zwang im Din (2:256), weil Zwang und Vertrauen sich ausschließen. Dieser Vers ist also nicht nur eine Forderung, es soll keinen Zwang im Din geben, sondern auch die einfache Feststellung, dass Zwang in keiner Weise den Din herstellen kann.

Um auf die Frage der Schwangerschaft bzw. Schwangerschaftsunterbrechung zurückzukommen, bedeutet dies also, es ist besser, das Kind auszutragen, aber das setzt (in schwierigen Situationen) Gottesvertrauen voraus. Kein Mann und keine Frau hat das Recht, eine andere dafür zu verurteilen, wenn dieses Vertrauen nicht vorhanden ist. Umgekehrt ist die Gesellschaft verpflichtet, Situationen zu schaffen, die das Vertrauen zumindest auf materiell-psychisch-sozialer Ebene herstellen. Das heißt: keine Verurteilung, Herabsetzung, Verspottung der Schwangeren, die es nicht geschafft habe zu verhüten, die nur auf ihren eigenen Spaß aus sei, kein Versperren der Bildungschancen und eine finanzielle Sicherung sowieso.

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Muslimische weibliche Gelehrsamkeit

Viele Frauen prägten die muslimische weibliche Gelehrsamkeit. Doch waren sie deswegen auch Feministinnen? Allzu schnell werden westliche Konzepte muslimischem Schaffen überstülpt – dennoch lohnt es sich, den Koran als Inspiration für eine gendergerechte Theologie zu sehen. Ein Versuch, Wege zu entkolonialisierten Islam-Verständnissen aufzuzeigen.

Die muslimische Geschichte brachte viele bedeutende weibliche Gelehrte hervor, besonders auch was die formative Phase des Islams, also grob zugeordnet das erste Jahrhundert nach Hidschra (7. Jh. n. Chr.) betrifft. So etwa Amrah bint Abdur Rahman, die eine Juristin und Hadith-Expertin war. Sie korrigierte Richter in ihren Entscheidungen, wenn sie befand, dass diese auf falscher juristischer Grundlage ihr Urteil gefällt haben sollten. Ein Beispiel dafür ist in der Sammlung des berühmten Mālik ibn Anas, dem Gründer der mālikitischen Rechtsschule, zu finden. Auch Rābiʿa al-ʿAdawiyya ist als legendäre muslimische Mystikerin bekannt. Sie gilt als eine der ersten einflussreichen Frauen, welche die Liebe und Freundschaft zu Gott lehrten. Sie prägte den Sufismus maßgeblich.

Eine weitere Gelehrte Umm Darda lehrte sowohl in Damaskus in der großen Umayyaden-Moschee als auch in Jerusalem. Sie lehrte Imame, Juristen und Hadith-Gelehrte, unter anderem auch den Kalifen Abdul Malik b. Marwan. Diesem wird nachgesagt, dass er ihr ohne irgendwelche Vorbehalte half und sie unterstützte.

Karima bint Ahmad b. Muhammad b. Hatim al-Marwaziyya, die in Mekka im zehnten bis elften Jahrhundert lebte, war eine Bukhari-Expertin und nach heutigem Verständnis Hadith- und Rechtswissenschaftlerin. Sie spielte eine wichtige Figur in der Futuwwa-Bewegung der Frauen, die von Khadidscha al-Dschahniyya als Antwort auf die männliche Futuwwa-Gesellschaft gegründet wurde. Am Ende ihres hundertjährigen Lebens galt sie als renommierte Lehrerin und Gelehrte.

Die als Großgelehrten betrachteten Männer der früheren Zeit wurden also durch Frauen unterrichtet. Sie verdanken ihr Wissen unter anderem diesen Frauen.

Dieser Umstand zieht sich immer wieder durch die muslimische Geschichte. Frauen wie Hafsah spielten bei der Zusammenstellung des Korans eine wichtige Rolle. Im achten Jahrhundert nach Hidschra (14. Jh. n. Chr.) lebte Fatima bint Ibrahim b. Jowhar. Sie ist eine Lehrerin beider Imame Dhahabi und Subqi, die bei ihr die Hadith-Sammlung Bukhari studierten. Sie lehrte ebenfalls in der Prophetenmoschee in Medina. Aischa bint Abdul Hadi lehrte ebenso zur Sammlung Bukharis in der großen Moschee in Damaskus. Kein geringerer als Ibn Hadschar Al-Asqalani, für viele Sunniten eine Koryphäe unter den Experten zu Bukharis Sammlung, studierte bei ihr zahlreiche Bücher.

Sukayna schloss ihre eigenen Eheverträge

Ein Beispiel aus der muslimischen Geschichte sticht für mich besonders heraus: Sukayna (671-737). Die Urenkelin des Propheten ist ein Symbol für den Widerstand von Frauen in der Anfangszeit des Islams gegen das Patriarchat. Als Tochter einer Poetin erhielt sie die Bezeichnung «Barza», also eine Person, die sich weigert den Schleier zu tragen.

Als gebildete muslimische Gelehrte traf sie Männer hohen politischen oder wissenschaftlichen Ranges und diskutierte mit ihnen über religiöse, juristische und politische Angelegenheiten. Sie empfing bei sich zuhause auch Männer. Sukayna schloss ihre eigenen Eheverträge. Darin verlangte sie, dass sie ihrem Mann weder gehorchen müsse noch dessen Recht zur Polygynie anerkenne. Sie zögerte auch nicht, ihre Ehemänner für deren Untreue vor Gericht zu bringen. Sie liebte Kunst wie Musik und förderte DichterInnen wie auch SängerInnen.

Viele männliche Gelehrte verdanken ihr Wissen den gebildeten Frauen

Diese und unzählige weitere ungenannten Ereignisse belegen eindeutig, dass Frauen bereits früh in den wichtigsten Moscheen und an den wichtigsten Plätzen den männlichen Großgelehrten maßgeblich zu ihrem heutigen Ruhm verhalfen. Der aktuelle Zustand ist in vielen Moscheen hingegen eher mitleiderregend. Nicht wenige Gelehrte diskutieren darüber, ob Frauen überhaupt fürs Gebet zur Moschee kommen dürfen!

Leider sind viele muslimische Gläubige unwissend, was das eigene muslimische Erbe betrifft. Viele Strömungen behaupten, sie kehrten zurück zur Essenz und Tradition des frühen Islams. Doch sie zeigen durch ihre Haltung auf, dass sie durch diese erst im Laufe der Jahrhunderte aufgekommene Einstellung von der Tradition und der Praxis der früheren Generationen abweichen.

Nicht selten behaupten zeitgenössische Gelehrte wie auch Moscheegänger aufgrund gewisser dem Propheten unzulässig zugeschriebenen Hadithe (z.B. Abu Dawud 4679, andere Nr. je nach Ausgabe), dass der Intellekt einer Frau dem eines Mannes unterlegen sei. Früher fragten Gelehrte gebildete Frauen nach ihren Meinungen, bevor sie sich ein umfangreiches Urteil bildeten. Natürlich gab es auch Meinungsverschiedenheiten. Jedoch gehörten Bescheidenheit und Offenheit für Wissen – ohne dabei zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden – bei den meisten Gelehrten zum wissenschaftlichen Usus.

Der Beitrag von Frauen zur vergangenen islamischen weiblichen Gelehrsamkeit ist eindeutig enorm. Dieser hatte wiederum Einfluss auf das Selbstverständnis der damals lebenden Frauen und deren Gelehrsamkeit. Nicht minder wichtig sind deshalb die zeitgenössischen Gelehrten. Namen wie etwa Amina Wadud, Riffat Hassan, Asma Lamrabet, Asma Barlas, Kecia Ali, Sa’diyya Shaikh oder Fatima Mernissi gehören mittlerweile zu den bekannteren im Feld der islamischen Studien und viele weitere könnten wir hier noch anführen.

Problematik kolonialistisch-eurozentrischer Diskurse

Im Jahre 1916 schrieb der Orientalist Dr. Max Horten im Vorwort seiner Übersetzung Muhammedanische Glaubenslehre – Die Katechismen des Fudali und Sanusi:

Manche Europäer brüsten sich mit einigen Kenntnissen äußerer Formen des Islam und treten dann dem Orientalen mit dem Selbstbewusstsein gegenüber, Sinn und Geist seiner Religion verstanden zu haben. In diesem Gebaren mancher Europäer liegt eine schwere Verletzung des Ehrgefühls und des religiösen Bewusstseins des Muslim. Er, wenn er auch nur ein Halbgebildeter ist, hat ein tieferes Verständnis der Lehre (Dogmatik und Moral seiner Religion), als der oberflächlich gebildete Europäer auch nur zu begreifen imstande ist. Er empfindet, dass der Europäer von den vielfach so großzügigen Gedanken der islamischen Religion auch nicht den Schatten eines Verständnisses hat und in Ermangelung eines solchen glaubt, der Islam bestehe aus nichts anderem als kultischen Äußerlichkeiten und Ähnlichem.

