Koran

Ramadan - Kind in der Natur

Podcast #5 SzVdK: Beigesellung & Bezeugung

Die fünfte Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über das Verhältnis zwischen Beigesellung (schirk) und Bezeugung (schahâdah) und über die Werkzeuge der Vernunft.

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Verwendete Musik:
Intro: Broke For Free – Something Elated
Outro: Vekil – Vergänglich aus dem Album Die Wahrheit mit freundlicher Genehmigung unseres Bruders Vekil

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Podcast #4 SzVdK: Beigesellung

Die vierte Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über eine koranische Hermeneutik und Beigesellung mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Podcast #3 SzVdK: Koranische Hermeneutik

Die dritte Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über eine Koranische Hermeneutik mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Cover Schlüssel zum Verständnis des Koran

Podcast #2 SzVdK: Theorie & Hermeneutik

Die zweite Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK) über Theorie und Hermeneutik mit Kerem Adıgüzel und ein paar Antworten zu Zuhörerfragen.

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Ein Podcast von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe über wenig besprochene Aspekte der Gottergebenheit (deutsch für Islam), in dem wir mit bereichernden Gästen aus einem frischen Blickwinkel heraus ungewöhnliche, aber dafür für den Alltag wichtige Themen besprechen. Bücher, Selbstentwicklung, intellektuelle und seelische Gesundheit, Ernährung, Spiritualität und Philosophie sind nur einige Bereiche, die wir anschneiden.

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Schwarz weisses Portraitbild von Kerem Adigüzel, digital gezeichnet von Tarigh Nejat

Podcast #1 Schlüssel zum Verständnis des Koran (SzVdK)

Ein Podcast von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe über wenig besprochene Aspekte der Gottergebenheit (deutsch für Islam), in dem wir mit bereichernden Gästen aus einem frischen Blickwinkel heraus ungewöhnliche, aber dafür für den Alltag wichtige Themen besprechen. Bücher, Selbstentwicklung, intellektuelle und seelische Gesundheit, Ernährung, Spiritualität und Philosophie sind nur einige Bereiche, die wir anschneiden.

Die erste Episode zur Reihe Schlüssel zum Verständnis des Koran und ein paar zusätzliche Worte zur aktuellen Pandemiesituation und der Isolation:

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Nachdenkliches Mädchen - Enthaltsamkeit

Ramadan: Eine Zeit der Enthaltsamkeit und Erneuerung

Ramadan ist eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Gottergebene («Muslime») Achtsamkeit üben müssen, wenn wir das Fasten in seiner Tiefe verinnerlichen möchten.

2:183 „Ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr achtsam seid.“

Hanif-Übersetzung

Dabei ist diese Übung der Enthaltsamkeit eine Einladung an alle Menschen über die verschiedenen Wege zu reflektieren, wie wir die Gesundheit unserer Seelen über den Rest des Jahres vernachlässigen.

Wir praktizieren einen Monat lang Fasten, Meditieren, Reflektieren und Gebete, um den Mysterien dieses wunderschönen Universums, der Barmherzigkeit und dem Wissen Gottes näherzukommen. Und in diesem Monat war es, in welchem die Lesung («Qur’an») eingegeben wurde:

2:185 Monat Ramadan: In dem die Lesung als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, als Klarstellungen über die Rechtleitung und die Unterscheidung. 

Hanif-Übersetzung

Seelische und gesellschaftliche Revolution

Diese Worte Gottes änderten nicht nur das Leben unseres geliebten Propheten, sondern revolutionierten auch seine Gesellschaft. Sie beeinflussen unsere Welt heute noch. Diese Worte gehen über die Beschreibung der Natur unserer Körper weit hinaus und zeigen uns auf, dass wir den Hauch Gottes in uns tragen und alle aus derselben einen Seele erschaffen sind (4:1, 15:29). Wir sind alle miteinander verbunden.

Diese Revolution, die beim Propheten zunächst in seiner Seele stattfand und dann in der Gesellschaft, sollte auch die Erfahrung von Gottergebenen in ihrem eigenen Ramadan sein, zusätzlich zur Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Sex von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese intensive Disziplin sollte uns näher zu Gott bringen, indem wir unsere grundlegendsten Wünsche und Bedürfnisse kontrollieren. Dadurch erreichen wir eine höhere Ebene des Bewusstseins, um eine tiefere Hingabe gegenüber Gott zu leben.

Indem wir uns buchstäblich entleeren, einerseits physisch von Nahrung und andererseits spirituell von unserer Anhänglichkeit gegenüber allen Dingen, die uns von Gott weg bewegen, schaffen wir Raum. Wir schaffen den nötigen Raum, in dem unsere Seelen erneut gedeihen können. So wie bei einem vollen Glas nichts mehr hinzugefügt werden kann, ist es nicht möglich, einer von sich selbst gefüllten Seele Raum zu geben für Gott. Es muss eine Lücke entstehen.

Unsere Seelen atmen im Ramadan aus, damit wir beim Einatmen die Barmherzigkeit Gottes, sozusagen frische Luft empfangen können. Es ist kein Zufall, dass viele Meditationen mit dem Atmen arbeiten, um diese symbolische Verbindung zu verinnerlichen. Vom ersten Atem bis zum letzten widmen wir uns deshalb Gott:

6:162 Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.

Übersetzung von Adel T. Khoury

Es kann deshalb ein sehr positives Zeichen sein, wenn wir im Verlauf des Ramadan ein Gefühl der Leere oder der Erdrückung empfinden. Dies ist die seelische Wirkung der Enthaltsamkeit, die den so dringend benötigten Raum schafft.

Gott steht uns dabei stets zur Seite. Es liegt nur an uns, dass wir Seine gütige, liebende und leitende Gegenwart in diesem neu geschaffenen Raum spüren. Durch die Anrufungen erklären wir Gott gegenüber unsere Unfähigkeit, immer das zu tun, was nötig ist. Das Fasten mag sehr schwer vorkommen, die innere, seelische Arbeit sehr anstrengend sein. Es kann sogar so stark werden, dass wir das Gefühl entwickeln, keine Luft zu bekommen. Der Gedanke: «Ich kann das nicht machen, Gott!», zeigt auf, wie viel Raum wir uns selbst noch einräumen in unseren Seelen. Wir müssen uns innerlich entleeren, damit wir mehr Raum haben für das Göttliche. Wahre Ergebung und das Ego können nicht im selben Behälter fortbestehen.

2:186 Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich nah, antworte auf den Ruf des Rufenden, wenn er mich rief. Sie sollen dann mir antworten und an mich glauben, auf dass sie vernünftig sind.

Hanif-Übersetzung

Im Ramadan fand die erste Eingebung zwischen dem Heiligen und dem Siegel der Propheten (33:40) der Gottergebenheit («Islam») statt. Ramadan ist demnach eine Zeit, in der das Selbst hinterfragt und entleert wird. Dies kann schmerzhaft sein. Doch erst dieses Reflektieren erlaubt es uns, die Rechtleitung Gottes zu erhalten. Ohne eine seelische Änderung wird auch kein Wandel stattfinden (13:11). Gerade diese Einengung, den seelischen Gürtel enger zu schnallen, lässt unsere Seelen erneuern und sich erholen. Liebe zu erfahren und Kummer zu zeigen ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit – Gottes Barmherzigkeit. Und die Barmherzigkeit Gottes ist für fortgeschrittene Seelen gedacht, die zeitgleich mit Stärke und Feingefühl durch die Welt wandern. Diese Seelen achten auf ihre Umwelt und Mitmenschen, üben Achtsamkeit («Taqwá»), und sorgen durch eine allseits gerichtete Läuterung («Zakâh») für eine Verbesserung sämtlicher Umstände (7:156).

