Koran

Nachdenkliches Mädchen - Enthaltsamkeit

Ramadan: Eine Zeit der Enthaltsamkeit und Erneuerung

Ramadan ist eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Gottergebene («Muslime») Achtsamkeit üben müssen, wenn wir das Fasten in seiner Tiefe verinnerlichen möchten.

2:183 „Ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr achtsam seid.“

Hanif-Übersetzung

Dabei ist diese Übung der Enthaltsamkeit eine Einladung an alle Menschen über die verschiedenen Wege zu reflektieren, wie wir die Gesundheit unserer Seelen über den Rest des Jahres vernachlässigen.

Wir praktizieren einen Monat lang Fasten, Meditieren, Reflektieren und Gebete, um den Mysterien dieses wunderschönen Universums, der Barmherzigkeit und dem Wissen Gottes näherzukommen. Und in diesem Monat war es, in welchem die Lesung («Qur’an») eingegeben wurde:

2:185 Monat Ramadan: In dem die Lesung als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, als Klarstellungen über die Rechtleitung und die Unterscheidung. 

Hanif-Übersetzung

Seelische und gesellschaftliche Revolution

Diese Worte Gottes änderten nicht nur das Leben unseres geliebten Propheten, sondern revolutionierten auch seine Gesellschaft. Sie beeinflussen unsere Welt heute noch. Diese Worte gehen über die Beschreibung der Natur unserer Körper weit hinaus und zeigen uns auf, dass wir den Hauch Gottes in uns tragen und alle aus derselben einen Seele erschaffen sind (4:1, 15:29). Wir sind alle miteinander verbunden.

Diese Revolution, die beim Propheten zunächst in seiner Seele stattfand und dann in der Gesellschaft, sollte auch die Erfahrung von Gottergebenen in ihrem eigenen Ramadan sein, zusätzlich zur Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Sex von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese intensive Disziplin sollte uns näher zu Gott bringen, indem wir unsere grundlegendsten Wünsche und Bedürfnisse kontrollieren. Dadurch erreichen wir eine höhere Ebene des Bewusstseins, um eine tiefere Hingabe gegenüber Gott zu leben.

Indem wir uns buchstäblich entleeren, einerseits physisch von Nahrung und andererseits spirituell von unserer Anhänglichkeit gegenüber allen Dingen, die uns von Gott weg bewegen, schaffen wir Raum. Wir schaffen den nötigen Raum, in dem unsere Seelen erneut gedeihen können. So wie bei einem vollen Glas nichts mehr hinzugefügt werden kann, ist es nicht möglich, einer von sich selbst gefüllten Seele Raum zu geben für Gott. Es muss eine Lücke entstehen.

Unsere Seelen atmen im Ramadan aus, damit wir beim Einatmen die Barmherzigkeit Gottes, sozusagen frische Luft empfangen können. Es ist kein Zufall, dass viele Meditationen mit dem Atmen arbeiten, um diese symbolische Verbindung zu verinnerlichen. Vom ersten Atem bis zum letzten widmen wir uns deshalb Gott:

6:162 Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.

Übersetzung von Adel T. Khoury

Es kann deshalb ein sehr positives Zeichen sein, wenn wir im Verlauf des Ramadan ein Gefühl der Leere oder der Erdrückung empfinden. Dies ist die seelische Wirkung der Enthaltsamkeit, die den so dringend benötigten Raum schafft.

Gott steht uns dabei stets zur Seite. Es liegt nur an uns, dass wir Seine gütige, liebende und leitende Gegenwart in diesem neu geschaffenen Raum spüren. Durch die Anrufungen erklären wir Gott gegenüber unsere Unfähigkeit, immer das zu tun, was nötig ist. Das Fasten mag sehr schwer vorkommen, die innere, seelische Arbeit sehr anstrengend sein. Es kann sogar so stark werden, dass wir das Gefühl entwickeln, keine Luft zu bekommen. Der Gedanke: «Ich kann das nicht machen, Gott!», zeigt auf, wie viel Raum wir uns selbst noch einräumen in unseren Seelen. Wir müssen uns innerlich entleeren, damit wir mehr Raum haben für das Göttliche. Wahre Ergebung und das Ego können nicht im selben Behälter fortbestehen.

2:186 Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich nah, antworte auf den Ruf des Rufenden, wenn er mich rief. Sie sollen dann mir antworten und an mich glauben, auf dass sie vernünftig sind.

Hanif-Übersetzung

Im Ramadan fand die erste Eingebung zwischen dem Heiligen und dem Siegel der Propheten (33:40) der Gottergebenheit («Islam») statt. Ramadan ist demnach eine Zeit, in der das Selbst hinterfragt und entleert wird. Dies kann schmerzhaft sein. Doch erst dieses Reflektieren erlaubt es uns, die Rechtleitung Gottes zu erhalten. Ohne eine seelische Änderung wird auch kein Wandel stattfinden (13:11). Gerade diese Einengung, den seelischen Gürtel enger zu schnallen, lässt unsere Seelen erneuern und sich erholen. Liebe zu erfahren und Kummer zu zeigen ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit – Gottes Barmherzigkeit. Und die Barmherzigkeit Gottes ist für fortgeschrittene Seelen gedacht, die zeitgleich mit Stärke und Feingefühl durch die Welt wandern. Diese Seelen achten auf ihre Umwelt und Mitmenschen, üben Achtsamkeit («Taqwá»), und sorgen durch eine allseits gerichtete Läuterung («Zakâh») für eine Verbesserung sämtlicher Umstände (7:156).

Barmherzigkeit

Dies bedeutet, dass wir uns im Ramadan auch all dessen bewusst werden, was uns von dieser Rückverbindung mit uns selbst und Gott ablenkt. Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt (6:12, 6:54), so haben wir uns selbst auch Barmherzigkeit zu zeigen. Sollten wir gewisse Ziele nicht erreichen, so beginnen wir einfach von Neuem.

Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt, sollte unser Fokus dann nicht auch Barmherzigkeit, Vergebung und Verzeihung sein?

Lasst uns wieder bewusst werden, was die Bismillah bedeutet: im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen. Dieser Satz wird unter Gottergebenen oft zu Beginn einer Tätigkeit ausgesprochen. Al-Rahman, der Erbarmer, Al-Rahiim, der Gnädige. Beide entstammen dem Wort rahmah, Barmherzigkeit, und haben eine Verbindung zu rahim, Gebärmutter. Gott, der Leben aus Seiner Barmherzigkeit heraus in den Gebärmüttern erschafft, zeigt uns die Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und der Erschaffung. Wir müssen uns um unsere Familien und genauso um unsere Mitgeschöpfe aller Art gnädig kümmern.

Genauso sollten wir uns um uns selbst kümmern. So sollten wir zum Beispiel behutsam und bedacht unser Fasten brechen, traditionell mit einer Dattel und einem Schluck Wasser, während die ganze Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist mit vollem Herzen (und Zunge) dabei zu sein und Dankbarkeit zu üben.

Dankbarkeit

2:185 … So sollt ihr die Anzahl vervollständigen und Gott hochpreisen dafür, dass Er euch rechtleitete, auf dass ihr dankbar seid.

Hanif-Übersetzung

Gerade im hungrigen, ermüdeten Zustand ist diese innere Haltung wichtig. Nicht der Moment des Fastenbrechens, die Nahrungsaufnahme, soll im Vordergrund stehen, sondern die Dankbarkeit, die durch die Enthaltsamkeit und das Fastenbrechen entsteht.

Die Enthaltsamkeit ist dabei auch mit einem Blick auf die Gemeinschaft und den Kontakt zu Gott («salâh») zu üben. Die eigene Seele mehr schweigen zu lassen, um gemeinsam aufeinander zu achten. Damit kann das Fasten auf eine gesunde Art und Weise und emotional erfüllend verlaufen. Auf diese Weise können Kinder unter Aufsicht nach gesundem Menschenverstand fasten und somit schrittweise und behutsam dem Ramadan näher gebracht werden. Auch die Fürsorge gegenüber älteren Mitmenschen und das Bewusstsein für die Tiere als Geschöpfe können so schöne Erinnerungen schaffen.

Aufklärung

Neben der Sanftmut gehört es auch dazu, das eigene Denken zu hinterfragen in der Lebensordnung. An welcher Tradition hafte ich aus welchen Gründen? Ist das, was ich für die Gottergebenheit halte, wirklich ein Bestandteil der koranischen Eingebung? Aufklärung ist eine gottergebene Pflicht. Nicht umsonst wird in der Lesung das blinde Befolgen unserer Vorväter angeprangert (2:170). Wir müssen klar unterscheiden zwischen der göttlichen Eingebung und hinzugedichteten Meinungen. Ansonsten enden wir bei einer Lebensordnung, die Gott nie verordnet hat (42:21).

Wir sind von der Einheit Gottes überzeugt. Diese Überzeugung der Einheit muss aber auch auf unser Denken einwirken, indem nur der Erbarmer unser Beschützer («mevlana»), unser Herr («rabb») und unser Lehrer ist (55:1-2). Lassen wir zu, dass Menschen oder Idole die Kontrolle über unseren Lernprozess innehaben, machen wir uns der Beigesellung («schirk») schuldig. Dadurch sind wir nicht mehr zur Aufklärung in der Lage, da wir uns von der Rechtleitung Gottes ausschließen. Auch hier gilt es Enthaltsamkeit zu üben.

Die Abmühung («Dschihâd») zugunsten der Gerechtigkeit und den Menschenrechten ist wahrscheinlich das Beste, um Identität zu stiften. Sich für andere einzusetzen ist ein wichtiger Teil des Dienstes an Gott und ein notwendiger Pfad zur Selbsterkenntnis. Dazu gehört auch das Zelebrieren unserer Geschwister, die sich leise oder auch laut für die Menschenrechte einsetzen.

Hoffnung

Einige denken jetzt vielleicht an die vielen Ungerechtigkeiten und Schmerzgefühle, die wir durch die ständige mediale Darstellung erlitten haben. Einige mögen gar Wut empfinden und sich unterdrückt fühlen. Es ist aber nicht richtig, in dieser Opferhaltung zu verharren. So heißt es doch:

39:53 Sprich: O meine Diener, die ihr gegen euch selbst Übertretungen begangen habt, gebt die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht auf. Gott vergibt die Sünden alle. Er ist ja der, der voller Vergebung und barmherzig ist.

15:56 Er sagte: »Nur die Abgeirrten geben die Hoffnung auf die Barmherzigkeit ihres Herrn auf.«

Übersetzung von Adel T. Khoury

3:134 Diejenigen, die in Freude und Leid ausgeben, die die Wut unterdrücken, und die den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen

Hanif-Übersetzung

Diese Worte sind eine rituelle Reinigung für uns, welche den Schmutz und Dreck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wegwaschen. Sie können uns beschämen und zugleich stärken. Sie beschämen uns, da wir uns der Arroganz der Verzweiflung bewusst werden: Wir haben kein Anrecht auf Verzweiflung, solange es Menschen auf der Welt gibt, die wahrhaft leiden. Wir müssen uns gesellschaftlich und politisch für die Leidenden einsetzen. Diese Worte stärken unsere Seelen, da wir merken, dass unsere Lebensordnung («dîn») auf Hoffnung aufbaut. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die wir mitgestalten müssen. In der Gottergebenheit («Islam») stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

So lasst Abschied nehmen von der giftigen Rhetorik des wir und sie. Wir sind alle aus derselben einen Seele. Es gibt nur ein Wir. Die schier unverständliche Menge an Leiden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit stellen eine Aufforderung zur Tat und Hilfeleistung dar, nicht zur Verzweiflung und Wut. Dadurch erfüllen wir das Gebot Gottes, Gerechtigkeit zu üben (7:29). Zahlreiche Verse gebieten, die Schwachen und Unterdrückten zu schützen und unermüdlich Gutes zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach Gott zuliebe. Dies alles vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Hilfe Gottes, ohne dass wir die Hoffnung auf Besserung aufgeben. Auf diese Weise eliminieren wir beispielsweise Stereotypen, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit und setzen uns ein für die politische Gleichbehandlung aller Menschen.

Enthaltsamkeit bedeutet auch zu schweigen, wenn Schweigen angebracht ist. Wahre Gottergebene gebrauchen eine Sprache, die Frieden fördert. Sie schweigen, wenn sie mit Beleidigungen konfrontiert werden (z. B. «Geh dorthin zurück, von wo du herkommst!»), nachdem sie ihren Mitmenschen Frieden gewünscht haben:

25:63 Und die Diener des Erbarmers sind die, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Törichten sie anreden, sagen: »Frieden!«

Übersetzung von Adel T. Khoury

Mit einer friedlichen Sprache setzen wir uns für die Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. Wir als Gottergebene wissen, dass Gott uns beisteht und Er uns ausreicht (39:36). Wir brauchen keine Anerkennung der Gesellschaft oder irgendwelche Preise zu gewinnen. Unser Preis ist bei Gott, Der alles wahrnimmt und uns lehrt, immer an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zur Tat aufruft. Unsere Stärke in der Hoffnung liegt darin, dass wir die negativen Energien von Rassisten und Menschenfeinden nicht in uns zulassen. Enthaltsamkeit von negativen Energien ist also gefordert. Sie liegt auch nicht in der selbstgefälligen Zufriedenheit der heuchlerischen Rechtschaffenheit. Es geht vielmehr um eine Demut. Die Demut der Erkenntnis, dass wir selbstlos ein ethisch-moralisches, barmherziges Leben führen sollen, um anderen helfen zu können.

76:9 Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir möchten von euch weder Entgelt noch Dank

Hanif-Übersetzung

In dieser Bewusstwerdung während der Enthaltsamkeit liegt wahrhaftig ein innerer Frieden. Ist es nicht aufregend, die lebensbejahende Hoffnung zuzulassen, welche den Hass und die Ungerechtigkeit überwindet und den Schmerz und die Wut in Zuversicht verwandelt? Wir alle haben die Möglichkeit, den Samen der Hoffnung für eine bessere Zukunft zu setzen, anstatt von der Vergangenheit geplagt zu werden.

In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

Weinendes Kind - Leiden & Schmerz - Theodizee

Theodizee: Wieso unterbindet Gott das menschliche Leiden nicht?

Entgegen der landläufigen Meinung glaubte Charles Darwin nicht, dass seine Evolutionstheorie Gottes Existenz widerlegte. In seinem monumentalen Werk Über die Entstehung der Arten bezeichnete Darwin die natürliche Auslese als einen Mechanismus, mit dem der Schöpfer verschiedene Arten schafft. Er bezog sich sogar auf die Schöpfungsmetapher im Alten Testament. In ihr hauchte Gott den Atem des Lebens in Adams Nasenlöcher ein. Gegen Ende seines Lebens verlor Darwin jedoch seinen Glauben an das Christentum. Interessanterweise trugen emotionale Gründe mehr zu Darwins Glaubensverlust bei als rationale oder wissenschaftliche. Tatsächlich war der Tod seiner Tochter Anne einflussreich, um seinen Glauben an den christlichen Gott zu erschüttern.

Ob er es wusste oder nicht, das, was Darwin umtrieb, war ein Paradoxon, das Epikur vor langer Zeit formuliert hatte. Der griechische Philosoph fragte: Wenn Gott vollkommen gut und allmächtig ist, warum leiden wir dann? Er schlug zwei alternative Antworten vor: Entweder ist Gott nicht vollkommen gut und deshalb nicht bereit, menschliches Leid zu unterbinden; oder Gott ist nicht stark genug, um den ganzen Schmerz in der Welt zu beenden. Mit anderen Worten, ein liebender und allmächtiger Gott scheint in Anbetracht des Leidens in der Welt widersprüchlich zu sein.

Aber ist das so? Welche Lösungen haben Philosophen als Antwort auf das epikureische Paradox? Was noch wichtiger ist für Gottergebene (Muslime): Finden wir irgendwelche Erkenntnisse in der Lesung (Koran), mithilfe derer wir dieses Problem lösen können? Dieser Artikel wird diese Fragen reflektieren.

 

Gott: vollkommen gut und allmächtig zugleich?

Eine Lösung für das Problem des Leidens wäre, die Behauptung zurückzuweisen, dass Gott vollkommen gut und allmächtig ist. Ein Theist könnte argumentieren, dass Gott nicht vollkommen gut ist und deshalb menschliches Leid nicht verhindert. Oder Gott ist vollkommen gut, aber Er ist nicht in der Lage, das Problem des menschlichen Leidens zu lösen. Eine solche Darstellung Gottes wäre jedoch unvereinbar mit dem Bild der abrahamitischen Religionen. Gott im Judentum, Christentum und in der Gottergebenheit (Islam) ist vollkommen gut und allmächtig. Daher wäre die Lösung des Problems durch den Hinweis auf einen Gott, der entweder hinsichtlich Macht oder Güte eingeschränkt ist, keine Option in der Gottergebenheit.