Hortens Worte sind auch heute noch aktuell, leider mit zusätzlichen Themenfeldern wie dem Vorwurf des fehlenden Feminismus, der angeblich noch nötigen Aufklärung und unaufhörlichen Aufforderungen nach Reformen des Islams zu «moderaten» Strömungen. Dies ist ein vor allem eurozentrischer Blick, der dem kolonialen sowie imperialen Denken entspringt und so nur kurzsichtig bleiben kann. Wann haben wir in der Gesellschaft das letzte Mal die Forderung nach modernen oder progressiven christlichen Strömungen breit diskutiert? Aber auch Hortens Worte sind zu vereinfachend und teilweise vereinnahmend.

Ebenfalls dürfen wir christlich-theologisch geprägte oder eurozentrische Begriffe wie «Gottesstaat», «heiliger Krieg», «liberal», «säkular», «Aufklärung» oder «reformiert» nicht einfach mit Begrifflichkeiten anderer Religionen gleichsetzen. Schon der Ausdruck Religion entspricht nicht dem arabischen Wort Dîn. Dîn bedeutet je nach Kontext eher eine freiwillige Hingabe oder auch schuldmäßige Verpflichtung zu einer friedfertigen Lebensweise oder Lebensordnung. Jede Religion hat ihren eigenen Wortschatz. Wir erzeugen einen verzerrten Blick, wenn wir das eigene religiöse, kulturelle Vokabular für eine andere Religion voraussetzen. Ein Kalifat ist zum Beispiel nicht ein «Gottesstaat». Dschihād ist mit Engagement zu übersetzen anstelle eines «heiligen Krieges» und in vielfältigen Bedeutungsnuancen zu differenzieren!

Gerade auch Vorstellungen von Reinheit, Sexualität und Schönheit haben sich kulturell gegenseitig beeinflusst. Viele als religiös gedachte Meinungen wie eine Homosexuellenfeindlichkeit in der heutigen Form oder Moralvorstellungen zur Sexualität widerspiegeln eher eine viktorianisch-christliche Haltung, die sich in vielen muslimischen Gesellschaften durchsetzte und die gläubige Menschen übernahmen, als eine traditionell religiöse.

Der sogenannte weiße Feminismus

Nicht wenige muslimische weibliche Gelehrte distanzieren sich deshalb vom Begriff des «Feminismus». Sie sehen darin eine eingeschränkte und nicht selbstreflexive Weltanschauung bzgl. der Frauen. Es ist schlicht unmöglich diese unter dem Begriff «feministisch-islamische Studien» oder andere ähnliche Wortgebilde zusammenzufassen. Dieser Feminismus steht für gewisse dieser Frauen im Allgemeinen für die Befreiung eines Typs von Frau: die weisse Frau aus der Mittelschicht – der sogenannte weiße Feminismus.

Dies betrifft auch andere Lebensbereiche, die von Klassismus wie auch Rassismus betroffen sind. So sind nun weitere Feminismen entstanden, die PoC (People of Color), queere oder marginalisierte Frauengruppen als weitere wesentliche Basis nehmen. Dadurch entstehen entkolonialisierte Feminismen. Sie sind darum bemüht, den imperialistisch orientierten Perspektiven auf gesellschaftliche Zusammenhänge bessere Modelle gegenüberzustellen. Diese berücksichtigen zudem die Intersektionalität.

Typischer Streitpunkt: Tragen des Schleiers

Nehmen wir das Tragen des Schleiers als Beispiel. Der weiße Feminismus betrachtet den Schleier als eine Unterdrückung und die Frau muss teils missionarisch drauf hingewiesen und befreit werden, damit sie ihre Haut und Haare zeigen kann. Ein entkolonialisierter Feminismus vertritt die Position, dass wenn sich eine Frau aus freien Stücken verschleiert, sie feministisch und eben nicht unterdrückt ist; sie entscheidet sich aus eigener Handlungskompetenz heraus für ihr Kopftuch. Erst wenn sie tatsächlich gezwungen wird, aus welchen Gründen auch immer, ist sie als unterdrückt zu betrachten.

Auch frühere weibliche Gelehrte zeitversetzt als «Feministinnen» zu bezeichnen, wie etwa das Beispiel Sukaynas weiter oben, zeigt einen Mangel an Verständnis über kulturellen Kontext. Sie als Beispiel anzuführen und zu verlangen, dass alle Frauen wie Sukayna sein müssten, um als Feministin zu gelten, wäre wiederum ein kolonialistisches, anachronistisches Denken und stelle ein großes Missverständnis Sukaynas und ihrer Motive dar.

Den islamischen Feminismus neu definieren

Andererseits gibt es wiederum viele, die den Begriff des islamischen Feminismus für sich neu definieren und bewusst beanspruchen. Persönlich kenne ich viele Musliminnen, die sich auch bewusst Feministinnen nennen. Auch gibt Versuche neue Begriffe zu definieren und zu verwenden. Es geht für mich schließlich darum, dass wir lernen Begriffe nicht trennend, sondern einigend zu verwenden. Gott möchte von uns Einheit in der Vielfalt (Koranverse 3:102-105, 6:159, 11:118-119, 42:8). Lila Abu-Lughod ruft in ihrem Aufsatz zu einem differenzierten Vorgehen auf:

«Ich argumentiere, dass wir stattdessen eine ernsthafte Wertschätzung der Unterschiede unter den Frauen dieser Welt entwickeln – als Ergebnis unterschiedlicher Geschichten, Erscheinungen verschiedener Umstände und Ausdrucksformen andersartig strukturierter Wünsche.»

Do Muslim Women Really Need Saving?

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass nur europäische Geistliche und Philosophien schuld an den Miseren wären. Es gibt viele muslimische Gelehrte, die eindeutig sehr frauen- oder sexualitätsfeindlich waren, etwa die berühmten Gelehrten As-Sarachsi oder Ibn Dschawzi. Wichtig ist hierbei jedoch, dass die muslimische Gelehrsamkeit im Generellen lange eine Kultur der Ambiguität pflegte und viele Positionen gleichzeitig diskutierten. Diese Pluralität und Mehrdeutigkeit gingen durch die Moderne leider verloren, indem westliche Narrative der Suche nach Eindeutigkeit ebenfalls übernommen wurden. In jüngster Zeit sind glücklicherweise Aufbrüche zu mehr Ambiguität in europäischen Diskursen zu beobachten.

Koran als Inspiration für eine gendergerechte Theologie

Viele argumentieren, dass der Koran eine Inspiration für eine gendergerechte Theologie bietet. Dieser Überzeugung bin ich auch. Jedoch müssen wir dazu den Koran in seinem historischen, sowie altarabisch-sprachlichen Kontext verorten. So können wir dann aus dem Text ableiten, dass Partner ihre Beziehung auf Augenhöhe zu pflegen haben (Koranverse 2:187, 9:71, 24:26) und vor Gott die Geschlechter und ihre Taten generell gleichwertig sind (33:35, 3:195, 16:97). Partner sollen Ruhe beieinander finden können (30:21).

Unsere Gesellschaft funktioniert also besser, wenn nicht die Geschlechter untereinander im Fokus stehen, sondern, wenn wir Ruhe anbieten und aufrechterhalten können auf materieller, psycho-sozialer und individueller Ebene. Anders und vereinfacht gesagt müssen wir psychische und gesellschaftliche Sicherheit fördern.

Auch zahlenmäßig kommen Mann und Frau gleich oft vor im Koran, nämlich jeweils 24 Mal. Die Frau entsteht nicht aus den Rippen Adams, sondern alle Menschenkinder teilen sich denselben seelischen Ursprung:

Er schuf euch aus einer einzigen Seele (nafs), hierauf machte Er aus ihr ihr Partnerwesen.

4:1, 39:6

Solche Verse können so gedeutet werden, dass sämtliche Geschlechter gleichzeitig erschaffen wurden und nicht erst nacheinander. Nicht zuletzt deshalb besitzen alle dieselbe Menschenwürde als Kinder Adams, ungeachtet ihrer Taten (17:70). Ich bin würdig und würdevoll, aus dem einfachen Grund, dass ich als Geschöpf Gottes existiere. Ich muss nicht erst meine Würde beweisen.

Der Koran zugunsten der Frauen

Teilweise gibt es Unterschiede im Koran, die zugunsten der Frauen ausfallen. So hat die Frau beim Vorwurf des Ehebruchs oder der Unzucht das letzte Wort (vgl. Sura 24). Eine ähnliche Regelung gibt es nicht für Männer. Ebenfalls wird das Königtum im Koran negativ umschrieben (27:34), aber die positive Ausnahme bildet die Königin von Saba selbst. Sie wählte entgegen dem Vorschlag ihrer Berater nicht den Weg des Krieges und der Konfrontation. Der Weg des Friedens und Dialogs war ihr Weg (27:35). Sie zeigte sich standhaft, weise, reflektiert und einsichtig in gegenseitiger Übereinkunft mit dem Propheten Salomo (27:44).

Frauen wie Maria oder auch die Frau des tyrannischen und despotischen Pharaos werden als besonders rechtschaffene Gläubige beschrieben (66:11-12). Auch die Frauen des Propheten Muhammad sind nicht zu vergessen, die als Mütter der Gläubigen und somit unmittelbar als Vorbilder für alle hochgehalten werden (33:6). Individuelle Unterschiede sind keine Defizite, sondern eine Erscheinung des Menschseins an sich und als solche sind sie zu feiern und zu pflegen (49:13).