Barmherzigkeit

Dies bedeutet, dass wir uns im Ramadan auch all dessen bewusst werden, was uns von dieser Rückverbindung mit uns selbst und Gott ablenkt. Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt (6:12, 6:54), so haben wir uns selbst auch Barmherzigkeit zu zeigen. Sollten wir gewisse Ziele nicht erreichen, so beginnen wir einfach von Neuem.

Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt, sollte unser Fokus dann nicht auch Barmherzigkeit, Vergebung und Verzeihung sein?

Lasst uns wieder bewusst werden, was die Bismillah bedeutet: im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen. Dieser Satz wird unter Gottergebenen oft zu Beginn einer Tätigkeit ausgesprochen. Al-Rahman, der Erbarmer, Al-Rahiim, der Gnädige. Beide entstammen dem Wort rahmah, Barmherzigkeit, und haben eine Verbindung zu rahim, Gebärmutter. Gott, der Leben aus Seiner Barmherzigkeit heraus in den Gebärmüttern erschafft, zeigt uns die Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und der Erschaffung. Wir müssen uns um unsere Familien und genauso um unsere Mitgeschöpfe aller Art gnädig kümmern.

Genauso sollten wir uns um uns selbst kümmern. So sollten wir zum Beispiel behutsam und bedacht unser Fasten brechen, traditionell mit einer Dattel und einem Schluck Wasser, während die ganze Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist mit vollem Herzen (und Zunge) dabei zu sein und Dankbarkeit zu üben.

Dankbarkeit

2:185 … So sollt ihr die Anzahl vervollständigen und Gott hochpreisen dafür, dass Er euch rechtleitete, auf dass ihr dankbar seid.

Hanif-Übersetzung

Gerade im hungrigen, ermüdeten Zustand ist diese innere Haltung wichtig. Nicht der Moment des Fastenbrechens, die Nahrungsaufnahme, soll im Vordergrund stehen, sondern die Dankbarkeit, die durch die Enthaltsamkeit und das Fastenbrechen entsteht.

Die Enthaltsamkeit ist dabei auch mit einem Blick auf die Gemeinschaft und den Kontakt zu Gott («salâh») zu üben. Die eigene Seele mehr schweigen zu lassen, um gemeinsam aufeinander zu achten. Damit kann das Fasten auf eine gesunde Art und Weise und emotional erfüllend verlaufen. Auf diese Weise können Kinder unter Aufsicht nach gesundem Menschenverstand fasten und somit schrittweise und behutsam dem Ramadan näher gebracht werden. Auch die Fürsorge gegenüber älteren Mitmenschen und das Bewusstsein für die Tiere als Geschöpfe können so schöne Erinnerungen schaffen.

Aufklärung

Neben der Sanftmut gehört es auch dazu, das eigene Denken zu hinterfragen in der Lebensordnung. An welcher Tradition hafte ich aus welchen Gründen? Ist das, was ich für die Gottergebenheit halte, wirklich ein Bestandteil der koranischen Eingebung? Aufklärung ist eine gottergebene Pflicht. Nicht umsonst wird in der Lesung das blinde Befolgen unserer Vorväter angeprangert (2:170). Wir müssen klar unterscheiden zwischen der göttlichen Eingebung und hinzugedichteten Meinungen. Ansonsten enden wir bei einer Lebensordnung, die Gott nie verordnet hat (42:21).

Wir sind von der Einheit Gottes überzeugt. Diese Überzeugung der Einheit muss aber auch auf unser Denken einwirken, indem nur der Erbarmer unser Beschützer («mevlana»), unser Herr («rabb») und unser Lehrer ist (55:1-2). Lassen wir zu, dass Menschen oder Idole die Kontrolle über unseren Lernprozess innehaben, machen wir uns der Beigesellung («schirk») schuldig. Dadurch sind wir nicht mehr zur Aufklärung in der Lage, da wir uns von der Rechtleitung Gottes ausschließen. Auch hier gilt es Enthaltsamkeit zu üben.

Die Abmühung («Dschihâd») zugunsten der Gerechtigkeit und den Menschenrechten ist wahrscheinlich das Beste, um Identität zu stiften. Sich für andere einzusetzen ist ein wichtiger Teil des Dienstes an Gott und ein notwendiger Pfad zur Selbsterkenntnis. Dazu gehört auch das Zelebrieren unserer Geschwister, die sich leise oder auch laut für die Menschenrechte einsetzen.

Hoffnung

Einige denken jetzt vielleicht an die vielen Ungerechtigkeiten und Schmerzgefühle, die wir durch die ständige mediale Darstellung erlitten haben. Einige mögen gar Wut empfinden und sich unterdrückt fühlen. Es ist aber nicht richtig, in dieser Opferhaltung zu verharren. So heißt es doch:

39:53 Sprich: O meine Diener, die ihr gegen euch selbst Übertretungen begangen habt, gebt die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht auf. Gott vergibt die Sünden alle. Er ist ja der, der voller Vergebung und barmherzig ist.

15:56 Er sagte: »Nur die Abgeirrten geben die Hoffnung auf die Barmherzigkeit ihres Herrn auf.«

Übersetzung von Adel T. Khoury

3:134 Diejenigen, die in Freude und Leid ausgeben, die die Wut unterdrücken, und die den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen

Hanif-Übersetzung

Diese Worte sind eine rituelle Reinigung für uns, welche den Schmutz und Dreck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wegwaschen. Sie können uns beschämen und zugleich stärken. Sie beschämen uns, da wir uns der Arroganz der Verzweiflung bewusst werden: Wir haben kein Anrecht auf Verzweiflung, solange es Menschen auf der Welt gibt, die wahrhaft leiden. Wir müssen uns gesellschaftlich und politisch für die Leidenden einsetzen. Diese Worte stärken unsere Seelen, da wir merken, dass unsere Lebensordnung («dîn») auf Hoffnung aufbaut. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die wir mitgestalten müssen. In der Gottergebenheit («Islam») stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

So lasst Abschied nehmen von der giftigen Rhetorik des wir und sie. Wir sind alle aus derselben einen Seele. Es gibt nur ein Wir. Die schier unverständliche Menge an Leiden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit stellen eine Aufforderung zur Tat und Hilfeleistung dar, nicht zur Verzweiflung und Wut. Dadurch erfüllen wir das Gebot Gottes, Gerechtigkeit zu üben (7:29). Zahlreiche Verse gebieten, die Schwachen und Unterdrückten zu schützen und unermüdlich Gutes zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach Gott zuliebe. Dies alles vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Hilfe Gottes, ohne dass wir die Hoffnung auf Besserung aufgeben. Auf diese Weise eliminieren wir beispielsweise Stereotypen, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit und setzen uns ein für die politische Gleichbehandlung aller Menschen.

Enthaltsamkeit bedeutet auch zu schweigen, wenn Schweigen angebracht ist. Wahre Gottergebene gebrauchen eine Sprache, die Frieden fördert. Sie schweigen, wenn sie mit Beleidigungen konfrontiert werden (z. B. «Geh dorthin zurück, von wo du herkommst!»), nachdem sie ihren Mitmenschen Frieden gewünscht haben:

25:63 Und die Diener des Erbarmers sind die, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Törichten sie anreden, sagen: »Frieden!«

Übersetzung von Adel T. Khoury

Mit einer friedlichen Sprache setzen wir uns für die Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. Wir als Gottergebene wissen, dass Gott uns beisteht und Er uns ausreicht (39:36). Wir brauchen keine Anerkennung der Gesellschaft oder irgendwelche Preise zu gewinnen. Unser Preis ist bei Gott, Der alles wahrnimmt und uns lehrt, immer an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zur Tat aufruft. Unsere Stärke in der Hoffnung liegt darin, dass wir die negativen Energien von Rassisten und Menschenfeinden nicht in uns zulassen. Enthaltsamkeit von negativen Energien ist also gefordert. Sie liegt auch nicht in der selbstgefälligen Zufriedenheit der heuchlerischen Rechtschaffenheit. Es geht vielmehr um eine Demut. Die Demut der Erkenntnis, dass wir selbstlos ein ethisch-moralisches, barmherziges Leben führen sollen, um anderen helfen zu können.

