Gesellschaft

Nachdenkliches Mädchen - Enthaltsamkeit

Ramadan: Eine Zeit der Enthaltsamkeit und Erneuerung

Ramadan ist eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Gottergebene («Muslime») Achtsamkeit üben müssen, wenn wir das Fasten in seiner Tiefe verinnerlichen möchten.

2:183 „Ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr achtsam seid.“

Hanif-Übersetzung

Dabei ist diese Übung der Enthaltsamkeit eine Einladung an alle Menschen über die verschiedenen Wege zu reflektieren, wie wir die Gesundheit unserer Seelen über den Rest des Jahres vernachlässigen.

Wir praktizieren einen Monat lang Fasten, Meditieren, Reflektieren und Gebete, um den Mysterien dieses wunderschönen Universums, der Barmherzigkeit und dem Wissen Gottes näherzukommen. Und in diesem Monat war es, in welchem die Lesung («Qur’an») eingegeben wurde:

2:185 Monat Ramadan: In dem die Lesung als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, als Klarstellungen über die Rechtleitung und die Unterscheidung. 

Hanif-Übersetzung

Seelische und gesellschaftliche Revolution

Diese Worte Gottes änderten nicht nur das Leben unseres geliebten Propheten, sondern revolutionierten auch seine Gesellschaft. Sie beeinflussen unsere Welt heute noch. Diese Worte gehen über die Beschreibung der Natur unserer Körper weit hinaus und zeigen uns auf, dass wir den Hauch Gottes in uns tragen und alle aus derselben einen Seele erschaffen sind (4:1, 15:29). Wir sind alle miteinander verbunden.

Diese Revolution, die beim Propheten zunächst in seiner Seele stattfand und dann in der Gesellschaft, sollte auch die Erfahrung von Gottergebenen in ihrem eigenen Ramadan sein, zusätzlich zur Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Sex von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese intensive Disziplin sollte uns näher zu Gott bringen, indem wir unsere grundlegendsten Wünsche und Bedürfnisse kontrollieren. Dadurch erreichen wir eine höhere Ebene des Bewusstseins, um eine tiefere Hingabe gegenüber Gott zu leben.

Indem wir uns buchstäblich entleeren, einerseits physisch von Nahrung und andererseits spirituell von unserer Anhänglichkeit gegenüber allen Dingen, die uns von Gott weg bewegen, schaffen wir Raum. Wir schaffen den nötigen Raum, in dem unsere Seelen erneut gedeihen können. So wie bei einem vollen Glas nichts mehr hinzugefügt werden kann, ist es nicht möglich, einer von sich selbst gefüllten Seele Raum zu geben für Gott. Es muss eine Lücke entstehen.

Unsere Seelen atmen im Ramadan aus, damit wir beim Einatmen die Barmherzigkeit Gottes, sozusagen frische Luft empfangen können. Es ist kein Zufall, dass viele Meditationen mit dem Atmen arbeiten, um diese symbolische Verbindung zu verinnerlichen. Vom ersten Atem bis zum letzten widmen wir uns deshalb Gott:

6:162 Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.

Übersetzung von Adel T. Khoury

Es kann deshalb ein sehr positives Zeichen sein, wenn wir im Verlauf des Ramadan ein Gefühl der Leere oder der Erdrückung empfinden. Dies ist die seelische Wirkung der Enthaltsamkeit, die den so dringend benötigten Raum schafft.

Gott steht uns dabei stets zur Seite. Es liegt nur an uns, dass wir Seine gütige, liebende und leitende Gegenwart in diesem neu geschaffenen Raum spüren. Durch die Anrufungen erklären wir Gott gegenüber unsere Unfähigkeit, immer das zu tun, was nötig ist. Das Fasten mag sehr schwer vorkommen, die innere, seelische Arbeit sehr anstrengend sein. Es kann sogar so stark werden, dass wir das Gefühl entwickeln, keine Luft zu bekommen. Der Gedanke: «Ich kann das nicht machen, Gott!», zeigt auf, wie viel Raum wir uns selbst noch einräumen in unseren Seelen. Wir müssen uns innerlich entleeren, damit wir mehr Raum haben für das Göttliche. Wahre Ergebung und das Ego können nicht im selben Behälter fortbestehen.

2:186 Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich nah, antworte auf den Ruf des Rufenden, wenn er mich rief. Sie sollen dann mir antworten und an mich glauben, auf dass sie vernünftig sind.

Hanif-Übersetzung

Im Ramadan fand die erste Eingebung zwischen dem Heiligen und dem Siegel der Propheten (33:40) der Gottergebenheit («Islam») statt. Ramadan ist demnach eine Zeit, in der das Selbst hinterfragt und entleert wird. Dies kann schmerzhaft sein. Doch erst dieses Reflektieren erlaubt es uns, die Rechtleitung Gottes zu erhalten. Ohne eine seelische Änderung wird auch kein Wandel stattfinden (13:11). Gerade diese Einengung, den seelischen Gürtel enger zu schnallen, lässt unsere Seelen erneuern und sich erholen. Liebe zu erfahren und Kummer zu zeigen ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit – Gottes Barmherzigkeit. Und die Barmherzigkeit Gottes ist für fortgeschrittene Seelen gedacht, die zeitgleich mit Stärke und Feingefühl durch die Welt wandern. Diese Seelen achten auf ihre Umwelt und Mitmenschen, üben Achtsamkeit («Taqwá»), und sorgen durch eine allseits gerichtete Läuterung («Zakâh») für eine Verbesserung sämtlicher Umstände (7:156).

Barmherzigkeit

Dies bedeutet, dass wir uns im Ramadan auch all dessen bewusst werden, was uns von dieser Rückverbindung mit uns selbst und Gott ablenkt. Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt (6:12, 6:54), so haben wir uns selbst auch Barmherzigkeit zu zeigen. Sollten wir gewisse Ziele nicht erreichen, so beginnen wir einfach von Neuem.

Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt, sollte unser Fokus dann nicht auch Barmherzigkeit, Vergebung und Verzeihung sein?

Lasst uns wieder bewusst werden, was die Bismillah bedeutet: im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen. Dieser Satz wird unter Gottergebenen oft zu Beginn einer Tätigkeit ausgesprochen. Al-Rahman, der Erbarmer, Al-Rahiim, der Gnädige. Beide entstammen dem Wort rahmah, Barmherzigkeit, und haben eine Verbindung zu rahim, Gebärmutter. Gott, der Leben aus Seiner Barmherzigkeit heraus in den Gebärmüttern erschafft, zeigt uns die Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und der Erschaffung. Wir müssen uns um unsere Familien und genauso um unsere Mitgeschöpfe aller Art gnädig kümmern.

Genauso sollten wir uns um uns selbst kümmern. So sollten wir zum Beispiel behutsam und bedacht unser Fasten brechen, traditionell mit einer Dattel und einem Schluck Wasser, während die ganze Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist mit vollem Herzen (und Zunge) dabei zu sein und Dankbarkeit zu üben.

Dankbarkeit

2:185 … So sollt ihr die Anzahl vervollständigen und Gott hochpreisen dafür, dass Er euch rechtleitete, auf dass ihr dankbar seid.

Hanif-Übersetzung

Gerade im hungrigen, ermüdeten Zustand ist diese innere Haltung wichtig. Nicht der Moment des Fastenbrechens, die Nahrungsaufnahme, soll im Vordergrund stehen, sondern die Dankbarkeit, die durch die Enthaltsamkeit und das Fastenbrechen entsteht.

Die Enthaltsamkeit ist dabei auch mit einem Blick auf die Gemeinschaft und den Kontakt zu Gott («salâh») zu üben. Die eigene Seele mehr schweigen zu lassen, um gemeinsam aufeinander zu achten. Damit kann das Fasten auf eine gesunde Art und Weise und emotional erfüllend verlaufen. Auf diese Weise können Kinder unter Aufsicht nach gesundem Menschenverstand fasten und somit schrittweise und behutsam dem Ramadan näher gebracht werden. Auch die Fürsorge gegenüber älteren Mitmenschen und das Bewusstsein für die Tiere als Geschöpfe können so schöne Erinnerungen schaffen.

Aufklärung

Neben der Sanftmut gehört es auch dazu, das eigene Denken zu hinterfragen in der Lebensordnung. An welcher Tradition hafte ich aus welchen Gründen? Ist das, was ich für die Gottergebenheit halte, wirklich ein Bestandteil der koranischen Eingebung? Aufklärung ist eine gottergebene Pflicht. Nicht umsonst wird in der Lesung das blinde Befolgen unserer Vorväter angeprangert (2:170). Wir müssen klar unterscheiden zwischen der göttlichen Eingebung und hinzugedichteten Meinungen. Ansonsten enden wir bei einer Lebensordnung, die Gott nie verordnet hat (42:21).

Wir sind von der Einheit Gottes überzeugt. Diese Überzeugung der Einheit muss aber auch auf unser Denken einwirken, indem nur der Erbarmer unser Beschützer («mevlana»), unser Herr («rabb») und unser Lehrer ist (55:1-2). Lassen wir zu, dass Menschen oder Idole die Kontrolle über unseren Lernprozess innehaben, machen wir uns der Beigesellung («schirk») schuldig. Dadurch sind wir nicht mehr zur Aufklärung in der Lage, da wir uns von der Rechtleitung Gottes ausschließen. Auch hier gilt es Enthaltsamkeit zu üben.

Die Abmühung («Dschihâd») zugunsten der Gerechtigkeit und den Menschenrechten ist wahrscheinlich das Beste, um Identität zu stiften. Sich für andere einzusetzen ist ein wichtiger Teil des Dienstes an Gott und ein notwendiger Pfad zur Selbsterkenntnis. Dazu gehört auch das Zelebrieren unserer Geschwister, die sich leise oder auch laut für die Menschenrechte einsetzen.

Hoffnung

Einige denken jetzt vielleicht an die vielen Ungerechtigkeiten und Schmerzgefühle, die wir durch die ständige mediale Darstellung erlitten haben. Einige mögen gar Wut empfinden und sich unterdrückt fühlen. Es ist aber nicht richtig, in dieser Opferhaltung zu verharren. So heißt es doch:

39:53 Sprich: O meine Diener, die ihr gegen euch selbst Übertretungen begangen habt, gebt die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht auf. Gott vergibt die Sünden alle. Er ist ja der, der voller Vergebung und barmherzig ist.

15:56 Er sagte: »Nur die Abgeirrten geben die Hoffnung auf die Barmherzigkeit ihres Herrn auf.«

Übersetzung von Adel T. Khoury

3:134 Diejenigen, die in Freude und Leid ausgeben, die die Wut unterdrücken, und die den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen

Hanif-Übersetzung

Diese Worte sind eine rituelle Reinigung für uns, welche den Schmutz und Dreck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wegwaschen. Sie können uns beschämen und zugleich stärken. Sie beschämen uns, da wir uns der Arroganz der Verzweiflung bewusst werden: Wir haben kein Anrecht auf Verzweiflung, solange es Menschen auf der Welt gibt, die wahrhaft leiden. Wir müssen uns gesellschaftlich und politisch für die Leidenden einsetzen. Diese Worte stärken unsere Seelen, da wir merken, dass unsere Lebensordnung («dîn») auf Hoffnung aufbaut. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die wir mitgestalten müssen. In der Gottergebenheit («Islam») stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

So lasst Abschied nehmen von der giftigen Rhetorik des wir und sie. Wir sind alle aus derselben einen Seele. Es gibt nur ein Wir. Die schier unverständliche Menge an Leiden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit stellen eine Aufforderung zur Tat und Hilfeleistung dar, nicht zur Verzweiflung und Wut. Dadurch erfüllen wir das Gebot Gottes, Gerechtigkeit zu üben (7:29). Zahlreiche Verse gebieten, die Schwachen und Unterdrückten zu schützen und unermüdlich Gutes zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach Gott zuliebe. Dies alles vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Hilfe Gottes, ohne dass wir die Hoffnung auf Besserung aufgeben. Auf diese Weise eliminieren wir beispielsweise Stereotypen, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit und setzen uns ein für die politische Gleichbehandlung aller Menschen.

Enthaltsamkeit bedeutet auch zu schweigen, wenn Schweigen angebracht ist. Wahre Gottergebene gebrauchen eine Sprache, die Frieden fördert. Sie schweigen, wenn sie mit Beleidigungen konfrontiert werden (z. B. «Geh dorthin zurück, von wo du herkommst!»), nachdem sie ihren Mitmenschen Frieden gewünscht haben:

25:63 Und die Diener des Erbarmers sind die, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Törichten sie anreden, sagen: »Frieden!«

Übersetzung von Adel T. Khoury

Mit einer friedlichen Sprache setzen wir uns für die Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. Wir als Gottergebene wissen, dass Gott uns beisteht und Er uns ausreicht (39:36). Wir brauchen keine Anerkennung der Gesellschaft oder irgendwelche Preise zu gewinnen. Unser Preis ist bei Gott, Der alles wahrnimmt und uns lehrt, immer an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zur Tat aufruft. Unsere Stärke in der Hoffnung liegt darin, dass wir die negativen Energien von Rassisten und Menschenfeinden nicht in uns zulassen. Enthaltsamkeit von negativen Energien ist also gefordert. Sie liegt auch nicht in der selbstgefälligen Zufriedenheit der heuchlerischen Rechtschaffenheit. Es geht vielmehr um eine Demut. Die Demut der Erkenntnis, dass wir selbstlos ein ethisch-moralisches, barmherziges Leben führen sollen, um anderen helfen zu können.

76:9 Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir möchten von euch weder Entgelt noch Dank

Hanif-Übersetzung

In dieser Bewusstwerdung während der Enthaltsamkeit liegt wahrhaftig ein innerer Frieden. Ist es nicht aufregend, die lebensbejahende Hoffnung zuzulassen, welche den Hass und die Ungerechtigkeit überwindet und den Schmerz und die Wut in Zuversicht verwandelt? Wir alle haben die Möglichkeit, den Samen der Hoffnung für eine bessere Zukunft zu setzen, anstatt von der Vergangenheit geplagt zu werden.

In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

christen sagen muslimen

Christen sagen Muslimen, wo es langgeht?

Der katholische Theologe Mariano Delgado sagt, der Islam brauche eine Theologie des Einbezugs anderer Religionen. Gottfried Locher meint, Muslime hätten sich wenn nötig stets erneut von Gewalt zu distanzieren und der Islam kenne keine Gleichberechtigung. Der christliche Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt gar, der Islam sei in der Krise und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Beispiele wie diese gibt es unzählige und sind vielfältiger Natur.

Die erste emotionale Reaktion von gottergebenen (muslimischen) Frauen und Männern kann vielfältig sein und mitunter auch Empörung hervorrufen. Einen Ausruf wie „Christen sagen Muslimen, wo es langgeht? Geht’s noch, wieso mischen die sich ein?“ konnte ich auch schon mal vernehmen. Diese Beispiele werfen eine allgemeine Frage auf.

 

Dürfen christliche Theologen Muslimen sagen,
mit welchen Themen sie sich theologisch beschäftigen sollten?