Spirituelle Räume rückerobern

Zusammengefasst gibt es also mindestens drei Ebenen, die eine große Rolle spielen. Die erste ist die Bildungs- und Aufklärungsarbeit über das muslimisch kulturelle Erbe. Die zweite Ebene ist die Entkolonialisierung der Diskurse, sodass ein ambiger, pluraler Meinungsaustausch entstehen kann. Dieser kann dann wiederum alle bereichern und berücksichtigt nicht nur eine ausgewählte Gruppe. Dabei müssen auch marginalisierte Gruppen darauf achten, dass sie nicht ihre eigene Perspektive stellvertretend zum «Feminismus» oder zum einzig gültigen Ausgangspunkt erklären oder unbewusst voraussetzen. Die dritte und nicht abschließende Herausforderung wird sein, weibliche Gelehrsamkeit in allen Bereichen wiederherzustellen und auszubauen: Imaminnen und Vorbeterinnen, Koranexegetinnen, Scharia- und Hadith-Expertinnen, Seelsorgerinnen, Theologinnen, Islamwissenschaftlerinnen, Rezitatorinnen, Ritualbegleiterinnen, Historikerinnen, Kulturschaffende in Musik, Poesie wie Literatur und darstellende Künste, Jugendarbeiterinnen und viele mehr.

Dies erfordert unter anderem die Sichtbarmachung all dieser Pionierinnen. Gewisse Frauen müssen dafür aus ihrer Komfortzone raus und die spirituellen Räume rückerobern. Auch ist eine islamisch-theologische Aufarbeitung der ideologischen Hürden vonnöten. Ein Beispiel kann sein, dass alte Fragestellungen wieder aufgegriffen werden, wie etwa die Frage nach der Selbstverständlichkeit, dass auch Prophetinnen nach islamischem Verständnis wirkten.


Weiterführende Literatur:

Kecia Ali: Sexual Ethics and Islam. Feminist Reflections on Qur’an, Hadith, and Jurisprudence. Oneworld Publications, 2016.

Zahra Ali (Hrsg.): Islamische Feminismen. Passagen, 2017.

Katajun Amirpur: Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. C.H. Beck 2013.
Meine Rezension zum Buch: alrahman.de/wie-der-islam-neu-gedacht-werden-kann

Asma Barlas: Re-Understanding Islam: A Double Critique (Spinoza Lectures). Amsterdam, van Gorcum, 2008.

Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Verlag der Weltreligionen, 2011.

Lamya Kaddor (Hrsg.): Muslimisch und liberal! Was einen zeitgemäßen Islam ausmacht. Piper, 2020.

Fatima Mernissi: The Veil and the Male Elite: A Feminist Interpretation of Women’s Rights in Islam. Addison Wesley Publishing Co., 1991.

Aisha Y. Musa: Hadith as Scripture. Discussions on the Authority of Prophetic Traditions in Islam. Palgrave MacMillan, 2008.

Muhammad Akram Nadwi: Al-Muhaddithat: The Women Scholars In Islam. Interface Publications, 2007.

Amidu Sanni: Women Critics in Arabic Literary Tradition with Particular Reference to Sukayna bt. al-Husayn. British Society for Middle Eastern Studies (July 1991): 358–366.

Annemarie Schimmel: Meine Seele ist eine Frau. Kosel Verlag, 1995.

Nimet Seker: Koran und Gender. Exegetische und hermeneutische Studien zum Geschlechterverhältnis im Koran. Hamburg: Editio Gryphus, 2020.

Lana Sirri: Einführung in islamische Feminismen. w_orten & meer, 2017.

Barbara Freyer Stowasser: Women in the Quran. Traditions, and interpretation. New York, Oxford: Oxford University Press, 1996.

Christian Ströbele, Amir Dziri, Anja Middelbeck-Varwick und Armina Omerika (Hrsg.): Theologie – gendergerecht? Perspektiven für Islam und Christentum. Friedrich Pustet, 2021.

Amina Wadud: Inside the Gender Jihad. Women’s Reform in Islam. Oxford, 2006.

Rafia Zakaria: Against White Feminism. Hanser / hanserblau, 2022.

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Abtreibung im Islam ist Mord, WENN…

Wann beginnt das Leben? Und ab wann ist Abtreibung Mord? In der Gottergebenheit (Islam) können diese Fragen mit Hilfe der Lesung (Koran) erörtert werden. Wir zeigen eine Möglichkeit auf diese Fragen Antworten zu finden.

Die Frage nach der Abtreibung kann sehr schnell und leicht die Gemüter erhitzen. Denn die Meinungen erhalten aufgrund individueller Umstände unterschiedliches Gewicht. Wir kennen aus dem Alltag, dass auch jedes Gesetz seine Ausnahmen oder Bedingungen hat. Dies gilt ebenso für sämtliche aus der Lesung abgeleiteten und dadurch als Interpretationen einzustufenden Regeln. Die eigene Kultur, unsere Sozialisierung, unser Bildungs- wie auch Wissensstand spielen eine große Rolle, wie wir welche Positionen erzeugen und einstufen. Die Lesung ist auch ein sehr ambiger Text, der jederzeit Vielfalt und ein ausgeklügeltes, differenziertes Verständnis erfordert und fördert. Eindeutigkeit kann hier höchstens eine Illusion der Sicherheit vermitteln. Sie ist also ein unerreichbares Unterfangen. Je nach Methodik und philosophischen Annahmen (Prämissen) werden unterschiedliche Ergebnisse erfolgen müssen.

Die Frage, ob Schwangerschaftsabbruch verboten ist, wurde nicht erst kürzlich relevant für muslimische Gläubige, ganz zu schweigen für die Gelehrten. Diese setzten sich mit solchen Themen aus allen möglichen Aspekten bereits intensiv auseinander. Fragen wie «wann beginnt das Leben?», «wie ist der Zusammenhang zwischen Seele, Geist und Körper?» und «wann werden die Körper beseelt?» führten zu unterschiedlichen Ansichten unter den Gelehrten. Wichtig ist hierbei die Anmerkung, dass diese (Rechts-)Gelehrten zumeist nicht Theologie im heutigen Sinne betreiben wollten. Sie waren in erster Linie Juristen. Um dogmatische Wahrheitsfindungen kümmerten sich vornehmlich die «Philosophinnen und Philosophen» (mutakallimūn). Es ging ihnen primär um eine systematische, analytische Anwendung der technischen Rechtsmethodik in der Scharīʿa. Diese ist in den Grundsätzen der heutigen europäischen Rechtsmethodik nahe. Dabei konnte ein und derselbe Gelehrte gleichzeitig oder zeitversetzt verschiedene juristische Urteile entwerfen und anwenden.

Für einige Gelehrten galt die Abtreibung ab dem ersten Tag der Schwangerschaft als Tötung einer Seele. Andere meinten wiederum, dass jeweils ab 40, 80 oder gar 120 Tagen erst die Schwangerschaftsunterbrechung oder Abtreibung als Mord verstanden werden kann und somit als verboten gilt. Für andere galt eine individuelle Abwägung, die in der einen Situation eine andere Regel benötigte als in einer neuen anderen Situation. Letzterer Position folge ich auch grundsätzlich. Eine klare Rechtsmeinung gab es nicht, geschweige denn einen Konsens (Idschmāʿ).

Wir möchten versuchen, aus der Lesung eine mögliche Position für eine sehr generalisierte Situation abzuleiten anhand der analytischen Koranhermeneutik, die im Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran beschrieben ist. Dabei möchten wir betonen, dass das Ergebnis eine Richtschnur und kein absolut gültiges Gesetz für jede einzelne mögliche Situation darstellen soll. Der Koran leitet dazu an, sich stets differenzierter Gedanken zu machen und nicht bei einem einzelnen Ergebnis stehen zu bleiben. Das Leben ist Dank der kreativen Gunst und Liebe unseres Schöpfers voller Farben und nicht nur schwarz-weiss. Die hier aufgeführten Gedanken sind keine neuen Ideen. Wir bedienen uns an bereits bestehenden Überlegungen von verschiedenen Gelehrten, wie zum Beispiel Yaşar Nuri Öztürk oder Edip Yüksel, nur um zwei zu nennen, die wiederum auf den Ideen anderer Gelehrten aufbauten.

Zusammenhang zwischen Leben und Seele?

Wichtig sind die Definitionen der Worte wie Leben oder Seele. Ist das Töten von Leben dasselbe wie das Töten einer Seele? Bakterien können ebenfalls als Leben verstanden werden und somit auch ein Fötus, der sich lebendig weiterentwickelt. Jede Stammzelle kann als lebendiger Grundbaustein des Lebens verstanden werden, worin der genetische Code eines Menschen verzeichnet ist. Eine genetische Struktur zu haben bedeutet nicht eine Persönlichkeit mit einer Seele zu besitzen. Die Summe ist mehr als ihre Einzelteile.