76:9 Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir möchten von euch weder Entgelt noch Dank

Hanif-Übersetzung

In dieser Bewusstwerdung während der Enthaltsamkeit liegt wahrhaftig ein innerer Frieden. Ist es nicht aufregend, die lebensbejahende Hoffnung zuzulassen, welche den Hass und die Ungerechtigkeit überwindet und den Schmerz und die Wut in Zuversicht verwandelt? Wir alle haben die Möglichkeit, den Samen der Hoffnung für eine bessere Zukunft zu setzen, anstatt von der Vergangenheit geplagt zu werden.

In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

Weinendes Kind - Leiden & Schmerz - Theodizee

Theodizee: Wieso unterbindet Gott das menschliche Leiden nicht?

Entgegen der landläufigen Meinung glaubte Charles Darwin nicht, dass seine Evolutionstheorie Gottes Existenz widerlegte. In seinem monumentalen Werk Über die Entstehung der Arten bezeichnete Darwin die natürliche Auslese als einen Mechanismus, mit dem der Schöpfer verschiedene Arten schafft. Er bezog sich sogar auf die Schöpfungsmetapher im Alten Testament. In ihr hauchte Gott den Atem des Lebens in Adams Nasenlöcher ein. Gegen Ende seines Lebens verlor Darwin jedoch seinen Glauben an das Christentum. Interessanterweise trugen emotionale Gründe mehr zu Darwins Glaubensverlust bei als rationale oder wissenschaftliche. Tatsächlich war der Tod seiner Tochter Anne einflussreich, um seinen Glauben an den christlichen Gott zu erschüttern.

Ob er es wusste oder nicht, das, was Darwin umtrieb, war ein Paradoxon, das Epikur vor langer Zeit formuliert hatte. Der griechische Philosoph fragte: Wenn Gott vollkommen gut und allmächtig ist, warum leiden wir dann? Er schlug zwei alternative Antworten vor: Entweder ist Gott nicht vollkommen gut und deshalb nicht bereit, menschliches Leid zu unterbinden; oder Gott ist nicht stark genug, um den ganzen Schmerz in der Welt zu beenden. Mit anderen Worten, ein liebender und allmächtiger Gott scheint in Anbetracht des Leidens in der Welt widersprüchlich zu sein.

Aber ist das so? Welche Lösungen haben Philosophen als Antwort auf das epikureische Paradox? Was noch wichtiger ist für Gottergebene (Muslime): Finden wir irgendwelche Erkenntnisse in der Lesung (Koran), mithilfe derer wir dieses Problem lösen können? Dieser Artikel wird diese Fragen reflektieren.

 

Gott: vollkommen gut und allmächtig zugleich?

Eine Lösung für das Problem des Leidens wäre, die Behauptung zurückzuweisen, dass Gott vollkommen gut und allmächtig ist. Ein Theist könnte argumentieren, dass Gott nicht vollkommen gut ist und deshalb menschliches Leid nicht verhindert. Oder Gott ist vollkommen gut, aber Er ist nicht in der Lage, das Problem des menschlichen Leidens zu lösen. Eine solche Darstellung Gottes wäre jedoch unvereinbar mit dem Bild der abrahamitischen Religionen. Gott im Judentum, Christentum und in der Gottergebenheit (Islam) ist vollkommen gut und allmächtig. Daher wäre die Lösung des Problems durch den Hinweis auf einen Gott, der entweder hinsichtlich Macht oder Güte eingeschränkt ist, keine Option in der Gottergebenheit.

Wie kann ein Gottergebener auf dieses Paradox reagieren? In der Geschichte des muslimischen Denkens haben viele Philosophen aus verschiedenen Schulen – Al-Ghazali, Ibn Sina (Avicenna), al-Nazzam und Razi – das Problem des Leidens behandelt. Einige bezogen sich auf die Frage, welche die Engel nach der Erschaffung von Menschen Gott stellten:

 

2:30 Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich werde auf der Erde einen Nachfolger hinterlassen, sagten sie: Lässt du darauf solch einen, der Verderben stiftet und Blut vergießt, wo wir dich mit Lob preisen und dich heiligen. Er sagte: Ich weiß, was ihr nicht wisst

 

Zu Beginn der Lesung (Koran) befragen die Engel Gott über die Erschaffung von Wesen, die in der Lage sind, böse Taten zu begehen und anderen Lebewesen Schmerzen zuzufügen. Gottes Antwort ist, dass Er Gründe hat, die für Kreaturen mit begrenztem Wissen nicht erkennbar sind. Tatsächlich ist dies eine der klassischen Antworten, mit denen Philosophen und Theologen das Problem des Leidens lösen. Gott ist vollkommen gut und allmächtig, doch diese Eigenschaften müssen nicht dazu führen, dass Er alles Leiden in der Welt beendet. Gott könnte einen Plan haben, der Gott moralisch gerecht macht und Leiden erlaubt. Die Existenz von Leiden kann bestimmte Funktionen haben, die Gott daran hindern, Schmerzen und Leiden in der Welt zu stoppen. Zum Beispiel kann Leiden notwendig sein, um mehr menschliches Glück hervorzubringen als eine Welt ohne Leiden.

Doch wir sind, wie der skeptische Theismus behauptet und die obige Passage aus der Lesung bestätigt, nicht immer in der Lage zu verstehen, was diese Funktionen sind. Es gibt andere Verse, die sich auf die Grenzen des menschlichen Wissens beziehen, die eine vollständige und wahre Bewertung der Ereignisse verhindern, denen wir gegenüberstehen:

 

2:216 … Doch ihr möget etwas hassen, was gut für euch ist, und ihr möget etwas lieben, was übel für euch ist, und Gott weiß und ihr wisst nicht

 

Beschränktheit des Wissens und der freie Wille

Nach gottergebenen Lehren können die Menschen zwar nur einen kleinen Teil der Realität erfassen, sie neigen aber dazu, Urteile zu fällen, als ob sie die ganze Wirklichkeit wahrnehmen würden. Eine Geschichte über Moses (18:65-82) illustriert sowohl die menschliche Ungeduld als auch das allzu menschliche Versagen, genaue Urteile zu fällen. In dieser Parabel begegnet Moses einem Mann, der besondere Kenntnisse besitzt, die er von Gott erhalten hat. Dank dieses Wissens konnte er die innere Realität der Dinge erkennen. Mit diesem Wissen verübte er scheinbar böse Taten, die darauf abzielten, unschuldige Menschen zu schützen und ihr Wohlergehen auf lange Sicht zu erhöhen. Mit dieser Parabel werden die Gottergebenen erneut daran erinnert, dass der Menschheit nur wenig an Wissen gegeben wurde (17:85).

Die Lesung weist nicht nur auf das begrenzte menschliche Wissen in Bezug auf das Problem des Leidens hin. Sie bezieht, wie viele Philosophen auch, das Leiden in der Welt auf den freien Willen des Menschen. Obwohl Gott die Menschen leitet und motiviert moralisch, gerecht und rechtschaffen zu sein, lässt Er sie auch frei in ihren Entscheidungen. Dies beinhaltet die Möglichkeit, unmoralisch zu handeln und Leid zu verursachen. Ein Teil des Leidens in der Welt ist also auf die Existenz des freien Willens zurückzuführen. Gott will nicht, dass Menschen gerecht sind, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Er möchte, dass die Menschen gerecht sind, weil sie sich dazu entscheiden. Ohne freien Willen wären Menschen den Robotern ähnliche Wesen. Böses und Leid sind der Preis, den wir für den größeren Segen des freien Willens bezahlen.