Wie kann ein Gottergebener auf dieses Paradox reagieren? In der Geschichte des muslimischen Denkens haben viele Philosophen aus verschiedenen Schulen – Al-Ghazali, Ibn Sina (Avicenna), al-Nazzam und Razi – das Problem des Leidens behandelt. Einige bezogen sich auf die Frage, welche die Engel nach der Erschaffung von Menschen Gott stellten:

 

2:30 Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich werde auf der Erde einen Nachfolger hinterlassen, sagten sie: Lässt du darauf solch einen, der Verderben stiftet und Blut vergießt, wo wir dich mit Lob preisen und dich heiligen. Er sagte: Ich weiß, was ihr nicht wisst

 

Zu Beginn der Lesung (Koran) befragen die Engel Gott über die Erschaffung von Wesen, die in der Lage sind, böse Taten zu begehen und anderen Lebewesen Schmerzen zuzufügen. Gottes Antwort ist, dass Er Gründe hat, die für Kreaturen mit begrenztem Wissen nicht erkennbar sind. Tatsächlich ist dies eine der klassischen Antworten, mit denen Philosophen und Theologen das Problem des Leidens lösen. Gott ist vollkommen gut und allmächtig, doch diese Eigenschaften müssen nicht dazu führen, dass Er alles Leiden in der Welt beendet. Gott könnte einen Plan haben, der Gott moralisch gerecht macht und Leiden erlaubt. Die Existenz von Leiden kann bestimmte Funktionen haben, die Gott daran hindern, Schmerzen und Leiden in der Welt zu stoppen. Zum Beispiel kann Leiden notwendig sein, um mehr menschliches Glück hervorzubringen als eine Welt ohne Leiden.

Doch wir sind, wie der skeptische Theismus behauptet und die obige Passage aus der Lesung bestätigt, nicht immer in der Lage zu verstehen, was diese Funktionen sind. Es gibt andere Verse, die sich auf die Grenzen des menschlichen Wissens beziehen, die eine vollständige und wahre Bewertung der Ereignisse verhindern, denen wir gegenüberstehen:

 

2:216 … Doch ihr möget etwas hassen, was gut für euch ist, und ihr möget etwas lieben, was übel für euch ist, und Gott weiß und ihr wisst nicht

 

Beschränktheit des Wissens und der freie Wille

Nach gottergebenen Lehren können die Menschen zwar nur einen kleinen Teil der Realität erfassen, sie neigen aber dazu, Urteile zu fällen, als ob sie die ganze Wirklichkeit wahrnehmen würden. Eine Geschichte über Moses (18:65-82) illustriert sowohl die menschliche Ungeduld als auch das allzu menschliche Versagen, genaue Urteile zu fällen. In dieser Parabel begegnet Moses einem Mann, der besondere Kenntnisse besitzt, die er von Gott erhalten hat. Dank dieses Wissens konnte er die innere Realität der Dinge erkennen. Mit diesem Wissen verübte er scheinbar böse Taten, die darauf abzielten, unschuldige Menschen zu schützen und ihr Wohlergehen auf lange Sicht zu erhöhen. Mit dieser Parabel werden die Gottergebenen erneut daran erinnert, dass der Menschheit nur wenig an Wissen gegeben wurde (17:85).

Die Lesung weist nicht nur auf das begrenzte menschliche Wissen in Bezug auf das Problem des Leidens hin. Sie bezieht, wie viele Philosophen auch, das Leiden in der Welt auf den freien Willen des Menschen. Obwohl Gott die Menschen leitet und motiviert moralisch, gerecht und rechtschaffen zu sein, lässt Er sie auch frei in ihren Entscheidungen. Dies beinhaltet die Möglichkeit, unmoralisch zu handeln und Leid zu verursachen. Ein Teil des Leidens in der Welt ist also auf die Existenz des freien Willens zurückzuführen. Gott will nicht, dass Menschen gerecht sind, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Er möchte, dass die Menschen gerecht sind, weil sie sich dazu entscheiden. Ohne freien Willen wären Menschen den Robotern ähnliche Wesen. Böses und Leid sind der Preis, den wir für den größeren Segen des freien Willens bezahlen.

Dies ist eng mit einem anderen Thema in der Lesung verbunden. Die Existenz des freien Willens ist in der Gottergebenheit entscheidend und unverzichtbar. Denn diese Welt gilt als Test für den Menschen. Daher wäre es nicht klug, Kreaturen ähnlich wie Roboter zu erschaffen, die keine andere Option haben, als moralische Handlungen zu begehen.

 

67:2 Der den Tod erschaffen hat und das Leben, dass Er euch prüfe, wer von euch der Beste ist im Handeln; und Er ist der Allmächtige, der Allverzeihende.

2:214 Oder rechnetet ihr damit, in den Garten einzutreten, derweil euch das Gleiche derjenigen zukommt, die vor euch vergingen? …

 

Die irenäische Theodizee – Leiden ist notwendig!

Diese Verse weisen zudem darauf hin, dass das Leiden nicht nur von menschlichen bösen Taten abstammt. Auch Krankheiten und Naturkatastrophen sind Gründe fürs Vorhandensein von Leid. Gott möchte die Menschen belohnen. Aber Er möchte, dass sie diese Belohnung verdienen, indem sie unter schwierigen Umständen moralisch, rechtschaffen, dankbar und geduldig sind. In Ermangelung von Schwierigkeiten ist es nicht wirklich herausfordernd, rechtschaffen zu bleiben. Dies stellte dann keinen wesentlichen Unterscheidungsfaktor zwischen den Menschen dar.

Schmerz und Leiden sind nicht nur Werkzeuge, die Gott benutzt, um Menschen zu testen. Sie sind auch Mittel, die uns die Möglichkeit geben, zu wachsen. Diese Ansicht, bekannt als die Irenäische Theodizee (Soul-making), wurde kürzlich vom britischen Philosophen John Hick gefördert und entwickelt. Nach der Irenäischen Theodizee ist diese Welt kein Paradies. Wir sind hier, um unseren Charakter – unsere Seele – bestmöglich zu entwickeln und Gottes Liebe und Sein Paradies zu verdienen. Die Lesung zeichnet ein ähnliches Bild über die Funktion des Leidens:

 

2:155-157 Und prüfen werden wir euch mit etwas von der Angst und dem Hunger und Verringerung von den Vermögen, dem Selbst und den Früchten. Und verkündige den Geduldigen, die, wenn ein Schicksalsschlag sie traf, sagten: Wir sind Gottes und zu ihm kehren wir zurück. Auf jenen sind Kontakte von ihrem Herrn und Barmherzigkeit und jene sind die Rechtgeleiteten

 

Deshalb stellen Schmerz und Leiden gemäß der koranischen Perspektive die Beziehung zwischen Gott und den Menschen wieder her. Die schlechten Erfahrungen, die wir durchmachen, erinnern uns an unsere unvollkommene Natur und Verletzlichkeit. Wenn Menschen nicht an ihre Schwächen erinnert würden, spürten sie nicht so leicht die Notwendigkeit für Gott in ihrem Leben.

 

96:6-7 Nein, gewiss der Mensch überschreitet, weil er sich unabhängig wähnt.

 

Nicht nur die Lesung besagt, dass Menschen dazu neigen, bei Gott Zuflucht zu suchen, wenn sie Schwierigkeiten haben. In Die Zukunft einer Illusion argumentiert Sigmund Freud, dass Menschen aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit und Schwäche das Konzept von Gott geschaffen haben. Obwohl er nicht an Gott glaubte, versteht Freud, dass Nöte die Menschen dazu bringen, nach einer transzendentalen Macht zu suchen.

Die Rolle des Schmerzes bei der Förderung der richtigen Beziehung zwischen Gott und Seinen Geschöpfen war so entscheidend, dass selbst Propheten durch ihren Schmerz daran erinnert wurden, dass sie ihren Herrn brauchen:

 

2:214 … Diese ergriff die Not und der Schaden und sie wurden erschüttert, bis der Gesandte sagt und diejenigen, die mit ihm glaubten: Wann ist Gottes Beistand. Doch Gottes Beistand ist nah

21:83 Und (gedenke) Hiobs, da er zu seinem Herrn rief: «Unheil hat mich geschlagen, und Du bist der Barmherzigste aller Barmherzigen.»

 

Leid lässt uns mitfühlen

Schmerz und Leiden stellen nicht nur unsere Beziehung zu Gott wieder her. Sie sind auch hilfreich bei der Wiederherstellung unserer Beziehungen zu anderen, die unter härteren Bedingungen leben. Indem wir schmerzhafte Erfahrungen machen, fangen wir an, mit den Leidenden zu fühlen. Wir kommen näher zu ihnen, obwohl wir uns vorher nicht um sie gekümmert haben. Ein gutes Beispiel war das Erdbeben von 1999, das Tausende von Todesopfern in der Türkei forderte, und ein weniger zerstörendes, aber immer noch starkes Erdbeben, das Athen einige Monate später traf. Historisch waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland Mitte der 90er Jahre angespannt. Die Nachbarstaaten standen kurz vor einem Krieg. Die Erdbeben zwangen griechische und türkische NGOs und sogar die Staaten ihre Feindseligkeiten aufzugeben und gemeinsame Rettungsaktionen zu organisieren. Schließlich haben die Erdbeben die Wahrnehmung des „Anderen“ in beiden Ländern substanziell positiv verändert.

Dies funktioniert auch auf individueller Ebene. Adel Mahmoud, ein ägyptischer Arzt und ein Fakultätsmitglied aus Princeton, spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung mehrerer Impfstoffe. Er rettete Millionen von Menschenleben. Sein Vater starb durch eine ansteckende Krankheit, als Mahmoud noch ein kleiner Junge war. Sein Tod ist vermutlich einer der Gründe, warum er sich für eine Karriere in der Medizin entschied und sich auf Infektionskrankheiten spezialisierte.

Die Existenz von Leiden in der Welt könnte ironischerweise auch eine Vorstellung vom Jenseits vermitteln. Wenn es keinen Schmerz und kein Leid in der Welt gäbe oder wenn der größte Schmerz, den wir in der Welt erleben würden, ein Mückenstich wäre, wären wir nicht in der Lage zu begreifen, wie die Hölle sein könnte. Es gibt Verse in der Lesung, die diese Idee zu stützen scheinen. Nach der Lesung vergleichen Menschen das Leben nach dem Tod mit ihren Erfahrungen in der Welt.

 

2:25 Und verkünde denjenigen, die glaubten und das Rechtschaffene taten, dass für sie Gärten bestimmt sind, worunter die Flüsse verlaufen. Jedes Mal, wenn sie darin mit einer Frucht als Versorgung versorgt wurden, sagten sie: Es ist das, womit wir früher versorgt wurden, doch ihnen wurde nur Ähnliches gebracht. Und darin haben sie gereinigte Partner und sie sind ewig darin.

 

Schließlich, so Hick, wäre eine Welt ohne Schmerz und Leid aus vielen Gründen absurd. In einer solchen Welt wäre Arbeit sinnlos, da niemand in einer schmerzlosen Welt Hunger erleiden würde. Und in einer Welt ohne Leiden könnten Naturgesetze nicht richtig funktionieren. Die Schwerkraft zum Beispiel würde aufhören zu wirken, wenn jemand entscheidet, Selbstmord zu begehen, indem er von einer Klippe springt. In einer Welt, in der sich die Naturgesetze ständig ändern, wäre die Wissenschaft nicht möglich.

Dies könnten einige der Gründe sein, warum Gott das menschliche Leid in der Welt nicht stoppt. Es könnte natürlich andere und wichtigere Gründe geben. Aber die hier aufgeführten reichen aus, um zu zeigen, dass Gott das Leiden in dieser Welt planmäßig zulässt. Gott möchte ein besseres Leben für uns.

 

Das Leiden unwidersprochen akzeptieren?

Einige Marxisten kritisieren die Gottergebenheit und andere abrahamitische Religionen, weil sie ein falsches Bewusstsein schaffen würden. Sie dienten der Aufrechterhaltung der Ausbeutung in der Welt. Aber die Gottergebenheit lehrt die Gläubigen nicht, Machthaber oder Unterdrücker zu dulden, welche den Menschen Leid zufügen. Von den Gläubigen wird nicht erwartet, dass sie sich unterdrückenden Machthabern unterwerfen. Im Gegenteil, Gott möchte, dass die Unterdrückten den Unterdrücker ersetzen:

 

28:4-5 Siehe, Pharao betrug sich hoffärtig im Land und teilte das Volk darin in Gruppen: einen Teil von ihnen versuchte er zu schwächen, indem er ihre Söhne erschlug und ihre Frauen leben ließ. Fürwahr, er war einer der Unheilstifter! Und Wir wünschten, denen, die im Lande als schwach erachtet worden waren, Huld zu erweisen und sie zu Führern zu machen und zu Erben einzusetzen.

 

Außerdem werden Gottergebene auch daran erinnert, dass die Lösung sozialer Probleme darin besteht, diese Bedingungen zu ändern, anstatt nur nach göttlicher Hilfe zu fragen und darauf zu warten:

 

13:11 … Gewiss, Gott ändert nicht das, was in einem Volk ist, bis sie ändern, was in ihnen selbst ist. …

30:41 Verderbnis ist gekommen über Land und Meer um dessentwillen, was die Hände der Menschen gewirkt, auf dass Er sie kosten lasse die (Konsequenzen) so mancher ihrer Handlungen, damit sie (zur Rechtschaffenheit) umkehren.

 

Und die Lesung lobt nicht die weltliche Askese. Im Gegenteil, Gottergebene werden gebeten, Glück in dieser und der nächsten Welt zu suchen:

 

2:201 Und unter ihnen gibt es den, der sagt: Unser Herr, lasse uns Gutes im Diesseits und Gutes im Letzten zukommen und behüte uns vor der Qual des Feuers

 

Die Lesung fordert die Gottergebenen auf, sich Gott zu ergeben und ihm dankbar zu sein, egal wie die Bedingungen sind. Das Leiden wird aber nicht glorifiziert, wie es in einigen östlichen Religionen der Fall ist.

 

Fazit

Diese möglichen Gründe für das Vorhandensein von Leiden betreffen nur den intellektuellen Aspekt des Problems. Sie zeigen auf, dass eine Welt mit Leiden mit einem vollkommen guten und allmächtigen Gott vereinbar ist. Denn Gott hat Gründe, Menschen leiden zu lassen. So stellt das epikureische Paradox nicht, wie manche Atheisten behaupten, eine niederschmetternde philosophische Argumentation gegen den theistischen Glauben dar.

Leiden hat aber auch eine starke emotionale Seite. Selbst wenn Gott und Leiden miteinander vereinbar sind, hilft dies nicht, das Leiden der Menschen zu lindern. Philosophische Erklärungen sind selten hilfreich, um das Leiden der meisten Menschen zu lindern. Dennoch glaube ich, dass das Bild aus einer atheistischen Perspektive viel dunkler ist. Da Atheisten nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, wird es für viele Übeltäter keine Vergeltung geben. Wenn der Atheismus stimmt, werden Leute wie Hitler und Pol Pot, die für Genozide verantwortlich waren, nicht für ihre Taten bestraft werden.

Oder betrachten wir beispielsweise eine behinderte Person. Von einem atheistischen Standpunkt aus hat sie einfach Pech, da dieses Leben alles ist, was sie hat. Ohne Zweifel wäre es in einer metaphysischen Weltsicht wie dieser schwieriger, mit Leid und Schmerz umzugehen. Aber gemäß der Gottergebenheit kann das Aushalten dieses Leidens helfen, diese Person für eine Ewigkeit der Herrlichkeit vorzubereiten. In dieser Ewigkeit sind dann die vollen physischen, mentalen und moralischen Fähigkeiten wiederhergestellt. Derweil muss man bestrebt sein, das Leid dieser Welt zu lindern zu versuchen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Patheos, aus dem Englischen von Kerem Adıgüzel

christen sagen muslimen

Christen sagen Muslimen, wo es langgeht?

Der katholische Theologe Mariano Delgado sagt, der Islam brauche eine Theologie des Einbezugs anderer Religionen. Gottfried Locher meint, Muslime hätten sich wenn nötig stets erneut von Gewalt zu distanzieren und der Islam kenne keine Gleichberechtigung. Der christliche Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt gar, der Islam sei in der Krise und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Beispiele wie diese gibt es unzählige und sind vielfältiger Natur.

Die erste emotionale Reaktion von gottergebenen (muslimischen) Frauen und Männern kann vielfältig sein und mitunter auch Empörung hervorrufen. Einen Ausruf wie „Christen sagen Muslimen, wo es langgeht? Geht’s noch, wieso mischen die sich ein?“ konnte ich auch schon mal vernehmen. Diese Beispiele werfen eine allgemeine Frage auf.

 

Dürfen christliche Theologen Muslimen sagen,
mit welchen Themen sie sich theologisch beschäftigen sollten?

Diese Beispiele und auch viele andere sind keine Überraschung, da wir in pluralistisch geprägten Gesellschaften leben. Vielfalt ist, wenn wir damit richtig umgehen können, ein Segen für uns alle. Dort, wo nur noch Einheit und vor allem geistige Isolation vorherrscht, ist Stillstand vorprogrammiert. Wir brauchen also den wohlwollenden Widerspruch und die konstruktive Kritik unserer Mitmenschen und nicht nur den unserer direkten, gottergebenen Geschwister. Was ist jetzt mit wohlwollend gemeint? Wie können wir sicherstellen, ob bspw. eine christliche Theologin oder ein feurig redender Atheist die Aussagen wohlüberlegt formuliert? Was, wenn diese im Hinblick auf die Wirkung und den Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft von sich gegeben werden? Wie können wir sicherstellen, dass eine Gruppe oder ein Mensch nicht marginalisiert und bedrängt wird? Etwa durch unberechtigte, teils feindlich gesinnte, populistische Kritik. Diese Problematik greift auch Houssam Hamade auf seiner Webseite auf:

 

„Kritik“ an anderen kann dazu dienen, die eigene Gruppe zu vereinen und Selbstkritik abzuwehren. Als schlecht gelten dann immer die Anderen. Sie sind das Schwarz, das unser Weiß heller scheinen lässt. Und die Idee, der Islam sei eine Religion der Gewalt, ob sie wahr ist oder nicht, erzeugt eine tiefgreifende und messbare Stigmatisierung der Muslime oder derjenigen, die muslimisiert, die also überhaupt erst in die Rolle des muslimisch seins gedrängt werden. Männlichen Muslimen wird so unterstellt, dass sie rückständig und aggressiv seien, Musliminnen hätten angeblich kein Rückgrat und die würden die Logik ihrer Unterdrücker verinnerlichen. An dieser Marginalisierung ändert auch die Behauptung nichts, die Kritik des Islam könne getrennt von der Kritik an Muslimen gedacht werden, wie auch der Champion der deutschen Islamkritik (und der ungenauen Analyse) Hamad Abdel-Samad argumentiert. Analog ließe sich dann auch sagen, wer gegen Faschismus sei, müsse Faschisten nicht unbedingt ablehnen. Das kann nicht überzeugen.

