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Liebe Frau Gül, ich wünsche Ihnen Frieden!
Es freut mich sehr, dass Sie sich diese tiefgreifenden Fragen stellen. Sicherlich werde ich keine vollkommen befriedigende Antwort geben, aber mit Gottes Hilfe vielleicht eine Richtung angeben können.
Wieso gibt es frauenfeindliche Ahadith trotz des Koran?
Das ist eine gute Frage und schließt mehrere verschiedene Aspekte mit ein. Sicherlich geschieht das aus kulturellen Gründen. Wenn Sie die verschiedenen Religionen auf dieser Welt studieren und deren kulturellen Hintergrund näher betrachten, werden Sie sehen können, dass vieles nicht nur Religion ist bzw. war. In vielen Fällen sind aus der lokalen Kultur während der Einführung der "neuen Religion" eben in diese Praktiken und Vorstellungen eingeflossen. Das gilt für alle Weltreligionen wie auch für kleinere "Stammesreligionen". Als Nächstes können wir sagen, dass aus welchem Grund auch immer, gewisse Kulturen Frauen nicht so sehr wertschätzen wie die Männer. Dies können wir auch in unseren eigenen Gesellschaften sehen. Da spreche ich natürlich nicht von Gesetzen, die z.B. eine Gleichberechtigung verlangen, sondern vom evtl. vorhandenen Stereotyp in einer Gesellschaft. Erst kürzlich wurde dies Inhalt einer psychologischen Studie an der Universität Zürich, die wohl bald ausgewertet wird. Einer der Leiter der Studien sagte mir persönlich, dass es dieses Stereotyp ganz sicher gäbe, allerdings wäre es wissenschaftlich gesehen schwierig, das zu beweisen (was auch nicht überraschend ist). Ahadith stellen auch gute Mittel für die Unterdrückung dar, sie kontrollieren das Leben vieler Mitglieder dieser speziellen Gemeinschaft, die sich dieser Lebensweise verpflichtet fühlen. Wichtig ist zu sagen, dass die Antwort auf diese Frage komplex ist und meine obige Antwort nur ein Kratzen an der Oberfläche darstellt.
Die Frage "Wie wurde Gott erschaffen" ist auch eine Frage, die ich sehr respektiere, denn sie zeigt, dass Sie sich nicht nur Gedanken um die vorgestellten Gedanken machen, sondern auch, weshalb das stimmen soll, was dahinter liegt. Die Antwort mag fade oder plump erscheinen, aber ich würde persönlich kaum eine naturalistische Betrachtung über Gott vornehmen wollen. Einige Atheisten mögen diese Frage mit "durch das Denken der Menschen" beantworten, ich würde sagen: unsere Methoden und Denkmittel reichen nicht aus, um diese Frage in dieser Richtung zu betrachten. Der Aspekt "erschaffen" verlangt also nach irgendeiner naturalistischen Betrachtung, die aber in Bezug auf Gott zu keiner vernünftigen Antwort führen kann, weil die Frage auf eine gewisse Art und Weise "falsch" gestellt ist. Um es anschaulicher zu erklären: ich kann im Allgemeinen nicht mittels Biologie Beweise für die Mathematik finden, weil die verwendeten Mittel komplett unterschiedlich sind.
All die Naturgesetze und die Weltbilder (Modelle) der Wissenschaft sind gültig für diese Welt bzw. dieses Universum, leider nicht für eine andere. Und insbesondere nicht für Sachen oder Entitäten bzw. Wesen, die kein Mensch wirklich fassen kann. Alles andere wäre Vermutung und insbesondere über Gott will ich keine Vermutungen anstellen (oder wie es der Koran sagt: es gibt nichts Seinesgleichen).
Wie können wir uns sicher sein, dass der Islam die wahre Religion ist? Überhaupt nicht! Denn es kommt sehr darauf an, was der Islam genau ist. Damit meine ich jetzt nicht, ob es der sunnitische oder schiitische, oder auch der türkische oder vietnamesische Islam ist, der gemeint ist. Vielmehr ziele ich darauf ab, dass Religion allgemein nicht unbedingt das Wahre für den Menschen sein muss. Wichtig ist, dass der Inhalt gelebt wird. Gott gehören die schönsten Namen, es ist also egal, wie wir Ihn nennen. Wer also das Konzept der Verantwortlichkeit nicht verleugnet, eine Vorstellung von "etwas Höherem als uns selbst, eine Energie, die alles erschaffen hat" verinnerlicht hat und ein gutes, rechtschaffenes Leben führt hat bereits die "wahre" Religion gefunden (vgl. 2:62, 5:69).