Diese Beispiele und auch viele andere sind keine Überraschung, da wir in pluralistisch geprägten Gesellschaften leben. Vielfalt ist, wenn wir damit richtig umgehen können, ein Segen für uns alle. Dort, wo nur noch Einheit und vor allem geistige Isolation vorherrscht, ist Stillstand vorprogrammiert. Wir brauchen also den wohlwollenden Widerspruch und die konstruktive Kritik unserer Mitmenschen und nicht nur den unserer direkten, gottergebenen Geschwister. Was ist jetzt mit wohlwollend gemeint? Wie können wir sicherstellen, ob bspw. eine christliche Theologin oder ein feurig redender Atheist die Aussagen wohlüberlegt formuliert? Was, wenn diese im Hinblick auf die Wirkung und den Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft von sich gegeben werden? Wie können wir sicherstellen, dass eine Gruppe oder ein Mensch nicht marginalisiert und bedrängt wird? Etwa durch unberechtigte, teils feindlich gesinnte, populistische Kritik. Diese Problematik greift auch Houssam Hamade auf seiner Webseite auf:

 

„Kritik“ an anderen kann dazu dienen, die eigene Gruppe zu vereinen und Selbstkritik abzuwehren. Als schlecht gelten dann immer die Anderen. Sie sind das Schwarz, das unser Weiß heller scheinen lässt. Und die Idee, der Islam sei eine Religion der Gewalt, ob sie wahr ist oder nicht, erzeugt eine tiefgreifende und messbare Stigmatisierung der Muslime oder derjenigen, die muslimisiert, die also überhaupt erst in die Rolle des muslimisch seins gedrängt werden. Männlichen Muslimen wird so unterstellt, dass sie rückständig und aggressiv seien, Musliminnen hätten angeblich kein Rückgrat und die würden die Logik ihrer Unterdrücker verinnerlichen. An dieser Marginalisierung ändert auch die Behauptung nichts, die Kritik des Islam könne getrennt von der Kritik an Muslimen gedacht werden, wie auch der Champion der deutschen Islamkritik (und der ungenauen Analyse) Hamad Abdel-Samad argumentiert. Analog ließe sich dann auch sagen, wer gegen Faschismus sei, müsse Faschisten nicht unbedingt ablehnen. Das kann nicht überzeugen.

 

Was finden wir in der Lesung dazu?

Was ist aber eine koranisch begründbare Vorgehensweise in dieser Frage? Aus einigen Stellen der Lesung (Koran) entnehmen wir, dass wir vorerst keinen Filter einsetzen dürfen. Wir müssen jeder Aussage, gleich welchen Geschlechts, welcher religiöser Anschauung und Charakters, dasselbe Gewicht schenken. Die inhaltliche Auseinandersetzung ist wichtiger als die Person oder die Gesinnung. Wir sind also angehalten, argumentum ad hominem und ad populum zu vermeiden. Dabei dürfen wir jedoch nicht naiv sein und ein Wohlwollen einfach blind voraussetzen. In denselben Stellen ermahnt uns Gott nämlich dazu, dem Besten aus den Aussagen zu folgen. Dies nachdem wir ein Verständnis entwickelt haben. Wir setzen also eine intensive, sachliche Auseinandersetzung mit allen Gesprächspartnern voraus. Siehe exemplarisch die Verse 39:18, 2:44, 17:36 und 10:39.

Im Rahmen dieser Denkarbeit entwickle ich Antworten, die mir in erster Linie selbst zugute kommen. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall. So nehme ich Herrn Delgado primär in seiner Aussage nicht als christlichen Theologen wahr. Ich vermute nichts über seine Absichten, wenn er Sätze mit „Der Islam braucht“ beginnt. Auch dann nicht, wenn er vorschlägt, welche Arbeit muslimische Theologen primär angehen sollten. Ich zwinge mich sozusagen, mich allein auf den Inhalt seiner Aussagen zu beziehen. Ich versuche sie zu verstehen und dahingehend zu prüfen, ob er gewissermaßen Recht haben könnte oder nicht. Im Rahmen dieser geistigen Denkarbeit entwickle ich dann Antworten, die mir in erster Linie selbst zugutekommen. Ich habe dabei nämlich im besten Fall neue Erkenntnisse gewonnen und Möglichkeiten, mich in meiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall für mich.

 

Meine Antworten werden dadurch besser

Dann kann ich, ohne persönlich zu werden (argumentum ad hominem), in aller Ruhe, aber mit Klarheit antworten, dass wir nicht so ohne Weiteres von „dem“ Islam sprechen können. Die Gottergebenen haben sich nicht unermüdlich von Gewalt zu distanzieren. Sie können stattdessen ihre Position öffentlich kundtun, wie sie grundsätzlich zur Gewalt stehen. Wir haben uns nicht dafür zu rechtfertigen, dass es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe. Vielmehr können wir aufgrund unserer Sachkenntnis mitteilen, wie eine systematisch aufgebaute Lesart uns zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Diese Lesart kann die Gleichberechtigung nicht nur fordern und fördern, sondern vorantreiben.

Dieselbe Lesart zeigt uns nämlich auch, dass die Lesung („Koran“) zahlreiche Verse beinhaltet, die andere Religionen aktiv miteinbezieht. Es gibt bereits Jugendgruppen, die auch in einen aktiven, friedlichen interreligiösen Dialog treten. Sie diskutieren auch darüber, inwiefern Andersgläubige ihr Seelenheil erhalten können. Sind wir also gar bereits weiter, als Delgado glaubt?

 

Gegenseitiges Zuhören ist eine Voraussetzung

Wir dürfen dann erwarten, dass unsere Ansichten künftig nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass man proaktiv auf sie hinweist. Diese Position erlaubt einen allgemeinen Austausch, ohne dass wir in allen Bereichen selbst Experten sein müssen. Wir haben nicht zu befürchten, dass andere unsere Ansichten ablehnen, allein weil wir uns selbst gottergeben oder christlich nennen. Die Ansichten von Kennern sollten wir eingehend studieren. Wir sollten selbst, sofern wir Kenner sind und dies auch sachlich zeigen können, Beachtung für unsere Ansichten erhalten. Ein ergebnisoffener Austausch bringt die Gesellschaft meines Erachtens insgesamt weiter.

Insofern dürfen und sollen alle Menschen, nicht nur Theologen, uns Gottergebenen sagen können, womit wir uns zu beschäftigen haben. Die inhaltliche Auseinandersetzung und die selbstgerichtete Aufklärungsarbeit befähigt uns für weitere Entscheidungen. Dadurch wissen wir, ob wir in diese Richtung gehen wollen, sollen, müssen oder nicht.

So ist es eine willkommene Gelegenheit, die Thesen des Religionswissenschaftlers Michael Blume zur sachlichen Diskussion zu stellen. Er vertritt durchaus denkwürdige Positionen. Genauso ist es wünschenswert, dass muslimische Theologen ihren Mitmenschen gegenüber in der Kritik wohlwollend, konstruktiv und vorwärtsgerichtet auftreten. Auch die Gottergebenen können dann zeitweise den Ton angeben zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

Alles in allem können wir bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur gewinnen. Und wer möchte schon kein Gewinner sein?


Verse aus der Lesung

2:44 Befehlt ihr den Menschen die Aufrichtigkeit und vergesst euch selbst, wo ihr doch die Schrift vortragt. Versteht ihr nicht?

10:39 Nein, sie erklären für Lüge das, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen lebten, für Lüge erklärt. So schau, wie das Ende derer war, die Unrecht taten.

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und die Vernunft – sie alle werden zur Rechenschaft gezogen.

39:18 Diejenigen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtleitet, und das sind die Einsichtigen.

Dschihad im Islam: Sei ein barmherziger Samariter!

Ich suche Zuflucht beim Herrn vor dem verstoßenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

96:1 Lies, im Namen deines Herrn, der erschuf.

 

Dieser Satz soll gemäß Volksglauben den ersten offenbarten Vers der Lesung (arabisch: Koran) verkörpern. Doch die Mehrheit der Gottergebenen (arabisch: Muslimūn) hat diesen „ersten“ göttlichen Ratschlag vergessen. Wir sind nicht mehr geübt im Lesen der Zeichen und Verse (āyāt) der Lesung und der Natur. Die Gottergebenen müssten die Literatur, die Dichtkunst und das Schreiben allgemein wie auch die technologischen, geistigen und naturwissenschaftlichen Bereiche anführen, wenn sie den Worten Gottes wahrhaftig folgten. Aber wir kennen meistens nicht einmal unsere eigene Religion oder die Lebensordnung (dīn) der Gottergebenheit (islām) aus der Lesung gut genug, so dass sich in manchen Gesichtern ein Ausdruck des Unglaubens entfaltet, wenn sie mit den Worten Gottes konfrontiert werden. Sie sind überrascht, weil die Offenbarung Gottes ihrem traditionellen, kulturell beeinflussten Glauben widerspricht.

Nicht zuletzt aus diesem Grund lassen sie es zu, dass arabische Wörter wie Dschihad ihrer positiven Bedeutung beraubt und zu etwas abgewandelt werden, das dem Wesen der Offenbarung widerspricht. Sie lassen es zu, dass die offizielle Religion gegen die von Gott offenbarte Lebensordnung verwendet wird, obwohl uns der Barmherzige ausdrücklich davor warnt:

 

31:33/35:5 und lasst die Täuschung euch nicht in Gott täuschen!

 

Diese Aussage ist so wichtig, dass sie nicht nur einmal, sondern in gleichem Wortlaut auch in 35:5 vorkommt und sinngemäß in 57:14 wiederholt wird. Doch wir ließen uns leider täuschen, und Gott wusste das.

 

57:14 Sie rufen ihnen zu: Waren wir etwa nicht mit euch. Sie sagten: Doch, aber ihr verführtet euch selbst, ihr wartetet ab, zweifeltet und die Wünsche täuschten euch, bis der Befehl Gottes kam. So ließ euch die Täuschung in Gott täuschen

82:6 Du Mensch! Was hat dich bezüglich Deines großzügigen Herrn täuschen lassen?

 

Wir haben die Pflicht, unsere Augen zu öffnen, die Täuschung zu erkennen und zur Gottergebenheit zurückzukehren (5:105). Wir werden, so Gott will, zu einer neuen Generation von Gottergebenen, welche es nicht mehr zulässt, dass Dinge im Namen Gottes angeordnet werden, die Gott nie angeordnet hat.

 

42:21 Oder haben sie etwa Beigesellte, die ihnen von der Lebensordnung als Scharīʿah bestimmt haben, was Gott nicht erlaubt hat? …

 

Welch eine Wortwahl ist in diesem Vers doch zu erkennen, die die Weisheit Gottes zeigt! Im Vers wird das Verb „scharaʿa“ (verordnen, besitzt den gemeinsamen Wortstamm wie scharīʿah) im Zusammenhang mit der Lebensordnung (dīn) verwendet. Somit vermischen diese Täuscher ihre eigene Lebensweise mit den Geboten Gottes aus der Lesung. Sie reden so, als ob sie fromme Gläubige seien, doch in Wahrheit entfernen sie uns von Gott. Die von den Menschen erfundene Scharīʿah wird von Gott höchstpersönlich abgelehnt! Darüber hinaus wird sie mit der Beigesellung (schirk) in Verbindung gebracht. Den aufmerksamen Gottergebenen, die die Schrift kennen, läuten hier sämtliche Alarmglocken, da die Beigesellung die einzige unverzeihliche Sünde darstellt (4:48, 4:116).

Es ist deshalb an der Zeit, dass wir die menschliche, irreführende Verordnung, die sie auch Scharīʿah nennen, trennen von den Anordnungen, der Scharīʿah Gottes. Es ist an der Zeit, dass wir zur Gottergebenheit zurückkehren – zur Gottergebenheit aus der von Gott offenbarten Lesung. Dies erreichen wir, indem wir die Begrifflichkeiten aus der Lesung politisch und theologisch zurückerobern. Es ist an der Zeit, die an uns offenbarte Schrift von den falschen Gelehrten, Autoritäten und den Tyrannen zurückzuerobern, die sie missbrauchen!

 

Den Dschihad lieben lernen

Das Wort „Dschihād“ wird selbst auch von Gottergebenen oft missverstanden. Es ist für den Kenner offensichtlich, dass Dschihad kein „blutrünstiger Kampf“ oder ein „heiliger Krieg“ ist. Diese Fehlübersetzungen sind nicht einmal in der Nähe der wörtlichen Bedeutung. „Kampf“ ist qitāl (قتال) und „heiliger Krieg“ lautet al-ḥarbu l-muqaddasah (الحرب المقدسة) auf Arabisch. Sehen Sie hier irgendwo eine Ähnlichkeit zum Wort Dschihad? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht.

Der Dschihad ist vielmehr die Bemühung gegen jegliche blutrünstige Kämpfe. Dschihad ist der schnellste Weg zum Frieden und zur Barmherzigkeit. Dschihad ist ein Ausdruck des Mitgefühls gegenüber den Bedürftigen und Schwachen. Die Quelle für Dschihad liegt in Gott und Seiner allumfassenden Liebe und Barmherzigkeit. Dschihād ist der Schutz vor dem Ungerechten. Dschihad ist – richtig verstanden – ein Segen für die Menschheit, sowohl in Bezug auf das Zusammenleben mit Anderen als auch für einen selbst.

Die Gottergebenen sind von der Vernunft (10:100, 8:22, 2:44) und der Barmherzigkeit geleitete, selbstkritische Seelen (3:134, 42:36-43, 75:2). Denn sie sind sich bewusst, dass die Barmherzigkeit sehr wichtig ist, da sich Gott selbst Barmherzigkeit vorschrieb (6:12). Diese barmherzige Seele des Gottergebenen entwickelt sich spirituell wie auch wissenschaftlich weiter (17:36, 39:18, 10:100, 35:27-28). Deshalb ist sie ein Segen für alle Menschen und nicht nur für die Person selbst, die eigene Familie oder die eigene Gemeinschaft.

Wir sind als Gottergebene verzeihend, da wir uns wünschen, dass Gott uns auch vergibt (24:22). Gott ist voller Vergebung, Liebe und Erbarmen (85:14). Unser Weg ist demzufolge auch die Barmherzigkeit (3:134, 7:199, 15:85, 41:34-35, 42:43). Und weil Verzeihen schwieriger, aber dafür umso besser ist, ist es ein Dschihad (42:37,40). Aus diesem Grund sandte Gott den Propheten Muhammad aus Seiner Barmherzigkeit heraus für alle Welten (21:107). Denn nicht die Person Muhammad selbst, sondern die Botschaft der Lesung ist eine Heilung und eine Rechtleitung für uns (41:44).