 

Was finden wir in der Lesung dazu?

Was ist aber eine koranisch begründbare Vorgehensweise in dieser Frage? Aus einigen Stellen der Lesung (Koran) entnehmen wir, dass wir vorerst keinen Filter einsetzen dürfen. Wir müssen jeder Aussage, gleich welchen Geschlechts, welcher religiöser Anschauung und Charakters, dasselbe Gewicht schenken. Die inhaltliche Auseinandersetzung ist wichtiger als die Person oder die Gesinnung. Wir sind also angehalten, argumentum ad hominem und ad populum zu vermeiden. Dabei dürfen wir jedoch nicht naiv sein und ein Wohlwollen einfach blind voraussetzen. In denselben Stellen ermahnt uns Gott nämlich dazu, dem Besten aus den Aussagen zu folgen. Dies nachdem wir ein Verständnis entwickelt haben. Wir setzen also eine intensive, sachliche Auseinandersetzung mit allen Gesprächspartnern voraus. Siehe exemplarisch die Verse 39:18, 2:44, 17:36 und 10:39.

Im Rahmen dieser Denkarbeit entwickle ich Antworten, die mir in erster Linie selbst zugute kommen. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall. So nehme ich Herrn Delgado primär in seiner Aussage nicht als christlichen Theologen wahr. Ich vermute nichts über seine Absichten, wenn er Sätze mit „Der Islam braucht“ beginnt. Auch dann nicht, wenn er vorschlägt, welche Arbeit muslimische Theologen primär angehen sollten. Ich zwinge mich sozusagen, mich allein auf den Inhalt seiner Aussagen zu beziehen. Ich versuche sie zu verstehen und dahingehend zu prüfen, ob er gewissermaßen Recht haben könnte oder nicht. Im Rahmen dieser geistigen Denkarbeit entwickle ich dann Antworten, die mir in erster Linie selbst zugutekommen. Ich habe dabei nämlich im besten Fall neue Erkenntnisse gewonnen und Möglichkeiten, mich in meiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall für mich.

 

Meine Antworten werden dadurch besser

Dann kann ich, ohne persönlich zu werden (argumentum ad hominem), in aller Ruhe, aber mit Klarheit antworten, dass wir nicht so ohne Weiteres von „dem“ Islam sprechen können. Die Gottergebenen haben sich nicht unermüdlich von Gewalt zu distanzieren. Sie können stattdessen ihre Position öffentlich kundtun, wie sie grundsätzlich zur Gewalt stehen. Wir haben uns nicht dafür zu rechtfertigen, dass es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe. Vielmehr können wir aufgrund unserer Sachkenntnis mitteilen, wie eine systematisch aufgebaute Lesart uns zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Diese Lesart kann die Gleichberechtigung nicht nur fordern und fördern, sondern vorantreiben.

Dieselbe Lesart zeigt uns nämlich auch, dass die Lesung („Koran“) zahlreiche Verse beinhaltet, die andere Religionen aktiv miteinbezieht. Es gibt bereits Jugendgruppen, die auch in einen aktiven, friedlichen interreligiösen Dialog treten. Sie diskutieren auch darüber, inwiefern Andersgläubige ihr Seelenheil erhalten können. Sind wir also gar bereits weiter, als Delgado glaubt?

 

Gegenseitiges Zuhören ist eine Voraussetzung

Wir dürfen dann erwarten, dass unsere Ansichten künftig nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass man proaktiv auf sie hinweist. Diese Position erlaubt einen allgemeinen Austausch, ohne dass wir in allen Bereichen selbst Experten sein müssen. Wir haben nicht zu befürchten, dass andere unsere Ansichten ablehnen, allein weil wir uns selbst gottergeben oder christlich nennen. Die Ansichten von Kennern sollten wir eingehend studieren. Wir sollten selbst, sofern wir Kenner sind und dies auch sachlich zeigen können, Beachtung für unsere Ansichten erhalten. Ein ergebnisoffener Austausch bringt die Gesellschaft meines Erachtens insgesamt weiter.

Insofern dürfen und sollen alle Menschen, nicht nur Theologen, uns Gottergebenen sagen können, womit wir uns zu beschäftigen haben. Die inhaltliche Auseinandersetzung und die selbstgerichtete Aufklärungsarbeit befähigt uns für weitere Entscheidungen. Dadurch wissen wir, ob wir in diese Richtung gehen wollen, sollen, müssen oder nicht.

So ist es eine willkommene Gelegenheit, die Thesen des Religionswissenschaftlers Michael Blume zur sachlichen Diskussion zu stellen. Er vertritt durchaus denkwürdige Positionen. Genauso ist es wünschenswert, dass muslimische Theologen ihren Mitmenschen gegenüber in der Kritik wohlwollend, konstruktiv und vorwärtsgerichtet auftreten. Auch die Gottergebenen können dann zeitweise den Ton angeben zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

Alles in allem können wir bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur gewinnen. Und wer möchte schon kein Gewinner sein?


Verse aus der Lesung

2:44 Befehlt ihr den Menschen die Aufrichtigkeit und vergesst euch selbst, wo ihr doch die Schrift vortragt. Versteht ihr nicht?

10:39 Nein, sie erklären für Lüge das, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen lebten, für Lüge erklärt. So schau, wie das Ende derer war, die Unrecht taten.

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und die Vernunft – sie alle werden zur Rechenschaft gezogen.

39:18 Diejenigen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtleitet, und das sind die Einsichtigen.

Unterschied zwischen Gesandter und Prophet: Bild von einem Finger, das auf eine Koranstelle gelegt wurde

Unterschied zwischen Gesandter und Prophet im Koran

Beim aufmerksamen Lesen der Lesung (Deutsch für Koran) fällt einem immer wieder auf, dass in gewissen Stellen von Gesandten (rasūl, pl. rusul) und in anderen von Propheten (nabiy, pl. nabiyūn oder anbiyāʾ) die Rede ist. Was ist der Unterschied zwischen Gesandter und Prophet in der Lesung? Und wieso sollten sich die Gottergebenen (Deutsch für Muslime) überhaupt um diese Frage bemühen? Ist das nicht eher etwas für Akademiker und Theologen, die ihre Zeit irgendwie füllen müssen?

 

Motivation

Die Motivation für die Fragestellung ergibt sich wiederum aus der Offenbarung Gottes aus den folgenden Versen:

 

33:7 Und da wir mit den Propheten den Bund eingingen, und mit dir, und mit Noah und Abraham und Moses und mit Jesus, dem Sohn der Maria. Wir gingen mit ihnen einen feierlichen Bund ein.

3:81 Und als Gott den Bund der Propheten annahm für das, was ich euch an Schrift und Weisheit brachte, kam darauf zu euch ein Gesandter, das bestätigend, was mit euch ist. So glaubt an ihn und helft ihm. Er sagte: Habt ihr zugestimmt und diesbezüglich meine Bürde angenommen? Sie sagten: Wir haben zugestimmt. Er sagte: So bezeugt und ich bin mit euch unter den Bezeugenden

 

Wir können also diesen Versen entnehmen, dass ein Gesandter (rasūl) kommen wird, der die Offenbarungen Gottes bestätigt und alle vereint. Wichtig ist der Umstand, dass dieser Gesandte erst nach dem Propheten Muhammad kommen wird, wie wir dies aus der ausdrücklichen Erwähnung und mit dir aus 33:7 verstehen können, womit der Prophet Muhammad gemeint ist.

Damit wir in der Lage sind, den Gesandten überhaupt erkennen zu können, müssen wir wissen, in welchem Rahmen dieser Gesandte erscheinen wird. Dazu ist es sicherlich von Vorteil, die beiden Begriffe Prophet und Gesandter voneinander unterscheiden zu können.

 

Gibt es einen klaren Unterschied zwischen Gesandter und Prophet?

Nun wollen wir uns aber der Frage widmen, ob und wie wir den Unterschied zwischen Gesandter und Prophet festlegen können. Betrachten wir die Verse, in denen die Gesandtschaft und das Prophetentum im selben Vers erwähnt werden, sehen wir deutlich, dass die Wörter nicht einfach so ohne Weiteres voneinander getrennt werden können. Einige Beispiele hierzu:

 

9:61 Und unter ihnen gibt es diejenigen, die den Propheten (al-nabiy) beeinträchtigen, und sie sagen: Er ist ganz Ohr. Sage: Ein gutes Ohr für euch. Er glaubt an Gott und glaubt den Gläubigen, und er ist eine Barmherzigkeit für diejenigen, die unter euch glaubten. Und diejenigen, die den Gesandten Gottes (rasūlu-llah) beeinträchtigen, für sie ist eine schmerzhafte Qual (vgl. auch 4:69, 7:157-158, 19:51, 19:54, 33:53)

33:45 O Prophet (al-nabiy), wir haben dich als einen Zeugen entsandt (arsalnā), als Bringer froher Botschaft und als Warner. (vgl. auch 7:94, 43:9)

 

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen den Worten, welcher nicht so ohne Weiteres mit einem einzelnen Vers repräsentiert werden kann. Es muss aber auch einen Unterschied geben, die Begriffe können nicht als Synonyme behandelt werden, denn:

 

22:52 Und wir sandten (arsalnā) vor dir keinen Gesandten (rasūl) oder Propheten (nabiy), dem, wenn er etwas wünschte, der Satan seinen Wunsch nicht durchkreuzte. Doch Gott löscht aus, was der Satan unternimmt. Dann setzt Gott Seine Zeichen ein. Und Gott ist wissend, weise.

 

Es ergäbe keinen Sinn, beide Begriffe auf diese Art und Weise im selben Satz zu verwenden, wenn sie als Synonyme gelten würden ohne jeglichen qualitativen Unterschied zwischen den beiden Wörtern. Vielmehr können wir sagen, dass sie miteinander sinnverwandt sind, aber nicht deckungsgleich, weshalb der Bedarf besteht, beide Wörter zu erwähnen. Ähnlich wie wir einen Unterschied zwischen Frucht und Obst finden und dennoch beide Wörter sprachlich gesehen nahe beieinander stehen, gibt es auch einen Unterschied zwischen Gesandter und Prophet.

 

Die Aufgabe eines Propheten

Betrachten wir also den Begriff des Propheten ein wenig genauer. Wir lernen aus 2:213, dass die Propheten Gottes mit den Schriften herabgesandt werden:

 

2:213 Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Gott die Propheten als Bringer froher Botschaft und als Warner. Und Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. (vgl. auch 3:81)

87:18-19 Wahrlich, dies stand in den ersten Schriftblättern, den Schriftblättern (ṣuḥuf) von Abraham und Moses.

 

Das Wort „Buch“ bzw. „Schrift“ (kitāb) wird in der Lesung stets mit dem Begriff „Prophet“ (nabiy) in Verbindung gebracht. Es werden 20 Propheten erwähnt, die Schriften von Gott bekommen haben. Da Moses und Aaron dieselbe Schrift erhielten (37:117, 21:48), ist die Lesung die 19. Schrift, die zu einem Propheten namentlich zugeordnet werden kann. Darüber hinaus werden 18 Namen in den Versen 83-86 aus dem 6. Kapitel genannt, beginnend mit Abraham und endend mit Lot. Der 89. Vers bestätigt, dass alle 18 Propheten waren:

 

6:89 Diese sind es, denen Wir die Schrift gaben und die Weisheit und das Prophetentum. …

 

Einige mögen hier mit dem Vers 57:25 entgegnen, dass ja auch dort das Wort Gesandter in Zusammenhang mit dem Wort Buch steht. Dabei ist aber ein klarer grammatikalischer Unterschied zu sehen:

  • Wenn das Wort Prophet in Verbindung gebracht wird mit Buch, werden Formulierungen wie zu uns herabgesandt (unzila ilaynā) oder zugekommen (ʾūtiya) verwendet (2:136, 3:84, 28:43, 17:55, 4:163).
  • Wenn das Wort Gesandter in in 57:25 Zusammenhang gebracht wird mit Buch, so wird die folgende Äußerung verwendet: (zusammen) mit ihnen sandten wir das Buch (anzalnā maʿahum al-kitāb).

Einige mögen diesen grammatikalischen Unterschied als spitzfindig erachten, doch die Bedeutung dieses Unterschieds ist von großer Wichtigkeit. Denn Propheten gelten als fehlbar und werden auch getadelt bzw. ermahnt:

 

66:1 O Prophet, warum verbietest du, was Gott dir erlaubt hat, indem du danach trachtest, die Zufriedenheit deiner Gattinnen zu erlangen?

33:1 O Prophet, fürchte Gott und gehorche nicht den Ungläubigen und den Heuchlern (vgl. 2:120, 2:145, 4:135)

9:43 Gott verzieh dir, dass du es ihnen erlaubtest, bis sich für dich klärt, welche glaubwürdig waren, und du weißt, welche die Lügner sind

 

Somit besteht die Aufgabe eines Propheten darin, die ihm offenbarte Botschaft in Buchform zu übermitteln. Es ist aber wichtig, dass er in seiner Übermittlung der Botschaft unfehlbar ist, da wir ansonsten keinerlei Garantie haben, dass die Botschaft Gottes unverändert überbracht wurde.

 

Es sei noch erwähnt, dass der Begriff Warner (naḏīr) ebenso zu den Begriffen Prophet und Gesandter nahe steht. Die Botschaft des Propheten gilt darüber hinaus für alle Welten:

 

21:107 Und wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für die Welten.

25:1 Voller Segen ist Er, Der die Unterscheidung (Koran) zu Seinem Diener herabsandte, auf dass er ein Warner für die Welten sei.

 

Aufgabe eines Gesandten

In diesem Abschnitt werde ich nicht ausführlich auf weitere, nicht mit der Fragestellung relevanten Aufgaben eines Gesandten eingehen, weil sie schon in meinem Buch behandelt wurden.

Die Schrift eines Propheten ist nicht mittels einer sprachlichen Zielgruppe einzuschränken, wie wir dies bereits sehen konnten, da die Botschaft für alle Welten gesandt wurde. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu einem Propheten ist also, dass Gesandte stets in der Sprache des Volkes, zu denen sie gesandt wurden, die Botschaft zu überbringen hatten.

 

14:4 Und Wir haben keinen Gesandten gesandt, außer in der Sprache seines Volkes, damit er sie aufkläre. Gott lässt dann in die Irre gehen, wen Er / wer es will, und leitet recht, wen Er / wer es will. Und Er ist der Erhabene und der Weise.

 

Ein Gesandter hat nur die Aufgabe eines Botschafters, der Gottes Botschaft überbringt und sein Volk warnt (7:85, 16:36). Er hat keinen unmittelbaren Einfluss auf den Inhalt der Botschaft, kann mit Gott daher auch nicht darüber verhandeln, sondern muss sie unmittelbar weiterreichen. Die Aufgabe als Gesandter ist lediglich die Verkündigung, also die Übermittlung der Botschaft, nicht mehr. Dies finden wir in mehreren Versen bestätigt:

 

5:99 Dem Gesandten obliegt nur die Übermittlung. Und Gott weiß, was ihr offenkundig macht und was ihr verbergt.

24:54 … Und dem Gesandten obliegt nur die deutliche Verkündigung.

(Vgl. auch 5:92, 16:35, 16:82, 29:18, 42:48, 64:12)

  

Das bedeutet dann, dass ein Gesandter unweigerlich die Verzerrungen und Entstellungen früherer Offenbarungen aufdecken und berichtigen muss.

 

5:15 O Volk der Schrift, nunmehr ist unser Gesandter zu euch gekommen, der euch vieles enthüllt, was ihr von der Schrift verborgen hieltet, und vieles übergeht. Gekommen ist zu euch fürwahr ein Licht von Gott und ein klares Buch.

5:19 O Volk der Schrift, gekommen ist nunmehr zu euch unser Gesandter, nach einer Lücke zwischen den Gesandten, der euch aufklärt, damit ihr nicht sagt: «Kein Bringer froher Botschaft und kein Warner ist zu uns gekommen.» So ist nun zu euch gekommen in Wahrheit ein Bringer froher Botschaft und ein Warner. Und Gott hat Macht über alle Dinge.

 

Schlussfolgerung: Propheten sind auch immer Gesandte, da sie die Offenbarung öffentlich übermitteln müssen. Sie müssen in der Sprache ihres Volkes über die Botschaft aufklären, was als Bestandteil der Verkündung gilt. Es kann also laut der Lesung keinen Propheten geben, der kein Gesandter war. Ein Prophet ist immer auch ein Gesandter.

Es stellt sich die Frage: Gibt es Gesandte, die keine Propheten waren? Wir bemerken, dass in der Lesung Personen genannt werden, die weder als Propheten noch als Schriftüberlieferer bezeichnet werden. Diese sind:

  • Adam, der als der „Erwählte“ beschrieben wird in 3:33. Adam wird nicht mit dem Wort Prophet oder Gesandter in Verbindung gebracht.
  • Hūd, Ṣāliḥ und Schuʿayb, die als Gesandte genannt werden in 26:125,143,178.
  • Ḏul-Kifl, der lediglich als standfest, geduldig und rechtschaffen beschrieben wurde in 21:85 und 38:48.
  • Luqmān, der in 31:12 als jemand beschrieben wird, der mit der Weisheit gesegnet wurde.