Dies ist eng mit einem anderen Thema in der Lesung verbunden. Die Existenz des freien Willens ist in der Gottergebenheit entscheidend und unverzichtbar. Denn diese Welt gilt als Test für den Menschen. Daher wäre es nicht klug, Kreaturen ähnlich wie Roboter zu erschaffen, die keine andere Option haben, als moralische Handlungen zu begehen.

 

67:2 Der den Tod erschaffen hat und das Leben, dass Er euch prüfe, wer von euch der Beste ist im Handeln; und Er ist der Allmächtige, der Allverzeihende.

2:214 Oder rechnetet ihr damit, in den Garten einzutreten, derweil euch das Gleiche derjenigen zukommt, die vor euch vergingen? …

 

Die irenäische Theodizee – Leiden ist notwendig!

Diese Verse weisen zudem darauf hin, dass das Leiden nicht nur von menschlichen bösen Taten abstammt. Auch Krankheiten und Naturkatastrophen sind Gründe fürs Vorhandensein von Leid. Gott möchte die Menschen belohnen. Aber Er möchte, dass sie diese Belohnung verdienen, indem sie unter schwierigen Umständen moralisch, rechtschaffen, dankbar und geduldig sind. In Ermangelung von Schwierigkeiten ist es nicht wirklich herausfordernd, rechtschaffen zu bleiben. Dies stellte dann keinen wesentlichen Unterscheidungsfaktor zwischen den Menschen dar.

Schmerz und Leiden sind nicht nur Werkzeuge, die Gott benutzt, um Menschen zu testen. Sie sind auch Mittel, die uns die Möglichkeit geben, zu wachsen. Diese Ansicht, bekannt als die Irenäische Theodizee (Soul-making), wurde kürzlich vom britischen Philosophen John Hick gefördert und entwickelt. Nach der Irenäischen Theodizee ist diese Welt kein Paradies. Wir sind hier, um unseren Charakter – unsere Seele – bestmöglich zu entwickeln und Gottes Liebe und Sein Paradies zu verdienen. Die Lesung zeichnet ein ähnliches Bild über die Funktion des Leidens:

 

2:155-157 Und prüfen werden wir euch mit etwas von der Angst und dem Hunger und Verringerung von den Vermögen, dem Selbst und den Früchten. Und verkündige den Geduldigen, die, wenn ein Schicksalsschlag sie traf, sagten: Wir sind Gottes und zu ihm kehren wir zurück. Auf jenen sind Kontakte von ihrem Herrn und Barmherzigkeit und jene sind die Rechtgeleiteten

 

Deshalb stellen Schmerz und Leiden gemäß der koranischen Perspektive die Beziehung zwischen Gott und den Menschen wieder her. Die schlechten Erfahrungen, die wir durchmachen, erinnern uns an unsere unvollkommene Natur und Verletzlichkeit. Wenn Menschen nicht an ihre Schwächen erinnert würden, spürten sie nicht so leicht die Notwendigkeit für Gott in ihrem Leben.

 

96:6-7 Nein, gewiss der Mensch überschreitet, weil er sich unabhängig wähnt.

 

Nicht nur die Lesung besagt, dass Menschen dazu neigen, bei Gott Zuflucht zu suchen, wenn sie Schwierigkeiten haben. In Die Zukunft einer Illusion argumentiert Sigmund Freud, dass Menschen aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit und Schwäche das Konzept von Gott geschaffen haben. Obwohl er nicht an Gott glaubte, versteht Freud, dass Nöte die Menschen dazu bringen, nach einer transzendentalen Macht zu suchen.

Die Rolle des Schmerzes bei der Förderung der richtigen Beziehung zwischen Gott und Seinen Geschöpfen war so entscheidend, dass selbst Propheten durch ihren Schmerz daran erinnert wurden, dass sie ihren Herrn brauchen:

 

2:214 … Diese ergriff die Not und der Schaden und sie wurden erschüttert, bis der Gesandte sagt und diejenigen, die mit ihm glaubten: Wann ist Gottes Beistand. Doch Gottes Beistand ist nah

21:83 Und (gedenke) Hiobs, da er zu seinem Herrn rief: «Unheil hat mich geschlagen, und Du bist der Barmherzigste aller Barmherzigen.»

 

Leid lässt uns mitfühlen

Schmerz und Leiden stellen nicht nur unsere Beziehung zu Gott wieder her. Sie sind auch hilfreich bei der Wiederherstellung unserer Beziehungen zu anderen, die unter härteren Bedingungen leben. Indem wir schmerzhafte Erfahrungen machen, fangen wir an, mit den Leidenden zu fühlen. Wir kommen näher zu ihnen, obwohl wir uns vorher nicht um sie gekümmert haben. Ein gutes Beispiel war das Erdbeben von 1999, das Tausende von Todesopfern in der Türkei forderte, und ein weniger zerstörendes, aber immer noch starkes Erdbeben, das Athen einige Monate später traf. Historisch waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland Mitte der 90er Jahre angespannt. Die Nachbarstaaten standen kurz vor einem Krieg. Die Erdbeben zwangen griechische und türkische NGOs und sogar die Staaten ihre Feindseligkeiten aufzugeben und gemeinsame Rettungsaktionen zu organisieren. Schließlich haben die Erdbeben die Wahrnehmung des „Anderen“ in beiden Ländern substanziell positiv verändert.

Dies funktioniert auch auf individueller Ebene. Adel Mahmoud, ein ägyptischer Arzt und ein Fakultätsmitglied aus Princeton, spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung mehrerer Impfstoffe. Er rettete Millionen von Menschenleben. Sein Vater starb durch eine ansteckende Krankheit, als Mahmoud noch ein kleiner Junge war. Sein Tod ist vermutlich einer der Gründe, warum er sich für eine Karriere in der Medizin entschied und sich auf Infektionskrankheiten spezialisierte.

Die Existenz von Leiden in der Welt könnte ironischerweise auch eine Vorstellung vom Jenseits vermitteln. Wenn es keinen Schmerz und kein Leid in der Welt gäbe oder wenn der größte Schmerz, den wir in der Welt erleben würden, ein Mückenstich wäre, wären wir nicht in der Lage zu begreifen, wie die Hölle sein könnte. Es gibt Verse in der Lesung, die diese Idee zu stützen scheinen. Nach der Lesung vergleichen Menschen das Leben nach dem Tod mit ihren Erfahrungen in der Welt.

 

2:25 Und verkünde denjenigen, die glaubten und das Rechtschaffene taten, dass für sie Gärten bestimmt sind, worunter die Flüsse verlaufen. Jedes Mal, wenn sie darin mit einer Frucht als Versorgung versorgt wurden, sagten sie: Es ist das, womit wir früher versorgt wurden, doch ihnen wurde nur Ähnliches gebracht. Und darin haben sie gereinigte Partner und sie sind ewig darin.

 

Schließlich, so Hick, wäre eine Welt ohne Schmerz und Leid aus vielen Gründen absurd. In einer solchen Welt wäre Arbeit sinnlos, da niemand in einer schmerzlosen Welt Hunger erleiden würde. Und in einer Welt ohne Leiden könnten Naturgesetze nicht richtig funktionieren. Die Schwerkraft zum Beispiel würde aufhören zu wirken, wenn jemand entscheidet, Selbstmord zu begehen, indem er von einer Klippe springt. In einer Welt, in der sich die Naturgesetze ständig ändern, wäre die Wissenschaft nicht möglich.

Dies könnten einige der Gründe sein, warum Gott das menschliche Leid in der Welt nicht stoppt. Es könnte natürlich andere und wichtigere Gründe geben. Aber die hier aufgeführten reichen aus, um zu zeigen, dass Gott das Leiden in dieser Welt planmäßig zulässt. Gott möchte ein besseres Leben für uns.

 

Das Leiden unwidersprochen akzeptieren?