 

Dschihad als Wort

Die Wurzel des Wortes Dschihād ist dsch-h-d (‏ج ه د‎) und kommt in der Lesung insgesamt 41 Mal in 36 Versen wie folgt vor:

  • 27 Mal (2:218, 3:142, 5:35, 5:54, 8:72, 8:74, 8:75, 9:16, 9:19, 9:20, 9:41, 9:44, 9:73, 9:81, 9:86, 9:88, 16:110, 22:78, 24:53, 29:6 (2x), 29:8, 29:69, 31:15, 49:15, 61:11, 66:9) als dritter Verbstamm dschāhada (جَٰهَدَ): sich bemühen, abmühen
  • Viermal (4:95 (3x), 47:31) als aktives Partizip des dritten Verbstammes mudschāhidīn (مُجَٰهِدِين): abmühend, sich bemühend
  • Viermal (9:24, 22:78, 25:52, 60:1) als das Verbalnomen des dritten Verbstammes dschihād (جِهَاد): Bemühung
  • Einmal (9:79) als das Nomen dschuhd (جُهْد): Mühe, Engagement
  • Fünfmal (5:53, 6:109, 16:38, 24:53, 35:42) als das Verbalnomen dschahd (جَهْد): Einsatz, (intensive) Abmühung

Noch einmal zur Verinnerlichung werden die Bedeutungen dieser Abmühung, wie sie koranisch gesehen sinngemäß vorkommen, aufgezeigt:

  • sich mit aller Kraft für etwas einsetzen
  • etwas hart erarbeiten, sich anstrengen, abmühen, abrackern
  • sich kräftig, fleißig, sorgsam oder eifrig engagieren
  • mit äußerstem Einsatz mit Leib und Seele für eine Sache einstehen
  • sich abplagen, viel durchmachen, ermüden durch intensives Abmühen
  • etwas auf sich bürden, etwas ertragen
  • sich durch Schwierigkeiten quälen oder ringen

 

Dschihad als Lebensweise

Viel wichtiger als der rein sprachliche Aspekt des Wortes ist die nähere Bedeutung durch die Verwendung in der Lesung. Der wichtigste und wohl der am meisten missverstandene Ausdruck aus der Lesung ist „die Bemühung auf dem Wege Gottes“ (al-dschihād fī sabīli-llāh). Dies ist nämlich nichts anders als der Versuch, Gottes Willen zu erkennen und umzusetzen und Seiner achtsam zu sein (taqwà), während man noch auf der Suche nach der Wahrheit ist:

 

22:78 Und bemüht euch für Gott in wahrhaftiger Abmühung. Er hat euch erwählt. Und Er hat euch in der Lebensordnung keine Bedrängnis auferlegt. Dies ist die Gemeinschaft eures Vaters Abraham. Er hat euch schon früher Gottergebene (Muslime) genannt und nun in diesem (Buch), auf dass der Gesandte Zeuge über euch sei und ihr Zeugen über die Menschen seid. So haltet den Kontakt aufrecht, steuert zur Verbesserung bei und haltet an Gott fest. Er ist euer Beschützer: welch vorzüglicher Beschützer und welch vorzüglicher Helfer!

 

Die Bemühung, also der Dschihad auf dem Wege Gottes hat vor allem mit dem Kontakt (salāh) zu Gott und mit der Verbesserung sozialer Umstände (zakāh) zu tun und geschieht auch nicht nur durch Einzelne. Wir müssen uns gegenseitig darin unterstützen, für soziale Verbesserung in den Gesellschaften zu sorgen, in denen wir leben (2:215, 2:197, 3:104, 5:2, 45:15, 99:7, Kapitel 103, Kapitel 107). Dies ist die gemeinsame Abmühung, der gemeinsame Dschihad. Die Bemühung ist der Weg zur Liebe. Die Bemühung umfasst unseren Einsatz und unsere Anstrengungen, Bedürftigen Wärme, Schutz und Geborgenheit zu bieten. Dschihad ist deshalb auch schon ein freundliches Lächeln, wenn niemand lächeln will. Es ist genauso eine Bemühung, ein friedliches und freundliches Wort für jene Menschen zu haben, die uns beleidigend ansprechen (25:63). Also steht der Dschihad für eine Selbstbeherrschung im Sinne des Friedens.

 

Dschihad und Krieg?

Die sogenannten Muslime dürfen sich hier einmal selbstkritisch betrachten. Es ist nämlich viel zu einfach und meistens auch falsch „die westlichen Medien“ oder „die westlichen, politischen Mächte“ für eine „Verzerrung des Islām“ verantwortlich zu machen und plump den Satz „das hat mit dem Islām nichts zu tun“ zu wiederholen. Dadurch schieben wir die Schuld von uns und begnügen uns mit unserer eigenen Weltanschauung, ohne die Argumente durchleuchtet zu haben. Wir geben unsere Verantwortung der Selbstaufklärung und der Wissensaneignung dadurch viel zu leichtfertig ab. Deshalb seien hier zwei negative Beispiele aus der muslimischen Tradition erwähnt, um zu verdeutlichen, dass sich gewisse gewalttätige Gruppierungen eben nicht durch westliche Medien, sondern hauptsächlich durch die traditionelle Literatur beeinflussen ließen.

 

Dschihad gemäß sunnitischer Tradition

Die Frage kann gestellt werden, wieso selbst gewisse frühe Gelehrten wie Asch-Schaibānī (Das große Buch der Kriege) aus dem späten achten Jahrhundert glaubten, Dschihad sei ein Angriffskrieg zur Bekehrung von Andersgläubigen. Sie waren zumindest so weit gebildet, dass sie die gesamte Lesung studieren konnten. Die meisten Gelehrten lernten sie sogar komplett auswendig. Asch-Schaibānī ist auch keine Randfigur in der Tradition, sondern ein Mitbegründer der hanafītischen Rechtsschule, eine der vier Rechtsschulen im Sunnitentum.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Menschen die Lesung und somit das Wort Gottes interpretieren müssen. Ohne eine schlüssige Herangehensweise an den Text kann man jedwede Art der Interpretation irgendwie rechtfertigen. Allein wenn wir das Vorgehen akzeptieren, immer den gesamten Text aus der Lesung im Zusammenhang zu berücksichtigen, können wir diese menschenfeindliche Position von Asch-Schaibani niemals als eine Gott ergebene (auf Arabisch: islamische) Haltung bezeichnen. Zu viele andere Textstellen stehen dazu im Widerspruch (alleine 2:256 reicht aus, weitere: 10:99, 18:29, 88:21-22, 60:8-9).

Ein weiteres negatives Beispiel für eine falsche Herangehensweise ist der Theologe As-Sarachsī (11. Jahrhundert). Die Meinung von As-Sarachsi zeigt, wie vorsichtig wir in der Methodik sein müssen. Er glaubte irrtümlicherweise, dass der Dschihād nur in den Anfangsphasen eine eingeschränkte Bedeutung erhielt, in der die Beigeseller nur ignoriert werden sollen. Der Dschihād sei künftig gleichzusetzen mit dem Gebot zum Kampf, wobei sämtliche Beigeseller zu bezwingen seien. Dies würdige seiner Meinung nach die Religion selbst! Und genau auf eine solche Art der Interpretation stützen sich die Extremisten.

 

Weitere traditionelle Ansichten

Es gibt natürlich auch viele andere Ansichten in der sunnitischen Literatur, welche im Mainstream-Islām verbreitet sind, wie z.B. die Unterscheidung zwischen großem und kleinen Dschihad. Der kleine umfasse die kriegerische Handlung und der große meine die Arbeit an sich selbst, das Ausmerzen von allem Schlechten, wie Wut, Zorn oder Hass. Darüber hinaus gibt es noch viele Versuche, den Dschihād zu kategorisieren in Unterbereiche wie:

  • Dschihād der Seele (dschihād bi-n-nafs)
  • Bemühung der Zunge (dschihād bi-l-lisan)
  • Dschihād des Stiftes (dschihād bi-l-qalam)
  • Bemühung des Wissens (dschihād bi-l-ʿilm)

Solche Unterteilungen können aber sehr unterschiedlich sein und sind meist nicht koranisch belegt.

Es gibt zudem einen Ausspruch (Ḥadīṯ), wonach man sich gegen „das Üble“ in folgender Reihenfolge wehren sollte: Hand, Zunge und Herz (Riyāḍ uṣ-Ṣāliḥīn Nr. 184). Zuerst sollte man aktiv das Üble mit eigener Hand ändern, wenn nicht möglich, dann gegen die Ungerechtigkeit mündlich (Zunge) protestieren und zuallerletzt im Herzen rebellieren. Dieser Ausspruch ist höchst problematisch, da er auf diese uneingeschränkte Art eine Religionspolizei einfordert, wenn es eine sunnitische oder schiitische Regierung geben sollte. Denn eine solche Regierung hat die Mittel und die Wege aktiv (Hand) vorzugehen, um in ihren Augen Übles vorzubeugen. Dadurch wären die Rechte von Andersdenkenden, Andersgläubigen, Homosexuellen nicht mehr gewährleistet, wie wir leider heute schon in gewissen Ländern beobachten können.

 

Dschihad und Verteidigungskrieg in der Lesung

Wir sehen nun die Notwendigkeit, sämtliche Verse aus der Lesung miteinander in Verbindung zu bringen. Es reicht nicht aus, einzelne Verse oder Themenbereiche in einen vermuteten, künstlich erstellten zeitlichen Rahmen zu setzen. Die historische Kontextualisierung kann also im Ansatz nur Vermutungen, weitere Verwirrungen oder mitunter gar anti-islamische Haltungen hervorbringen, wie wir soeben gesehen haben. Gott sagt uns bereits in der Lesung, dass Sein Wort dazu herabgesandt wurde, um alles zu erklären (16:89).

Es wird uns nirgends in der Lesung erlaubt, Angriffskriege zu führen. Natürlich bedeutet aber die Abmühung unter anderem auch, dass wir mit Leib und Seele für die Gerechtigkeit kämpfen müssen. Dies kann auch zur Folge haben, dass wir einen Verteidigungskrieg zu führen haben. In solch einer prekären Lage ist es auch ein Verrat an der Menschlichkeit, wenn wir die existenzielle Bedrohung von unschuldigen Menschen aufgrund eines naiven Pazifismus ignorieren. Deshalb sollten wir die Selbstverteidigung als eine Selbstverständlichkeit ansehen, auch wenn es mich eine innere Überwindung kostet, die erhöhte Wahrscheinlichkeit meines Todes eher in Kauf zu nehmen als meinen „natürlichen“ Tod. Das, obwohl wir nicht wissen können, wann wir sterben werden!

Daher kommt auch die Verknüpfung zwischen der Bemühung und einer speziellen kriegerischen Handlung zum Zwecke der Selbstverteidigung, um der Auslöschung der eigenen Existenz und der eigenen Gesellschaft entgegen zu treten (22:39-40; in diesen Versen wird das Wort für Kampf, also qitāl und nicht dschihād verwendet). Wir sollten aber stets ein friedliches Zusammenleben anstreben (2:208, 4:114, 8:61, 10:25, 60:7). Auch im Krieg gilt die Selbstbeherrschung (2:190-193) als Zeichen der innerlichen Abmühung.

 

Dschihad bedeutet Menschenliebe

Die Gottergebenheit besteht nicht nur aus der gegenseitigen Liebe zwischen Gott und Mensch, wobei Gott uns weitaus mehr liebt. Niemand ist ohne Sünde, so dass er ohne eine Vergebung seitens Gottes auskommt (35:45, 16:61). Da Gott Barmherzigkeit vor Gerechtigkeit walten lässt, können wir sicher sein, dass Er uns mehr liebt als wir Ihn (85:14, 6:12). Diese Verbundenheit sollten wir auch zwischen den Menschen pflegen. Gott ergeben zu sein bedeutet, die Menschen mehr zu lieben, als dass sie uns lieben (3:119, 59:9, 76:8-9). Weil wir ungeduldig und geizig sind, ist es umso schwieriger und eine größere Abmühung, weshalb eben diese Abmühung mit der Geduld verbunden ist (2:267, 3:92, 3:134, 3:142, 4:36).

Die Abmühung ist des Weiteren mit Empathie und Wohlwollen verbunden. Da wir großzügig von Gott beschenkt wurden, können wir diese Großzügigkeit auch den Menschen zukommen lassen (2:273, 24:22, 31:18). Dies äußert sich zum Beispiel in der Familie dadurch, dass wir unsere Eltern mit Güte behandeln müssen (29:8). Wir dürfen es aber nicht übertreiben mit der Liebe und blind werden. Wenn wir dazu gedrängt werden, die islamischen Prinzipien irgendwie weltlichen Bedürfnissen anzupassen, dürfen wir dem nicht nachgeben.

 

Dschihad bedeutet Gerechtigkeit

Wir dürfen um der Gerechtigkeit willen nicht die Menschen lieben, die tyrannisch Unschuldige aus ihren Häusern vertreiben (60:1). Liebe zu Gott bedeutet auch Liebe zur Gerechtigkeit über alle sozialen Stufen hinweg. Gott ist unser Zentrum und wir müssen mit unserem Dschihād unser Licht vervollkommnen und Gottes Barmherzigkeit verkünden. Die Vervollkommnung unserer Seele beinhaltet auch die moralische Läuterung, die Reflexion und die Kenntnis über unser eigenes Wesen. Dies führt dann dazu, dass wir unbeeinflussbar für die Gerechtigkeit einstehen (3:104, 3:110, 4:135, 5:78-81, 5:105, 7:165, 7:199, 9:71, 29:69, 99:7). Die Läuterung (zakāh) ist dermaßen wichtig, dass Gott Seine Barmherzigkeit davon abhängig macht, ob wir zur Läuterung oder in anderen Worten zur Verbesserung gesellschaftlicher Umstände beitragen oder nicht (7:156). Unser Bestreben sollte zu jeder Zeit sein, dem Frieden zugeneigt zu sein (8:61) und die Selbstvervollkommnung im Sinne Gottes anzustreben, selbst wenn wir dabei auf Feindseligkeiten stoßen:

 

5:8 O ihr, die ihr glaubtet, steht zu Gott als Zeugen für die Gerechtigkeit! Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher zur Achtsamkeit. Und seid Gottes achtsam, denn Gott ist kundig dessen, was ihr tut.

 

Deshalb: Liebe den Dschihād und sei ein Mudschāhid!

Oder zu gut Deutsch: Liebe die Bemühung und sei ein Bemühender, indem du ein barmherziger Samariter bist!

Gelehrte, Mehrheiten und Rechtleitung

Ich suche Zuflucht bei dem Herrn vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,
Frieden sei mit uns allen,

in der allgemein muslimischen Mentalität hat sich mittlerweile ein traditionelles Mantra etabliert, wonach man die Lesung (deutsch für „Koran“) erst dann verstehen könne, wenn man den Islam studiert habe, als ob es nur den einen Islam gäbe. Dieses nicht näher definierte, dennoch als Voraussetzung verlangte Studium wird dann oftmals mit Gelehrten der jeweils eigenen Strömung oder Rechtsschule in Verbindung gebracht, um festzulegen, dass nur diese die Lesung hinreichend erklären und beurteilen könnten. Wir werden uns in diesem Artikel der Frage widmen, ob Gelehrte oder irgendeine Mehrheit zur Rechtleitung verhelfen können. Dabei wird allein die Lesung als religiös-normative Quelle herangezogen.

Die meisten sind sich leider nicht bewusst, dass sie durch einen Gelehrtengehorsam fälschlicherweise glauben, die Verantwortung vor Gott an die Gelehrten abgeben zu können. Diese werden am Jüngsten Tag ein böses Erwachen erleben, wenn sie all die, die sie für ihre eigene Irreführung verantwortlich machen, am liebsten selbst bestrafen möchten (41:29). Doch bereits heute klärt uns Gott darüber auf, dass Gelehrte, wenn wir sie zu unseren Gefährten der religiösen Aufklärung zählen, öfters dem Zeitgeist statt der Wahrheit folgen (41:25-26).

 

Liegt eine Mehrheit dermaßen falsch?

Grundsätzlich ist es nicht verwerflich sich eine Meinung zu bilden, welche auf einem Konsens aufbaut oder mit denen der meisten Experten des entsprechenden Fachgebiets übereinstimmt. Vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern ist dies eine gängige Praxis. Dies sollte jedoch nur ein Zwischenschritt sein, denn Argumente generell über Mehrheiten zu definieren kann zu falschen Ergebnissen führen – selbst oder gerade auch in naturwissenschaftlichen Fächern, die darauf aus sind, alles und jeden zu hinterfragen.