Nirgends im Koran werden diese Personen oder Gesandte mit dem Wort Schrift oder Buch in Zusammenhang gebracht. Keiner von ihnen überlieferte also eine Schrift. Gemäß der Definition von 2:213 und 3:81 sind sie also keine Propheten. Drei der sechs werden Gesandte genannt, während die anderen drei lediglich die Gunst Gottes erhalten haben.

Es sollte jedoch bemerkt werden, dass die Lesung uns über Gesandte Gottes informiert, die im Koran nicht erwähnt werden:

 

40:78 Und sicher entsandten Wir schon Gesandte vor dir; darunter sind manche, von denen Wir dir bereits berichtet haben, und es sind darunter manche, von denen Wir dir nicht berichtet haben. (vgl. auch 4:164)

 

Nichtsdestotrotz ist es in der Tat wichtig, dass diese zwei Verse von Gesandten und nicht von Propheten sprechen.

 

Abschluss des Prophetentums, nicht des Gesandtentums

Es gibt einen zentralen Vers, den wir nun mit all den bisherigen Erläuterungen dazu verwenden können, um die festgestellten Unterschiede untermauern zu können:

 

33:40 Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern der Gesandte Gottes und das Siegel der Propheten. Und Gott ist in allen Dingen wissend.

 

Hier ist die Reihenfolge der Wörter sehr wichtig. Hätte Gott den Vers als „Muhammad ist … der letzte / das Siegel der Gesandten Gottes und der Propheten“ offenbart, wären sowohl das Gesandtentum als auch das Prophetentum mit Muhammad abgeschlossen. Dies widerspräche jedoch deutlich den Versen 33:7 und 3:81, da nach Muhammad noch ein Gesandter erscheinen wird.

Es gibt einige Gruppierungen, die behaupten, dass das Wort Siegel hier nicht im abschließenden Sinne gemeint sei. Dies ist aber ein sprachlicher Irrtum. Wofür steht denn sonst ein Siegel, wenn nicht für den Abschluss einer Sache? Auf Arabisch kann ich auch eine Sache wurde besiegelt (ختم الشيء – chatama asch-schayyʾ) sagen, und meine damit den Abschluss dieser Sache. Ich kann mit demselben Verb sogar sagen, dass das Ende der Lesung erreicht wurde: ختم القرءان – chatama al-qurʾān. Auch gibt es den Ausdruck, dass Gott sein Ende gut machen möge: ختم الله له بخير – chatama-llahu lahu bichayr. Es gibt noch weitere Beispiele aus den Wörterbüchern, aber ich denke, die Bedeutung des Wortes ist klar.

Das Prophetentum wurde mit Muhammad versiegelt, abgeschlossen und somit das Prophetentum beendet. Dies bedeutet in anderen Worten, dass der Prophet der letzte war, da ansonsten das Symbol des Siegels zerstört wäre. Der Abschluss wäre sonst wieder aufgebrochen. Zwar hätte das Siegel seine Funktion erfüllt, aber es bräuchte nun ein neues Siegel. Doch Muhammad ist das Siegel der Propheten, somit kam das Prophetentum zu seinem Abschluss. Es gibt weitere Ausdrücke aus der Lesung, die den Aspekt des Abschlusses verdeutlichen:

 

2:7 Versiegelt hat Gott ihre Herzen, ihr Gehör und ihre Blicke mit einer Schicht und eine gewaltige Qual ist für sie bestimmt

45:23 Hast du den gesehen, der sich zu seinem Gott seine Neigung gemacht hat, den Gott aufgrund von Wissen irregeführt, dem Er das Gehör und das Herz versiegelt und auf dessen Augenlicht eine Hülle gelegt hat? Wer nach Gott könnte ihn rechtleiten? Wollt ihr es nicht bedenken?

(vgl. auch 6:46, 36:65, 42:24)

 

Darüber hinaus gibt es eine Geschichte in der Lesung (40:28-56), welche den Irrtum der Leute beschreibt, die fälschlicherweise glaubten, dass nach dem Propheten Joseph kein weiterer Gesandter mehr käme. Diese werden dafür getadelt, dass sie ohne eine Ermächtigung über Gottes Pläne streiten (vgl. auch 40:56).

 

40:34 «Gott wird nimmermehr einen Gesandten erstehen lassen nach ihm.» Also erklärt Gott jene zu Irrenden, die maßlos und Zweifler sind
40:35 Diejenigen, die über die Zeichen Gottes streiten, ohne eine Ermächtigung erhalten zu haben, erregen damit großen Abscheu bei Gott und bei denen, die gläubig sind. So versiegelt Gott das Herz eines jeden, der hochmütig und gewalttätig ist.

 

Diese Geschichte dient uns als Anlass, dass wir nicht denselben Fehler begehen und nicht fälschlicherweise behaupten, es würden keine weiteren Gesandten nach Muhammad mehr erscheinen.

Das Prophetentum ist abgeschlossen und somit werden keine neuen Propheten mehr erscheinen und alle, die sich als Propheten ausgeben, können als Scharlatane abgelehnt werden. Der Gesandte Gottes jedoch, der nach Muhammad kommen soll, wird die Botschaften Gottes reinigen und vereinen, indem er die Entstellungen und Verzerrungen aufdeckt und die Menschen in der Volkssprache aufklärt.

 

Zusammenfassung

In Anbetracht der Ergebnisse können wir die Erkenntnisse wie folgt zusammenfassen:

  1. Ein Gesandter (rasūl) übermittelt eine Botschaft. Dies, indem er eine verzerrte oder entstellte Botschaft wiederherstellt und erneut verbreitet (5:15, 5:19), wodurch er noch kein Prophet ist, oder durch eine Botschaft, die ihm offenbart wurde, was ihn dann zu einem Propheten (nabiy) werden lässt.
  2. Ein Prophet erhält eine Botschaft als Offenbarung und hält sie in einem Buch fest. Gleichzeitig hat er sie öffentlich zu übermitteln und zu verkünden, was ihn auch stets zu einem Gesandten macht.
  3. Gott schickt die Gesandten als Botschafter und Warner als eine göttliche Barmherzigkeit zu den Kindern Adams, jeweils für ein Volk in der jeweiligen Sprache. (16:36, 14:4)
  4. Den entscheidenden Unterschied macht der Vers 33:40, indem Gott Muhammad als einen Gesandten (nicht den letzten!) und als das Siegel der Propheten nennt, womit Gesandte keine Propheten sein müssen.
  5. Es gibt nur eine Geschichte in der Lesung, in der vom Ende der Sendung von Gesandten die Rede ist. In dieser Geschichte wird die Behauptung, dass es keine weiteren Gesandten mehr gäbe, kritisiert. (40:28-56)
  6. Gott ging mit den Propheten, inklusive Muhammad, einen Bund ein bzgl. eines spezifischen Gesandten, der nach dem letzten Propheten kommen wird. (3:81, 33:7)

Dschihad im Islam: Sei ein barmherziger Samariter!

Ich suche Zuflucht beim Herrn vor dem verstoßenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

96:1 Lies, im Namen deines Herrn, der erschuf.

 

Dieser Satz soll gemäß Volksglauben den ersten offenbarten Vers der Lesung (arabisch: Koran) verkörpern. Doch die Mehrheit der Gottergebenen (arabisch: Muslimūn) hat diesen „ersten“ göttlichen Ratschlag vergessen. Wir sind nicht mehr geübt im Lesen der Zeichen und Verse (āyāt) der Lesung und der Natur. Die Gottergebenen müssten die Literatur, die Dichtkunst und das Schreiben allgemein wie auch die technologischen, geistigen und naturwissenschaftlichen Bereiche anführen, wenn sie den Worten Gottes wahrhaftig folgten. Aber wir kennen meistens nicht einmal unsere eigene Religion oder die Lebensordnung (dīn) der Gottergebenheit (islām) aus der Lesung gut genug, so dass sich in manchen Gesichtern ein Ausdruck des Unglaubens entfaltet, wenn sie mit den Worten Gottes konfrontiert werden. Sie sind überrascht, weil die Offenbarung Gottes ihrem traditionellen, kulturell beeinflussten Glauben widerspricht.

Nicht zuletzt aus diesem Grund lassen sie es zu, dass arabische Wörter wie Dschihad ihrer positiven Bedeutung beraubt und zu etwas abgewandelt werden, das dem Wesen der Offenbarung widerspricht. Sie lassen es zu, dass die offizielle Religion gegen die von Gott offenbarte Lebensordnung verwendet wird, obwohl uns der Barmherzige ausdrücklich davor warnt:

 

31:33/35:5 und lasst die Täuschung euch nicht in Gott täuschen!

 

Diese Aussage ist so wichtig, dass sie nicht nur einmal, sondern in gleichem Wortlaut auch in 35:5 vorkommt und sinngemäß in 57:14 wiederholt wird. Doch wir ließen uns leider täuschen, und Gott wusste das.

 

57:14 Sie rufen ihnen zu: Waren wir etwa nicht mit euch. Sie sagten: Doch, aber ihr verführtet euch selbst, ihr wartetet ab, zweifeltet und die Wünsche täuschten euch, bis der Befehl Gottes kam. So ließ euch die Täuschung in Gott täuschen

82:6 Du Mensch! Was hat dich bezüglich Deines großzügigen Herrn täuschen lassen?

 

Wir haben die Pflicht, unsere Augen zu öffnen, die Täuschung zu erkennen und zur Gottergebenheit zurückzukehren (5:105). Wir werden, so Gott will, zu einer neuen Generation von Gottergebenen, welche es nicht mehr zulässt, dass Dinge im Namen Gottes angeordnet werden, die Gott nie angeordnet hat.

 

42:21 Oder haben sie etwa Beigesellte, die ihnen von der Lebensordnung als Scharīʿah bestimmt haben, was Gott nicht erlaubt hat? …

 

Welch eine Wortwahl ist in diesem Vers doch zu erkennen, die die Weisheit Gottes zeigt! Im Vers wird das Verb „scharaʿa“ (verordnen, besitzt den gemeinsamen Wortstamm wie scharīʿah) im Zusammenhang mit der Lebensordnung (dīn) verwendet. Somit vermischen diese Täuscher ihre eigene Lebensweise mit den Geboten Gottes aus der Lesung. Sie reden so, als ob sie fromme Gläubige seien, doch in Wahrheit entfernen sie uns von Gott. Die von den Menschen erfundene Scharīʿah wird von Gott höchstpersönlich abgelehnt! Darüber hinaus wird sie mit der Beigesellung (schirk) in Verbindung gebracht. Den aufmerksamen Gottergebenen, die die Schrift kennen, läuten hier sämtliche Alarmglocken, da die Beigesellung die einzige unverzeihliche Sünde darstellt (4:48, 4:116).

Es ist deshalb an der Zeit, dass wir die menschliche, irreführende Verordnung, die sie auch Scharīʿah nennen, trennen von den Anordnungen, der Scharīʿah Gottes. Es ist an der Zeit, dass wir zur Gottergebenheit zurückkehren – zur Gottergebenheit aus der von Gott offenbarten Lesung. Dies erreichen wir, indem wir die Begrifflichkeiten aus der Lesung politisch und theologisch zurückerobern. Es ist an der Zeit, die an uns offenbarte Schrift von den falschen Gelehrten, Autoritäten und den Tyrannen zurückzuerobern, die sie missbrauchen!

 

Den Dschihad lieben lernen

Das Wort „Dschihād“ wird selbst auch von Gottergebenen oft missverstanden. Es ist für den Kenner offensichtlich, dass Dschihad kein „blutrünstiger Kampf“ oder ein „heiliger Krieg“ ist. Diese Fehlübersetzungen sind nicht einmal in der Nähe der wörtlichen Bedeutung. „Kampf“ ist qitāl (قتال) und „heiliger Krieg“ lautet al-ḥarbu l-muqaddasah (الحرب المقدسة) auf Arabisch. Sehen Sie hier irgendwo eine Ähnlichkeit zum Wort Dschihad? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht.

Der Dschihad ist vielmehr die Bemühung gegen jegliche blutrünstige Kämpfe. Dschihad ist der schnellste Weg zum Frieden und zur Barmherzigkeit. Dschihad ist ein Ausdruck des Mitgefühls gegenüber den Bedürftigen und Schwachen. Die Quelle für Dschihad liegt in Gott und Seiner allumfassenden Liebe und Barmherzigkeit. Dschihād ist der Schutz vor dem Ungerechten. Dschihad ist – richtig verstanden – ein Segen für die Menschheit, sowohl in Bezug auf das Zusammenleben mit Anderen als auch für einen selbst.

Die Gottergebenen sind von der Vernunft (10:100, 8:22, 2:44) und der Barmherzigkeit geleitete, selbstkritische Seelen (3:134, 42:36-43, 75:2). Denn sie sind sich bewusst, dass die Barmherzigkeit sehr wichtig ist, da sich Gott selbst Barmherzigkeit vorschrieb (6:12). Diese barmherzige Seele des Gottergebenen entwickelt sich spirituell wie auch wissenschaftlich weiter (17:36, 39:18, 10:100, 35:27-28). Deshalb ist sie ein Segen für alle Menschen und nicht nur für die Person selbst, die eigene Familie oder die eigene Gemeinschaft.

Wir sind als Gottergebene verzeihend, da wir uns wünschen, dass Gott uns auch vergibt (24:22). Gott ist voller Vergebung, Liebe und Erbarmen (85:14). Unser Weg ist demzufolge auch die Barmherzigkeit (3:134, 7:199, 15:85, 41:34-35, 42:43). Und weil Verzeihen schwieriger, aber dafür umso besser ist, ist es ein Dschihad (42:37,40). Aus diesem Grund sandte Gott den Propheten Muhammad aus Seiner Barmherzigkeit heraus für alle Welten (21:107). Denn nicht die Person Muhammad selbst, sondern die Botschaft der Lesung ist eine Heilung und eine Rechtleitung für uns (41:44).

 

Dschihad als Wort

Die Wurzel des Wortes Dschihād ist dsch-h-d (‏ج ه د‎) und kommt in der Lesung insgesamt 41 Mal in 36 Versen wie folgt vor:

  • 27 Mal (2:218, 3:142, 5:35, 5:54, 8:72, 8:74, 8:75, 9:16, 9:19, 9:20, 9:41, 9:44, 9:73, 9:81, 9:86, 9:88, 16:110, 22:78, 24:53, 29:6 (2x), 29:8, 29:69, 31:15, 49:15, 61:11, 66:9) als dritter Verbstamm dschāhada (جَٰهَدَ): sich bemühen, abmühen
  • Viermal (4:95 (3x), 47:31) als aktives Partizip des dritten Verbstammes mudschāhidīn (مُجَٰهِدِين): abmühend, sich bemühend
  • Viermal (9:24, 22:78, 25:52, 60:1) als das Verbalnomen des dritten Verbstammes dschihād (جِهَاد): Bemühung
  • Einmal (9:79) als das Nomen dschuhd (جُهْد): Mühe, Engagement
  • Fünfmal (5:53, 6:109, 16:38, 24:53, 35:42) als das Verbalnomen dschahd (جَهْد): Einsatz, (intensive) Abmühung

Noch einmal zur Verinnerlichung werden die Bedeutungen dieser Abmühung, wie sie koranisch gesehen sinngemäß vorkommen, aufgezeigt:

  • sich mit aller Kraft für etwas einsetzen
  • etwas hart erarbeiten, sich anstrengen, abmühen, abrackern
  • sich kräftig, fleißig, sorgsam oder eifrig engagieren
  • mit äußerstem Einsatz mit Leib und Seele für eine Sache einstehen
  • sich abplagen, viel durchmachen, ermüden durch intensives Abmühen
  • etwas auf sich bürden, etwas ertragen
  • sich durch Schwierigkeiten quälen oder ringen

 

Dschihad als Lebensweise

Viel wichtiger als der rein sprachliche Aspekt des Wortes ist die nähere Bedeutung durch die Verwendung in der Lesung. Der wichtigste und wohl der am meisten missverstandene Ausdruck aus der Lesung ist „die Bemühung auf dem Wege Gottes“ (al-dschihād fī sabīli-llāh). Dies ist nämlich nichts anders als der Versuch, Gottes Willen zu erkennen und umzusetzen und Seiner achtsam zu sein (taqwà), während man noch auf der Suche nach der Wahrheit ist:

 

22:78 Und bemüht euch für Gott in wahrhaftiger Abmühung. Er hat euch erwählt. Und Er hat euch in der Lebensordnung keine Bedrängnis auferlegt. Dies ist die Gemeinschaft eures Vaters Abraham. Er hat euch schon früher Gottergebene (Muslime) genannt und nun in diesem (Buch), auf dass der Gesandte Zeuge über euch sei und ihr Zeugen über die Menschen seid. So haltet den Kontakt aufrecht, steuert zur Verbesserung bei und haltet an Gott fest. Er ist euer Beschützer: welch vorzüglicher Beschützer und welch vorzüglicher Helfer!