Die Lesung unterscheidet zwischen Leben (ḥayāh) und Seele (nafs). Das Wort Seele ist nicht ganz passend, jedoch ist die Diskussion für einen anderen Artikel vorgesehen. Laut der Offenbarung sind ebenfalls Pflanzen und Tiere lebendig. Auch unser formloser, geschlechtsloser Gott ist der Lebendige (al-hayy). Dem Menschen wird jedoch eine besondere Beziehung zwischen Leben und Seele attestiert, indem uns vom göttlichen Geist (rūḥ) eingehaucht wird (15:29). Statt von Seele könnte man auch von einem besonderen Bewusstsein sprechen. Die Diskussion ist auf philosophischer Ebene sehr schwierig, da es naturwissenschaftlich-philosophische Argumente für ein komplexes Bewusstsein auch bei Tieren mit Wirbelsäulen und einem vegetativen Nervensystem gibt.

Durch die in der Lesung dargelegten Unterschiede erhalten die Menschen nun die Erlaubnis, sich Pflanzen oder Tiere zu Nutze oder «dienstbar» zu machen (22:37, 31:20). Das Töten von Tieren zum Verzehr von Fleisch wird beispielsweise nicht als Mord eingestuft. Dies heißt nicht, dass der Mensch mit der Umwelt und den Mitgeschöpfen blind verfahren kann, wie er möchte. Umweltschutz und Sorge zur Umwelt und den Geschöpfen sind aus vielen anderen Gründen auch gottergebene (islamische) Pflichten. Da die Berücksichtigung individueller Umstände in einem allgemeinen Prinzip unmöglich bleiben wird, ist das Recht nach Selbstbestimmung eines der wichtigsten Prinzipien:

Kein Zwang in der (gottergebenen) Lebensweise. […]

2:256

Eine gläubige Person wird in ihrem Gottvertrauen immer wieder geprüft und hat deshalb zu erlernen, wie dieses auch in schwierigen Situationen aufrechterhalten werden kann. Sie kann nicht Vertrauen und Verständnis in Gott und seine Gebote durch Zwang aufbauen. Vertrauen und Zwang schliessen sich aus.

Was ist Mord?

Mord ist im Koran der ungesetzliche, ungerechte, unethische Akt der Tötung eines Menschen. Mord ist also das Beenden einer menschlichen körperlichen und seelischen Verbindung.

Gott beruft die Seelen zur Zeit ihres Todes ab, und auch die, die nicht gestorben sind, während ihres Schlafs. Er hält die eine (Seele), für die Er den Tod beschlossen hat, zurück, und Er entsendet die andere auf eine bestimmte Frist (zurück in ihre Körper). Darin sind Zeichen für Leute, die nachdenken.

39:42

Aus diesem Vers ist erkennbar, dass im Schlaf unsere Seele oder unser Selbst (nafs) temporär an einen anderen Ort geht. Die Seele ist also nicht der Körper selbst, der in der physischen, diesseitigen Dimension verbleibt. Die Seele kostet dabei den Tod (3:185), wenn der Körper stirbt. Aber wenn der Körper noch intakt genug ist, wenn er also nicht tödlich verletzt ist, kann ein Körper auch ohne Seele weiter funktionieren. Von einigen wird hier spekulativ das Beispiel von Jesus angeführt, dessen Seele zumindest nicht mehr im Körper war, als sein Körper gekreuzigt wurde (4:157).

Aus diesem Grund schrieben Wir den Kindern Israels vor: Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet. […]

5:32

Eine Person (Nafs) oder Seele ohne irgendeine Rechtsgrundlage, etwa bei Selbstverteidigungskriegen, Notwehr oder Notwehrhilfe, zu töten, ist eine enorme Sünde. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mensch gläubig ist oder nicht, welcher Nation oder welchem Stamm er angehört und wie alt er ist. Jede Seele ist gleich wertvoll. Wenn das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter als «Seele» gilt, ist auch die Abtreibung als Ermordung einer Seele aufzufassen. Dies ist die wesentliche, relevante koranische Argumentation, was die Abtreibung betrifft. Dies könnte selbst die pränatale Diagnostik tangieren.

Leben beherbergen bedeutet also nicht notwendigerweise eine Seele zu besitzen. Ein Körper ist nicht die Persönlichkeit oder die Seele selbst. Die Empfängnis beim Sex kann demnach so betrachtet werden, dass Leben bereits bei der Befruchtung entsteht. Die nun essenzielle Frage ist, wann dieses Leben und dieser Organismus beseelt werden.

Gott verurteilt das Töten Neugeborener

Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung! Wir versorgen sie und euch (mit Lebensunterhalt). Gewiss, sie zu töten ist eine schwere Verfehlung.

17:31

Der historische Rahmen des angeführten Verses, der ähnlich in 6:151 wiederholt wird, greift der Text wiederum selbst auf. Gewisse Araber töteten damals leider ihre Kinder kurz nach der Geburt aus Scham und Kummer, nachdem sie sahen, dass Mädchen zur Welt kamen (16:58-59). Der Koran verurteilt und verbietet diese Praxis und betont, dass Gott für uns und andere sorgt (6:152).

Einige nehmen diese Verse als Grundlage, dass bereits das Embryo in der Gebärmutter damit gemeint sein müsse. Das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter ist jedoch in dem Sinne noch ein Ungeborenes. Auf Arabisch bedeutet walada gebären oder zur Welt bringen und al-walad (pl. awlād) bedeutet wörtlich der Geborene, was im Vers vorkommt. Es ist demnach unsinnig davon zu sprechen, ein Geborenes in der Gebärmutter zu tragen.

Auf Arabisch wird für Fötus dschanīn (pl. adschinna, vgl. 53:32) mit der sinngemässen Bedeutung umschirmt oder umhüllt verwendet. Ebenfalls werden Wörter wie ʿalaqah (Embryo) oder muḍghah (Klumpen/Fötus) im Koran verwendet (22:5), um den Zustand des Geborenseins von der Entwicklung in der Gebärmutter zu unterscheiden. Ein Fötus ist im allgemeinen Sinne eine körperliche Bürde oder Traglast (ḥaml, vgl. 22:2).

Hier könnte eingewandt werden, dass in der Lesung Maria ein Sohn (Jesus) versprochen wird und dabei das Wort walad vorkommt (vgl. 3:47). Dieser Vers prophezeit einen Sohn, der definitiv zur Welt kommen soll. Damit wird sprachlich und rhetorisch der Umstand bestärkt, dass die Geburt nach der Schwangerschaft garantiert wird.

Die Beseelung geschieht nicht mit der Empfängnis

Die Lesung (Koran) kann so gedeutet werden, dass die Beseelung des Lebewesens erst nach einer gewissen Phase in der Gebärmutter geschieht.

Dann schufen Wir den Tropfen (Sperma) zu einem Embryo, und Wir schufen den Embryo zu einem Fötus, und Wir schufen den Fötus zu Knochen. Währenddessen bekleideten wir die Knochen mit Fleisch. Dann liessen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Gott ist gesegnet, der beste aller Schöpfer!

23:14

Dieser Vers betont die verschiedenen Stufen der Schöpfungsentwicklung im Uterus. Der Koran als ein nicht medizinisch-biologischer Text vereinfacht die Embryologie. Er verpackt komplexeste und detaillierteste Vorgänge in für die Allgemeinheit verständlichen Bildern. Wir haben also vier Phasen der Entwicklung:

  1. Sperma
  2. Embryo
  3. Fötus
    • Entwicklung der Knochen und Umhüllung dieser mit Fleisch
  4. Eine weitere, neue Schöpfung

Daraus ist ableitbar, dass eine neue Schöpfung nicht bereits mit der Empfängnis entsteht. Das Embryo als sich entwickelnder biologischer Organismus ist noch keine Person. Irgendwann in der fötalen Phase erscheint also die Seele.

Der nächste Vers teilt uns mit, dass die gesamte Periode der Schwangerschaft (haml) wie auch des Stillens dreissig Monate andauert.

Und Wir haben dem Menschen aufgetragen, seine Eltern gut zu behandeln. Seine Mutter hat ihn in Angestrengtheit getragen und in Angestrengtheit zur Welt gebracht. Die Zeit von der Schwangerschaft bis zur Entwöhnung beträgt dreissig Monate. […]

46:15

Der nächste Vers beschreibt die maximale Dauer des Stillens als zwei volle Jahre, also 24 Monate.

Und die Mütter stillen ihre Kinder zwei volle Jahre, falls jemand das Stillen vollenden möchte. […]

2:233

In Kombination beider Verse können wir ableiten, dass die Schwangerschaftsdauer für die Seele 30 minus 24 Monate, also sechs Monate dauert. Eine Schwangerschaft nach der Empfängnis dauert gewöhnlich, Ausnahmefälle nicht mitberücksichtigt, etwa 38 Wochen. Je nach Definition in der Literatur können dies 266 bis 268 Tage sein.

Also ist die Dauer der Schwangerschaft, in der noch keine Seele in der Gebärmutter ist, 266 minus 180 Tage (sechs Monate), also 86 Tage. Anders gesagt ist das Ungeborene in der Gebärmutter in den ersten 86 Tagen nach der Empfängnis noch keine Seele.

Diese Zeitspanne ist unseres Erachtens eine Gnade, die Gott uns geschenkt hat. Unser Schöpfer kennt uns, der natürlich um traumatische Erfahrungen wie Vergewaltigungen und Inzest Bescheid weiß. Er gesteht uns so eine gewisse und doch große Autonomie zu im Umgang mit unseren Körpern und im selbstbestimmten Umgang mit traumatischen Erlebnissen.