Einige Marxisten kritisieren die Gottergebenheit und andere abrahamitische Religionen, weil sie ein falsches Bewusstsein schaffen würden. Sie dienten der Aufrechterhaltung der Ausbeutung in der Welt. Aber die Gottergebenheit lehrt die Gläubigen nicht, Machthaber oder Unterdrücker zu dulden, welche den Menschen Leid zufügen. Von den Gläubigen wird nicht erwartet, dass sie sich unterdrückenden Machthabern unterwerfen. Im Gegenteil, Gott möchte, dass die Unterdrückten den Unterdrücker ersetzen:

 

28:4-5 Siehe, Pharao betrug sich hoffärtig im Land und teilte das Volk darin in Gruppen: einen Teil von ihnen versuchte er zu schwächen, indem er ihre Söhne erschlug und ihre Frauen leben ließ. Fürwahr, er war einer der Unheilstifter! Und Wir wünschten, denen, die im Lande als schwach erachtet worden waren, Huld zu erweisen und sie zu Führern zu machen und zu Erben einzusetzen.

 

Außerdem werden Gottergebene auch daran erinnert, dass die Lösung sozialer Probleme darin besteht, diese Bedingungen zu ändern, anstatt nur nach göttlicher Hilfe zu fragen und darauf zu warten:

 

13:11 … Gewiss, Gott ändert nicht das, was in einem Volk ist, bis sie ändern, was in ihnen selbst ist. …

30:41 Verderbnis ist gekommen über Land und Meer um dessentwillen, was die Hände der Menschen gewirkt, auf dass Er sie kosten lasse die (Konsequenzen) so mancher ihrer Handlungen, damit sie (zur Rechtschaffenheit) umkehren.

 

Und die Lesung lobt nicht die weltliche Askese. Im Gegenteil, Gottergebene werden gebeten, Glück in dieser und der nächsten Welt zu suchen:

 

2:201 Und unter ihnen gibt es den, der sagt: Unser Herr, lasse uns Gutes im Diesseits und Gutes im Letzten zukommen und behüte uns vor der Qual des Feuers

 

Die Lesung fordert die Gottergebenen auf, sich Gott zu ergeben und ihm dankbar zu sein, egal wie die Bedingungen sind. Das Leiden wird aber nicht glorifiziert, wie es in einigen östlichen Religionen der Fall ist.

 

Fazit

Diese möglichen Gründe für das Vorhandensein von Leiden betreffen nur den intellektuellen Aspekt des Problems. Sie zeigen auf, dass eine Welt mit Leiden mit einem vollkommen guten und allmächtigen Gott vereinbar ist. Denn Gott hat Gründe, Menschen leiden zu lassen. So stellt das epikureische Paradox nicht, wie manche Atheisten behaupten, eine niederschmetternde philosophische Argumentation gegen den theistischen Glauben dar.

Leiden hat aber auch eine starke emotionale Seite. Selbst wenn Gott und Leiden miteinander vereinbar sind, hilft dies nicht, das Leiden der Menschen zu lindern. Philosophische Erklärungen sind selten hilfreich, um das Leiden der meisten Menschen zu lindern. Dennoch glaube ich, dass das Bild aus einer atheistischen Perspektive viel dunkler ist. Da Atheisten nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, wird es für viele Übeltäter keine Vergeltung geben. Wenn der Atheismus stimmt, werden Leute wie Hitler und Pol Pot, die für Genozide verantwortlich waren, nicht für ihre Taten bestraft werden.

Oder betrachten wir beispielsweise eine behinderte Person. Von einem atheistischen Standpunkt aus hat sie einfach Pech, da dieses Leben alles ist, was sie hat. Ohne Zweifel wäre es in einer metaphysischen Weltsicht wie dieser schwieriger, mit Leid und Schmerz umzugehen. Aber gemäß der Gottergebenheit kann das Aushalten dieses Leidens helfen, diese Person für eine Ewigkeit der Herrlichkeit vorzubereiten. In dieser Ewigkeit sind dann die vollen physischen, mentalen und moralischen Fähigkeiten wiederhergestellt. Derweil muss man bestrebt sein, das Leid dieser Welt zu lindern zu versuchen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Patheos, aus dem Englischen von Kerem Adıgüzel

christen sagen muslimen

Christen sagen Muslimen, wo es langgeht?

Der katholische Theologe Mariano Delgado sagt, der Islam brauche eine Theologie des Einbezugs anderer Religionen. Gottfried Locher meint, Muslime hätten sich wenn nötig stets erneut von Gewalt zu distanzieren und der Islam kenne keine Gleichberechtigung. Der christliche Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt gar, der Islam sei in der Krise und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Beispiele wie diese gibt es unzählige und sind vielfältiger Natur.

Die erste emotionale Reaktion von gottergebenen (muslimischen) Frauen und Männern kann vielfältig sein und mitunter auch Empörung hervorrufen. Einen Ausruf wie „Christen sagen Muslimen, wo es langgeht? Geht’s noch, wieso mischen die sich ein?“ konnte ich auch schon mal vernehmen. Diese Beispiele werfen eine allgemeine Frage auf.

 

Dürfen christliche Theologen Muslimen sagen,
mit welchen Themen sie sich theologisch beschäftigen sollten?

Diese Beispiele und auch viele andere sind keine Überraschung, da wir in pluralistisch geprägten Gesellschaften leben. Vielfalt ist, wenn wir damit richtig umgehen können, ein Segen für uns alle. Dort, wo nur noch Einheit und vor allem geistige Isolation vorherrscht, ist Stillstand vorprogrammiert. Wir brauchen also den wohlwollenden Widerspruch und die konstruktive Kritik unserer Mitmenschen und nicht nur den unserer direkten, gottergebenen Geschwister. Was ist jetzt mit wohlwollend gemeint? Wie können wir sicherstellen, ob bspw. eine christliche Theologin oder ein feurig redender Atheist die Aussagen wohlüberlegt formuliert? Was, wenn diese im Hinblick auf die Wirkung und den Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft von sich gegeben werden? Wie können wir sicherstellen, dass eine Gruppe oder ein Mensch nicht marginalisiert und bedrängt wird? Etwa durch unberechtigte, teils feindlich gesinnte, populistische Kritik. Diese Problematik greift auch Houssam Hamade auf seiner Webseite auf:

 

„Kritik“ an anderen kann dazu dienen, die eigene Gruppe zu vereinen und Selbstkritik abzuwehren. Als schlecht gelten dann immer die Anderen. Sie sind das Schwarz, das unser Weiß heller scheinen lässt. Und die Idee, der Islam sei eine Religion der Gewalt, ob sie wahr ist oder nicht, erzeugt eine tiefgreifende und messbare Stigmatisierung der Muslime oder derjenigen, die muslimisiert, die also überhaupt erst in die Rolle des muslimisch seins gedrängt werden. Männlichen Muslimen wird so unterstellt, dass sie rückständig und aggressiv seien, Musliminnen hätten angeblich kein Rückgrat und die würden die Logik ihrer Unterdrücker verinnerlichen. An dieser Marginalisierung ändert auch die Behauptung nichts, die Kritik des Islam könne getrennt von der Kritik an Muslimen gedacht werden, wie auch der Champion der deutschen Islamkritik (und der ungenauen Analyse) Hamad Abdel-Samad argumentiert. Analog ließe sich dann auch sagen, wer gegen Faschismus sei, müsse Faschisten nicht unbedingt ablehnen. Das kann nicht überzeugen.

 

Was finden wir in der Lesung dazu?

Was ist aber eine koranisch begründbare Vorgehensweise in dieser Frage? Aus einigen Stellen der Lesung (Koran) entnehmen wir, dass wir vorerst keinen Filter einsetzen dürfen. Wir müssen jeder Aussage, gleich welchen Geschlechts, welcher religiöser Anschauung und Charakters, dasselbe Gewicht schenken. Die inhaltliche Auseinandersetzung ist wichtiger als die Person oder die Gesinnung. Wir sind also angehalten, argumentum ad hominem und ad populum zu vermeiden. Dabei dürfen wir jedoch nicht naiv sein und ein Wohlwollen einfach blind voraussetzen. In denselben Stellen ermahnt uns Gott nämlich dazu, dem Besten aus den Aussagen zu folgen. Dies nachdem wir ein Verständnis entwickelt haben. Wir setzen also eine intensive, sachliche Auseinandersetzung mit allen Gesprächspartnern voraus. Siehe exemplarisch die Verse 39:18, 2:44, 17:36 und 10:39.

