Über die 72 Jungfrauen und Sexualität im Paradies

Kategorien: Hadith und Sunna

Ich möchte gerne ein Thema besprechen, über welches gerne sehr viel und häufig gesprochen wird und was von Islamkritikern und -gegnern häufig missbraucht und aus dem Kontext gezogen wird. Die Rede ist hier von den berühmten 72 Jungfrauen im Paradies, den Huri, im Speziellen und die Frage nach der Sexualität im Paradies im Allgemeinen. Aber zuvor will ich die allgemeine Vorgehensweise meiner Erörterung über dieses Thema erläutern. Die Basis meiner Besprechung über diesen Sachverhalt ist der Koran und nur der Koran. Ich selbst bin der Meinung, dass die Ahadith, also die Aussagen des Propheten Mohammed, über dieses Thema meistens falsch und fabriziert sind und deshalb nicht Grundlage meiner Erörterung sein können. Konkret beutet dies; nur was im Koran tatsächlich erwähnt wird ist als richtig und wahr anzusehen, was dahingegen dem Koran widerspricht ist als unwahr zu bewerten. Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass alles, worüber der Koran nichts aussagt, im Bereich des Möglichen ist. Wie auch bei sehr vielen anderen Themen ist das Grundproblem, dass man zuerst die Gültigkeit dieser Vorgehensweise begreifen und akzeptieren muss.

Auf Grundlage dieser Vorgehensweise kann nun die eigentliche Grundfrage diskutiert werden: Gibt es im Koran eine klare Aussage über Sexualität im Paradies, falls ja, wie wird diese sein, und sind die berühmten 72 Jungfrauen im Paradies eine sexuelle Belohnung für Männer? Die Antwort auf diese Fragen kann eindeutig verneint werden. Genauso wie der Koran uns keine Details über jegliche Sexualität im Jenseits präsentiert, sagt er auch nichts über die Existenz jeglicher Sexualität im Jenseits. Daraus kann geschlossen werden, dass Sexualität im Paradies als solches im Bereich des Möglichen liegt. Ausgehend von solchen Versen im Koran, wonach die Bedürfnisse der Menschen im Jenseits befriedigt werden („31. Vers der 41. Sure Fuṣṣilat – ‚Detailliert‘ und 71. Vers der 43. Sure az Zuhruf – „Der Goldschmuck“) scheint es mir schlüssig, dass man auch über die Sexualität im Paradies reden kann. Dennoch, wenn man im Koran solche Verse berücksichtigt, sieht man, dass der Mensch im Jenseits in einer neuen Daseinsform erschaffen wird (siehe 61. Vers der 56. Sure al-Wāqiʿa – ‚Das unvermeidliche Ereignis‘).Aus diesem Grund müssen wir immer vor Augen halten, dass der Koran über das Jenseits und das Paradies in Allegorien spricht. Deshalb kann also auch gefragt werden, ob wir in dieser neuen Daseinsform überhaupt das Bedürfnis nach Sexualität haben werden, ganz unabhängig von der Tatsache, dass Sexualität im Paradies im Bereich des Möglichen liegt. Mein Gedanke kann wiederum durch den 17. Vers der 32. Sure as-Saǧda („Die Niederwerfung“) besser erklärt werden, wonach über die Eigenschaften sehr vieler Segnungen, die wir im Paradies erhalten werden, niemand etwas wissen kann.