Sofern das Leben der Mutter während einer Schwangerschaft gefährdet ist, auch nach dem ersten Trimester, gelten dann wieder andere Grundlagen zur Entscheidungsfindung, da diese Situation andere Voraussetzungen liefert als der Verlauf einer gewöhnlichen Schwangerschaft. Die Diskussion dieser und auch anderer Fälle mit anderen Ausgangslagen muss also gesondert zur Abtreibung geführt werden.

Zusammengefasst erhalten wir:

  • Der Koran verurteilt Infantizide (6:151, 16:58-59, 17:31) und ebenso ist die Tötung einer Seele eine grosse Sünde (5:32).
  • Die Seele ist nicht mit einer körperlichen Form gleichzusetzen (39:42).
  • Erst ab einem gewissen Zeitpunkt innerhalb der fötalen Phase erscheint die Seele und eine neue Person wird erschaffen (22:5, 23:14).
  • Die Leibesfrucht in der Gebärmutter ist in den ersten 12 Wochen noch keine «Person» oder «Seele», in dem Sinne noch kein «Mensch».
  • Die Selbstbestimmung steht im Vordergrund (2:256).

Es ist besser, das Kind auszutragen, aber …

Somit ist die Abtreibung erst dann ein Mord, wenn sie nach dem ersten Trimester stattfindet. Wir empfehlen oder schlagen Abtreibung generell nicht vor. Abtreibung soll als eine Option für schwere Fälle verbleiben, besonders für Opfer traumatischer Verhältnisse wie etwa Vergewaltigung oder Zwangsbefruchtung. Gott kennt und versorgt uns, ist uns näher als unsere Halsschlagader (50:16). Er weiß, dass das Vertrauen in Ihn die Voraussetzung dafür ist, auch in schwierigen Situationen der gottergebenen Lebensweise (dīn) zu entsprechen. Für die Schwangerschaft oder ihre Unterbrechung bedeutet dies: Es ist besser, das Kind auszutragen, aber das setzt besonders in schwierigen Situationen Gottesvertrauen (tawakkul) und Sicherheit im Herzen (ʾīmān) voraus.

Kein Mensch hat das Recht, andere dafür zu verurteilen, wenn dieses Vertrauen noch nicht entstehen konnte. Wir sind keine Maschinen im Glauben. Gott liebt und vergibt uns mit all unseren Fehlern. Umgekehrt ist die Gesellschaft verpflichtet, Situationen zu schaffen, die das Vertrauen zumindest auf juristischer, materieller, psychisch-sozialer Ebene herstellen. Das heißt: keine Verurteilung, Herabsetzung, Verspottung der Schwangeren, die es nicht geschafft hätten zu verhüten und nur auf ihren eigenen Spass aus gewesen seien und ähnliche Argumentationsmuster. Ebenso wenig dürfen wir Bildungschancen sowie finanzielle Sicherung versperren.

Letztlich ist die Entscheidung aber eine Sache zwischen der betroffenen Frau und Gott. Dem Partner bleibt nichts anderes übrig als sich beratend liebevoll zur Seite zu stellen und bei einer Uneinigkeit die Trennung bzw. Scheidung als letzte Konsequenz zu nehmen, wenn die Differenzen unüberbrückbar sind.

Und Gott weiß es besser.

Hinweis: Dieser Artikel verwendet Elemente angelehnt an eine damals im Austausch unveröffentlichte Textfassung einer werten Schwester, die nun als eigener Artikel zu lesen ist: Schwangerschaftsabbruch

blackboard with your life matters inscription on black background

Ich bin würdevoll

(Der Text ist eine verkürzte Verschriftlichung einer Freitagsansprache vor unserem Versammlungsgebet.)

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen

35:18 Und keine Lasttragende trägt die Last einer anderen. Und wenn eine Schwerbeladene (zum Mittragen) ihrer Last aufruft, wird nichts davon (für sie) getragen, und ginge es auch dabei um einen Nahestehenden. Du kannst nur die warnen, die ihren Herrn im Verborgenen fürchten und den Kontakt aufrecht erhalten. Und wer sich läutert (zakâh), läutert sich zu seinem eigenen Vorteil. Und zu Gott führt der Lebensweg.

Das arabische Wort zakâh wird gemeinhin fürchterlich und falsch als “Almosensteuer” übersetzt. Jedoch bedeutet das Wort Läuterung und hat einen enorm wichtigen Wert in der Lesung (Koran). Gott schreibt sich selbst Barmherzigkeit vor. Er behält Seine Gnade denen vor, die Achtsamkeit (taqwa) pflegen und zur Läuterung (zakâh) ihrer Selbst und dieser Welt beisteuern (vgl. 7:156, 6:12, 6:54). Dabei ist der Fokus die Hilfeleistung für andere im Dienste Gottes und keine Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, dass ich Leistung beweise, indem ich diese oder jene Errungenschaften ergattere. Ich habe durch meine Würde in mich selbst genügsam und dankbar zu sein. Genügsamkeit entsteht durch eine innere Haltung, die auch zur Selbstgenügsamkeit im positiven Sinne führen kann. Sie ist nicht auf äusseres Handeln aus. Ich darf nicht einfach nur Performance leisten. So wird etwa das Gebet kritisiert von denen, die “gesehen” werden wollen:

8:35 Und ihr Gebet beim Haus ist nur Pfeifen und Klatschen. So kostet die Pein dafür, dass ihr abzuleugnen pflegtet.

107:1 Sahst du den, der die Lebensordnung (dîn) leugnet?
107:2 Das ist nämlich der, der die Waise zurückweist
107:3 und nicht die Speisung des Bedürftigen fördert.
107:4 So wehe den Kontakthaltenden (Betenden),
107:5 die in ihrem Kontakt (Gebet) geistesabwesend sind,
107:6 die sich zur Schau stellen
107:7 und das Hilfesystem verhindern!

Besonders in Sura 107 wird klar, dass eine innere ganzheitlich tragbare Haltung zur Lebensordnung bzw. Lebensweise (dîn) der Gottergebenheit (islâm) erforderlich ist. Das Helfen bzw. die Hilfeleistung für Andere erhält mehr Gewicht als eine Perfektionierung meiner Selbst. Grundsätzlich sollten wir uns innerlich entwickeln aus dem Wunsch heraus, anderen zu helfen. Damit wir für die Familie, Gemeinschaft oder Gesellschaft da sein können mit unseren Talenten (13:11, 8:53, das Konzept an-nafs al-lawwâma = die selbstkritische und reflektierende Seele – 75:2).

2:20 Beinahe raubt der Blitz ihre Blicke. Jedes Mal leuchtet er für sie, dann gehen sie darin und wenn es sich um sie verdunkelt, dann stehen sie. Hätte Gott gewollt, dann hätte er ihr Gehör und ihre Blicke weggenommen. Gott ist gewiss über alle Dinge mächtig.

Dieser Vers ist sehr interessant in Bezug auf den Umgang mit Wissen und Weisheit. Gottessuchende gehen auch dann, wenn sie keinen Blitz sehen, weil sie das Licht Gottes zur Hilfe nehmen. Dieses Licht ist in jedem von uns. Das heisst, ich kann mein inneres Licht, den göttlichen Geist (ruh) in uns allen, für andere zur Verfügung stellen. Das Licht anderer dient dann als Orientierung für mich. Blitze sind hier symbolisch externalisierte Orientierungspunkte, die die materielle Welt meritokratischen Denkens, also leistungsorientiertes Denkens repräsentieren können. Unser Blick und unsere Hörsinne (wörtlich wie auch metaphorisch) sollen also geschärft bleiben und nicht abgelenkt werden. Jedoch müssen wir dies nicht extra erlernen. Gott hat uns diese Fähigkeit bereits geschenkt, wir müssen sie nur im Innern erkennen. Deshalb verwechseln viele die Reihenfolge: Nicht tun, um etwas zu sein. Sondern aus dem Sein heraus dürfen und können wir tun.

17:70 Wir haben doch wahrlich die Kinder Adams geehrt / den Kindern Adams Würde verliehen und sie über Land und Meer getragen und sie versorgt mit guten Dingen und sie ausgezeichnet, eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir geschaffen.

Ich bin also würdig und würdevoll, allein weil ich existiere, allein weil Gott mich erschuf. Meine Würde muss ich nicht erst noch beweisen. Ich muss nicht „perfekt“ in der Einhaltung der Gebete sein oder schon seit Ewigkeiten das Fasten ohne Unterbruch einhalten. Wir werden über Land und Meer getragen, auch im symbolischen Sinne wiederum. Das Land umschreibt die materielle Welt und die Meere die geistige, emotionale Welt des Inneren. Wir wurden bereits ausgezeichnet und müssen uns nicht erst noch Auszeichnungen erarbeiten. Aus diesem Grund kritisiere ich das materialistisch gedachte Hassanat-System. Sie ist sowieso unkoranisch, trotz der guten Absicht, mit der die Gelehrten wohl das neu zugedachte System bemühten.