Die Lesung ist kein naturwissenschaftliches Buch. Einen Konsens in ihrer Auslegung zwischen „den meisten Experten“ zu finden ist auch praktisch nicht möglich. Als Beispiel seien dazu nur die zwei größten Strömungen der Gottergebenheit genannt, Sunniten und Schiiten, die sich in nicht wenigen Punkten wesentlich unterscheiden. Am Ende des Kapitels „Die Bezeugung als Heilmittel“ des kostenlos herunterladbaren Buches Schlüssel zum Verständnis des Koran finden wir eine ausführliche Auflistung zu entsprechenden Versen. Ein weiteres Beispiel sei auch hier angeführt:

 

12:21 … Aber die meisten Menschen wissen nicht. (Siehe auch 7:187, 12:40, 12:68, 16:38, 30:6, 34:28, 34:36, 40:57, 45:26)

 

Eindringlich wird in all diesen Versen klar gestellt, dass eine Mehrheit keinesfalls als Argument dienen kann, wenn doch die meisten Menschen bereits vor Gott selbst nicht wissen können, nicht glauben, nicht dankbar wie auch blind sind (vgl. auch 12:103-106). Dazu empfehlen wir die Begriffe argumentum ad populum und argumentum ad hominem näher anzuschauen.

Das Resultat dieser Missstände ist in den Geschichten der Propheten und Gesandten der Lesung beschrieben (Noah: 10:73, Hud: 46:25, Salih: 11:67, Lot: 11:82, Schuaib: 11:94). Wir sollten wie das Volk von Jonas zuvor die Ermahnung Gottes ernst nehmen, damit wir auch auf der Erde erfolgreich sind (10:98). Unentwegt werden die in der Lesung erwähnten vorangegangenen Völker getadelt (vgl. auch Kapitel 54). Sie dienen uns als Lehre und als Werkzeug, unsere eigenen Taten zu überprüfen, damit wir nicht dieselben Fehler wiederholen (12:111). Nichts ist schlimmer für die Wahrheitsfindung als die Täuschung, bereits die Wahrheit gefunden zu haben, wobei man sie noch nicht fand.

 

43:36-37 Wer für die Ermahnung des Allerbarmers blind ist, dem verschaffen Wir einen Satan, der ihm dann zum Gesellen wird. Und sie halten sie wahrlich vom Weg ab, und diese meinen, sie seien rechtgeleitet. (Vgl. auch 107:4-6, 29:10-11, 3:116-121, 5:41)

 

Nicht einmal der Prophet wusste zu unterscheiden zwischen den wahrhaft Gläubigen und den Ableugnern, die sich selbst oder andere täuschen (9:90, 9:101, 2:8-9). Aufgrund dieser Unkenntnis wird der Prophet am Jüngsten Tag verblüfft sagen:

 

25:30 … „O mein Herr, mein Volk hat diesen Koran verlassen!“

 

Dass manche Heuchler nicht mal dem Prophet bekannt waren (9:101) wirft eine gänzlich neue Problematik auf bezüglich der traditionell als „unfehlbar“ geltenden Gefährten des Propheten. Als wirklich überzeugte Gottergebene ist es deswegen eine Pflicht, sich keinesfalls auf Mehrheiten zu verlassen. Insbesondere ist Vorsicht bei der Sekundärliteratur geboten, die von den Gefährten des Propheten und ihren Aussagen und Taten handeln. Diese Quellen können schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Vermutung darstellen, nicht als religiös verpflichtende Quelle akzeptiert werden. Die Lesung fordert uns auf, Mutmaßungen zu meiden (49:12), unseren Verstand zu benutzen (10:100) und jede Behauptung zu überprüfen (17:36). Die blinde Befolgung von Vorvätern wird von Gott in der Lesung streng getadelt (2:170, 5:104, 7:28, 7:70-71, 7:95, 7:173, 10:78, 11:62, 11:87, 14:10, 21.53, 26:74, 28:36, 31:21, 43:22-23).

Die Lesung ist laut Eigenaussage nicht nur ein Buch für Gelehrte, sondern eine universelle Botschaft für alle Menschen, egal welchen Bildungsstand oder Status sie auch besitzen mögen:

 

4:79 …Und Wir haben dich als Gesandten für die Menschen gesandt. (Vgl. auch 3:108, 6:90, 12:104 und 21:107)

 

Unbestreitbar wird aus dem Vers ersichtlich, dass der Gesandte und somit seine Botschaft, die Lesung, an alle Menschen und nicht nur an eine bestimmte elitäre Gruppe von Gelehrten gesandt ist. Die Verse 3:79-80 der Lesung sind darüber hinaus eine klare Anweisung an alle Menschen, die Lesung zu lernen und auch anderen zu lehren! Dazu ist es natürlich legitim und hilfreich die Meinungen anderer einzuholen, auch von Gelehrten, um von ihnen zu lernen und sich weiterzubilden (39:18). Eine blinde Befolgung von Gelehrten ohne ihre Argumente zu hinterfragen und zu überprüfen ist mit der Lesung jedoch nicht vereinbar:

 

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du kein Wissen hast. Gewiss, Gehör, Augenlicht und Herz, – all diese -, danach wird gefragt werden. (Vgl. auch 2:78, 9:31, 10:66, 45:24, 45:32 und 49:12)

 

Somit muss das erworbene Wissen stets überprüft werden, um damit Schlussfolgerungen tätigen zu dürfen. Argumente wie: „die Meisten sagen aber“ oder „ein bestimmter Scheich sagt dazu“ sind nicht zulässig. Die Lesung kritisiert solche Meinungen vehement (2:170, 6:116, 7:17, 7:179, 11:17). Die Wahrheit misst sich nicht an Mehrheiten, bestimmten Gruppen oder bestimmten Menschen, sondern lediglich am Gehalt einer Aussage.  Eine Ansicht ohne eine jegliche Hinterfragung anzunehmen oder sich blindlings Mehrheiten anzuschließen kann unmittelbar zu falschen Auffassungen über die Lebensordnung (Religion) führen. Beispiele dazu sind die Lesung durch erfundene Aussprüche (aḥādīṯ) zu erklären oder sie gar mit der Lesung auf die gleiche Stufe zu stellen, Verse aus der Lesung zu abrogieren (siehe auch Religion in ein Spiel verwandeln) und vieles mehr.

 

10:36 Und die meisten von ihnen folgen nur Mutmaßungen. Aber Mutmaßungen nützen nichts gegenüber der Wahrheit. Gewiss, Gott weiß Bescheid über das, was sie tun.

10:100 Und er wirft die Schmach auf diejenigen, die ihren Verstand nicht gebrauchen. (Vgl. auch 8:22)

 

Mutmaßungen haben folglich keinen Wert. Den Verstand nicht zu gebrauchen wird von der Lesung nicht nur abgelehnt, sondern auch bestraft. Für Traditionalisten ist Vers 10:36 eine Mahnung, den Sekundärquellen, die auf nichts anderes als Vermutungen fußen, keine religiöse Autorität zu geben und sich auf Gottes alleiniges Wort zu verlassen (3:173, 7:3, 8:64, 9:59, 9:129, 39:36, 65:3). Vielmehr werden wir ermahnt, dass wir zu oft sekundäre Quellen dazu verwenden, uns unsere eigenen Meinungen schön zu reden:

 

68:36-38 Was ist mit euch, wie ihr richtet. Oder habt ihr eine Schrift, in der ihr studiert. Darin habt ihr sicherlich, was ihr euch wählt.

 

Die meisten Gelehrten der unerlaubten Abspaltungen (42:13) der Gottergebenheit (deutsch für „islām“) nehmen in den Sekundärquellen nur diejenigen Aussagen für sich heraus, an denen sie selber Gefallen finden (2:85, 25:43). Sie sind jedoch, wie bereits erwähnt, nur Vermutungen und voller Widersprüche. Ohnehin akzeptiert die Lesung solche Quellen nicht. Demzufolge gibt es gleich mehrere Gründe als Gottergebene oder Gottergebener (deutsch für „muslim“) jeden dazu anzuhalten, die Lesung selber zu erforschen (34:46, 96:1f.). Die Ablehnung von Gelehrtendoktrinen wird im folgenden Vers ein weiteres Mal prägnant dargestellt:

 

2:170 Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Gott herabsandte“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Vorväter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? (Vgl. auch 31:20-21, 6:106 und 7:3)

 

Gelehrte, die keine Ärzte sind

Es ist eine traurige Tatsache, dass die meisten dieser Anordnung nicht Folge leisten. Es ist zu erschreckend normal geworden, das Verständnis von der Lesung mit traditionellen Einflüssen und falschen Autoritäten zu verzerren. Oft hört man dabei das Argument:

 

Wenn ich krank werde, gehe ich doch zum Arzt, der sein Fach studiert haben muss. Im Islam muss man das Gleiche tun!

 

Dieser Gedanke wurde bereits an dieser Stelle kommentiert. Diesen Leuten muss im Hinblick auf diese Ärzte-Metapher zudem die Frage gestellt werden, ob sie sich lieber von einem der vielen falschen Wunderheiler behandeln lassen möchten, welche nur allzu oft dem Geld, Traditionen oder Vermutungen nachgehen und somit unerlaubte Behandlungsmethoden befürworten oder sich nicht doch von Demjenigen behandeln lassen möchten, welcher vollkommen ist! Sich allein Gott zu widmen bedeutet zugleich, die Verantwortung in die eigenen Hände zu legen. Nichts ist gefährlicher für eine machthungrige Gruppe von elitären Gelehrten als eine selbst denkende, auf Basis der Vernunft und der Gerechtigkeit handelnde Gemeinschaft an Gottergebenen, die sich nicht durch irgendwelche Menschen einschüchtern lassen.

Gott gibt uns auch Beispiele, wie die Menschen Sein vollkommenes Wort (6:115) zu entstellen versucht haben (5:13, 10:15, 17:45-46, 18:57, 43:36-37). Dabei ist es ein gemeinsames Merkmal aller Ableugner und Heuchler, dass sie sich mit Gott allein nicht zufrieden geben können, sie brauchen sekundäre Quellen neben Ihm:

 

39:45 Und wenn Gott allein erwähnt wird, verkrampfen sich die Herzen derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben. Wenn aber diejenigen erwähnt werden, die es außer Ihm geben soll, freuen sie sich sogleich.

 

Diesen Versen nach zu urteilen genügt es nicht, viel Wissen zu haben, sondern nach welcher inneren Einstellung man die Lesung erschließen will. Es ist besser, nicht „den Islam“ studiert zu haben und dabei Gottes alleinige Autorität zu akzeptieren, anstatt beispielsweise Theologie zu studieren und dabei einer erfundenen „Sunna“ neben der Lesung zu folgen und Gottes Wort dadurch zu entstellen. Wer aus bestimmten, diesseitigen Gründen diesen Fehlern nachläuft, kann sich am Tag der Lebensordnung (am Jüngsten Tag) nicht einfach seiner Verantwortung entziehen (7:38-39, 14:22)!

 

Was ist mit den „Wissenden“?

Traditionalisten, welche dieser Argumentation kritisch gegenüberstehen und sich nicht von der Gelehrtendoktrin abbringen lassen möchten, präsentieren zu diesem Thema oft folgenden Satz aus der Lesung:

 

16:43 Und Wir haben vor dir nur Männer gesandt, denen Wir (Offenbarungen) eingegeben haben. So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst. (Vgl. auch 21:7)

 

Die fett markierten Stellen lauten im Original ahl-al-ḏikri (أهل الذكر) auf Deutsch: Leute der Ermahnung. Da die Lesung auch als Ermahnung betitelt wird, kann man hier auf Leute schließen, die tief im Wissen der Lesung verankert sein müssen. Daraus schließen sie, dass nur Gelehrte die Lesung auslegen dürfen. Abgesehen davon, dass diese Interpetation nicht mal im klassischen Sunnitentum einen Konsens hat (man lese dazu nur Tabari, Qurtubi und Ibn Kathir), bedeutet dies noch lange nicht, dass wir ihnen blind folgen dürfen und sie dadurch zu Herren über uns zu erheben haben (3:64, 9:31, 12:39, 17:36). Gott allein als Herrn anzuerkennen bedeutet auch, dass die Erklärung der Lesung nur durch sich selber legitim ist.

Da aber auch andere Offenbarungen Gottes so bezeichnet werden, müssen sich etwaige Gelehrte mit sämtlichen Schriften auseinandersetzen (5:13-14, 21:48, 21:105, 28:43 und 23:110), was bei den meisten Gelehrten aufgrund ihrer negativen und ablehnenden Haltung beispielsweise gegenüber der Tora oder dem Evangelium nicht zutrifft.

Viele Verse machen uns darauf aufmerksam, wozu die Gelehrtendoktrin geführt hat: moralischer Zerfall (5:63), Autoritätsdenken (9:31) und Ausbeutung durch diese Autoritäten (9:34). Diese Verse sind dabei nicht historisch gemeint, sondern betreffen auch die heutigen Umstände (12:111, 2:44). Letzten Endes werden keine Menschen, nicht mal Gesandte, uns rechtleiten können. Allein Gott kann uns rechtleiten (42:31, 9:116, 29:22), sofern wir Gottes Rechtleitung erlangen möchten (17:9, 28:56, 27:80-81, 41:44).

Naturgemäß werden sich zu diesem Artikel neue Fragen auftun. Wie zum Beispiel, ob man die Lesung hinreichend ohne Arabischkenntnisse verstehen kann oder wie man mit der Lesung generell umgehen soll. In meinem Buch Schlüssel zum Verständnis der Lesung gehe ich ausführlich und weitgehend allgemeinverständlich auf diese komplexe Thematik ein. Weitere klassische Fragen sind:

  • Liegen die meisten Anhänger des Islam falsch?
  • Wurde 1400 Jahre lang ein falsches Islambild vermittelt?
  • Sind folglich all die Menschen hinter den „großen“ Namen der muslimischen Gelehrsamkeit nicht rechtgeleitet?

Auf der einen Seite spielen bei der Beantwortung dieser Fragen meist die eigene Tradition, die große Anzahl der eigenen jeweiligen Gruppierung, ein oftmals angeführter angeblicher Gelehrtenkonsens eine große Rolle. Dem gegenüber stehen nicht selten gleicherweise das eigene Umfeld, die eigene Lebenserfahrung aber auch bestimmte angelernte Auffassungen, welche auf das Verständnis der Lesung einwirken und dadurch das Verständnis der Lesung verzerren können.

 

Rechtleitung (hudan) in der Lesung

Wie aber findet man nun Rechtleitung und wer kann sie überhaupt vermitteln?

 

28:56 Gewiss, du kannst nicht rechtleiten, wen du möchtest. Gott aber leitet recht, wen Er will. Er kennt sehr wohl die Rechtgeleiteten.

17:9 Gewiss, diese Lesung leitet zu dem, was richtiger ist, und verkündet den Gläubigen, die rechtschaffene Werke tun, dass es für sie großen Lohn geben wird.

2:12 Uns obliegt die Rechtleitung.

 

Gott allein ist es also, der rechtleiten kann und sonst niemand, auch nicht der Mensch hinter der Prophetengestalt. Auch kann nicht die eigene Tradition, die oftmals auf Erfindungen beruht, oder Gelehrte einer bestimmten Abspaltung als Quelle der Rechtleitung dienen.