Natürlich steht der Koran mit seinen mathematischen Mustern und inhaltlichen Angaben in Bezug auf die Wissenschaft besser da als andere Schriften. Es gibt auch einige Inhalte in der Bibel, die nicht mit dem Koran in Einklang sind, die meisten sind aber eher marginaler Natur. Der Koran hat also diesbezüglich mehr vorzuweisen als andere Schriften, was ihn gerade in unserer Zeit eben interessanter macht (ein starkes Argument für den Koran). Natürlich enthält die Bibel auch wunderschöne Gleichnisse und Erklärungen, die ich persönlich auch schätze. Im Koran steht ja auch geschrieben, dass er die vorherigen Schriften bestätigen würde, da ist es also auch kein Wunder, dass viele ähnliche Inhalte zu finden sind.
Weshalb der Islam des Koran das Wahre ist, kann ich nur persönlich begründen, nicht nur rational. Mich überzeugen die Argumente, die der Koran gebraucht, vollends. Er verlangt vom Menschen viel ab, z.B. dass er nachdenken, forschen und seinen Verstand gebrauchen soll. Der Koran fordert die Menschen heraus, den Inhalt des Koran zu überprüfen, was meines Wissens kein anderes Buch in der Form herausfordert. Der Koran ist für mich das durchaus erreichbare Ideal, das eine demokratische Gesellschaft anstreben sollte, die kritisch, skeptisch, wissbegierig und aufgeschlossen ist. Oder kurz gesagt: ich persönlich habe bis heute keine bessere Rechtleitung für die Menschheit gesehen als den Koran und bin von seiner Göttlichkeit wegen seinem Inhalt überzeugt. Alles andere wie die mathematischen Muster und die Übereinstimmungen der koranischen Aussagen mit der Wissenschaft sind Argumente, welche die bereits vorhandene Überzeugung noch mehr stärken und stützen, die einem auch eine rationale Argumentationsgrundlage geben. Aber wie bereits am Anfang geschrieben: das ist meine persönliche Betrachtung. Wichtig ist es laut Koran, die drei erwähnten Konzepte zu verinnerlichen: Verantwortlichkeit der Taten, Vorstellung von einem Schöpfer und ein Leben als guter Mensch.
Zu Ihrer letzten Frage: Nein, es ist keine Sünde, Zweifel am eigenen Weltbild zu haben. Das ist die Grundlage meines Glaubens, nämlich mich selbst stets ständig anzuzweifeln. Der Glaube sollte ja auch nicht etwas sein, was einfach so fortbesteht, sondern wir sollten mit unserem Glauben mitwachsen. Und zumal wir beide nicht alleine sind mit dem Zweifeln am eigenen Weltbild. Auch der Prophet Abraham, der laut Koran ja von alleine durch Nachdenken und Betrachtung der Natur auf eine Schöpfervorstellung gekommen ist und sich gegen seinen Vater und den Mainstream seiner Zeit gestellt hat (also ein sehr gutes Beispiel des kritischen, skeptischen, aber nicht übertriebenen Hinterfragens), hatte Zweifel an seinem Weltbild: Selbst Abraham hatte von Gott Beweise verlangt (siehe 2:260), damit sein Herz beruhigt sein möge. Dieses koranische Beispiel sollte also auch unser Herz beruhigen und uns zeigen, dass ein Hinterfragen natürlich ist. Dabei wird natürlich vorausgesetzt, dass der Glaube an Gott, auch wenn der Glaube hinterfragt werden mag, noch vorhanden ist und auch fortbesteht.
Ich hoffe, dass meine Antwort nicht all zu lange war und wünsche Ihnen den Segen Gottes und verbleibe
mfG und in Frieden,
Kerem
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