Da der Koran uns sagt, dass niemand über die eigentlichen Eigenschaften der Gaben im Paradies was wissen kann, behilft er sich durch den Gebrauch von Vergleichen und Allegorien, um uns diese Gaben zu beschreiben. Der 7. Vers der 3. Sure Ali Imran verdeutlicht ganz genau die Bedeutung und Wichtigkeit der allegorischen Darstellung im Koran. Auf der anderen Seite lehrt uns der Koran, dass es im Jenseits sehr viel mehr Segnungen und Belohnungen geben wird (Vers 20 der 76. Sure al Insan – „Der Mensch“ spricht ja von einem „Königreich“ und Belohnungen). Aus diesem Grund kann der Koran uns nur einen Bruchteil der jenseitigen Belohnungen und nicht alle Details zeigen. Aus diesem Grund müssen wir immer vor Augen halten, dass der Koran über das Jenseits und das Paradies in Allegorien spricht und nur einige wenige „Einblicke“ gewährt. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die Aussagen des Korans über die Belohnungen im Paradies nicht das Gesamtbild wiedergeben, weil Vergleiche nie eine vollständige Wiedergabe sein können. Das bedeutet wiederum, dass der Koran uns nur einen kurzen Einblick, eine Kostprobe über diese Segnungen geben kann. Des Weiteren gibt es sehr viele andere Belohnungen im Paradies, über welche der Koran nichts sagt. Deshalb kann das, was im Koran erwähnt wurde, auch nur ein Bruchteil dessen sein, was uns im Paradies erwartet.

Kommen wir nun zu unserer Untersuchung der Verse über die Sexualität im Paradies und den berühmten 72 Jungfrauen im Paradies. Dafür muss man einige besonderen Punkte hinsichtlich dieser Koranverse berücksichtigen:

 

1. Sind die 72 Jungfrauen eine Belohnung, die Männer im Paradies erhalten?

Wie in anderen Sprachen auch ist das Subjekt im Arabischen, welches sowohl für gemischtgeschlechtliche als auch nur für männliche Gemeinschaften gebraucht wird, ein und dasselbe. So wird im Arabischen auch dieses geschlechtsneutrale Wort sowohl für diejenigen, die ins Paradies einziehen, als auch für die, die in die Höllen gehen werden, verwendet. So findet sich im Koran keine Stelle, wonach diese „Jungfrauen“ nur eine Belohnung für Männer sind oder dass jenseitige Belohnungen oder Strafen nur für Männer sind. Der Theologe und Koranexeget Mehmet Okuyan sagt an dieser Stelle:

 

 

„Spricht der Koran über ein nur Frauen betreffende Angelegenheit, wendet er nur weibliche Pronomen an. Ist das Thema aber „geschlechtsneutral“ und wird zusätzlich in dem Satz zwischen Männern und Frauen unterschieden, dann wird meist nur ein Geschlecht benutzt und dies ist dann meist das männliche Geschlecht.“

 

Hier muss besonders beachtet werden, dass der arabische Begriff für die 72 Jungfrauen, Huri, auf kein weibliches oder männliches Geschlecht hinweist. Dieses Wort bedeutet ungefähr „so weiß wie das Weiße im Auge, sauber, schön“. Im Koran wird darauf hingewiesen, dass die Huris mit den Menschen „gepaart“ (zawwadschnahum) werden (siehe den 54. Vers der 44. Sure ad-Duḫān ‚Der Rauch‘, sowie den 20. Vers der 52. Sure aṭ-Ṭūr -‚Der Berg‘). Aber es findet sich kein Hinweis darauf, dass diese Paarung sexueller Natur sein wird. Schließlich wird im Koran für die Paarung der Wünsche (siehe den 7. Vers der 81. Sure at-Takwīr – ‚Das Zusammenklappende), sowie für die gruppenweise Vereinigung der Menschen im Paradies (siehe den 7. Vers der 56. Sure al-Wāqiʿa – ‚Das unvermeidliche Ereignis‘) das gleiche Wort zawdsch benutzt. Doch es kann aus diesem Wort, was so viel wie Paarung oder eine Gruppe werden bedeutet, kaum etwas Sexuelles abgeleitet werden. Doch wieso versuchen wir dann aus dem Kontakt eines nicht näher beschriebenen Wesens mit einem Menschen etwas unbedingt Sexuelles für Männer herauszulesen, insbesondere dann, wenn das Geschlecht des Wortes selbst nicht weiblich ist? Ist dann die Annahme falsch, dass solch eine Koraninterpretation das Resultat einer phallogozentrischen und arabisch-ethnozentrischen Interpretation ist? Dies wird erst dann deutlich wenn man berücksichtigt, dass die Gaben und Segnungen im Paradies von Gott sowohl den Männern als auch den Frauen als Belohnung für ihre Taten im Diesseits dienen. Wenn man bedenkt, dass die im Koran erwähnten Huri im Paradies Aufgaben haben könnten wie Freunde, Diener oder Führer zu sein für die ins Paradies eingetretenen Menschen, fragt man sich, wieso viele noch darauf beharren, dass sie sexuelle Gespielinnen seien? Es wäre doch besser die Frage, worin der Sinn der Huris liegt, dahingehend zu beantworten, dass man es nicht weiß, insbesondere wenn in dem einen Ausschnitt des Koran über die Huri nichts Konkretes über deren Sinn berichtet wird.