Im Rahmen dieser Denkarbeit entwickle ich Antworten, die mir in erster Linie selbst zugute kommen. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall. So nehme ich Herrn Delgado primär in seiner Aussage nicht als christlichen Theologen wahr. Ich vermute nichts über seine Absichten, wenn er Sätze mit „Der Islam braucht“ beginnt. Auch dann nicht, wenn er vorschlägt, welche Arbeit muslimische Theologen primär angehen sollten. Ich zwinge mich sozusagen, mich allein auf den Inhalt seiner Aussagen zu beziehen. Ich versuche sie zu verstehen und dahingehend zu prüfen, ob er gewissermaßen Recht haben könnte oder nicht. Im Rahmen dieser geistigen Denkarbeit entwickle ich dann Antworten, die mir in erster Linie selbst zugutekommen. Ich habe dabei nämlich im besten Fall neue Erkenntnisse gewonnen und Möglichkeiten, mich in meiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall für mich.

 

Meine Antworten werden dadurch besser

Dann kann ich, ohne persönlich zu werden (argumentum ad hominem), in aller Ruhe, aber mit Klarheit antworten, dass wir nicht so ohne Weiteres von „dem“ Islam sprechen können. Die Gottergebenen haben sich nicht unermüdlich von Gewalt zu distanzieren. Sie können stattdessen ihre Position öffentlich kundtun, wie sie grundsätzlich zur Gewalt stehen. Wir haben uns nicht dafür zu rechtfertigen, dass es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe. Vielmehr können wir aufgrund unserer Sachkenntnis mitteilen, wie eine systematisch aufgebaute Lesart uns zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Diese Lesart kann die Gleichberechtigung nicht nur fordern und fördern, sondern vorantreiben.

Dieselbe Lesart zeigt uns nämlich auch, dass die Lesung („Koran“) zahlreiche Verse beinhaltet, die andere Religionen aktiv miteinbezieht. Es gibt bereits Jugendgruppen, die auch in einen aktiven, friedlichen interreligiösen Dialog treten. Sie diskutieren auch darüber, inwiefern Andersgläubige ihr Seelenheil erhalten können. Sind wir also gar bereits weiter, als Delgado glaubt?

 

Gegenseitiges Zuhören ist eine Voraussetzung

Wir dürfen dann erwarten, dass unsere Ansichten künftig nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass man proaktiv auf sie hinweist. Diese Position erlaubt einen allgemeinen Austausch, ohne dass wir in allen Bereichen selbst Experten sein müssen. Wir haben nicht zu befürchten, dass andere unsere Ansichten ablehnen, allein weil wir uns selbst gottergeben oder christlich nennen. Die Ansichten von Kennern sollten wir eingehend studieren. Wir sollten selbst, sofern wir Kenner sind und dies auch sachlich zeigen können, Beachtung für unsere Ansichten erhalten. Ein ergebnisoffener Austausch bringt die Gesellschaft meines Erachtens insgesamt weiter.

Insofern dürfen und sollen alle Menschen, nicht nur Theologen, uns Gottergebenen sagen können, womit wir uns zu beschäftigen haben. Die inhaltliche Auseinandersetzung und die selbstgerichtete Aufklärungsarbeit befähigt uns für weitere Entscheidungen. Dadurch wissen wir, ob wir in diese Richtung gehen wollen, sollen, müssen oder nicht.

So ist es eine willkommene Gelegenheit, die Thesen des Religionswissenschaftlers Michael Blume zur sachlichen Diskussion zu stellen. Er vertritt durchaus denkwürdige Positionen. Genauso ist es wünschenswert, dass muslimische Theologen ihren Mitmenschen gegenüber in der Kritik wohlwollend, konstruktiv und vorwärtsgerichtet auftreten. Auch die Gottergebenen können dann zeitweise den Ton angeben zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

Alles in allem können wir bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur gewinnen. Und wer möchte schon kein Gewinner sein?


Verse aus der Lesung

2:44 Befehlt ihr den Menschen die Aufrichtigkeit und vergesst euch selbst, wo ihr doch die Schrift vortragt. Versteht ihr nicht?

10:39 Nein, sie erklären für Lüge das, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen lebten, für Lüge erklärt. So schau, wie das Ende derer war, die Unrecht taten.

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und die Vernunft – sie alle werden zur Rechenschaft gezogen.

39:18 Diejenigen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtleitet, und das sind die Einsichtigen.

Unterschied zwischen Gesandter und Prophet: Bild von einem Finger, das auf eine Koranstelle gelegt wurde

Unterschied zwischen Gesandter und Prophet im Koran

Beim aufmerksamen Lesen der Lesung (Deutsch für Koran) fällt einem immer wieder auf, dass in gewissen Stellen von Gesandten (rasūl, pl. rusul) und in anderen von Propheten (nabiy, pl. nabiyūn oder anbiyāʾ) die Rede ist. Was ist der Unterschied zwischen Gesandter und Prophet in der Lesung? Und wieso sollten sich die Gottergebenen (Deutsch für Muslime) überhaupt um diese Frage bemühen? Ist das nicht eher etwas für Akademiker und Theologen, die ihre Zeit irgendwie füllen müssen?

 

Motivation

Die Motivation für die Fragestellung ergibt sich wiederum aus der Offenbarung Gottes aus den folgenden Versen:

 

33:7 Und da wir mit den Propheten den Bund eingingen, und mit dir, und mit Noah und Abraham und Moses und mit Jesus, dem Sohn der Maria. Wir gingen mit ihnen einen feierlichen Bund ein.

3:81 Und als Gott den Bund der Propheten annahm für das, was ich euch an Schrift und Weisheit brachte, kam darauf zu euch ein Gesandter, das bestätigend, was mit euch ist. So glaubt an ihn und helft ihm. Er sagte: Habt ihr zugestimmt und diesbezüglich meine Bürde angenommen? Sie sagten: Wir haben zugestimmt. Er sagte: So bezeugt und ich bin mit euch unter den Bezeugenden

 

Wir können also diesen Versen entnehmen, dass ein Gesandter (rasūl) kommen wird, der die Offenbarungen Gottes bestätigt und alle vereint. Wichtig ist der Umstand, dass dieser Gesandte erst nach dem Propheten Muhammad kommen wird, wie wir dies aus der ausdrücklichen Erwähnung und mit dir aus 33:7 verstehen können, womit der Prophet Muhammad gemeint ist.

Damit wir in der Lage sind, den Gesandten überhaupt erkennen zu können, müssen wir wissen, in welchem Rahmen dieser Gesandte erscheinen wird. Dazu ist es sicherlich von Vorteil, die beiden Begriffe Prophet und Gesandter voneinander unterscheiden zu können.

 

Gibt es einen klaren Unterschied zwischen Gesandter und Prophet?