 

Die Bemühung, also der Dschihad auf dem Wege Gottes hat vor allem mit dem Kontakt (salāh) zu Gott und mit der Verbesserung sozialer Umstände (zakāh) zu tun und geschieht auch nicht nur durch Einzelne. Wir müssen uns gegenseitig darin unterstützen, für soziale Verbesserung in den Gesellschaften zu sorgen, in denen wir leben (2:215, 2:197, 3:104, 5:2, 45:15, 99:7, Kapitel 103, Kapitel 107). Dies ist die gemeinsame Abmühung, der gemeinsame Dschihad. Die Bemühung ist der Weg zur Liebe. Die Bemühung umfasst unseren Einsatz und unsere Anstrengungen, Bedürftigen Wärme, Schutz und Geborgenheit zu bieten. Dschihad ist deshalb auch schon ein freundliches Lächeln, wenn niemand lächeln will. Es ist genauso eine Bemühung, ein friedliches und freundliches Wort für jene Menschen zu haben, die uns beleidigend ansprechen (25:63). Also steht der Dschihad für eine Selbstbeherrschung im Sinne des Friedens.

 

Dschihad und Krieg?

Die sogenannten Muslime dürfen sich hier einmal selbstkritisch betrachten. Es ist nämlich viel zu einfach und meistens auch falsch „die westlichen Medien“ oder „die westlichen, politischen Mächte“ für eine „Verzerrung des Islām“ verantwortlich zu machen und plump den Satz „das hat mit dem Islām nichts zu tun“ zu wiederholen. Dadurch schieben wir die Schuld von uns und begnügen uns mit unserer eigenen Weltanschauung, ohne die Argumente durchleuchtet zu haben. Wir geben unsere Verantwortung der Selbstaufklärung und der Wissensaneignung dadurch viel zu leichtfertig ab. Deshalb seien hier zwei negative Beispiele aus der muslimischen Tradition erwähnt, um zu verdeutlichen, dass sich gewisse gewalttätige Gruppierungen eben nicht durch westliche Medien, sondern hauptsächlich durch die traditionelle Literatur beeinflussen ließen.

 

Dschihad gemäß sunnitischer Tradition

Die Frage kann gestellt werden, wieso selbst gewisse frühe Gelehrten wie Asch-Schaibānī (Das große Buch der Kriege) aus dem späten achten Jahrhundert glaubten, Dschihad sei ein Angriffskrieg zur Bekehrung von Andersgläubigen. Sie waren zumindest so weit gebildet, dass sie die gesamte Lesung studieren konnten. Die meisten Gelehrten lernten sie sogar komplett auswendig. Asch-Schaibānī ist auch keine Randfigur in der Tradition, sondern ein Mitbegründer der hanafītischen Rechtsschule, eine der vier Rechtsschulen im Sunnitentum.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Menschen die Lesung und somit das Wort Gottes interpretieren müssen. Ohne eine schlüssige Herangehensweise an den Text kann man jedwede Art der Interpretation irgendwie rechtfertigen. Allein wenn wir das Vorgehen akzeptieren, immer den gesamten Text aus der Lesung im Zusammenhang zu berücksichtigen, können wir diese menschenfeindliche Position von Asch-Schaibani niemals als eine Gott ergebene (auf Arabisch: islamische) Haltung bezeichnen. Zu viele andere Textstellen stehen dazu im Widerspruch (alleine 2:256 reicht aus, weitere: 10:99, 18:29, 88:21-22, 60:8-9).

Ein weiteres negatives Beispiel für eine falsche Herangehensweise ist der Theologe As-Sarachsī (11. Jahrhundert). Die Meinung von As-Sarachsi zeigt, wie vorsichtig wir in der Methodik sein müssen. Er glaubte irrtümlicherweise, dass der Dschihād nur in den Anfangsphasen eine eingeschränkte Bedeutung erhielt, in der die Beigeseller nur ignoriert werden sollen. Der Dschihād sei künftig gleichzusetzen mit dem Gebot zum Kampf, wobei sämtliche Beigeseller zu bezwingen seien. Dies würdige seiner Meinung nach die Religion selbst! Und genau auf eine solche Art der Interpretation stützen sich die Extremisten.

 

Weitere traditionelle Ansichten

Es gibt natürlich auch viele andere Ansichten in der sunnitischen Literatur, welche im Mainstream-Islām verbreitet sind, wie z.B. die Unterscheidung zwischen großem und kleinen Dschihad. Der kleine umfasse die kriegerische Handlung und der große meine die Arbeit an sich selbst, das Ausmerzen von allem Schlechten, wie Wut, Zorn oder Hass. Darüber hinaus gibt es noch viele Versuche, den Dschihād zu kategorisieren in Unterbereiche wie:

  • Dschihād der Seele (dschihād bi-n-nafs)
  • Bemühung der Zunge (dschihād bi-l-lisan)
  • Dschihād des Stiftes (dschihād bi-l-qalam)
  • Bemühung des Wissens (dschihād bi-l-ʿilm)

Solche Unterteilungen können aber sehr unterschiedlich sein und sind meist nicht koranisch belegt.

Es gibt zudem einen Ausspruch (Ḥadīṯ), wonach man sich gegen „das Üble“ in folgender Reihenfolge wehren sollte: Hand, Zunge und Herz (Riyāḍ uṣ-Ṣāliḥīn Nr. 184). Zuerst sollte man aktiv das Üble mit eigener Hand ändern, wenn nicht möglich, dann gegen die Ungerechtigkeit mündlich (Zunge) protestieren und zuallerletzt im Herzen rebellieren. Dieser Ausspruch ist höchst problematisch, da er auf diese uneingeschränkte Art eine Religionspolizei einfordert, wenn es eine sunnitische oder schiitische Regierung geben sollte. Denn eine solche Regierung hat die Mittel und die Wege aktiv (Hand) vorzugehen, um in ihren Augen Übles vorzubeugen. Dadurch wären die Rechte von Andersdenkenden, Andersgläubigen, Homosexuellen nicht mehr gewährleistet, wie wir leider heute schon in gewissen Ländern beobachten können.

 

Dschihad und Verteidigungskrieg in der Lesung

Wir sehen nun die Notwendigkeit, sämtliche Verse aus der Lesung miteinander in Verbindung zu bringen. Es reicht nicht aus, einzelne Verse oder Themenbereiche in einen vermuteten, künstlich erstellten zeitlichen Rahmen zu setzen. Die historische Kontextualisierung kann also im Ansatz nur Vermutungen, weitere Verwirrungen oder mitunter gar anti-islamische Haltungen hervorbringen, wie wir soeben gesehen haben. Gott sagt uns bereits in der Lesung, dass Sein Wort dazu herabgesandt wurde, um alles zu erklären (16:89).

Es wird uns nirgends in der Lesung erlaubt, Angriffskriege zu führen. Natürlich bedeutet aber die Abmühung unter anderem auch, dass wir mit Leib und Seele für die Gerechtigkeit kämpfen müssen. Dies kann auch zur Folge haben, dass wir einen Verteidigungskrieg zu führen haben. In solch einer prekären Lage ist es auch ein Verrat an der Menschlichkeit, wenn wir die existenzielle Bedrohung von unschuldigen Menschen aufgrund eines naiven Pazifismus ignorieren. Deshalb sollten wir die Selbstverteidigung als eine Selbstverständlichkeit ansehen, auch wenn es mich eine innere Überwindung kostet, die erhöhte Wahrscheinlichkeit meines Todes eher in Kauf zu nehmen als meinen „natürlichen“ Tod. Das, obwohl wir nicht wissen können, wann wir sterben werden!

Daher kommt auch die Verknüpfung zwischen der Bemühung und einer speziellen kriegerischen Handlung zum Zwecke der Selbstverteidigung, um der Auslöschung der eigenen Existenz und der eigenen Gesellschaft entgegen zu treten (22:39-40; in diesen Versen wird das Wort für Kampf, also qitāl und nicht dschihād verwendet). Wir sollten aber stets ein friedliches Zusammenleben anstreben (2:208, 4:114, 8:61, 10:25, 60:7). Auch im Krieg gilt die Selbstbeherrschung (2:190-193) als Zeichen der innerlichen Abmühung.

 

Dschihad bedeutet Menschenliebe

Die Gottergebenheit besteht nicht nur aus der gegenseitigen Liebe zwischen Gott und Mensch, wobei Gott uns weitaus mehr liebt. Niemand ist ohne Sünde, so dass er ohne eine Vergebung seitens Gottes auskommt (35:45, 16:61). Da Gott Barmherzigkeit vor Gerechtigkeit walten lässt, können wir sicher sein, dass Er uns mehr liebt als wir Ihn (85:14, 6:12). Diese Verbundenheit sollten wir auch zwischen den Menschen pflegen. Gott ergeben zu sein bedeutet, die Menschen mehr zu lieben, als dass sie uns lieben (3:119, 59:9, 76:8-9). Weil wir ungeduldig und geizig sind, ist es umso schwieriger und eine größere Abmühung, weshalb eben diese Abmühung mit der Geduld verbunden ist (2:267, 3:92, 3:134, 3:142, 4:36).

Die Abmühung ist des Weiteren mit Empathie und Wohlwollen verbunden. Da wir großzügig von Gott beschenkt wurden, können wir diese Großzügigkeit auch den Menschen zukommen lassen (2:273, 24:22, 31:18). Dies äußert sich zum Beispiel in der Familie dadurch, dass wir unsere Eltern mit Güte behandeln müssen (29:8). Wir dürfen es aber nicht übertreiben mit der Liebe und blind werden. Wenn wir dazu gedrängt werden, die islamischen Prinzipien irgendwie weltlichen Bedürfnissen anzupassen, dürfen wir dem nicht nachgeben.

 

Dschihad bedeutet Gerechtigkeit

Wir dürfen um der Gerechtigkeit willen nicht die Menschen lieben, die tyrannisch Unschuldige aus ihren Häusern vertreiben (60:1). Liebe zu Gott bedeutet auch Liebe zur Gerechtigkeit über alle sozialen Stufen hinweg. Gott ist unser Zentrum und wir müssen mit unserem Dschihād unser Licht vervollkommnen und Gottes Barmherzigkeit verkünden. Die Vervollkommnung unserer Seele beinhaltet auch die moralische Läuterung, die Reflexion und die Kenntnis über unser eigenes Wesen. Dies führt dann dazu, dass wir unbeeinflussbar für die Gerechtigkeit einstehen (3:104, 3:110, 4:135, 5:78-81, 5:105, 7:165, 7:199, 9:71, 29:69, 99:7). Die Läuterung (zakāh) ist dermaßen wichtig, dass Gott Seine Barmherzigkeit davon abhängig macht, ob wir zur Läuterung oder in anderen Worten zur Verbesserung gesellschaftlicher Umstände beitragen oder nicht (7:156). Unser Bestreben sollte zu jeder Zeit sein, dem Frieden zugeneigt zu sein (8:61) und die Selbstvervollkommnung im Sinne Gottes anzustreben, selbst wenn wir dabei auf Feindseligkeiten stoßen:

 

5:8 O ihr, die ihr glaubtet, steht zu Gott als Zeugen für die Gerechtigkeit! Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher zur Achtsamkeit. Und seid Gottes achtsam, denn Gott ist kundig dessen, was ihr tut.

 

Deshalb: Liebe den Dschihād und sei ein Mudschāhid!

Oder zu gut Deutsch: Liebe die Bemühung und sei ein Bemühender, indem du ein barmherziger Samariter bist!

Gelehrte, Mehrheiten und Rechtleitung

Ich suche Zuflucht bei dem Herrn vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,
Frieden sei mit uns allen,

in der allgemein muslimischen Mentalität hat sich mittlerweile ein traditionelles Mantra etabliert, wonach man die Lesung (deutsch für „Koran“) erst dann verstehen könne, wenn man den Islam studiert habe, als ob es nur den einen Islam gäbe. Dieses nicht näher definierte, dennoch als Voraussetzung verlangte Studium wird dann oftmals mit Gelehrten der jeweils eigenen Strömung oder Rechtsschule in Verbindung gebracht, um festzulegen, dass nur diese die Lesung hinreichend erklären und beurteilen könnten. Wir werden uns in diesem Artikel der Frage widmen, ob Gelehrte oder irgendeine Mehrheit zur Rechtleitung verhelfen können. Dabei wird allein die Lesung als religiös-normative Quelle herangezogen.

Die meisten sind sich leider nicht bewusst, dass sie durch einen Gelehrtengehorsam fälschlicherweise glauben, die Verantwortung vor Gott an die Gelehrten abgeben zu können. Diese werden am Jüngsten Tag ein böses Erwachen erleben, wenn sie all die, die sie für ihre eigene Irreführung verantwortlich machen, am liebsten selbst bestrafen möchten (41:29). Doch bereits heute klärt uns Gott darüber auf, dass Gelehrte, wenn wir sie zu unseren Gefährten der religiösen Aufklärung zählen, öfters dem Zeitgeist statt der Wahrheit folgen (41:25-26).

 

Liegt eine Mehrheit dermaßen falsch?

Grundsätzlich ist es nicht verwerflich sich eine Meinung zu bilden, welche auf einem Konsens aufbaut oder mit denen der meisten Experten des entsprechenden Fachgebiets übereinstimmt. Vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern ist dies eine gängige Praxis. Dies sollte jedoch nur ein Zwischenschritt sein, denn Argumente generell über Mehrheiten zu definieren kann zu falschen Ergebnissen führen – selbst oder gerade auch in naturwissenschaftlichen Fächern, die darauf aus sind, alles und jeden zu hinterfragen.

Die Lesung ist kein naturwissenschaftliches Buch. Einen Konsens in ihrer Auslegung zwischen „den meisten Experten“ zu finden ist auch praktisch nicht möglich. Als Beispiel seien dazu nur die zwei größten Strömungen der Gottergebenheit genannt, Sunniten und Schiiten, die sich in nicht wenigen Punkten wesentlich unterscheiden. Am Ende des Kapitels „Die Bezeugung als Heilmittel“ des kostenlos herunterladbaren Buches Schlüssel zum Verständnis des Koran finden wir eine ausführliche Auflistung zu entsprechenden Versen. Ein weiteres Beispiel sei auch hier angeführt:

 

12:21 … Aber die meisten Menschen wissen nicht. (Siehe auch 7:187, 12:40, 12:68, 16:38, 30:6, 34:28, 34:36, 40:57, 45:26)

 

Eindringlich wird in all diesen Versen klar gestellt, dass eine Mehrheit keinesfalls als Argument dienen kann, wenn doch die meisten Menschen bereits vor Gott selbst nicht wissen können, nicht glauben, nicht dankbar wie auch blind sind (vgl. auch 12:103-106). Dazu empfehlen wir die Begriffe argumentum ad populum und argumentum ad hominem näher anzuschauen.

Das Resultat dieser Missstände ist in den Geschichten der Propheten und Gesandten der Lesung beschrieben (Noah: 10:73, Hud: 46:25, Salih: 11:67, Lot: 11:82, Schuaib: 11:94). Wir sollten wie das Volk von Jonas zuvor die Ermahnung Gottes ernst nehmen, damit wir auch auf der Erde erfolgreich sind (10:98). Unentwegt werden die in der Lesung erwähnten vorangegangenen Völker getadelt (vgl. auch Kapitel 54). Sie dienen uns als Lehre und als Werkzeug, unsere eigenen Taten zu überprüfen, damit wir nicht dieselben Fehler wiederholen (12:111). Nichts ist schlimmer für die Wahrheitsfindung als die Täuschung, bereits die Wahrheit gefunden zu haben, wobei man sie noch nicht fand.

 

43:36-37 Wer für die Ermahnung des Allerbarmers blind ist, dem verschaffen Wir einen Satan, der ihm dann zum Gesellen wird. Und sie halten sie wahrlich vom Weg ab, und diese meinen, sie seien rechtgeleitet. (Vgl. auch 107:4-6, 29:10-11, 3:116-121, 5:41)

 

Nicht einmal der Prophet wusste zu unterscheiden zwischen den wahrhaft Gläubigen und den Ableugnern, die sich selbst oder andere täuschen (9:90, 9:101, 2:8-9). Aufgrund dieser Unkenntnis wird der Prophet am Jüngsten Tag verblüfft sagen:

 

25:30 … „O mein Herr, mein Volk hat diesen Koran verlassen!“

 

Dass manche Heuchler nicht mal dem Prophet bekannt waren (9:101) wirft eine gänzlich neue Problematik auf bezüglich der traditionell als „unfehlbar“ geltenden Gefährten des Propheten. Als wirklich überzeugte Gottergebene ist es deswegen eine Pflicht, sich keinesfalls auf Mehrheiten zu verlassen. Insbesondere ist Vorsicht bei der Sekundärliteratur geboten, die von den Gefährten des Propheten und ihren Aussagen und Taten handeln. Diese Quellen können schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Vermutung darstellen, nicht als religiös verpflichtende Quelle akzeptiert werden. Die Lesung fordert uns auf, Mutmaßungen zu meiden (49:12), unseren Verstand zu benutzen (10:100) und jede Behauptung zu überprüfen (17:36). Die blinde Befolgung von Vorvätern wird von Gott in der Lesung streng getadelt (2:170, 5:104, 7:28, 7:70-71, 7:95, 7:173, 10:78, 11:62, 11:87, 14:10, 21.53, 26:74, 28:36, 31:21, 43:22-23).