Wenn Gott eindeutig darauf hinweisen wollte, dass die berühmten 72 „Jungfrauen“ ein Geschlecht hätten, hätte Er im Koran den Begriff „lamase“ für Sexualität benutzt. Da aber solch ein klarer Hinweis fehlt, müssen wir die Betrachtung ablehnen, dass das Paradies nur ein Ort sei, der die Bedürfnisse der Männer befriedigt. Besonders dann, wenn solch ein Gedanke auch dem Wesen des Korans und seiner Verse widerspricht, wonach das Paradies die Belohnungen für die Taten der Menschen – nicht nur für die Männer oder nur für die Frauen – im Diesseits ist. Wir müssen bereit sein uns einzugestehen, dass wir über Angelegenheiten, über die der Koran keine Details preisgibt, auch nichts sagen können. Auch wenn die Huri eventuell die Funktion der sexuellen Befriedigung erfüllen, kann dies nicht klar aus den Versen des Korans abgeleitet werden.

 

2. Wird im Koran über Jungfrauen im Paradies berichtet?

Meist verweisen einige Interpreten des Korans darauf, dass im Koran auf Jungfräulichkeit hingewiesen wird und dass dies somit auch ein Hinweis für die Existenz von Sexualität im Paradies ist. Drei Koranverse werden meist angeführt, um dieses Argument zu untermauern: der 56. und 74. Vers der 55. Sure al-Rahman (‚Der Gnädige‘) und der 36. Vers der 56 Sure al-Wāqiʿa (‚Das unvermeidliche Ereignis‘).

Nun wollen wir uns mal mit diesen drei Versen etwas näher auseinandersetzen:

Im 56. und 74. Vers der 55. Sure al-Rahman (‚Der Gnädigste‘) können wir lesen, dass weder Menschen noch Djinn sie (also die Huris) berührt haben oder dass irgendjemand anderes Kontakt mit ihnen hatte [lam yatmishunne insun qablehum ve la caan]. Doch an keiner Stelle wird im Koran der Begriff „berühren, kontakt haben“ („yatmishunne“) für den sexuellen Akt oder eine sexuelle Beziehung benutzt. Für sexuelle Beziehungen werden meist die Verben

– lamese (6. Vers, 5. Sure al-Māʾida – ‚Der Tisch‘),
– eta (222. Vers der 2. Sure al-Baqara – ‚Die Kuh‘),
– messe (236. und 237. Vers der 2. Sure al-Baqara – ‚Die Kuh‘) und
– bashera (187. Vers der 2. Sure al-Baqara – ‚Die Kuh‘) benutzt.

Ist es demzufolge nicht angemessener, dass Wort yatmishunne im 56. und 74. Vers der 55. Sure im Koran al-Rahman (‚Der Gnädige‘) wirklich nur als „noch nie zuvor von jemanden besessen, noch nie zuvor von jemanden berührt“ zu übersetzen? Es ist ganz offensichtlich, dass es hier keinen Bezug auf eine Sexualität gibt. Wenn man diese Verse nun dahingehend deuten würde, dass „weder Menschen noch Djinn die Jungfräulichkeit der Huris zuvor genommen haben“, entstünde ein merkwürdiges Gedankengebilde, wonach Menschen und Djinn mit demselben Wesen Geschlechtsverkehr haben könnten.