Abschliessend möchte ich aufzeigen, wieso die überhöhte Selbstoptimierung unnötig ist. Laut der Lesung werden die guten Taten verzehnfacht, die schlechten Taten jedoch bleiben gleich in ihrer Wertigkeit:

6:160 Wer mit Gutem kommt, erhält zehnmal soviel. Und wer mit Schlechtigkeit kommt, dem wird nur gleichviel vergolten. Und ihnen wird dabei nicht Unrecht getan.

Ich muss mich also im Guten nicht verausgaben. Mit einer kleinen guten, gewöhnlichen Hilfestellung aktiviere ich bereits islamische Superkräfte. Ich muss mich engagieren, also eine liebevolle Abmühung (dschihâd) üben. Ich habe aber mich nicht zu überstrapazieren. Das heisst, ich muss nur ein Zehntel dessen erreichen, was Propheten geleistet haben, um die „prophetische Stufe“ zu erreichen. Und wir sind nicht einmal dazu verpflichtet laut Koran, da wir keine Propheten sind. Wir können also weniger als ein Zehntel dessen anstreben, was die Propheten und Gesandten, Friede sei auf allen, erreicht haben. Welch befreiende Einfachheit! Dies bekräftigt Vers 33:45, wonach die Verurteilten nicht einmal ein Zehntel dessen erreicht hätten, was anderen zukam.

Weniger ist tatsächlich mehr in der Gottergebenheit laut der Lesung! :leichtes_lächeln:

In der Unendlichkeit des Kosmos sind wir bedeutungslos klein, aber für Gott sind wir bedeutungsvoll, eben würdevoll.

man love people woman

Ist eine Adoption verboten laut Koran?

Einige Muslim:innen führen die Verse 33:4-5 an, um die Adoption insgesamt im Namen des Islams (Deutsch: Gottergebenheit) zu verbieten. Schauen wir mal genauer auf die sinngemässe Übersetzung:

33:4 Gott machte keinem Menschen zwei Herzen in seinem Inneren. Und Er hat eure Partner, von denen ihr euch durch den Rückenspruch trennt, nicht zu euren Müttern gemacht. Und Er hat eure Adoptivkinder nicht zu euren Kindern gemacht. Das ist eure Aussage aus euren Mündern. Aber Gott sagt die Wahrheit, und Er leitet zum Weg recht.
33:5 Nennt sie nach ihren Vorfahren. Das ist gerechter bei Gott. Wenn ihr ihre Vorfahren nicht kennt, dann gelten sie als eure Geschwister in der Lebensordnung und eure Schützlinge. Und es ist keine Sünde für euch, was ihr hier verfehlt habt, sondern was eure Herzen vorsätzlich anstreben. Und Gott ist vergebend, gnädig.

Im ersten zitierten Vers werden also Aussagen des Aberglaubens verworfen. So lernen wir, dass wir in unserer Seele eine Einheit bilden und nicht mehrere Ursprünge haben. Ebenso wird der sogenannte Rückenspruch abgelehnt. Dieser kommt auch am Anfang der Sura 58 vor. Wir dürfen also Adoptivkinder nicht als leibliche Kinder missverstehen. Sie sind keine genetischen Nachfahren. Laut 33:4-5 müssen die Adoptivkinder weiterhin den Familiennamen der Eltern tragen. In Vers 5 erfahren wir, dass wir nicht nach Formalitäten, sondern nach dem, was in unseren Herzen als reine Absicht ist, gehen sollen. Zusätzlich ist der historische Kontext der Verse wichtig, damit wir die Botschaft hinter den Versen korrekt verstehen.

Durch die Adoption und falsche Gesetze nicht enterben

Insofern waren Erbstreitigkeiten ein Ausgangspunkt für die Gelehrten. Es geht darum, nicht mittels Gesetzen die Kinder zu enterben oder sie ihrer Rechte zu berauben. Heutzutage steht die Adoption in einem neuen Licht und so sind die Verse nicht ohne Weiteres anwendbar. Wir müssen die aktuelle Gesetzeslage unserer Gesellschaften kennen. Die Erbschaft ist eine wichtige Fragestellung im Koran. Denn die Menschenwürde zu achten ist in der Gottergebenheit wesentlich. Genauso wichtig ist es Verwandtschaften zu berücksichtigen (8:75). Berauben wir durch falsche Gesetze adoptierte Kinder ihrer Vermögen oder allgemein ihrer Entwicklung, machen wir uns Gott zum Feind. Wir handeln dann moralisch schädlich und ungerecht. In Sura 2 und Sura 4 gibt es u.a. ausführliche Verse zur Erbschaft.

man love people woman

Kurz gesagt: Adoption ist erlaubt, sofern damit ein Akt der Liebe geschehen soll. Sie ist erlaubt, wenn einem Kind damit geholfen wird; dies unter Bewahrung der Erbschaftswege für das adoptierte Kind und unter Beibehaltung des Familiennamens.

Nachdenkliches Mädchen - Enthaltsamkeit

Ramadan: Eine Zeit der Enthaltsamkeit und Erneuerung

Ramadan ist eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Gottergebene («Muslime») Achtsamkeit üben müssen, wenn wir das Fasten in seiner Tiefe verinnerlichen möchten.

2:183 „Ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr achtsam seid.“

Hanif-Übersetzung

Dabei ist diese Übung der Enthaltsamkeit eine Einladung an alle Menschen über die verschiedenen Wege zu reflektieren, wie wir die Gesundheit unserer Seelen über den Rest des Jahres vernachlässigen.

Wir praktizieren einen Monat lang Fasten, Meditieren, Reflektieren und Gebete, um den Mysterien dieses wunderschönen Universums, der Barmherzigkeit und dem Wissen Gottes näherzukommen. Und in diesem Monat war es, in welchem die Lesung («Qur’an») eingegeben wurde:

2:185 Monat Ramadan: In dem die Lesung als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, als Klarstellungen über die Rechtleitung und die Unterscheidung. 

Hanif-Übersetzung

Seelische und gesellschaftliche Revolution

Diese Worte Gottes änderten nicht nur das Leben unseres geliebten Propheten, sondern revolutionierten auch seine Gesellschaft. Sie beeinflussen unsere Welt heute noch. Diese Worte gehen über die Beschreibung der Natur unserer Körper weit hinaus und zeigen uns auf, dass wir den Hauch Gottes in uns tragen und alle aus derselben einen Seele erschaffen sind (4:1, 15:29). Wir sind alle miteinander verbunden.

Diese Revolution, die beim Propheten zunächst in seiner Seele stattfand und dann in der Gesellschaft, sollte auch die Erfahrung von Gottergebenen in ihrem eigenen Ramadan sein, zusätzlich zur Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Sex von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese intensive Disziplin sollte uns näher zu Gott bringen, indem wir unsere grundlegendsten Wünsche und Bedürfnisse kontrollieren. Dadurch erreichen wir eine höhere Ebene des Bewusstseins, um eine tiefere Hingabe gegenüber Gott zu leben.

Indem wir uns buchstäblich entleeren, einerseits physisch von Nahrung und andererseits spirituell von unserer Anhänglichkeit gegenüber allen Dingen, die uns von Gott weg bewegen, schaffen wir Raum. Wir schaffen den nötigen Raum, in dem unsere Seelen erneut gedeihen können. So wie bei einem vollen Glas nichts mehr hinzugefügt werden kann, ist es nicht möglich, einer von sich selbst gefüllten Seele Raum zu geben für Gott. Es muss eine Lücke entstehen.

Unsere Seelen atmen im Ramadan aus, damit wir beim Einatmen die Barmherzigkeit Gottes, sozusagen frische Luft empfangen können. Es ist kein Zufall, dass viele Meditationen mit dem Atmen arbeiten, um diese symbolische Verbindung zu verinnerlichen. Vom ersten Atem bis zum letzten widmen wir uns deshalb Gott:

6:162 Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.

Übersetzung von Adel T. Khoury

Es kann deshalb ein sehr positives Zeichen sein, wenn wir im Verlauf des Ramadan ein Gefühl der Leere oder der Erdrückung empfinden. Dies ist die seelische Wirkung der Enthaltsamkeit, die den so dringend benötigten Raum schafft.

Gott steht uns dabei stets zur Seite. Es liegt nur an uns, dass wir Seine gütige, liebende und leitende Gegenwart in diesem neu geschaffenen Raum spüren. Durch die Anrufungen erklären wir Gott gegenüber unsere Unfähigkeit, immer das zu tun, was nötig ist. Das Fasten mag sehr schwer vorkommen, die innere, seelische Arbeit sehr anstrengend sein. Es kann sogar so stark werden, dass wir das Gefühl entwickeln, keine Luft zu bekommen. Der Gedanke: «Ich kann das nicht machen, Gott!», zeigt auf, wie viel Raum wir uns selbst noch einräumen in unseren Seelen. Wir müssen uns innerlich entleeren, damit wir mehr Raum haben für das Göttliche. Wahre Ergebung und das Ego können nicht im selben Behälter fortbestehen.

2:186 Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich nah, antworte auf den Ruf des Rufenden, wenn er mich rief. Sie sollen dann mir antworten und an mich glauben, auf dass sie vernünftig sind.