Die Lesung ist laut Eigenaussage nicht nur ein Buch für Gelehrte, sondern eine universelle Botschaft für alle Menschen, egal welchen Bildungsstand oder Status sie auch besitzen mögen:

 

4:79 …Und Wir haben dich als Gesandten für die Menschen gesandt. (Vgl. auch 3:108, 6:90, 12:104 und 21:107)

 

Unbestreitbar wird aus dem Vers ersichtlich, dass der Gesandte und somit seine Botschaft, die Lesung, an alle Menschen und nicht nur an eine bestimmte elitäre Gruppe von Gelehrten gesandt ist. Die Verse 3:79-80 der Lesung sind darüber hinaus eine klare Anweisung an alle Menschen, die Lesung zu lernen und auch anderen zu lehren! Dazu ist es natürlich legitim und hilfreich die Meinungen anderer einzuholen, auch von Gelehrten, um von ihnen zu lernen und sich weiterzubilden (39:18). Eine blinde Befolgung von Gelehrten ohne ihre Argumente zu hinterfragen und zu überprüfen ist mit der Lesung jedoch nicht vereinbar:

 

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du kein Wissen hast. Gewiss, Gehör, Augenlicht und Herz, – all diese -, danach wird gefragt werden. (Vgl. auch 2:78, 9:31, 10:66, 45:24, 45:32 und 49:12)

 

Somit muss das erworbene Wissen stets überprüft werden, um damit Schlussfolgerungen tätigen zu dürfen. Argumente wie: „die Meisten sagen aber“ oder „ein bestimmter Scheich sagt dazu“ sind nicht zulässig. Die Lesung kritisiert solche Meinungen vehement (2:170, 6:116, 7:17, 7:179, 11:17). Die Wahrheit misst sich nicht an Mehrheiten, bestimmten Gruppen oder bestimmten Menschen, sondern lediglich am Gehalt einer Aussage.  Eine Ansicht ohne eine jegliche Hinterfragung anzunehmen oder sich blindlings Mehrheiten anzuschließen kann unmittelbar zu falschen Auffassungen über die Lebensordnung (Religion) führen. Beispiele dazu sind die Lesung durch erfundene Aussprüche (aḥādīṯ) zu erklären oder sie gar mit der Lesung auf die gleiche Stufe zu stellen, Verse aus der Lesung zu abrogieren (siehe auch Religion in ein Spiel verwandeln) und vieles mehr.

 

10:36 Und die meisten von ihnen folgen nur Mutmaßungen. Aber Mutmaßungen nützen nichts gegenüber der Wahrheit. Gewiss, Gott weiß Bescheid über das, was sie tun.

10:100 Und er wirft die Schmach auf diejenigen, die ihren Verstand nicht gebrauchen. (Vgl. auch 8:22)

 

Mutmaßungen haben folglich keinen Wert. Den Verstand nicht zu gebrauchen wird von der Lesung nicht nur abgelehnt, sondern auch bestraft. Für Traditionalisten ist Vers 10:36 eine Mahnung, den Sekundärquellen, die auf nichts anderes als Vermutungen fußen, keine religiöse Autorität zu geben und sich auf Gottes alleiniges Wort zu verlassen (3:173, 7:3, 8:64, 9:59, 9:129, 39:36, 65:3). Vielmehr werden wir ermahnt, dass wir zu oft sekundäre Quellen dazu verwenden, uns unsere eigenen Meinungen schön zu reden:

 

68:36-38 Was ist mit euch, wie ihr richtet. Oder habt ihr eine Schrift, in der ihr studiert. Darin habt ihr sicherlich, was ihr euch wählt.

 

Die meisten Gelehrten der unerlaubten Abspaltungen (42:13) der Gottergebenheit (deutsch für „islām“) nehmen in den Sekundärquellen nur diejenigen Aussagen für sich heraus, an denen sie selber Gefallen finden (2:85, 25:43). Sie sind jedoch, wie bereits erwähnt, nur Vermutungen und voller Widersprüche. Ohnehin akzeptiert die Lesung solche Quellen nicht. Demzufolge gibt es gleich mehrere Gründe als Gottergebene oder Gottergebener (deutsch für „muslim“) jeden dazu anzuhalten, die Lesung selber zu erforschen (34:46, 96:1f.). Die Ablehnung von Gelehrtendoktrinen wird im folgenden Vers ein weiteres Mal prägnant dargestellt:

 

2:170 Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Gott herabsandte“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Vorväter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? (Vgl. auch 31:20-21, 6:106 und 7:3)

 

Gelehrte, die keine Ärzte sind

Es ist eine traurige Tatsache, dass die meisten dieser Anordnung nicht Folge leisten. Es ist zu erschreckend normal geworden, das Verständnis von der Lesung mit traditionellen Einflüssen und falschen Autoritäten zu verzerren. Oft hört man dabei das Argument:

 

Wenn ich krank werde, gehe ich doch zum Arzt, der sein Fach studiert haben muss. Im Islam muss man das Gleiche tun!

 

Dieser Gedanke wurde bereits an dieser Stelle kommentiert. Diesen Leuten muss im Hinblick auf diese Ärzte-Metapher zudem die Frage gestellt werden, ob sie sich lieber von einem der vielen falschen Wunderheiler behandeln lassen möchten, welche nur allzu oft dem Geld, Traditionen oder Vermutungen nachgehen und somit unerlaubte Behandlungsmethoden befürworten oder sich nicht doch von Demjenigen behandeln lassen möchten, welcher vollkommen ist! Sich allein Gott zu widmen bedeutet zugleich, die Verantwortung in die eigenen Hände zu legen. Nichts ist gefährlicher für eine machthungrige Gruppe von elitären Gelehrten als eine selbst denkende, auf Basis der Vernunft und der Gerechtigkeit handelnde Gemeinschaft an Gottergebenen, die sich nicht durch irgendwelche Menschen einschüchtern lassen.

Gott gibt uns auch Beispiele, wie die Menschen Sein vollkommenes Wort (6:115) zu entstellen versucht haben (5:13, 10:15, 17:45-46, 18:57, 43:36-37). Dabei ist es ein gemeinsames Merkmal aller Ableugner und Heuchler, dass sie sich mit Gott allein nicht zufrieden geben können, sie brauchen sekundäre Quellen neben Ihm:

 

39:45 Und wenn Gott allein erwähnt wird, verkrampfen sich die Herzen derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben. Wenn aber diejenigen erwähnt werden, die es außer Ihm geben soll, freuen sie sich sogleich.

 

Diesen Versen nach zu urteilen genügt es nicht, viel Wissen zu haben, sondern nach welcher inneren Einstellung man die Lesung erschließen will. Es ist besser, nicht „den Islam“ studiert zu haben und dabei Gottes alleinige Autorität zu akzeptieren, anstatt beispielsweise Theologie zu studieren und dabei einer erfundenen „Sunna“ neben der Lesung zu folgen und Gottes Wort dadurch zu entstellen. Wer aus bestimmten, diesseitigen Gründen diesen Fehlern nachläuft, kann sich am Tag der Lebensordnung (am Jüngsten Tag) nicht einfach seiner Verantwortung entziehen (7:38-39, 14:22)!

 

Was ist mit den „Wissenden“?

Traditionalisten, welche dieser Argumentation kritisch gegenüberstehen und sich nicht von der Gelehrtendoktrin abbringen lassen möchten, präsentieren zu diesem Thema oft folgenden Satz aus der Lesung:

 

16:43 Und Wir haben vor dir nur Männer gesandt, denen Wir (Offenbarungen) eingegeben haben. So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst. (Vgl. auch 21:7)

 

Die fett markierten Stellen lauten im Original ahl-al-ḏikri (أهل الذكر) auf Deutsch: Leute der Ermahnung. Da die Lesung auch als Ermahnung betitelt wird, kann man hier auf Leute schließen, die tief im Wissen der Lesung verankert sein müssen. Daraus schließen sie, dass nur Gelehrte die Lesung auslegen dürfen. Abgesehen davon, dass diese Interpetation nicht mal im klassischen Sunnitentum einen Konsens hat (man lese dazu nur Tabari, Qurtubi und Ibn Kathir), bedeutet dies noch lange nicht, dass wir ihnen blind folgen dürfen und sie dadurch zu Herren über uns zu erheben haben (3:64, 9:31, 12:39, 17:36). Gott allein als Herrn anzuerkennen bedeutet auch, dass die Erklärung der Lesung nur durch sich selber legitim ist.

Da aber auch andere Offenbarungen Gottes so bezeichnet werden, müssen sich etwaige Gelehrte mit sämtlichen Schriften auseinandersetzen (5:13-14, 21:48, 21:105, 28:43 und 23:110), was bei den meisten Gelehrten aufgrund ihrer negativen und ablehnenden Haltung beispielsweise gegenüber der Tora oder dem Evangelium nicht zutrifft.

Viele Verse machen uns darauf aufmerksam, wozu die Gelehrtendoktrin geführt hat: moralischer Zerfall (5:63), Autoritätsdenken (9:31) und Ausbeutung durch diese Autoritäten (9:34). Diese Verse sind dabei nicht historisch gemeint, sondern betreffen auch die heutigen Umstände (12:111, 2:44). Letzten Endes werden keine Menschen, nicht mal Gesandte, uns rechtleiten können. Allein Gott kann uns rechtleiten (42:31, 9:116, 29:22), sofern wir Gottes Rechtleitung erlangen möchten (17:9, 28:56, 27:80-81, 41:44).

Naturgemäß werden sich zu diesem Artikel neue Fragen auftun. Wie zum Beispiel, ob man die Lesung hinreichend ohne Arabischkenntnisse verstehen kann oder wie man mit der Lesung generell umgehen soll. In meinem Buch Schlüssel zum Verständnis der Lesung gehe ich ausführlich und weitgehend allgemeinverständlich auf diese komplexe Thematik ein. Weitere klassische Fragen sind:

  • Liegen die meisten Anhänger des Islam falsch?
  • Wurde 1400 Jahre lang ein falsches Islambild vermittelt?
  • Sind folglich all die Menschen hinter den „großen“ Namen der muslimischen Gelehrsamkeit nicht rechtgeleitet?

Auf der einen Seite spielen bei der Beantwortung dieser Fragen meist die eigene Tradition, die große Anzahl der eigenen jeweiligen Gruppierung, ein oftmals angeführter angeblicher Gelehrtenkonsens eine große Rolle. Dem gegenüber stehen nicht selten gleicherweise das eigene Umfeld, die eigene Lebenserfahrung aber auch bestimmte angelernte Auffassungen, welche auf das Verständnis der Lesung einwirken und dadurch das Verständnis der Lesung verzerren können.

 

Rechtleitung (hudan) in der Lesung

Wie aber findet man nun Rechtleitung und wer kann sie überhaupt vermitteln?

 

28:56 Gewiss, du kannst nicht rechtleiten, wen du möchtest. Gott aber leitet recht, wen Er will. Er kennt sehr wohl die Rechtgeleiteten.

17:9 Gewiss, diese Lesung leitet zu dem, was richtiger ist, und verkündet den Gläubigen, die rechtschaffene Werke tun, dass es für sie großen Lohn geben wird.

2:12 Uns obliegt die Rechtleitung.

 

Gott allein ist es also, der rechtleiten kann und sonst niemand, auch nicht der Mensch hinter der Prophetengestalt. Auch kann nicht die eigene Tradition, die oftmals auf Erfindungen beruht, oder Gelehrte einer bestimmten Abspaltung als Quelle der Rechtleitung dienen.

Die Charaktereigenschaften, die vor Gott zwingend sind, um rechtgeleitet zu werden:

  • Jene, die glauben und den Glauben nicht mit Ungerechtigkeit verdecken. (6:82)
  • Rechtschaffene Werke tun. (22:23)
  • Die jeglichem Wort zuhören und dem Besten davon folgen. Sie sind dann die, die vor Gott Verstand besitzen. (39:18)
  • Die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von ihrer Versorgung ausgeben (für Bedürftige) und an die Lesung wie auch allen vorangegangenen Schriften glauben. (2:3-5)

Alles in allem müssen sich Gottergebene darum bemühen, die Rechtleitung allein von Gott zu erhoffen. Das bedeutet, sich von niemandem abhängig zu machen und alles zu hinterfragen – sei es in der Wissenschaft, der Politik, der Musik, im Sport oder der Kunst. Es ist unsere Pflicht, aufgeklärte, zukunftsgerichtete Menschen zu werden, die ihren Verstand einsetzen. Nur so werden wir sowohl im Dies- wie auch im Jenseits erfolgreich sein.

 

39:23 Gott hat die beste Botschaft offenbart, ein Buch mit gleichartigen, sich wiederholenden (Versen), vor dem die Haut derjenigen, die ihren Herrn fürchten, erschauert. Hierauf werden ihre Haut und ihr Herz weich (und neigen sich) zu Gottes Gedenken hin. Das ist Gottes Rechtleitung. Er leitet damit recht, wen Er will. Und wen Gott in die Irre gehen lässt, der hat niemanden, der ihn rechtleitet.

39:36-37 Wird Gott nicht Seinem Diener genügen? Dennoch wollen sie dir mit denjenigen, die es außer Ihm geben soll, Furcht einflößen. Und wen Gott in die Irre gehen lässt, der hat niemanden, der ihn rechtleitet. Wen aber Gott rechtleitet, den kann niemand in die Irre führen. Ist nicht Gott Allmächtig und Besitzer von Vergeltungsgewalt?

Gibt es den Segen auf den Propheten saw oder sas im Islam bzw. im Koran?

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Frieden sei mit uns allen, liebe Geschwister und Freunde, und Gottes Segen und Seine allumfassende Barmherzigkeit!

 

35:10 … Zu Ihm steigt das gute Wort, und (erst) die rechtschaffene Tat lässt es aufsteigen! …

 

Dieser Beitrag wird weh tun, ja sehr weh tun und schwer zu verdauen sein für jene, die ihr Leben lang nur die Tradition und die Lesung (deutsch für „Koran“, arabisch: al-qurʾān) nur wenig oder oberflächlich und über Lippenbekenntnisse und weniger über Taten kannten. Wenn Sie zu dieser Sorte von Menschen gehören, die lieber ihre Tradition aufrecht erhalten möchten als zu erfahren, was in der Lesung (Koran) wirklich steht, dann können Sie gleich aufhören zu lesen. Wenn Sie lieber ihre Vorfahren, Vorväter, den Imam in Ihrer Moschee, Ihr soziales Umfeld zufrieden stellen und Ihre Illusion über Ihr eigenes Selbst schützen wollen, dann wird dieser Artikel wie eine versalzene Suppe daherkommen, in dem jedes Wort schwer durch Ihren Hals geht und im Magen dann erst so richtig säuert. Wenn Sie zudem den Propheten Mohammed auf unrealistische Weise als einen fehlerlosen Supermenschen betrachten, aufgrund dessen die gesamte Schöpfung erschaffen sei laut einem erfundenen Ausspruch (Ḥadīṯ), und ihn als das beste Geschöpf unter den Geschöpfen betrachten, dann werden Sie zu denen gehören, die uns damit zu Unrecht beschuldigen, dass wir den Propheten hassen würden, weil wir ihn so darstellen, wie er wirklich war: ein fehlerbehafteter Mensch, der aufgrund seiner Tugenden und seines Charakters einschließlich seiner Fehler dennoch als schönes (nicht schönstes!) Vorbild für uns gilt. Aufgrund seiner Fehler wissen wir, was wir nicht wiederholen sollten und aufgrund seiner Tugenden, die in der Lesung selbst beschrieben werden, können wir uns im Verrichten heilvoller und guter Taten üben.

Gehören Sie aber zu jenen wenigen Menschen, die wirklich interessiert sind an dem, was Gott in der Lesung mitteilt, dann wird dieser Artikel eine willkommene Erfrischung für Ihren Geist darstellen und Sie werden eventuell das Rezept der Suppe sogar zu verfeinern wissen. Aufklärerisch eingestellte Menschen werden so erfahren, was in ihrer bisherigen Betrachtung auf unreflektierter Tradition fußte. Gleichzeitig werden sie diesen Artikel auch hinterfragen und nichts ungeprüft hinnehmen, da dieses Prinzip der Aufklärung in der Lesung selbst verankert ist (17:36). Diese im Geiste vernünftig denkenden Menschen werden die hier vorgestellten Erkenntnisse weder vorschnell abweisen noch sich auf die Tradition berufen, weil sie sehr gut wissen, dass das Wort Gottes in der Lesung dieses Verhalten ablehnt (2:44, 10:100, 8:22, 10:38-39, 2:170, 23:24, 7:70, 11:62, 11:87, 26:74, 28:36, 34:43).

 

2:170 Und wenn ihnen gesagt wird: Folgt dem, was Gott herabsandte. Dann sagen sie: Vielmehr folgen wir dem, was wir bei unseren Vätern vorfanden. Auch dann, wenn ihre Väter weder etwas verstanden noch Rechtleitung fanden?

 

In Bezug auf die Botschaft Gottes dürfen wir uns also nicht blind auf unsere Vorväter verlassen, sondern müssen die Argumente und die Verse genau untersuchen und den Sachverhalt genau abwägen. Betrachten wir nun den sogenannten Segensspruch oder die Eulogie SAW oder SAS im Islam (auf Deutsch: Gottergebenheit). Diese Abkürzung kommt auch in den Varianten SAWS, SAAWS oder einfach nur als S vor. Ausgeschrieben wird diese traditionelle Eulogie, auf Arabisch auch als taṣliyyah (تصلية‎) bekannt, transliteriert als ṣallā ‚llāhu ʿalayhi wa-sallam (in salopper Form auch salla Allahu alayhi wa salam) und bedeutet sinngemäß nach heute geläufigem Verständnis der Worte: Möge Gott ihn segnen und Frieden/Heil geben.