Auf der anderen Seiten übersetzen viele den arabischen Wortlaut des 36. Verses der 56. Sure al-Wāqiʿa (‚Das unvermeidliche Ereignis‘) „ve dscha’alna hunne ebkaran“ als „und sie zu Jungfrauen gemacht“, obwohl im besagten Vers das Wort Huri gar nicht vorkommt. Dahingegen wird in derselben Sure ab Versnr. 27 über die vielen Segnungen des Paradieses berichtet, welche die Rechtschaffenen sehen und erfahren werden. Insbesondere wird im 34. Vers über „hohe, feine Liegen“ gesprochen. Im 35. Vers wird davon berichtet, dass „…sie in herrlicher Schöpfung gestaltet“ wurden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll „ve dscha’alna hunne ebkaran“ im nachfolgenden Vers mit „die, welche von noch niemand anderem benutzt wurden“ zu übersetzen. Doch man kann nicht nach dem Wort „die“ mit Jungfrauen oder Huri übersetzen, weil dieser Begriff in den beiden nachfolgenden Versen auftaucht. Deshalb ist es etymologisch sinnvoller „die“, als „hohe, feine Liegen“ zu übersetzen, weil dieser am nächsten zu Vers 36 steht und somit auch den Kontext von Vers 36 bestimmt. Genauso wird meist der nachfolgende 37. Vers „uruben etraba“ mit „heiß liebend und gleichaltrig“ in Bezug auf die angeblichen Jungfrauen übersetzt. Auch dies ist etymologisch fragwürdig, da auch bei diesen Übersetzungen der Kontext aus den vorherigen Versen vernachlässigt wird. Hier wäre es besser uruben mit „makellos“ und etraba als „passend“ zu übersetzen, bezogen auf die „hohen feinen Liegen“ oder Betten in Vers 36. Siehe auch: Huris mit schwellenden Brüsten?

 

3. Kann man aus der Tatsache, dass die Huri im Koran als Perlen bezeichnet werden, eine sexuelle Bedeutung herleiten?

Die Huri werden im Koran wie zum Beispiel im 23. Vers der 56. Sure al-Wāqiʿa (‚Das unvermeidliche Ereignis‘) als Perlen bezeichnet. Dies hat wiederum einige Korankommentatoren dazu verleitet daraus eine sexuelle Bedeutung herauszulesen. Dahingegen werden im Koran Kinder welche im Paradies leben (wildan) auch als Perlen bezeichnet (19. Vers der 76 Sure al-Insan – ‚der Mensch‘). So kann aus dem 75., 98. und 127. Vers der 4. Sure an-Nisāʾ (Die Frauen), sowie dem 17. Vers der 73. Sure al-Muzammil (Der in Gewänder gekleidete) ganz klar gesehen werden, dass der Koran das Wort wildan für Kinder gebraucht. Aber nur weil Kinder im Koran ebenfalls als Perlen bezeichnet werden, ist es abwegig abzuleiten, dass der Koran von einer sexuellen Beziehung mit Kindern ausginge oder guthieße. Ebenso werden im Koran im 24. Vers der 52. Sure al Tur (Der Berg) junge Männer (gilman) ebenfalls mit Perlen verglichen. Auch hier ist es in diesem Kontext nicht möglich einen sexuellen Sachverhalt abzuleiten.

Also ist die Frage gerechtfertigt, auf welcher Grundlage einige Korankommentatoren irgendeine Form der Sexualität bei den Huri ableiten, nur weil diese mit Perlen verglichen werden? Auf ähnliche Weise kann man die Vergleiche der Huris als „Smaragde“ und „Korallen“ im 58. Vers der 55. Sure al-Rahman (Der Gnädigste) bewerten. Sprich, in keinster Weise bedeuten die Vergleiche von den Huri mit irgendwelchen Edelsteinen im Koran, dass man daraus auf gewisse sexuelle Attribute der Huri ableiten könnte.