Hanif-Übersetzung

Im Ramadan fand die erste Eingebung zwischen dem Heiligen und dem Siegel der Propheten (33:40) der Gottergebenheit («Islam») statt. Ramadan ist demnach eine Zeit, in der das Selbst hinterfragt und entleert wird. Dies kann schmerzhaft sein. Doch erst dieses Reflektieren erlaubt es uns, die Rechtleitung Gottes zu erhalten. Ohne eine seelische Änderung wird auch kein Wandel stattfinden (13:11). Gerade diese Einengung, den seelischen Gürtel enger zu schnallen, lässt unsere Seelen erneuern und sich erholen. Liebe zu erfahren und Kummer zu zeigen ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit – Gottes Barmherzigkeit. Und die Barmherzigkeit Gottes ist für fortgeschrittene Seelen gedacht, die zeitgleich mit Stärke und Feingefühl durch die Welt wandern. Diese Seelen achten auf ihre Umwelt und Mitmenschen, üben Achtsamkeit («Taqwá»), und sorgen durch eine allseits gerichtete Läuterung («Zakâh») für eine Verbesserung sämtlicher Umstände (7:156).

Barmherzigkeit

Dies bedeutet, dass wir uns im Ramadan auch all dessen bewusst werden, was uns von dieser Rückverbindung mit uns selbst und Gott ablenkt. Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt (6:12, 6:54), so haben wir uns selbst auch Barmherzigkeit zu zeigen. Sollten wir gewisse Ziele nicht erreichen, so beginnen wir einfach von Neuem.

Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt, sollte unser Fokus dann nicht auch Barmherzigkeit, Vergebung und Verzeihung sein?

Lasst uns wieder bewusst werden, was die Bismillah bedeutet: im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen. Dieser Satz wird unter Gottergebenen oft zu Beginn einer Tätigkeit ausgesprochen. Al-Rahman, der Erbarmer, Al-Rahiim, der Gnädige. Beide entstammen dem Wort rahmah, Barmherzigkeit, und haben eine Verbindung zu rahim, Gebärmutter. Gott, der Leben aus Seiner Barmherzigkeit heraus in den Gebärmüttern erschafft, zeigt uns die Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und der Erschaffung. Wir müssen uns um unsere Familien und genauso um unsere Mitgeschöpfe aller Art gnädig kümmern.

Genauso sollten wir uns um uns selbst kümmern. So sollten wir zum Beispiel behutsam und bedacht unser Fasten brechen, traditionell mit einer Dattel und einem Schluck Wasser, während die ganze Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist mit vollem Herzen (und Zunge) dabei zu sein und Dankbarkeit zu üben.

Dankbarkeit

2:185 … So sollt ihr die Anzahl vervollständigen und Gott hochpreisen dafür, dass Er euch rechtleitete, auf dass ihr dankbar seid.

Hanif-Übersetzung

Gerade im hungrigen, ermüdeten Zustand ist diese innere Haltung wichtig. Nicht der Moment des Fastenbrechens, die Nahrungsaufnahme, soll im Vordergrund stehen, sondern die Dankbarkeit, die durch die Enthaltsamkeit und das Fastenbrechen entsteht.

Die Enthaltsamkeit ist dabei auch mit einem Blick auf die Gemeinschaft und den Kontakt zu Gott («salâh») zu üben. Die eigene Seele mehr schweigen zu lassen, um gemeinsam aufeinander zu achten. Damit kann das Fasten auf eine gesunde Art und Weise und emotional erfüllend verlaufen. Auf diese Weise können Kinder unter Aufsicht nach gesundem Menschenverstand fasten und somit schrittweise und behutsam dem Ramadan näher gebracht werden. Auch die Fürsorge gegenüber älteren Mitmenschen und das Bewusstsein für die Tiere als Geschöpfe können so schöne Erinnerungen schaffen.

Aufklärung

Neben der Sanftmut gehört es auch dazu, das eigene Denken zu hinterfragen in der Lebensordnung. An welcher Tradition hafte ich aus welchen Gründen? Ist das, was ich für die Gottergebenheit halte, wirklich ein Bestandteil der koranischen Eingebung? Aufklärung ist eine gottergebene Pflicht. Nicht umsonst wird in der Lesung das blinde Befolgen unserer Vorväter angeprangert (2:170). Wir müssen klar unterscheiden zwischen der göttlichen Eingebung und hinzugedichteten Meinungen. Ansonsten enden wir bei einer Lebensordnung, die Gott nie verordnet hat (42:21).

Wir sind von der Einheit Gottes überzeugt. Diese Überzeugung der Einheit muss aber auch auf unser Denken einwirken, indem nur der Erbarmer unser Beschützer («mevlana»), unser Herr («rabb») und unser Lehrer ist (55:1-2). Lassen wir zu, dass Menschen oder Idole die Kontrolle über unseren Lernprozess innehaben, machen wir uns der Beigesellung («schirk») schuldig. Dadurch sind wir nicht mehr zur Aufklärung in der Lage, da wir uns von der Rechtleitung Gottes ausschließen. Auch hier gilt es Enthaltsamkeit zu üben.

Die Abmühung («Dschihâd») zugunsten der Gerechtigkeit und den Menschenrechten ist wahrscheinlich das Beste, um Identität zu stiften. Sich für andere einzusetzen ist ein wichtiger Teil des Dienstes an Gott und ein notwendiger Pfad zur Selbsterkenntnis. Dazu gehört auch das Zelebrieren unserer Geschwister, die sich leise oder auch laut für die Menschenrechte einsetzen.

Hoffnung

Einige denken jetzt vielleicht an die vielen Ungerechtigkeiten und Schmerzgefühle, die wir durch die ständige mediale Darstellung erlitten haben. Einige mögen gar Wut empfinden und sich unterdrückt fühlen. Es ist aber nicht richtig, in dieser Opferhaltung zu verharren. So heißt es doch:

39:53 Sprich: O meine Diener, die ihr gegen euch selbst Übertretungen begangen habt, gebt die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht auf. Gott vergibt die Sünden alle. Er ist ja der, der voller Vergebung und barmherzig ist.

15:56 Er sagte: »Nur die Abgeirrten geben die Hoffnung auf die Barmherzigkeit ihres Herrn auf.«

Übersetzung von Adel T. Khoury

3:134 Diejenigen, die in Freude und Leid ausgeben, die die Wut unterdrücken, und die den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen

Hanif-Übersetzung

Diese Worte sind eine rituelle Reinigung für uns, welche den Schmutz und Dreck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wegwaschen. Sie können uns beschämen und zugleich stärken. Sie beschämen uns, da wir uns der Arroganz der Verzweiflung bewusst werden: Wir haben kein Anrecht auf Verzweiflung, solange es Menschen auf der Welt gibt, die wahrhaft leiden. Wir müssen uns gesellschaftlich und politisch für die Leidenden einsetzen. Diese Worte stärken unsere Seelen, da wir merken, dass unsere Lebensordnung («dîn») auf Hoffnung aufbaut. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die wir mitgestalten müssen. In der Gottergebenheit («Islam») stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

So lasst Abschied nehmen von der giftigen Rhetorik des wir und sie. Wir sind alle aus derselben einen Seele. Es gibt nur ein Wir. Die schier unverständliche Menge an Leiden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit stellen eine Aufforderung zur Tat und Hilfeleistung dar, nicht zur Verzweiflung und Wut. Dadurch erfüllen wir das Gebot Gottes, Gerechtigkeit zu üben (7:29). Zahlreiche Verse gebieten, die Schwachen und Unterdrückten zu schützen und unermüdlich Gutes zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach Gott zuliebe. Dies alles vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Hilfe Gottes, ohne dass wir die Hoffnung auf Besserung aufgeben. Auf diese Weise eliminieren wir beispielsweise Stereotypen, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit und setzen uns ein für die politische Gleichbehandlung aller Menschen.

Enthaltsamkeit bedeutet auch zu schweigen, wenn Schweigen angebracht ist. Wahre Gottergebene gebrauchen eine Sprache, die Frieden fördert. Sie schweigen, wenn sie mit Beleidigungen konfrontiert werden (z. B. «Geh dorthin zurück, von wo du herkommst!»), nachdem sie ihren Mitmenschen Frieden gewünscht haben:

25:63 Und die Diener des Erbarmers sind die, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Törichten sie anreden, sagen: »Frieden!«

Übersetzung von Adel T. Khoury

Mit einer friedlichen Sprache setzen wir uns für die Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. Wir als Gottergebene wissen, dass Gott uns beisteht und Er uns ausreicht (39:36). Wir brauchen keine Anerkennung der Gesellschaft oder irgendwelche Preise zu gewinnen. Unser Preis ist bei Gott, Der alles wahrnimmt und uns lehrt, immer an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zur Tat aufruft. Unsere Stärke in der Hoffnung liegt darin, dass wir die negativen Energien von Rassisten und Menschenfeinden nicht in uns zulassen. Enthaltsamkeit von negativen Energien ist also gefordert. Sie liegt auch nicht in der selbstgefälligen Zufriedenheit der heuchlerischen Rechtschaffenheit. Es geht vielmehr um eine Demut. Die Demut der Erkenntnis, dass wir selbstlos ein ethisch-moralisches, barmherziges Leben führen sollen, um anderen helfen zu können.