Nun wollen wir uns aber der Frage widmen, ob und wie wir den Unterschied zwischen Gesandter und Prophet festlegen können. Betrachten wir die Verse, in denen die Gesandtschaft und das Prophetentum im selben Vers erwähnt werden, sehen wir deutlich, dass die Wörter nicht einfach so ohne Weiteres voneinander getrennt werden können. Einige Beispiele hierzu:

 

9:61 Und unter ihnen gibt es diejenigen, die den Propheten (al-nabiy) beeinträchtigen, und sie sagen: Er ist ganz Ohr. Sage: Ein gutes Ohr für euch. Er glaubt an Gott und glaubt den Gläubigen, und er ist eine Barmherzigkeit für diejenigen, die unter euch glaubten. Und diejenigen, die den Gesandten Gottes (rasūlu-llah) beeinträchtigen, für sie ist eine schmerzhafte Qual (vgl. auch 4:69, 7:157-158, 19:51, 19:54, 33:53)

33:45 O Prophet (al-nabiy), wir haben dich als einen Zeugen entsandt (arsalnā), als Bringer froher Botschaft und als Warner. (vgl. auch 7:94, 43:9)

 

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen den Worten, welcher nicht so ohne Weiteres mit einem einzelnen Vers repräsentiert werden kann. Es muss aber auch einen Unterschied geben, die Begriffe können nicht als Synonyme behandelt werden, denn:

 

22:52 Und wir sandten (arsalnā) vor dir keinen Gesandten (rasūl) oder Propheten (nabiy), dem, wenn er etwas wünschte, der Satan seinen Wunsch nicht durchkreuzte. Doch Gott löscht aus, was der Satan unternimmt. Dann setzt Gott Seine Zeichen ein. Und Gott ist wissend, weise.

 

Es ergäbe keinen Sinn, beide Begriffe auf diese Art und Weise im selben Satz zu verwenden, wenn sie als Synonyme gelten würden ohne jeglichen qualitativen Unterschied zwischen den beiden Wörtern. Vielmehr können wir sagen, dass sie miteinander sinnverwandt sind, aber nicht deckungsgleich, weshalb der Bedarf besteht, beide Wörter zu erwähnen. Ähnlich wie wir einen Unterschied zwischen Frucht und Obst finden und dennoch beide Wörter sprachlich gesehen nahe beieinander stehen, gibt es auch einen Unterschied zwischen Gesandter und Prophet.

 

Die Aufgabe eines Propheten

Betrachten wir also den Begriff des Propheten ein wenig genauer. Wir lernen aus 2:213, dass die Propheten Gottes mit den Schriften herabgesandt werden:

 

2:213 Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Gott die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. (vgl. auch 3:81)

87:18-19 Wahrlich, dies stand in den ersten Schriftblättern, den Schriftblättern (ṣuḥuf) von Abraham und Moses.

 

Das Wort „Buch“ bzw. „Schrift“ (kitāb) wird in der Lesung stets mit dem Begriff „Prophet“ (nabiy) in Verbindung gebracht. Es werden 20 Propheten erwähnt, die Schriften von Gott bekommen haben. Da Moses und Aaron dieselbe Schrift erhielten (37:117, 21:48), ist die Lesung die 19. Schrift, die zu einem Propheten namentlich zugeordnet werden kann. Darüber hinaus werden 18 Namen in den Versen 83-86 aus dem 6. Kapitel genannt, beginnend mit Abraham und endend mit Lot. Der 89. Vers bestätigt, dass alle 18 Propheten waren:

 

6:89 Diese sind es, denen Wir die Schrift gaben und die Weisheit und das Prophetentum. …

 

Einige mögen hier mit dem Vers 57:25 entgegnen, dass ja auch dort das Wort Gesandter in Zusammenhang mit dem Wort Buch steht. Dabei ist aber ein klarer grammatikalischer Unterschied zu sehen:

  • Wenn das Wort Prophet in Verbindung gebracht wird mit Buch, werden Formulierungen wie zu uns herabgesandt (unzila ilaynā) oder zugekommen (ʾūtiya) verwendet (2:136, 3:84, 28:43, 17:55, 4:163).
  • Wenn das Wort Gesandter in in 57:25 Zusammenhang gebracht wird mit Buch, so wird die folgende Äußerung verwendet: (zusammen) mit ihnen sandten wir das Buch (anzalnā maʿahum al-kitāb).

Einige mögen diesen grammatikalischen Unterschied als spitzfindig erachten, doch die Bedeutung dieses Unterschieds ist von großer Wichtigkeit. Denn Propheten gelten als fehlbar und werden auch getadelt bzw. ermahnt:

 

66:1 O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du danach trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen?

33:1 O Prophet, fürchte Gott und gehorche nicht den Ungläubigen und den Heuchlern (vgl. 2:120, 2:145, 4:135)

9:43 Gott verzieh dir, dass du es ihnen erlaubtest, bis sich für dich klärt, welche glaubwürdig waren, und du weißt, welche die Lügner sind

 

Somit besteht die Aufgabe eines Propheten darin, die ihm offenbarte Botschaft in Buchform zu übermitteln. Es ist aber wichtig, dass er in seiner Übermittlung der Botschaft unfehlbar ist, da wir ansonsten keinerlei Garantie haben, dass die Botschaft Gottes unverändert überbracht wurde.

 

Es sei noch erwähnt, dass der Begriff Warner (naḏīr) ebenso zu den Begriffen Prophet und Gesandter nahe steht. Die Botschaft des Propheten gilt darüber hinaus für alle Welten:

 

21:107 Und wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für die Welten.

25:1 Voller Segen ist Er, Der die Unterscheidung (Koran) zu Seinem Diener herabsandte, auf dass er ein Warner für die Welten sei.

 

Aufgabe eines Gesandten

In diesem Abschnitt werde ich nicht ausführlich auf weitere, nicht mit der Fragestellung relevanten Aufgaben eines Gesandten eingehen, weil sie schon in meinem Buch behandelt wurden.

Die Schrift eines Propheten ist nicht mittels einer sprachlichen Zielgruppe einzuschränken, wie wir dies bereits sehen konnten, da die Botschaft für alle Welten gesandt wurde. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu einem Propheten ist also, dass Gesandte stets in der Sprache des Volkes, zu denen sie gesandt wurden, die Botschaft zu überbringen hatten.

 

14:4 Und Wir haben keinen Gesandten gesandt, außer in der Sprache seines Volkes, damit er sie aufkläre. Gott lässt dann in die Irre gehen, wen Er / wer es will, und leitet recht, wen Er / wer es will. Und Er ist der Erhabene und der Weise.

 

Ein Gesandter hat nur die Aufgabe eines Botschafters, der Gottes Botschaft überbringt und sein Volk warnt (7:85, 16:36). Er hat keinen unmittelbaren Einfluss auf den Inhalt der Botschaft, kann mit Gott daher auch nicht darüber verhandeln, sondern muss sie unmittelbar weiterreichen. Die Aufgabe als Gesandter ist lediglich die Verkündigung, also die Übermittlung der Botschaft, nicht mehr. Dies finden wir in mehreren Versen bestätigt:

 

5:99 Dem Gesandten obliegt nur die Übermittlung. Und Gott weiß, was ihr offenkundig macht und was ihr verbergt.

24:54 … Und dem Gesandten obliegt nur die deutliche Verkündigung.

(Vgl. auch 5:92, 16:35, 16:82, 29:18, 42:48, 64:12)

  

Das bedeutet dann, dass ein Gesandter unweigerlich die Verzerrungen und Entstellungen früherer Offenbarungen aufdecken und berichtigen muss.

 

5:15 O Volk der Schrift, nunmehr ist unser Gesandter zu euch gekommen, der euch vieles enthüllt, was ihr von der Schrift verborgen hieltet, und vieles übergeht. Gekommen ist zu euch fürwahr ein Licht von Gott und ein klares Buch.

5:19 O Volk der Schrift, gekommen ist nunmehr zu euch unser Gesandter, nach einer Lücke zwischen den Gesandten, der euch aufklärt, damit ihr nicht sagt: «Kein Bringer froher Botschaft und kein Warner ist zu uns gekommen.» So ist nun zu euch gekommen in Wahrheit ein Bringer froher Botschaft und ein Warner. Und Gott hat Macht über alle Dinge.