Fest steht, dass dieser Spruch schon sehr lange vorhanden war, wie dies an der Inschrift am Felsendom ersichtlich ist. Dieser Spruch wird meist aufgrund des folgenden Verses 33:56 begründet, der auch am Felsendom zitiert wird. Leider wurde und wird dieser Vers in seiner Bedeutung katastrophal verzerrt und in einem in sich unschlüssigen Verständnis wiedergegeben, wie man unschwer an den gängigen Übersetzungen erkennen kann:

 

إن الله وملئكته يصلون على النبى يأيها الذين ءامنوا صلوا عليه وسلموا تسليما

(Transliteration) ‚Inna Allāha Wa Malā’ikatahu Yuṣallūna ʿAlá An-Nabīyi Yā ‚Ayyuhā Al-Laḏīna ‚Āmanū ṣallū ʿAlayhi Wa Sallimū Taslīmāan
(Khoury) Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. O ihr, die ihr glaubt, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn mit gehörigem Gruß.
(Azhar) Gott nimmt den Propheten in Seine Barmherzigkeit auf und erweist ihm Seine Huld, und Seine Engel sprechen den Segen über ihn. Ihr Gläubigen, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn, wie es sich ziemt!
(Ahmadiyya) Allah sendet Segnungen auf den Propheten und Seine Engel beten für ihn. O die ihr glaubt, betet (auch) ihr für ihn und wünschet ihm Frieden mit aller Ehrerbietung.
(Paret) Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn)
(Bubenheim) Gewiß, Allah und Seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. O die ihr glaubt, sprecht den Segen über ihn und grüßt ihn mit gehörigem Gruß.
(Rassoul) Wahrlich, Allah sendet Segnungen auf den Propheten, und Seine Engel bitten darum für ihn. O ihr, die ihr glaubt, bittet (auch) ihr für ihn und wünscht ihm Frieden.
(Zaidan) Gewiß, ALLAH gewährt dem Propheten Gnade und die Engel erbitten sie für ihn. Ihr, die den Iman verinnerlicht habt! Macht für ihn Salah und begrüßt (ihn mit) einer Salam-Begrüßung!

 

Die rot markierten Stellen gibt es im arabischen Wortlaut nicht. Die schwarzen Stellen sind Interpretationen der Übersetzer der fett markierten Ausdrücke aus der Transliteration. Betrachten wir einmal die einzelnen Worte aus diesem Vers, ohne die fett markierten Stellen aus der Transliteration zu übersetzen, da sie der Gegegenstand unserer Betrachtung sind:

‚Inna
Allāha
Wa Malā’ikatahu
Yuşallūna ʿAlá
An-Nabīyi
Yā ‚Ayyuhā
Al-Ladhīna
‚Āmanū
Şallū `Alayhi
Wa Sallimū
Taslīmāan
Gewiss, Wahrlich, Sicherlich
der Gott
und Seine Engel
Yuşallūna über
den Propheten
O ihr
diejenigen
glaubten
Şallū über ihn
und Sallimū
Taslīmāan

 

Wir sehen also alleine aufgrund der Verwendung der Worte, dass es sich hierbei um einen Aufruf handelt, etwas Konkretes zu tun. Dies ist bereits der erste klare Unterschied zur Aufforderung etwas auszusprechen. Hier steht nirgends etwas Ähnliches wie: Sagt (Qūlū)… Vielmehr müssen wir Ṣalāh ausüben auf den Propheten.

Dadurch, dass sich die Menschen in der Tradition darauf festlegten, diesen Vers in mündlicher Form in der bekannten Form wiederzugeben, haben sie sich selbst gerade das Bein gestellt. Statt dass sie dem Aufruf Gottes folgen, Ṣalāh zu üben auf den Propheten in Form einer konkreten Handlung und Tat, sagen sie vielmehr sinngemäß: Nein, Gott, wir machen kein Ṣalāh auf den Propheten, (vielmehr) mache Du Ṣalāh auf den Propheten. Dies ist die direkte Bedeutung des auch sehr oft verwendeten Ausdrucks Allahumma Salli ‚alâ Muhammad, wie er beispielsweise auch in der sogenannten At-Taḥiyyatu vorkommt, in dem nahezu Lobgesänge auf Abraham und Muhammad vorkommen und dem Wesen des Monotheismus (tawḥīd) deutlich widersprechen. Nicht die Propheten stehen im Fokus, sondern vielmehr Gott. Die Gebete gelten nur für Gott und deshalb dürfen wir diesen falschen Gebetsspruch nicht äußern, auch weil wir keine Unterschiede unter den Gesandten machen dürfen. Statt dass wir den Ṣalāh ausüben, fordern wir Gott auf, diesen doch auszuüben!

Stellen Sie sich einmal vor, wie Sie einen Freund auffordern, der neben dem Fenster steht: Schließe bitte das Fenster! Und als Reaktion wird nicht das Fenster geschlossen, sondern gesagt: Schließe du das Fenster! Dieselbe Logik ist in diesem Ausspruch enthalten. Da Arabisch traditionell gesehen aber zu heilig ist zum Verstehen, fällt dies einem auch erst gar nicht auf. Wir müssen wieder damit beginnen, die Lesung (Koran) zu verstehen.

Menschen greifen verzweifelt nach einer Box: Die Verehrung des Propheten gegen seinen Willen

Menschen greifen verzweifelt nach einer Box, weil sie glauben, darin befänden sich die Haare des Propheten Muhammad: Der Ausdruck der falschen Verehrung des Propheten gegen seinen Willen

Viele Sunniten und Schiiten glauben, dass sie sogenannte Pluspunkte (Ḥasanāt) erhalten werden, alleine indem sie diese der Lesung (Koran) widersprechenden Segenssprüche wiederholen. Doch wir haben eingangs gelesen, dass nicht die Worte allein reichen, sondern vielmehr die rechtschaffenen Taten erst die Worte bestätigen und zu Gott aufsteigen (35:10). Wenn wir dabei noch den fünften Vers des ersten Kapitels aus der Lesung bedenken, dann wüssten wir, dass Gottes Botschaft alleine im Zentrum stehen soll. Somit ist der sogenannte traditionelle Segensspruch „sas im Islam“ als ein verzerrtes, falsches Verständnis abzulehnen. Der Irrglaube, hunderte Male diesen erfundenen, falschen Segensspruch auszusprechen (dazu noch Apps wie ‚Zikirmatik‘ runterladen oder noch schlimmer kaufen), schütze einen direkt vor der Hölle, wäre ja doch zu einfach gewesen! Dies ist der Zerfall der Religion schlechthin: Einfach sinnlos Aussagen wiederholen lassen, damit man ja nichts tun müsse. Das sprichwörtliche Opium des Volkes.

Dabei bedeutet „Zikir“ auch nicht, ständig „Allah, Allah, Allah, Allah,“ zu sagen, wie es die Sufis in ihrem Rausch tun. Ḏikr ist das Gedenken Gottes in sämtlichen Lebenslagen (33:41). Das Gedenken Gottes ist, wenn man beispielsweise vor der Wahl steht, das Geld, das irgendein Passant auf der Straße soeben verlor, ihm zurückzugeben, weil man die moralischen Prinzipien aus der Lesung befolgt und weiß, dass man rechtschaffen handeln muss (35:10) und dass wir uns nicht den materiellen Werten, sondern Gott allein hingeben müssen und gerade deshalb human handeln aus Liebe zu Gott (65:3, 39:36). Das Gedenken Gottes bedeutet also das Bewusstsein für Gottes Gegenwart zu entwickeln.

Ein weiterer Widerspruch ist der Umstand, dass Muhammad in der Lesung viermal erwähnt wird (3:144, 33:40, 47:2, 48:29), aber in keine dieser vier Stellen erwähnt Gott den angeblichen Segensspruch nach seinem Namen. Hier ließe sich fragen: Hat Gott etwa Seinen eigenen Segensspruch vergessen, selbst im selben Kapitel 16 Verse davor (33:40)?

Eine weitere Ungereimtheit ist die Tatsache, dass das Wort „Segen“ auf Arabisch barakah lautet und nicht Ṣalāh. Das Wort „Segen“ kommt in der Lesung auch mehrmals vor (nur ein Beispiel: 19:31), weshalb diese Bedeutung eindeutig ausgeschlossen werden kann.

Darüber hinaus werden die Gläubigen dazu aufgefordert, die Namen der Gesandten aufzusagen (und diesmal wörtlich sagen), ohne dabei irgendwelche Beisätze auszusprechen:

 

2:136 Sagt: Wir glaubten an Gott und was zu uns herabgesandt wurde und was zu Abram, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen herabgesandt wurde und was Moses und Jesus zukam und was den Propheten zukam von ihrem Herrn. Wir unterscheiden zwischen keinem von ihnen und ihm sind wir ergeben (Siehe auch 3:84)

 

Was bedeutet nun Ṣalāh ausüben auf den Propheten? Gott und die Engel üben Ṣalāh auf den Propheten aus laut 33:56. Deshalb sollen wir das ebenso tun und dies ist ausdrücklich Gottes Wille. Ṣalāh bedeutet in diesem Zusammenhang eine Verbundenheit, eine Unterstützung und eine Hilfe aufzubauen.

Dies kommt daher, weil Ṣalāh im Wesentlichen Kontakt bedeutet. Die traditionelle Vorstellung und Verständnis des Wortes ist dermaßen verbreitet, dass selbst namhafte Philologen wie E. W. Lane unter Salāh nur die Glorifizierung verstanden haben. Nichtsdestotrotz ist die Grundbedeutung der Wurzel ṣad-lām-wāw (S-l-w) zu verbinden oder nahe zu folgen, wie an den Wörtern muṣallin (مصلٍ) oder islá (اصلى) vom vierten Verbstamm zu erkennen ist, womit die zweite Position zum Beispiel in einem Rennen beschrieben wird, weil man der ersten Position nachfolgt. Ebenso ist dies am Wort ṣalā (صلا – اصلى) zu erkennen, womit der mittlere Bereich des Rückens, das Rückgrat angedeutet wird (siehe J. G. Hava, Seite 396). Es gibt auch ein Verb (ṣalā/ṣalawā – صلا/صلوا), wie man jemanden berühren kann am Rücken (siehe auch das Glossar von Penrice, Seite 85, oder auf Französisch Kazimirski, Seite 1365). Alles in allem kann man damit also sagen, dass man das Rückgrat eines Anderen stärken und stützen möchte. Deshalb bedeutet in diesem Vers 33:56 Ṣalāh unterstützen. Deshalb bedeutet auch das Kontaktgebet (aṣ-ṣalāh) eben Kontaktgebet, weil wir in Verbindung mit Gott treten und unsere eigenen Seelen dadurch stärken und Gottes Unterstützung erhoffen. Nicht umsonst rezitieren wir dabei das erste Kapitel der Lesung, worin wir sagen: Dir allein dienen wir und Dich allein ersuchen wir um Hilfe!

Gott und die Engel sind mit dem Propheten verbunden, unterstützen ihn und helfen ihm. Wir sollen deshalb den Propheten ebenso unterstützen, ihm helfen und eine Verbundenheit zu ihm aufbauen. Wie können wir am besten diese Verbundenheit aufbauen? Indem wir naturgemäß der von ihm überlieferten Botschaft Gottes folgen und unseren Worten konkrete Taten folgen lassen! Dies beinhaltet beispielsweise die Bedürfnisse eines Bedürftigen in Erfahrung zu bringen, für Verbesserung zu sorgen in der Gesellschaft, gegen Ungerechtigkeiten die Stimme zu erheben, da wir nur Gott zu fürchten brauchen, und konkret etwas zu unternehmen! Wenn wir tatsächlich Ṣalāh ausübten auf den Propheten, also seine Botschaft, die er im Namen Gottes verkündete, unterstützen, umsetzen und zu ihr eine Verbindung aufbauen, dann hätten diktatorische Regimes erst gar keine Chance. Wir würden das bloße aussprechen und sinnlose Repetieren sein lassen und würden uns mit rechtschaffenen Taten beschäftigen.

 

2:157 Auf jenen sind Ṣalawāt von ihrem Herrn und Barmherzigkeit und jene sind die Rechtgeleiteten

 

Wir sehen also, dass nicht nur der Prophet diese Unterstützung (Ṣalāh), diese Verbundenheit von Gott erhält, sondern genauso die Menschen, die rechtschaffen handeln. Gute Menschen werden von Gott unterstützt.

 

33:43 Er ist es, der euch unterstützt (Ṣalāh ausübt), und auch seine Engel, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausführt. Und Er ist barmherzig zu den Gläubigen.

 

Sich gegenseitig zu unterstützen bedeutet, mit Gottes Hilfe Auswege aus schwierigen Zeiten und Umständen zu bieten. In diesem Vers wird nochmal deutlich, was die semantische Bedeutung von Salāh ist: Durch die Hilfe, die Unterstützung für die und die Verbundenheit (die Liebe) Gottes und der Engel zu den Gläubigen, die durch ihre Taten Rechtschaffenheit beweisen, aus den Finsternissen ins Licht geführt werden.

Das letzte Verb sallam kann mehrere Bedeutungen wiedergeben. Ein Aspekt ist tatsächlich die Begrüßung und ein anderer die „Sicherheit und Unversehrtheit“. Hans Wehr überträgt dies als „Heil“. Dies, weil die Wurzel s-l-m, von der auch die Wörter Muslim (Gottergebener) und Islām (Gottergebenheit) abstammen, in der Grundbedeutung den Zustand der Unversehrtheit, Widerstandslosigkeit und Tadellosigkeit wiedergibt. Da der erste Teil ein Aufruf für die Unterstützung ist, sehen wir den letzten Teil des Verses 33:56 als Aufruf, für die gegenseitige Unversehrtheit, für das gegenseitige Heil in geistiger und körperlicher Form zu sorgen. Mit all diesen Informationen lässt sich der Vers also sinngemäß genauer wie folgt übersetzen:

 

33:56 Gewiss, Gott und Seine Engel unterstützen den Propheten. O ihr, die ihr glaubtet, unterstützt ihn und sichert in Absicherung

Schlüssel zum Verständnis des Koran: Beispiel 4 – Buch und Weisheit: Eine Einheit

3:81 Und als Gott den Bund der Propheten annahm für das, was ich euch an Schrift und Weisheit brachte, kam darauf zu euch ein Gesandter, das bestätigend, was mit euch ist. So glaubt an ihn und helft ihm. Er sagte: Habt ihr zugestimmt und diesbezüglich meine Bürde angenommen? Sie sagten: Wir haben zugestimmt. Er sagte: So bezeugt und ich bin mit euch unter den Bezeugenden

 

Es ist leider so, dass ein erheblicher Großteil der Sunniten und Schiiten glaubt, dass einerseits mit „Schrift“ das Buch, also die Lesung selbst gemeint sei, andererseits die Weisheit etwas anderes sei, was wir erst durch die Aussprüche in den Ḥadīṯ-Büchern erfahren könnten. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn hier begründet sich die theologische Argumentation vieler klassisch-orthodoxer Sunniten oder Schiiten und ihren Anhängern, die damit der Tradition Gewicht verleihen möchten. Diese Tradition beinhaltet unter anderem auch die Steinigung, die Apostasie-Strafe für Abfällige von der Religion, die Sklaverei, die Unterdrückung der Frau und viele weitere Abscheulichkeiten. Deshalb müssen wir diesem Missbrauch der Verse aus der Lesung Einhalt gebieten.

Dass diese Idee, die Weisheit sei in der traditionellen Sunna, auf einem Fehlverständnis der Lesung beruht, werde ich im Anschluss gleich zeigen. Leider hat dies alles damit angefangen, dass ein mittelalterlicher Gelehrter, nämlich Asch-Schāfiʿī meinte, er müsse die auf Vermutungen, Lügen und Hörensagen begründeten Überlieferungen zu einer Offenbarung (waḥiy) erheben, um so der angeblich prophetischen Sunna Legitimität zuschreiben zu können. Diese Leute des Hadīṯ (ahlu-l-ḥadīṯ) waren dermaßen überzeugt von ihrer eigenen Ansicht und sehr aggressiv, dass sie diese Überlieferungen, welche dem Propheten angedichtet wurden, faktisch höher ansahen als die Lesung selbst. Zumindest wurde die Lesung nicht als kategorisch epistemologisch erhabener als ihrer Meinung nach zuverlässige Aussprüche angesehen. Es wird von ihnen auch folgender Spruch überliefert:

 

جاءت السنة قاضية على الكتاب وليس الكتاب قاضياً على السنة

dschā’at as-sunnatu qāḍiyatan ʿalá al-kitābi wa laysa al-kitābu qādiyan ʿalá as-sunnah

Die Sunna kam als Richtende über das Buch (die Lesung) und nicht das Buch als Richtender über die Sunna.118

 

Natürlich werden die heutigen Gelehrten diesen Satz relativieren und sagen, dass damit gemeint sei, die angeblich prophetische Sunna sei dazu da, um eine Erklärung für die in der Lesung „nicht erklärten“ Verse anzubieten. Den ersten Fehler, den sie hierbei begehen: Sie nehmen an, das Buch Gottes hätte nicht bereits die Erklärung in sich für diese Verse (siehe 25:33). Den zweiten Fehler, den sie begehen: Die meisten Aussprüche, selbst wenn sie in der Überliefererkette (Isnad) und im Inhalt oder Text (Matn) beide als authentisch (ṣaḥīḥ) gelten, sind und bleiben immer eine Vermutung und Gottes Lebensordnung kann nicht auf Vermutungen begründet werden. Die Lesung wird nicht durch Vermutungen begründet, sondern durch sich selbst, indem wir Verse im Lichte anderer Verse betrachten.