Die Charaktereigenschaften, die vor Gott zwingend sind, um rechtgeleitet zu werden:

  • Jene, die glauben und den Glauben nicht mit Ungerechtigkeit verdecken. (6:82)
  • Rechtschaffene Werke tun. (22:23)
  • Die jeglichem Wort zuhören und dem Besten davon folgen. Sie sind dann die, die vor Gott Verstand besitzen. (39:18)
  • Die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von ihrer Versorgung ausgeben (für Bedürftige) und an die Lesung wie auch allen vorangegangenen Schriften glauben. (2:3-5)

Alles in allem müssen sich Gottergebene darum bemühen, die Rechtleitung allein von Gott zu erhoffen. Das bedeutet, sich von niemandem abhängig zu machen und alles zu hinterfragen – sei es in der Wissenschaft, der Politik, der Musik, im Sport oder der Kunst. Es ist unsere Pflicht, aufgeklärte, zukunftsgerichtete Menschen zu werden, die ihren Verstand einsetzen. Nur so werden wir sowohl im Dies- wie auch im Jenseits erfolgreich sein.

 

39:23 Gott hat die beste Botschaft offenbart, ein Buch mit gleichartigen, sich wiederholenden (Versen), vor dem die Haut derjenigen, die ihren Herrn fürchten, erschauert. Hierauf werden ihre Haut und ihr Herz weich (und neigen sich) zu Gottes Gedenken hin. Das ist Gottes Rechtleitung. Er leitet damit recht, wen Er will. Und wen Gott in die Irre gehen lässt, der hat niemanden, der ihn rechtleitet.

39:36-37 Wird Gott nicht Seinem Diener genügen? Dennoch wollen sie dir mit denjenigen, die es außer Ihm geben soll, Furcht einflößen. Und wen Gott in die Irre gehen lässt, der hat niemanden, der ihn rechtleitet. Wen aber Gott rechtleitet, den kann niemand in die Irre führen. Ist nicht Gott Allmächtig und Besitzer von Vergeltungsgewalt?

Vers 4:34 – Totaler Gehorsam der Frau im Islam gegenüber dem Mann?

Ich suche Zuflucht vor dem verworfenen Satan
Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Friede sei mit euch und der Segen und die Barmherzigkeit Gottes.

 

4:34 Die Männer haben die Frauen zu unterstützen; Angesichts der vielfältigen Gaben, die Gott ihnen gegenseitig geschenkt hat, und angesichts des Reichtums, den sie in Umlauf bringen. Aufrechte Frauen, die achtsam über ihre Privatsphäre sind, bewahren das Verborgene im dem Sinn, wie Gott es vorsieht. …

 

Der Vers 4:34 der Lesung (Koran) ist vielen Menschen bekannt als der Vers, der dem Mann gestattet, seine von den Traditionalisten als „widerspenstig“ beschriebene Frau zu schlagen. Es wird diskutiert, wie der Mann sie schlagen darf: Darf es hart sein? Dürfen Spuren zurück bleiben? Soll es eher eine psychische als eine physische Wirkung haben? Darf man es nur in der Härte tun, mit der man eine Frau mit einem Siwak Schmerzen zufügen könnte? All diese Gedanken sollen dazu beitragen, das Schlagen zu verharmlosen. Aber das Schlagen, egal in welcher Härte, hat einen symbolischen Charakter. Man schüchtert den anderen ein, zollt ihm nicht den erforderlichen Respekt und demütigt ihn. Es hinterlässt Spuren, auch wenn es keine äußerlichen sind. Jeder, der schon einmal geschlagen wurde, möge es noch so leicht gewesen sein, kann das bestätigen. Die äußerlichen Wunden mögen verheilen, die inneren bleiben. Das Verhältnis zu dem Menschen wird auf ewig zerrüttet sein, auch wenn der Streit schon längst begraben ist.

Aber zum Schlagen will ich mich nicht ausführlich äußern. Wer sich mit diesem Thema näher befassen will, wie dies in der Lesung wirklich geregelt ist und welche Übersetzungsfehler bzw. Verständnisfehler begangen wurden, der kann den Artikel ‚Erlaubt die Lesung Frauen zu schlagen?‚ oder auch den vierten Punkt im Artikel Schlüssel zum Verständnis der Lesung zu Rate ziehen.

 

Totaler Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann?

Mir geht es heute um einen anderen Teil dieses Verses, insbesondere um das Wort qānitāt in der folgenden Aussage: فَال‍‍‍صَّ‍‍الِح‍‍َ‍اتُ قَ‍‍انِت‍‍َ‍اتٌ حَافِ‍‍ظَ‍‍‍ات ٌ‌ لِلْ‍‍غَ‍‍‍يْ‍‍بِ بِمَا‌ حَفِ‍‍ظَ ‌اللَّ‍‍هُ oder transliteriert faṣ-ṣālihātu qānitātun ḥāfiẓātun lil-ghaybi bimā ḥafiẓa l-lāhu. Diese sind die unveränderlichen Wörter auf der Originalsprache der Lesung, auf Arabisch. Wie patriarchalisch dieser Vers von einigen missdeutet wird, möchte ich an einem Beispiel aufzeigen. Erst kürzlich schrieb ein irrender Bruder folgende Worte an mich (Rechtschreibfehler nicht ausgebessert):

 

Eine Frau muss sich ihrem Mann unterwerfen bzw. unterordnen! Dein Mann entscheidet ob du arbeiten gehen darfst oder nicht. Dein Mann entscheidet ob du jemanden von deinen Freundinnen reinlassen darf in deine Wohung. Dein Mann entscheidet ob du fasten darfst oder nicht. Dein Mann entscheidet ob du rausgehen darfst oder nciht. Abgesehen davon, darst du nur mit einem Mahram raus und auf keinen Fall allein. Ich würde dir raten weniger Sprüche hier zu klopfen, sondern mehr den Islam zu lernen. Und nebenbei gefragt, wo ist dein Kopftuch? Auch ist das studieren an gemischten Universitäten(Männer & Frauen) haram!!!!!!

 

Die Frage des Kopftuchs lassen wir heute aus, da sie anderswo behandelt wurde. Diese Art der Misogynie fußt auf einem sunnitischen Verständnis und hat mit der Gottergebenheit aus der Lesung nichts zu tun. Auf Deutsch finde ich bei den vier bekanntesten Übersetzungen die folgende Wortwahl:

 

Ahmadiyya: Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren.

Paret: Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) acht gibt.

Rassoul: Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren.

Azhar: Die guten Frauen sind gottergeben und verschweigen, was Gott zu verschweigen gebietet.

 

Das Wort „qānitāt“ wird als „die Gehorsamen“, „demütig ergeben“ oder „gottergeben“ übersetzt. Die Ausdrücke in den Klammern kommen im Originaltext nicht vor und sind Interpretationen der Übersetzer. Mithilfe von Corpus Quran fand ich die Wurzel zum Wort qānitāt: qāf-nūn-tāʾ (q-n-t). Die Bedeutungsumschreibung der Wurzel wird in Lane’s Lexikon wie folgt wiedergegeben:

 

to be devout, obedient, fully and wholeheartedly in all humility to stand long in prayer. qanitun – one who is fully, wholehearted and in all humility devout and obedient.

 

Auf Deutsch übersetzt: andächtig/fromm/andachtsvoll, folgsam/gehorsam/obrigkeitshörig/unterwürfig/fügsam, voll und mit ganzem Herzen in aller Bescheidenheit/Demut lang im Gebet stehen. qanitun – jemand, der voll, mit ganzem Herzen und in aller Bescheidenheit/Demut andächtig und gehorsam ist.

Die Ableitungen dieser Wurzel kommen in der Lesung 13 Mal in 12 Versen vor (2:116, 2:238, 3:17, 3:43, 4:34, 16:120, 30:26, 33:31, 33:35, 39:9, 66:5, 66:12). Die Übersetzungen für die Verse aus den Kapiteln zwei und drei sind der Hanif-Übersetzung entnommen, der Rest der Übersetzungen ist von Paret. In eckigen Klammern fügte ich die arabischen Wurzelableitungen hinzu, wie sie im Vers verwendet werden.

 

2:116 Und sie sagten, Gott habe sich einen Sohn genommen. Gepriesen sei er. Vielmehr ist für ihn, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Alle sind ihm loyal [qānitūn]

2:238 Bewahret die Kontakte und den mittleren Kontakt und steht loyal [qānitīn] zu Gott

3:17 Die Geduldigen, die Wahrhaftigen, die Loyalen [al-qānitīn], die Ausgebenden und die bei den Dämmerungen um Vergebung Bittenden

3:43 Maria, sei deinem Herrn loyal [uqnutī] und unterwirf dich und beuge dich mit den Beugenden

16:120 Abraham war eine Gemeinschaft (für sich) (dem einen) Gott demütig ergeben [qānitan], ein Hanief und kein Heide, …

30:26 Und ihm sind (alle Wesen) untertan (w. ihm gehören (alle Wesen)) die im Himmel und auf der Erde sind. Alle sind ihm demütig ergeben [qānitūn].

33:31 Wenn aber eine von euch Gott und seinem Gesandten demütig ergeben [yaqnut] ist …

33:35 Was muslimische Männer und Frauen sind, Männer und Frauen, die gläubig, die (Gott) demütig ergeben [qānitīn] …

39:9 Ist etwa einer, der (Gott) demütig ergeben ist [qānitun], indem er zu (gewissen) Zeiten der Nacht sich niederwirft oder (w. und) (andächtig im Gebet) steht und sich dabei vor dem Jenseits ängstigt, …

66:5 Wenn er euch (Frauen) … entläßt, wird sein Herr ihm vielleicht Gattinnen zum Tausch geben, die besser sind als ihr: Frauen, die den Islam angenommen haben (muslimaat), die gläubig sind, (Gott) demütig ergeben [qānitāt], bußfertig, fromm, asketisch …, solche, die schon verheiratet waren oder (w. und) noch Jungfrauen sind.

66:12 … Und sie glaubte an die Worte ihres Herrn und an seine Schriften und gehörte zu denen, die (Gott) demütig ergeben sind [al-qānitīn].

 

Da die friedliche Ergebung mittels des Wortes Islām umschrieben wird (Wurzel s-l-m), passt die Ergänzung ergeben in ‚demütig ergeben‘ für die Wurzel q-n-t nicht. Ebenso wird das Wort demütig mit einem anderen Wort in Verbindung gebracht, nämlich chāschiʿ (خاشع, siehe z.B. 2:45). Ebenso könnte unter Umständen die Wurzel ḍād-rāʾ-ʿayn mit Demut in Verbindung gebracht werden (z.B. in 7:205). Aus diesem Grund sollte q-n-t mit Loyalität und nicht mit Demut oder Ergebenheit umschrieben werden, wie es auch in der Übersetzung von Hanif verwendet wird.

Viel wichtiger als die genaue Übersetzung der Wurzel ist aber der Umstand, dass kein einziger der Verse, in denen eine Ableitung der Wurzel q-n-t vorkommt, von der Loyalität, dem Gehorsam oder auch demütigen Ergebenheit jemand anderem gegenüber als Gott spricht. Selbst in 33:31 wird lediglich gegenüber dem Gesandten Gottes zusätzlich Loyalität verlangt, da er ja die Botschaft Gottes übermittelt. Die Loyalität gegenüber dem Gesandten bedeutet also die Loyalität gegenüber der Botschaft Gottes und somit Gott selbst. Vor allem der Vers 66:5 beschreibt gottergebene Frauen in ihrem Verhältnis zu Gott:

  • Sie sind gegenüber GOTT bußfertig und nicht gegenüber ihren Männern.
  • Sie sind gegenüber GOTT fromm und nicht gegenüber ihren Männern.
  • Sie sind für GOTT asketisch (enthaltsam) und nicht für ihre Männer.

Gott wählt die Worte nicht ohne Grund, alles hat einen Sinn: Die Wortwahl, die Syntax, der Satzbau. Und so kann es doch nicht sein, dass er all diese Eigenschaften, die im Verhältnis zu Ihm stehen, neben das Wort „qānitāt“ setzt, was eine Frau angeblich ihrem Mann gegenüber sein müsse.

Es gibt noch die folgende Argumentation, welche auch teils gemäßigte, männliche Gottergebene zu akzeptieren scheinen:

 

In 4:34 ist ganz klar die Rede von Gehorsamkeit der Frau gegenüber dem Mann und am Anfang steht ja deutlich „Die Männer sind Aufrechterhaltende gegenüber den Frauen“. In 66:10 steht über die Frauen von Noah und Lot, dass „sie beide zwei Dienern von unseren rechtschaffenen Dienern unterstanden“, also gibt es sicherlich unterschiedliche Stärken und Schwächen bei Männern und Frauen, deswegen kann man nicht von einer bedingungslosen Gleichberechtigung sprechen.

Erklärung zu 4:34
Das verwendete Verb ist aṭāʿa, was ‚gehorchen‘ bedeutet und in 4:34 steht. Der Ausdruck aus 4:34 kann sinngemäß übersetzt werden als: „Wenn sie (Frauen) euch (Männer) gehorchen, dann sucht keinen Weg gegen sie.“ Und da die Männer die Auflehnung der Frauen fürchten, gibt es Schritte gegen die Frau. Und warum sollte die Frau dem Mann gehorchen? Weil wenn dieser die Gebote Gottes gebietet, so gehorcht die Frau den Geboten Gottes.

 

So gilt für die Frauen das Gleiche, wie über ihnen ist, in erkenntlicher Weise – 2:228Es ist natürlich verständlich, dass eine bedingungslose Gleichberechtigung nicht immer Sinn ergibt. Ich fordere aber die Gleichberechtigung für Frauen, wo eine Ungleichbehandlung nicht wegen zwingenden natürlichen Unterschieden gegeben ist, so wie Gott sie den Frauen zuspricht in 2:228 und 4:128. Zumal ist aus dem Ausdruck aus 66:10 sprachlich gesehen keine Vorrangstellung des Mannes abzuleiten. Es wird lediglich folgendes ausgesagt: Da die Männer zu dieser Zeit hauptsächlich für das Einkommen verantwortlich waren, begaben sich die Frauen unter ihre Fittiche. Genauso wie auf Deutsch „sich unter jemandes Fittiche begeben“ nicht bedeutet, dass der Mann eine allgemeine Vorrangstellung genieße, verhält es sich genau gleich in diesem Vers. Der Vers 66:10 ist darüber hinaus auch kein Argument dafür, dass die Frau generell dem Mann „unterstehe“, da man hier beachten muss, dass es sich um Gesandte Gottes handelt, die jedem Menschen aufgrund ihrer Gesandtschaft eine Stufe höher gestellt sind und ihnen durch ihren Glauben, ihre Standhaftigkeit und Charaktereigenschaften überstehen.

we_all_can_do_itNun zum Argument bezüglich 4:34: Es stimmt, dass dort das Verb gehorchen verwendet wird. Jedoch ist aus diesem Vers keine allgemeingültige Regel abzuleiten, da dieser Vers nur für einen Spezialfall gilt, nämlich für den Streitfall zwischen verheirateten Paaren und darüber hinaus nur dann, wenn der Mann Recht haben sollte! Darüber hinaus bedeutet das nicht „gehorchen“ im absolutistischen, religiösen Sinne. Siehe als Beispiel 26:151 oder auch klarer 49:7, woraus wir verstehen können, dass der Gehorsam des Gesandten gegenüber einigen Befehlen von den Menschen gut sein kann. Gehorsam bedeutet in der Lesung ein auf Einsicht, Recht, Wahrheit und Überzeugung aufbauender Gehorsam. Sowieso muss man auch die Verse 17:36, 8:22, 10:100 berücksichtigen bezüglich dem Einsatz der Vernunft. Wenn ich jemandem zustimme in seiner Ansicht und seine Ansicht akzeptiere, so gilt das auf Arabisch als „ihm gehorchen“. Das heißt aber nicht, dass ich mir keine eigenen Gedanken gemacht und blind akzeptiert hätte.