 

4. Berichtet der Koran über „Mädchen mit schwellenden Brüsten“ die auf uns im Paradies warten?

Der Ausdruck „kevaibe etrabe“ im 33. Vers der 78. Sure an-Nabaʾ (Das Ankündigung) wurde in vielen Koranübersetzungen als „Mädchen mit schwellenden Brüsten“ übersetzt, wobei manche sogar diesen Begriff zusätzlich noch als „Schönheiten“ übersetzt haben. Wie schon oben angesprochen bedeutet das Wort etraben unter anderem auch „passend“. Auf der anderen Seite wird von vielen das Wort kevaibe als „Schönheiten/Mädchen mit schwellenden Brüsten“ übersetzt. Nur kann man aus etymologischer Sicht in diesem Vers weder was über „Schönheiten/Mädchen“ noch über „schwellende Brüste“ lesen. Zunächst einmal ist sowohl das Wort kevaibe als auch etrab geschlechtsneutral, d.h. aus diesen Wörtern kann keine weibliche Form abgeleitet werden. Nach Mehmet Okuyan ist für kevaibe „wertvoll“ eine bessere Übersetzung als ‚Schönheit‘. Denn im vorherigen 32. Vers derselben Sure wird über die Gärten und Weinstöcke im Speziellen und über die Segnungen des Paradieses im Allgemeinen gesprochen. In diesem Kontext bedeutet das Wort kevaibe, dass diese Gärten und Weinstöcke „wertvoll“ und „passend für den Gebrauch“ durch die Menschen sind. Auf der anderen Seite ist es nicht möglich, das Wort kevaibe in diesem Vers mit Jugend, d.h. mit jungen Mädchen, gleichzusetzen. Zunächst einmal ist „das Sprießen eines Bartflaums“ bei Männern ähnlich wie die „schwellenden Brüste von Mädchen“ ein Merkmal der Jugend. Dennoch verursacht eine Übersetzung des Wortes mit „Männer mit einem Bartflaum“ keine sexuelle Assoziation, wobei umgekehrt die Übersetzung „Mädchen mit schwellenden Brüsten“ eine ganz klare sexuelle Andeutung ist. (Solche Übersetzungen verweisen auf eine eindeutig geschlechtsstereotypische Übersetzung hin, was von vielen Atheisten und Islamgegnern aus dem Kontext gerissen und missbraucht wird.)

Deshalb finde ich es mehr als angebracht das geschlechtsneutrale Wort kevaibe in diesem Vers nicht als „junges Mädchen“, sondern als „wertvoll“ zu übersetzen. Auf jeden Fall kann das Wort nicht mit „gleichaltrigen Mädchen“ übersetzt werden und keine sexuelle Bedeutung erlangen, weil es dann auf rationaler Ebene nicht denselben vorherigen oder nachfolgenden semantischen Kontext dieses Verses teilt.

 

Fazit zu den „72 Jungfrauen“

Schlussfolgernd kann gesagt werden, das es im Koran keinen eindeutigen Hinweis über die Existenz von irgendeiner Sexualität im Paradies gibt. Ebenso weist im Koran nichts darauf hin, dass die Huri sexuelle Gespielinnen von Männern im Paradies sein werden. In diesem Artikel wurde nicht auf fabrizierte Ahadith eingegangen, wonach der, „der am meisten Gott preist, ihm im Paradies die meisten Huri geschenkt werden.“ Wer sich darüber informieren möchte, wie sich der Mythos über die angeblichen 72 Jungfrauen im Paradies entwickelt hat, sollte diese von uns als falsch betrachtete Ahadith mal näher unter die Lupe nehmen.