Die Wurzel ḥā-kāf-mīm (ح ك م), von welcher das arabische Wort für Weisheit abgeleitet ist, beherbergt als Grundbedeutung die Idee der „Weisheit“. Sie kommt in der Lesung in 189 Versen insgesamt 210 Mal vor.119 Aus diesem Grunde werden für Wörter wie „Richter“ oder „Urteil“ Ableitungen dieser Wurzel verwendet, da beispielsweise eine ausgebildete Richterin ohne die eigenen Gefühle ins Zentrum zu stellen bedacht, vernünftig und gerecht Urteile fällen muss. In anderen Worten muss sie weise handeln. Die in der Lesung verwendeten Wortformen sind:

  • 45 Mal als ersten Verbstamm ḥakama (حَكَمَ): urteilen/richten
  • 30 Mal als das Verbalnomen des ersten Verbstammes ḥukm (حُكْم): Urteil
  • Fünfmal als aktives Partizip des ersten Verbstammes ḥākimīn (حَٰكِمِين): Urteilende/Richtende
  • Zweimal als zweiten Verbstamm yuḥakkimu (يُحَكِّمُ): Jemanden zum Richter ernennen
  • Einmal als das aktive Partizip des dritten Verbstammes ḥukkām (حُكَّام): (strafrechtlich) Verfolgender / die rechtlich Zuständigen / Richter
  • Zweimal als vierten Verbstamm uḥkimat (أُحْكِمَتْ): stärken, etwas klar machen
  • Zweimal als passives Partizip des vierten Verbstammes muḥkamāt (مُّحْكَمَٰت) und muḥkamah (مُّحْكَمَة): klar gemacht
  • Einmal als sechsten Verbstamm yataḥākamu (يتََحَاكَمُ): sich gegenseitig vor den Richter bringen, Urteil verlangen
  • Zweimal als die Steigerungsform oder als Elativ aḥkam (أَحْكَم): weiser als / weisest. In der Lesung nominal verwendet als „der Weiseste“ (95:8)
  • Dreimal als das Nomen ḥakam (حَكَم): Schiedsrichter/Vermittler
  • 20 Mal als das Nomen ḥikma (حِكْمَة): Weisheit
  • 97 Mal als das Adjektiv bzw. das Nominal ḥakīm (حَكِيم): weise / der Weise

Wir werden in den nächsten Abschnitten sehen, dass in Tat und Wahrheit die Weisheit und das Buch eine Einheit bilden, die Weisheit also der Lesung innewohnt.

Es gibt viele Arten, wie diese Wurzel in der Lesung verwendet wird. Eins ist aber immer klar: Die Weisheit ist stets Gott und Seiner Offenbarung zu verdanken und die einzige Quelle der Weisheit ist Gott mit Seinem Wort und Wirken.

Wenn wir uns mit der Frage befassen, wie der Prophet urteilte und warum man in der Gottergebenheit nur mit der Offenbarung urteilen darf, so lesen wir:

 

5:48 Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So urteile (uḥkum) zwischen ihnen nach dem, was Gott herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist.

 

Hier ist es eindeutig, dass nur nach der Offenbarung zu urteilen erlaubt ist, dass es demnach nur eine Sunna geben kann, nämlich Gottes Sunna. Der Prophet urteilte also nach der Lesung (vgl. auch 7:203) und zwar nur nach dieser. Daraus können wir schließen, dass auch alle vorherigen abrahamitischen Religionen nach ihren jeweiligen Büchern zu urteilen hatten, denn laut der Lesung ist die Gottergebenheit keine neue Religion, sondern die Bestätigung der vorangegangenen Bücher. Bereits Abraham nannte sich und seine Mitgläubigen Gottergebene (22:78).

 

3:79–80 Nicht gebührt es einem Menschen, dass Gott ihm die Schrift, die Weisung (al-ḥukm) und die Prophetie zukommen lässt, und der danach zu den Leuten sagt: Seid mir Diener anstelle Gottes. Sondern: Seid ein Vorbild dabei, wie ihr die Schrift zu lehren und wie ihr zu studieren pflegtet. Und nicht befiehlt er euch, dass ihr die Engel und die Propheten als Herren nehmt. Befiehlt er euch etwa das Ableugnen, nachdem ihr Ergebene seid

 

Wir erinnern uns daran, dass ein „und“ in der Lesung nicht zwangsläufig bedeutet, dass hierbei unterschiedliche Einheiten in einer Aufzählung gemeint wären. Vielmehr sehen wir in diesem Vers auf deutliche Art und Weise, dass sie miteinander eng verbunden sind. Die Prophetie besteht darin, das Buch Gottes als Offenbarung zu erhalten und die darin innewohnende Weisheit den Menschen zu verkünden.

Die Verse 3:79–80 sind auch eine eindeutige Ansage, sich die Propheten nicht zu Herren zu nehmen und sich ganz auf Gott und Sein Wort zu konzentrieren – geradeaus direkt mit Gott die Verbindung aufzubauen, ohne Nebenwege einzuschlagen in religiösen Belangen! Sollten andere ins Zentrum gestellt werden, wo Gott doch die Quelle allen Heils ist? Würde Gott uns die Beigesellung und Ableugnung anordnen? Die einzige Autorität ist und bleibt Gott:

 

42:10 Und worüber ihr auch immer uneinig seid, das Urteil (al-ḥukm) darüber steht Gott zu. Dies ist doch Gott, mein Herr. Auf Ihn verlasse ich mich, und Ihm wende ich mich reuig zu.

 

Auch hier sehen wir wie eben dargelegt, dass das Urteil bei Uneinigkeiten in religiösen Dingen Gott allein obliegt, dass sich der Prophet nur auf Gott verlässt und sich Ihm in Reue zuwendet – sich also ganz auf Ihn einstellt. Ist nicht dies der Monotheismus in seiner schönsten Weise, von unseren Propheten vorgelebt? So folgen wir seinem prophetischen Beispiel und verlassen uns allein auf Gott.

 

4:105 Gewiss, Wir haben dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, damit du zwischen den Menschen richtest (litaḥkuma) auf Grund dessen, was Gott dir gezeigt hat. Sei kein Verfechter für die Verräter!

 

Gott gibt also dem Propheten das Buch, damit er zwischen den Menschen richte. Der Satzteil „was Gott dir gezeigt hat“ bezieht sich auf die in der Lesung vorhandenen moralischen, ethischen wie auch sozialen Prinzipien, die gemäß der Wahrheit offenbart wurden. Dies wird in der Betonung der Wahrheit im Vers sichtbar, die dem Buch innewohnt. Hier wird nochmals die Einheit Gottes ersichtlich, nämlich dass Gott in religiösen Angelegenheiten die einzige Autorität (6:114) und unser einziger Lehrer ist (55:1–2).

Die Lesung liegt uns heute vollständig vor und Gott hat uns dort  alle Urteile, die religiöse Belange betreffen, zu seiner Vollkommenheit mitgeteilt. Gott will im vorangegangenen Vers 4:105 dem Propheten nahelegen, nicht seinen Neigungen gemäß zu handeln. Denn das Buch und ihre Urteile sind eine Sache, die Durchführung und die damit verbundene Konsequenz eine andere. Der Prophet war nämlich nur ein Mensch (18:110) mit allen damit verbundenen Stärken und Schwächen. Denn der Vers 4:105 betont diese Haltung im letzten Satz: „Sei kein Verfechter für die Verräter!“

Und als nächstes muss man sich fragen, wie soll sich eine menschliche Sunna mit den oben behandelten Versen verstehen lassen, die nur der Offenbarung Platz einräumen? Und wieso wird in der Lesung nur Gottes Sunna erwähnt? Darüber hinaus muss die Quelle für die Religion rein und ohne Makel sein und wir finden in der Lesung selbst gleich mehrere Beispiele, die die Sünden des Propheten behandeln (47:19, 48:2). Die Offenbarung selbst wird hingegen als rein bezeichnet:

 

98:2 Ein Gesandter von Gott, der gereinigte Blätter vorliest

 

Wir sehen, eine Offenbarung muss ohne Makel sein und die traditionell gelehrte Sunna ist es nicht. Die traditionelle Sunna ist menschlichen Ursprungs, da bisher niemand behauptet hat, Buchārī oder Konsorten seien ebenso Gesandte Gottes, die in Seinem Namen gehandelt hätten. Allein diese Umstände verunmöglichen es, der traditionellen Sunna irgendeine religiöse Autorität zu verleihen.

Wir fassen das Bisherige zusammen:

  • Gott lehrte den Propheten die Lesung (55:2) und nur die Lesung.
  • Der Prophet wie auch alle Gläubigen dürfen nur dem Herabgesandten, also der Lesung folgen (7:3, 7:203).
  • Der Prophet selbst ist keine weitere Quelle, kein weiterer Herr, wie es 3:80 und 6:19 und auch weitere Verse klar machen.
  • Gott allein steht das Urteil zu (6:114, 5:44 usw.).

Es ist also sehr deutlich, dass der Prophet nur nach dem offenbarten Buch urteilte und keine andere Quelle benutzen durfte und dass nur Gott urteilen darf in religiösen Angelegenheiten. Der Vers 6:114 wird tiefgreifend mit dem Monotheismus verknüpft, denn der Vers sieht nur einen Schiedsrichter vor – Gott allein. Seine Gesetze sind im Buch, die ohne Sekundärquellen auskommen. Die Lesung wurde hier als „ausführlich dargelegt“ beschrieben, somit erübrigt sich die Frage, ob die Lesung Einzelheiten ausgelassen habe, die durch die traditionelle Sunna ergänzt werden müssten. Durch die rhetorische Frage des Verses wird jegliche Quelle außer Gott für überflüssig und auch ungültig erklärt.

 

6:114 Soll ich denn einen anderen Schiedsrichter (ḥakam) als Gott begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat?

 

Außerdem sagt Gott von der Lesung:

 

11:1 Alif-Lam-Ra. (Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Weisen und Kundigen.

41:3 Ein Buch, dessen Zeichen ausführlich dargelegt sind, als eine arabische Lesung, für Leute, die Bescheid wissen

 

Es lässt sich aber die Frage stellen, ob Gott denn Seine Befehlsgewalt weiter delegiert und sie in dem Sinne dann indirekt wirken lässt? Gibt es also noch andere Verse, die die Einheit und alleinige Autorität Gottes untermauern und somit die vorige Frage verneinen? Es folgen Verse, die besonders die alleinige Autorität Gottes hervorheben, indem gerade betont wird, dass Er seine Befehlsgewalt nicht aufteilt:

 

18:26 Sag: Gott weiß am besten, wie (lange) sie verweilten. Sein ist das Verborgene der Himmel und der Erde. Wie vorzüglich ist Er als Allsehender, und wie vorzüglich ist Er als Allhörender! Sie haben außer Ihm keinen Schutzherrn, und Er beteiligt an Seinem Urteil (ḥukmihi) niemanden.120

11:12 Vielleicht möchtest du einen Teil von dem, was dir offenbart wird, verlassen und deine Brust ist dadurch beklommen. Dies, weil sie sagen: „Wäre doch ein Schatz auf ihn herabgesandt worden oder ein Engel mit ihm gekommen!“ Du bist aber nur ein Warner. Und Gott ist Sachwalter über alles.

12:40 Anstelle seiner dient ihr nichts außer Namen, die ihr und eure Väter benanntet. Dafür ließ Gott keine Ermächtigung herabsenden. Gewiss, das Richten (al-ḥukm) ist nur Gottes. Er befahl, dass ihr keinem außer ihm dient. Dies ist die wertvolle Lebensordnung, doch die meisten Menschen wissen nicht

6:57 Sag: Ich halte mich an einen klaren Beweis von meinem Herrn, während ihr Ihn der Lüge bezichtigt. Ich verfüge nicht über das, was ihr zu beschleunigen wünscht. Das Urteil gehört allein Gott. Er berichtet die Wahrheit, und Er ist der Beste derer, die entscheiden.121

 

Die vier oben genannten Verse machen mit Aussagen wie „Das Urteil (al-ḥukm) ist allein Gottes“, „Und Er beteiligt an Seinem Urteil (ḥukmihi) niemanden“ oder „Und Gott ist Sachwalter über alles“ klar, dass weitere Quellen neben Gottes Worten keine Autorität haben können. Sie unterstreichen die alleinige Autorität Gottes und zeigen auf, dass es nur die Sunna Gottes gibt. Wenn wir uns die Frage stellen, welche Befugnisse der Gesandte durch Gottes Worte, also durch die Lesung erhält, so finden wir unter anderem folgende Verse dazu:

  • Dem Gesandten obliegt nur die Verkündigung. (5:92, 64:12)
  • Der Gesandte ist nur ein Warner. (88:21, 79:45, 13:7, 11:12)
  • Der Gesandte hat die Botschaft klar zu übermitteln. (16:44)

Es gibt noch viele weitere Verse, die die alleinige Autorität Gottes hervorheben, ich will hier nur mit drei Versen diese Angelegenheit ein letztes Mal verdeutlichen:

 

12:67 … Gewiss, das Richten (al-ḥukm) ist nur Gottes. Auf Ihn vertraue ich und auf Ihn sollen sich die Vertrauensvollen verlassen.

25:2 Er, Dem das Königreich der Himmel und der Erde gehört, Der Sich kein Kind nahm und Der keinen Teilhaber an der Herrschaft hatte und alles erschuf und ihm sein Maß wohlbemessen gegeben hat.

28:70 Und Er ist Gott. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Ihm gehört das Lob im Ersten und im Letzten. Ihm gehört das Urteil, und zu Ihm werdet ihr zurückgebracht.

 

Nach diesen und anderen Versen ist es schwer eine Gewaltenteilung vorzunehmen, dass auf der einen Seite die Lesung stünde und auf der anderen Seite die menschliche Sunna (entgegen der göttlichen Sunna). Gott, „der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat“, und von sich aus sagt, dass das Urteil (ḥukm) allein Seines ist und Ihm das Richten gehört, reicht den Gläubigen aus.

 

12:80 Als sie es bei ihm aufgegeben haben, gingen sie gerettet davon. Der Älteste von ihnen sagte: Wisst ihr nicht, dass euer Vater von euch, auch bevor ihr euch von Josef entledigt habt ein verbindliches Versprechen vor Gott entgegengenommen hat. Ich werde das Land nicht verlassen, bis mein Vater es mir erlaubt oder Gott richtet (yaḥkum Allāh), und er ist der beste der Richtenden (al-ḥākimīn).

95:8 Ist Gott nicht der Weiseste der Richtenden (bi-aḥkami al-ḥākimīn)?

5:50 Erstreben sie etwa das Urteil (al-ḥukm) der Ignoranz? Wer ist ein besserer Richter (ḥukm) als Gott für ein Volk, das überzeugt ist?

 

Wir sehen also überaus deutlich, dass die Weisheit und die daraus abgeleiteten Urteilssprüche Gott allein gehören. Es gibt auch klare Aussagen in der Lesung, dass die Lesung selbst die Weisheit darstellt. Wie etwa in Kapitel 17, in welchem beginnend ab Vers 22 ethische Prinzipien und Gesetze erklärt werden, welche ein Gläubiger umzusetzen hat. Dies geht weiter bis Vers 38 und im darauffolgenden Vers lesen wir:

 

17:39 Diese sind von dem, was dein Herr dir von der Weisheit offenbarte. Und setze zu Gott keine andere Gottheit, sonst wirst du in die Hölle geworfen, verschmäht und verstoßen sein

 

Die vorhergehenden Verse werden also direkt als Teil der Weisheit des Herrn beschrieben. Insofern sehen wir in diesem Beispiel, dass die Verse ein Teil der Weisheit Gottes sind. Im nächsten Schritt werde ich aufzeigen, dass diese laut der Lesung eine Einheit sein müssen. Das Prinzip der Einheit von Buch und Weisheit wird also auch von der anderen Richtung her aufgezeigt.

 

2:231 … So nehmt euch Gottes Zeichen nicht zum Spott und gedenkt Gottes Gunst an euch und dessen, was Er aus der Schrift und der Weisheit (al-ḥikmah) auf euch herabsandte, euch damit zu belehren. Und seid Gottes achtsam und wisst, dass Gott in allen Dingen wissend ist.

 

Auf Arabisch heißt es:

 

ولا تتخذوا ءايت الله هزوا واذكروا نعمت الله عليكم وما أنزل عليكم من الكتب والحكمة يعظكم به واتقوا الله واعلموا أن الله بكل شىء عليم

Transliteration:
wa lā tattachiḏū ʾāyāti-llāhi huzuwān waḏkurū niʿmāta-llāhi ʿalaykum wa mā ʾanzala ʿalaykum min al-kitābi wal-ḥikmati yaʿiẓukum bihi wa-ttaqū-llāha wa ʾaʿlamū ʾanna-llāha bikulli schayʾin ʿalīmun

 

Das große fette Wort im Arabischen wird in der Übersetzung als „damit“ wiedergeben und transliteriert „bihi“ ausgesprochen. Wären nun die Schrift und die Weisheit zwei verschiedene Dinge, müsste für den Bezug auf diese beiden verschiedenen Dinge die Dualform benutzt werden, nämlich bihimā (بهما) oder zumindest der Plural bihim (بهم). Der im Vers verwendete Bezug ist aber singular! Somit sind die Schrift und die Weisheit eine Sache, oder anders gesagt: Die Weisheit wird als der Schrift innewohnend angenommen.

Alles in allem kann bekräftigt werden, dass die traditionelle Aufteilung in Buch als die Lesung und Weisheit als die angebliche prophetische Sunna auf einem missglückten, geradezu peinlichem Fehlverständnis des Begriffs „Weisheit“ und der Wurzel selbst beruht, wobei ich hier etliche Verse zitierte, die Gott allein Autorität zusprechen und die Gott allein als Quelle der Weisheit klarstellen.