76:9 Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir möchten von euch weder Entgelt noch Dank

Hanif-Übersetzung

In dieser Bewusstwerdung während der Enthaltsamkeit liegt wahrhaftig ein innerer Frieden. Ist es nicht aufregend, die lebensbejahende Hoffnung zuzulassen, welche den Hass und die Ungerechtigkeit überwindet und den Schmerz und die Wut in Zuversicht verwandelt? Wir alle haben die Möglichkeit, den Samen der Hoffnung für eine bessere Zukunft zu setzen, anstatt von der Vergangenheit geplagt zu werden.

In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

christen sagen muslimen

Christen sagen Muslimen, wo es langgeht?

Der katholische Theologe Mariano Delgado sagt, der Islam brauche eine Theologie des Einbezugs anderer Religionen. Gottfried Locher meint, Muslime hätten sich wenn nötig stets erneut von Gewalt zu distanzieren und der Islam kenne keine Gleichberechtigung. Der christliche Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt gar, der Islam sei in der Krise und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Beispiele wie diese gibt es unzählige und sind vielfältiger Natur.

Die erste emotionale Reaktion von gottergebenen (muslimischen) Frauen und Männern kann vielfältig sein und mitunter auch Empörung hervorrufen. Einen Ausruf wie „Christen sagen Muslimen, wo es langgeht? Geht’s noch, wieso mischen die sich ein?“ konnte ich auch schon mal vernehmen. Diese Beispiele werfen eine allgemeine Frage auf.

 

Dürfen christliche Theologen Muslimen sagen,
mit welchen Themen sie sich theologisch beschäftigen sollten?

Diese Beispiele und auch viele andere sind keine Überraschung, da wir in pluralistisch geprägten Gesellschaften leben. Vielfalt ist, wenn wir damit richtig umgehen können, ein Segen für uns alle. Dort, wo nur noch Einheit und vor allem geistige Isolation vorherrscht, ist Stillstand vorprogrammiert. Wir brauchen also den wohlwollenden Widerspruch und die konstruktive Kritik unserer Mitmenschen und nicht nur den unserer direkten, gottergebenen Geschwister. Was ist jetzt mit wohlwollend gemeint? Wie können wir sicherstellen, ob bspw. eine christliche Theologin oder ein feurig redender Atheist die Aussagen wohlüberlegt formuliert? Was, wenn diese im Hinblick auf die Wirkung und den Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft von sich gegeben werden? Wie können wir sicherstellen, dass eine Gruppe oder ein Mensch nicht marginalisiert und bedrängt wird? Etwa durch unberechtigte, teils feindlich gesinnte, populistische Kritik. Diese Problematik greift auch Houssam Hamade auf seiner Webseite auf:

 

„Kritik“ an anderen kann dazu dienen, die eigene Gruppe zu vereinen und Selbstkritik abzuwehren. Als schlecht gelten dann immer die Anderen. Sie sind das Schwarz, das unser Weiß heller scheinen lässt. Und die Idee, der Islam sei eine Religion der Gewalt, ob sie wahr ist oder nicht, erzeugt eine tiefgreifende und messbare Stigmatisierung der Muslime oder derjenigen, die muslimisiert, die also überhaupt erst in die Rolle des muslimisch seins gedrängt werden. Männlichen Muslimen wird so unterstellt, dass sie rückständig und aggressiv seien, Musliminnen hätten angeblich kein Rückgrat und die würden die Logik ihrer Unterdrücker verinnerlichen. An dieser Marginalisierung ändert auch die Behauptung nichts, die Kritik des Islam könne getrennt von der Kritik an Muslimen gedacht werden, wie auch der Champion der deutschen Islamkritik (und der ungenauen Analyse) Hamad Abdel-Samad argumentiert. Analog ließe sich dann auch sagen, wer gegen Faschismus sei, müsse Faschisten nicht unbedingt ablehnen. Das kann nicht überzeugen.

 

Was finden wir in der Lesung dazu?

Was ist aber eine koranisch begründbare Vorgehensweise in dieser Frage? Aus einigen Stellen der Lesung (Koran) entnehmen wir, dass wir vorerst keinen Filter einsetzen dürfen. Wir müssen jeder Aussage, gleich welchen Geschlechts, welcher religiöser Anschauung und Charakters, dasselbe Gewicht schenken. Die inhaltliche Auseinandersetzung ist wichtiger als die Person oder die Gesinnung. Wir sind also angehalten, argumentum ad hominem und ad populum zu vermeiden. Dabei dürfen wir jedoch nicht naiv sein und ein Wohlwollen einfach blind voraussetzen. In denselben Stellen ermahnt uns Gott nämlich dazu, dem Besten aus den Aussagen zu folgen. Dies nachdem wir ein Verständnis entwickelt haben. Wir setzen also eine intensive, sachliche Auseinandersetzung mit allen Gesprächspartnern voraus. Siehe exemplarisch die Verse 39:18, 2:44, 17:36 und 10:39.

Im Rahmen dieser Denkarbeit entwickle ich Antworten, die mir in erster Linie selbst zugute kommen. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall. So nehme ich Herrn Delgado primär in seiner Aussage nicht als christlichen Theologen wahr. Ich vermute nichts über seine Absichten, wenn er Sätze mit „Der Islam braucht“ beginnt. Auch dann nicht, wenn er vorschlägt, welche Arbeit muslimische Theologen primär angehen sollten. Ich zwinge mich sozusagen, mich allein auf den Inhalt seiner Aussagen zu beziehen. Ich versuche sie zu verstehen und dahingehend zu prüfen, ob er gewissermaßen Recht haben könnte oder nicht. Im Rahmen dieser geistigen Denkarbeit entwickle ich dann Antworten, die mir in erster Linie selbst zugutekommen. Ich habe dabei nämlich im besten Fall neue Erkenntnisse gewonnen und Möglichkeiten, mich in meiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall für mich.

 

Meine Antworten werden dadurch besser

Dann kann ich, ohne persönlich zu werden (argumentum ad hominem), in aller Ruhe, aber mit Klarheit antworten, dass wir nicht so ohne Weiteres von „dem“ Islam sprechen können. Die Gottergebenen haben sich nicht unermüdlich von Gewalt zu distanzieren. Sie können stattdessen ihre Position öffentlich kundtun, wie sie grundsätzlich zur Gewalt stehen. Wir haben uns nicht dafür zu rechtfertigen, dass es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe. Vielmehr können wir aufgrund unserer Sachkenntnis mitteilen, wie eine systematisch aufgebaute Lesart uns zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Diese Lesart kann die Gleichberechtigung nicht nur fordern und fördern, sondern vorantreiben.

Dieselbe Lesart zeigt uns nämlich auch, dass die Lesung („Koran“) zahlreiche Verse beinhaltet, die andere Religionen aktiv miteinbezieht. Es gibt bereits Jugendgruppen, die auch in einen aktiven, friedlichen interreligiösen Dialog treten. Sie diskutieren auch darüber, inwiefern Andersgläubige ihr Seelenheil erhalten können. Sind wir also gar bereits weiter, als Delgado glaubt?

 

Gegenseitiges Zuhören ist eine Voraussetzung

Wir dürfen dann erwarten, dass unsere Ansichten künftig nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass man proaktiv auf sie hinweist. Diese Position erlaubt einen allgemeinen Austausch, ohne dass wir in allen Bereichen selbst Experten sein müssen. Wir haben nicht zu befürchten, dass andere unsere Ansichten ablehnen, allein weil wir uns selbst gottergeben oder christlich nennen. Die Ansichten von Kennern sollten wir eingehend studieren. Wir sollten selbst, sofern wir Kenner sind und dies auch sachlich zeigen können, Beachtung für unsere Ansichten erhalten. Ein ergebnisoffener Austausch bringt die Gesellschaft meines Erachtens insgesamt weiter.

Insofern dürfen und sollen alle Menschen, nicht nur Theologen, uns Gottergebenen sagen können, womit wir uns zu beschäftigen haben. Die inhaltliche Auseinandersetzung und die selbstgerichtete Aufklärungsarbeit befähigt uns für weitere Entscheidungen. Dadurch wissen wir, ob wir in diese Richtung gehen wollen, sollen, müssen oder nicht.

So ist es eine willkommene Gelegenheit, die Thesen des Religionswissenschaftlers Michael Blume zur sachlichen Diskussion zu stellen. Er vertritt durchaus denkwürdige Positionen. Genauso ist es wünschenswert, dass muslimische Theologen ihren Mitmenschen gegenüber in der Kritik wohlwollend, konstruktiv und vorwärtsgerichtet auftreten. Auch die Gottergebenen können dann zeitweise den Ton angeben zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

Alles in allem können wir bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur gewinnen. Und wer möchte schon kein Gewinner sein?


Verse aus der Lesung

2:44 Befehlt ihr den Menschen die Aufrichtigkeit und vergesst euch selbst, wo ihr doch die Schrift vortragt. Versteht ihr nicht?

10:39 Nein, sie erklären für Lüge das, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen lebten, für Lüge erklärt. So schau, wie das Ende derer war, die Unrecht taten.

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und die Vernunft – sie alle werden zur Rechenschaft gezogen.

39:18 Diejenigen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtleitet, und das sind die Einsichtigen.