Ich wiederhole also nochmals: Es ist aus 4:34 kein allgemeiner Gehorsam der Frauen gegenüber Männern herauszulesen! Sowohl Männer haben Frauen zu gehorchen als auch Frauen Männer, wenn die jeweilige Person die Gebote Gottes gebietet. Eine geschlechtsspezifische Regelung gibt es jedoch nicht.

Ich habe bisher noch kein Argument von einem Verfechter der demütigen Ergebenheit gegenüber einem Mann gehört, welches beweisen würde, dass der Mann hiermit irgendwie in einem Zusammenhang steht. Kontextuell wie auch sprachlich gibt es kein Argument. Denn der Vers 4:34 beinhaltet eine Regel für die Frau: Das, was es zu bewahren gibt (wie zum Beispiel meiner Meinung nach eheliche Geheimnisse, Intimitäten etc.) muss sorgsam verschwiegen werden. In diesem Punkt wird die Frau daran erinnert, dass sie Gott gegenüber loyal sein muss und dadurch verpflichtet ist, Seine Gebote einzuhalten. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, hier auf einmal einen totalen Gehorsam gegenüber dem Mann anzunehmen. Dies würde außerdem dem „Schirk“ – der Beigesellung – gleichkommen, da man nun den Mann als Herrn neben Gott akzeptierte, und dies ist die größte Sünde in der Gottergebenheit, von der man sich weit fern halten muss.

Und Gott weiß es am besten.

Verbleibt in Frieden.

Zu Sura 33, Vers 33: Frauen zuhause einsperren?

Frieden sei mit Ihnen, liebe LeserInnen,

eine Schwester fragte nach Vers 33:33 nach, ob man daraus tatsächlich ableiten könne, dass gottergebene Frauen zuhause bleiben müssen – oder anders formuliert: dürfen Männer ihre Frauen zuhause einsperren, weil sie laut Koran zuhause bleiben müssen? Eine gängige Übersetzung dieses Verses lautet wie folgt:

 

33:33 Und bleibt in euren Häusern und prunkt nicht wie in den Zeiten der Unwissenheit und verrichtet das Gebet und entrichtet die Zakah und gehorcht Gott und Seinem Gesandten. Gott will nur jegliches Übel von euch verschwinden lassen, ihr Leute des Hauses, und euch stets in vollkommener Weise rein halten.

 

Zu diesem Vers gibt es zwei wichtige Umstände anzumerken. Erstens, dass hier lediglich die Frauen des Propheten gemeint sind (siehe Vers 33:32). Die Aussagen können deswegen nicht verallgemeinert werden. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Frauen, von denen die Rede ist, als Vorbilder für eine Gottergebene (arabisch: muslīma) gelten und diese Verse deshalb je nach Absicht und kulturell-traditioneller Prägung zu bestimmten Zwecken missbraucht werden.

Zweitens, und dies ist der wichtige Punkt, kann das erste Verb im Vers auf zwei Arten gelesen werden (an den arabischen Buchstaben wird hierbei nichts geändert), abhängig davon, ob man den Buchstaben „waw“ als Teil des Verbes sieht (Wurzel waw-qaf-ra) oder nicht (Wurzel qaf-ra-ra). Die arabische Sprache ist im Wesentlichen eine sogenannte Konsonantensprache, welche auf Wurzeln aufgebaut ist. Diese Wurzeln stützen sich in den meisten der Fälle auf drei, in wenigen Fällen auf vier Konsonantenbuchstaben, aus denen die Verben, die Nomen und Adjektive abgeleitet werden.

Die traditionelle Lesung „wa qarna“ (und bleibt ihr; Imperativ des femininen Plurals), die aus diesem Wort die Wurzel q-r-r herausliest und was ansiedeln, auf dem Boden sitzen, absitzen bedeuten kann, ist in den gängigen Übersetzungen zu finden (wie eingangs zitiert). Wir wissen bereits aus der Übersetzung des Verses 34 aus Sura 4, dass die Übersetzer nicht sehr vorsichtig sind in ihren Übersetzungen und noch mit patriarchalischen Denkmustern an den Koran herangehen, also mit ideologischen Vorurteilen.

Die gängige Übersetzung des zu Beginn zitierten Verses wird dahingehend missbraucht, um die Frauen zuhause einzusperren oder um zumindest eine patriarchalische, nicht islamische Sichtweise in der eigenen Kultur zu rechtfertigen. Andere missbrauchte Verse wie 4:34 tragen dazu bei. Etliche unsinnige Gesetze aus den Aḥādīṯ (sekundäre, im Koran nicht vorkommende Literatur; fälschlicherweise dem Propheten Mohammed zugeschrieben und untergejubelt) stärken diese Sicht, beispielsweise indem eine Frau alleine nicht mehr als 80 Kilometer reisen dürfe ohne einen „zulässigen männlichen Begleiter“, sei es auch nur der fünfjährige kleine Cousin. Auch hierzu gibt es dann noch etliche Variationen.

Nun was ist denn die zweite Lesart?

Meine bevorzugte Lesevariante wäre, weil sie dem Missbrauch keinerlei Raum bietet: wa qirna, abgeleitet von (waqara-yaqiru; وَقَرَ-يَقِرُ), was von der Wurzel Waw-Qaf-Ra abstammt und in etwa soviel bedeutet wie: handelt/seid ehrwürdig, respektabel, ernst, achtsam. Siehe auch hier für den Gebrauch im heutigen Arabisch. Diese Lesung wäre erst dann nicht korrekt, stünde „qararna“ (Wurzel Qaf-Ra-Ra) im Vers statt „qarna“. Die Verse dieser Wurzel q-r-r:

2:36 2:84 3:81 3:81 6:67 6:98 7:24 7:143 11:6 14:26 14:29 19:26 20:40 22:5 23:13 23:50 25:24 25:66 25:74 25:76 27:40 27:44 27:61 28:9 28:13 32:17 33:51 36:38 38:60 40:39 40:64 54:3 54:38 75:12 76:15 76:16 77:21

Diese Wurzel wird im Allgemeinen dazu gebraucht, um etwas oder jemandem „Gewicht zu verleihen“. Einige Araber oder Personen, die der arabischen Sprache mächtig sind, mögen hier einwenden, dass diese Wurzel auch im Sinne von „bleiben“ gebraucht werden kann und wird. Und tatsächlich, im symbolischen Sinne „dem Ort Schwere zu verleihen“ bedeutet nichts anderes als „sitzen, bleiben“. Für die Bedeutung des „bleiben“ werden im Koran aber bereits andere Wurzeln verwendet, weshalb diese Wurzel primär nicht als „bleiben“ verstanden werden sollte. Hier die entsprechenden Wurzeln:

– Wurzel qaf-ra-ra (قرر), auch im Sinne von „entscheiden“, Beispielvers:

40:39 O mein Volk, dieses irdische Leben ist nur Nutznießung. Das Jenseits aber ist die Wohnstätte zum Bleiben. (دَارُ ٱلْقَرَارِ – dāru-l-qarār)

 

– Wurzel qaf-ʾAyn-dal (قعد), Beispielvers:

9:46 Wenn sie hätten hinausziehen wollen, hätten sie fürwahr Vorbereitungen dazu getroffen. Aber Allah war ihr Ausziehen zuwider, und so hielt Er sie zurück. Und es wurde gesagt: „So bleibt (daheim) mit denjenigen, die (daheim) sitzen bleiben!“ (اقْعُدُوا مَعَ الْقَاعِدِينَ – aqʾudū maʾa al-qāʾidīn)

 

– Wurzel ba-qaf-ya (بقى), auch im Sinne von „übrig bleiben“, Beispielvers:

43:28 Und er machte es zu einem bleibenden (bâqiyyatan – بَاقِيَةًۭ) Wort unter seinen Nachkommen, damit sie umkehren.

 

Aus diesem Grund ist die Wurzel w-q-r in einem anderen Sinne zu verstehen. Etwas Gewicht zu verleihen bedeutet auch eine Wichtigkeit beizumessen, jemandem Ehre erweisen oder eine Angelegenheit nicht einfach verfliegen zu lassen. Gewicht zu verleihen bedeutet auch Ruhe und Gelassenheit. Und genau in diesem Sinne wird diese Wurzel in den berühmtesten Wörterbüchern der arabischen Sprache beschrieben. Für jene unter den Leserinnen und Lesern, die kein Arabisch, aber dafür Englisch beherrschen, sei das Lexikon von E.W. Lane empfohlen, Seiten 2960-2961. Beispielverse, in denen diese Wurzel w-q-r vorkommt:

 

48:9 Damit ihr an Gott und seinen Gesandten glaubt, ihm beisteht und ihn ehrt (تُوَقِّرُوهُ – tuwaqqirūhu), und (damit ihr) Ihn preist morgens und abends.

71:13 Was ist mit euch, dass ihr Gott kein Gewicht beimesst? (وَقَارًا – waqāran)

 

Der Vollständigkeit halber liste ich hier noch die komplette Liste an Versreferenzen zu dieser Wurzel auf: 6:25 17:46 18:57 31:7 41:5 41:44 48:9 51:2 71:13. Also würde die korrekte, sinngemäße Übersetzung dann lauten:

33:33 Und seid ehrwürdig in euren Häusern und prunkt nicht wie in den Zeiten der Unwissenheit und verrichtet den Kontakt und steuert zur Verbesserung bei und gehorcht Gott und Seinem Gesandten. Gott will nur jegliches Übel von euch entfernen, ihr Leute des Hauses, und euch in Reinheit reinigen.

 

Mittels dieser Übersetzung wird der Kontext auch um einiges klarer und die Aufforderung ergibt mehr Sinn, da es sich hierbei um Haltungen und Lebensweisen handelt.

Leqaa Hussein, Teacher, Jordan - World Bank Photo Collection

Was ist gleich? Foto: Dana Smillie, CC BY-NC-ND 2.0

Es ist auch bekannt, dass die Frauen des Propheten ein eigenes Einkommen und Vermögen hatten (man denke dabei zum Beispiel an Khadija). Es ist offensichtlich, dass diese Lesevariante eher dem Wesen der Gottergebenheit (arabisch: Islām) entspricht, wonach Frauen allgemein positiv bewertet und ihnen Rechte und Verantwortungen gleich wie dem Manne erteilt werden, dass ihnen gar Königspositionen (Königin von Saba; siehe 27:23,44) zugesprochen werden können und die Königin von Saba gerecht, mächtig und am Ende rechtgeleitet war. Und dies, obwohl der Koran das Königstum als etwas grundsätzlich Negatives (18:79, 27:34) beschreibt. Wie würde Gott also wollen können, dass Frauen zuhause eingesperrt bleiben und demzufolge keine gesellschaftlichen Aufgaben (z.B. in der Politik) übernehmen können sollen, wenn Er als der Allwissende gerade eine Frau als positives Beispiel anführt, wo die Männer dafür gesorgt haben, das Bild des Königs zu vermasseln?

Im Gegensatz dazu haben wir die Ahadith, welche meinen, dass keine Nation Erfolg hätte, wäre ihr Anführer eine Frau. (Sahih Bukhary Band 9, Buch 88, Nr. 219)

Noch einmal wird ersichtlich, welch erhebliche Kluft zwischen den Ahadith, die leider fälschlicherweise als Teil der Gottergebenheit (Islam) wahrgenommen werden, und dem Koran besteht, der eine ethische Hochreligion beschreibt, die friedensstiftend zwischen den Völkern wirkt bei angemessener Ausübung und Auslebung der im Koran vollständig erhaltenen und beschriebenen Religion.

 

49:13 Oh ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander kennenlernen möget. Wahrlich, vor Gott ist von euch der Angesehenste, welcher der Rechtschaffenste ist. Wahrlich, Gott ist allwissend, allkundig.

Den Friedensgruß „Salam“ einem Ungläubigen verweigern?

As-salâmu ‚alaikum – Der Frieden sei mit Ihnen!

Foto: Jean-Michel Baud, CC BY-NC-SA 3.0

Diese arabische Grußformel, auch bekannt als der Friedensgruß, ist ein einfacher Gruß, der besonders unter Muslimen verbreitet ist. Dieser Gruß wird im heutigen Sprachgebrauch unter den Arabern auch oft von nichtreligiösen Menschen verwendet, weil dieser so alltäglich geworden ist.

Doch traditionell orientierte Muslime hüten sich davor, diesen Gruß bei Andersgläubigen zu verwenden, geschweige denn bei sogenannten „Ungläubigen“! Manchmal geht es sogar so weit, dass man nicht einmal gewisse Gruppierungen von Muslimen grüßt, weil die der eigenen Meinung nach Ketzer seien.

In unserer Koranlesung vom 6. Dezember 2013 wurde ich unter anderem gefragt, ob man zum Beispiel einem Christ gegenüber diesen Gruß sagen dürfe oder nicht. Denn viele, die sich so langsam von der Tradition des Mainstream-Islam befreien wollen, kämpfen noch mit diesen falschen Gewohnheiten, die dem Koran widersprechen, wie wir gleich sehen werden.

Woher kommen denn all diese Traditionen? Die aufmerksamen LeserInnen werden es ahnen: aus den Hadith-Sammlungen. Bereits der hanafitische Gelehrte al-Râzi hielt es für „verwerflich“ (makruh), den Ungläubigen (kafir) als erster mit dem Friedensgruß zu begrüßen. Dies sei seiner Ansicht nach der Gruß der Paradiesbewohner, also der Muslime, zu denen ein „Ungläubiger“ natürlich nicht gehört. Es hört auch nicht bei den sogenannten Ungläubigen auf, auch die Juden kommen nicht in den Genuss des Friedens(grußes) traditioneller Muslime, welche diese Ahadith ernst nehmen. Laut diesen soll der Prophet angeblich seine Gefährten ermahnt haben, die Juden nicht zuerst zu grüßen (siehe im Sunan von Ibn Madscha, Band 2, S. 1219, veröffentlicht in Kairo 1972). Nichtsdestotrotz gibt es Ahadith wie den folgenden, wo man zuerst doch denkt, selbst in der Tradition gibt es doch den Friedensgruß an alle:

 

Usama ibn Zaid berichtete, dass der Prophet an einer Versammlung von Muslimen, Ungläubigen, Götzendienern und Juden vorbeigekommen sein soll. Der Prophet soll sie alle gegrüßt haben: Der Friede sei mit euch – as-salamu aleikum (In Bukhary wie auch in Muslim)

 

Doch dieser Hadith wird von den Gelehrten dahingehend interpretiert, dass der Gesandte Gottes in dieser Situation den Friedensgruß aussprach, weil dort sehr viele Muslime waren und man den Muslimen immer den Friedensgruß bieten sollte, auch wenn die „Ungläubigen“ in der Nähe sind.