 

Schlussfolgerung: Propheten sind auch immer Gesandte, da sie die Offenbarung öffentlich übermitteln müssen. Sie müssen in der Sprache ihres Volkes über die Botschaft aufklären, was als Bestandteil der Verkündung gilt. Es kann also laut der Lesung keinen Propheten geben, der kein Gesandter war. Ein Prophet ist immer auch ein Gesandter.

Es stellt sich die Frage: Gibt es Gesandte, die keine Propheten waren? Wir bemerken, dass in der Lesung Personen genannt werden, die weder als Propheten noch als Schriftüberlieferer bezeichnet werden. Diese sind:

  • Adam, der als der „Erwählte“ beschrieben wird in 3:33. Adam wird nicht mit dem Wort Prophet oder Gesandter in Verbindung gebracht.
  • Hūd, Ṣāliḥ und Schuʿayb, die als Gesandte genannt werden in 26:125,143,178.
  • Ḏul-Kifl, der lediglich als standfest, geduldig und rechtschaffen beschrieben wurde in 21:85 und 38:48.
  • Luqmān, der in 31:12 als jemand beschrieben wird, der mit der Weisheit gesegnet wurde.

Nirgends im Koran werden diese Personen oder Gesandte mit dem Wort Schrift oder Buch in Zusammenhang gebracht. Keiner von ihnen überlieferte also eine Schrift. Gemäß der Definition von 2:213 und 3:81 sind sie also keine Propheten. Drei der sechs werden Gesandte genannt, während die anderen drei lediglich die Gunst Gottes erhalten haben.

Es sollte jedoch bemerkt werden, dass die Lesung uns über Gesandte Gottes informiert, die im Koran nicht erwähnt werden:

 

40:78 Und sicher entsandten Wir schon Gesandte vor dir; darunter sind manche, von denen Wir dir bereits berichtet haben, und es sind darunter manche, von denen Wir dir nicht berichtet haben. (vgl. auch 4:164)

 

Nichtsdestotrotz ist es in der Tat wichtig, dass diese zwei Verse von Gesandten und nicht von Propheten sprechen.

 

Abschluss des Prophetentums, nicht des Gesandtentums

Es gibt einen zentralen Vers, den wir nun mit all den bisherigen Erläuterungen dazu verwenden können, um die festgestellten Unterschiede untermauern zu können:

 

33:40 Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern der Gesandte Gottes und das Siegel der Propheten. Und Gott ist in allen Dingen wissend.

 

Hier ist die Reihenfolge der Wörter sehr wichtig. Hätte Gott den Vers als „Muhammad ist … der letzte / das Siegel der Gesandten Gottes und der Propheten“ offenbart, wären sowohl das Gesandtentum als auch das Prophetentum mit Muhammad abgeschlossen. Dies widerspräche jedoch deutlich den Versen 33:7 und 3:81, da nach Muhammad noch ein Gesandter erscheinen wird.

Es gibt einige Gruppierungen, die behaupten, dass das Wort Siegel hier nicht im abschließenden Sinne gemeint sei. Dies ist aber ein sprachlicher Irrtum. Wofür steht denn sonst ein Siegel, wenn nicht für den Abschluss einer Sache? Auf Arabisch kann ich auch eine Sache wurde besiegelt (ختم الشيء – chatama asch-schayyʾ) sagen, und meine damit den Abschluss dieser Sache. Ich kann mit demselben Verb sogar sagen, dass das Ende der Lesung erreicht wurde: ختم القرءان – chatama al-qurʾān. Auch gibt es den Ausdruck, dass Gott sein Ende gut machen möge: ختم الله له بخير – chatama-llahu lahu bichayr. Es gibt noch weitere Beispiele aus den Wörterbüchern, aber ich denke, die Bedeutung des Wortes ist klar.

Das Prophetentum wurde mit Muhammad versiegelt, abgeschlossen und somit das Prophetentum beendet. Dies bedeutet in anderen Worten, dass der Prophet der letzte war, da ansonsten das Symbol des Siegels zerstört wäre. Der Abschluss wäre sonst wieder aufgebrochen. Zwar hätte das Siegel seine Funktion erfüllt, aber es bräuchte nun ein neues Siegel. Doch Muhammad ist das Siegel der Propheten, somit kam das Prophetentum zu seinem Abschluss. Es gibt weitere Ausdrücke aus der Lesung, die den Aspekt des Abschlusses verdeutlichen:

 

2:7 Versiegelt hat Gott ihre Herzen, ihr Gehör und ihre Blicke mit einer Schicht und eine gewaltige Qual ist für sie bestimmt

45:23 Hast du den gesehen, der sich zu seinem Gott seine Neigung gemacht hat, den Gott aufgrund von Wissen irregeführt, dem Er das Gehör und das Herz versiegelt und auf dessen Augenlicht eine Hülle gelegt hat? Wer nach Gott könnte ihn rechtleiten? Wollt ihr es nicht bedenken?

(vgl. auch 6:46, 36:65, 42:24)

 

Darüber hinaus gibt es eine Geschichte in der Lesung (40:28-56), welche den Irrtum der Leute beschreibt, die fälschlicherweise glaubten, dass nach dem Propheten Joseph kein weiterer Gesandter mehr käme. Diese werden dafür getadelt, dass sie ohne eine Ermächtigung über Gottes Pläne streiten (vgl. auch 40:56).

 

40:34 «Gott wird nimmermehr einen Gesandten erstehen lassen nach ihm.» Also erklärt Gott jene zu Irrenden, die maßlos und Zweifler sind
40:35 Diejenigen, die über die Zeichen Gottes streiten, ohne eine Ermächtigung erhalten zu haben, erregen damit großen Abscheu bei Gott und bei denen, die gläubig sind. So versiegelt Gott das Herz eines jeden, der hochmütig und gewalttätig ist.

 

Diese Geschichte dient uns als Anlass, dass wir nicht denselben Fehler begehen und nicht fälschlicherweise behaupten, es würden keine weiteren Gesandten nach Muhammad mehr erscheinen.

Das Prophetentum ist abgeschlossen und somit werden keine neuen Propheten mehr erscheinen und alle, die sich als Propheten ausgeben, können als Scharlatane abgelehnt werden. Der Gesandte Gottes jedoch, der nach Muhammad kommen soll, wird die Botschaften Gottes reinigen und vereinen, indem er die Entstellungen und Verzerrungen aufdeckt und die Menschen in der Volkssprache aufklärt.

 

Zusammenfassung

In Anbetracht der Ergebnisse können wir die Erkenntnisse wie folgt zusammenfassen:

  1. Ein Gesandter (rasūl) übermittelt eine Botschaft. Dies, indem er eine verzerrte oder entstellte Botschaft wiederherstellt und erneut verbreitet (5:15, 5:19), wodurch er noch kein Prophet ist, oder durch eine Botschaft, die ihm offenbart wurde, was ihn dann zu einem Propheten (nabiy) werden lässt.
  2. Ein Prophet erhält eine Botschaft als Offenbarung und hält sie in einem Buch fest. Gleichzeitig hat er sie öffentlich zu übermitteln und zu verkünden, was ihn auch stets zu einem Gesandten macht.
  3. Gott schickt die Gesandten als Botschafter und Warner als eine göttliche Barmherzigkeit zu den Kindern Adams, jeweils für ein Volk in der jeweiligen Sprache. (16:36, 14:4)
  4. Den entscheidenden Unterschied macht der Vers 33:40, indem Gott Muhammad als einen Gesandten (nicht den letzten!) und als das Siegel der Propheten nennt, womit Gesandte keine Propheten sein müssen.
  5. Es gibt nur eine Geschichte in der Lesung, in der vom Ende der Sendung von Gesandten die Rede ist. In dieser Geschichte wird die Behauptung, dass es keine weiteren Gesandten mehr gäbe, kritisiert. (40:28-56)
  6. Gott ging mit den Propheten, inklusive Muhammad, einen Bund ein bzgl. eines spezifischen Gesandten, der nach dem letzten Propheten kommen wird. (3:81, 33:7)