Es scheint mir sehr menschlich, dass der Mensch auch ein Verlangen nach sexueller Befriedung begehrt, wenn der Koran über Segnungen im Paradies berichtet (siehe den 31. Vers der 41. Sure Fuṣṣilat – ‚Detailliert‘, den 71. Vers der 43. Sure as Zuhruf – ‚Der Goldschmuck‘ und den 20. Vers der 76. Sure al-Insan ‚Der Mensch). Nichtsdestotrotz sollten wir generell die Bereitschaft zeigen, über Themen, von denen wir nichts wissen, keine eindeutigen Behauptungen aufzustellen. Insbesondere bei Themen über das Jenseits, wie sie z.B. im 17. Vers der 32. Sure as-Saǧda (Die Niederwerfung) berichtet werden, sollten wir immer vor Augen halten, dass uns berichtet wird, dass niemand die vollen Segnungen kennen kann, die uns im Paradies erwarten werden. Auch dürfen wir niemals den 72. Vers der 9. Sure at-Tauba (Die Reue) vergessen, der uns darauf hinweist, dass das „Wohlgefallen Allahs‘ wichtiger ist als alle Segnungen im Paradies.

PS: Ich danke Mehmet Okuyan, auf den ich mich beim Schreiben dieses Artikels stützte.

  • Krümelkeks

    Friede Canar, danke für deine Mühe 🙂

    Werde jetzt auch bald arabisch lernen um einige der Sachverhalte besser verstehen zu können. Man ist jeder Übersetzung ausgeliefert und ich denke, dass dies auch ein Grund ist, warum viele auf Tafsir zurückgreifen, weil sie Denken, sie würden dann ein besseres Verständis von einer verfälschten/unklaren Sache bekommen. Was man allerdings bekommt ist letztendlich eine Bestätigung der Verfälschung, durch jemand der versucht Themen durch Ahadith zu bekfräftigen und es erregt dann den Anschein, dass dies so richtig ist…obwohl der Satz in der arabischen Grundlage betrachtet, besseren Aufschluss bringt. Weshalb viele dann zu der Meinung gelangen, dass ohne Tafsir der Koran nicht zu verstehen ist. Sie schreiben z.B. 72 Jungfrauen und gleichzeitig bringen sie Hadithe die zu diesem Thema passen und man hat danach das Gefühl, dass es aufgrund der Bestätigung richtig sein muss und es daran keinen Zweifel gibt. Jeder der danach Einwände hat, MUSS falsch liegen, weil die Beweise „eindeutig“ zu sein scheinen…

    Friede 🙂

  • Salam Serdar,

    Edip Yüksel hat nicht ganz Unrecht. Hiwaar bedeutet Wortwechsel, also Gespräch. Die Wurzel H-w-r hat mit „Wechsel/Umwandlung“ zu tun im Allgemeinen. Ich kann das, wenn gewünscht, gerne näher erläutern. Wir haben uns in unserer Übersetzung ebenfalls für die Variante „Gesprächspartner“ entschieden:

    http://hanif.de/?p=2553

    MfG und in Frieden

  • Tahsin Erbas

    Was man alles lernt. So wie man ein fremdes Land von der Weite aus alles falsche an Vorurteilen hat. Fährt doch in das Land hinein ist doch alles anders als gedacht oder besprochen. Huch so schlimm ist es doch hier nicht. So ist es mit den Koran. Die basteln sich Geschichten zusammen. Doch es ist meistens immer anders.

  • saliha

    Salam
    Erst einmal Dank für diese weitsichtige Analyse.
    Die weitverbreite Sichtweise zeigt einmal mehr, wie der Mensch dazu neigt, etwas Reines, Lichtes, Helles, mit seiner primitiven tumben Art zu verunglimpfen bzw zu verunreinigen.

    Hierzu möchte ich noch ergänzend Stellung nehmen:
    „Nichtsdestotrotz sollten wir generell die Bereitschaft zeigen, über
    Themen, von denen wir nichts wissen, keine eindeutigen Behauptungen
    aufzustellen.“
    Warum auch immer, der Mensch meint zu jeglich Ding über ein Wissen zu verfügen, doch bestünde nicht wahre Klugheit darin, zuzugeben dass es eben Dinge gibt, über welche der Mensch kein Wissen hat.

  • Liesah122

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel! Ich interessiere mich für die Lehren des Islam, kann aber vieles nicht verstehen. Dieser Artikel hat mir sehr geholfen, weil er einem der vielen Vorurteile gegenüber dem Islam den Wind aus den Segeln nimmt.