 

Koranverse über den Friedensgruß

Zum Glück fügen diese Gelehrten zu ihren Meinungen am Ende stets ein „Allahu a’lam“ hinzu, was soviel bedeutet wie „Gott weiß es besser“. In der Tat! Gott weiß es besser als sie und unterrichtet uns, wie wir mit diesem Friedensgruß umzugehen haben in den unterschiedlichsten Beispielsituationen! Kein Bedarf an weiterer Erklärung nötig durch widersprüchliche und teils sehr rassistische Ahadith, die dem Wesen des Koran zutiefst widersprechen.

Gott legt uns nahe, dass wir jeden Gruß zu erwidern haben mindestens auf die Art und Weise, wie wir gegrüßt wurden:

 

4:86 Und wenn euch ein Gruß entboten wird, dann grüßt mit einem schöneren (zurück) oder erwidert ihn (in derselben Weise)! Gott rechnet über alles ab.

 

Es ist also so, dass man stets den Gruß, der einem selbst entboten wird, in derselben oder in einer besseren Art und Weise erwidern soll. Der Vers sagt hierbei nicht „wenn euch ein Gruß von einem Gläubigen entboten wird“, sondern lediglich „wenn euch ein Gruß entboten wird“. Dabei ist es egal, wer einem gegenüber steht. Im letzten Satz des Verses teilt uns Gott mit, dass Er auch darüber abrechnen wird, wie wir in unserem Leben mit Grüßen umgegangen sind. Selbst wenn wir unbotmäßig angesprochen werden, haben wir mit „Frieden“ zu antworten:

 

25:63 Die Diener des Barmherzigen sind diejenigen, die maßvoll auf der Erde umhergehen und die, wenn die Toren sie ansprechen, sagen: „Frieden!“.

 

Gott verlangt von uns in jedem Fall eine Person, die an die Verse bzw. Zeichen Gottes glaubt, mit dem Friedensgruß zu begrüßen:

 

6:54 Und wenn diejenigen, die an unsere Zeichen glauben, zu dir kommen, dann sag: Friede sei über euch! Euer Herr hat sich zur Barmherzigkeit verpflichtet. Wenn einer von euch in Unwissenheit Böses tut und dann später umkehrt und sich bessert, so ist Gott barmherzig und bereit zu vergeben.

 

Dies bedeutet auch, dass wir jede Person, selbst wenn sie nicht immer derselben Meinung ist wie wir selbst in religiösen Fragen, mit dem Friedensgruß grüßen müssen. Konkret heißt das, dass niemand ausgeklammert werden darf aufgrund religiöser Differenzen, wie etwa Schiiten oder Sunniten oder „andere Rechtsschulen“. Es gibt nämlich einige Sunniten, die der Ansicht sind, sie könnten Schiiten vom Friedensgruß ausklammern, indem sie zu ihnen sagen: „Friede sei mit denen, die der Rechtleitung folgen“. Dies ist ein Ausdruck aus Vers 20:47, der hierzu missbraucht wird.

 

20:47 Geht nun zu ihm (Pharao) und sagt: Wir sind Gesandte deines Herrn. Schick die Kinder Israel mit uns weg und bestrafe sie nicht! Wir sind mit einem Zeichen von deinem Herrn zu dir gekommen. Friede sei über einem, der der Rechtleitung folgt!

 

Hierbei wird aber außer Acht gelassen, dass es sich um eine spezielle Situation handelt, in der es um die Geschichte von Moses, Aaron und Pharao geht. Dieser Vers kann also keineswegs verallgemeinert werden. Denn dies würde dann der Regel aus 4:86 widersprechen. Im Gegenteil, in Vers 20:44 wird uns deutlich gemacht, dass wir selbst bei einem Tyrann wie Pharao es war milde und sanfte Worte zu wählen haben! Zudem ist aus dem nachfolgenden Vers ersichtlich, dass die Erörterung eines Prinzips im Vordergrund steht und nicht das Grüßen an sich:

 

20:48 Uns ist offenbart worden, dass die Strafe denjenigen trifft, der (die göttliche Botschaft) für Lüge erklärt und sich abwendet.

 

Es ist dermaßen wichtig, dass der Gruß erwidert wird, dass wir auch in Kriegssituationen nicht einfach blind Menschen ausklammern können:

 

4:94 O ihr, die ihr glaubt, wenn ihr auf dem Weg Gottes im Land umherwandert, so seid euch im Klaren darüber (tabayyanuu) und sagt nicht zu dem, der euch den Frieden anbietet: „Du bist kein Gläubiger“, im Trachten nach den Gütern des diesseitigen Lebens. Gott schafft doch viele Möglichkeiten, Gewinne zu erzielen. So seid ihr früher (auch) gewesen, da hat Gott euch eine Wohltat erwiesen. So seid euch im Klaren darüber. Gott hat Kenntnis von dem, was ihr tut.

 

Wenn wir die Verse davor und danach betrachten, sehen wir, dass der Kontext dieses Verses eine Kriegssituation darstellt. Also auch selbst dann, wenn Krieg vorherrscht, dürfen wir nicht achtlos werden in Bezug auf diese Grundregel des Grüßens. Es gibt zwei wichtige Punkte, die in diesem Vers bemerkt werden sollten.

Erstens, dass Gott uns mitteilt, dass wir früher auch so gewesen sind. Diesen Vers in seinen historischen Kontext einzuschränken und von unserer Zeit zu distanzieren bedeutete, dass dieser Vers als eine bloße Berichterstattung gilt ohne irgendeine innere Lehre, was aber dem Koran widerspricht (12:111). Wir waren also gleich wie sie, die wir als „keine Gläubige“ beschreiben würden. So ist es einfach einzusehen, dass der Weg zur Wahrheit ein langer und steiniger Weg sein kann und deshalb Verständnis und Geduld erfordert. Wenn nicht wir, als Gläubige, den Menschen Verständnis und Geduld lehren, wer dann? Wir sollten Vorbilder sein.

Zweitens, solch eine Ausklammerung mittels „du bist kein Gläubiger“ wird mit dem Trachten nach diesseitigen Gütern in Verbindung gebracht. Anders betrachtet: sich als Gruppe abzuschotten und finanzielle, gemeinschaftliche und politische Hilfe nur den eigenen Reihen zukommen zu lassen wird hier mit „Trachten nach den Gütern des irdischen Lebens“ assoziiert. Dies dient dazu, dass wir keinerlei Abspaltungen zulassen dürfen, nicht einmal im Kriegsfalle. Weitere Betrachtungen hierzu im Artikel Abspaltungen, Madhabs und Sekten. „Du bist kein Gläubiger“ zu sagen bedeutete in diesem Kontext weitergedacht „und du bist somit einer von den Feinden“. Die friedlichen Mitmenschen, die sich nicht am Krieg beteiligen, als Feinde anzusehen wird in diesem Vers verboten. Damit wird ihr Vermögen wie auch ihr Leben und das ihrer Familie unter den Schutz Gottes gestellt. Denn Gottes System und Ordnung sehen es vor, dass Religions- und Meinungsfreiheit gelten sollen (2:256; 18:29; 10:99; 88:21-22). Insbesondere das im obigen Vers vorkommende „seid euch im Klaren“ (tabayyanuu) verbietet nicht nur die Verleumdung, sondern verlangt von den Gläubigen, Nachforschungen anzustellen über die Aufrichtigkeit der Person. Der Angeklagte ist also unschuldig bis seine Schuld bewiesen wurde.

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass man stets in derselben Art und Weise, wie man gegrüßt wurde, zurück grüßen muss, ja man soll diesen Gruß sogar noch verbessern (4:86). Dies selbst dann, wenn man unschön angesprochen wurde (25:63). Der Gruß zwischen den Gläubigen, welche an die Zeichen und die Verse Gottes glauben, ist hierbei der Friedensgruß (6:54). Selbst wenn man anfänglich der Meinung ist ohne Beweise, jemand sei kein Gläubiger und somit ein Feind im Kriegszustand, haben wir den Gruß zu erwidern (4:94).

Wenn wir im Koran weiter suchen, sehen wir, dass der Friedensgruß bereits sehr alt ist. Laut den Versen des Koran benutzte schon der Prophet Abraham diese Worte gegenüber Menschen, die er gar nicht kannte, also auch ungeachtet ihrer Glaubenszugehörigkeit:

 

51:24-25 Ist dir nicht die Geschichte von den ehrenvoll aufgenommenen Gästen Abrahams zu Ohren gekommen? Als sie bei ihm eintraten, sagten sie „Frieden!“ Er sagte (ebenfalls) „Frieden, ihr ablehnende Leute.“

 

Wir bemerken, dass Abraham lediglich kurz „Salam“ (Frieden) sagt, nachdem er mit diesem Gruß zuerst gegrüßt wurde. Dies obwohl er diese Leute als „ablehnende Leute“ beschreibt (qawmun munkiruun). Er setzte also stets konsequent die Regel des Koran um. In einer weiteren Lesart könnte man von „abgelehnten Leuten“ sprechen (qawmun munkaruun). Die Wurzel von munkir/munkar ist dieselbe, nämlich nakara (n-k-r) und hat stets mit einer gewissen Ablehnung (nukr), Abneigung (istinkār) und Leugnung (inkār) zu tun. In gewissen Übersetzungen kommt die Bedeutung „unbestimmte/unbekannte Leute“ zum Vorschein, aber selbst dann befolgt Abraham die koranische Regel ohne Ausnahme, obwohl er die Leute nicht kennt.

Sura Maun: Betende Glaubensleugner?

Um die Frage besser zu verstehen, müssen wir die Sura Maun, welche aus 7 Versen besteht, unter die Lupe nehmen.

107:1 Sahst du den, der das Glaubensbekenntnis für Lüge erklärt
107:2 Das ist nämlich der, der die Waise zurückweist
107:3 und nicht die Speisung des Armen fördert
107:4 So wehe den Kontakthaltenden,
107:5 die bei ihrem Kontaktgebet geistesabwesend sind
107:6 die sich zur Schau stellen
107:7 und das Hilfesystem verhindern


Schon im ersten Vers hat man in zahlreichen Koranübersetzungen das Wort „Glaubensbekenntnis“ oder „Religion“ degeneriert. Merkwürdigerweise haben viele Übersetzer das Wort „Glaubensbekenntnis“ (دين – diin, auch oft als ‚Religion‘ übersetzt) an dieser Stelle versucht anders zu übersetzen als an anderen Stellen, nämlich abweichend und oft mit dem Wort „Gericht“. Das Wort „Gericht“ (يوم الدين – yawm addiin, wörtlich: Tag des Glaubensbekenntnisses) kommt im Koran dreizehn Mal vor (1:4, 15:35, 26:82, 37:20, 38:78, 51:12, 56:56, 70:26, 74:46, 82:15, 82:17, 82:18, 83:11), wird in 82:17-18 nach einer rhetorischen Frage genauer definiert und ist für das Wort „Glaubensbekenntnis“ oder Religion nicht geeignet.

Die Tatsache ist, dass wir hier mit einer abweichenden Übersetzung konfrontiert werden. Wir fragen uns, was hier mit den Übersetzern los ist, denn das Arabische ist einfach und klar. Wieso fügen die Übersetzer ein nicht im Original vorhandenes Wort ein? Etwa mit Absicht? Die Frage lässt sich womöglich wie folgt erklären: Ersetzt man das Wort „Glaubensbekenntnis“ mit „Gericht“, so wird man „nur“ zum Leugner des Gerichts und nicht der gesamten Religion, was natürlich für manche weniger schlimm ist, als den Glauben total zu verleugnen. Die Übersetzer versuchten durch die Änderung des Wortes die Bedeutung des Verses aufzuweichen und möchten somit die klare und schockierende Mitteilung verändern.

107:2-3 Das ist nämlich der, der die Waise zurückweist und nicht die Speisung des Armen fördert

107:6-7 die sich zur Schau stellen und das Hilfesystem verhindern


Verse 2-3 und 6-7 definieren, wer die Glaubensleugner sind: derjenige, der die Waisen verstößt und derjenige, der zur Speisung der Armen nicht antreibt. Das heißt eigentlich, dass der Koran von uns will, dass wir eine soziale Lebensweise anstreben. Mit anderen Worten sollten wir armen, hilfsbedürftigen, machtlosen, wehrlosen, handlungsunfähigen etc. Menschen helfen (107:2) und auch unseren Mitmenschen diese Hilfestellung empfehlen und sie dazu verleiten (107:3). Außerdem verhindern diese Leugner auch jegliche Hilfestellung, heißt es im letzten Vers (107:7). Nebst dem, dass die Person also weder Hilfe leistet noch die Hilfestellung empfiehlt, verhindert sie noch zusätzlich die Hilfestellung für die hilfsbedürftigen Menschen. Das Wort „Hilfesystem“ (ماعون – mâ’Auun, wörtlich: Hilfsmittel, Behälter) umfasst Wörter wie Wohltätigkeit, Gemeingut und auch Spende.

107:4-5 So wehe den Kontakthaltenden, die bei ihrem Kontaktgebet geistesabwesend sind


Der Koran verflucht diejenigen Menschen, welche diese Hilfestellung nicht leisten, antreiben oder empfehlen oder sie gar verhindern. In einem Satz zusammengefasst würde das bedeuten, dass ein Mensch, welcher die Kriterien der Verse 2-3 und 6-7 erfüllt, die Religion für Lüge erklärt. Hier können wir ganz klar schlussfolgern, dass die Gebete einem nichts bringen, wenn eine Person keine soziale Lebensweise führt (7:156, Sura 107).

Auch Betende können verflucht werden und dies trotz ihrer augenscheinlich tadellosen Gebete (107:4). Das heißt, dass wir trotz unserer Gebete zum Glaubensleugner werden können. Außerdem werden diejenigen umschrieben, welche unwissend ihre Gebete ausführen. Niemand kann vollständig geistesabwesend sein bei seinen Gebeten. Das funktioniert dann besser, wenn die Leute eine Sprache verwenden, welche sie nicht verstehen (siehe hierzu auch Sure 4 Vers 43). Jeder Mensch sollte beim Gebet das Gesagte auch verstehen und nicht einfach rezitieren, ohne zu verstehen. Hierbei spielt die Sprache keine Rolle (siehe hierzu folgende Artikel: Sprache des Koran spielt keine Rolle  und Beten in der Landessprache)

107:6-7 die sich zur Schau stellen und das Hilfesystem verhindern


Die Sura geht noch weiter und offenbart, dass diese Personen ihre Gebete nur zur Selbstdarstellung verwenden (107:6). Hier gibt der Koran eigentlich einen weiteren Menschentypen bekannt, was zusätzlich zu den traditionellen Typen im Islam angefügt werden kann. Einer, der nämlich über zwei Gesichter verfügt. Die traditionellen Typen im Islam kurz zusammengefasst:

  • Gläubiger (Mumin): Glaubt innerlich und bringt das auch zum Wort.

  • Polytheist (Mushrik): Glaubt an Gott und gesellt Ihm noch andere bei.

  • Ableugner (Kafir): Glaubt nicht an Gott und bringt das auch zur Sprache.

  • Heuchler (Munafiq): Sagt, dass er glaubt, tut es aber innerlich nicht.

Durch die Sura Maun kommt nun ein weiterer neuer Typ hinzu:

  • Täuscher (Murâi) – täuscht andere und evtl. sogar sich selbst

Zu diesem Wort „Murâi“, was Arabisch ist, ist leider keine bessere deutsche Übersetzung zu finden. Ein Murâi täuscht die Leute für seine eigenen Vorteile. Mit einem Gläubigen ist er gläubig und mit einem Ungläubigen ist er ungläubig. Während ein Münafiq gegenüber sich selbst ehrlich ist, ist dies beim Murâi nicht der Fall, im Gegenteil, er kann sich unter Umständen sogar selbst täuschen. Dieser Typ ist einer der schlimmsten Typen, weil er ständig seinen Charakter den Umständen anpasst, selbst zum Preis der Selbstverleugnung. Die traditionellen Typen verfügen im Gegensatz zum Murâi über eine halbwegs berechenbare innere Einstellung. Beim Typ „Murâi“ kann man nicht davon sprechen, weil dieser seine Gebete zum Einsatz bringt, um das Vertrauen einer Person zu gewinnen, jedoch besitzt er nicht im geringsten eine Ehrlichkeit. Er ist jemand, der seine Gebete verwendet, um bei anderen Menschen ein tolles Bild abzugeben und davon zu profitieren. Ein Murâi ändert dauernd seinen Charakter nach seinen persönlichen Interessen.

Wir können daraus schlussfolgern: Eine Person kann sehr religiös aussehen und auch ihre Gebete perfekt verrichten und trotzdem ein Glaubensleugner sein. Das Kontaktgebet kann von den Kontakthaltenden zur Selbstdarstellung ausgenutzt werden, um die Menschen hinter das Licht zu führen. Diese Leute, welche das ausnutzen, werden vom Koran verflucht (107:4). Das Wort “kontakthaltend” (muSalliyn – مصلين) kommt aus der Wurzel Sad-Lam-Waw, wovon auch das Wort „Salâh“ (صلوة oder gemäß heutiger Schreibweise: صلاة) abgeleitet wird, was im Allgemeinen „Kontakt“ oder „Verbindung“ bedeutet und im Koran das rituelle Gebet meint, wobei man den Kontakt zum Schöpfer sucht, sich quasi mit seinem Schöpfer durch das Gebet auf der seelischen Ebene verbindet. MuSalliyn sind also jene, die Kontakt halten durch die regelmäßige Verrichtung des Kontakts mit seinem Schöpfer.

Was unterscheidet im Grunde genommen einen Mürâi von einem Munafiq? Genau diese Eigennützigkeit unterscheidet den Murâi-Typ von den traditionellen Typen im Islam. Ein Murâi muss nicht unbedingt bewusste persönliche Interessen verfolgen und kann Ängste, Unsicherheiten, Herausforderungen und auch Schwierigkeiten haben, mit denen er zu kämpfen hat. Ein Murâi kann aber auch absolut hemmungslos sein und sich Lügen und Schauspielereien bedienen, um seine Ziele zu verwirklichen.

Gibt es in der Realität Menschen, welche sich wie ein Murâi verhalten?

Zum Beispiel gibt es Menschen, welche ihre Gebete absichtlich neben bekannten Personen verrichten, um bei diesen den Anschein zu erwecken, dass man ihnen vertrauen sollte, es wird ja schließlich gebetet. Das eigentliche Ziel ist jedoch ein Geschäft abzuschließen. Ein weiteres Beispiel ist, dass gewisse Leute in regelmäßigen Abständen Hilfsbedürftige Menschen als Gäste empfangen, um bei ihren Mitmenschen einen guten Eindruck zu hinterlassen für den eigenen sozialen Status. Doch bei akuten Situationen, in denen Hilfe nötig ist, melden sie sich nicht nur zögerlich, sondern könnten auch anderen im Weg stehen. Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele aus dem alltäglichen Leben, welche hier aber den Rahmen des Artikels sprengen.

Die Sura Maun stellt gewissermassen auch einen Sozialstaat vor, einen Staat, der in seinem Handeln soziale Sicherheit und soziale Gerechtigkeit anstrebt. Die Verse 2, 3 und 7 befürworten eine soziale Lebensweise. Infolgedessen sollte auch ein Staat von diesen Versen geprägt sein. Ein Staat ist verantwortlich für sein Volk, das Volk verantwortlich für die Gemeinschaften und die Gemeinschaften sind verantwortlich für ihre Bürger. Ein Sozialstaat besteht also aus sozialen Mitbürgern, welche ein soziales Leben führen. Ein Sozialstaat verfolgt das Ziel dem Menschen in Notlagen zur Seite zu stehen und durch geeignete Maßnahmen Notlagen vorzubeugen. Die Umsetzung der Sura Maun würde die weltweiten Notlagen wie Armut, Hungersnot, Obdachlosigkeit und etliche weitere soziale Probleme lösen und ein Thema der Vergangenheit werden lassen. Die Lösung dieser Probleme unterstützt auch die soziale Sicherheit der Menschen. Die Verse der Sura Maun verdeutlichen diese Ansicht.

Literatur

Yaşar Nuri Öztürk ein türkischer Jurist, Politiker, Religionsphilosoph und Autor ist ein bekannter islamischer Theologe in der Türkei und vertritt innerhalb des Islams liberale Positionen. Er hat zu der Sura Maun ein Buch namens „Maun Suresi Böyle Buyurdu“ (Deutsch: „Die Sura Maun befiehlt Folgendes“) in türkischer Sprache verfasst. Ein ähnliches Werk zu dieser Sura existiert weltweit nicht. Die im Artikel erwähnten Aspekte sind in einigen Punkten aus seinem 438-seitigen Buch entlehnt. Für umfassendere Informationen können türkischsprachige Leser dieses Buch heranziehen.

Menstruation und Beten im Islam, Fasten während der Menstruation…

Der Koran, der alles erklärt (16:89; 6:114), was wir für unsere Rechtleitung benötigen, schränkt einzig und allein den Geschlechtsverkehr ein, wenn es um die Menstruation geht.

 

 

Foto: Jennifer Hayes – CC BY-NC 2.0

 

2:222 Und sie fragen dich nach der Menstruation. Sage: „Sie ist eine Beeinträchtigung!“ So haltet Abstand von den Frauen während der Menstruation und nähert euch ihnen nicht (sexuell), bis sie gereinigt sind. Wenn sie sich reinigten, dann kommt zu ihnen, von wo euch Gott gebot. Gewiss, Gott liebt die Bereuenden und liebt die sich Reinigenden


Der Koran beinhaltet alles, was unsere Rechtleitung betrifft. Und so beschreibt er in diesem Vers alles, was die Menstruation angeht. Laut Koran ist Regelblutung eine Beeinträchtigung, ein Unwohlsein und Gott sieht für uns vor, dass wir während dieser beeinträchtigenden Phase keinen Geschlechtsverkehr üben. Unser Herr beschreibt die Menstruation nicht als eine spirituelle Unreinheit, sondern als eine Beeinträchtigung. Man soll sich auch nicht durch den nachfolgenden Satz verunsichern lassen, in dem das aus der Wurzel T-h-r (طهر) abgeleitete Verb (يطهرن – yaThurna, femininer Plural der dritten Person) verwendet wird. So wie das Wort „rein“ im Deutschen mehrere Bedeutungen in sich tragen kann, wie etwa in „eine reine Weste haben“, kommen die von der Wurzel abgeleiteten Wörter im Koran in unterschiedlichen Varianten vor:

  • materielle, körperliche Reinheit: 2:25, 2:222 (die ersten beiden Vorkommnisse im Sinne von „sich der Menstruation entledigen“), 3:15, 4:57, 8:11, 25:48, 76:21
  • geistige Reinigung: 2:222 (letztes Vorkommnis), 2:232, 3:55, 5:41, 9:103, 33:33, 33:53, 56:79 (die hier beschriebene Reinheit hat nichts mit der rituellen Waschung (غسل – Ghusl) vor dem Gebet zu tun*), 58:12,  80:14, 98:2
  • Geistige und materielle/körperliche Reinigung: 2:125, 3:42 (könnte auch als rein geistige Reinheit gelten), 4:43, 5:6, 7:82, 9:108 (ebenso möglich: nur geistige Reinheit), 11:78 (ebenso möglich: rein geistig), 22:26, 27:56, 74:4

* Koranisch gesehen bedeutet Ghusl, anders als in der traditionellen Lehre üblich, sowohl Ganzkörperwaschung als auch die Waschung vor dem Gebet, siehe 4:43 und 5:6 (und die Wortwahl des arabischen Textes), wohingegen aus 5:6 zu verstehen ist, dass طهارة – Tahaara im Kontext des Gebets (und nicht allgemein) durchaus als reine Ganzkörperwaschung verstanden werden kann. Achtung: Hier beim allgemeinen Ghusl bedeutet dies nicht, dass die Person in dem Moment körperlich unrein sei, um Missverständnisse zu vermeiden. Dies hat lediglich mit dem Gebet zu tun.

Es gab und gibt verirrte Menschen, die die Menstruation bei Frauen gar als eine göttliche Strafe ansehen. Ihre Ansichten und Interpretationsweisen haben auch ihren Weg in die Kommentaren und Tafsir-Bücher gefunden, wonach man eine Frau nicht nur sexuell nicht berühren, sondern gleich komplett vermeiden sollte. Dies wird ebenso ersichtlich in den Übersetzungen, welche die Menstruation in 2:222 wie folgt beschreiben bzw. das Wort (أَذًى – adhan) wie folgt übersetzen:

  • Khoury, Bubenheim, Rassoul: Leiden
  • Azhar, Ahmadeyya: Schaden
  • Paret: Plage
  • Zaidan: Beschwerlichkeit
  • Pickthall: Krankheit (illness) (sic!)
  • Qaribullah: Verletzung (injury)
  • Khalifa, Progressive Muslims, Amatul R. Omar: schädlich (harmful)
  • M. Asad: verwundbarer Zustand (vulnerable condition)
  • Ali F. Yavuz: eine verhasste Unreinheit (nefret edilen bir pisliktir) (sic!)

Wie wir sehen tun es sich die Übersetzer nicht gerade einfach, das Wort angemessen zu übersetzen. Auch während unserer Übersetzung von 2:222, die wir eingangs zitierten, hatten wir lange diskutiert. Insbesondere in gewissen Übersetzungen wie die von Paret, Pickthall oder von meinem persönlichen Favorit in der Kategorie „abstruseste Übersetzung“ Ali F. Yavuz sieht man deutlich, welch lausige Arbeit da verrichtet wurde bei der Übersetzung.

Im Koran kommt dieses Wort an 24 Stellen in verschiedenen Formen vor: 2:196 2:222 2:262 2:263 2:264 3:111 3:186 3:195 4:16 4:102 6:34 7:129 9:61 (2x) 14:12 29:10 33:48 33:53 (2x) 33:57 33:58 33:59 33:69 61:5

Dass es sich bei diesem Wort nicht um den Aspekt der „Schmerzen“ handelt, wird klar, wenn man bedenkt, was „schmerzhaft“ auf Arabisch heißt: مُؤْلِم – mu’lim oder أَلِيم – ‚aliim, was im Koran sehr oft in der Wendung ‚Adhaabun ‚aliimun (schmerzhafte Qual) vorkommt. Dieses Wort bedeutet auch nicht „Schaden“ (ضَرَر – Darar, türkisch: zarar) an sich, denn man betrachte Vers 3:111:

لن يضروكم إلا أذى وإن يقتلوكم يولوكم الأدبار ثم لا ينصرون

Sie werden euch nicht schaden (lan yaDurruukum), bis auf eine Beeinträchtigung (‚illaa ‚adhan). Wenn sie euch bekämpfen, werden sie euch den Rücken kehren und weglaufen. Keine Hilfe wird ihnen zuteil werden.

Hier wird das Wort zwar mit Schaden in Verbindung gebracht, aber dennoch sprachlich wie auch inhaltlich getrennt. Im Vers hätte auch ‚illa qaliilan (bis auf ein wenig) stehen können. Jedoch wird durch diese Wortwahl klar gemacht, dass das Wort in der Bedeutung schwächer als „Schaden“ (Darar) ist (das Verb yaDurruuna stammt von derselben Wurzel ab wie das Wort Darar) und damit etwas anderes ist als Schaden.

Dasselbe Wort kommt in den übrigen 23 Stellen in der Bedeutung „bedrücken, belästigen“ (zum Beispiel im Sinne einer Beleidigung, siehe 3:186 oder 6:34) oder „leiden“ (auf dem Wege Gottes „leiden“, siehe 3:195) vor, allgemein aber im Sinne von einer „Einschränkung“, weshalb wir uns für das Wort „Beeinträchtigung“ entschieden hatten. Nirgends, aber nirgends erhält es die Bedeutung „verhasste Unreinheit“! Es bedeutet auch in keinster Form „unrein“ oder „Schmutz“. Doch nur in 2:222 Stelle übersetzen gewisse Übersetzer dieses Wort anders.

Wieso erst dann, wenn es sich um Frauen handelt?

Traditionell wird gelehrt, dass eine menstruierende Frau spirituell und körperlich vor Gott unrein sei, und deshalb nicht beten, nicht fasten und die Pilgerfahrt nicht vollziehen dürfe. Der Koran, der alles erklärt (16:89; 6:114), was wir für unsere Rechtleitung benötigen, schränkt einzig und allein den Geschlechtsverkehr ein, wenn es um die Menstruation geht. Hätte Gott gewollt, dass Frauen nicht beten, nicht fasten und auch den Koran nicht lesen, so hätte dies Gott, Der weder wortarm noch vergesslich ist, mit Leichtigkeit erwähnen können. Sowieso enthält der Koran die Einzelheiten zu den Umständen, die dem Kontaktgebet im Weg stehen: Urinieren, Stuhlgang oder die spirituelle Unreinheit durch Geschlechtsverkehr (dschunub).

Eine menstruierende Frau hat zu beten und zu fasten und die Pilgerfahrt zu vollziehen. Sie kann den Koran auch zu jeder Zeit lesen. Falls die Menstruation eine erhebliche Beeinträchtigung ist und körperlich von der Frau viel abfordert, so kann sie das Fasten aufschieben (2:184f.). Jedoch ist dies keine allgemeine Regel und sehr individuell behaftet, da nicht jede Frau das Menstruieren als ein intensives Leiden erlebt.

Männer waren es, die diese Interpretation den Frauen aufgezwungen haben und wieder Männer waren es, die die menstruierenden Frauen von den Moscheen, vom Gebet, vom Fasten und vom Koran ferngehalten haben. Die patriarchalische Mentalität, welche die Frauen davon fernhält, Gott zu dienen, zu Gott zu beten und mit Ihm eine innige Verbindung aufzubauen wie etwa durch das Koranlesen, hat dafür gesorgt, dass sich viele Frauen, insbesondere die jungen Mädchen vor der Gesellschaft sehr verlegen fühlen können und ihnen das Gefühl gegeben, dass sie etwas im Körper haben, dass sie vor Gott unrein mache. Damit wurden sie in den Hintergrund gedrängt. Sie haben auch dafür gesorgt, dass auch die Frauen den Koran verlassen haben und von der Klage unseres Propheten angesprochen werden (25:30).

Die sogenannte Scharii’a, die durch die erfundenen und erlogenen Ahadith und mittels der Dutzenden Idschtihad der Gelehrten Jahrhunderte später eingeführt und dem letzten Propheten Gottes untergejubelt wurde (42:21), hat das diesseitige wie auch das jenseitige Leben der Muslime (arabisch für „Gottergebene“) ins Verderben geführt.

Die Gottergebenen, welche den Koran, den gesamten Koran und nur noch den Koran einhalten wollen, werden mit Gottes Hilfe und Erlaubnis diesen Aberglauben aufdecken und entlarven.